Die Kri­se in der Ukrai­ne, die Rol­le der EU und das Po­si­ti­ons­pa­pier der Ne­os

Der Aus­gangs­punkt: Das Un­be­ha­gen mit Po­li­tik und Be­richt­erstat­tung

Es wä­re falsch zu be­haup­ten, dass die Me­di­en oder die Po­li­tik, die als ei­ne sol­che En­ti­tät gar nicht exi­stie­ren, in ih­rer Ge­samt­heit ein schwarz-wei­ßes Bild ge­zeich­net hät­ten und es noch im­mer tun, aber in der Brei­te der Be­richt­erstat­tung, in dem was man so hört, dem das auch der po­li­tisch we­nig In­ter­es­sier­te mit­be­kommt, tritt es deut­lich zu Ta­ge: Das Schwar­ze, das ist Russ­land oder per­so­na­li­siert: Pu­tin.

Die­ses Bild, das vie­le Bür­ger zu­min­dest ih­rem Ge­fühl nach für falsch hal­ten, be­darf der Kor­rek­tur, aber nicht im Sin­ne ei­ner Um­fär­bung, der Far­be Weiß, son­dern in der Wahl an­de­ren Dar­stel­lung, ei­ner in Grau­stu­fen: Aus­ge­wo­gen­heit statt zwei­er­lei Maß.

Die pflicht­ver­let­zen­de Ei­nig­keit vie­ler Jour­na­li­sten mit den po­li­ti­schen Entscheidungs­trägern der west­li­chen Staa­ten, ins­be­son­de­re der EU und der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, er­schwert die Ana­ly­se und die Su­che nach Ur­sa­chen, denn der Schul­di­ge ist be­reits be­kannt und dort wo es ei­nen gibt, fragt man nicht mehr nach den an­de­ren und auch nicht nach: Ver­ant­wor­tung, nach der zu­al­ler­erst ein­mal ge­fragt wer­den soll­te. Das Positions­papier der »Ne­os« (pdf) be­ginnt denn auch, in sei­nem Haupt­ar­gu­ment, mit der Fest­stel­lung des Schul­di­gen: »Russ­land hat sy­ste­ma­tisch und mehr­fach das Völ­ker­recht ge­bro­chen« (Sei­te 1) und nicht et­wa mit der Be­nen­nung der lei­den­den Be­völ­ke­rung des zer­fal­len­den Staa­tes Ukrai­ne.

Letz­te­res hät­te den Vor­teil, dass man die Rol­le der EU mit­be­den­ken müss­te und ih­re Ver­ant­wor­tung nicht au­ßen vor blie­be: Da­bei ist nicht im­mer leicht zu un­ter­schei­den, ob man auf die ei­ge­ne Mo­ral her­ein­fällt oder sich tak­tisch ver­hält; dass sich in den Me­di­en aber auch an­de­re An­sich­ten und Stim­men fin­den, ge­reicht ih­nen (noch) zu ein we­nig Eh­re. Und, man muss hin­zu­fü­gen, mit dem An­dau­ern von Dis­kus­sio­nen und Be­richt­erstat­tung, wer­den die ab­wei­chen­den Stim­men zahl­rei­cher und deut­li­cher.

Die Mo­ral und das Mes­sen mit un­ter­schied­li­chem Maß dient dem In­ter­es­se, es trübt den Blick, be­ein­flusst die öf­fent­li­che Mei­nung und fin­det, im Sinn fest­ge­füg­ter Sche­ma­ta, Ein­gang in das »po­li­tisch Un­be­wuss­te«, in Par­tei­en, Pro­gram­me und Po­si­tio­nen, nicht in bö­ser Ab­sicht, durch­aus wohl­mei­nend, viel­leicht na­iv: Ein Zir­kel, der sich selbst ver­stärkt und auf Grund sei­ner mo­ra­li­schen Grun­die­rung schwer zu durch­bre­chen ist. Dies er­schwert nicht nur das Lö­sen ge­gen­wär­ti­ger Kon­flik­te, weil die mo­ra­li­sche Über­zeu­gung den Schul­di­gen klar be­nennt, ihn in die Ecke treibt und zwingt noch ex­tre­me­re Lö­sun­gen zu su­chen, son­dern gibt zu­dem die ei­ge­ne Po­si­ti­on un­frei­wil­lig der Lä­cher­lich­keit preis: Der be­rech­tig­te Vor­wurf der Dop­pel­mo­ral wur­de und wird ge­ra­de von den zwie­lich­te­sten Re­gi­men noch dem We­sten be­rech­tig­ter Wei­se vor­ge­hal­ten: Die Mo­ral muss (wie­der?) hin­ter Recht, Ge­rech­tig­keit und Wahr­heit zu­rück. Wer Russ­land für Din­ge kri­ti­siert, die man selbst oder en­ge Ver­bün­de­te in der na­hen Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart eben­so ge­tan hat, bleibt in den be­nann­ten Bah­nen: Die »au­ßen­po­li­ti­schen Dok­trin Ruß­lands« wird in dem Po­si­ti­ons­pa­pier wie folgt cha­rak­te­ri­siert und kri­ti­siert, da­bei aber über­se­hen (oder ver­schwie­gen), dass west­li­che Staa­ten, et­wa die Ver­ei­nig­ten Staa­ten oder Groß­bri­tan­ni­en, ganz ähn­lich han­del­ten (und han­deln):

»NEOS miss­bil­ligt die au­ßen­po­li­ti­sche Dok­trin Russ­lands, wo­nach Russ­land sich das Recht ein­räumt, zum Schutz der In­ter­es­sen rus­si­scher Min­der­hei­ten in an­de­re Län­der mi­li­tä­risch ein­zu­grei­fen. Die­se un­se­li­ge ‘völ­ki­sche’ Po­li­tik wirkt de­sta­bi­li­sie­rend so­wohl auf re­gio­na­ler wie auf glo­ba­ler Ebe­ne. Sie führt un­ter an­de­rem zu Span­nun­gen in Län­dern mit rus­si­schen Min­der­hei­ten, zu ei­ner Re-Mi­li­ta­ri­sie­rung der Re­gi­on, und po­ten­ti­ell auch zu ato­ma­rer Auf­rü­stung.« (Sei­te 2)

Nicht das völ­ki­sche Prin­zip ist ent­schei­dend, son­dern, dass man­che Staa­ten ih­re In­ter­es­sen (ge­tarnt, manch­mal viel­leicht auch nicht, als die In­ter­es­sen ih­rer Bür­ger oder die von Min­der­hei­ten) ge­gen be­stehen­de Rechts­grund­sät­ze durch­zu­set­zen ver­su­chen; wer dies Russ­land vor­hält und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten (und an­de­re) au­ßen vor lässt, wird viel­leicht nicht ein­mal ver­ste­hen kön­nen, war­um Russ­land sich zum Ein­grei­fen be­rech­tigt an­sieht (jen­seits des­sen was of­fi­zi­ell ge­sagt wird, sind das im­mer noch Selbst­ver­ständ­nis­se von Groß­mäch­ten, wes­halb wohl Russ­land wie die Ver­ei­nig­ten Staa­ten das Sta­tut des Inter­nationalen Straf­ge­richts­hofs in Den Haag nicht ra­ti­fi­ziert ha­ben). — Der NSA-Skan­dal zeigt wie sy­ste­ma­tisch ame­ri­ka­ni­sche Ge­heim­dien­ste be­reit wa­ren die Rech­te ih­rer Bür­ger und die von Bür­gern an­de­rer Staa­ten nur weil es in ih­rem In­ter­es­se lag zu ver­let­zen und der mit ge­fälsch­ten Be­wei­sen ge­führ­te Irak­krieg war ge­nau das was Russ­land vor­ge­hal­ten wird: Völ­ker­rechts­wid­rig; sei­ne Fol­gen wa­ren ei­ne De­sta­bi­li­sie­rung der Re­gi­on und ei­nen ter­ro­ri­stisch ge­führ­ter Bür­ger­krieg, dar­über hin­aus muss­te je­dem Kleinst­di­ka­tor von nun an klar sein, dass sein ein­zi­ger Schutz nur der Be­sitz von Atom­waf­fen sein kön­ne.

Ur­sa­chen des Kon­flikts

Ein we­nig sche­ma­ti­siert be­trach­tet, ist die Ukrai­ne ein Staat, des­sen öst­li­che Hälf­te sich eher zu Russ­land hin ori­en­tiert und des­sen west­li­che sich eher der EU zu­neigt (oder an­ders aus­ge­drückt: ent­lang eth­ni­scher Zu­ge­hö­rig­kei­ten zei­gen sich un­ter­schied­li­che »Sympa­thien« auch wenn das si­cher­lich nicht im­mer gilt): Stel­len nun die EU wie Russ­land mehr oder we­ni­ger ex­klu­si­ve Be­din­gun­gen für ei­ne Ori­en­tie­rung der ge­sam­ten Ukrai­ne zu ei­nem der bei­den Po­le, Ost oder West, in Aus­sicht, wird das nicht nur den je­weils an­de­ren auf den Plan ru­fen, son­dern das Land zer­rei­ßen: Das hät­te man vor­her wis­sen kön­nen und ent­spre­chend, näm­lich ein nicht ex­klu­si­ves An­ge­bot stel­len kön­nen, al­so sanf­ter, da­für aber viel­leicht lang­fri­stig er­folg­rei­cher, han­deln kön­nen (wo­mög­lich auch hin­sicht­lich Russ­lands). Das gilt, selbst­ver­ständ­lich, für bei­de Sei­ten.

Das Op­fer des Kon­flikts, die­ser In­ter­es­sens­aus­tra­gung zwi­schen Ost und West, ist die Ukrai­ne: Es sind To­te und Ver­letz­te zu be­kla­gen und sie ist als sou­ve­rä­ner und in­te­grer Staat im Sinn ih­rer Bür­ger und ih­res Ge­biets ge­fähr­det.

Stel­len wir ein­mal die Po­si­ti­on des We­stens zur Dis­po­si­ti­on, wie in den Dis­kus­sio­nen fast im­mer nur die rus­si­sche: Dass Staa­ten In­ter­es­sen ha­ben und ver­tre­ten ist le­gi­tim, ih­re Be­wer­tung zeigt sich in den (mög­li­chen) Aus­wir­kun­gen auf an­de­re Staa­ten, Men­schen, usf., dies gilt für die eu­ro­päi­sche Uni­on, die Ver­ei­nig­ten Staa­ten und Russ­land, wie für al­le üb­ri­gen, es zäh­len über­ge­ord­ne­te Prin­zi­pi­en (s.o.), für al­le glei­cher­ma­ßen: Auf der ver­meint­lich rich­ti­gen Sei­te zu ste­hen, be­deu­tet zu­nächst ein­mal nichts.

