Der grü­ne »Geist«. Zur ver­gan­ge­nen Na­tio­nal­rats­wahl und der Kri­tik ei­ner Par­tei.

Auf dem Weg zur Ar­beit er­hält ein Be­kann­ter auf ei­ne flap­si­ge Be­mer­kung hin von ei­nem Kol­le­gen die Ant­wort, dass er in ein Gen­der­se­mi­nar ge­hö­re; die Be­mer­kung ist ernst ge­meint und kommt von ei­nem in­tel­li­gen­ten Men­schen. Ei­ni­ge Zeit spä­ter spricht der Bun­des­prä­si­dent der Re­pu­blik Öster­reich, Alex­an­der van der Bel­len, vor Schü­lern zum The­ma »Kopf­tuch«: Der Bun­des­prä­si­dent legt das Pro­blem nicht et­wa ana­ly­tisch vor den Schü­lern dar, er mo­ra­li­siert und ver­mei­det ge­ra­de die­je­ni­gen, die Ur­teil, Grün­de und Be­grün­dung viel­fach su­chen, dar­in zu un­ter­stüt­zen und be­trügt sie da­mit um die Kom­ple­xi­tät und die mit die­ser The­ma­tik zu­sam­men­hän­gen­den Fra­gen. Bei­de Hal­tun­gen ha­ben mit den Grü­nen zu tun, ein­mal ge­hört sie zu ei­nem ih­rer Wäh­ler, ein­mal zu ei­nem ih­rer be­kann­te­sten Ex­po­nen­ten1.

Dies ist kein Zu­fall, die­se Hal­tung scheint zum Kern­be­stand des­sen zu ge­hö­ren, was grün zu sein aus­macht oder was man als grü­nen »Geist« be­zeich­nen könn­te: In sei­nem Kern stellt er sich ge­gen das Ar­gu­ment, ge­gen Be­grün­dun­gen und ge­gen die Aus­ein­an­der­set­zung, er ver­wischt Wi­der­sprü­che und Zwi­schen­tö­ne und rich­tet sich in ei­ner fa­ta­len Selbst­ge­fäl­lig­keit ein2, die Ur­sa­chen und Wir­kun­gen nicht mehr von ein­an­der zu un­ter­schei­den ver­mag. In­so­fern freut es mich, dass die­se Hal­tung und die­se Art und Wei­se Po­li­tik zu »be­grün­den« ab­ge­wählt wur­de. Und mir ist, das wä­re noch hin­zu­zu­fü­gen, je­de noch so res­sen­ti­ment­ge­la­de­ne Mei­nung lie­ber, als ei­ne Ge­sin­nung, die es im Grund­satz ver­mei­det, sich mit ei­nem Ge­gen­über über­haupt erst zu be­schäf­ti­gen oder die ei­ge­nen Wi­der­sprü­che zu er­fas­sen.

Die be­schrie­be­ne Hal­tung konn­te man häu­fig be­ob­ach­ten, z.B. im Um­gang mit Kri­ti­kern aus den ei­ge­nen Rei­hen, et­wa den jun­gen Grü­nen, die letzt­end­lich aus der Par­tei aus­ge­schlos­sen wur­den; öf­fent­lich war der Um­gang in ei­ner üb­len und si­cher­lich ar­ran­gier­ten Sen­dung des ORF, in der drei po­li­tik- und me­di­en­er­fah­re­ne Per­so­nen ei­ne Zwei­und­zwan­zig­jäh­ri­ge nach al­len Re­geln der Kunst zur Schnecke mach­ten, gut zu er­ken­nen3. In ei­ni­gen Ne­ben­sät­zen der Dis­kus­si­on wur­de deut­lich, dass Eva Gla­wi­sch­nig, da­mals noch Bun­des­spre­che­rin der Grü­nen, Herrn Pel­in­ka nicht wi­der­sprach, als die­ser fest­stell­te, dass die Trump­wäh­ler, mit de­nen u.a. FPÖ-Wäh­ler ge­meint wa­ren, nicht zu ih­rer Kli­en­tel ge­hö­ren (oder eben: ge­hö­ren könn­ten). Und wenn man ge­nau hin­hört, dann stell­te Pel­in­ka so­gar fest, dass es Grün­de für de­ren Zorn gibt (aber die­se schei­nen eben kei­ne Re­le­vanz ha­ben zu dür­fen). Ei­ne sol­che Hal­tung muss­te mit den An­sich­ten ei­nes Pe­ter Pilz, der sich ge­ra­de um die­se Wäh­ler be­mü­hen woll­te und noch im­mer will, kol­li­die­ren, ein Kon­flikt der die Grü­nen letzt­end­lich zer­ris­sen hat. Ei­ne dis­kur­si­ve, ar­gu­men­tie­ren­de Hal­tung wür­de sich we­der Grün­den ver­wei­gern, noch die Wi­der­sprü­che, die ein in­ho­mo­ge­nes Mei­nungs­spek­trum in­ner­halb der ei­ge­nen Par­tei not­wen­dig of­fen­bart, un­ter­drücken, ja er­war­ten und mit ih­nen um­ge­hen kön­nen4.

