»Das Spiel ist aus.«

Ob die­se Dia­gno­se ver­früht ist oder nicht, wird sich zei­gen, le­sens­wert ist Shel­by Stee­les kur­zer Es­say auf je­den Fall; ei­ni­ge sei­ner Aus­sa­gen über die Wahl von Do­nald Trump und den ame­ri­ka­ni­schen Links­li­be­ra­lis­mus las­sen sich auch auf sei­ne eu­ro­päi­sche Spiel­art und den sich ge­gen ihn wen­den­den Rechts­po­pu­lis­mus über­tra­gen: Nicht rea­le Schuld­ge­füh­le, so Shel­by Steel, son­dern die Furcht vor ei­nem Stig­ma (Ras­sis­mus, Se­xis­mus, Ho­mo­pho­bie und Xe­no­pho­bie) sei der An­trieb zu zei­gen, dass man auf der rich­ti­gen Sei­te ste­he. In den 60igern be­gann der Wan­del: Nicht Frei­heit [sei] Haupt­an­lie­gen [des Links­li­be­ra­lis­mus’], son­dern mo­ra­li­sche Au­to­ri­tät. Mar­ken­zei­chen sei­en et­wa po­li­ti­sche Kor­rekt­heit, Iden­ti­täts­po­li­tik, Or­tho­do­xie in Um­welt­fra­gen, der Kult der Di­ver­si­tät. Wah­len wur­den zu ei­ner Mög­lich­keit sich von »sei­ner« (Ame­ri­kas) Ver­gan­gen­heit los­zu­kau­fen, der Hö­he­punkt des Gan­zen war (viel­leicht) Oba­mas Prä­si­dent­schaft, aber die Waf­fen be­gin­nen stumpf zu wer­den. Steel cha­rak­te­ri­siert den ame­ri­ka­ni­schen Links­li­be­ra­lis­mus als ei­ne Art er­lö­sen­de »Knecht­schaft«, als ana­chro­ni­stisch, als von der Rea­li­tät ent­kop­pelt. — Oh­ne sei­ne Geg­ner kann der Links­li­be­ra­lis­mus nicht be­stehen, er ist aus­ge­laugt, weil er kor­rupt ge­wor­den ist.

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  1. Der Text ist in­ter­es­sant und geht noch in der Dia­gno­se von Mark Lil­la, die ei­ni­ge Wo­chen zu­vor schon die Ge­mü­ter er­reg­te, hin­aus. Das, was Stee­le für den ame­ri­ka­ni­schen Links­li­be­ra­lis­mus schreibt, kann man auch auf ent­spre­chen­de Denk­rich­tun­gen in Eu­ro­pa rich­ten.

    Viel­leicht hät­te Stee­le ei­ni­ge Ma­le statt »Links­li­be­ra­lis­mus« ein­fach »die ame­ri­ka­ni­schen De­mo­kra­ten« schrei­ben sol­len. Ich glau­be näm­lich nicht, dass der »Links­li­be­ra­lis­mus« aus­ge­dient hat, son­dern nur die von Stee­le be­schrie­be­ne Va­ri­an­te da­von. Die ist wo­mög­lich »kor­rupt« ge­wor­den und zwar da­hin­ge­hend, dass er zu ei­ner Art Ab­lass­han­del des ame­ri­ka­ni­schen sa­tu­rier­ten Mit­tel­stan­des mu­tiert ist. Da­her war die Wahl von Clin­ton als Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin ein Feh­ler: sie mo­bi­li­sier­te nicht die Wäh­ler, die sich von Oba­ma noch an­ge­spro­chen fühl­ten. Ent­we­der re­si­gnier­ten sie und wähl­ten nicht oder sie stürz­ten sich in das Aben­teu­er Trump.

    In­ter­es­sant ist Stee­les Text auch da­hin­ge­hend, dass er knapp 60 Ta­ge nach Trumps of­fi­zi­el­ler In­au­gu­ra­ti­on kein Wort über des­sen Po­li­tik ver­liert. Mei­ner Mei­nung nach muss man bei­des zu­sam­men den­ken: Das Schei­tern ei­ner Po­li­tik der »mo­ra­li­schen Au­to­ri­tät« und das Schei­tern der Re­stau­ra­ti­on hin zu ei­ner Zeit, die es so, wie sie idea­li­siert wird, nie ge­ge­ben hat. Nicht um­sonst sor­gen sich vie­le in den Staa­ten, was pas­siert, wenn bei den Wäh­lern Trumps die Er­nüch­te­rung ein­setzt.

  2. Ich ha­be den Ar­ti­kel schon vor Wo­chen ge­le­sen, und fand die Ana­ly­se poin­tiert aber stim­mig.
    Na­tür­lich wird es den Links­li­be­ra­li­mus wei­ter­hin ge­ben, aber die Geg­ner­schaft zwi­schen Po­pu­li­sten und Links­li­be­ra­len ist rich­tig fest­ge­stellt.
    Was ich eben­falls mer­ke: man sel­ber ist ja auch »raus aus dem Spiel«, denn ich will mich von bei­den Sei­ten nicht ver­ein­nah­men las­sen. Der Links­li­be­ra­lis­mus ver­mit­telt ei­ne ge­teil­te Welt, re­kla­miert das Gu­te für sich und de­nun­ziert (Ver­ant­wor­tungs-Aus­schluss) das Schlech­te. Mit die­ser Halb­heit, die ganz aus­ge­zeich­net mit ge­ring­fü­gi­gem Wis­sen klar kommt, will ich nichts zu tun ha­ben. Da gibt es nur ei­ne »Mei­nungs­ebe­ne«, aber kein Han­deln. Das ist ei­ne win­del­wei­che po­li­ti­sche So­zia­li­sa­ti­on, die ein­fach nur per­fekt in un­se­re Per­for­mance-Ära passt.
    Ich will aber Han­deln, ei­ne Po­li­tik die nur re­det und schreibt, ist in der stän­di­gen Ge­fahr prä­po­tent und »ma­ni­pu­la­tiv« zu wer­den. Ge­nau das ist an den Uni­ver­si­tä­ten ja pas­siert. Stu­den­ten »oh­ne Macht« sprich Be­fug­nis­se, ter­ro­ri­sie­ren gan­ze In­sti­tu­tio­nen.
    Und nach der Uni ist vor dem Volun­ta­ri­at.
    Ich un­ter­schrei­be den Satz von Shel­bey Stee­le. Sieht so aus, als wä­re die schön­ste Mo­ral von al­len des­avou­iert. Ein häß­li­cher Geg­ner nimmt ihr den äs­the­ti­schen Mehr­wert.

  3. @Gregor
    Die Fra­ge ist, ob Trump nur we­gen die­ser Re­stau­ra­ti­on ge­wählt wur­de oder auch bloß des­we­gen, weil man den sta­tus quo satt hat­te (s.u.). Zu Lil­la noch: Man muss wohl vie­le der heu­te re­gie­ren­den Po­li­ti­ker (zu­min­dest in Eu­ro­pa) als Ver­wal­ter des Be­stehen­den oder des­sen was sie selbst nur mehr leid­lich glau­ben, se­hen: Wei­ter wie bis­her! Au­gen zu und durch! Das Weg­wol­len scheint ab­ge­macht zu sein.

    @die_kalte_Sophie
    »Die ganz aus­ge­zeich­net mit ge­ring­fü­gi­gem Wis­sen klar kommt«, ei­ne rich­ti­ge und wich­ti­ge An­mer­kung (ge­nau­so wie man kein Ar­gu­ment mehr for­mu­lie­ren muss, die mo­ra­li­sche Au­to­ri­tät ge­nügt). Es stimmt, dass das Auf­kom­men des Rechts­po­pu­lis­mus’ mit die­sen Ent­wick­lun­gen zu­sam­men­hängt, sprich, dass das Ver­lan­gen auf der rich­ti­gen Sei­te zu ste­hen, dass al­so die Wäh­ler die Rich­ti­gen zu wäh­len ha­ben, auf Grund der so­zi­öko­no­mi­schen Ent­wick­lun­gen und Rea­li­tä­ten von ei­nem Teil eben­die­ser Wäh­ler nicht mehr mit­ge­tra­gen wird. Man wählt dann die an­de­ren, die Bö­sen und sei es nur, da­mit man es den (an­geb­lich) Gu­ten zeigt. Frust und Ent­täu­schung die­ses Teils der Wäh­ler, die rechts­po­pu­li­stisch wäh­len, ma­chen eben­die­se Par­tei­en stark und ge­nau das wird über­se­hen, ab­sicht­lich oder un­ab­sicht­lich. — Klar, es schmerzt zu­ge­ben zu müs­sen, dass man et­was falsch ge­macht hat, aber es scheint auf bei­den Sei­ten des At­lan­tiks ähn­lich zu sein (die­se Re­gung ist mir in ei­ner Hin­sicht nicht un­sym­pa­thisch, denn sie möch­te Ver­än­de­rung und nicht dem Be­stehen­den die Mau­er ma­chen).

  4. @metepsilonema
    Ver­mut­lich ist bei­des nicht von­ein­an­der zu tren­nen. Ein ehe­ma­li­ger Ar­beits­kol­le­ge von mir, der in den 1990er Jah­ren in New York be­ar­bei­tet hat, war er­staunt, wie­vie­le Un­ter­stüt­zer Trump auch dort hat. Und dies so­wohl von der kei­nes­falls ab­ge­häng­ten Mit­tel­schicht als auch bei den Mi­gran­ten, die es in de Mit­tel­schicht »ge­schafft« ha­ben. Für sie war Clin­ton nie ei­ne Al­ter­na­ti­ve, weil sie als un­nah­bar galt. Mit ei­nem an­de­ren Kan­di­da­ten hät­ten es die De­mo­kra­ten wo­mög­lich den­noch ge­schafft. (Wo­bei ich nicht San­ders mei­ne.)

  5. der Text von Stee­le ist voll von psy­cho­lo­gi­scher Klug­heit. Ich möch­te ei­nen Bau­stein ge­nau­er kom­men­tie­ren. Es heißt:

    »Die­ser Links­li­be­ra­lis­mus bil­de­te sich nicht als Ideo­lo­gie her­aus, son­dern als Iden­ti­tät. Er bot den Ame­ri­ka­nern die Mög­lich­keit mo­ra­li­scher Wert­schät­zung an­stel­le des Schreck­ge­spensts ame­ri­ka­ni­scher Schan­de – aber da­mit mach­te sich der Links­li­be­ra­lis­mus selbst die­sem Schreck­ge­spenst un­ter­tan. Oh­ne ei­nen «häss­li­chen Ame­ri­ka­ner», den man ver­ab­scheu­en kann, fällt auch der Wert­schät­zungs­bo­nus weg. Da­her rührt die an­ti­ame­ri­ka­ni­sche Un­ter­strö­mung, die dem Links­li­be­ra­lis­mus ei­gen ist.«

    Hier ver­sam­melt Stee­le we­sent­li­che Axio­me, die zur links­li­be­ra­len Grup­pen­iden­ti­tät zäh­len. Ja vor­ne­weg nennt er es so­gar ei­ne Iden­ti­tät, kei­ne Ideo­lo­gie.
    Ei­ne hoch­in­ter­es­san­te Un­ter­schei­dung. Ich ver­mu­te um­ge­kehrt, dass in je­der Ideo­lo­gie ei­ne vi­ru­len­ter af­fek­ti­ver Kern steckt. Dar­über kann man treff­lich strei­ten. Po­li­tik ist oh­ne Af­fek­te ja kaum zu ha­ben (mög­lich aber sel­ten).
    Be­son­ders schön: die Un­ter­wor­fen­heit der Grup­pe. Das er­in­nert mich an Deleuze/Guattari und ih­re »un­ter­wor­fe­nen Grup­pen«, da­mals auf Ödi­pus ge­münzt.
    Hier aber viel bes­ser, denn es leuch­tet psy­cho­lo­gisch so­fort ein, dass man nicht ei­nem Schuld­ge­fühl hau­sie­ren ge­hen kann, oh­ne ihm selbst »zum Op­fer zu fal­len«.
    Die­se Struk­tur zwi­schen sub­jek­ti­ver Un­ter­wor­fen­heit und ob­jek­ti­vi­sti­schen Frei­heits­ge­tö­se scheint mir ty­pisch für den LL.
    @ Gre­gor, man müss­te na­tür­lich zwi­schen ei­nem Re­flek­tier­ten und ei­nem Af­fekt-ge­bun­de­nen LL un­ter­schei­den. Na­tür­lich wird man auch In­tel­lek­tu­el­le und Den­ker fin­den, die nicht so­fort auf dem Bo­den knien, wenn je­mand sei­ne Schuld­ge­füh­le aus­kippt. Aber in der Brei­te trifft das zu 100% zu. Je­de po­li­ti­sche Be­we­gung ist doch dar­an zu mes­sen, was »auf der Stra­ße da­von an­kommt«, und nicht an ih­rer Ide­al­form.

  6. @die_kalte_Sophie
    Ich fand den Hin­weis auf die Iden­ti­tät auch sehr auf­schluss­reich, da die­se an­son­sten aus­nahms­los mit der po­li­tisch rech­ten Sei­te in Ver­bin­dung ge­bracht wird. — Das Frei­heits­ge­tö­se ist eher ein öko­no­mi­sches und kein po­li­ti­sches oder ge­sell­schaft­li­ches; wahr­schein­lich bleibt der Links­li­be­ra­lis­mus des­halb ein Mit­tel- und Ober­schich­ten­phä­no­men. Mir fiel ge­ra­de Brecht ein.

  7. Vor al­lem @die_kalte_Sophie
    „Was ich eben­falls mer­ke: man sel­ber ist ja auch »raus aus dem Spiel«, denn ich will mich von bei­den Sei­ten nicht ver­ein­nah­men las­sen.“
    Schon lan­ge muss ich das so den­ken. Ich glau­be, dass ist des­halb so, weil bei­de in der Denk­form kul­tu­ra­li­stisch ar­gu­men­tie­ren und sich in die­ser zu­ein­an­der wie Spie­gel­bil­der ver­hal­ten oh­ne die­sen Denk­rah­men zu spren­gen. Et­was ver­kürzt und grob­ge­spach­telt: wer bei den Grü­nen das Vor­zei­chen wech­selt, lan­det im Gro­ßeng­an­zen bei der AFD und um­ge­kehrt. Das macht na­tür­lich po­li­tisch ei­nen gro­ßen Un­ter­schied, die­ser wird aber mit der pa­ro­len­haf­ten De­kla­ma­ti­ons­or­gie er­kauft, de­ren Kern völ­li­ge in­tel­lek­tu­el­le Wehr­lo­sig­keit ist. Ein Zei­chen da­für ist, dass in öf­fent­li­chen Dis­kus­sio­nen in Mas­sen­me­di­en sel­ten ei­ne zwei­te Fra­ge ge­stellt und be­ant­wor­tet wird. Was man als „Links­li­be­ra­lis­mus“ be­zeich­net ist ei­ne Se­kun­därideo­lo­gie und ganz eng an ei­ne neo­li­be­ra­le Ge­sell­schafts­ord­nung und ih­re Mach­ver­hält­nis­se ge­bun­den, wäh­rend man sich selbst als zu Gän­ze jen­seits al­ler Ideo­lo­gie wahr­nimmt und be­haup­tet, qua­si ort- und zeit­los, die hi­sto­ri­sche End­stu­fe des Hu­ma­ni­tä­ren. Das er­klärt viel­leicht auch die ty­pi­sche „Struk­tur zwi­schen sub­jek­ti­ver Un­ter­wor­fen­heit und ob­jek­ti­vi­sti­schen Frei­heits­ge­tö­se“. Sie hat da­mit mög­li­cher­wei­se das glei­che Schick­sal wie die bür­ger­li­chen Frei­hei­ten, de­ren Rea­li­sie­rung ja auch nicht ge­lang, oh­ne dass sich das Bür­ger­tum in sei­nem im Kern olig­ar­chi­schen Mo­dell ab­schaff­te oder aber sei­ne Wer­te auf­gab. Bei­des zu­sam­men war nicht zu ha­ben. Es hat m.E. mit Selbst­ab­schaf­fung als ge­sell­schaft­lich be­stim­men­der Grup­pe re­agiert.
    Vie­le po­li­ti­schen Selbst­be­zeich­nun­gen sind al­len­falls noch als po­le­mi­sche Zi­ta­te zu ver­ste­hen, die ei­ne in­tel­lek­tu­el­le Ord­nung schaf­fen sol­len in po­li­ti­schem Feld und Par­tei­en­land­schaft, hi­sto­risch aber gar nicht mehr durch sie zu recht­fer­ti­gen sind. Mer­kel und Schäub­le sind nicht kon­ser­va­tiv, auch nicht klas­si­sche Li­be­ra­le, son­dern Wirt­schafts­li­be­ra­le ganz neu­en Typs. Das er­klärt auch ganz gut den Phan­tom­schmerz in der CDU. Die SPD hat, an­ders, aber noch ent­schie­de­ner, ei­nen ähn­li­chen Pro­zess hin­ter sich. Was sie in den letz­ten 10 Jah­ren ver­tre­ten hat, hat mit klas­si­scher So­zi­al­de­mo­kra­tie au­ßer Rhe­to­rik (jetzt ge­ra­de von Schulz auf­ge­wärmt) nichts mehr ge­mein. Und bei­de ste­hen so­zi­al­po­li­tisch eher wei­ter links als die De­mo­kra­ten in den USA. Bei­de ha­ben die­sen Pro­zess auch mit emp­find­li­chen Wäh­ler­ein­bu­ßen be­zahlt.
    Stee­le trifft si­cher­lich ei­nen Punkt, kommt aber im Kern über den Vor­wurf der Ver­lo­gen­heit und Selbst­be­weih­räu­che­rung nicht wirk­lich hin­aus. Die Idea­le teilt er, ver­harrt aber über­wie­gend im Auf­rech­tig­keits­ge­döns. Ex­trem po­le­misch ge­sagt: Wenn die Eli­ten doch nur mal so hei­lig wä­ren wie sie re­den, dann wär´s schon ok.
    Was hie­ße denn kor­rupt? Et­was ra­di­ka­ler als Stee­le es sagt könn­te es hei­ßen: Die Kor­rum­pier­bar­keit der Wer­te war die Vor­aus­set­zung ih­rer Durch­set­zung. In ih­rer Ab­so­lut­set­zung spie­gelt sich ei­ne von Be­ginn an sko­to­mi­sier­te Welt­sicht. Es hat in der Glut ih­rer Ver­fech­ter in der Po­li­tik (nicht zwin­gend bei al­len In­tel­lek­tu­el­len, an War­nun­gen hat es auch hier nicht ge­fehlt) im­mer ge­gol­ten, dass man sich für die li­be­ra­len Wer­te ein­setzt, so­lan­ge man be­stim­men kann, was ihr In­halt ist und wann sie denn für wen gel­ten – und wann eben nicht. Die­ses In­ter­pre­ta­ti­ons­mo­no­pol wur­de im­mer ge­hü­tet, macht­ge­schützt und wei­test­ge­hend auch durch­ge­setzt mit zum Teil ver­hee­ren­den Fol­gen. Man hat ja so­gar bis weit in den „Links­li­be­ra­lis­mus“ ei­nen hu­ma­ni­tä­ren In­ter­ven­tio­nis­mus ver­tre­ten, an dem man nicht nur den In­ter­ven­tio­nis­mus kri­ti­sie­ren kann son­dern auch den ver­eng­ten Be­griff der Hu­ma­ni­tät. Die schärf­sten Äu­ße­run­gen zum Ukrai­ne­kon­flikt ka­men und kom­men oft von Grü­nen.
    Ins­ge­samt ha­ben Bre­x­it und Trump­wahl of­fen­bart, dass es sich um ei­ne tie­fe in­tel­lek­tu­el­le und po­li­ti­sche Kri­se han­delt, die weit mehr ist als ein Auf­rich­tig­keits­de­fi­zit. Die­ses De­fi­zit ist üb­ri­gens in der Po­li­tik nicht neu son­dern chro­nisch. Ich fin­de das oft lä­stig, aber nicht über­mä­ßig schlimm. Viel schlim­mer ist der Rea­li­täts­ver­lust ei­nes nicht stim­mi­gen Welt­bil­des, dass durch pa­ro­len­haf­ten Trotz und die mo­ra­li­sche Re­gu­lie­rung des Sag­ba­ren in im­mer en­ge­re Krei­se kom­pen­siert und be­haup­tet wer­den soll. Dar­über muss es zwangs­läu­fig ir­gend­wann zum Kon­flikt kom­men, spä­te­stens dann, wenn die Dis­kre­panz des­sen, was die Leut´ mehr­heit­lich an über­wie­gend ein­heit­li­chen In­ter­pre­ta­tio­nen so hö­ren und le­sen mit dem, was sie in ih­rem Le­ben, an der fri­schen Luft drau­ßen und an Mel­dun­gen in den Me­di­en er­le­ben, zu­neh­mend we­ni­ger zu tun hat. Viel­leicht wird es zu lang, wenn ich zu vie­le Bei­spie­le nen­ne, aber die ak­tu­el­le Flücht­lings­dis­kus­si­on ist si­cher bei uns das pro­mi­nen­te­ste Bei­spiel. Hier wur­den Po­li­tik und Rea­li­täts­sinn durch Mo­ral und Sen­ti­men­ta­li­tät zu er­set­zen ver­sucht. Das Er­geb­nis ist ver­hee­rend, und wird es vor­aus­sicht­lich auch in die­sen Som­mer blei­ben – mög­li­cher­wei­se sich zu­spit­zend. Die­ses Po­li­tik­bei­spiel hat üb­ri­gens bei­de Wah­len durch­aus be­ein­flußt, in Groß­bri­tan­ni­en mehr als in den USA. An­de­rer­seits war das Lob für die­se Po­li­tik in­ter­na­tio­nal je grö­ßer, je wei­ter man geo­gra­phisch ent­fernt war, be­stes Bei­spiel ist Oba­ma.
    Was all die­ses über un­se­re Welt­bil­der und ih­re Ver­an­ke­rung auch in In­ter­es­sen (oh­ne die sie in der Luft hän­gen und un­ver­bind­lich blei­ben) aus­sagt, wä­re ei­ne span­nen­de Dis­kus­si­on.