Aus­ge­hend vom As­so­zia­ti­ons­ab­kom­men, von dem bis­lang der po­li­ti­sche Teil un­ter­zeich­net wur­de, kann man die Aus­wir­kun­gen, Vor­ha­ben und In­ter­es­sen der EU und die Re­ak­tio­nen Russ­lands be­wer­ten. Die wich­tig­sten The­men­ge­bie­te sind: Au­ßen-, Frie­dens-, Si­cher­heits-, En­er­gie- und Fi­nanz­po­li­tik; Wirt­schaft, Han­del und Ju­stiz. Dar­aus geht her­vor, wie es bei sol­chen Ab­kom­men auch üb­lich ist, dass ei­ne Bin­dung der Ukrai­ne an die EU an­ge­strebt wird.

Be­reits beim Le­sen der Prä­am­bel (pdf) kann man ver­mu­ten, dass die EU hier ei­ge­ne, vor al­lem wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen ver­tritt (und nicht nur für De­mo­kra­tie und Menschen­rechte strei­tet):

»The aims of this as­so­cia­ti­on are: [...] to estab­lish con­di­ti­ons for en­han­ced eco­no­mic and tra­de re­la­ti­ons lea­ding towards Ukraine’s gra­du­al in­te­gra­ti­on in the EU In­ter­nal Mar­ket, in­clu­ding by set­ting up a De­ep and Com­pre­hen­si­ve Free Tra­de Area as sti­pu­la­ted in Tit­le IV (Tra­de and Tra­de-re­la­ted Mat­ters) of this Agree­ment, and to sup­port Ukrai­ni­an ef­forts to com­ple­te the tran­si­ti­on in­to a func­tio­n­ing mar­ket eco­no­my by me­ans of, in­ter alia, the pro­gres­si­ve ap­pro­xi­ma­ti­on of its le­gis­la­ti­on to that of the Uni­on« (Sei­te 10 und 11)

Ähn­li­che Not­wen­dig­kei­ten ar­ti­ku­liert Ver­hof­stadt, ei­ner der Kan­di­da­ten für das Amt des Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten, in die­sem In­ter­view: »Wachs­tum« und das »An­kur­beln der Wirt­schaft« wer­den un­ter­stri­chen, et­was das un­be­dingt ge­sche­hen müs­se (das Wirt­schafts­wachs­tum nahm im Jahr 2013 um 0,1% eu­ro­pa­weit zu). Sol­che und ähn­li­che Fest­stel­lun­gen las­sen das As­so­zi­ie­rungs­ab­kom­men als ei­ne Maß­nah­me zur mit­tel­fri­sti­gen Si­cher­stel­lung des eu­ro­päi­schen Wirtschafts­wachstums er­schei­nen: es soll in läng­sten Falls zehn Jah­ren ei­ne Frei­han­dels­zo­ne Schritt für Schritt eta­bliert wer­den1 : Wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen über­la­gern sich mit an­de­ren, et­wa: Frie­den, Men­schen­rech­ten und De­mo­kra­tie, die nicht nur vor­ge­scho­ben sind, son­dern da­mit ver­mengt (wie das et­wa hier an­ge­spro­chen wird): Die Un­ter­stüt­zung der ukrai­ni­schen Op­po­si­ti­ons­be­we­gung ist nicht nur Selbst­zweck, son­dern för­dert auch ur­ei­gen­ste In­ter­es­sen.

List man wei­ter (»Aims of po­li­ti­cal dia­lo­gue«, pdf) ver­steht man, war­um das Ab­kom­men, jen­seits der wirt­schaft­li­chen The­ma­tik, Russ­land auf den Plan ru­fen muss­te:

»1. Po­li­ti­cal dia­lo­gue in all are­as of mu­tu­al in­te­rest shall be fur­ther de­ve­lo­ped and streng­t­he­ned bet­ween the Par­ties. This will pro­mo­te gra­du­al con­ver­gence on for­eign and se­cu­ri­ty mat­ters with the aim of Ukraine’s ever-de­eper in­vol­ve­ment in the Eu­ropean se­cu­ri­ty area.

2. The aims of po­li­ti­cal dia­lo­gue shall be:

(a) to de­epen po­li­ti­cal as­so­cia­ti­on and in­crea­se po­li­ti­cal and se­cu­ri­ty po­li­cy con­ver­gence and ef­fec­tiveness;

[...]

(f) to de­ve­lop dia­lo­gue and to de­epen coope­ra­ti­on bet­ween the Par­ties in the field of se­cu­ri­ty and de­fence« (Sei­te 13 und 14)

Ar­ti­kel 7:

»1. The Par­ties shall in­ten­si­fy their dia­lo­gue and coope­ra­ti­on and pro­mo­te gra­du­al con­ver­gence in the area of for­eign and se­cu­ri­ty po­li­cy, in­clu­ding the Com­mon Se­cu­ri­ty and De­fence Po­li­cy (CSDP), and shall ad­dress in par­ti­cu­lar issu­es of con­flict pre­ven­ti­on and cri­sis ma­nage­ment, re­gio­nal sta­bi­li­ty, dis­ar­ma­ment, non-pro­li­fe­ra­ti­on, arms con­trol and arms ex­port con­trol as well as en­han­ced mu­tual­ly-be­ne­fi­ci­al dia­lo­gue in the field of space. Coope­ra­ti­on will be ba­sed on com­mon va­lues and mu­tu­al in­te­rests, and shall aim at in­crea­sing po­li­cy con­ver­gence and ef­fec­tiveness, and pro­mo­ting joint po­li­cy plan­ning. To this end, the Par­ties shall make use of bi­la­te­ral, in­ter­na­tio­nal and re­gio­nal fo­ra.« (Sei­te 16)

Und Ar­ti­kel 10:

»1. The Par­ties shall en­han­ce prac­ti­cal coope­ra­ti­on in con­flict pre­ven­ti­on and cri­sis ma­nage­ment, in par­ti­cu­lar with a view to in­crea­sing the par­ti­ci­pa­ti­on of Ukrai­ne in EU-led ci­vi­li­an and mi­li­ta­ry cri­sis ma­nage­ment ope­ra­ti­ons as well as re­le­vant ex­er­cises and trai­ning ac­tivi­ties, in­clu­ding tho­se car­ri­ed out in the frame­work of the Com­mon Se­cu­ri­ty and De­fence Po­li­cy (CSDP).

[...]

3. The Par­ties shall ex­plo­re the po­ten­ti­al of mi­li­ta­ry-tech­no­lo­gi­cal coope­ra­ti­on. Ukrai­ne and the Eu­ropean De­fence Agen­cy (EDA) shall estab­lish clo­se con­tacts to dis­cuss mi­li­ta­ry ca­pa­bi­li­ty im­pro­ve­ment, in­clu­ding tech­no­lo­gi­cal issu­es.« (Sei­te 18 und 19)

Über den wirt­schaft­li­chen Be­reich hin­aus wird mi­li­tä­ri­sche und si­cher­heits­po­li­ti­sche Zu­sam­men­ar­beit, auch auf tech­ni­schem Ge­biet, an­ge­strebt. Auch hier gilt: Wer Russ­lands Emp­find­lich­kei­ten kann­te, man muss sich nur an die NATO Ost­erwei­te­rung er­in­nern, wuss­te, dass – ob nun be­rech­tigt oder un­be­rech­tigt – ei­ne deut­li­che Re­ak­ti­on nicht aus­blei­ben konn­te.

Das As­so­zia­ti­ons­ab­kom­men bin­det die Ukrai­ne durch sei­ne Be­stim­mun­gen, schließt aber nicht aus, dass auch mit an­de­ren Län­dern Frei­han­dels­zo­nen ab­ge­schlos­sen wer­den kön­nen (Ar­ti­kel 39, »Agree­ments with other coun­tries«, pdf):

»1. This Agree­ment shall not pre­clu­de the main­ten­an­ce or estab­lish­ment of cu­stoms uni­ons, free tra­de are­as or ar­ran­ge­ments for fron­tier traf­fic ex­cept in­so­far as they con­flict with tra­de ar­ran­ge­ments pro­vi­ded for in this Agree­ment.

2. Con­sul­ta­ti­ons bet­ween the Par­ties shall ta­ke place wi­t­hin the Tra­de Com­mit­tee con­cer­ning agree­ments estab­li­shing cu­stoms uni­ons, free tra­de are­as or ar­ran­ge­ments for fron­tier traf­fic and, whe­re re­quested, on other ma­jor issu­es re­la­ting to their re­spec­tive tra­de po­li­ci­es with third coun­tries. In par­ti­cu­lar, in the event of a third coun­try ac­ce­ding to the Eu­ropean Uni­on, such con­sul­ta­ti­ons shall ta­ke place in or­der to en­su­re that ac­count will be ta­ken of the mu­tu­al in­te­rests of the EU Par­ty and Ukrai­ne as sta­ted in this Agree­ment.« (Sei­te 44 und 45)

In­wie­weit das, durch die Viel­zahl und The­men, die mit dem Ab­kom­men ver­han­delt wer­den, rea­li­stisch oder auch nur mög­lich ist, dar­über müs­sen an­de­re, mit der Ma­te­rie ver­trau­te Per­so­nen, be­fin­den, es wird auf je­den Fall nicht aus­ge­schlos­sen.

Der Kon­flikt in der Ukrai­ne ist ein Stell­ver­tre­ter­kon­flikt, in dem ver­schie­de­ne Par­tei­en mit ähn­li­chen Mit­teln (Ge­walt, Be­set­zun­gen, De­mon­stra­tio­nen) und Un­ter­stüt­zung von au­ßen, di­rekt oder in­di­rekt, ma­te­ri­ell und im­ma­te­ri­ell, kämp­fen, teils für ih­re ei­ge­nen An­lie­gen, teils in­stru­men­ta­li­siert (Russ­land in­ter­ve­niert hier mit grö­ße­rem Auf­wand und offen­sichtlicher). Vor­der­grün­dig tritt die EU für Men­schen­rech­te und De­mo­kra­tie ein, han­delt aber sehr wohl in ei­ge­nem, wirt­schaft­li­chen und si­cher­heits­po­li­ti­schen In­ter­es­se. Ei­ne vor­sich­ti­ge­re und klü­ge­re Po­li­tik, hät­te – auch wenn das nicht ein­fach ge­we­sen wä­re – Russ­land mit ein­ge­bun­den (z.B. hät­te ei­ne Frei­han­dels­zo­ne mit Russ­land und der Ukrai­ne ver­han­delt wer­den kön­nen) und die mi­li­tä­ri­schen und si­cher­heits­po­li­ti­schen As­pek­te des Ab­kom­mens zu­rück­ge­stellt. Das hät­te viel­leicht auf län­ge­re Sicht ei­ne Nä­he­rung Russ­lands zu Eu­ro­pa hin be­wirkt.