Auch in Sät­zen, die aus der Par­tei­wer­bung stam­men, die viel­leicht mit ei­nem Au­gen­zwin­kern ge­meint sein mö­gen, wie »Bio macht schön« oder »Sei ein Mann: Wähl ei­ne Frau«, zeigt sich die­se mo­ra­li­sche und ei­gent­lich apo­li­ti­sche Grund­hal­tung. Nicht die Sa­che, die ver­tre­ten wird, ist re­le­vant, son­dern das Schö­ne, das Ge­schlecht, das hier für das Rich­ti­ge, näm­lich die un­ter­drück­te Frau, steht. Man kommt über sol­chem und ver­gleich­ba­rem schnell zu ge­fäl­li­gen Ur­tei­len und Ver­ur­tei­lun­gen, wird zu ein­sei­ti­gen To­le­ranz­for­de­run­gen ein­ge­la­den und blind für Ur­sa­chen, für Ver­ste­hen, für an­de­re Sicht­wei­sen, auch was das Ei­ge­ne, das dunk­le Ei­ge­ne und die Fol­gen der ei­ge­nen Po­li­tik, be­trifft: Zu dem selt­sa­men und wi­der­sprüch­li­chem Amal­gam ei­ner lin­ken Bür­ger­lich­keit, die die Grü­nen heu­te5 kenn­zeich­net, pas­sen die Grup­pen- und Seil­schafts­dis­kur­se, die die Grü­nen im Be­son­de­ren, aber kei­nes­wegs nur sie, pfle­gen: Es wird nicht mehr nach der so­zia­len Po­sti­on ge­fragt oder zu­min­dest ei­ne Be­grün­dung ge­ge­ben, son­dern nach ei­ner Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit, die durch Ge­schlecht, kul­tu­rel­le (eth­ni­sche) Zu­ge­hö­rig­keit oder se­xu­el­le Ori­en­tie­rung de­fi­niert wird. Das ist nicht nur dem Dis­kurs der völ­ki­schen Rech­ten we­sens­ver­wandt, es scheint, im ge­ra­de­zu ma­ni­schen Weg­schau­en, in der ein­sei­ti­gen Kri­tik, da­mit ei­ne Erb­sün­de ver­wo­ben zu sein, ei­ne re­li­giö­se, ir­ra­tio­na­le Grun­die­rung, die dem eu­ro­päi­schen Im­pe­ria­lis­mus ent­springt, zu til­gen nur durch ei­ne ent­spre­chen­de Hal­tung (die Schuld oder Be­schmut­zung auf je­den Fall ver­hin­dern will). Tat­säch­lich muss man sich – an­ge­sichts der Grup­pen­dis­kur­se, der Pro­ble­me des is­la­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus, wie der Fra­ge nach der Ver­schleie­rung – fra­gen, ob die Grü­nen noch auf dem Bo­den der Mo­der­ne ste­hen: Im­mer­hin sind Rech­te wie Pflich­ten und die Ver­ant­wor­tung des Men­schen und Bür­gers in­di­vi­du­ell be­grün­det, sie re­kur­rie­ren we­der auf Kol­lek­ti­ve, noch gel­ten sie für die­se, noch hat Schuld und Ver­ant­wor­tung in­ner­halb ei­nes ra­tio­na­len Po­li­tik­ver­ständ­nis­ses ei­ne hi­sto­risch-kol­lek­ti­ve Di­men­si­on jen­seits der Le­bens­span­ne des In­di­vi­du­ums.