  8. Ih­re Ein­rah­mung ist sehr gut, kann ich kom­plett nach­voll­zie­hen.
    –Ihr An­satz, den Links­li­be­ra­lis­mus (LL) hi­sto­risch ein­zu­ord­nen, ge­fällt mir sehr. Man kann den LL in der Tat als ei­ne Va­ri­an­te der Bür­ger­lich­keit be­grei­fen, die den An­fän­gen des olig­ar­chen Bür­ger­tums in ei­ner be­stimm­ten hi­sto­ri­schen Pha­se (Jetzt-Zeit) nach­folgt. Stee­le be­rück­sich­tigt das, in dem er ei­ne Zä­sur be­schreibt, bzw. ei­nen Ze­nit. Ein un­ver­schäm­ter Ri­va­le ist nun auf den Plan ge­tre­ten, der Po­pu­lis­mus, der die Kühn­heit des Re­gie­rens nicht so ei­tel ver­tuscht, son­dern mit Kon­fron­ta­ti­on und Brü­chen ar­bei­tet. Das ei­ne hät­te das an­de­re so­zu­sa­gen »her­bei­ge­ru­fen«, da man ei­ne zeit­li­che Ver­set­zung be­ob­ach­tet.
    –Da­zu passt ei­ne äl­te­re Idee von mir, näm­lich dass die Form der Bür­ger­lich­keit nicht end­gül­tig vor­liegt, wie ei­ni­ge Staats­theo­re­ti­ker (auch Ha­ber­mas) be­haup­ten, son­dern ein Ho­lis­mus be­steht, ge­nau wie Sie sa­gen: näm­lich dass die Ge­sell­schafts­ver­hält­nis­se ei­ne be­stimm­te FORM je­weils wahr­schein­lich ma­chen, so­dass man sich je­weils wun­dert, wie ei­ne ab­ge­spann­te Li­be­ra­li­tät und ein wir­res Zu­ge­ständ­nis ans So­zia­le doch grob­schläch­tig SINN ma­chen kön­nen.
    –Sehr schön fand ich auch ih­re Be­schrei­bung von der Kor­rup­ti­on der Wer­te. Man kann den Adep­ten der Ver­ein­fa­chung und flä­chen­decken­den Sug­ge­sti­on vie­le Vor­wür­fe ma­chen, aber ir­gend­wann kommt der Punkt, wo man an al­lem zwei­felt, auch den Wer­ten selbst, die rhe­to­risch so leicht dienst­bar zu ma­chen sind. Das ist ein zeit­lo­ses »ni­hi­li­sti­sches Er­leb­nis«, frei nach Nietz­sche. Wie schon lan­ge nicht, muss­te ich den Idea­li­sten in mir er­ken­nen.

  9. In­ter­es­san­te Kom­men­ta­re. In der Tat ist Stee­le na­tür­lich ein »ent­täusch­ter« Links­li­be­ra­ler, der im Kern de­ren »Wer­te« gar nicht ab­ge­schwo­ren hat, son­dern nur die Ab­ge­ho­ben­heit kri­ti­siert. Lei­der ist es in un­se­rem Dis­kurs­kli­ma fast schon zwin­gend vor­ge­schrie­ben, dass die Kri­ti­ker ei­nes po­li­ti­schen Rich­tung sel­ber Adep­ten eben die­ser Rich­tung sein müs­sen. CDU-Kri­ti­ker sind nur (me­di­al) in­ter­es­sant, wenn sie aus der CDU kom­men. La­fon­tai­ne hat­te in den 2000er Jah­ren mit sei­ner Ab­spal­tung nur des­halb Er­folg, weil er stän­dig auf sei­ne Ver­gan­gen­heit in der SPD re­kur­rier­te. Wenn nicht Stee­le den Text ge­schrie­ben hät­te son­dern ir­gend­ein Tea-Par­ty-Re­pu­bli­ka­ner, wür­de er gar nicht Ernst ge­nom­men.

    Po­li­ti­sche Rich­tungs­zu­wei­sun­gen wie »rechts«, »links«, »Bür­ge­rum«, »links­li­be­ral« sind na­tür­lich im­mer Hilfs­kon­struk­te, die im Zwei­fel zu de­fi­nie­ren sind. Am ehe­sten könn­te man das ame­ri­ka­ni­sche »links­li­be­ral« mit »rot-grün« (oder »grün-rot«) ins Deut­sche über­set­zen. Das Span­nen­de und Ge­fähr­li­che zu­gleich in den letz­ten Jah­ren der Mer­kel-Kanz­ler­schaft ist, dass auch die­se Ko­or­di­na­ten ver­schwim­men. Atom­aus­stieg mit der Brech­stan­ge und die Flücht­lings­po­li­tik hät­ten auch von rot-grün durch­ge­zo­gen wer­den kön­nen. Der Uni­on hat der Schwenk nach grün 2013 (vor der Flücht­lings­po­li­tik) ei­nen enor­men Auf­schwung be­schert. Man konn­te CDU wäh­len, oh­ne sich ver­stecken zu müs­sen. Die Tos­ka­na-Frak­ti­on war plötz­lich par­tei­über­grei­fend. Dies hat­te und hat na­tür­lich auch Aus­wir­kun­gen auf die so­zia­len Schich­ten. Das »Bür­ger­tum« ist öko­lo­gisch ge­sinnt – aber nur so­lan­ge, bis es nichts ko­stet. Der Kret­sch­mann-Prag­ma­tis­mus ist mit Hän­den zu grei­fen.

    Schon jetzt sind sich die eta­blier­ten Par­tei­en der­art ähn­lich, dass man in Wahl­kämp­fen ver­zwei­felt nach Dif­fe­ren­zen su­chen muss. Die Ko­ali­ti­ons­lo­gi­ken be­din­gen auch, dass die­se meist un­ter den Tep­pich ge­kehrt wer­den. Po­pu­li­sti­sche Strö­mun­gen (so­wohl aus dem na­tio­na­li­stisch-kon­ser­va­ti­ven La­ger als auch links von der Uni­ver­sal­mit­te) mi­schen die­se Stim­mung auf; sie stö­ren die po­li­ti­sche Fried­hofs­ru­he. In Prä­si­di­al­sy­ste­men wie den USA und Frank­reich ist das gra­vie­ren­der als in re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­ti­en. Ei­ne Wahl zwi­schen Trump und San­ders wä­re hoch­in­ter­es­sant ge­wor­den, weil sich bei­de in den Dia­gno­sen über den Zu­stand der ame­ri­ka­ni­schen Ge­sell­schaft ähn­li­cher sind, als man ge­mein­hin denkt.

  10. Ja­ja der Kret­sch­mann. Ein Fo­rums­teil­neh­mer auf ZEITon­line, hat neu­lich den neo­li­be­ra­len Be­am­ten als das Zen­trum der deut­schen Po­li­tik-Land­schaft aus­ge­macht. Die na­tür­li­che Di­stanz des Be­am­ten zu den Här­ten des Wett­be­werb lässt die­se ty­pi­sche Nä­he, »Nach­sicht« den Ver­tei­lungs­kämp­fen ge­gen­über auf­kom­men.
    Und ne­ben der Nach­sicht sind die Fort­schrit­te in der Pro­duk­ti­vi­tät nach ei­ner ma­kro­öko­no­mi­schen Na­bel­schau doch letzt­lich ein Fort­schritt »für uns al­le«.
    Man muss die Öko­no­mie, so­fern sie pro­spe­riert ei­gent­lich nur mit ei­nem kol­lek­ti­ven Dis­kurs in­ter­pre­tie­rend be­glei­ten, ein rich­ti­ges po­li­ti­sches Vor­ha­ben ist nicht nö­tig. Längst ha­ben die Par­tei­en das be­merkt.
    Wenn’s nicht klappt (sie­he Süd-Eu­ro­pa), ex­plo­die­ren die Aus­ein­an­de­ret­zun­gen, in Schat­ten­ge­fech­ten, in rei­ner Po­le­mik, aber die »in­tel­lek­tu­el­le Wehr­lo­sig­keit« bleibt auch in Kri­sen­zei­ten voll er­hal­ten.
    Der LL bleibt den­noch in­ter­es­sant, weil er ei­ne Vor­form des Po­li­ti­schen, al­so ei­nen Prot-Ago­nis­mus dar­stellt. Man fin­det ihn in Par­tei­en, aber man fin­det ihn noch mehr in Tei­len der Pres­se und im in­tel­lek­tu­el­len Pro­le­ta­ri­at.
    Ich fand da­her den Be­griff der »Se­kun­där-Ideo­lo­gie« von Ju­mid ganz gut, der den An­pas­sungs­vor­gang zwi­schen ei­nem pla­sti­schen »Ur­wil­len zur Po­li­tik« und den Ge­sell­schafts­ver­hält­nis­sen be­schreibt.
    N.b. ist der Links­li­be­ra­lis­mus so­lan­ge ei­ne Dumm­heit, wie er die In­ter­es­sen­ge­gen­sät­ze hin­sicht­lich der Ka­pi­tal­ver­hält­nis­se un­ter­schlägt, durch Ge­sin­nugns­ethik, durch Ma­xi­men der Freund­schaft und Kol­le­gia­li­tät, etc. Und je­de Dumm­heit ist auch ein biss­chen span­nend.

  11. Mit Se­kun­därideo­lo­gie mei­ne ich die na­he­zu rück­stands­lo­se An­pas­sung der „Lin­ken“ an das ka­pi­ta­li­sti­sche Wirt­schafts­mo­dell nach dem Un­ter­gang des So­zia­lis­mus. Wer war da­mals schon ger­ne auf der Sei­te der Ver­lie­rer? Man fühl­te sich vom Welt­ge­richt der Ge­schich­te in Auf­fas­sun­gen be­stä­tigt, die man, wä­re man et­was ehr­li­cher, so nicht bruch­los ver­tre­ten hat­te. Man könn­te das auch in An­klang an Ben­da den „Ver­rat der In­tel­lek­tu­el­len“ nen­nen. Es er­eig­net sich ein na­he­zu ge­schlos­se­nes Über­lau­fen in die neo­li­be­ra­le Ideo­lo­gie un­ter dem Vor­zei­chen des Prag­ma­tis­mus. Für sich hät­te ei­ne sol­che po­le­mi­sche Be­zich­ti­gung, dass es die­sem in­tel­lek­tu­el­len Ka­pi­tu­la­ti­ons­pro­zess die Harm­lo­sig­keit näh­me. Ich glau­be es war Ca­mus, der sag­te, sinn­ge­mäß pa­ra­phra­siert, un­ter Er­halt sei­nes durch­aus an­ge­mes­se­nen Pa­thos: Wer un­scharf und schlam­pig denkt, macht sich mit­schul­dig am Elend der Welt. Des­halb be­steht ei­ne ge­wis­se Zer­knirscht­heit bei den LL, bei de­nen die Bot­schaft der letz­ten zwei Jah­re an­ge­kom­men ist, zu Recht. Ich glau­be, es ehrt die­sen Teil der LL.
    Die hel­le­ren, frei­lich mi­no­ri­tä­ren Köp­fe ahn­ten, dass nach dem En­de des So­zia­lis­mus auch der li­be­ra­le We­sten un­ter­ge­hen wer­de und sich, zwar nicht in so ra­sen­dem Tem­po, aber pro­zess­haft eben­so re­vo­lu­tio­när ver­än­dern wer­de, dass al­so auf den Un­ter­gang des Kon­ser­va­tis­mus im 19-ten Jhr­dt und den Un­ter­gang des So­zia­lis­mus im 20-ten der Un­ter­gang des Li­be­ra­lis­mus im 21-ten Jhr­dt fol­gen könn­te. Dass ist et­was sche­ma­tisch, zu­ge­ge­ben, aber ich glau­be wir sind Zeu­ge die­ses Pro­zes­ses. So­wie dem Kon­ser­va­ti­ven das na­tur­ge­ge­be­ne und hier­ar­chi­sche Ge­sell­schafts­bild der So­cie­tas ci­vi­lis und der al­les do­mi­nie­ren­de Agrar­sek­tor ab­han­den ka­men, ver­lo­ren Ar­bei­ter und Bür­ger­tum im 20. Jhr­dt die In­du­strie­ge­sell­schaft als po­li­tisch-ant­ago­ni­sti­sche Struk­tur. Dem So­zia­lis­mus gin­gen die Ar­bei­ter aus und dem Li­be­ra­lis­mus die Bür­ger in ih­rer klas­si­schen Form. Da­mit mei­ne ich nicht, dass es die­se So­zi­al­fi­gu­ren, Adel und Bau­ern und Hand­wer­ker, Ar­bei­ter und Bür­ger, nicht mehr gä­be und auch nicht, dass es sie nicht noch lan­ge ge­ben wird. Nur struk­tu­rie­ren ih­re In­ter­es­sen, Wer­te und Ideo­lo­gi­en nicht mehr die Par­tei­en in hoch­ent­wickel­ten ka­pi­ta­li­sti­schen Ge­sell­schaf­ten. Sie sind nicht mehr Mo­tor der ge­sell­schaft­li­chen Dy­na­mik, de­rent­we­gen man das bür­ger­li­che Zeit­al­ter zu Recht das bür­ger­li­che: der bür­ger­li­chen Dy­na­mik we­gen, nicht weil das Bür­ger­tum ir­gend­wann ein­mal in der Ge­schich­te die Mehr­heit ge­habt hät­te. Die­se hat­te sie nie­mals. Der Ka­pi­ta­lis­mus kommt in ge­wis­ser Wei­se oh­ne die ihn lan­ge tra­gen­den Grup­pen aus, even­tu­ell so­gar dy­na­mi­scher und pro­fi­ta­bler als mit ih­nen, weil die ih­nen an­haf­ten­den brem­sen­den Schran­ken ih­rer All­ver­füg­bar­keit doch deut­lich im We­ge steht: Ein Fa­mi­li­en­bild, das auf Sta­bi­li­tät be­ruht; Tra­di­tio­nen, die im­mo­bil ma­chen; An­sprü­che an Ge­rech­tig­keit, die die Funk­ti­ons­lo­gik stö­ren, re­li­giö­se Glau­bens­in­hal­te, die als letz­tes Kri­te­ri­um des ge­lin­gen­den Le­bens al­les Mög­li­che be­inhal­ten kön­nen, bloß nicht schran­ken­lo­sen Er­werb, De­mo­kra­tie, die öko­no­misch dys­funk­tio­nal ist etc etc. Hier auch ei­ne Ver­lust­bi­lanz auf­zu­ma­chen, ist nicht zwangs­läu­fig nur rück­wärts­ge­wandt und nost­al­gisch. Ich möch­te hier ei­ne Grund­ten­denz be­schrei­ben, die ich für re­vo­lu­tio­när hal­te, für die es aber vie­le un­gleich­zei­ti­ge Ge­gen­bei­spie­le si­cher gibt.
    Dar­aus folgt et­was, dass wir als Ni­vel­lie­rung der Par­tei­en wahr­neh­men. Al­le drän­geln in ei­ner ver­meint­li­chen Mit­te, ein Pla­stik­wort. Eben­so ein Pla­stik­wort wie Po­pu­lis­mus, ei­ne Be­griffs­va­ria­ble oder ein Ge­dan­ken­jo­ker, der ei­ne emo­tio­na­le Auf­la­dung oh­ne In­halt be­quem ge­stat­tet. Wer so mit der all­ge­mei­nen Stan­ge im all­ge­mei­nen Ne­bel her­um­sto­chert, für den sind al­le Kat­zen grau. Trump ist Pu­tin ist Er­dogan ist Pe­tri ist Cha­vez – herr­je! Gibt es ei­gent­lich auch ei­nen in­tel­lek­tu­el­len Slum?
    Vor nicht all­zu lan­ger Zeit gab es hier ei­ne schö­ne und sehr ernst­haf­te Dis­kus­si­on über das Po­pu­lis­mus­buch von Mül­ler. Ich hat­te lei­der zu we­nig Zeit, mich dar­an zu be­tei­li­gen. Des­halb nur ei­ne kur­ze Be­mer­kung da­zu. Ich hal­te den Ver­such Mül­lers, hier po­pu­li­sti­sche Ide­al­ty­pen ana­ly­tisch auf­zu­fin­den, für ver­ge­bens. Das zeigt nicht nur die ak­tu­el­le po­li­ti­sche Dis­kus­si­on, son­dern schon sein Buch, dass von La­tein­ame­ri­ka über die USA und Eu­ro­pa je­weils Bei­spie­le als Be­leg her­an­zu­zieht, die sich stär­ker un­ter­schei­den als dass sie et­was ge­mein­sam hät­ten. Wenn sie et­was ge­mein­sam ha­ben, dann in der Ne­ga­ti­on. Al­le sind ori­gi­när und ganz exi­sten­ti­ell kon­fron­tiert mit den Her­aus­for­de­run­gen ei­ner trans­na­tio­na­len For­ma­ti­on, zu der sie sich bis ins letz­te Dorf zu po­si­tio­nie­ren ha­ben. Dar­über hin­aus se­he ich we­ni­ge Ge­mein­sam­kei­ten, die übers Ak­zi­den­ti­el­le hin­aus­ge­hen. Die Res­sour­cen, die sich da­zu ver­wen­den las­sen, sind be­grenzt und lo­kal, im We­sent­li­chen sind es macht­lo­se und hohl ge­wor­de­ne Tra­di­tio­nen, die sich wie ei­ne ein­mal ver­lo­re­ne Nai­vi­tät nicht künst­lich wie­der auf­rich­ten las­sen. Fast könn­te man hier an Ben­ja­mins Bild vom En­gel den­ken, der mit dem Rücken zur Zu­kunft hilf­los in die­sel­be ge­weht wird. Die­se Be­we­gun­gen ha­ben auch bei al­ler Rup­pig­keit und häu­fig Ge­walt­tä­tig­keit et­was Tra­gi­sches, sie er­in­nern an die In­dia­ner, die für Klein­geld ih­re Tän­ze für Tou­ri­sten auf­füh­ren, da­mit es für den Schnaps reicht. In­so­fern be­fällt mich manch­mal, ne­ben erup­ti­ven Wut­at­tacken über ei­nen Dumpf­batz wie Höcke, auch ei­ne gro­ße Trau­er. Über­wie­gend wer­den die Men­schen, die rap­pel­köp­fig und aus krum­mem Hol­ze wie sie sind, so ag­gres­siv und roh es da­her kommt, um das Be­rech­tig­te ih­res An­lie­gens in al­ler Re­gel be­tro­gen. Mir ist ein­fach im Kern die­ser häu­fig von LL´s ge­pfleg­te, nicht erst neu­er­dings er­ho­be­ne vor­neh­me Ton, der sich oft von Ver­ach­tung kaum un­ter­schei­den lässt, zu­tiefst zu­wi­der. Des­halb ha­be ich auch manch­mal zu die­sen Be­we­gun­gen (nicht zu ih­ren Re­prä­sen­tan­ten!!!) ei­ne Her­zens­sym­pa­thie, die mir der Kopf ver­bie­ten soll­te. Sym­pa­thie für ei­ni­ge In­ten­tio­nen, Ab­scheu ge­gen­über den von ih­nen her­vor­ge­brach­ten Ab­scheu­lich­kei­ten und Scham­lo­sig­kei­ten. Ich ver­mis­se des­halb ei­ne kon­si­sten­te Op­po­si­ti­on, und Stee­le kann ich lei­der nur be­dingt ihr zu­rech­nen. Eben­so den­ke ich, dass De­mon­stra­tio­nen wie der Woman´s March in NY nur für die ein ech­ter Freu­den­tag ist, die ih­re bür­ger­li­chen Frei­heits­wer­te statt bei Trump bei Zucker­berg und Be­zos bes­ser auf­ge­ho­ben se­hen. Ei­ne Be­we­gung, die meint, sich auch durch Ma­don­na re­prä­sen­tiert zu se­hen, ist Teil des Pro­blems, nicht der Lö­sung. Wenn sie mit ih­rem dün­nen Stimm­chen doch we­nig­stens mal Steu­er­erhö­hun­gen für sich selbst ge­for­dert hät­te, hät­te sie mei­nen Re­spekt. Aber so? In die­ser Rei­he bin ich ein­fach un­gern Nach­bar.