De­tails des Po­si­ti­ons­pa­piers

Das Mes­sen mit zwei­er­lei Maß, die ein­sei­ti­ge Schuld­ver­schie­bung zu Russ­land hin, die un­zu­rei­chen­de Re­fle­xi­on der Mit­ver­ant­wor­tung und der In­ter­es­sen der EU, wie ähn­li­cher Völ­ker­rechts­brü­che und in­ter­es­sen­ge­lei­te­ter Macht­po­li­tik west­li­cher Staa­ten fan­den auch Ein­gang in ein Po­si­ti­ons­pa­pier der jun­gen öster­rei­chi­schen Par­tei »Ne­os«. Die Exi­stenz ei­nes sol­chen Pa­piers, die Aus­führ­lich­keit und die De­tails sind be­ach­tens­wert und zu be­grü­ßen; es ist in sei­ner Gän­ze kei­nes­wegs zu ver­wer­fen, es übt auch sach­te Kri­tik an der Po­li­tik west­li­cher Staa­ten und führt Lö­sungs­vor­schlä­ge an: Es wird von ei­nem bal­di­gen Bei­tritt der Ukrai­ne zur NATO oder EU ab­ge­ra­ten und ein Frei­han­dels­ab­kom­men nicht nur mit der EU, son­dern auch mit Russ­land an­ge­regt; für die EU wird auf die Wich­tig­keit ge­mein­sa­mer En­er­gie- und Au­ßen­po­li­tik hin­ge­wie­sen und ei­ne glaub­wür­di­ge mi­li­tä­ri­sche Ka­pa­zi­tät ein­ge­for­dert; ei­ne Rück­kehr der Krim zur Ukrai­ne wird als we­nig rea­li­stisch an­ge­se­hen und ei­ne Wie­der­ho­lung des Re­fe­ren­dums als Le­ga­li­sie­rung vor­ge­schla­gen (was, folgt man der ei­ge­nen Ar­gu­men­ta­ti­on, auch dann kei­ne Recht­mä­ßig­keit brin­gen wür­de; und der an an­de­rer Stel­le ge­brach­te Ein­wand man för­de­re An­ne­xi­ons- und Separations­bestrebungen müss­te hier eben­falls gel­ten). — Das Po­si­ti­ons­pa­pier glie­dert sich in ein Haupt­ar­gu­ment (s.o.), dar­an an­schlie­ßen­de De­tails und ei­nen aus­führ­li­chen Ab­schnitt mit Fra­gen und Ant­wor­ten rund um den Kon­flikt.

Ganz selbst­ver­ständ­lich liest man von ei­ner An­ne­xi­on der Krim durch Russ­land und des­sen »man­nig­fal­ti­gen [oder auch: man­nig­fa­chen] Völ­ker­rechts­brü­chen«, oh­ne den Be­griff An­ne­xi­on zu de­fi­nie­ren und die Völ­ker­rechts­brü­che or­dent­lich auf­zu­schlüs­seln: Das wä­re not­wen­dig ge­we­sen, weil es hier­zu ver­schie­de­ne Rechts­an­sich­ten gibt (sie­he den be­reits oben ver­link­ten Ar­ti­kel von Rein­hard Mer­kel): Ei­ner An­ne­xi­on geht nor­ma­ler­wei­se ei­ne Ok­ku­pa­ti­on vor­aus, d.h. ei­ne mi­li­tä­ri­sche Be­set­zung des zu an­nek­tie­ren­den, al­so in den Staats­ver­band ein­zu­glie­dern­den Ge­biets. Das ist im Fall der Krim nicht ge­sche­hen, was pas­sier­te, war, dass rus­si­sche Trup­pen, völ­ker­rechts­wid­rig, die ukrai­ni­schen Ka­ser­nen blockiert ha­ben und die Trup­pen am Ein­grei­fen ge­hin­dert ha­ben (Tei­le da­von lie­fen über; man kann viel­leicht von klein­räu­mi­gen Be­set­zun­gen spre­chen, aber si­cher­lich nicht von ei­ner Ok­ku­pa­ti­on der ge­sam­ten Krim). Da­nach wur­de ein Re­fe­ren­dum ab­ge­hal­ten, das der ukrai­ni­schen Ver­fas­sung wi­der­sprach und nach po­si­ti­vem Aus­gang ein An­su­chen an Russ­land um Auf­nah­me ge­stellt, das an­ge­nom­men wur­de. Völ­ker­recht­lich zählt, das führt zu­min­dest Mer­kel an, die Un­recht­mä­ßig­keit des Re­fe­ren­dums nicht, Russ­land kann al­so völ­ker­recht­lich dies­be­züg­lich nichts vor­ge­hal­ten wer­den (das ist in­so­fern lo­gisch, da es sich um ein ukrai­ni­sches Ge­setz und kein Ver­trags­werk zwi­schen Staa­ten han­delt). An die­ser Stel­le wird auch deut­lich, dass Ver­fas­sungs­kon­for­mi­tät für den We­sten nur dann zählt, wenn sie in sei­nem In­ter­es­se liegt: Die Ab­set­zung des ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten Ja­nu­ko­wytsch war, wie hier dar­ge­stellt, of­fen­sicht­lich ver­fas­sungs­recht­lich il­le­gi­tim.

Bei ge­naue­rem Hin­se­hen schmel­zen auch die man­nig­fal­ti­gen Völ­ker­rechts­brü­che Russ­lands zu­sam­men; sie sind in dem Pa­pier wie folgt dar­ge­stellt:

»Die An­ne­xi­on der Krim stellt ei­nen man­nig­fal­ti­gen Bruch des Völ­ker­rechts dar. Es ver­letzt die Char­ta der Ver­ein­ten Na­tio­nen; es ver­stößt ge­gen Russ­lands Ver­pflich­tun­gen aus der Hel­sin­ki-Schluss­ak­te von 1975; es bricht den Freund­schafts­ver­trag und den Flot­ten­sta­tio­nie­rungs­ver­trag mit der Ukrai­ne von 1997; und es bricht das Bu­da­pe­ster Me­mo­ran­dum von De­zem­ber 1994, in dem die USA, Groß­bri­tan­ni­en und Russ­land die Sou­ve­rä­ni­tät und ter­ri­to­ria­le In­te­gri­tät der Ukrai­ne ga­ran­tier­ten, im Ge­gen­zug für die Her­aus­ga­be an Russ­land al­ler Nu­kle­ar­waf­fen, die im Zu­ge des Zer­falls der So­wjet­uni­on bei der Ukrai­ne ver­blie­ben wa­ren.« (Sei­te 5)

Hier wird sug­ge­riert, dass das Bu­da­pe­ster Me­mo­ran­dum wie die Schluss­ak­te von Hel­sin­ki völ­ker­recht­lich bin­dend sind (tat­säch­lich sind es Wil­lens­er­klä­run­gen bzw. Selbstver­pflichtungen); Russ­land hat den Flot­ten­sta­tio­nie­rungs­ver­trag (z.B. Ar­ti­kel 6) ge­bro­chen und die Char­ta der Ver­ein­ten Na­tio­nen (z.B. Ar­ti­kel 1, Punkt 1) ver­letzt. Wie man­nig­fal­tig das ist, mag je­der selbst be­ur­tei­len. Und dass man ge­ra­de Ruß­land vor­hält, dass der Bruch des Bu­da­pe­ster Me­mo­ran­dums zu nu­klea­rer Auf­rü­stung bei­tra­gen könn­te2, ist ge­ra­de­zu lä­cher­lich (als ob der We­sten nicht ge­nau das mit sei­nen Mi­li­tär­in­ter­ven­tio­nen ge­tan hät­te, sie­he Iran; und Gad­da­fis Pech war ge­ra­de, dass er nicht über Atom­waf­fen ver­füg­te).

Die Si­tua­ti­on im Ko­so­vo und dem gleich­na­mi­gen Krieg, der in dem Pa­pier und auch in an­de­ren Dis­kus­sio­nen auf­taucht, war, was kaum je­mand ver­nei­nen wird, ei­ne an­de­re; recht­lich ist er bis heu­te min­de­stens um­strit­ten, ge­recht­fer­tigt wur­de er vor al­lem mo­ra­lisch und soll­te auch auf die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der Luft­an­grif­fe der NATO mit To­ten un­ter der Zi­vil­be­völ­ke­rung und der Zer­stö­rung von In­fra­struk­tur hin be­fragt wer­den: Si­cher­lich kein Ruh­mes­blatt eu­ro­päi­schen oder west­li­chen Wir­kens. Wenn aus dem Ko­so­vo Kon­flikt (und an­de­ren mi­li­tä­ri­schen In­ter­ven­tio­nen des We­stens, et­wa Af­gha­ni­stan oder Li­by­en und auch Nicht-In­ter­ven­tio­nen wie Sy­ri­en) ei­ne Leh­re ge­zo­gen wer­den kann, dann ist je­ne der De­mut. Wie we­nig die­se west­li­che Rol­le je­doch re­flek­tiert wird, zeigt das fol­gen­de Zi­tat:

»Die Maß­nah­men Russ­lands, von der An­ne­xi­on der Krim über mi­li­tä­ri­sche Droh­ge­bär­den, von der ein­sei­ti­gen Er­hö­hung der Gas­prei­se bis hin zum Schü­ren von Abspaltungsbe­wegungen in der Ost­ukrai­ne, scha­den der Ukrai­ne, die sich schon in ei­ner po­li­ti­schen un­d­wirt­schaft­li­chen Kri­se be­fin­det, mas­siv. Die Hand­lun­gen Russ­lands wecken den Ver­dacht, dass es auf ei­nen Zer­fall der Ukrai­ne hin ar­bei­tet, um sich ent­we­der wei­te­re Tei­le der Ukrai­ne ein­zu­ver­lei­ben oder zu­min­dest die Ukrai­ne zu ei­nem Va­sal­len­staat zu de­gra­die­ren.« (Sei­te 2)

Die Er­rich­tung von Va­sal­len­staa­ten, mi­li­tä­ri­sche Droh­ge­bär­den, die För­de­rung von Se­zes­sio­nen (Ju­go­sla­wi­en, Ko­so­vo) oder Er­pres­sung (Sank­tio­nen sind nichts an­de­res) ge­hö­ren eben­so zum Ka­ta­log west­li­chen Han­delns; die EU lie­fer­te ei­nen Bei­trag zur De­sta­bi­li­sie­rung durch das As­so­zia­ti­ons­ab­kom­men selbst, die vor­be­halt­lo­se Un­ter­stüt­zung ei­ner nicht re­prä­sen­ta­ti­ven (de­mo­kra­tisch nicht le­gi­ti­mier­ten 3) Über­gangs­re­gie­rung oder Ma­nu­el Bar­ro­sos Wort­mel­dung4 . — Wer Se­pa­ra­ti­sten kri­ti­siert, soll­te sich dar­über hin­aus über­le­gen, in­wie­weit die von ihm un­ter­stütz­te Be­we­gung nicht me­tho­disch ähn­lich ge­han­delt hat.