Auch die un­kla­re Po­si­ti­on in den Dis­kus­sio­nen um Asyl und Mi­gra­ti­on sind in ei­ner mo­ra­li­schen Hal­tung zu su­chen, die mit dem Rechts­staat kol­li­diert, des­sen Ver­fas­sung ei­nen Schutz der Staats­gren­zen ex­pli­zit vor­sieht (Eva Gla­wi­sch­nig la­viert in die­sem In­ter­view zwi­schen »dich­te Gren­zen sind ei­ne Il­lu­si­on« und »eine[r] In­fra­struk­tur an der Gren­ze, mit der man Erst­ver­sor­gung und Wei­ter­trans­port or­ga­ni­sie­ren kann«). Dass al­le je­ne, die in die­sem Nicht­ent­schei­den die Ideo­lo­gie ei­ner mul­ti­kul­tu­rel­len Ge­sell­schaft ver­mu­ten, weil nie klar ge­sagt wur­de, ob es um Asyl oder Zu­wan­de­rung geht oder schlicht ei­ne kla­re Po­si­ti­on be­vor­zu­gen, rechts(populistisch) wäh­len wird dann nicht mehr ver­stan­den und die Schuld ein­sei­tig den Dem­ago­gen zu­ge­spro­chen. Dem ver­wandt sind die Dis­kus­sio­nen um Hass­po­stings oder kor­rek­te und zu ver­mei­den­de Be­griff­lich­kei­ten, die auf ei­ne Be­herr­schung des Dis­kur­ses auf an­de­rem We­ge als auf je­nem der Ar­gu­men­te be­ru­hen6.

Ob die Grü­nen je­mals ver­stan­den ha­ben, wes­sen Spiel sie mit­spie­len und wel­chen In­ter­es­sen sie häu­fig die­nen? Durch die skiz­zier­ten Ent­wick­lun­gen und Hal­tun­gen wer­den grund­le­gen­de­re Dis­kur­se über­spielt und ver­drängt, die un­ge­rech­te Ei­gen­tums­ver­hält­nis­se, die Aus­nut­zung von Ar­beits­kräf­ten be­tref­fen und sie ver­wi­schen, die im Hin­ter­grund ste­hen­den Macht­ver­hält­nis­se und ‑ver­strickun­gen, auf in­ter­na­tio­na­ler oder eu­ro­päi­scher Ebe­ne. Die grü­ne Hal­tung zum Na­tio­nal­staat, des­sen Über­holt­heit sie nicht oft ge­nug be­to­nen kön­nen, ist da­für bei­spiel­haft: Er ist im­mer noch, ent­ge­gen an­ders lau­ten­der Über­zeu­gun­gen, ent­schei­dend, weil er die ein­zi­ge In­sti­tu­ti­on ist, die un­se­re Bür­ger­rech­te ga­ran­tiert und um­so be­denk­li­cher ist die ihm auf­ge­drück­te Fremd­be­stim­mung durch po­li­ti­sche und öko­no­mi­sche In­ter­es­sen, die sich von au­ßen ein­schlei­chen oder durch un­de­mo­kra­ti­sche Ver­fah­ren und In­sti­tu­tio­nen be­schlos­sen wer­den. Das Su­pra­na­tio­na­le, scheint ident mit dem Gut­ge­mein­ten, dem Gut­ge­glaub­ten, aber nicht not­wen­di­ger Wei­se mit dem Gu­ten, zu sein: Die grü­ne Grund­hal­tung läuft auf ei­nen su­pra­na­tio­na­len Pa­ter­na­lis­mus, auf ei­nen Au­to­ri­ta­ris­mus hin­aus, der auch zu de­ren un­ein­ge­schränk­ter Vor­lie­be für Re­ge­lun­gen, sei­en sie sprach­li­cher, dis­kur­si­ver oder ge­setz­li­cher Na­tur, passt: In­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen wer­den von den Grü­nen nicht dif­fe­ren­ziert kri­ti­siert, son­dern un­ein­ge­schränkt ge­schätzt, wohl weil sie durch­set­zungs­re­le­vant sind: Das Gu­te kommt dann al­ler­dings recht rasch an sein En­de, was sel­ten er­kannt wird, und die Grü­nen er­schei­nen, wenn man nicht Bos­haf­tig­keit un­ter­stel­len will, oft ge­nug als nütz­li­che Idio­ten: So kön­nen nur die Grü­nen auf die Idee kom­men, die OECD, al­so je­ne Or­ga­ni­sa­ti­on, die un­se­re Bil­dungs­sy­ste­me über Pi­sa und den Kom­pe­tenz­be­griff ent­kernt hat und zwar oh­ne je­den de­mo­kra­ti­schen Be­schluss, auch noch zum Schieds­rich­ter über eben­je­nes an­zu­ru­fen.