  12. @ die_kalte_Sophie
    Ich woll­te auch nicht ge­gen Idea­lis­mus po­le­mi­sie­ren, al­len­falls da­ge­gen, ihn selbst schon für pri­ma Po­li­tik zu hal­ten. Men­schen­rech­te und die Idee der Auf­klä­rung soll­te man hoch­hal­ten. Aber auch da sind ja die LL in Tei­len höchst un­zu­ver­läs­si­ge Bun­des­ge­nos­sen, wenn ich mir man­ches re­la­ti­vi­sti­sche Ge­schwie­mel so an­hö­re und durch­le­se. Et­wa die um­stands­lo­se Dif­fa­mie­rung von Men­schen­rech­ten als eu­ro­päi­sche Ei­gen­art, die wo­an­ders nicht gel­te. Ob­wohl ich sie nicht sol­cher­art für Folk­lo­re hal­te, stimmt doch der Satz: es gibt kei­ne Men­schen­rech­te. Er stimmt dann, wenn man in kei­ner Wei­se her­aus­liest, es sol­le sie nicht ge­ben oder es wer­de sie nicht ei­nes Ta­ges ge­ben. Nur als Rech­te im prä­zi­sen, näm­lich ein­klag­ba­ren Sin­ne gibt es na­he­zu nicht. Und dass es sie nicht gibt, rea­li­sie­ren un­re­flek­tiert auch ih­re glü­hend­sten Ver­fech­ter, wenn sie in Ka­me­run oder Thai­land in Schwie­rig­kei­ten ge­ra­ten. Sie wen­den sich kon­se­quen­ter­wei­se na­tür­lich nicht an die UNO oder Am­nes­ty oder ei­nen in­ter­na­tio­na­len Ge­richts­hof der Mensch­heit, son­dern grei­fen re­flex­ar­tig zu ih­rem Pass und lau­fen zur Bot­schaft. Nichts an­de­res wür­de ich ih­nen auch ra­ten. Und wenn die Men­schen, die zu uns kom­men, die Wahl hät­ten zwi­schen Men­schen- und deut­schen Staats­bür­ger­rech­ten, wer­den sie ganz über­wie­gend für die Staats­bür­ger­schaft plä­die­ren. Das ist auch ra­tio­nal. Man­cher mag ih­nen die­se Ra­tio­na­li­tät übel­neh­men, weil er zwi­schen den idea­li­sti­schen Ho­mun­ku­li sei­ner Wunsch­träu­me und rea­len Men­schen nicht so recht un­ter­schei­den mag. Das ist et­was sehr zu­ge­spitzt, aber nicht ganz oh­ne wah­ren Kern, denn nur so kann ich mir den en­thu­si­asti­schen Pa­sto­ral über die Phan­ta­sie­ge­stal­ten er­klä­ren, die zu uns kom­men. Ih­nen ent­eig­net die­ser Dis­kurs je­den Sub­jekt­sta­tus: lau­ter In­ge­nieu­re, die end­lich mal frei spre­chen wol­len und SPD oder Grün wäh­len, und so­weit sie sich nicht in die­ses Bild fü­gen wol­len: hu­ma­noi­de Ta­bu­la ra­sa auf zwei Bei­nen, die un­end­lich er­zieh­bar und gren­zen­los lern­fä­hig ist. Da be­ginnt man am be­sten dann ganz von vor­ne und hält ih­nen ei­nen Or­bus pic­tus vor die Na­se, dem sie ent­neh­men kön­nen, dass man den Mä­dels im Schwimm­bad nicht den Hin­tern tät­schelt. Al­so für wel­ches Al­ter wa­ren die­se Be­leh­run­gen gleich? Es gibt auch den idea­li­sti­schen Kitsch, der an­ge­le­gent­lich sehr au­to­ri­tär auf­tritt und ein nicht un­er­heb­li­ches Ag­gres­si­ons­po­ten­ti­al hat.
    Aber et­was ern­ster: ich bin nicht ge­neigt, die Gel­tung uni­ver­sel­ler Wer­te durch ih­re Ge­ne­sis zu re­la­ti­vie­ren. Men­schen­rech­te sind uni­ver­sal oder nicht denk­bar. Aber ih­re Ent­ste­hung als Rech­te hat Ort und Zeit: sie ha­ben ih­ren Ur­sprung in der eu­ro­päi­schen Ge­schich­te – und nur dort. Sie sind na­he­zu gleich­ur­sprüng­lich mit der eu­ro­päi­schen Ex­pan­si­on, die der Kern der Glo­ba­li­sie­rung ist – bis heu­te. Nun ha­ben Ideo­lo­gi­en oft ei­nen sub­ver­si­ven Kern, man kann ei­ne ideo­lo­gi­sche Selbst­idea­li­sie­rung auch so beim Wort neh­men, dass sie ent­ge­gen den Ideo­lo­gen ei­ne Ei­gen­dy­na­mik ent­fal­tet, sie ent­hält ih­re ei­ge­ne Op­po­si­ti­on. Man be­ob­ach­tet ja ganz häu­fig, dass Macht­ha­ber nichts mehr has­sen, als dass man sie in ih­rer schö­nen Selbst­be­schrei­bung zu ernst nimmt und dar­aus An­sprü­che ab­lei­tet. So ge­schah es dem Bür­ger­tum. Dass Ar­bei­ter und Frau­en Teil der Ver­an­stal­tung wur­den, war nicht vor­ge­se­hen und spreng­te die im Kern olig­ar­chi­sche Ver­an­stal­tung. Schon aus die­sem Me­cha­nis­mus her­aus mag ich zwar hef­ti­ge Kri­tik an den LL üben, mich an der hä­mi­schen Dif­fa­mie­rung ei­nes Ein­for­derns von mehr Frei­heit und Gleich­heit aber nicht be­tei­li­gen. In­so­fern bin auch ich Idea­list, da weiß ich mich mit Ih­nen sehr ei­nig. Ich wer­fe den LL auch nicht ih­re Idea­le vor, die ich oft tei­le, son­dern ih­ren Man­gel an Re­fle­xi­on.
    Hier sind wir bei der Zwie­späl­tig­keit der Kri­tik von Stee­le: die 60-er Jah­re als „ein Zeit­al­ter der wei­ssen Schuld­ge­füh­le“? Stimmt das denn? Je öf­ter ich das le­se, de­sto we­ni­ger ver­ste­he ich im De­tail, was er ei­gent­lich meint. Er kri­ti­siert die Iden­ti­täts­po­li­tik, spielt aber ge­nau die­se Kar­te. Und er se­pa­riert die mo­ra­li­schen Ge­füh­le ganz of­fen­bar von den rea­len Mög­lich­kei­ten der Schwar­zen, zu de­nen er schreibt: „Ich wuchs als Schwar­zer in ei­nem se­gre­gier­ten Ame­ri­ka auf, wo es für mei­nes­glei­chen kaum of­fe­ne Tü­ren gab. Heu­te dürf­te es für jun­ge Schwar­ze eher schwie­rig sein, noch ver­schlos­se­ne Tü­ren zu fin­den.“ Was ist das an­de­res als ein strah­len­der Er­folg? Er scheint aber für ihn nicht zu zäh­len. Aber auch hier: Stimmt das? Ste­hen al­le Tür so weit of­fen? Und wei­ter: „Er (der LL) hat kei­nen wirk­li­chen Be­griff da­von, was Ar­mut ist und wie sie zu über­win­den wä­re.“ Was meint er in die­sem Zu­sam­men­hang, in dem es um Scham und Ras­sis­mus geht? Ist die Ar­mut vor al­lem schwarz? Und dann be­ruft er sich auf die ame­ri­ka­ni­sche Bür­ger­re­li­gi­on, auf die USA als Of­fen­ba­rung im We­sten: „Er (wie­der der LL) hat kein Ver­ständ­nis für die Ein­zig­ar­tig­keit Ame­ri­kas und da­für, was sie für die Ame­ri­ka­ner und mehr noch im Aus­land be­deu­tet“ So? Was be­deu­tet sie denn, die­se Ein­zig­ar­tig­keit? Ist das nicht der Klas­si­ker des Iden­ti­tä­ren? Man über­set­ze die­sen Satz mal nach Deutsch­land: kein Ver­ständ­nis für die Ein­zig­ar­tig­keit Deutsch­lands, was sie für Deut­sche und mehr noch im Aus­land be­deu­tet? Brrrh – geht nicht, schau­der­haft. Be­dient die­sen Nar­ra­tiv, an­ders und auf sei­ne ver­schwur­bel­te Art, nicht auch Trump? Hey, make Ame­ri­ca gre­at again! Und dann: „Die­ser Links­li­be­ra­lis­mus bil­de­te sich nicht als Ideo­lo­gie her­aus, son­dern als Iden­ti­tät.“ Was er nun kri­tisch meint, aber er kri­ti­siert nicht Iden­ti­tät, son­dern le­dig­lich die an­geb­lich fal­sche, wäh­rend er die wah­re Iden­ti­tät ver­misst. Ei­ne aber so­zi­al durch­aus für ihn, dem al­le Tü­ren of­fen ste­hen, recht er­folg­rei­che Iden­ti­tät. Und voll­ends wi­der­sprüch­lich: Es ge­he „eher um wei­sses Selbst­wert­ge­fühl …. als um die För­de­rung von Min­der­hei­ten“ – wo er ge­ra­de noch das Ge­gen­teil be­schrieb. Die letz­ten Sät­ze, in de­nen es um Chi­ca­go als Haupt­stadt der Schie­ße­rei­en geht mit ih­ren 4000 To­ten und dem Wi­der­spruch zur Aus­ru­fung von Chi­ca­go als „Zu­fluchts­stadt“ durch den Bür­ger­mei­ster kann ich nicht ein­mal in ei­ge­nen Wor­ten wie­der­ge­ben, das fin­de ich schlicht un­ver­ständ­lich. Müs­sen wir nicht (ich weiß es nicht) auf Grund­la­ge die­ses Ar­ti­kels an­neh­men, die­ser Bür­ger­mei­ster kann nur weiß sein, oh­ne dass Stee­le es noch sa­gen muss, und schon dies, so die Sug­ge­sti­on, sei dann schon ein po­li­ti­sches Be­kennt­nis? Auf wel­che Ab­we­ge im Gei­ste der Pseu­do­kri­tik ge­ra­ten wir hier ei­gent­lich? Mal ganz bö­se ge­fragt, aber kaum glaub­lich: meint er in die­sen letz­ten Sät­zen, es schie­ßen sich oh­ne­hin schon Schwar­ze und La­ti­nos ge­gen­sei­tig über den Hau­fen und jetzt will der wei­ße Bür­ger­mei­ster noch mehr ho­len? Ich traue es mich kaum zu schrei­ben! Oder ste­he ich kom­plett auf dem Schlauch? (Das ist, bit­te, ei­ne tat­säch­lich ernst­ge­mein­te Fra­ge! Ich ver­ste­he es nicht.) Ha­ben wir hier nicht, im Ge­wan­de der Kri­tik, ein trau­ri­ges Do­ku­ment, wie tief ein Den­ken ent­lang von Ras­sen­gren­zen in den USA reicht? Für die Ab­we­ge ei­nes un­re­flek­tier­ten Idea­lis­mus? Denn an den ganz po­si­ti­ven Ab­sich­ten des Ver­fas­sers kann ei­gent­lich gar kein Zwei­fel sein. Ich ha­be ihn je­den­falls nicht. Ich bit­te: wi­der­le­gen Sie mich, lie­be Fo­ri­sten, und sa­gen Sie mir, dass mei­ne In­ter­pre­ta­ti­on Un­sinn ist.

  13. @Jumid
    Ich ver­mag nicht zu be­ur­tei­len, ob das von Stee­le be­schrie­be­ne »Zeit­al­ter der Schuld­ge­füh­le« ein der­ar­ti­ges Mas­sen­phä­no­men war wie er glaubt. Die Eman­zi­pa­ti­on der Schwar­zen, das Ein­set­zen für Min­der­hei­ten – das wa­ren eben nicht nur An­sin­nen der De­mo­kra­ten, son­dern eben auch ge­tra­gen von gro­ßen Tei­len der Re­pu­bli­ka­ner (die Re­pu­bli­ka­ner der 1980er Jah­re wa­ren »nur« Wirt­schafts­ideo­lo­gen). Stee­le in­ter­pre­tiert die po­li­ti­schen Kor­rekt­hei­ten, die zu ei­nem als ex­zes­si­ve emp­fun­de­nen in­sti­tu­tio­na­li­sier­ten Min­der­hei­ten­schutz führ­ten, als Er­geb­nis ei­ner ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Auf­ar­bei­tung von (wei­ßer) Schuld. Na­tür­lich gab es im­mer auch ras­si­sti­sche Über­grif­fe, aber der Un­ter­schied ist die Äch­tung, mit der in Me­di­en dies in­zwi­schen auf­ge­grif­fen wird.

    In die­ser ste­tig aus­ge­bau­ten künst­li­chen Mi­no­ri­tä­ten-Schutz­bla­se lie­gen die Ur­sa­chen für den Un­mut auch bür­ger­lich-li­be­ra­ler Krei­se. Auf Deutsch­land trans­for­miert könn­te wo­mög­lich man von ei­ner Art »Schlußstrich«-Debatte spre­chen. Wie mich über­haupt Stee­les Schuld­ge­fühl-The­se an der­ar­ti­ge Dis­kus­sio­nen in Deutsch­land um die Ho­lo­caust-Be­wäl­ti­gung er­in­nert (Hi­sto­ri­ker­streit 1986, Wal­ser 1998, di­ver­se AfD-Han­sel).

    Die »Ein­zig­ar­tig­keit« Ame­ri­kas in­ter­pre­tie­re ich als Flos­kel, die dort wie selbst­ver­ständ­lich ge­äu­ßert wird. Tea-Par­ty Ideo­lo­gen nebst Trump-Adep­ten for­mu­lie­ren dar­aus in­zwi­schen wie­der of­fen ei­nen eth­no­lo­gi­schen Über­le­gen­heits­an­spruch. Bei die­ser Ge­le­gen­heit kommt mir Jo­han­nes Raus Spruch in den Sinn: Pa­trio­ten lie­ben ihr Land – Na­tio­na­li­sten has­sen al­le an­de­ren Län­der. Der »nor­ma­le« Ame­ri­ka­ner wä­re dem­zu­fol­ge ein Pa­tri­ot – Trump et. al. hin­ge­gen Na­tio­na­li­sten.

    Dass die Ras­sen­gren­zen in den USA (und nicht nur dort) im­mer noch be­stehen, kann man eben nicht nur an den zahl­rei­chen Über­grif­fen fest­ma­chen, son­dern eben auch in den di­ver­sen po­li­ti­schen »Kor­rekt­hei­ten«, die glau­ben, sol­che Aus­wüch­se durch in­sti­tu­tio­nel­le Re­geln aus­glei­chen zu kön­nen. Ge­nau die­se Po­li­tik ist, so in­ter­pre­tie­re ich den Es­say, ge­schei­tert. Die »Wei­ßen«, so die et­was pla­ka­ti­ve Fort­schrei­bung, schla­gen jetzt wie­der zu­rück. Ei­ni­ge nen­nen es kon­ser­va­ti­ve Re­vo­lu­ti­on; in Wirk­lich­keit ist es nur ein letz­tes Auf­bäu­men, ei­ne Re­stau­ra­ti­on.

    Ich ge­be Ih­nen in ei­nem Recht: Weit­ge­hend un­ge­scho­ren von all den ge­sell­schaft­li­chen Dis­kus­sio­nen bleibt der Ka­pi­ta­lis­mus. Er ist prak­tisch sa­kro­sankt. Es gibt kein se­riö­ses ge­sell­schaft­li­ches Mo­dell, dass ihm die Stirn bie­tet. Der LL hat sich da­mit ar­ran­giert und fin­det es in­zwi­schen gut, wenn Ma­don­na Mil­lio­nen Dol­lar ver­dient.