Sol­che For­de­run­gen:

»NEOS ver­tritt die Auf­fas­sung, dass die An­ne­xi­on der Krim und die ge­ziel­te De­sta­bi­li­sie­rung der Ukrai­ne durch Russ­land nicht un­be­ant­wor­tet blei­ben dür­fen. Die Dul­dung der man­nig­fa­chen Völ­ker­rechts­brü­che und der rück­sichts­lo­sen Macht­po­li­tik Russ­lands wür­de, ge­ra­de weil von ei­nem stän­di­gen Mit­glied des UN Si­cher­heits­ra­tes ver­übt, gra­vie­ren­de ne­ga­ti­ve Bei­spiels­wir­kung aus­üben, so­wohl für Russ­land selbst als auch für die Staa­ten­ge­mein­schaft ins­ge­samt. In die­sem Sin­ne un­ter­stützt NEOS prin­zi­pi­ell den EU Plan ei­ner stu­fen­wei­se Ver­hän­gung von schar­fen po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Sank­tio­nen ge­gen Russ­land, soll­te es nicht auf ei­nen De­es­ka­la­ti­ons­kurs um­schwen­ken.« (Sei­te 2)

ver­ken­nen die Rea­li­tät und schrei­ben den sta­tus quo wei­ter fort (man er­set­ze in dem Zi­tat »An­ne­xi­on« durch »Be­set­zung«, »Krim« und »Ukrai­ne« durch »Irak« und »Russ­land« durch die »Ver­ei­nig­ten Staa­ten«): Wenn nicht auch ei­ne Po­li­tik­än­de­rung west­li­cher Staa­ten er­folgt, wer­den sich sol­che Spie­le wie­der­ho­len, ent­we­der ver­zich­ten al­le auf die rück­sichts­lo­se Durch­set­zung von In­ter­es­sen oder kei­ner. Ei­ne ein­sei­ti­ge Än­de­rung rus­si­scher Au­ßen­po­li­tik ist nicht nur il­lu­so­risch5 , sie wä­re, von Sei­ten Russ­lands aus ge­se­hen so­gar dumm: Oder will man sie er­zwin­gen?

Ei­ne neue Po­li­tik, ge­ra­de im Licht der Wah­len zum eu­ro­päi­schen Par­la­ment – um ein Leit­mo­tiv der jun­gen Par­tei auf­zu­grei­fen – wä­re es, ty­pi­sche Leer­stel­len, Feh­ler und Selbst­ge­rech­tig­kei­ten west­li­cher Po­li­tik an­zu­spre­chen und Lö­sun­gen vor­zu­schla­gen. Das wür­de nicht schon mor­gen et­was än­dern, aber viel­leicht in der Zu­kunft: Na­tür­lich ist es schwie­ri­ger, mög­li­cher Wei­se uto­pisch, na­iv oder bei­des zu­gleich, aber im­mer­hin: Kein Selbst­be­trug.


  1. »The Par­ties shall pro­gres­si­ve­ly estab­lish a free tra­de area over a tran­si­tio­nal pe­ri­od of a ma­xi­mum of 10 ye­ars star­ting from the ent­ry in­to force of this Agreement1, in ac­cordance with the pro­vi­si­ons of this Agree­ment and in con­for­mi­ty with Ar­ti­cle XXIV of the Ge­ne­ral Agree­ment on Ta­riffs and Tra­de 1994 (her­einaf­ter re­fer­red to as ‘GATT 1994’)«. (Sei­te 32, Ob­jec­tive, pdf)  

  2. »Der Bruch des Bu­da­pe­ster Me­mo­ran­dums könn­te auch zur nu­klea­ren Auf­rü­stung bei­tra­gen. Be­stehen­de „klei­ne“ Atom­mäch­te wie Is­ra­el, Pa­ki­stan oder Nord­ko­rea wer­den sich in ih­rer Stra­te­gie be­stä­tigt füh­len, wo­nach der Be­sitz von Atom­waf­fen ei­ne ver­läss­li­che­re Si­cher­heits­ga­ran­tie bie­tet als völ­ker­recht­li­che Ver­trä­ge oder mi­li­tä­ri­sche Pak­te. Das­sel­be gilt für auf­stre­ben­de Atom­mäch­te wie den Iran, die noch schwie­ri­ger als frü­her zu über­zeu­gen sein wer­den, auf Nu­kle­ar­waf­fen zu ver­zich­ten.« (Sei­te 14)  

  3. was Über­gangs­re­gie­run­gen ih­rem We­sen nach al­ler­dings sel­ten sind  

  4. »Die Kri­se in der Ukrai­ne wur­de von der EU aus­ge­löst. Es war nie­mand an­ders als Ma­nu­el Bar­ro­so, der schon im Früh­jahr 2013 for­mu­lier­te, dass die Ukrai­ne sich ‘ent­schei­den muss’: Ent­we­der EU oder Zoll­uni­on mit Russ­land. Dass die­ser Druck in ei­nem ge­spal­te­nen Land, in dem die pro­rus­si­schen und die pro­eu­ro­päi­schen Kräf­te sich, wie man an al­len Wahl­er­geb­nis­se sieht, seit Jah­ren an­nä­hernd die Waa­ge hal­ten, zu ei­ner Zer­reiß­pro­be füh­ren muss­te, war ab­zu­se­hen.« (Aus ei­nem Ar­ti­kel in der Zeit, zi­tiert nach dem Per­len­tau­cher, Un­ter­punkt Eu­ro­pa)  

  5. »NEOS glaubt, dass der Schlüs­sel zur Lö­sung der Kri­se nicht nur in ei­ner Än­de­rung der Au­ßen­po­li­tik Russ­lands zu su­chen ist, son­dern mit­tel- und lang­fri­stig in der po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Sta­bi­li­sie­rung der Ukrai­ne liegt.« (Sei­te 2)  

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41 Kommentare zu »Die Kri­se in der Ukrai­ne, die Rol­le der EU und das Po­si­ti­ons­pa­pier der Ne­os«:

  1. Pingback: Die Krise in der Ukraine, die Rolle der EU und das Positionspapier der Neos | Makulatur

  2. Vie­len Dank für die­sen sehr kom­ple­xen Bei­trag. Ich le­se hier üb­ri­gens zum er­sten mal Zi­ta­te aus dem As­so­zi­ie­rungs­ab­kom­men, wel­ches die EU mit der Ukrai­ne ab­schlie­ßen woll­te; die Main­stream-Me­di­en ha­ben sich bis­her noch nicht die Mü­he ge­macht. Das ist ja fast schon ty­pisch.

    Ich möch­te mei­ne Re­plik in vier Ab­schnit­te un­ter­tei­len.

    »Der We­sten« (von mir syn­onym für NATO / EU ver­wen­det)
    Wie­viel die Ver­trags­ver­spre­chen der We­stens an Dritt­län­der Wert sind, kann man nicht nur an den zi­tier­ten Bei­spie­len, son­dern auch an den Ver­ein­ba­run­gen zur Be­frie­dung Ju­go­sla­wi­ens fest­ma­chen. 1999 wur­de näm­lich die ter­ri­to­ria­le In­te­gri­tät der (da­ma­li­gen) Bun­des­re­pu­blik Ju­go­sla­wi­en (vul­go Ser­bi­en vul­go: Ser­bi­en in­klu­si­ve Voj­vo­di­na und des Ko­so­vo) ga­ran­tiert. Als sich dann das Ko­so­vo 2008 zur ei­ge­nen Na­ti­on aus­rief, be­eil­te man sich mit der An­er­ken­nung, wo­bei es ei­ni­ge EU-Staa­ten gibt, die das Ko­so­vo noch nicht an­er­kannt ha­ben (dar­un­ter Spa­ni­en, des­sen Ein­heit durch die of­fe­ne Se­zes­si­on Ka­ta­lo­ni­ens und auch des Bas­ken­lan­des be­droht ist).

    In­tui­tiv war die­ses Ver­hal­ten den bal­ti­schen Staa­ten klar, die un­be­dingt in die NATO woll­ten und 2004 dann auf­ge­nom­men wur­den. Hier ist die Bei­stands­pflicht fest­ge­schrie­ben. Al­les an­de­re ist be­druck­tes Pa­pier. Da un­ter­schei­det sich »der We­sten« von an­de­ren Sy­ste­men in nichts.

    Russ­land
    Ge­stern ha­be ich ei­ne »tagesschau«-Sendung von ex­akt vor 20 Jah­ren ge­se­hen. Dort um­arm­te der deut­sche Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl Bo­ris Jel­zin. Die bei­den pfleg­ten ja an­geb­lich ei­ne Män­ner­freund­schaft. (Jah­re spä­ter setz­te Schrö­der dies mit Pu­tin fort). Jel­zin wur­de ja ir­gend­wann zum Bett­vor­le­ger, ein trun­ke­ner und ge­sund­heit­lich an­ge­schla­ge­ner Prä­si­dent, der in den Wah­len vom We­sten als das klein­ste Übel an­ge­se­hen wur­de. Er war si­cher­heits­po­li­tisch brav und lieb; wäh­rend­des­sen tob­ten im Land die Ban­den- und Olig­ar­chen­krie­ge. Letz­te­res nahm man in Kauf. Zum En­de sei­ner Amts­zeit schien das größ­te Si­cher­heits­ri­si­ko dar­in zu be­stehen, dass Jel­zin im Suff auf den Atom­knopf drückt (um es mal sa­lopp zu sa­gen).

    Als er dann Pu­tin vor­stell­te, re­agier­te der We­sten da­hin­ge­hend er­leich­tert, dass das Land jetzt in­nen­po­li­tisch nicht wei­ter de­sta­bi­li­siert wur­de. Gleich­zei­tig ach­te­te man na­tür­lich auf die Wirt­schafts­be­zie­hun­gen. Sei­nem har­ten Durch­grei­fen im so­ge­nann­ten Zwei­ten Tsche­tsche­ni­en­krieg wi­der­sprach man nur sehr sanft; an ei­ner De­sta­bi­li­sie­rung des Lan­des durch Se­pa­ra­ti­sten, zu­dem auch noch mus­li­mi­sche, hat(te) man na­tür­lich kein In­ter­es­se.

    Al­le An­ge­bo­te für ei­ne stra­te­gi­sche Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Russ­land und dem We­sten wur­den in den letz­ten Jah­ren nicht bzw. aus Russ­lands Sicht nur un­zu­rei­chend er­wi­dert. Das wur­de nicht nur als Krän­kung des gro­ßen Russ­land emp­fun­den. Pu­tin be­gann wohl, sich im Land lä­cher­lich zu ma­chen und re­agier­te mit zu­neh­mend na­tio­na­li­sti­schen Pa­ro­len. Hier­aus ent­stand wohl am En­de die neue Dok­trin.