Am En­de steht dann der ge­rech­te und völ­ker­rechts­wid­ri­ge Krieg, im In­ter­es­se der NATO, in ei­ner Ver­flech­tung mit Ka­pi­tal- und Macht­in­ter­es­sen, oder Kon­flik­te, wie im Fall der Ukrai­ne, ent­ge­gen den ger­ne be­schwo­re­nen eu­ro­päi­schen Frie­dens­be­mü­hun­gen (und auch in der ak­tu­el­len Flücht­lings­kri­se wer­den die In­ter­es­sen, die die­se ver­ur­sa­chen nicht er­kannt und the­ma­ti­siert). In Deutsch­land ha­ben die Grü­nen zwei il­le­ga­le Krie­ge, ge­gen Ser­bi­en (1999) und Af­gha­ni­stan (2001) na­he­zu ge­schlos­sen un­ter­stützt und mo­ra­lisch ge­recht­fer­tigt. Das Er­geb­nis ist, da sich die Nach­fol­ge­re­gie­run­gen da­von nicht ab­ge­setzt ha­ben, dass sich Deutsch­land noch »zag­haft«, aber eben: wie­der an Kampf­ein­sät­zen des We­stens be­tei­ligt, die mit ein Grund für den is­la­mi­schen Ter­ro­ris­mus sind. Und so klingt Frau Fe­li­pe, die mitt­ler­wei­le zu­rück­ge­tre­te­ne Bun­des­spre­che­rin der Grü­nen, im Som­mer­ge­spräch des ORF un­be­hag­lich, als sie die Grü­nen als Frie­dens­par­tei be­zeich­net und Öster­reich nur in frie­dens­si­chern­den UN-Mis­sio­nen se­hen möch­te7.

Ich ha­be mei­ne Zwei­fel, dass die Grü­nen auf ei­nen an­de­ren Weg zu­rück­fin­den wer­den, aber ich las­se mich ger­ne über­ra­schen. Die be­schrie­be­nen Ent­wick­lun­gen und Hal­tun­gen sind kei­nes­falls aus­schließ­lich den Grü­nen ei­gen oder nur ih­nen an­zu­la­sten, und sie wer­den mit dem Aus­schei­den der Grü­nen aus dem öster­rei­chi­schen Par­la­ment auch nicht ver­schwin­den, aber sie tra­ten und tre­ten in ih­nen am deut­lich­sten her­vor.


  1. Der als ei­ne Art ab­hän­gig-un­ab­hän­gi­ger Kan­di­dat an­trat und vie­le Jah­re Bun­des­spre­cher der Grü­nen war 

  2. Aus­nah­men aus­ge­nom­men; hier soll kei­nes­falls be­haup­tet wer­den, dass das auf al­le zu­trifft oder in je­der po­li­ti­schen Idee sicht­bar wird. 

  3. Das, was in der Sen­dung nicht aus­ge­spro­chen wur­de, war ei­ne po­li­ti­sche Rich­tungs­än­de­rung nach links, die sich die jun­gen Grü­nen wohl er­hoff­ten und durch Än­de­run­gen in den Ab­stim­mungs­mo­da­li­tä­ten mög­lich ma­chen woll­ten. 

  4. Auch <a href=»https://youtu.be/aUgiQLPhWXA?t=308«>diese, un­ver­ständ­li­cher Wei­se be­ju­bel­te, Rede</a> auf dem Grü­nen Par­tei­tag in Deutsch­land ist ein wei­te­res Bei­spiel. Sie ist in ih­rem We­sen nichts an­de­res als die Re­den so­ge­nann­ter Po­pu­li­sten. 

  5. Ob das ein­mal an­ders war, wie ger­ne be­haup­tet, weiß ich nicht; je­den­falls dau­ern die ge­gen­wär­ti­gen Zu­stän­de seit min­de­stens 20 Jah­ren an. 

  6. Et­was, das Bassam Ti­bi schon vor vie­len Jah­ren <a href=»https://www.begleitschreiben.net/das-spiel-ist-aus/#comment-26386«>beschrieben hat</a>. 