  14. @Gregor Keu­sch­nig
    Ja, das ha­be ich schon un­ge­fähr ver­stan­den, nur schien mir Stee­le et­was kon­fus. Und ir­gend­wie bei be­sten Ab­sich­ten hin­term Mond. Um es nicht noch ein­mal mit mei­nen Wor­ten sa­gen, will ich ein Bei­spiel ge­ben, was ich da­mit mei­ne. Ich zi­tie­re ei­ne län­ge­re Pas­sa­gen von ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Links­in­tel­lek­tu­el­len, der sehr be­kannt war: Ri­chard Ror­ty, aus sei­nem Buck „Ar­chie­ving Our Coun­try“, auf Deutsch er­schie­nen als: „Stolz auf un­ser Land“. Und mehr links­li­be­ra­les Estab­lish­ment geht nicht, Ror­ty saß qua­si schon als Kind auf dem Schoss von Lio­nel Tril­ling. Er schrieb al­so 1998!, 1998!!, vor fast 20 Jah­ren, fol­gen­des:
    „Im Lau­fe der sieb­zi­ger Jah­re er­starb der Idea­lis­mus der ame­ri­ka­ni­schen Mit­tel­klas­se. Un­ter den Prä­si­den­ten Car­ter und Clin­ton hat sich die de­mo­kra­ti­sche Par­tei über Was­ser ge­hal­ten, in­dem sie sich von den Ge­werk­schaf­ten und je­dem Ge­dan­ken an Um­ver­tei­lung los­sag­te und in ein ste­ri­les Va­ku­um be­gab, das sich die „Mit­te“ nann­te. Die Par­tei hat­te kei­nen sicht­ba­ren und ver­nehm­li­chen lin­ken Flü­gel mehr – mit dem sich die In­tel­lek­tu­el­len iden­ti­fi­zie­ren und auf den sich die Ge­werk­schaf­ten ver­las­sen konn­ten. Es ist, als wä­ren Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­tei­lung für al­le am­tie­ren­den Po­li­ti­ker – nicht zu re­den von ei­nem am­tie­ren­den Prä­si­den­ten – ein so hei­ßes Ei­sen ge­wor­den, daß man dar­über nie ein Wort ver­liert. Die Po­li­ti­ker fürch­ten, bei den ein­zi­gen Ame­ri­ka­nern Stim­men zu ver­lie­ren, die flei­ßig zur Wahl ge­hen: den Bes­ser­ge­stell­ten. Da­her ist die Ent­schei­dung zwi­schen den bei­den gro­ßen Par­tei­en her­un­ter­ge­kom­men zu ei­ner zwi­schen zy­ni­schen Lü­gen und er­schrocke­nem Schwei­gen.
    Wenn die Bil­dung erb­li­cher Ka­sten un­be­hin­dert wei­ter­geht und der Glo­ba­li­sie­rungs­druck sol­che Ka­sten nicht nur in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, son­dern auch in den an­de­ren al­ten De­mo­kra­ti­en er­zeugt, lan­den wir bei ei­ner Or­well­schen Welt. Viel­leicht gibt es dort kei­nen über­na­tio­na­len Gro­ßen Bru­der und kei­ne of­fi­zi­el­le Ideo­lo­gie wie Ingsoc. Aber es wird ei­ne Par­al­le­le zur „in­ne­ren Par­tei“ ge­ben – näm­lich die in­ter­na­tio­na­len, kos­mo­po­li­ti­schen Su­per­rei­chen. Sie wer­den al­le wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen tref­fen. Die Par­al­le­le zu Or­wells „äu­ße­rer Par­tei“ sind dann die gut aus­ge­bil­de­ten und gut ge­stell­ten kos­mo­po­li­ti­schen Fach­leu­te – Linds „Über­klas­se“, Leu­te wie Sie und ich.
    Die­se wer­den da­für sor­gen, daß die Ent­schei­dun­gen der in­ne­ren Par­tei glatt und ef­fek­tiv um­ge­setzt wer­den. Es wird im In­ter­es­se der in­ter­na­tio­na­len Su­per­rei­chen lie­gen, daß die­se un­se­re Klas­se ver­hält­nis­mä­ßig gut ge­stellt und zu­frie­den ist. Denn sie brau­chen Leu­te, die sich als die po­li­ti­sche Klas­se der na­tio­na­len Staa­ten aus­ge­ben kön­nen. Da­mit die Pro­le­ta­ri­er still­hal­ten, müs­sen die Su­per­rei­chen den An­schein auf­recht­erhal­ten, daß die na­tio­na­le Po­li­tik ei­nes Ta­ges et­was än­dern könn­te. Da die wirt­schaft­li­chen Ent­schei­dun­gen ih­re ei­ge­ne Sa­che sind, wer­den sie den Po­li­ti­kern der Lin­ken wie der Rech­ten na­he­le­gen, sich auf kul­tu­rel­le Fra­gen zu spe­zia­li­sie­ren (An­mer­kung Ror­ty: Da­ni­el Bell hat recht, wenn er in ei­nem Ar­ti­kel mit dem Un­ter­ti­tel „Die Äng­ste der Mit­tel­schicht las­sen Klas­sen­kämp­fe in Kul­tur­kämp­fe um­schla­gen“ schreibt, es ge­be „ei­ne Ver­schie­bung von der Wirt­schaft auf die Kul­tur bei der Be­stim­mung der ge­sell­schaft­li­chen Tren­nungs­li­ni­en“. Die aka­de­mi­sche Lin­ke und die „kon­ser­va­ti­ven In­tel­lek­tu­el­len“ – zum Bei­spiel die Leit­ar­tik­ler des Wall Street Jour­nal – ha­ben da­bei zu­sam­men ge­wirkt. An­mer­kung En­de). Die Pro­le­ta­ri­er sol­len an et­was an­de­res den­ken – die un­te­ren drei Vier­tel der Ame­ri­ka­ner und die un­te­ren 95 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung sol­len sich über eth­ni­sche und re­li­giö­se Fra­gen strei­ten und über Se­xu­al­mo­ral dis­ku­tie­ren. Wenn sie von ih­rer Hoff­nungs­lo­sig­keit durch me­dia­le Pseu­do­er­eig­nis­se ab­ge­lenkt wer­den kön­nen, zu de­nen ge­le­gent­lich auch ein kur­zer und blu­ti­ger Krieg ge­hört, dann ha­ben die Su­per­rei­chen we­nig zu be­fürch­ten.
    Die Vor­stel­lung ei­ner sol­chen Welt legt zwei Re­ak­tio­nen der Lin­ken na­he. Die ei­ne ist das Be­har­ren auf der For­de­rung, daß die Un­gleich­hei­ten zwi­schen den Na­tio­nen ge­mil­dert wer­den müs­sen – daß ins­be­son­de­re der Nor­den sei­nen Reich­tum mit dem Sü­den tei­len muß. Die an­de­re lau­tet, daß je­der de­mo­kra­ti­sche Na­tio­nal­staat zu­erst ge­gen­über sei­nen ei­ge­nen be­nach­tei­lig­ten Bür­gern Ver­ant­wor­tung trägt. Die­se bei­den Re­ak­tio­nen bil­den of­fen­sicht­lich ei­nen Ge­gen­satz. Ins­be­son­de­re läuft ja die er­ste dar­auf hin­aus, daß die al­ten De­mo­kra­ti­en ih­re Gren­zen öff­nen, und die zwei­te, daß sie sie schlie­ßen soll­ten (An­mer­kung Ror­ty: Der Ge­gen­satz zwi­schen den bei­den Re­ak­tio­nen zeig­te sich an­schau­lich bei ei­nem „Sit-In For La­bour“ am 3. Und 4.10.1996 an der Co­lum­bia Uni­ver­si­ty. Or­lan­do Pat­ter­son, der her­vor­ra­gen­de Hi­sto­ri­ker der Skla­ve­rei, mein­te, die Gren­ze zu Me­xi­ko müs­se frü­her oder spä­ter ge­schlos­sen wer­den, um die ame­ri­ka­ni­schen Ar­bei­ter zu schüt­zen. Es gab Zwi­schen­ru­fe „Was ist mit den Ar­bei­tern in der drit­ten Welt?“ Schwar­ze Wis­sen­schaft­ler wer­den von ei­nem vor­wie­gend wei­ßen und lin­ken Pu­bli­kum sel­ten aus­ge­buht, doch hier ge­schah es. Ich fürch­te, daß das von Pat­ter­son auf­ge­wor­fe­ne Pro­blem zu den schärf­sten Kon­tro­ver­sen in­ner­halb der ame­ri­ka­ni­schen Lin­ken des 21. Jahr­hun­derts füh­ren wird. Ich wünsch­te, ich hät­te ein paar gu­te Ide­en, aber ich ha­be kei­ne – An­mer­kung En­de.)
    Die er­ste Re­ak­ti­on liegt der aka­de­mi­schen Lin­ke na­he, die schon im­mer in­ter­na­tio­nal ge­sinnt war. Die zwei­te liegt den Mit­glie­dern der Ge­werk­schaf­ten na­he und den Un­ter­be­schäf­tig­ten, die am an­fäl­lig­sten für rech­te po­pu­li­sti­sche Be­we­gun­gen sind. Die Ge­werk­schafts­mit­glie­der in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten muß­ten da­bei zu­se­hen, wie ein Be­trieb nach dem an­de­ren ge­schlos­sen – und nach Slo­ve­ni­en, Thai­land oder Me­xi­ko ver­legt wur­de. Es ist kein Wun­der, wenn das Er­geb­nis des in­ter­na­tio­na­len Frei­han­dels für sie so aus­sieht: Wohl­stand für Ma­na­ger und Ak­tio­nä­re, Ver­bes­se­rung des Le­bens­stan­dards für Ar­bei­ter in den Ent­wick­lungs­län­dern und star­ke Ver­schlech­te­rung für die ame­ri­ka­ni­schen Ar­bei­ter. Es wä­re kein Wun­der, wenn in ih­ren Au­gen die ame­ri­ka­ni­sche In­tel­li­genz auf der Sei­te der Ma­na­ger und Ak­tio­nä­re stün­de – mit den glei­chen Klas­sen­in­ter­es­sen. Denn wir In­tel­lek­tu­el­len, zu­meist Hoch­schul­leu­te, sind min­de­stens kurz­fri­stig von den Aus­wir­kun­gen der Glo­ba­li­sie­rung gut ge­schützt. Und noch schlim­mer, wir schei­nen oft stär­ker an den Ar­bei­tern in den Ent­wick­lungs­län­dern als am Schick­sal un­se­rer ei­ge­nen Mit­bür­ger in­ter­es­siert zu sein.
    Vie­le Au­toren der So­zi­al- und Wirt­schafts­po­li­tik ha­ben da­vor ge­warnt, daß die al­ten in­du­stria­li­sier­ten De­mo­kra­ti­en auf ei­ne Pe­ri­ode ähn­lich der Wei­ma­rer Re­pu­blik zu­steu­ern, in der po­pu­li­sti­sche Be­we­gun­gen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ge­walt stür­zen könn­ten. So meint Ed­ward Lutt­wak, daß der Fa­schis­mus Ame­ri­kas Zu­kunft sein könn­te. Die Quint­essenz sei­nes Bu­ches „The End­an­ge­red Ame­ri­can Dream“ geht da­hin, daß Ge­werk­schafts­mit­glie­der und nicht­or­ga­ni­sier­te un­ge­lern­te Ar­bei­ter frü­her oder spä­ter er­ken­nen wer­den, daß ih­re Re­gie­rung nicht ein­mal ver­sucht, et­was ge­gen sin­ken­de Löh­ne und Ex­port von Ar­beits­plät­zen zu tun. Et­wa gleich­zei­tig wür­den sie er­ken­nen, daß die bes­ser­ge­stell­ten An­ge­stell­ten – die selbst die größ­te Angst vor dem Ab­stieg ha­ben – kei­ne hö­he­ren Steu­ern für So­zi­al­lei­stun­gen an an­de­re ak­zep­tie­ren wer­den.
    An die­sem Punkt wer­de es ei­nen Bruch ge­ben. Die är­me­ren Wäh­ler wür­den zu dem Schluß kom­men, daß das Sy­stem ver­sagt ha­be, und ei­nen star­ken Mann wäh­len wol­len, der ih­nen ver­spricht, daß un­ter ihm die fei­nen Bü­ro­kra­ten, raf­fi­nier­ten An­wäl­te, über­be­zahl­te An­la­ge­be­ra­ter und post­mo­der­ni­sti­schen Pro­fes­so­ren nicht mehr das Sa­gen ha­ben wer­den. Dann könn­te es zu ei­nem Ver­lauf kom­men wie in Sin­c­lair Le­wis Ro­man „It Can´t Hap­pen He­re“. Denn wenn ein­mal ein sol­cher star­ker Mann im Sat­tel sitzt, könn­te nie­mand vor­aus­se­hen, was pas­siert. 1932 wa­ren die mei­sten Vor­aus­sa­gen dar­über, was ge­sche­hen wür­de, wenn Hit­ler zum Kanz­ler er­nannt wür­de, maß­los über­op­ti­mi­stisch.
    Ei­nes dürf­te sehr wahr­schein­lich ge­sche­hen: Die Fort­schrit­te der schwar­zen und brau­nen Ame­ri­ka­ner und der Ho­mo­se­xu­el­len in den letz­ten vier­zig Jah­ren wür­den weg­ge­fegt. Man wür­de wie­der wit­zelnd ver­ächt­lich über Frau­en re­den. Die Wör­ter „Nig­ger“ und „It­zig“ wür­den wie­der am Ar­beits­platz zu hö­ren sein. Der gan­ze Sa­dis­mus, den die aka­de­mi­sche Lin­ke für ih­re Stu­den­ten un­an­nehm­bar ma­chen woll­te, wür­de zu­rück­flu­ten. Die gan­zen Res­sen­ti­ments, die Ame­ri­ka­ner mit schlech­ter Schul­bil­dung da­ge­gen ha­ben, daß ih­nen die Aka­de­mi­ker gu­te Sit­ten vor­schrei­ben wol­len, wür­de ein Ven­til fin­den.
    Doch ei­ne sol­che Wie­der­kehr des Sa­dis­mus wür­de die Aus­wir­kun­gen des Ego­is­mus nicht än­dern. Denn mein hy­po­the­ti­scher star­ker Mann wür­de sich rasch mit den in­ter­na­tio­na­len Su­per­rei­chen ar­ran­gie­ren, ge­nau wie Hit­ler mit den deut­schen In­du­stri­el­len. Er wür­de im ruhm­rei­chen Ge­den­ken an den Golf­krieg mi­li­tä­ri­sche Aben­teu­er vom Zaun bre­chen, die ei­ne kurz­zei­ti­ge Wirt­schafts­blü­te nach sich zie­hen. Es wä­re ei­ne Ka­ta­stro­phe für das Land und die Welt. Die Men­schen wür­den sich fra­gen, war­um sein ver­meid­ba­rer Auf­stieg auf so we­nig Wi­der­stand ge­sto­ßen war. Wo, so wür­den sie fra­gen, war die ame­ri­ka­ni­sche Lin­ke? War­um ha­ben nur rech­te wie Buchanan zu den Ar­bei­tern über die Fol­gen der Glo­ba­li­sie­rung ge­spro­chen? War­um konn­te die Lin­ke die wach­sen­de Em­pö­rung der neu­er­lich ver­arm­ten nicht ka­na­li­sie­ren?
    Es heißt oft, wir Ame­ri­ka­ner am En­de des 20. Jahr­hun­derts hät­ten kei­ne Lin­ke mehr. Da nie­mand das Vor­han­den­sein der, wie ich es nen­ne, kul­tu­rel­len Lin­ke be­zwei­felt, läuft es auf das Ein­ge­ständ­nis hin­aus, daß die Lin­ke un­fä­hig ist, sich in die na­tio­na­le Po­li­tik ein­zu­schal­ten. Es ist kei­ne Lin­ke, von der man ver­lan­gen kann, sich mit den Fol­gen der Glo­ba­li­sie­rung aus­ein­an­der zu set­zen. Wenn die heu­ti­ge kul­tu­rel­le Lin­ke das Land dar­auf vor­be­rei­ten soll, müß­te sie sich wan­deln und mit den Re­sten der al­ten re­for­mi­sti­schen Lin­ken und ins­be­son­de­re mit den Ge­werk­schaf­ten Ver­bin­dun­gen auf­neh­men. Sie wür­de we­sent­lich mehr über Geld re­den müs­sen und we­ni­ger über Stig­ma­ta.“

  15. Zu #7 (spä­ter, Rich­tung Wo­chen­en­de, mehr):

    Nun, die Vor­zei­chen­um­kehr funk­tio­niert doch ge­ra­de nicht, wenn der Links­li­be­ra­lis­mus ei­ne Se­kun­därideo­lo­gie dar­stellt, ei­ne Sicht­wei­se die ich tei­le, es sei denn die AFD wä­re ein ver­gleich­ba­res Kon­strukt. Der Links­li­be­ra­lis­mus ist ei­ne hy­bri­de Kon­struk­ti­on, ei­ne Apo­rie, links und bür­ger­lich, das geht im Grund­satz ei­gent­lich nicht zu­sam­men (mir sind da halb­wegs ge­mä­ßig­te Ideo­lo­gen egal wel­cher Sei­te al­le­mal lie­ber, die ver­tre­ten we­nig­stens ei­nen Stand­punkt über den man strei­ten kann).

    Ich ken­ne die ame­ri­ka­ni­schen Dis­kus­sio­nen zu we­nig, aber die Kor­rup­ti­on ist doch der Kern oder nicht? Kor­rup­ti­on be­deu­tet doch, sei­ne Idea­le – wis­sent­lich oder un­wis­sent­lich – auf­ge­ge­ben zu ha­ben. Und be­deu­tet es nicht auch, dass die Welt so ein­fach eben nicht ist, wie man be­haup­tet, dass gut und bö­se sich mehr und mehr als die be­rühm­ten Grau­tö­ne, von de­nen eher sel­ten ge­spro­chen wird, her­aus­stel­len. Man hat al­so nicht nur das wo­für man steht auf­ge­ge­ben, son­dern auch je­de auch nur halb­wegs ak­ku­ra­te Be­schrei­bung po­li­ti­scher und ge­sell­schaft­li­cher Rea­li­tät. Was ist das an­de­res, als ein um­fas­sen­des Ver­sa­gen?

  16. zu Ju­mid, und »Ich bit­te: wi­der­le­gen Sie mich, lie­be Fo­ri­sten, und sa­gen Sie mir, dass mei­ne In­ter­pre­ta­ti­on Un­sinn ist.«.

    Da Sie es schon selbst ah­nen, deu­te ich die Sa­che nur leicht an: Sie ha­ben Stee­le ganz klas­sisch de­kon­stru­iert. Sie ge­ben die Denk­be­we­gung in ih­rer Frag­wür­dig­keit wie­der, re­kur­rie­ren auf al­le mög­li­chen Schwä­chen, ver­pas­sen aber das was @Gregor sag­te: es han­delt sich um ei­ne »selbst­be­zo­ge­ne Ab­rech­nung«, al­so ei­ne Re­ne­ga­ten-In­ter­pre­ta­ti­on. Kein Re­pu­bli­ka­ner hät­te sich der­art viel Mü­he ge­macht. In die­ser selbst­kri­ti­schen Be­we­gung wech­seln sich die Aus­sa­gen wel­che das Sub­jekt be­tref­fen, und die Aus­sa­gen, wel­che die Ver­hält­nis­se be­tref­fen, ei­ni­ger­ma­ßen sinn­voll ab.
    Wenn Sie al­les in Zwei­fel zie­hen (Wie war das mit dem wei­ßen Schuld­ge­fühl in den Sech­zi­ger Jah­ren, wo sind die Au­gen- und Her­zens­zeu­gen...), dann bleibt na­tür­lich nichts mehr üb­rig. Stee­le füllt selbst­ver­ständ­lich al­le Sub­jekt-Po­si­tio­nen still und heim­lich selbst aus. Das nennt man aukt­oria­les Sub­jekt.
    Ich kann Sie den­noch ver­ste­hen in ih­rer epi­ste­mi­schen Wü­te­rei. Ge­sell­schafts­po­li­tisch ist der Dis­kurs manch­mal ganz schön ab­ge­fah­ren, da fehlt nicht viel, und der gu­te Wil­le ist er­schöpft. Auch so ein ZEIT-Zei­chen, die Er­schöp­fung vor den welt­hal­ti­gen Ana­ly­sen.
    Ich kann mir vor­stel­len, dass Sie auf der Su­che nach der »ab­so­lu­ten Kri­tik« sind, al­so ei­ne Ana­ly­se her­bei­wün­schen die we­ni­ger selbst­be­zo­gen als mög­lichst ob­jek­tiv wä­re. Ich fürch­te aber so et­was gibt es nicht. Die kri­ti­sche Be­we­gung hat im­mer ih­re Selbst­set­zun­gen ge­habt, das macht sie frei­lich enorm zwei­deu­tig. Aber das ist ein echt phi­lo­so­phi­sches Pro­blem. Da­zu kann viel­leicht @mete et­was sa­gen.

  17. zu Ror­ty: Gra­tu­lie­re zum Zi­tat, das nen­ne ich die Kunst des Hell­se­hens. Kern der kul­tu­ra­li­sti­schen Wen­de ist ein ein­zi­ger klei­ner Ent­schluss:
    »Die Pro­le­ta­ri­er sol­len an et­was an­de­res den­ken – die un­te­ren drei Vier­tel der Ame­ri­ka­ner und die un­te­ren 95 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung sol­len sich über eth­ni­sche und re­li­giö­se Fra­gen strei­ten und über Se­xu­al­mo­ral dis­ku­tie­ren.«
    Da­mit wird das Bünd­nis mit den Ge­werk­schaf­ten auf­ge­ge­ben, und die Un­si­cher­heit der Exi­stenz the­ma­tisch aus­ge­klam­mert. Ty­pisch bür­ger­lich, wa­ge ich zu be­haup­ten: Es geht im­mer dar­um, das Geld bei­sei­te zu las­sen, um Be­zie­hun­gen ent­we­der zu pfle­gen oder in die Kri­se zu trei­ben (Kri­tik der Se­xu­al­mo­ral o.ä.). Geld und sei­ne Im­pli­ka­tio­nen sind ein Kon­flikt­stoff, den man po­lit-stra­te­gisch zu er­set­zen sucht.

    Ich fin­de das Zi­tat zu aus­führ­lich, aber Klas­se!

  18. @Jumid
    Dan­ke für den Ror­ty-Aus­zug, der sehr in­ter­es­sant ist. Mit ei­ner ge­wis­sen Por­ti­on Über­poin­tie­rung wür­de ich sio­gar wei­ter ge­hen: Ame­ri­ka hat nicht nur kei­ne Lin­ke mehr (und das 1998), son­dern es gab noch nie ei­ne de­zi­diert lin­ke po­li­ti­sche Kraft (bzw.: wenn es sie gab, war sie nie be­deu­tend und ein­fluss­reich). Da­bei ist die Un­ter­schei­dung ei­ner »kul­tu­rel­len Lin­ke« und der wirt­schafts­po­lit­schen Lin­ke sehr hilf­reich. Das, was wir al­so hier als Links­li­be­ra­lis­mus sub­su­mie­ren ist dem­zu­fol­ge ei­ne kul­tu­rel­le, welt­an­schau­li­che Lin­ke, die sich für ge­sell­schaft­li­che Gleich­stel­lung ein­setzt. Aber dies soll in ei­nem glo­bal-ka­pi­ta­li­sti­schen Sy­stem er­fol­gen, dass nicht hin­ter­fragt wird. Da­her kön­nen die Hol­ly­wood-Mil­lio­nä­re ih­re Bil­lig­müt­chen bei Cha­ri­ty-Ver­an­stal­tun­gen küh­len und groß­her­zig An­ti-Trump-Re­den schwin­gen, oh­ne dass man sie von Her­zen aus­lacht.

    Aber ist auch bei Ror­ty nicht ei­ne Spur Nost­al­gie zu spü­ren? Die Nost­al­gie nach den frü­he­ren Zei­ten, als es die Lin­ke noch gab? Das er­in­nert mich an Packers Do­ku-Fic­tion, in der der Er­zäh­ler auch im­mer sug­ge­riert, dass es in den 60ern, 70ern ir­gend­wie bes­ser war, und zwar nicht ge­sell­schaft­lich und kul­tu­rell (Ras­sis­mus! Viet­nam!), son­dern öko­no­misch (Ge­werk­schaf­ten! Jobs!). Die­sen Spa­gat zwi­schen ge­sell­schaft­li­chem Pro­gres­siv­sein und öko­no­mi­scher »Ver­nunft« (die muss nicht di­rekt an­ti­ka­pi­ta­li­stisch sein), be­kom­men die De­mo­kra­ten nicht mehr hin. Da­her wech­selt auch der Prä­si­dent stän­dig zwi­schen die­sen bei­den Po­len. Ich glau­be nach dem Krieg steht es nach Amts­jah­ren 36:36 (oh­ne Trump). Je län­ger ich mich da­mit be­schäf­ti­ge, um­so in­ter­es­san­ter er­scheint mir das Phä­no­men San­ders bei den Vor­wah­len. Der war prak­tisch aus dem Nichts er­schie­nen und konn­te vie­le De­mo­kra­ten be­gei­stern. Durch sei­ne wirt­schaft­po­li­ti­sche Agen­da war er aber für die po­ten­ti­el­len Wech­sel­wäh­ler (mal REP, mal DEM) viel zu »links«.

    Das Ge­re­de von der »Ein­zig­ar­tig­keit Ame­ri­kas« ist der letz­te Fa­den, der die di­ver­gie­ren­den po­li­ti­schen La­ger noch ir­gend­wie zu­sam­men­hält. Er ba­siert auf den Grün­dun­gy­my­then ei­ner Ein­wan­de­rer­ge­sell­schaft, in der je­der mit glei­chen Be­din­gun­gen »von vor­ne« an­fan­gen kann. Das war und ist na­tür­lich ein Ide­al, dass es in der Pra­xis eher nicht gab, aber es gibt und gab im­mer ge­nug Bei­spie­le, wie es auch funk­tio­niert hat. Da­bei wur­de »Er­folg« im­mer öko­no­misch kon­no­tiert – und sei es, dass die schwar­ze Ar­bei­ter­toch­ter ei­nen Stu­di­en­ab­schluss hat und in ei­ner gu­ter Po­si­ti­on be­schäf­tigt ist. In den USA wird mehr als in Eu­ro­pa al­les ein­ge­preist und mo­ne­ta­ri­stisch be­wer­tet.