    Als die Ukrai­ne sich vor ei­ni­gen Mo­na­ten re­vo­lu­tio­när um­brach und der im­mer­hin ge­wähl­te Prä­si­dent das Land ver­ließ (auch hier re­agiert der We­sten im­mer »prag­ma­tisch«: Wah­len zäh­len nur, wenn das Er­geb­nis »stimmt«) nutz­te Pu­tin die in­sta­bi­le La­ge aus. Das er­in­ner­te mich an den Er­sten Schle­si­schen Krieg Fried­richs II. Pu­tin nutz­te die in­nen­po­li­tisch in­sta­bi­le La­ge in der Ukrai­ne, um sei­ne na­tio­na­li­stisch ex­pan­si­ve Po­li­tik um­zu­set­zen. Er wand­te hier­für ei­nen im­mer häu­fi­ger prak­ti­zier­ten Trick an: Be­zahl­te Mi­li­zen über­neh­men die »Drecks­ar­beit«; die of­fi­zi­el­le Ar­mee hält sich zu­rück. In Ju­go­sla­wi­en agier­ten die bos­ni­schen Ser­ben so. Mi­lo­se­vic hat im Pro­zess ge­gen ihn dar­auf be­stan­den, dass die bos­ni­schen Ser­ben (die ja kei­ne re­gu­lä­re Ar­mee wa­ren) nie­mals auf ihn ge­hört hät­ten und ihr »ei­ge­nes Ding« durch­ge­zo­gen hät­ten. Hol­broo­ke be­stä­tigt dies in­di­rekt in sei­nem Buch. Hin­zu kam, dass in­ner­halb der bos­ni­schen Ser­ben wie­der­um un­ter­schied­li­che Ab­sich­ten ku­ri­sier­ten. Ein ähn­li­ches Durch­ein­an­der dürf­te in­zwi­schen in der Ost­ukrai­ne vor­lie­gen.

    Öko­no­misch hal­te ich Pu­tins Po­li­tik für ab­so­lut un­sin­nig. Das Land ist nach al­len volks- und welt­wirt­schaft­li­chen Re­geln auf lan­ge nicht in die­sem Zu­stand nicht »über­le­bens­fä­hig«.

    Es ist je­doch m. E. ein gro­ßer Irr­tum zu glau­ben, die EU könn­te Russ­land ein­fach die eu­ro­päi­sche Kap­pe auf­set­zen. Das wird nicht funk­tio­nie­ren, weil es von gro­ßen Tei­len der rus­si­schen Eli­ten auch gar nicht ge­wünscht ist.

    NE­Os
    Über die öster­rei­chi­schen NEOS weiss ich recht we­nig. Neu­lich ha­be ich ge­le­sen, dass ihr Glanz vom Herbst schon wie­der ein biss­chen mat­ter wird.

    Aus­sich­ten

    Wit­zig fin­de ich – und das ist ja kein spe­zi­fi­sches Pro­blem der NE­Os son­dern al­ler po­li­ti­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen in Eu­ro­pa – wie man mit rhe­to­ri­scher Wucht auf Russ­land ein­wir­ken möch­te. Man hat nicht be­grif­fen, dass Pu­tin mit Wor­ten und auch Sank­tio­nen nicht zu Kurs­än­de­run­gen zu be­we­gen sein wird. Man treibt ein waid­wun­des Tier ja eher in die Ag­gres­si­on. Fa­tal fin­de ich, dass das Über­gangs­re­gime von USA und EU mit hor­ren­den fi­nan­zi­el­len Mit­teln un­ter­stützt wird. Das Geld könn­te man ver­mut­lich bes­ser di­rekt ver­bren­nen.

    #1

  3. zeitzug sagt:

    1) Ukraine:Seit mei­nem Auf­ent­halt in Czer­no­witz Ok­to­ber, No­vem­ber 2013 bin ich in Kon­takt mit Freun­den, Be­kann­ten aus der Ukrai­ne. Was mir ins Au­ge fällt bei den Viel­falt an Kom­men­ta­ren: – es wird in er­ster Li­nie nach Schul­di­gen ge­sucht, nicht nach Lö­sun­gen. Ich glau­be kei­nem ge­druck­ten oder di­gi­ta­len Pa­pier. Vor den er­sten To­ten in Kiev hat sich kaum je­mand in Eu­ro­pa für die Ukrai­ne in­ter­es­siert und jetzt reg­net es von al­len Sei­ten Kom­men­ta­re. Wenn Men­schen es vor­zie­hen, ei­ner Dik­ta­tur an­zu­ge­hö­ren – soll­te man die­se zie­hen las­sen und die un­ter­stüt­zen, die nach neu­en Ufern Aus­schau hal­ten.
    2) NEOS: Bei den Na­tio­nal­rats­wah­len 2013 wähl­te ich sie, sie er­schie­nen mir als Al­ter­na­ti­ve. Bei den Eu­ro­pa­wah­len wird sich das nicht wie­der­ho­len: dem Frei­han­dels­ab­kom­men ge­be ich mei­ne Zu­stim­mung nicht. Be­tref­fend der Ar­beit gibt es sei­tens der NE­Os kei­ne Un­ter­stüt­zung des Grund­ein­kom­mens, son­dern sie stre­ben nach ei­nem Wirt­schafts­wachs­tum, wel­ches u.a. die Pro­ble­me der Um­welt wei­ter ver­stär­ken wird. Es be­darf ei­ner neu­en De­fi­ni­ti­on des Ar­beits­be­grif­fes. Es gibt ge­nug Ar­beit, was sich ver­scho­ben hat be­trifft die Zwei­tei­lung in be­zahl­te und un­be­zahl­te Ar­beit – an die­ser Schnitt­stel­le be­darf es ei­nes neu­en An­sat­zes.

    #2

  4. Na­ja, 2004 glänz­te die Ukrai­ne mit der fast ge­walt­lo­sen »Oran­ge­nen Re­vo­lu­ti­on« schon ein­mal in den Me­di­en. Ge­nutzt hat es dem Land nicht; Juscht­schen­ko und Ti­mo­schen­ko zer­fleisch­ten sich lie­ber ge­gen­sei­tig. Der la­chen­de Drit­te war Ja­nu­ko­witsch.

    An­fangs hat­te ich den Ver­gleich zu Ju­go­sla­wi­en noch ab­ge­lehnt; in­zwi­schen bin ich da skep­ti­scher. Tat­säch­lich wird mit Mi­li­zen die ter­ri­to­ria­le In­te­gri­tät ei­nes Lan­des (der Ukrai­ne) an­ge­grif­fen, um das Macht­va­ku­um in Kiew aus­zu­nut­zen. So ent­ste­hen Fak­ten. Das ist Po­li­tik des 18. Jahr­hun­derts. Gibt man von Sei­ten des We­stens die Ost­ukrai­ne auf, schafft man ei­nen Prä­ze­denz­fall. Was ist mit Moldawien/Transnistrien, Berg-Ka­ra­bach, Ge­or­gi­en? Die ein­zi­ge Mög­lich­keit, die ich se­he be­steht in ei­ner Art Fö­de­ra­ti­on wie Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na, ab­ge­si­chert durch ir­gend­wel­che UN-Trup­pen viel­leicht. For­mal blie­be die Ukrai­ne dann er­hal­ten, de fac­to könn­ten sich die ein­zel­nen Lan­des­tei­le ent­wickeln wie sie möch­ten.

    Bei der Su­che nach Lö­sun­gen könn­te es hilf­reich sein, nach ge­wis­sen Ur­sa­chen zu for­schen.

    #3

  5. die kalte Sophie sagt:

    Wer oder was sind die NEOS?!
    ...erst mal goo­geln...
    Ah, das sind Öster­rei­cher Kraft-Li­be­ra­le. Sehr schön, und was hat das mit der Ukrai­ne zu tun?!
    ...erst mal über­le­gen...
    Ah, es geht dar­um, wie will­kür­lich die Po­si­ti­ons­fin­dun­gen der versch. po­li­ti­schen Ak­teu­re sind. Gu­tes Bei­spiel, die Re­gie­rung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land wä­re ein wei­te­res.
    Ich hab mich in­zwi­schen auch für »un­ab­hän­gig« er­klärt, wer­de zeit­gleich zur Eu­ro­pa­wahl am 25.05. ein Re­fe­ren­dum ab­hal­ten. Das Zeit­fen­ster ist eng, aber »wir« wer­den das hin­krie­gen. Soll echt de­mo­kra­tisch ab­lau­fen.
    Mei­ne Mei­nung?!
    ...die EU hat die Ukrai­ne auf dem Ge­wis­sen, al­so war­um soll­te je­mand an Lö­sun­gen in­ter­es­siert sein...

    #4

  6. @Gregor
    Russ­land und die EU wer­den sich nur lang­sam und über ei­nen lan­gen Zeit­raum an­nä­hern kön­nen (ei­ne Frei­han­dels­zo­ne bei­der Staa­ten mit der Ukrai­ne wä­re viel­leicht ein er­ster Schritt; öko­no­mi­sche Ver­flech­tun­gen kön­nen viel be­wir­ken).

    Der We­sten (EU und NATO, ja) kann die Ost­ukrai­ne nicht fal­len las­sen (Russ­lands Vor­ge­hen ist ja kei­nes­wegs zu be­für­wor­ten), hat aber im sel­ben Mo­ment ein Le­gi­ti­mi­täts­pro­blem (und kann rea­li­ter nicht viel tun, da sich die Er­eig­nis­se ver­selbst­stän­di­gen; mi­li­tä­risch Ein­grei­fen kann nur die Ukrai­ne); wenn die Er­eig­nis­se ähn­lich ver­lau­fen wie im Fall der Krim, dann hat man in­so­fern wie­der ei­nen Prä­ze­denz­fall, weil man die voll­zo­ge­ne Se­zes­si­on – no­lens, vo­lens – ak­zep­tie­ren wird.

    Viel­leicht ist die rhe­to­ri­sche Wucht ja ei­ne Aus­druck von Hilf­lo­sig­keit (klar, da­durch wird sich nichts än­dern).

    @zeitzug
    Ei­ne Lö­sung im­pli­ziert doch ei­ne Ana­ly­se der Ver­ant­wort­lich­kei­ten, der ge­setz­ten Hand­lun­gen und In­ter­es­sen als Ba­sis um zu ei­nem ge­rech­ten Aus­gleich zu ge­lan­gen, oder? — UN-Trup­pen, ei­ne weit­ge­hend au­to­no­me Ost­ukrai­ne oder ei­ne Fö­de­ra­ti­on wä­ren tat­säch­lich ei­ne Mög­lich­keit.

    Dass sich da­vor nie­mand in Eu­ro­pa für die Ukrai­ne in­ter­es­sier­te stimmt nicht (vor der Kri­se war die kran­ke Ju­li­ja Ti­mo­schen­ko ein The­ma).

    #5

  7. h.z. sagt:

    Welch be­son­ne­ner Auf­satz.