  7. Sie meint dies si­cher­lich, wie sie es sagt, den­noch: Man kann nur froh sein, dass die (ver­bind­li­che) Volks­be­fra­gung zur all­ge­mei­nen Wehr­pflicht in Öster­reich im Jahr 2013 für die­se aus­ge­gan­gen ist, denn die Fra­ge nach ei­nem Bünd­nis­sy­stem, nach dem ein re­du­zier­tes Heer ver­langt, wur­de da­mals na­tür­lich nicht ge­stellt (und man kann sich vor­stel­len wo­hin die Rei­se auf kurz oder lang ge­gan­gen wä­re). 

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  1. Vie­len Dank für den in­ter­es­san­ten Bei­trag.

    Als Deut­scher ha­be ich im­mer zwei gra­vie­ren­de Un­ter­schie­de zwi­schen den deut­schen Grü­nen (dG) und den öster­rei­chi­schen Grü­nen (öG) fest­ge­stellt. Zu ei­nen gab es in Öster­reich nie AKWs und ent­spre­chen­de Plä­ne für Wie­der­auf­be­rei­tungs­an­la­gen, usw. Das Mo­bi­li­sie­rungs­po­ten­ti­al war in D un­gleich hö­her, weil man auch mehr Pa­nik er­zeu­gen konn­te (zum Teil ja durch­aus be­rech­tigt). Zum an­de­ren war Öster­reich au­ßen­po­li­tisch sehr lan­ge neu­tral. Al­so auch der Wi­der­stand der dG ge­gen NATO und Dop­pel­be­schluss ent­fiel in Öster­reich. Bei­de Punk­te dürf­ten da­zu bei­getra­gen ha­ben dass nach mei­nen Be­ob­ach­tun­gen die öG nie so stark in der Ge­sell­schaft ver­an­kert wa­ren und sind wie die dG. Die hat­ten nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung ei­ne klei­ne Del­le, ka­men dann je­doch 1998 für sie­ben Jah­re end­lich in die Bun­des­re­gie­rung. Hier pass­ten sie sich schnell an; aus der pa­zi­fi­sti­schen Par­tei wur­de ei­ne, die völ­ker­rechts­wid­ri­ge Krie­ge mit un­ter­stütz­te. Ich glau­be, die dG sind ak­tu­ell in 10 von 16 Lan­des­re­gie­run­gen da­bei (in­klu­si­ve Nie­der­sach­sen, wo ge­ra­de neu ge­wählt wur­de); in Ba­den-Würt­tem­berg stel­len sie den Mi­ni­ster­prä­si­den­ten. Ihr Ein­fluss ist nicht nur po­li­tisch sehr hoch son­dern auch längst ge­sell­schaft­lich. In den Me­di­en ha­ben sie über­pro­por­tio­nal vie­le An­hän­ger.

    Bei der BTW 2017 ha­ben die dG so­gar leicht zu­ge­legt, ob­wohl sie lan­ge nur bei knapp 7% la­gen. Ich ken­ne ei­ni­ge Leu­te, die fast schon tra­di­tio­nell grün wäh­len und dann in ih­ren SUV ein­stei­gen. Es hat ein we­nig von Ab­so­lu­ti­on, Grün zu wäh­len. Das schlech­te Ge­wis­sen ban­nen.

    Die in D ins Au­ge ge­fass­te »Jamaika«-Koalition, die vie­len in­zwi­schen längst als ge­si­chert gilt, könn­te mit­tel­fri­stig die Grü­nen vor Pro­ble­men stel­len, weil ih­re Kom­pro­miss­be­reit­schaft voll­stän­dig aus­ge­reizt wer­den wird. Es wä­re nicht das er­ste Mal, dass ei­ne Par­tei nach ei­ner Re­gie­rungs­be­tei­li­gung »ver­brannt« ist.

  2. Ja, wo­bei Zwen­ten­dorf ge­baut wur­de, je­doch nicht in Be­trieb ging. Das war, so­zu­sa­gen, der Grün­dungs­my­thos und, wenn man (ver­prell­ten) grü­nen Alt­po­li­ti­kern glaubt, wa­ren die Be­tei­lig­ten da­mals und in den Jah­ren da­nach an­ders »ge­polt« (ich weiß nicht, ob das stimmt oder hier nicht doch ro­ma­ti­siert wird).