  19. @die_kalte_Sophie
    Dan­ke für die Kri­tik, da tref­fen Sie ei­nen Punkt mit der epi­ste­mi­schen Wü­te­rei, das ist si­cher tref­fend aus­ge­drückt. Da kommt der As­pekt, den Stee­le an­spricht, et­was un­ter die Rä­der. Und viel­leicht hät­te ich das Zi­tat nicht ein­lei­ten sol­len mit der Be­mer­kung (@ Gre­gor Keu­sch­nig), daß ich das schon so un­ge­fähr ver­stan­den ha­be, son­dern da­mit, daß ich aus den An­mer­kun­gen ent­neh­me, daß ich die Per­spek­ti­ve des Au­tors viel­leicht durch mei­ne Kri­tik auch ver­zeich­ne. Das sei zu­ge­stan­den.
    Daß das Zi­tat, nicht nur et­was, zu lang ist, sei auch zu­ge­stan­den, fiel mir schon vor dem Po­sting auf, und ich ha­be ver­sucht, es zu kür­zen. Aber mir kam es bei dem Zi­tat auf die Ge­dan­ken­be­we­gung an. Ich fand kei­ne Kür­zung, oh­ne die­se zu zer­stö­ren. Es klingt sehr ein­fach, was er schreibt, ist aber sehr klug auf den Punkt ge­bracht. Und in die­ser et­was un­pas­sen­den Län­ge kommt so schön her­aus, daß Ror­ty, was er wahr­nimmt und re­gi­striert, zu­nächst ein­mal ernst nimmt. Und das ist über­zeu­gend. Auf den er­sten Blick zählt er ein­fach mal Ein­sund­eins zu­sam­men, und sie­he da –Über­ra­schung! – es ist Zwei! Und auf den zwei­ten Blick? Ist es haar­ge­nau so, es bleibt Zwei! Man denkt sich, kann doch nicht so schwer sein. Das ist gro­ße Kunst. Er kri­ti­siert ja auch die Phä­no­me­ne heu­ti­ger LL´s oh­ne sie zu dif­fa­mie­ren, ganz im Ge­gen­teil. Und er sieht das Ver­dienst, die klas­si­sche lin­ke Per­spek­ti­ve aus gu­ten Grün­den er­wei­tert zu ha­ben, weil sich in ei­ner eher öko­no­mi­sti­schen Per­spek­te nicht qua­si als Ne­ben­pro­dukt ei­ne Gleich­be­rech­ti­gung von Min­der­hei­ten er­gibt. Das ist, bei al­ler heu­ti­gen be­rech­tig­ten Kri­tik, das blei­ben­de Ver­dienst der LL. In­so­fern war das Bei­spiel als ei­nes zi­tiert, wie man es auch ma­chen könn­te, oh­ne auf wi­der­sprüch­li­che und schein­ra­di­ka­le Art sich in den Apo­ri­en der ei­ge­nen Po­si­ti­on zu ver­hed­dern wie das m.E. Stee­le un­ter­läuft. Und die Fra­ge, ob der Text wirk­lich in Tei­len so wirr ist, wie ich ihn schluss­end­lich wahr­nahm, oder ob er bei mir be­dau­er­li­cher­wei­se ein in­tel­lek­tu­el­les Schleu­der­trau­ma in­du­ziert hat, war schon durch­aus ernst ge­meint und nicht nur rhe­to­risch. Und da dan­ke ich doch für den feuch­ten Um­schlag, das schien nö­tig.
    Weil ich selbst be­merkt ha­be, daß das Zi­tat zu lang war, ha­be ich mir das Ver­dienst er­wor­ben, mir ein in ei­ne ähn­li­che Rich­tung ge­hen­des Zi­tat von Dah­ren­dorf von 2001 zu ver­knei­fen (un­ter Schmer­zen, weil es ähn­lich tref­fend ist!). Dort spricht er über das, was er die glo­ba­le Klas­se nennt mit Prä­zi­si­on und Iro­nie. Il­lu­strie­ren könn­te man das mit ei­ner al­ten – ich glau­be es war Wel­la? – Wer­bung für ei­nen Haar­fe­sti­ger, vie­le wer­den sie noch ken­nen. Da steigt in drei Sze­nen ei­ne schö­ne Frau aus ei­nem Flug­zeug: Rom, Son­ne – die Fri­sur sitzt, Lon­don, Re­gen – die Fri­sur sitzt; Os­lo, Wind – die Fri­sur sitzt! Er be­schreibt gut das kul­tu­rel­le Ide­al, daß hier von die­ser Klas­se in wei­te Tei­le der Ge­sell­schaft dif­fun­diert, oh­ne et­was mit ih­ren Le­bens­mög­lich­kei­ten zu tun ha­ben. In ih­rem Le­ben geht es nicht ums Flug­zeug, eher um die U‑Bahn, nicht um Rom, Lon­don, Pa­ris son­dern um Wed­ding, Rei­nicken­dorf und Hel­lers­dorf, und auch nicht um die stän­dig ge­pfleg­te, schicke Lang­haar­fri­sur son­dern den klas­si­schen, selbst­ge­stutz­ten Mecki­schnitt. Die Ant­wort ei­nes lan­ge ein­ge­ris­se­nen Dis­kur­ses dar­auf ist ei­gent­lich nur: Wo ist das Pro­blem, kön­nen doch al­le ihr Haar of­fen tra­gen? Es geht letzt­lich in ei­ner ganz fun­da­men­ta­len Wei­se um ei­ne zy­ni­sche Po­li­tik der Be­schä­mung. Scham ist et­was ganz Ele­men­ta­res, ein kor­re­spon­die­ren­des Ge­fühl ist Wut.
    Dah­ren­dorfs Be­mer­kun­gen hat­te ich im Hin­ter­kopf, als ich oben Ma­don­na und Steu­er­erhö­hun­gen an­führ­te: „Ma­don­na lebt lie­ber in Eng­land als in den USA, aber um ih­re Kin­der zur Welt zu brin­gen, geht sie nach Ame­ri­ka, weil ihr die eng­li­schen Kran­ken­häu­ser nicht ge­fal­len. Sie hat ganz be­stimmt kein In­ter­es­se an der po­li­ti­schen De­bat­te über die öf­fent­li­che Fi­nan­zie­rung des Ge­sund­heits­we­sens in Groß­bri­tan­ni­en.“ Da geht es nicht bloß um die Hö­he des Ein­kom­mens, das ihr herz­lich ge­gönnt sei, son­dern um ei­ne Form der Macht und der Herr­schaft. Das hat sehr weit rei­chen­de Fol­gen, die­ses zeigt auch Ror­ty. Mir schien, auch des­we­gen mein even­tu­ell et­was ver­zer­ren­der Fu­ror, Tex­te, die die­sen Punkt ver­feh­len, sind nicht auf der Hö­he des Pro­blems.

  20. @Gregor Keu­sch­nig
    Ja, die­se sä­ku­la­re ame­ri­ka­ni­sche Bür­ger­theo­lo­gie hat so ih­re Zwei­schnei­dig­kei­ten, wes­halb ich die Be­ru­fung dar­auf im Text von Stee­le – ob­wohl häu­fig und oft ne­ben­bei ge­tan – nicht nur für ei­ne Ne­ben­be­mer­kung hielt und auf­spieß­te. Liest man das gan­ze Buch (lei­der auf Deutsch lan­ge ver­grif­fen) von Ror­ty, be­kommt man das so­li­da­ri­sche, prag­ma­tisch-men­schen­freund­li­che die­ser – tja, man muß sa­gen – fast my­thi­schen Welt­an­schau­ung sehr deut­lich be­schrie­ben. Er re­kur­riert auf Jef­fer­son, Whit­man, Dew­ey – und ich las das ger­ne, ob­wohl ich dar­in kei­ne eu­ro­päi­sche Mög­lich­keit se­he. Das ist eben sehr ame­ri­ka­nisch. Gleich­zei­tig hat die­ses dar­aus ab­ge­lei­te­te Sen­dungs­be­wußt­sein des neu­en Je­ru­sa­lem, des Aus­er­wähltseins, des Got­tes­bun­des auch ei­ne ex­trem ge­walt­tä­ti­ge Sei­te. Bush und Trump ha­ben die­ses Sen­dungs­be­wußt­sein auf ih­re Art eben auch. Ei­nen Ror­ty hät­te ich – trotz al­ler Dif­fe­ren­zen – gern an mei­ner Sei­te, die an­de­ren bei­den eher nicht. Nur ist bei­der Grund­la­ge so ver­schie­den gar nicht.
    Ei­ne Spur Nost­al­gie hat Ror­ty oh­ne Zwei­fel, nach 20 Jah­ren ist das viel­leicht so­gar deut­li­cher als mir das bei der er­sten Lek­tü­re er­schien. Aber die­se Nost­al­gie macht doch im­mer­hin ihn se­hend, so­gar vor­aus­se­hend, wo an­de­re ein­fach nur bass er­staunt sind, was sich denn da neu­er­dings und plötz­lich so al­les zu­trägt. Be­ein­druckend fand ich die Wahl­nacht, in der ich vor der Glot­ze saß, Phoe­nix über­trug ei­nen ame­ri­ka­ni­schen Sen­der live, ich weiß nicht mehr wel­chen, ein gro­ßes Net­work. Da stan­den die ge­sam­mel­ten Chef­kom­men­ta­to­ren der gro­ßen Zei­tun­gen, Wa­shing­ton Post, NY Times, LA Times und stam­mel­ten. Die wuss­ten sicht­lich nicht, wie ih­nen ge­schah. Das war ein gro­ßer Fern­seh­mo­ment, ei­ner, in dem die Din­ge flüs­sig sind, ei­ner je­ner Mo­men­te, be­vor sich al­le wie­der mit ei­ner Pla­cebo­flos­kel im­mu­ni­sie­ren, be­vor die neu­este Dia­gno­se in ih­rer er­ha­ben­sten, nichts­sa­gen­den All­ge­mein­heit wie­der auf die kol­lek­ti­ve Rücken­marks­ebe­ne ab­ge­sun­ken ist. Das war groß­ar­tig. Ein Text wie der von Ror­ty er­in­nert dar­an, das Neu­ig­kei­ten oft auf Ver­gess­lich­keit be­ru­hen.
    Und dann stellt sich Me­ryl Streep bei ei­ner der gro­ßen Hol­ly­wood Selbst­fei­ern hin und ruft, wir las­sen uns doch nicht un­se­re schö­ne Welt ka­putt ma­chen. To­sen­der Bei­fall! Das ist ein wei­te­rer Ma­don­na­mo­ment. Wo lebt die ei­gent­lich? Wel­cher Grad an in­ter­es­sier­ter Nai­vi­tät ist ei­gent­lich noch er­träg­lich? Da ha­ben Sie Recht mit dem „Bil­lig­müt­chen“ der Hol­ly­wood­pro­mi­nenz.

  21. zu Ju­mid: Ror­ty boxt ei­ne Ge­wichts­klas­se hö­her als Stee­le, des­halb hat er mehr (Ach­tung Ka­lau­er!) Tref­fer.
    Wie al­le Phi­lo­so­phen hat er Angst vor dem Kul­tur­ver­lust, aber auch das ist zu­letzt ja nur ein State­ment. Man weiß ja, dass es die schlim­men Ecken gibt, es darf nur nie­mals in der Mit­te der Ge­sell­schaft an­kom­men.
    Ich ha­be Ror­ty ge­lobt, aber auch sei­ne se­he­ri­schen Kräf­te sind be­schränkt. Die Wie­der­kehr des Rü­pels ist nicht die Wie­der­kehr des Dik­ta­tors. An die­ser Stel­le be­geht Ror­ty den üb­li­chen hi­sto­ri­sti­schen Fehl­schluss: »Ei­nes dürf­te sehr wahr­schein­lich ge­sche­hen: Die Fort­schrit­te der schwar­zen und brau­nen Ame­ri­ka­ner und der Ho­mo­se­xu­el­len in den letz­ten vier­zig Jah­ren wür­den weg­ge­fegt. Man wür­de wie­der wit­zelnd ver­ächt­lich über Frau­en re­den. Die Wör­ter „Nig­ger“ und „It­zig“ wür­den wie­der am Ar­beits­platz zu hö­ren sein. «
    Man be­ach­te die Ein­lei­tung, er sagt tat­säch­lich SEHR WAHRSCHEINLICH.
    Das ist na­tür­lich falsch, er ver­mu­tet ja le­dig­lich, von den schlech­ten Ma­nie­rern bis zu ei­nem gleich­ge­schal­te­ten Fa­schis­mus (der üb­ri­gens gar nicht mal so schlech­te Ma­nie­ren hat­te), sei es nur ein kur­zer Schritt. Erst fällt die Eti­ket­te, dann bre­chen die staat­li­chen Struk­tu­ren weg.
    Ich per­sön­lich se­he kei­ne Grund, den Bru­ta­lo-Charme ei­nes Do­nald Trump, der sei­ne fik­ti­ve Sym­pa­thie­fi­gu­ren in Block­bu­ster-Fil­men fin­det, bis hin zur Zwei­deu­tig­keit von Ta­ra­ti­nos Hel­den, als das so­zi­al­psy­cho­lo­gi­sche Pro­blem des Abend­lan­des zu be­han­deln. Das ist doch nur ei­ne Mi­lieu-be­schränk­te Re­fle­xi­on von Ror­ty.
    Frei nach De­leu­ze: Ver­lieb’ Dich nicht in ei­nen Cow­boy, du wür­dest völ­lig ver­ges­sen, wo Du her­kommst und was man Dir dort bei­gebracht hat.
    Das Pro­blem des We­stens: Em­pa­thie ist ei­ne fei­ne Sa­che, aber we­he die Lei­den­schaf­ten kom­men ins Spiel. Da fängt die Welt erst rich­tig an sich zu dre­hen...

  22. Ein so­zu­sa­gen edi­to­ri­scher Hin­weis @Ju­mid und auch an­de­re Mit­dis­ku­tan­ten:
    Das Ror­ty-Zi­tat ist lang, aber es ist eben ei­ner der Vor­zü­ge ei­ner sol­chen Sei­te wie Be­gleit­schrei­ben, dass man (1.) den Raum da­für hat und es auch (2.) den Le­sern und po­ten­ti­el­len Kom­men­ta­to­ren so et­was auch noch oh­ne »schlech­tes Ge­wis­sen«
    zu­mu­ten kann (eben weil es zum The­ma ge­hört). Wenn es al­so nicht zu viel Mü­he macht dann wür­de ich um den Dah­ren­dorf-Aus­zug bit­ten.

  23. @Gregor Keu­sch­nig
    Das tue ich ger­ne. Hier ein Aus­zug aus dem Ge­sprächs­buch „Die Kri­sen der De­mo­kra­tie“ von 2001. Ge­kürzt ha­be ich nur Füll­sel und Bei­spie­le, er­ste Fra­ge pa­ra­phra­siert.
    (Fra­ge an Dah­ren­dorf nach der glo­ba­len Klas­se und der De­mo­kra­tie – kür­zen­de Pa­ra­phra­se JM)
    Dah­ren­dorf: (….) Bei der Be­schrei­bung die­ses Phä­no­mens ha­be ich ei­ne mar­xia­ni­sche, wenn auch nicht mar­xi­sti­sche Fi­gur der Ana­ly­se ver­wen­det. Bis­wei­len se­hen wir uns in der Ge­schich­te neu­en Pro­duk­tiv­kräf­ten ge­gen­über. Im Fal­le der „New Eco­no­my“ ist al­ler­dings „pro­duk­tiv“ das fal­sche Wort, weil es sich hier nicht um Pro­duk­ti­on han­delt. … Wie schon öf­ter in der Ver­gan­gen­heit ent­stand auch im Zu­ge die­ser Ent­wick­lung ei­ne neue so­zia­le Klas­se, die zu Geld kam und das, was Ro­sa­bel­le Moss Kan­ter die un­an­tast­ba­ren Gü­ter nann­te, über die die­se Klas­se ver­füg­te – die drei „C“: con­cepts, com­pe­tence, con­nec­tions -, in Macht um­münz­te. Es wun­dert nicht, dass die­se neue Klas­se die tra­di­tio­nel­len In­sti­tu­tio­nen als hin­der­lich für ih­re Ent­fal­tung be­trach­tet und der Mei­nung ist, sie müss­ten ent­we­der zer­schla­gen oder igno­riert wer­den. Das­sel­be ge­schah näm­lich, als sich in­mit­ten der Feu­dal­ge­sell­schaft die Stadt als der Ort neu­er wirt­schaft­li­cher Mög­lich­kei­ten für Kauf­leu­te und Hand­wer­ker her­aus­bil­de­te. (…. Aus­las­sung, kur­ze Be­mer­kung zum da­ma­li­gen Plat­zen der In­ter­net­bla­se … Ju­mid) Aber auch nach den Zu­sam­men­brü­chen an der Bör­se bleibt eins be­stehen: ei­ne neue Ka­te­go­rie von Per­so­nen, die ei­ne neue Welt schaf­fen wol­len und da­bei sehr reich wer­den.
    Ich fin­de die­se Grup­pe äu­ßerst in­ter­es­sant. Die­se Leu­te rei­sen viel, über­que­ren stän­dig Gren­zen, auch wenn sie in der Busi­ness­lounge ei­nes Flug­ha­fens fest­sit­zen und un­auf­hör­lich per Han­dy te­le­fo­nie­ren: „Wo bist du? In Ho­no­lu­lu? Du Glück­li­cher, ich sit­ze in Frank­furt fest. Aber der Ver­trag ist ab­ge­schlos­sen …. „ Die­se Klas­se ist zwar zah­len­mä­ßig re­la­tiv klein, aber das be­sagt nicht viel. Ich glau­be nicht, dass zu der Zeit, als Marx das „Kom­mu­ni­sti­sche Ma­ni­fest“ schrieb, mehr als ein Pro­zent der Be­völ­ke­rung Eu­ro­pas als Ka­pi­ta­li­sten be­zeich­net wer­den konn­te. Und den­noch war dies da­mals un­be­streit­bar die dy­na­mi­sche Kraft der Welt. Eben­so we­nig glau­be ich, dass heu­te mehr als ein Pro­zent der Be­völ­ke­rung die­ser glo­ba­len Klas­se an­ge­hört. Es gibt je­doch ei­ne gro­ße An­zahl von Per­so­nen, die um die­se glo­ba­le Klas­se kreist, in ih­ren wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Ver­hal­tens­wei­sen von die­ser Klas­se be­ein­flusst wird und ih­re Mo­den, Vor­lie­ben und Ver­hal­tens­wei­sen nach­ahmt. Ich hal­te es nicht für über­trie­ben zu sa­gen, dass heu­te zwan­zig Pro­zent der Be­völ­ke­rung in den wirt­schaft­lich hoch ent­wickel­ten Län­dern im Schat­ten die­ser Klas­se le­ben. Ich mei­ne nicht nur das Per­so­nal auf ih­ren Jach­ten im Mit­tel­meer oder die Be­dien­ste­ten in ih­ren Vil­len in Aca­pul­co, son­dern all je­ne, die von ih­ren Tä­tig­kei­ten ab­hän­gig sind – von den „dot.coms“ über die Me­di­en bis hin zu Thea­ter, Film und Sport – und die da­nach stre­ben, frü­her oder spä­ter eben­falls Teil der glo­ba­len Klas­se zu wer­den. Denn die­se be­stimmt die Trends, weist die Rich­tung, übt kul­tu­rel­le He­ge­mo­nie aus. …..
    Fra­ge: In wel­chem Sin­ne stel­len sie ei­ne Ge­fahr für die De­mo­kra­tie dar?
    Dah­ren­dorf: In dem Sin­ne, dass sie die na­tür­li­che Ten­denz ha­ben, sich den tra­di­tio­nel­len In­sti­tu­tio­nen der De­mo­kra­tie zu ent­zie­hen. Be­reits die Mög­lich­keit, sich in der Welt schran­ken­los zu be­we­gen, ist ei­ne täg­li­che Be­stä­ti­gung sämt­li­cher Vor­ur­tei­le, die sich aus dem Über­schrei­ten al­ler von de­mo­kra­ti­scher, na­tio­na­ler Po­li­tik ge­setz­ten Gren­zen er­ge­ben.
    Da­mit will ich bei­lei­be nicht sa­gen, dass das Ver­hal­ten die­ser Leu­te ein­zig und al­lein die Fol­ge ei­nes zy­ni­schen Stre­bens nach per­sön­li­cher Be­rei­che­rung ist. Es gibt so­zu­sa­gen ein Klas­sen­be­wusst­sein. Zu ih­ren Wer­ten zäh­len die Me­ri­to­kra­tie und ein Den­ken in lan­gen Fri­sten ein­schließ­lich der Nach­hal­tig­keit von Ent­wick­lung. Ich bin bei­spiels­wei­se über­zeugt, dass die „Klas­se“ ein star­kes öko­lo­gi­sches Be­wusst­sein be­sitzt und be­strebt ist, die glo­ba­le Um­welt zu schüt­zen. Al­les, was „glo­bal“ ist, er­scheint ihr als gut. Mit der „lo­ka­len“ Di­men­si­on da­ge­gen scheint sie in Frie­den zu le­ben, nicht in Wi­der­streit (…. Aus­las­sung, ein paar Bei­spie­le da­für ….. JM) Was sie da­ge­gen als ei­ne schlim­me und ana­chro­ni­sti­sche Be­hin­de­rung an­sieht, sind na­tio­na­le Re­gie­run­gen und ih­re Ge­set­ze. In die­sem Sin­ne hat sie die na­tür­li­che Ten­denz, sich über Ent­schei­dun­gen hin­weg zu set­zen, die auf der Ebe­ne der tra­di­tio­nel­len In­sti­tu­tio­nen der De­mo­kra­tie ge­trof­fen wer­den.
    Die an­de­re Ge­fahr, die sich aus der Eta­blie­rung die­ser glo­ba­len Klas­se für die De­mo­kra­tie er­gibt, ist die zwangs­läu­fi­ge Zer­stö­rung der tra­di­tio­nel­len so­zia­len So­li­da­ri­tät, was neue Un­gleich­hei­ten zur Fol­ge hat ( … dann Bei­spiel aus Uni­ver­si­tät Ox­ford …. JM)
    Das Pro­blem der glo­ba­len Klas­se be­steht dar­in, dass ei­ne Men­ge Leu­te nicht da­zu ge­hört. Al­so aus­ge­schlos­sen ist. Die Schaf­fung neu­er Un­gleich­hei­ten ist frei­lich ein Cha­rak­te­ri­sti­kum je­der ka­pi­ta­li­sti­schen Ent­wick­lung. Das­sel­be ge­schah in den An­fän­gen der In­du­strie­ge­sell­schaft. Mit ei­nem Un­ter­schied: Da­mals wur­den die Ar­men von den Ka­pi­ta­li­sten als Ar­beits­kräf­te ge­braucht. Die ar­men von heu­te da­ge­gen wer­den von der glo­ba­len Klas­se nicht ge­braucht.
    In die­sem Sin­ne han­delt es sich hier um ein neu­es Phä­no­men und ein po­li­ti­sches Ri­si­ko. Nicht in dem Sin­ne, dass sich die­se Klas­se als Par­tei or­ga­ni­sie­ren und in den Pro­zess der po­li­ti­schen Wah­len ein­grei­fen wür­den. Es stimmt – und ich kon­sta­tie­re das im Ober­haus, wo man­che die­ser Her­ren in­zwi­schen sit­zen, im­mer wie­der mit gro­ßem Ver­gnü­gen – dass po­li­ti­sche Füh­rer wie To­ny Blair sich gern mit den Mil­lio­nä­ren der neu­en glo­ba­len Klas­se um­ge­ben. Ich wür­de so­gar sa­gen, dass dies die so­zia­le Grup­pe ist, von der vor al­lem die Idee ei­nes drit­ten We­ges an­ge­regt wur­de. Ih­re Mit­glie­der ge­ben den Par­tei­en oft groß­zü­gi­ge fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung, was sie al­ler­dings kei­nes­wegs in den de­mo­kra­ti­schen Pro­zess ein­fügt. Was die glo­ba­le Klas­se auf der Ebe­ne der na­tio­na­len Po­li­tik tat­säch­lich er­rei­chen möch­te, sind der Ab­bau von Re­gle­men­tie­run­gen und die Sen­kung von Steu­ern. Al­lein die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­nem Land wird als lä­stig emp­fun­den. Ma­don­na lebt lie­ber in Eng­land als in den USA, aber um ih­re Kin­der zur Welt zu brin­gen, geht sie nach Ame­ri­ka, weil ihr die eng­li­schen Kran­ken­häu­ser nicht ge­fal­len. Sie hat ganz be­stimmt kein In­ter­es­se an der po­li­ti­schen De­bat­te über die öf­fent­li­che Fi­nan­zie­rung des Ge­sund­heits­we­sens in Groß­bri­tan­ni­en.