    Ne­ben den vie­len, die reif­li­che Über­le­gung för­dern­den Fra­ge­stel­lun­gen ver­mit­telt mir der Bei­trag auch ein we­nig – das mag für man­che viel­leicht pa­the­tisch klin­gen – Trost. Denn in ihm spie­gelt sich ein De­mo­kra­tie­ver­ständ­nis wi­der, wel­ches, los­ge­löst von der ei­ge­nen Be­find­lich­keit zum Aus­druck kom­mend, die Schwä­chen des pseu­do­li­be­ra­li­sier­ten öf­fent­li­chen Raums mar­kant her­vor­tre­ten lässt. Der öf­fent­li­che Raum wird nicht von ei­nem mit fun­dier­ten Po­si­tio­nen aus­ge­stat­te­ten Dis­kurs be­stimmt, son­dern von syn­chro­ni­sier­ter Mei­nungs­ma­che – oder poin­tier­ter for­mu­liert: geist­lo­ser Het­ze – do­mi­niert. Kenn­zeich­nend für die­sen Öf­fent­lich­keits­mo­dus ist der Um­gang mit op­po­nie­ren­den Stel­lung­nah­men. Die wer­den, mö­gen sie sach­lich noch so be­grün­det sein, kur­zer­hand dis­kre­di­tiert: »Pu­tin-Ver­ste­her« hat sich da­bei mei­nem stark be­grenz­ten Über­blick über die deutsch­spra­chi­ge Me­di­en­öf­fent­lich­keit zu­fol­ge durch­ge­setzt. »Wer nicht mit uns ist, kann nur ge­gen uns sein.« Man stat­te die­se Gei­stes­hal­tung ge­dank­lich mit Waf­fen aus und über­le­ge sich so­dann, wie­viel Di­stanz zur Qua­li­tät der in­ne­ru­krai­ni­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen blie­be.

    Um­so mehr gilt dem Ver­fas­ser mein Re­spekt und mei­ne Hoch­ach­tung. Er­gänzt um, wie ich al­ler­dings mei­ne, un­um­geh­ba­re hi­sto­ri­sche Be­trach­tun­gen wür­de ich den Bei­trag ger­ne z.B. als »Kom­men­tar der an­de­ren« in der Zei­tung le­sen.

    Mein ei­ge­ner An­knüp­fungs­punkt an die af­fekt­hei­schen­de Mei­nungs­ma­che be­tref­fend den in­ne­ru­krai­ni­schen Kon­flikt war der Be­griff »An­ne­xi­on«. Da­mit wird Russ­lands tak­ti­sches Ver­hal­ten in ma­ni­pu­la­ti­ver Ab­sicht als ur­säch­lich mit den Vor­gän­gen ver­bun­den. Die Fehl­ver­wen­dung des Be­griffs deckt der Bei­trag zu­tref­fend auf. Dass sich auf der Krim ei­ne un­blu­ti­ge Se­zes­si­on er­eig­net ha­ben könn­te, wel­che Russ­land aus leicht nach­voll­zieh­ba­ren (und des­halb eben­so leicht zu­rück­zu­wei­sen­den) Grün­den för­der­te, wur­de in den Me­di­en nicht ein­mal an­satz­wei­se in Ver­hand­lung ge­nom­men. Man geht dort un­ver­än­dert und völ­lig un­be­gründ­bar da­von aus, dass in der Ukrai­ne kei­nes­falls selb­stän­dig den­ken­de und agie­ren­de Hitz­köp­fe un­ter­wegs sein könn­ten – auf bei­den ukrai­ni­schen Sei­ten, selbst­ver­ständ­lich. Je­nem As­pekt kommt mE ein we­sent­lich hö­he­rer Stel­len­wert zu, als ihm im vor­lie­gen­den Bei­trag ein­ge­räumt wur­de, da er die Per­zep­ti­on der Vor­gän­ge maß­geb­lich be­stimmt. So konn­te es sich an­schei­nend auch fü­gen, dass im Bei­trag der Be­griff »Se­zes­si­on« le­dig­lich im Kon­text »west­li­chen Han­delns« Ver­wen­dung fand. (die­se Be­ob­ach­tung ist als An­mer­kung zu ver­ste­hen und nicht als fun­da­men­ta­le Kri­tik am Text)

    Das Po­si­ti­ons­pa­pier der NEOS zer­legt der Bei­trag vor­treff­lich ge­lun­gen mit scharf ana­ly­sie­ren­den Schnit­ten. Man könn­te nun die dar­ge­leg­te NE­OS-Po­si­ti­on als na­iv und un­aus­ge­go­ren be­trach­ten. Dem­ge­gen­über aber hat­te ich die Spit­zen­kan­di­da­tin der NEOS in ei­nem TV-Auf­tritt (Pres­se­stun­de am 04.05) zum The­ma »Pri­va­ti­sie­rung der Was­ser­ver­sor­gung« ge­hört. Zwei Ta­ge spä­ter wie­der­hol­te sie in ei­nem Pu­bli­kums­for­mat der On­line-Aus­ga­be des Stan­dard ih­re Ar­gu­men­ta­ti­on: es ge­be oh­ne­hin be­reits vie­le pri­va­te Was­ser­ge­nos­sen­schaf­ten. Da­zu muss man wis­sen, dass die Was­ser­ver­sor­gung in der Or­ga­ni­sa­ti­ons­form von Was­ser­ge­nos­sen­schaf­ten hier­zu­lan­de aus­führ­lich im Was­ser­rechts­ge­setz, Be­stand­teil des öf­fent­li­chen Rechts, ge­re­gelt ist. Pri­va­te Was­ser­ge­nos­sen­schaf­ten lässt das hie­si­ge Rechts­sy­stem auch in Aus­nah­me­fäl­len nicht zu. Wei­ters muss man wis­sen, dass die Spit­zen­kan­di­da­tin pro­mo­vier­te Ju­ri­stin ist.

    Da ich mich vor län­ge­rer Zeit in­fol­ge prak­ti­scher Le­bens­um­stän­de sehr in­ten­siv mit dem recht­li­chen Rah­men von Was­ser­ge­nos­sen­schaf­ten be­schäf­ti­gen muss­te, konn­te ich die ver­schwie­ge­ne [neo]liberale Agen­da in die­sem spe­zi­el­len An­wen­dungs­be­reich schlag­ar­tig ver­ste­hen. Weil das mit ei­ner glat­ten Lü­ge (die Wie­der­ho­lung durch die Spit­zen­kan­di­da­tin le­gi­ti­miert mich zu die­ser Qua­li­fi­ka­ti­on) ver­schlei­ert wird, bin ich auch in an­de­ren Be­rei­chen nicht ge­neigt, an Nai­vi­tät und Un­er­fah­ren­heit ei­ner jun­gen po­li­ti­schen Grup­pie­rung zu glau­ben.

    #6

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  9. Herz­li­chen Dank für den aus­führ­li­chen Kom­men­tar und die freund­li­chen Wor­te. Was Sie über den öf­fent­li­chen »Dis­kurs« schrei­ben, ist in wei­ten Tei­len zu­tref­fend (es gibt zum Glück Men­schen, die die­ser Zu­stand stört; viel­leicht wer­den sie mehr).

    Man kann fol­gen­des Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment ma­chen: Was wä­re pas­siert, hät­ten die Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf der Krim ei­ne wich­ti­ge mi­li­tä­ri­sche Ba­sis un­ter­hal­ten und wä­re die­se wo­mög­lich durch ei­nen po­li­ti­schen Macht­wech­sel in ir­gend­wel­che Schwie­rig­kei­ten ge­ra­ten?

    Manch­mal scheint mir, dass »man« mit Russ­land nicht klar­kommt oder nicht weiß wie man ihm ge­gen­über­tre­ten soll und sich des­halb in Rhe­to­rik und Schwarz­ma­le­rei flüch­tet. — Ich ha­be mich nach ei­ni­ger Zeit der Be­richt­erstat­tung ge­fragt: Kann das stim­men? Muss man die­ser ein­hel­li­gen Mei­nung nicht aus Prin­zip miss­trau­en?

    Wel­che Vor­gän­ge nun wie stark von au­ßen ge­steu­ert wer­den, ist schwie­rig zu be­ur­tei­len: Ent­spre­chen­de Be­haup­tun­gen, dass dies in gro­ßem Maß­stab der Fall sei, wir­ken sich, so sie un­wi­der­spro­chen blei­ben, da ha­ben Sie völ­lig recht, auf die Wahr­neh­mung aus. Ich möch­te hier Gre­gor zu­stim­men: Es dürf­te mitt­ler­wei­le ei­ne (teil­wei­se) Ver­selbst­stän­di­gung ein­ge­tre­ten sein.

    War­um ich den Be­griff Se­zes­si­on nicht ver­wen­det ha­be, hat­te auch da­mit zu tun, dass ich mir nicht si­cher war ob er zu­trifft (die Krim woll­te ja kei­nen ei­ge­nen Staat bil­den).

    Ich woll­te die­se Pres­se­stun­de nach­se­hen, ha­be dann aber ver­ges­sen (die Dis­kus­si­on dar­über ha­be ich zwar mit­be­kom­men, aber nicht den ori­gi­na­len Wort­laut). Man muss vor­sich­tig sein, da den Ne­os an­schei­nend recht viel an­zu­hän­gen ver­sucht wird, aber das ist im­mer­hin ein­mal ein sub­stan­zi­el­ler Hin­weis, dan­ke (dort gibt es ei­ne Zu­sam­men­stel­lung von ei­nem jun­gen Par­tei­mit­glied über di­ver­se Ver­su­che, das passt gut zu dem was Sie ein­gangs über die öf­fent­li­che Dis­kus­si­on ge­schrie­ben ha­ben). — Ich ha­be durch­aus Sym­pa­thi­en für Trup­pe, wenn­gleich nicht in je­der Hin­sicht und ein fri­scher po­li­ti­scher Wind kann die­sem Land ei­gent­lich nicht scha­den (das wä­re ei­gent­lich auch ein­mal ein The­ma).

    Ich war in der Ver­gan­gen­heit das ei­ne oder an­de­re Mal knapp da­vor ei­nen Le­ser­kom­men­tar an den Stan­dard zu schicken, ich ha­be es aus zwei Grün­den nicht ge­tan: Er­stens be­trei­be ich selbst ei­nen Blog und schrei­be im­mer wie­der auch auf die­sem hier und zwei­tens be­hält man sich dort Ein­grif­fe in den Text vor, was ich zwar ver­ste­hen kann, aber (oh­ne Rück­spra­che) nicht will.

    #7

  10. h.z. sagt:

    Die ver­säum­te Pres­se­stun­de als voll­stän­di­ge play­list.

    #8

  11. Un­ter dem Strich bin ich ei­ni­ger­ma­ßen ent­täuscht, da bleibt zu vie­les un­kon­kret und we­nig de­tail­liert (ge­ra­de an ent­schei­den­den Punk­ten).