    In­ter­es­sant ist, dass die öster­rei­chi­schen Grü­nen auch in sechs Lan­des­re­gie­run­gen ver­tre­ten sind (wenn ich das jetzt rich­tig im Kopf ha­be), wenn­gleich das ei­ne neue­re Ent­wick­lung ist (klas­sisch ist Ober­öster­reich). Was für Dei­ne The­se spricht, ist, dass seit Hai­ders Auf­stieg zu be­ob­ach­ten­de tak­ti­sche Wäh­len vie­ler Grü­ner, das auch bei die­ser Wahl ei­ne gro­ße Rol­le ge­spielt hat, et­wa 160000 Stim­men gin­gen an die SPÖ (ein Ver­hin­de­rungs­ver­hal­ten, das sich ge­gen »blau« bzw. »schwarz-blau« rich­tet, das dann doch ge­gen ei­ne star­ke Bin­dung an und Über­zeugt­heit von der ei­ge­nen Par­tei spricht; es deu­tet aber wie­der auf ei­ne star­ke mo­ra­li­sche Hal­tung).

  3. Seit 1980 ha­be ich es auf­ge­ge­ben, tak­tisch zu wäh­len. Da­mals wa­ren al­le ge­mä­ssigt Lin­ken ge­gen Franz-Jo­sef Strauß, der für die Uni­ons­par­tei­en als Kanz­ler­kan­di­dat aus­ge­ru­fen war. Der An­ti­po­de war Hel­mut Schmidt. Der war zwar auch bei vie­len SPD-Wäh­lern nicht be­son­ders be­liebt, aber da es ge­gen Strauß ging, war man für ihn. Das Pro­blem war, dass die FDP, mit der die SPD seit 1969 re­gier­te, schwä­chel­te und droh­te an der 5%-Hürde zu schei­tern. Nicht aus­zu­den­ken, wenn Strauß da­durch Bun­des­kanz­ler ge­wor­den wä­re. Al­so wähl­te man »tak­tisch«, d. h. mit der Zweit­stim­me, die über die Ver­tei­lung der Man­da­te im Bun­des­tag ent­schei­det, kreuz­te man die FDP an. Und es klapp­te: Zwar er­reich­ten die Uni­ons-Par­tei­en mit 44,5% mehr als die SPD (42,9%), aber die FDP be­kam 10,6%. SPD und FDP hat­ten al­so ei­ne Mehr­heit. – Was man nicht wuss­te: 1982 wech­sel­te die FDP von der SPD zu der Uni­on – ein glat­ter Wäh­ler­be­trug. Kohl wur­de mit kon­struk­ti­vem Miss­trau­ens­vo­tum Kanz­ler. Das hat man al­so von »tak­ti­scher Wahl«.

    Die Na­gel­pro­be für die dG wird die »Jamaika«-Koalition sein: Wie­viel »Iden­ti­tät« wird ver­lo­ren ge­hen, wenn man sich ei­ner der­art brei­ten po­li­ti­schen Spann­brei­te un­ter­ord­nen muss? Die Ge­fahr ist da­bei we­ni­ger die Mer­kel-Uni­on als die FDP, die in vie­len Po­li­tik­fel­der ab­so­lut kon­trär zu den Grü­nen steht. Wenn das Bünd­nis zu­stan­de kommt aber in der Öf­fent­lich­keit nur als Macht­bünd­nis wahr­ge­nom­men wird, könn­te dies fa­ta­le Fol­gen nicht nur für die dG son­dern auch für das An­se­hen der Po­li­tik ins­ge­samt ha­ben. Das wird viel zu we­nig be­dacht.

  4. Ich wäh­le grund­sätz­lich auch nicht tak­tisch, be­mer­ke aber, dass ich tak­tisch – im Sinn von »was wä­re wenn« – zu über­le­gen be­gin­ne, wenn die Über­ein­stim­mung im All­ge­mei­nen ge­ring ist, ich mich al­so kaum für ei­ne Par­tei ent­schei­den kann.

    Wä­re für Mer­kels stra­te­gi­schen Op­por­tu­nis­mus nicht ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung die bes­se­re Lö­sung (man könn­te sich dann, bos­haft ge­spro­chen, je nach Wet­ter­la­ge, die pas­sen­de Mehr­heit su­chen)? — Oh­ne Klub­zwang wä­re es si­cher­lich die in­ter­es­san­te­re (weil we­ni­ger vor­her­seh­ba­re) Lö­sung.