  24. @die_kalte_Sophie
    Nein, das glau­be ich nicht, dass Ror­ty Angst hat vor Kul­tur­ver­lust. Der Aus­druck Ma­nie­ren wirkt – in der un­er­träg­li­chen Kür­ze des Aus­schnitts (Hah, Ju­mid strikes ver­gnügt back!!) – nicht um den Enui pi­kier­ter Ober­schich­ten, nicht dar­um, wie´s Fin­ger­chen bei der Tas­se Tee ab­zu­sprei­zen ist und auch nicht um die Fra­ge, war­um man das Ca­brio­let so schlecht oh­ne fin­ger­lo­se Wild­le­der­hand­schu­he ein­ge­parkt be­kommt. Die­se Hun­der­t­eu­ro­schein­win­ker­al­lü­ren sind dem Man­ne bis in die Haar­wur­zeln fremd. Fa­mi­li­är ist er kom­mu­ni­sti­scher Her­kunft, Ver­wand­te von ihm zu­dem als Be­am­te am New Deal von Roo­se­velt be­tei­ligt. Das hat über­haupt nicht die­ses Ni­veau, beim Le­sen des Bu­ches denkt man das kei­ne Se­kun­de.
    Das Wort Ma­nie­ren in die­sem Zu­sam­men­hang ist et­was un­glück­lich, das muss ich ein­räu­men, et­was über­höf­lich, wo er doch nicht Ma­nie­ren meint son­dern Ras­sis­mus und Frau­en­feind­lich­keit. Ich las das im Sin­ne kul­tu­rel­ler Er­run­gen­schaf­ten, an de­nen die aka­de­mi­sche Lin­ke ei­ne gro­ßen An­teil hat.
    Den­noch ist hier ein Ver­fall ei­ner be­stimm­ten Kul­tur, ei­ner Ar­bei­ter­kul­tur, mit Be­dau­ern (zu­min­dest von mir) zu kon­sta­tie­ren. In­zwi­schen ist aber ein Ton der Ver­ach­tung und des Ab­scheus ein­ge­ris­sen, den man mal pro­be­hal­ber, für sich im stil­len Käm­mer­lein bei der Über­tra­gung auf Flücht­lin­ge oder Frau­en aus­pro­bie­ren kann und sich dann die Fra­ge be­ant­wor­ten, ob das in der Öf­fent­lich­keit oh­ne die in­vek­ti­ve Form der Re­zep­ti­on durch­gin­ge. Ich glau­be kaum. Aber da ist ei­ne Grup­pe von Men­schen sym­bo­lisch zum Ab­schuss frei ge­ge­ben. Da sind manch­mal Ka­ba­ret­ti­sten sehr nütz­lich, wenn man hö­ren möch­te, über was man ger­ne laut lacht wenn es über an­de­re Grup­pen oh­ne Sta­tus­ver­lust nicht so viel zu la­chen gibt. Im An­satz ge­hört das im Zu­sam­men­hang eher in den Be­reich der Zwei­tei­lung der So­li­da­ri­tät, die Ror­ty be­klagt. Durch den Dorf­trot­tel aus der Fer­ne fühlt man sich be­rei­chert und be­schenkt, der Dorf­trot­tel hier nervt ein­fach nur und ge­hört ins Pro­le­ten­re­ser­vat. Ma­te­ri­al­reich für Groß­bri­tan­ni­en be­schrie­ben, wie aus dem “Salz der Er­de“ der „Ab­schaum der Mensch­heit“ wer­den konn­te, in: Owen Jo­nes – Prolls. Die Dä­mo­ni­sie­rung der Ar­bei­ter­klas­se
    Und ganz und gar nicht tei­le ich die öf­fent­lich sich durch­set­zen­de Mei­nung, der neue rau­he Ton von rechts sei ein Un­ter­schich­ten­phä­no­men. Das glau­be ich nicht, zu­min­dest nicht hier in Ber­lin. Zwar gab es in Mar­zahn ei­ne Wäh­ler­hoch­burg, aber in al­len, auch in den be­sten Be­zir­ken, lag die AFD um die zehn Pro­zent. Auch in Be­zir­ken, die in­zwi­schen ver­schwa­bingt sind wie Mit­te und Prenzlberg. Was man al­ler­dings deut­lich sieht, ist ei­ne zu­neh­men­de Se­gre­ga­ti­on, hin­ter die Wahl­er­geb­nis­se kann man fast Miet­prei­se schrei­ben, das war bis vor nicht all­zu lan­ger Zeit bei wei­tem nicht so aus­ge­prägt.
    Recht ge­be ich Ih­nen, dass in­zwi­schen un­ge­ho­bel­te Wi­der­lich­kei­ten öf­fent­lich oh­ne Scham pom­mes­bu­den­fä­hig ge­wor­den sind. Wer sa­lon­fä­hig blei­ben möch­te, tä­te das nie, son­dern er­strebt das glei­che Er­geb­nis lie­ber übers Bau­recht, die Bür­ger­initia­ti­ve, den Be­zirks­ab­ge­ord­ne­ten und Spen­den. Das Er­geb­nis ist in vie­len Punk­ten häu­fig das Glei­che. Oder nein: es ist viel ef­fek­ti­ver. Zu den ei­nen kom­men Po­li­zei und Fern­se­hen und pu­bli­zie­ren gern das Ne­ga­tiv­bei­spiel, die an­de­ren be­kom­mens wie sie´s gern hät­ten und em­pö­ren sich über die­se un­ge­ho­bel­te Xe­no­pho­bie an der Pom­mes­bu­de. Al­so mit die­ser Li­nie von den Ma­nie­ren auf´s Po­li­ti­sche wä­re ich sehr vor­sich­tig: „Wie kann man in ei­ner so rei­chen Ge­gend ein Asy­lan­ten­heim bau­en!“ (Ori­gi­nal­zi­tat in mei­ne Oh­ren – Zehlen­dorf, 2014)

  25. Mein Be­griff »Ma­nie­ren« war be­wusst ir­re­füh­rend, Sie ha­ben na­tür­lich recht. Der we­sent­li­che Un­ter­schied liegt im Fo­kus, und ver­schwimmt manch­mal. Geht es um Ge­wohn­hei­ten auf der Ver­hal­tens­ebe­ne, das Vor­kom­men in der ge­sell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit (die ver­schie­de­nen Schich­ten), oder geht es um den Me­cha­nis­mus ei­ner gan­zen Ge­sell­schaft.
    Ich selbst un­ter­schei­de das nur ge­le­gent­lich, in Re­gel springt man doch zwi­schen ei­ner sub­jekt­haf­ten Be­schrei­bung und ei­nem me­cha­ni­sti­schen Wir­kungs­sche­ma hin und her.
    Fol­gen­des zur »Me­cha­nik«: wir ha­ben über den Po­pu­lis­mus bei dem Buch von J.W. Mül­ler ge­spro­chen, und ein Schwer­punkt da­bei war die Re­prä­sen­ta­ti­ons­kri­se.
    Das ist ein eben­so flot­ter Be­griff, be­ar­bei­tet aber das glei­che Pro­blem: Wie re­agiert der Wäh­ler (und nur sei­ne Re­ak­ti­on zählt, es sei denn man be­greift »Un­ru­hen« als po­li­ti­sche Re­ak­ti­on) auf die Tat­sa­che, dass sei­ne Le­bens­welt in den Aus­füh­run­gen der Po­li­ti­ker nicht vor­kommt?! Ein Teil da­von wird auf die ganz und gar nicht ega­li­tä­re po­li­ti­sche Klas­se mit ei­nem Res­sen­ti­ment re­agie­ren, und ei­ne Par­tei mit sei­nen In­ter­es­sen su­chen. Ein an­de­rer Teil wird sei­ne Sa­tis­fak­ti­on in ei­nem rechts­po­pu­li­sti­schen Rah­men fin­den, und das ist der SPANNENDE Punkt: Es wird wie­der GEGEN die ei­ge­nen In­ter­es­sen ge­wählt!
    Wäh­rend näm­lich die Re­prä­sen­ta­ti­ons­kri­se an­dau­ert (sie­he Eri­bon), än­dert sich die po­li­ti­sche Land­schaft. Das PROBLEM wird eben nicht 1:1 nach An­ge­bot und Nach­fra­ge ge­löst, son­dern es kommt zu NEBENWIRKUNGEN.
    Der Au­to­ri­ta­ris­mus ist für die Un­ter­schicht in­ter­es­sant, ob­wohl es sich nicht um Leu­te ih­res Schla­ges han­delt.
    Wenn die Re­prä­sen­ta­ti­on nach In­ter­es­sen, Rhe­to­rik und Ha­bi­tus fehl­schlägt, ver­ab­schie­det sich nicht je­der gleich zi­vil­ver­träg­lich ins La­ger der Nicht-Wäh­ler. Es wä­re hier die De­mo­kra­tie-Theo­rie zu be­mü­hen, denn manch­mal heißt Wäh­len Ge­hen ein­fach nur Scha­den an­rich­ten.
    Wenn sich die­se ag­gres­si­ve Ten­denz ver­fe­stigt, dann müs­sen wir schon von ei­ner kul­tu­rel­len Kri­se re­den. Dann sind die In­sti­tu­tio­nen noch im­mer nicht in Ge­fahr, aber der Dis­kurs und die The­men ha­ben sich ge­än­dert.
    Mir ist es an­ge­sichts der Flücht­lings­kri­se auf­ge­fal­len: Wie soll man denn freund­lich und ein­ver­nehm­lich über die Be­gren­zung der Zu­wan­de­rung re­den?!
    Das ist sehr un­wahr­schein­lich nicht wahr?! Und fol­ge­rich­tig wur­de NICHT dar­über ge­re­det. Aber schließ­lich doch, weil ei­ne re­la­tiv zum Bür­ger­tum ag­gres­si­ve­re po­li­ti­sche Par­tei schon in den Start­lö­chern stand, die ihr The­ma ge­ra­de erst ent­decken durf­te (bis da­hin KEIN Pro­gramm!!).
    Nur mal bis da­hin, um von Kau­sa­li­tä­ten zu spre­chen, und nicht nur von Ver­hal­tens­wei­sen.

  26. Das Zi­tat von Dah­ren­dorf steht et­was quer zum The­ma LL. Die Ver­knüp­fung (Oh, Ge­hirn!) liegt in der o.a. Be­mer­kung zu den merk­wür­di­gen Or­chi­de­en des LL, al­so auf den Punkt: Ma­don­na, Se­an Penn und Ge­or­ge Cloo­ney, samt Men­schen­rechts­ge­mah­lin. Hier be­steht of­fen­bar ei­ne Gei­stes­ver­wandt­schaft, und al­les trifft sich ir­gend­wo im Foy­er am Frank­fur­ter Flug­ha­fen oder in La­guar­dia New York.
    Wie weit reicht die­se Gei­stes­ver­wandt­schaft, liegt hier wirk­lich ei­ne Ge­sin­nungs­ge­mein­schaft vor?! Dah­ren­dorf macht auf das Vor­bild ei­ner »in­ter­na­tio­na­len Klas­se« auf­merk­sam, der nach­zu­ei­fern ein de­mo­kra­ti­sches Ver­häng­nis dar­stellt, da sie sich ort- und zeit­los auf den Wo­gen der Kul­tur­in­du­strie oder der glo­ba­len Dienst­lei­stungs-Un­ter­neh­men be­wegt.
    Aber er zieht (an­ders als Ror­ty) dar­aus kei­ne per­spek­ti­vi­sche Fol­ge­rung, er­klärt nur den Drit­ten Weg des To­ny »Lan­ze­lot« Blair, der als er­ster die lin­ke Ta­fel­run­de der Eu­ro­päi­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten ver­ra­ten hat, und dem wie man weiß, Rit­ter Ger­hard Schrö­der folg­te.
    Ich mei­ne, dass man die »in­ter­na­tio­na­le Klas­se« im All­ge­mei­nen von ei­nem In­ter­na­tio­na­lis­mus des LL tren­nen muss, d.h. ei­ne Eng­füh­rung oder gar ei­ne Per­so­nal­uni­on wie aus­ge­rech­net bei Clooney’s Gat­tin ver­spricht kaum Er­kennt­nis­mehr­wert. Die Fra­ge, die Dah­ren­dorf auf­wirft, ist ja eher ele­men­tar, wenn auch zeit­los: WAS WILL DIE ARBEITERKLASSE?! Will Sie re­gie­ren oder Cham­pa­gner aus öko­lo­gisch zer­ti­fi­zier­ten An­bau schlür­fen?!
    N.B. Dah­ren­dorf kommt mir et­was seicht vor, an die­ser Schnitt­stel­le von Uni­ver­sa­lis­mus oder In­ter­na­tio­na­lis­mus... Ror­ty ist da eher ernst zu neh­men. Nein, die Ant­wort liegt im Uni­ver­sa­lis­mus selbst, und der Fra­ge, wie nö­tig die­ser Pro­gramm-Be­stand­teil des LL wirk­lich ist. Will man Po­li­tik ma­chen, oder doch lie­ber wie­der Phi­lo­so­phie à la Marx fa­bri­zie­ren, vor­ge­bend die Welt zu ver­än­dern. Da hat die schrei­ben­de Zunft mit Si­cher­heit ei­ne an­de­re Ant­wort als die Kof­fer­trä­ger vor dem HILTON.

    [Kom­men­tar auf Wunsch des Au­tors kor­ri­giert – G. K.]

  27. Die Dis­kus­si­on um Po­pu­lis­mus kam ja auf nach­dem es ei­ni­ge »un­pas­sen­de« Wahl­er­geb­nis­se gab, in de­nen »po­pu­li­sti­sche« Par­tei­en nicht nur im 10% oder 12%-Segment ver­harr­ten, son­dern an die Macht ka­men bzw. droh­ten, an die Macht zu kom­men. Nach dem Bre­x­it und der Wahl Trumps bra­chen dann al­le Däm­me. Wo­bei ich den Ein­druck ha­be, dass die Dä­mo­ni­sie­rung und die Skan­da­li­sie­rung der po­pu­li­sti­schen Par­tei­en oft ge­nug das Ge­gen­teil be­wirkt. Das kommt da­her, dass die Ge­fah­ren ei­ner schlei­chen­den Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung, wie sie sich zum Bei­spiel in Un­garn oder Po­len tat­säch­lich zei­gen, bis weit in die po­li­ti­sche Mit­tel­klas­se hin­ein für Deutsch­land als nicht mög­lich be­trach­tet wer­den. Da sind eben die In­sti­tu­tio­nen vor (die ja auch, wenn man das so sieh, in den USA »den La­den« noch zu­sam­men­hal­ten). Das setzt al­ler­dings vor­aus, dass die In­sti­tu­tio­nen nicht ei­nem schlei­chen­den »Über­nah­me­pro­zess« aus­ge­setzt sind. In Deutsch­land kennt man ja den »Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen«, der vom deut­schen LL in den 1970er-Jah­ren be­gon­nen wur­de und in­zwi­schen zum Main­stream ge­wor­den ist.

    Aus lau­ter Ver­zweif­lung vor den un­pas­sen­den Wahl­re­sul­ta­ten neh­men die Vor­schlä­ge zu, das Wahl­recht bei­spiels­wei­se an den Bil­dungs­grad zu kop­peln oder Quo­ten für Al­ters­grup­pen ein­zu­füh­ren. Das zeigt ei­ne ge­wis­se Ver­zweif­lung an.

  28. @Gregor Keu­sch­nig
    Ja­ja, die Nei­gung, aus Angst vor dem To­de Selbst­mord zu be­ge­hen, steigt deut­lich. Ich muss Ide­en sol­cher Art auch le­sen (zum Teil in Kom­men­ta­ren der TAZ, die ich nicht ge­spei­chert ha­be, kann ich al­so nicht zi­tie­ren) und in öf­fent­lich-recht­li­chen Kul­tur­jour­na­len mir an­hö­ren. Wird so­gar ernst­haft dis­ku­tiert. Das in der Tat er­in­nert an die zwan­zi­ger Jah­re, den Dis­kus über die „Krea­tur“, als nach dem Krie­ge man fest­stel­len muss­te, daß in den Schüt­zen­grä­ben die Ma­nie­ren emp­find­lich ge­lit­ten hat­ten. Ähn­li­ches, aber nicht auf Bil­dung, son­dern auf´s Al­ter be­zo­gen, las ich nach dem Bre­x­it. Ich ka­ri­kie­re: Wäh­rend ich nicht aus dem Bett kam, um zu wäh­len, ha­ben uns die Al­ten mit ih­rer Stimm­ab­ga­be die Zu­kunft ge­stoh­len. In die­sem er­sten Dis­kurs: kein po­li­ti­scher Ge­dan­ke nir­gends. Ei­ne so ar­gu­men­tie­ren­de Ju­gend ist hof­fent­lich nicht die Zu­kunft, hof­fent­lich nicht ein­mal ih­re ei­ge­ne.
    @die_kalte_Sophie
    Das be­rührt auch ih­ren Punkt, dass man wie­der ge­gen die ei­ge­nen In­ter­es­sen wählt. Das se­he ich auch so. Ich glau­be, Trumps Wäh­ler wer­den letzt­lich mehr vom Glei­chen be­kom­men, mög­li­cher­wei­se be­schleu­nigt. Vie­le, die ihn jetzt zu Recht kri­ti­sie­ren, be­ru­higt das, mich nicht.
    Die Kri­se der Re­prä­sen­ta­ti­on ist aber nicht nur Zu­fall, son­dern auch po­li­ti­sches Pro­gramm, es ist ein par­ti­el­les In­ter­es­se in den Zu­sam­men­hän­gen, die Dah­ren­dorf in locke­rem Ge­sprächs­ton an­deu­tet. Die In­sti­tu­tio­nen sind durch die­se In­ter­es­sen viel stär­ker ge­fähr­det als durch rü­pel­haf­te po­pu­li­sti­sche Dis­kur­se, der Bei­trag Rut­tes steht in mei­nen Au­gen den von Wil­ders nicht wirk­lich nach. Je­mand lin­ker Nei­gun­gen eher Un­ver­däch­ti­ger, aber doch Kri­ti­ker die­ser Ten­den­zen wie War­ren Buf­fet sagt: „Das ist ein Klas­sen­kampf, und mei­ne Klas­se ge­winnt.“
    Dah­ren­dorf meint nicht ei­ne ver­schwo­re­ne Ge­sin­nungs­ge­mein­schaft, son­dern ei­ne In­ter­es­sen­ge­mein­schaft, die man bis zum ex­trem ver­leug­nen kann, so wie man nicht be­mer­ken muss, daß post­ma­te­ri­el­le Wer­te ein Reich­tum­s­phä­no­men sind. Da lässt es sich pri­ma schwa­feln und Na­se rümp­fen, so­lan­ge die Kas­se stimmt. In die­sem Sin­ne sagt er nicht, wenn er von den 20 Pro­zent im Schat­ten die­ser Klas­se spricht, die­se ver­folg­ten in­tel­li­gent ih­re ei­ge­nen In­ter­es­sen. Ich glau­be er meint eher, dass die­se, zum Teil ge­gen ih­re In­ter­es­sen, der Fas­zi­na­ti­on die­ses kul­tu­rell he­ge­mo­nia­len Dis­kur­ses er­lie­gen. Auch hier herrscht na­tür­lich ei­ne Art Sta­tus­angst, zu­min­dest sub­ku­tan weiß man sehr ge­nau, wie un­si­cher und pre­kär die­se Exi­stenz ist, und dass man schnell hart auf­schla­gen kann wie ein Dach­decker. Ul­ri­ke Herr­mann hat das für die Mit­tel­schicht in Tei­len jour­na­li­stisch gut be­schrie­ben in: „Hur­ra, wir dür­fen zah­len“. Da­mit ge­meint sind nicht nur rea­le Steu­er­la­sten, son­dern auch, dass sich ein Mit­tel­schichts­be­wußt­sein sehr viel nä­her am wirk­li­chen Reich­tum wähnt und sich auch kul­tu­rell zu­ge­hö­rig fühlt als am Hart­zler der Un­ter­schicht, ob­wohl man im Zwei­fel viel schnel­ler dort lan­det als zu die­ser Klas­se auf­zu­schlie­ßen. Das ist ein tra­gi­scher Irr­tum. Das, was wir Bil­dungs­pa­nik nen­nen, spie­gelt die­se halb­be­wuß­te Pre­ka­ri­tät glau­be ich sehr gut. Und auch der öf­fent­li­che Dis­kurs, beim Rechts­po­pu­lis­mus han­de­le es sich um ein Un­ter­schich­ten- und Bil­dungs­phä­no­men, ge­hört mei­nes Er­ach­tens in die­sen Zu­sam­men­hang. Das ist rei­ne au­to­sug­ge­sti­ve Selbst­be­ru­hi­gung. Es ist m.E. gleich­zei­tig wi­der­spre­chend so, daß die Tat­sa­che der ei­ge­nen Ge­fähr­dung, ge­bün­delt in Zwei­fel et­wa dar­an, daß es die Kin­der ein­mal bes­ser ha­ben, mehr nach vor­ne rückt. Erst die­ses Ge­fühl macht den Po­pu­lis­mus mehr­heits­fä­hig wie in den USA, die Un­ter­schicht al­lei­ne nicht. Das ist ein Bünd­nis zwi­schen Un­ter­schichts­ver­lie­rern und ängst­li­chen Be­sitz­stands­be­wah­rern, ein ganz fra­gi­les Bünd­nis. Zwei­te­re sind auch für die Grü­nen hoch­in­ter­es­sant und ele­men­tar wich­tig, hier ist ei­ne Schnitt­men­ge zur AFD. Das ist ei­ne Kli­en­tel, die sehr zu­ver­läs­sig de­mo­kra­tisch und so­li­da­risch ist, so­lan­ge es um Brot für die Welt geht, kei­nes­falls aber um die Wurst. Dann wird der Au­to­ri­ta­ris­mus auch für die Mit­tel­schicht in­ter­es­sant. Und da ich mei­ne Pap­pen­hei­mer ken­ne wie Wal­len­stein die sei­nen, wer­den sie Mit­tel und We­ge fin­den, ihn kei­nes­falls so zu nen­nen.
    Ich glau­be die Schnitt­men­ge zwi­schen dem, was Ror­ty und Dah­ren­dorf (in­di­rek­ter) zur LL sa­gen, sind die Le­bens­lü­gen, die Igno­ranz, und der dar­aus sich teils er­ge­ben­de Ton, der von vie­len dann als zy­nisch emp­fun­den wird. Ich glau­be der Bil­dungs­dis­kurs ge­hört in Tei­len in­zwi­schen lei­der da­zu. Wie muss es in den Oh­ren ei­nes ehe­ma­li­gen 50-jäh­ri­gen Ar­bei­ters klin­gen, wenn er hört, wä­rest Du Soft­ware­in­ge­nieur, hät­test Du die­se Pro­ble­me jetzt nicht. Wie fühlt es sich an, wenn zwar die zu knap­pe Aus­stat­tung mit Geld für Bil­dung im Agenda­pa­ket an­er­kannt wird, man dann aber zur Aus­ga­be von Gut­schei­nen schrei­tet, da­mit die El­tern nicht das Geld für ih­re Kin­der ver­rau­chen und ver­sau­fen. Das tut doch weh, ei­ne tie­fe Be­schä­mung. Der pseu­do­ana­ly­ti­sche Po­pu­lis­mus­dis­kurs schlägt häu­fig in die glei­che Ker­be.
    So glau­be ich auch nicht, dass Dah­ren­dorfs Fra­ge ist, was die Ar­bei­ter­klas­se will. Son­dern eher die Fra­ge nach den Exi­stenz­be­din­gun­gen von De­mo­kra­tie und Li­be­ra­li­tät, nach ih­ren hi­sto­ri­schen Vor­aus­set­zun­gen, und ein Nach­den­ken dar­über, dass die­se durch die neue Klas­se auf re­vo­lu­tio­nä­re Art in Fra­ge ge­stellt wird. Zu­kunfts­pro­gno­sen ent­wirft er in die­sem An­schnitt ja nicht. Kommt in die­sem Ab­schnitt nicht vor, aber je spä­ter in sei­nem Le­ben de­sto dring­li­cher hat er die Fra­ge ge­stellt, in wie weit ei­gent­lich ka­pi­ta­li­sti­sche Reich­tums­pro­duk­ti­on und De­mo­kra­tie so eng zu­sam­men ge­hö­ren wie wir das ge­wohnt wa­ren zu se­hen. Er sah ei­ne mäch­ti­ge Her­aus­for­de­rung durch ei­nen au­to­ri­tä­ren Ka­pi­ta­lis­mus, der funk­tio­nal durch­aus über­le­gen sein könn­te (er hielt das für mög­lich). Bis heu­te sind De­mo­kra­tie und Reich­tum fast, bis auf we­ni­ge Aus­nah­men, na­he­zu kon­gru­ent. So wird ja auch das De­mo­kra­tie­ver­spre­chen in der Drit­ten Welt und bei Mi­gran­ten ge­hört. Was aber, wenn die­ser Kon­nex nicht mehr gilt? In­so­fern sind sei­ne zeit­los, son­dern er wit­tert hier, noch va­ge, ei­nen Epo­chen­bruch ganz grund­sätz­li­cher Art, so wie die hi­sto­ri­schen Bei­spie­le, die er bringt Bei­spie­le re­vo­lu­tio­nä­rer Um­wäl­zun­gen sind, gro­ßer Be­we­gun­gen. Die­se Fra­ge wie­der­um stellt sich Ror­ty nicht in die­ser Schär­fe, ob­wohl er man­ches prä­gnan­ter for­mu­liert (ist aber auch ein ge­ar­bei­te­ter Text, kein Ge­spräch)
    Der al­te Uni­ver­sa­lis­mus der LL und die Glo­ba­li­sie­rungs­eu­pho­rie der von ihm be­schrie­be­nen Klas­se sind fal­sche Freun­de, sie be­deu­ten das Ge­gen­teil. Die ei­nen spra­chen von mehr Ver­ant­wor­tung, die an­de­ren von we­ni­ger. Die ei­nen for­der­ten von sich, sich pro­duk­tiv ir­ri­tie­ren zu las­sen von dem, was nicht sein soll­te, die an­de­ren for­dern von an­de­ren, dass man sie da­mit doch bit­te nicht be­lä­sti­ge (von ein paar Spen­den mal ab­ge­se­hen). Das ist ein Un­ter­schied ums Gan­ze. Ih­re Ver­wechs­lung ist schon fa­tal. Hier, wie an vie­len Stel­len des Glo­ba­li­sie­rungs­dis­kur­ses, gilt, teils auch für Cloo­ney et al und den oben be­schrie­be­nen Mit­tel­schichts­dis­kurs: was den In­ter­es­sier­ten nützt, pro­pa­gie­ren die Nai­ven. Da­zu ge­hö­ren auch gei­stes­ge­schicht­li­che Dis­kur­se der LL, et­wa die Äs­the­ti­sie­rung der Welt, oder, wie im Ror­ty glei­chen Buch kri­ti­siert, et­wa ein bei Fou­cault so tief ge­leg­ter Macht­be­griff, daß man sei­ne All­ge­gen­wart schon fast ei­nen teuf­li­schen theo­lo­gi­schen nen­nen muß, un­greif­bar und all­ge­gen­wär­tig wie sie ist, die Macht.