    #10

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  13. h.z. sagt:

    Das se­he ich ähn­lich, wie­wohl ich im her­aus­ge­ar­bei­te­ten Un­kon­kre­ten durch­aus ein recht kon­kre­tes Er­geb­nis er­blicke (wel­ches aber noch um ei­ni­ges deut­li­cher hät­te aus­fal­len kön­nen)

    #11

  14. h.z. sagt:

    24 Stun­den nach Be­kannt­wer­den des Wahl­er­geb­nis­ses in der Ukrai­ne ist es ru­hig im deutsch­spra­chi­gen Main­stream-Blät­ter­wald. Kur­ze sach­li­che In­for­ma­ti­on, Zi­ta­te, nicht mehr. Ich tip­pe auf Mitt­woch. Dann wer­den die fein ab­ge­stimm­ten Ein­schät­zun­gen der »west­li­chen« Me­di­en ver­laut­bart.

    #12

  15. Phorkyas sagt:

    Bis­her hielt ich mich was die deut­schen Me­di­en an­geht schon für reich­lich des­il­lu­sio­niert, aber die Be­richt­erstat­tung über die Ukrai­ne hat mir ge­zeigt, dass ich da doch noch völ­lig un­be­darft und na­iv war. Wenn ich da das Ge­ba­ren von Kle­ber oder Schö­ne­born se­he – wie kann man sich denn in­tel­lek­tu­ell so un­be­leckt zei­gen, so sehr den nackich­ten Kai­ser ge­ben und sich dann wun­dern das You­tuber und an­de­res Ge­socks mit dem Fin­ger drauf zeigt?

    Ein In­ter­view von 2008(!) mit ei­nem ARD-Kor­re­spon­den­ten, der Pu­tin noch auf Au­gen­hö­he be­geg­nen konn­te, fand ich auch sehr auf­schluss­reich ( http://www.youtube.com/watch?v=hqNowmiscK4 ). Der Re­por­ter er­wähnt Be­fürch­tun­gen aus Lon­don, Russ­land kön­ne die da­ma­li­ge Kri­sen­la­ge aus­nut­zen, um die Krim zu be­set­zen (so oder so ähn­lich). Wenn es al­so schon da­mals solch geo­po­li­ti­sche Be­den­ken gab, wie blau­äu­gig müs­sen die Macht­tak­tie­rer der EU, dann plötz­lich ge­wor­den sein, wenn sie die Destabilisierung/Einverleibung der Ukrai­ne be­trei­ben, oh­ne mit ei­ner ähn­li­chen Re­ak­ti­on Mos­kaus zu rech­nen?

    Ei­gent­lich bin ich ein völ­lig un­po­li­ti­scher Mensch und ge­ra­de die Welt­po­li­tik hat mich nie in­ter­es­siert, aber ich mer­ke, wie die­se Din­ge mich an­trei­ben, po­la­ri­sie­ren. Es ist doch schon ab­surd, wie sehr die Jour­na­li­sten der ZEIT und der FAZ sich schwer­tun mit den ent­rü­ste­ten Le­ser­kom­men­ta­ren und gleich bö­se »Hacker« aus Mos­kau da­für ver­ant­wort­lich ma­chen wol­len.

    Was mir aber noch weit­aus mehr Schmer­zen be­rei­tet, ist die ideo­lo­gi­sche Zu­be­to­nie­rung al­ler Nach­rich­ten­ka­nä­le, die den oh­ne­hin schon un­mög­li­chen Dis­kurs nur wei­ter ver­stopft. Be­son­ders das Ge­spräch und die Fru­stra­ti­on ei­nes rus­si­schen Kol­le­gen ist mir da zum Leit­ge­dan­ken ge­wor­den: die­ser war ja in der La­ge bei­de Nach­rich­ten­quel­len für sich aus­zu­wer­ten und er war sicht­lich kon­ster­niert, dass die­se di­ver­gie­ren­den Welt­sich­ten lo­gisch nicht mehr in Deckung zu brin­gen wa­ren. Letzt­lich so mein­te er, wür­den doch bei­de wich­ti­ge In­for­ma­tio­nen vor­ent­hal­ten, ja ei­gent­lich blie­be nur die Schluss­fol­ge­rung, dass bei­de Sei­ten lü­gen. So kommt man na­tür­lich nicht wei­ter und me­tep­si­lo­n­e­mas Ver­such ei­ner dif­fe­ren­zier­ten Stel­lung­nah­me zeigt viel­leicht noch gang­ba­re We­ge,.. aber mir er­scheint es zu­neh­mend un­mög­lich ei­ne ge­schlos­se­ne, ko­hä­ren­te Po­si­ti­on zu die­sem Er­eig­nis ein­zu­neh­men.

    #13

  16. @Phorkyas
    Nun, Gre­gor hat wohl nicht un­recht: Der Re­zi­pi­ent ist da­bei nur noch ge­dul­det.

    In­ter­es­san­tes, gut ge­führ­tes In­ter­view. Wer weiß, viel­leicht hat man im Fall der Ukrai­ne die­se Re­ak­ti­on Russ­lands ris­kiert.

    Na­tür­lich po­la­ri­siert das, vie­le ha­ben das Ge­fühl, dass sie für dumm ver­kauft wer­den. Hier zeigt sich (wie­der?), dass das Wort von der »gleich­ge­schal­te­ten Pres­se« durch­aus rea­len Hin­ter­grund hat (na­tür­lich nicht so wie oft be­haup­tet): Aber der ein­hel­li­ge Te­nor ist er­schreckend (und ent­täu­schend, was ja gut ist). — Ich glau­be man muss ei­nen lan­gen Atem ha­ben: Die kri­ti­schen Stim­men ma­chen sich mit der Fort­dau­er der Dis­kus­sio­nen und der Be­richt­erstat­tung erst (oder: bes­ser) be­merk­bar.

    Man kann sei­ne Po­si­ti­on wei­ter­ent­wickeln und die viel­leicht erst nach und nach be­kannt wer­den­den Fak­ten be­rück­sich­ti­gen (man muss ja nicht zu al­lem so­fort sei­nen Senf ab­ge­ben, kann sich erst ein­mal den Sand aus den Au­gen wi­schen, nach­den­ken und zu­war­ten, so ei­ne Art Ent­span­nung tä­te un­se­ren Me­di­en auch ganz gut).

    #14

  17. Bei al­lem Un­be­ha­gen über die Be­richt­erstat­tung geht mir das mit der »gleich­ge­schal­te­ten Pres­se« da­hin­ge­hend zu weit, dass der Be­griff sug­ge­riert, da dre­he je­mand die Jour­nail­le bei je­dem Be­richt, je­der Re­por­ta­ge, in ei­ne be­stimm­te Rich­tung. Ich sa­ge nicht, dass Ihr das denkt, aber es kommt so ‘rü­ber.

    In Wahr­heit läuft das na­tür­lich sub­ti­ler ab. Jour­na­li­sten wird wohl er­zählt, dass sie ih­re Mei­nung mit in ei­ne Be­richt­erstat­tung ein­flie­ssen las­sen sol­len. Sie sind teil­wei­se ver­floch­ten mit Think Tanks, Par­tei­en oder ha­ben auch ein­fach nur ei­ne be­stimm­te An­sicht, die viel­leicht auch mit per­sön­li­chen Er­fah­run­gen durch­setzt ist. Hin­zu kommt das – mei­nes Er­ach­tens ir­ri­ge – Po­stu­lat, dass es eh kei­ne Ob­jek­ti­vi­tät ge­be, was wohl da­zu führt, dass um­so sub­jek­ti­ver be­rich­tet wer­den darf.

    Der Re­zi­pi­ent hat nur die Mög­lich­keit über Un­ge­nau­ig­kei­ten und Feh­ler, die ihm bspw. in der Rhe­to­rik auf­fal­len, die Sub­jek­ti­vi­tät des Jour­na­li­sten de­tek­ti­visch her­aus­zu­fin­den.

    Auf dem seit vie­len Jah­ren un­ter­ge­gan­ge­nen Fo­rum »nensch« hat mal je­mand ei­nen Vor­schlag vor ei­ner Bun­des­tags­wahl ge­macht, der dann doch lei­der nicht um­ge­setzt wur­de. Die User soll­ten ei­ne Art Wahl­kampf­text für ei­ne Par­tei schrei­ben. Das wä­re jetzt nichts be­son­de­res. Der Kniff lag dar­in, dass bspw. der Athe­ist ei­nen Text für die CDU schrei­ben soll­te, der Kon­ser­va­ti­ve ei­nen für die Lin­ke, d. h. je­der soll­te ei­nen Text für ei­ne Par­tei for­mu­lie­ren, die er un­ter nor­ma­len Um­stän­den nie­mals wäh­len wür­de, noch nicht ein­mal »zur Not«. In ei­ner an­schlie­ßen­den Dis­kus­si­on muss der je­wei­li­ge Au­tor auch ge­gen die Kom­men­ta­re der an­de­ren Teil­neh­mer sei­ne Po­si­ti­on ver­tei­di­gen.

    Die Sa­che hät­te sei­nen Reiz ge­habt. Ir­gend­wann ha­be ich dann mal ge­hört, dass es Jour­na­li­sten­schu­len gibt, die so et­was auch im Pro­gramm ha­ben.

    #15

  18. h.z. sagt:

    Man kann das Phä­no­men der »gleich­ge­schal­te­ten Pres­se« al­ter­na­tiv – ich be­vor­zu­ge die­se Va­ri­an­te – da­durch zu er­klä­ren ver­su­chen, dass ei­ni­ge we­ni­ge Pri­vi­le­gier­te ih­re Mei­nung kund­tun und der Rest der Be­quem­lich­keit hal­ber ab­schreibt (wie z.B. Kro­ne-Schmalz in­si­nu­iert). Nicht zu ver­nach­läs­si­gen ist der Um­stand, dass Jour­na­li­sten zu­neh­mend ins Pre­ka­ri­at ab­ge­drängt wer­den. Für ab­schrei­ben­de Res­sort­chefs trifft dies al­ler­dings kaum zu.

    Den mög­li­chen Ab­stim­mungs­me­cha­nis­men hat Uwe Krü­ger zwar nach­ge­forscht. Mi­cha­el Hart­mann geht mit sei­ner »Eli­ten­for­schung« in­des an den Kern her­an. Bei­de »Macht­fel­der« soll­ten tun­lichst ge­mein­sam be­trach­tet wer­den. Dann wird auch klar, dass zwi­schen den Wirk­lich­keits­ab­bil­dern der Eli­ten und des »ge­mei­nen Vol­kes« ei­ne ge­wal­ti­ge Kluft be­steht, wel­che ak­tu­el­ler Jour­na­lis­mus kaum zu über­brücken ge­willt ist.