  29. Ins­ge­heim wird im­mer mehr »Schich­ten« der Be­völ­ke­rung klar, dass der viel­fach aus­ge­ru­fe­ne Epo­chen­bruch kein Blitz­ein­schlag ist wie das Fal­len der Ber­li­ner Mau­er sym­bo­lisch sug­ge­rier­te son­dern ein Pro­zess ist, der sich im­mer mehr in die Ar­beits- und Au­ßen­welt ein­fräst. Da konn­te ein Ul­rich Beck von den Vor­zü­gen der Glo­ba­li­sie­rung so lan­ge schwär­men wie er woll­te: Die glo­bal agie­ren­den Spie­ler sche­ren sich nicht um sei­ne Uto­pi­en. Wer vor 30 Jah­ren ei­ne »si­che­re« kauf­män­ni­sche Leh­re mach­te und mit 50 heu­te ar­beits­los wird, kann ein­packen. Den Job, den er ma­chen könn­te, wird ent­we­der auf ei­ne nied­ri­ge Sach­be­ar­bei­ter­ebe­ne mit wo­mög­lich nur an­ge­lern­ten Kräf­ten über­nom­men oder, wenn es an­spruchs­voll ist, mit jün­ge­ren Hoch­schul­ab­sol­ven­ten, die für 60% des Ein­stiegs­ge­halts ar­bei­ten. Wer nicht min­de­stens mit Ab­itur ab­schließt, kommt in au­to­ma­ti­sier­ten Be­wer­bungs­pro­zes­sen nicht mal mehr auf den Bild­schirm des Per­so­nal­chefs. Was einst si­cher war, ist heu­te pre­kär. Das be­gann schon in den 1980er Jah­ren und es­ka­lier­te mit dem so­ge­nann­ten Neo­li­be­ra­lis­mus, der al­les ein­preis­te in Deutsch­land spä­te­tens ab 2000. Es war die Re­gie­rung Kohl, die 1998 ab­ge­wählt wur­de, die die­sen Pro­zess noch et­was ver­zö­ger­te. Schrö­der mein­te dann, erst ein­mal wei­ter­ma­chen zu kön­nen. Da­her die Re­de vom »kran­ken Mann Eu­ro­pas« in Be­zug auf Deutsch­land, was dann zur Agen­da-Po­li­tik führ­te.

    Hoch­schul­ab­sol­ven­ten und Leu­te, die ei­ne ab­ge­schlos­se­ne Aus­bil­dung ha­ben müs­sen sich längst auf Teil­zeit­kon­trak­te ein­stel­len. Die Si­cher­hei­ten, die sie bei ih­ren El­tern noch vor­fan­den, gibt es nicht mehr (Aus­nah­men be­stä­ti­gen hier die Re­gel). Die Un­ter­neh­men kön­nen aus dem Vol­len schöp­fen – die For­mal­qua­li­fi­ka­ti­on Ab­itur ist längst Selbst­ver­ständ­lich­keit ge­wor­den (s.o.). Ähn­li­ches steht bei Hoch­schul­ab­schlüs­sen be­vor. Auch das ist nicht neu: In den 1980er Jah­ren such­ten Ban­ken und Ver­si­che­run­gen in Te­st­or­gi­en ih­re »Lehr­lin­ge« aus – von 500 Per­so­nen, die sich vor­stell­ten, nahm man drei oder vier. Der Un­ter­schied: die an­de­ren 496 ka­men noch an­ders­wo un­ter. Das hat sich ge­än­dert.

    Es ist die­ses Ge­fühl des dif­fu­sen Un­be­ha­gens, dass die Men­schen nicht nur ver­un­si­chert, son­dern auch hell­hö­rig wer­den lässt. Auch für ra­di­ka­le Pa­ro­len – sei es von rechts oder von links. Die ver­mut­lich rich­ti­ge Pau­schal­aus­sa­ge, den Deut­schen gin­ge es noch gut, hilft ja dem- oder der­je­ni­gen nichts, der/sie sich mit 1000 Eu­ro net­to knapp über Hartz-IV-Ni­veau über Was­ser hält. Da wirkt der pa­ter­na­li­sti­sche LL mit sei­nen di­ver­sen Aus­druck­s­codes und Ver­hal­tens­im­pe­ra­ti­ven wie die Ar­ro­ganz des ein­sti­gen Adels ge­gen das pri­mi­ti­ve Volk.

  30. Ich bin mir nicht si­cher, ob der LL nicht schon sei­nen gan­zen Charme, die ei­ne »klas­sen­lo­se Klas­se« bil­den zu kön­nen, ein­ge­büßt hat. Ich will mich da auch nicht zy­nisch po­si­tio­nie­ren, ich bin wie ge­sagt »aus dem Spiel raus«.
    Es kommt heu­te zu­recht noch ein­mal un­ser po­li­ti­sches Sy­stem, die Tri­ni­tät aus De­mo­kra­tie, Li­be­ra­li­tät und Markt­wirt­schaft, auf den Prüf­stand, denn es lässt sich nicht mehr län­ger leug­nen: ei­ne Ver­west­li­chung nach die­sem en­gen Ver­ständ­nis fin­det NICHT MEHR statt. Es war ei­ne Il­lu­si­on. Die au­to­ri­tä­ren De­mo­kra­ti­en be­haup­ten sich durch­aus als ei­ne sy­ste­mi­schen Al­ter­na­ti­ve, von den Mul­lahs ganz zu schwei­gen. Die Ab­wei­chung gilt al­so im we­sent­li­chen der Li­be­ra­li­tät, dem In­ter­na­tio­na­lis­mus und ei­nem Ge­meins­schafts­sinn nach un­se­rem Ver­ständ­nis.
    Das sind erst mal schlech­te Nach­rich­ten, in die­ser Pau­scha­li­tät.
    Was uns an­be­langt, al­so die West­eu­ro­pä­er, bin ich noch nicht be­reit, von Ver­fall zu spre­chen. Da sind Wol­ken am Ho­ri­zont, aber die Ge­wit­ter ge­hen wo­an­ders run­ter.
    Na­tür­lich gibt es ne­ben der »in­ter­na­tio­na­len Er­nüch­te­rung« auch bei uns auf­kom­men­de Roh­hei­ten. Aber ich bin nicht si­cher, was den LL mehr kränkt: die Aus­set­zung der Ver­west­li­chung, oder die Quit­tung auf­grund man­gel­haf­ter Re­prä­sen­ta­ti­on.
    Ich muss viel­leicht da­zu sa­gen, dass ich den LL eher me­di­al und uni­ver­si­tär ver­or­te, al­so fest­zu­stel­len wä­re, dass die Par­tei­en in D. sich nicht auf­fal­lend ver­än­dert ha­ben. Die Al­ter­na­ti­ve streckt sich müh­sam ins Zwei­stel­li­ge. D.h. der Kul­tur­schock liegt dann eher auf den Kul­tur­be­wuss­ten als im Be­wusst­sein der Ge­samt­be­völ­ke­rung.
    Aber an­son­sten bin ich d’­ac­cord, was die halb­sei­den­de Iden­tif­kat­i­on der (ei­gent­lich pre­kä­ren) Mit­tel­schicht mit dem Jet-Set an­geht... Der Weg nach oben ist wohl doch län­ger als der Weg nach un­ten.
    Wir kom­men im­mer wie­der an der der­sel­ben Haus­num­mer vor­bei: De­mo­kra­tie und Markt­wirt­schaft pas­sen nicht ide­al zu­sam­men. Aber: Bis jetzt hat’s noch im­mer ge­klappt. Der Ex­tre­mis­mus wird nicht wie die 68er den Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen schaf­fen. So­ge­se­hen birgt das Schei­tern der 68er ja auch ei­ne Le­bens­weis­heit: nach dem er­folg­rei­chen Wir­ken kommt das En­de der »hi­sto­ri­schen At­trak­ti­vi­tät«, man hat ge­won­nen, aber es ist kei­ne zeit­lo­se und ewi­ge »Se­kun­därideo­lo­gie« ent­stan­den, die je­den Tag neu zu fei­ern wä­re. Da­für war der LL dann doch zu sek­tie­re­risch und öko­no­misch ein­fach zu un­ge­bil­det. Ver­ab­schie­den wir uns da­von...

  31. Schö­ne Dis­kus­si­on. Ich bin lei­der nicht frü­her da­zu ge­kom­men, an­bei noch ein paar Ge­dan­ken, die mir beim Le­sen ge­kom­men sind. Ich ha­be auch ei­ne nicht mehr ganz tau­fri­sche Text­stel­le in Er­in­ne­rung, die ich noch nach­rei­che, sie ist vom Duk­tus ver­gleich­bar mit Stee­le, be­rühr­te al­ler­dings an­de­re As­pek­te und macht die Ent­täu­schung, die man bei Stee­le ver­mu­ten darf, even­tu­ell bes­ser ver­ständ­lich.

    Ich mei­ne mich zu er­in­nern, dass in­ner­halb der Lin­ken ein­mal sinn­ge­mäß galt, dass der Ge­schlech­ter­wi­der­spruch ein Ne­ben­wi­der­spruch sei und der so­zia­le (oder je­ner der Klas­se) der Haupt­wi­der­spruch. Das hat sich ge­än­dert, vor al­lem wenn man, das hier Ge­schlecht ge­nann­te – s.o. – in den Be­griff »Kul­tur« er­wei­tert (ich bin mit dem Kul­tur­be­griff da nicht ganz glück­lich, aber das ist jetzt nicht wich­tig). Mir scheint es, dass die Lin­ke, so sie die­ser Idee ge­folgt ist, all das auf­ge­ge­ben hat, was sie ei­gent­lich aus­ge­macht hat und nen­nen wir die­se Lin­ke ein­mal links­li­be­ral (folg­lich se­he ich kaum Er­run­gen­schaf­ten die­ser Kul­tu­ra­li­sie­rung): Sie tritt nicht mehr für Wahr­heit oder Ar­gu­men­te ein, son­dern für Kor­rekt­heit und Mo­ral; ih­re einst­mals re­li­gi­ons­kri­ti­sche Po­si­ti­on, wird nach ge­nau die­ser Lo­gik ver­wäs­sert (den ei­nen die Höf­lich­keit, den an­de­ren die Kri­tik); der Main­stream­fe­mi­nis­mus macht die so­zia­le zu ei­ner Seil­schafts­fra­ge für die Mit­tel­stands- und Ober­schich­ten­frau (die­je­ni­gen, die die öko­no­mi­sche Macht in Hän­den hal­ten, zer­ku­geln sich wohl über so viel nütz­li­che Idio­tie); und es spricht Bän­de, wie schwer sich die Lin­ke mit den Ak­tio­nen der Iden­ti­tä­ren tut, die nach ge­nau dem­sel­ben Sche­ma ab­lau­fen, das sie selbst an­ge­wandt haben...wenn der Links­li­be­ra­lis­mus ei­ne Art Kom­bi­na­ti­on von Bür­ger­lich­keit und Links­sein ist, dann ist er vor al­lem ei­ne Apo­rie.

    Zur so­ge­nann­ten us-ame­ri­ka­ni­schen, sä­ku­la­ren Bür­ger­theo­lo­gie: Ist das nicht ei­ne Kehr­sei­te des us-ame­ri­ka­ni­schen Ex­zep­tio­na­lis­mus’ und wä­ren bei­de nicht zu­sam­men­zu­den­ken, bzw. hi­sto­risch mit der Eman­zi­pa­ti­on von Eu­ro­pa (Ko­lo­ni­al­mäch­te) in Ver­bin­dung zu brin­gen und von da­her bes­ser zu ver­ste­hen?

    Trump scheint mir nicht der klas­si­schen ame­ri­ka­ni­schen Ober­schicht an­zu­ge­hö­ren, er ist doch eher ein Em­por­kömm­ling mit schlech­ten Ma­nie­ren und in die­sen »klas­si­schen« Schich­ten we­nig an­ge­se­hen. Er wird sich mit ih­nen ar­ran­gie­ren müs­sen, ja, aber schul­dig ist er ih­nen nichts.

    Die Glo­ba­li­sie­rung ist u.a. ei­ne Fol­ge der so­ge­nann­ten li­be­ra­len Welt­ord­nung, die ei­ne Macht­lo­gik in sich trägt: Mehr Ge­stal­tung und mehr Mög­lich­kei­ten für die­je­ni­gen, die da­mit be­reits ge­seg­net sind; kla­rer­wei­se ha­ben die­se Da­men und Her­ren na­tür­lich et­was ge­gen »na­tio­na­le Ver­wir­run­gen«, die sich in Gren­zen und ge­setz­li­chen Re­gelmen­tie­run­gen äu­ßern (da fällt mir auch Dah­ren­dorf ein, der, es wird wohl 30 oder 40 Jah­re her sein, ein­mal mein­te, dass es der Na­tio­nal­staat und nur der Na­tio­nal­staat ist, der un­se­re Bür­ger­rech­te si­cher­stellt; das wä­re auch wie­der ein Bei­spiel, da­für, dass die­je­ni­gen, die für sei­ne Ab­schaf­fung schrei­en, ge­gen ih­re ei­ge­nen In­ter­es­sen, die Pro­pa­gan­daar­beit für an­de­re er­le­di­gen). — Die un­te­ren Schich­ten braucht man nicht, aber sie ba­den die na­tür­lich die Fol­gen aus, die, wenn ich Frau Clin­ton da mit­hin­ein­neh­me, ja bis zum Krieg ge­hen kön­nen.

  32. @ me­te. Der LL ist ei­ne »Apo­rie«, vie­len Dank. Manch­mal dach­te ich, ich sei der ein­zi­ge der das so wahr­nimmt. Ich mei­ne vor 40 Jah­ren war die Welt we­nig­stens noch »or­dent­lich zer­strit­ten«, es gab rechts und links, gleich­be­deu­tend mit der Di­cho­to­mie von Ka­pi­tal und Ar­beit, und die Li­be­ra­li­tät äu­ßer­te sich dar­in, dass man sich nur an­gif­te­te aber nicht über den Hau­fen schoss.
    Dann kam die Glo­ba­li­sie­rung, die Er­fol­ge der EU, die Agen­da 2010, und plötz­lich soll­ten links und bür­ger­lich sind schluss­end­lich rei­men, was in so­fern stimmt, als nie­mand mehr groß auf die Na­ti­on und ih­re In­ter­es­sen Be­zug neh­men woll­te. Die ideo­lo­gi­sche Lin­ke re­vol­tier­te ge­gen den Neo­li­be­ra­lis­mus, aber die Edel­fe­dern ko­ket­tier­ten nur noch mit dem Be­griff, ei­ne durch­ge­hal­ten lin­ke Po­si­ti­on ver­schwand aus der Main­stream-Öf­fent­lich­keit. Die Neue Schlam­pig­keit hat­te Ein­zug ge­hal­ten, um nicht zu sa­gen: der Flach­sinn wur­de zeit­gei­sti­ge Me­tho­de.
    Ich bin kein durch­ge­stähl­ter Mar­xist, aber ich fühl­te mich von die­sem Ei­ner­lei und Al­ler­lei trotz­dem ir­gend­wie pro­vo­ziert.
    Stee­le hat doch in­so­fern recht, als man die po­li­ti­sche Ideo­lo­gie die­ser Jah­re im we­sent­li­chen auf ein Schuld­ge­fühl ge­gen­über Min­der­hei­ten und Aus­ge­beu­te­ten in der drit­ten Welt ver­kür­zen konn­te. Das sind grup­pen­spe­zi­fi­sche Me­cha­nis­men, die in­so­fern an­spruchs­los sind, als die vir­tu­el­le Grup­pe kei­ner­lei Pro­gram­me, kei­ner­lei Or­ga­ni­sa­ti­on und kei­ne rea­li­si­ti­schen po­li­ti­schen Zie­le ver­folgt. Ein ideo­lo­gisch schwach un­ter­füt­ter­tes Ir­ren­haus, so wür­de ich das po­li­ti­sche Den­ken der Nuller­jah­re be­schrei­ben.
    Ich mei­ne, die freie Pres­se stellt ge­nau die Ni­veau­lo­sig­keit zur Ver­fü­gung, die Gen­der-Gei­steszwer­ge und Ras­sis­mus-Trüf­fel­schwei­ne be­nö­ti­gen. Man kennt sich.
    Im Mo­ment scheint es mir, als ob die heu­ti­ge Bür­ger­lich­keit mehr denn je die »fran­zö­si­sche Va­ri­an­te« be­nutzt, näm­lich die Wi­der­sprü­che und Un­ter­schie­de zu ver­schwei­gen.
    Es gibt letzt­lich nur zwei (!) Mo­di des Po­li­ti­schen, die ge­mein­sa­me »Ver­drän­gung« der Wi­der­sprü­che bzw. die Be­to­nung der ge­mein­sa­men In­ter­es­sen, Kul­tur, Chri­sten­tum, etc., oder ei­ne ent­schlos­se­ne durch­ge­hal­te­ne Kri­tik, al­so die An­stren­gung der Ein­sei­tig­keit.
    Wenn ich mich nicht ir­re, dann fun­giert das gro­ße The­ma »Eu­ro­pa« heu­te als Er­satz­the­ma im Mo­dus 1. Es ist DAS ge­mein­sa­me In­ter­es­se, jen­seits der Öko­no­mie, jen­seits von Marx. Ich ha­be den Ein­druck, dass Eu­ro­pa die ma­xi­ma­le ein­ver­nehm­li­che Ver­dum­mung be­deu­tet. Ähn­lich wie das Schuld­ge­fühl von Stee­le. Man kann Po­li­tik so ein­fach ge­stal­ten, dass je­de Wirk­lich­keit ver­schwin­det.

  33. Die Kenn­da­ten des Links­li­be­ra­lis­mus ha­ben sich ver­än­dert; wo­mög­lich in D mehr als in den USA. Die Grü­nen wa­ren je vom An­satz her im­mer ei­ne eher bür­ger­li­che Par­tei (Be­wah­rung der Schöp­fung; fort­schritts­kri­tisch). Ihr Ge­stus à la Bür­ger­schreck war zwar an­ders, aber man muss­te nur hin­ter die Fas­sa­de schau­en. Spä­te­stens als die Dit­furth-Frak­ti­on der Grü­nen weg­ge­bis­sen wur­de, war das klar. Die Ver­bür­ger­li­chung schrei­tet nun da­hin­ge­hend vor­an, dass man zwar pro­gres­siv denkt, aber dies oh­ne je­de Kon­se­quenz. Man ist »für die Um­welt«, fährt aber mit dem Zweit­wa­gen nach Al­di.

    Das ist na­tür­lich ei­ne Ent­ideo­lo­gi­sie­rung der Ge­sell­schaft. Zu­nächst ist das be­kömm­lich, aber man traut sich da­mit vor lau­ter Furcht, ir­gend­wem weh zu tun, nicht an die sub­stan­zi­el­len Fra­gen. In­zwi­schen gilt je­de noch so klei­ne Ab­wei­chung vom com­mon sen­se als Apost­asie und wird – je nach Schwe­re – mit ein bis drei Shit­stür­men be­straft.

    Die »Ver­drän­gung der Wi­der­sprü­che«, d. h. die Leug­nung von Dif­fe­renz, ist das gro­ße Man­ko des LL. Statt kul­tu­rel­le Un­ter­schie­de frucht­bar her­aus­zu­ar­bei­ten und ge­ra­de in ih­rer Dif­fe­renz mul­ti­per­spek­ti­visch zu ge­stal­ten, wer­den sie ni­vel­liert. Hin­zu kommt, dass die ei­ge­nen so­zi­al- und ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Er­run­gen­schaf­ten zu Gun­sten ei­nes idea­li­sier­ten Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus re­la­ti­viert wer­den. Wo einst in den 1970ern je­der Mann mit Kra­wat­te als po­ten­ti­el­ler Re­ak­tio­när oder gar Fa­schist an­ge­grif­fen wur­de, wird heut­zu­ta­ge in­fla­tio­när der »Rassimus«-Vorwurf na­he­zu kul­ti­viert. Die­ses Vor­ge­hen ent­la­stet von in­tel­lek­tu­el­len Dis­pu­ten; die Ge­sin­nung reicht. Aber da man kei­ne Syn­the­se zwi­schen den ei­ge­nen und den frem­den Le­bens- und Po­li­tik­ent­wür­fen ge­fun­den hat, be­gin­nen die re­pres­si­ven Kräf­te (von rechts) an Bo­den zu ge­win­nen.

    Zu Eu­ro­pa sag ich mal nichts, aber es ist klar, dass die qua­si­re­li­giö­se Eu­ro­pa-Ver­eh­rung (die ja in Wahr­heit ei­ne der In­sti­tu­tio­nen ist), ein deut­sches Phä­no­men dar­stellt, dass ich aus der Ge­schich­te her­aus speist (dem aber ein fa­ta­ler Ge­schichts­be­griff zu­grun­de liegt).

  34. »Leug­nung von Dif­fe­renz« ist schön for­mu­liert: Wä­re es an­ders, müss­te man sich nicht nur mit se­kun­därideo­lo­gi­schen Fra­gen be­schäf­ti­gen, son­dern auch mit den sich auf­tu­en­den Wi­der­sprü­chen hin­sicht­lich der ei­ge­nen Prin­zi­pi­en (Um­welt­schutz, To­le­ranz).

    Mehr ge­fühlt als dass ich es wüss­te, sind die Grü­nen am An­fang durch­aus un­bür­ger­lich ge­we­sen, Haus­be­set­zun­gen et­wa, aber auch hin­sicht­lich ei­ni­ger Prot­ago­ni­sten; bei uns spricht man zu­min­dest im­mer wie­der von »Fun­dis« und »Rea­los« (na­tür­lich: Um­welt­schutz und Tech­nik­kri­tik sind we­sens­mä­ßig kon­ser­va­ti­ve Un­ter­fan­gen).

    Gin­ge die Ent­ideo­lo­gi­sie­rung ein­her mit ana­ly­ti­schem Den­ken, wä­re da­ge­gen we­nig zu sa­gen (au­ßer, dass Po­li­tik na­tür­lich im­mer ei­ne An­ge­le­gen­heit von Ide­en und Ent­wür­fen ist und da­mit auch maß­voll ideo­lo­gisch sein soll­te). Was pas­siert, ist al­ler­dings, dass kaum ei­ner mehr ei­nen kla­ren Ge­dan­ken for­mu­liert (ich über­trei­be et­was); von da­her ist mir ein Ideo­lo­ge im­mer noch lie­ber als die­se Prin­zi­pi­en­lo­sig­keit des »Ich-möch­te-nir­gends-an­ecken« (da ist dann we­nig­stens ei­ne Po­si­ti­on vor­han­den, die mich for­dert).

  35. Jein. Die Gren­zen zwi­schen Haus­be­set­zern und AKW-Geg­nern wa­ren na­tür­lich flie­ßend. Aber der link(sextrem)e Flü­gel der Grü­nen, die »Fun­dis«, wa­ren ja ir­gend­wann raus. Da­nach schritt der Prag­ma­tis­mus ein, was nicht schlimm sein muss, aber zu ei­ner An­pas­sung führ­te, die im Ge­gen­satz zu vie­len Idea­len auch der Rea­lo-Grün­der­sze­ne steht. (Mein per­sön­li­ches Fa­nal war Ju­go­sla­wi­en 1999.) Das ak­tu­el­le Di­lem­ma der deut­schen Grü­nen be­steht dar­in, dass et­li­che ih­rer The­men längst All­ge­mein­gut ge­wor­den sind – eben Ge­sin­nungs­pflöcke, die den com­mon sen­se der Ge­sell­schaft stark nach »grün« (»links«) ver­scho­ben ha­ben. Al­le Welt un­ter­hält sich über »ge­sun­des Es­sen«, will Vor­rei­ter beim Kli­ma­wan­del sein (an deut­schem We­sen...) und pro­gres­si­ve ge­sell­schafts­po­li­ti­schen The­men be­set­zen, die eben nur Mi­no­ri­tä­ten in­ter­es­sie­ren.

    Das geht so­lan­ge gut, bis sich brei­te Be­völ­ke­rungs­schich­ten öko­no­misch si­cher füh­len. Der Knack­punkt wa­ren die di­ver­sen Fi­nanz- und Grie­chen­land­kri­sen von 2008–2015, die dem Mit­tel­stand si­gna­li­siert ha­ben, dass ihr Fun­da­ment nicht un­be­dingt so fest steht, wie er dach­te. Die Po­li­tik ver­steif­te sich dar­auf, ih­re Ent­schei­dun­gen nicht mehr dis­kur­siv zu le­gi­ti­mie­ren, son­dern durch Dro­hun­gen zu un­ter­füt­tern (das setz­te sich 2015f in der Flücht­lings­kri­se fort). Kern­satz ist »Schei­tert der Eu­ro, dann schei­tert Eu­ro­pa«. Der Satz war aus zwei Grün­den Un­sinn. Zum ei­nen ist ei­ne Aus­set­zung ei­nes Staa­tes nicht gleich­be­deu­tend mit dem »Schei­tern« der Wäh­rung. Zum an­de­ren wird sug­ge­riert, dass die eu­ro­päi­sche Ei­ni­gung erst mit der Wäh­rung ge­kom­men sei. Statt al­so die Be­völ­ke­rung nüch­tern auf­zu­klä­ren, wur­den Droh­ge­bil­de kon­stru­iert, die aber für wei­te Tei­le gar kei­ne Dro­hun­gen be­inhal­te­ten. Je­der, der von nun an Kri­tik an den In­sti­tu­tio­nen der EU übt, un­ter­liegt dem Ver­dacht des Re­van­chis­mus. Mit sol­chen Mit­teln kann man ei­ne zeit­lang un­lieb­sa­me Dis­kus­sio­nen un­ter­drücken – aber ir­gend­wann wird man ein­ge­holt von der Hohl­heit der ei­ge­nen Phra­sen.

  36. Rich­tig, Po­li­tik muss heut­zu­ta­ge nichts mehr lei­sten. Dis­kus­sio­nen un­ter­drücken reicht.
    Sagt neu­lich doch der Stein­mei­er in ge­dehn­tem Pa­thos (ich glau­be) im EU-Par­la­ment: »Ich ver­mag mir ein Eu­ro­pa oh­ne Grie­chen­land nicht vor­zu­stel­len«.
    Sol­che Halb­hei­ten, die ganz klar den Dis­kurs über die Kre­di­te und die Wäh­rung tot­schla­gen, müs­sen wir uns im 21. jahr­hun­dert ge­fal­len las­sen, weil die Jour­nail­le nicht mehr da­ge­gen vor­geht. Es wird nichts mehr ver­langt von den Funk­tio­nä­ren. Wenn die Ge­schich­te vom Nie­der­gang des LL zu­trifft (mein Wunsch­den­ken gibt zu­letzt ja nicht den Aus­schlag) dann müss­te die GRÜNE Par­tei dem­nächst un­ter die Rä­der kom­men. Aber wer weiß...

  37. Die Grü­nen lie­gen ja der­zeit bei den Um­fra­gen im Bund zwi­schen 7% und 8%. Da aber Jour­na­li­sten über­pro­por­tio­nal grü­ne Sym­pa­thi­en he­gen, wird si­cher­lich noch ei­ni­ges ge­sche­hen, um spe­zi­fisch »grü­ne The­men« noch ein­mal auf die Agen­da zu brin­gen. War­ten wir’s mal ab.

  38. Hier das ver­spro­che­ne Zi­tat (Bassam Ti­bi, Eu­ro­pa oh­ne Iden­ti­tät, ak­tua­li­sier­te Auf­la­ge 2002 [ein Teil der Ein­lei­tung]):

    »Von den auf­klä­re­ri­schen zu den Maul­korb-Lin­ken

    Ei­gent­lich ist der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus ei­ne po­li­ti­sche Ge­sin­nung, hin­ter der die Lin­ke in ih­rer heu­ti­gen Ver­fas­sung steht, so daß die Geg­ner in die rech­te Ecke ge­stellt wer­den, auch wenn sie – wie die­ser Ver­fas­ser [ge­meint ist BT, me­te] – al­les an­de­re als »Rech­te« sind. Als ein Lin­ker der 68er-Ge­nera­ti­on schmerzt es mich zu be­ob­ach­ten, daß von der 68er-Ge­nera­ti­on nur noch ein Scher­ben­hau­fen zu­rück­ge­blie­ben ist. We­der das Pro­le­ta­ri­at noch Rand­grup­pen der 68er-Stu­den­ten, zu de­nen ich einst ge­hör­te, ha­ben die er­sehn­te Re­vo­lu­ti­on ge­gen das ver­haß­te Sy­stem her­bei­füh­ren kön­nen. Wie schon oben aus­ge­führt, ist auch die er­hoff­te Re­vo­lu­ti­on in der »Drit­ten Welt« aus­ge­blie­ben. Nun sol­len wir Aus­län­der zu Hand­lan­gern ih­rer nicht ver­wirk­lich­ten Träu­me ge­macht wer­den und das von ih­nen ver­ab­scheu­te Sy­stem er­schüt­tern (vgl. Anm. 15). Doch war­um soll­ten wir dies tun? Wir Mi­gran­ten wol­len In­te­gra­ti­on und in­ne­ren Frie­den und kein Mul­ti-Kul­ti-Pul­ver­faß, kei­ne Re­vo­lu­ti­on und auch kei­nen Klas­sen­kampf un­ter ver­än­der­ten Vor­zei­chen.
    Die Lin­ke mei­ner Zeit war der kri­ti­schen Theo­rie von Ador­no, Hork­hei­mer und Ha­ber­mas, das heißt der kul­tu­rel­len Mo­der­ne ver­pflich­tet. In Deutsch­land be­steht die Lin­ke heu­te vor­wie­gend aus An­hän­gern des Fe­mi­nis­mus und des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus. Als ein ara­bi­scher Mus­lim aus Da­mas­kus war ich in den 60er Jah­ren ein Lin­ker der vor­der­sten Front; ich war SDS-Ak­ti­vist, ha­be bei Ador­no und Hork­hei­mer stu­diert und wich­ti­ge lin­ke Zeit­schrif­ten – wie das Ar­gu­ment – mit­ge­tra­gen. Das sind ent­schei­den­de Jah­re mei­nes Le­bens, zu de­nen ich wei­ter­hin ste­he. Da­mals wa­ren wir als ge­gen al­le Ta­bus, woll­ten die­se ab­bau­en und für die Denk­frei­heit so­wie Trans­pa­renz kämp­fen. An­ders die Lin­ken von heu­te: Sie sind von ei­nem an­de­ren Schlag, sie füh­ren im Na­men der Po­li­ti­cal Cor­rect­ness nur Re­strik­tio­nen und Denk­ver­bo­te ein, schrän­ken so­mit be­stehen­de Frei­hei­ten ein.

    [...]

    Trotz al­ler Kri­tik muß ich an­füh­ren: Un­ter den Lin­ken der sech­zi­ger Jah­re ha­be ich mich vor Be­ginn je­ner Es­ka­pa­den und mei­nem an­schlie­ßen­den Riick­zug nicht fremd ge­fühlt; ich bin von ih­nen nie als Aus­län­der be­han­delt wor­den. Bei den Lin­ken der neun­zi­ger Jah­re neh­me ich da­ge­gen ei­ne Mi­schung aus deut­schem Na­tio­na­lis­mus und Au­to­ri­ta­ris­mus so­wie ei­ne Be­leh­rungs­men­ta­li­tat wahr. Als Op­fer ori­en­ta­li­scher Geheimdienst—Schnüffeleien ha­be ich ei­ne be­son­de­re Sen­si­bi­li­tät ge­gen­iiber je­der De­nun­zia­ti­on An­ders­den­ken­der. In die­sem Sin­ne nen­ne ich die PC-Sit­ten­wäch­ter ei­ne post­mo­der­ne Spiel­art der Mukhabarat/orientalischen Nach­rich­ten­dien­ste; sie fol­tern nicht phy­sisch, son­dern see­lisch. Ich ha­be es be­reits deut­lich er­klart: Die sub­ti­le Eu­ro-Ar­ro­ganz trifft ei­nen Frem­den tie­fer als die pri­mi­ti­ven An­pö­be­lei­en von Rechts­ra­di­ka­len.
    Das Be­denk­li­che in un­se­rer Ge­gen­wart ist, daß sich lin­ke Mul­ti-Kul­ti-Ideo­lo­gen an­ma­ßen, für uns Aus­län­der zu spre­chen, ja sich – wie einst 68er An­ti-Au­to­ri­tä­re als »Sprach­rohr des Pro­le­ta­ri­ats« – zu un­se­rem Vor­mund nach Le­nin­scher Ma­nier (Ka­der als Spre­cher der Ar­bei­ter­klas­se) zu er­he­ben, um ih­re Geg­ner als »Ras­si­sten« dif­fa­mie­ren zu kön­nen. Da­bei denkt die­ser Kreis aus mei­ner Per­spek­ti­ve ei­nes be­trof­fe­nen Aus­län­ders selbst ras­si­stisch. Der un­er­müd­lich er­ho­be­ne Ras­sis­mus-Vor­wurf ge­gen­über Geg­nern ei­ner Mul­ti-Kul­ti-Ideo­lo­gie ist nur in­stru­men­tell. [...]«

    Kur­siv­set­zun­gen ha­be ich nicht über­tra­gen. Ti­bi ver­tei­digt die kul­tu­rel­le Mo­der­ne ge­gen Wer­te­be­lie­big­keit (Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus). Men­schen wie Ti­bi oder Stee­le wer­den von den Ver­wir­run­gen des Links­li­be­ra­lis­mus u.U. här­ter, je­den­falls wohl an­ders, ge­trof­fen.

  39. Fund­stück, ei­ne Buch­an­non­ce von Suhr­kamp. Das De­bat­ten-Büch­lein nennt sich die Gro­ße Re­gres­si­on. Es geht um den Na­tio­na­lis­mus und ei­nen eru­ier­ten Kul­tur­ver­fall. Hier kann man die po­li­ti­sche Event-Sphä­re des LL noch ein­mal sehr gut be­grei­fen, in we­ni­gen be­tont »main­stream-be­kann­ten« Wor­ten:

    »Die Welt scheint aus den Fu­gen. Seit ei­ni­ger Zeit se­hen wir uns mit Ent­wick­lun­gen kon­fron­tiert, die vie­le für Phä­no­me­ne ei­ner längst ver­gan­ge­nen Epo­che ge­hal­ten ha­ben: mit dem Auf­stieg na­tio­na­li­sti­scher Par­tei­en, ei­ner Ver­ro­hung des öf­fent­li­chen Dis­kur­ses, ei­ner Ver­brei­tung frem­den­feind­li­cher Ein­stel­lun­gen usw. Die Ge­schwin­dig­keit, in der wir hin­ter für ge­si­chert ge­hal­te­ne Stan­dards zu­rück­fal­len, ist be­äng­sti­gend.«

    –Deut­lich wird in die­ser Pas­sa­ge die leich­te Ver­bind­bar­keit der in­ter­na­tio­na­len »Ma­xi­men« zu ei­nem flot­ten hi­sto­ri­sie­ren­den Mar­ke­ting-Ge­tex­te. Das schreibt sich in 5 Mi­nu­ten für Pro­fis, bzw. 15 min für Prak­ti­kan­ten.
    Ge­nau wie schon dis­ku­tiert, die­se Po­li­tik hat ein kon­for­mi­sti­sches Ge­sell­schafts­ver­ständ­nis ent­wickelt, und sucht kei­ne Kri­tik, die nicht wie­der­um Markt- und Massen-taug­lich wä­re. Die­se Ad­ap­ti­on treibt ein leicht­fü­ßi­ges Spiel mit Wahr­neh­mungs- und Ur­teils­scha­blo­nen, um ih­re ganz be­son­de­re »Kon­si­stenz« oder Selbst-Ähn­lich­keit zu fin­den.
    Nur in den An­fän­gen der 70er Jah­re hat man auch ei­nen »for­ma­len« Pro­test ge­sucht, man er­in­ne­re sich an Foucault’sche Ver­su­che ei­ner Ge­gen­öf­fent­lich­keit, oder Ale­an­der Klu­ge. Von ei­ner »Ge­gen­öf­fent­lich­keit« mit am En­de sin­ken­den Ver­kaufs­zah­len will ein Re­nom­mée-Ver­lag wie Suhr­kamp be­stimmt nichts wis­sen.
    Ist das Po­li­tik oder ein Selbst-Mar­ke­ting im Sin­ne der sog. »Se­kun­därideo­lo­gie«, das Ver­la­ge, Jour­na­li­sten oder An­hän­ger gleich­ge­schal­tet ver­fol­gen kön­nen?! Kann man die­se Wa­ren­form über­haupt kri­ti­sie­ren, oder ist die Ge­wöh­nung an die­se scha­blo­nier­ten Schreib­wei­sen längst selbst schon zur Kul­tur­vor­aus­set­zung mu­tiert?!

  40. Ein an­schau­li­ches Bei­spiel und vor al­lem an­schluss­fä­hig für die­je­ni­gen, die nicht ex­pli­zit po­li­tisch in­ter­es­siert sind oder de­nen das Was­ser nicht bis zum Hals steht: Ge­nuss­po­li­tik oder: Sich nicht viel küm­mern müs­sen und auf der rich­ti­gen Sei­te ste­hen (Ja, Kon­for­mis­mus, Wa­ren­form). — Ich er­in­ne­re mich an ei­ne Be­mer­kung ei­nes Be­kann­ten nach der öster­rei­chi­schen Bun­des­prä­si­den­ten­wahl: Das Er­geb­nis sei ein Zei­chen ge­we­sen, mein­te er (Was für ein Miss­ver­ständ­nis! Als ob das ei­ne Auf­ga­be der Po­li­tik wä­re...).

    Es ist, um auf den letz­ten Ab­satz Be­zug zu neh­men, schwie­rig zu be­grei­fen, wie sich die­ses Selbst­ver­ständ­nis aus­ge­brei­tet hat, ge­ra­de fast über­all dort, wo man Qua­li­tät zu fin­den meint (viel­leicht ei­ne Art So­zia­li­sa­ti­on).

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