    G.K. hat wohl recht da­mit, dass der Re­zi­pi­ent die Mög­lich­keit ha­be, mit­tels Un­ge­nau­ig­kei­ten und Feh­ler der Sub­jek­ti­vi­tät des Jour­na­li­sten auf die Spur zu kom­men. An Sub­jek­ti­vi­tät gibt es pri­ma vi­sta ja nichts aus­zu­set­zen. Doch muss auch be­dacht wer­den, dass der Re­zi­pi­ent, so er die Sub­jek­ti­vi­tät ein­mal zu er­ken­nen ver­mag, im näch­sten Ana­ly­se­durch­gang auf ei­ne al­len­falls vor­han­de­ne Vor­ein­ge­nom­men­heit des Jour­na­li­sten stößt. In dem Mo­ment muss die Ar­beit je­nes Jour­na­li­sten aus der In­for­ma­ti­ons­ba­sis für die ei­ge­ne Mei­nungs­bil­dung aus­ge­schie­den wer­den – und zwar dau­er­haft. Na­tür­lich könn­te da­ge­gen ge­hal­ten wer­den, dass der Re­zi­pi­ent sich selbst auf­ma­chen kön­ne, um ver­mit­tel­te In­hal­te und Schluss­fol­ge­run­gen ge­gen den im Netz ver­füg­ba­ren In­for­ma­ti­ons­be­stand zu prü­fen. Da­mit führ­te sich Jour­na­lis­mus al­ler­dings ad ab­sur­dum.

    An­hand des oben bei­spiel­haft ver­link­ten In­ter­views mit Pu­tin aus 2008 lässt sich rasch nach­voll­zie­hen, was ich mei­ne. Gleich in der Er­öff­nung führt Roth aus, dass nach der Es­ka­la­ti­on in Ge­or­gi­en das Bild in der in­ter­na­tio­na­len Öf­fent­lich­keit (Po­li­tik und Pres­se, wie er prä­zi­siert) so aus­se­he: »Russ­land ge­gen den Rest der Welt«. Mit der dar­an an­knüp­fen­den er­sten Fra­ge schon schießt sich Roth ins ei­ge­ne Knie: »War­um ha­ben Sie Ihr Land mit Ge­walt in die­se Iso­la­ti­on ge­trie­ben?« Ein Bild wird al­so als Tat­sa­che prä­sen­tiert. Auf die lau­ern­de Nach­fra­ge, wer den Krieg be­gon­nen ha­be, ant­wor­tet Roth not­ge­drun­gen, dass letz­te aus­lö­sen­de At­tacke der ge­or­gi­sche An­griff auf Zchin­wa­li ge­we­sen sei und kon­ze­diert da­mit gleich­zei­tig, dass nicht Russ­land den of­fe­nen Krieg be­gon­nen ha­be. Die di­plo­ma­tisch ge­konnt for­mu­lier­te Ant­wort Pu­tins ver­steht er of­fen­kun­dig nicht, da er auf der Be­ant­wor­tung sei­ner nach der er­folg­ten Tat­sa­chen­ab­stim­mung gro­tesk er­schei­nen­den Ein­gangs­fra­ge in­si­stiert.
    Aus dem wei­te­ren Ver­lauf des In­ter­views wird klar, dass Roth kein rhe­to­ri­scher Lap­sus un­ter­lau­fen war, son­dern dass er mit ei­nem mo­ra­li­schen Im­pe­tus an das In­ter­view her­an ging. (es sei le­dig­lich der Voll­stän­dig­keit hal­ber er­wähnt, dass ich ge­ne­rell an ei­ner Re­la­ti­vie­rung rus­si­scher Mi­li­tär­in­ter­ven­ti­on kei­ner­lei In­ter­es­se ver­spü­re)

    Mit bleibt ver­schlos­sen, was an dem In­ter­view als ge­lun­gen emp­fun­den wer­den könn­te. Ich se­he ei­nen ge­dank­lich trä­gen Jour­na­li­sten, der sei­nem dia­lek­tisch ge­üb­ten Ge­sprächs­part­ner das sprich­wört­li­che Was­ser nicht rei­chen kann. Die­se Aus­prä­gung von Jour­na­lis­mus wird mei­nem An­spruch an Auf­klä­rung nicht im min­de­sten ge­recht. Und eben die­se (sich mei­ner Mei­nung nach durch­ge­setzt ha­ben­de) Aus­prä­gung von Jour­na­lis­mus er­zählt heu­te von der Ukrai­ne.

    #16

  19. @h.z.
    dass er mit ei­nem mo­ra­li­schen Im­pe­tus an das In­ter­view her­an ging
    Das ist wun­der­bar auf den Punkt ge­bracht! Dar­auf kam/kommt es mir an: Der vor­aus­ei­len­de mo­ra­li­sche Im­pe­tus. Das ist der Tod des Jour­na­lis­mus. Man sie­he dies hier, als Mal­te Her­wig dar­auf hin­weist, dass es ge­nau dar­auf nicht an­kommt

    #17

  20. Na­tür­lich ist die Pres­se nicht wie in ei­ner Dik­ta­tur gleich ge­schal­tet, von ganz we­ni­gen ge­gän­gelt, aber Phä­no­me­ne wie die Be­richt­erstat­tung über die Ukrai­ne näh­ren die­se Be­haup­tun­gen, die vor al­lem in po­li­tisch ex­tre­men Rad­grup­pen exi­stie­ren, das mein­te ich (was es gibt, sind ver­ein­heit­li­che Ten­den­zen durch Agen­tu­ren, durch Ab­schrei­ben oder wirt­schaft­li­che Ver­flech­tun­gen ... es wur­den ja ei­ni­ge Bei­spie­le ge­nannt).

    Zur Ob­jek­ti­vi­tät: Man kann sie na­tür­lich als ei­ne Er­zäh­lung auf­fas­sen, die es nicht gibt, die ei­ne Il­lu­si­on ist, al­ler­dings bleibt das un­prä­zi­se, ei­ne Be­haup­tung. Ge­gen völ­li­ge Ob­jek­ti­vi­tät spricht, dass man da­zu oft mehr In­for­ma­tio­nen be­nö­tigt, als man hat, dass man An­nah­men, Ver­ständ­nis­se oder Grund­sät­ze nicht in Fra­ge stellt (sie blei­ben im­pli­zit). Das spricht aber nicht da­ge­gen es zu ver­su­chen, nicht da­ge­gen, dass ver­schie­de­ne Sicht­wei­sen Ob­jek­ti­vi­tät (oder ei­ne Nä­he­rung) ge­mein­sam er­zeu­gen (kön­nen). Ge­dan­ken­ex­pe­ri­men­te, An­mer­kun­gen, das Be­nen­nen von Quel­len, hel­fen an­de­ren ei­nen Text ein­zu­schät­zen, das ist zu­nächst wahr­schein­lich noch wich­ti­ger als Ob­jek­ti­vi­tät, die man viel­leicht als re­prä­sen­ta­ti­ve Aus­wahl (und un­ver­kürz­te Dar­stel­lung) al­ler ver­füg­ba­ren Quel­len de­fi­nie­ren kann. Wer we­der das ei­ne noch das an­de­re ver­sucht, macht es sich leicht. Ich kann mich an ei­ne Dis­kus­si­ons­run­de im ORF er­in­nern in der schlech­ter Jour­na­lis­mus von ei­nem Leh­ren­den der Uni­ver­si­tät Wien in­di­rekt zu ver­tei­di­gen ver­sucht wur­de: Al­les sein bloß ei­ne Kon­struk­ti­on. Aber die Grund­la­gen sei­ner Kon­struk­ti­on kann man be­fra­gen, dar­um geht es. [Die sub­jek­ti­ve Be­richt­erstat­tung hat auch mit dem Über­an­ge­bot an In­for­ma­ti­on und der ver­füg­ba­ren Zeit zu tun: Sie bin­det Auf­merk­sam­keit.]

    Die mo­ra­li­sche Grun­die­rung ist mir auch un­gut auf­ge­fal­len, was ich moch­te wa­ren die knap­pen Fra­gen und Ein­wän­de, auf die Pu­tin dann zwar ge­schickt, aber aus­führ­lich ant­wor­te­te (ant­wor­ten muss­te). Wenn ich Zeit fin­de, kön­nen wir uns das noch ge­nau­er an­se­hen. Mög­lich ist, dass viel­leicht ge­ra­de der auf­klä­re­ri­sche Auf­trag, als ei­ne Selbst­ge­wiss­heit, den mo­ra­lisch vor­ein­ge­nom­me­nen Stand­punkt be­gün­stigt hat (ein nai­ves Ver­ständ­nis von Auf­klä­rung gibt es ja durch­aus).

    Nensch ... stimmt, dun­kel kann ich mich an den Vor­schlag er­in­nern.

    #18

  21. Wich­ti­ger Punkt in der ecki­gen Klam­mer: Der sub­jek­ti­ve Jour­na­lis­mus bin­det Auf­merk­sam­keit. Das ist sehr gut be­ob­ach­tet.

    Der sub­jek­ti­ve Jour­na­lis­mus bin­det die Auf­merk­sam­keit durch die Ima­gi­na­ti­on des Au­then­ti­schen, des Wah­ren. Er emo­tio­na­li­siert, macht be­trof­fen. Er ist zwar sub­jek­tiv, gibt aber vor ob­jek­tiv zu sein. Der Jour­na­list möch­te ein »Wir«-Gefühl zwi­schen ihm, dem Be­ob­ach­ter, Re­por­ter und dem Re­zi­pi­en­ten er­zeu­gen. »Wir« sind auf der rich­ti­gen Sei­te. Das ist na­tür­lich nur ein Trick.

    Wenn man al­so sagt, dass es kei­nen ob­jek­ti­ven Jour­na­lis­mus gibt bzw. die Mög­lich­kei­ten der Nä­he­rung zur Ob­jek­ti­vi­tät ei­ne Il­lu­si­on sind, dann be­kommt Jour­na­lis­mus ei­ne ganz an­de­re Di­men­si­on: Dann wird aus je­dem Bei­trag ein Kom­men­tar, ein Mei­nungs­stück. Das Pro­blem ist nur, dass ich die Kri­te­ri­en des Jour­na­li­sten nicht ken­ne – nur sei­ne Mei­nung. Viel­leicht ist die Si­tua­ti­on ja viel schlim­mer. Oder sie ist an­ders. Am En­de weiss ich ei­gent­lich nichts bzw. nicht mehr als vor­her. Das gilt ge­ra­de für Kriegs- oder Bür­ger­kriegs­be­richt­erstat­tung, in de­nen der Jour­na­list ein­ge­schränk­te Re­cher­che­mög­lich­kei­ten hat.

    #19

  22. Stimmt: Das nüt­zen auch die an­de­ren (ent­ge­gen­ge­setz­ten) Mei­nun­gen nichts mehr, weil kei­ne mehr über­prüft wer­den kann (oder nur mehr dort, wo man ei­ge­ne Er­fah­run­gen hat oder Re­cher­chen ma­chen kann ... al­ler­dings hät­ten sich die Po­si­tio­nen dann ver­tauscht).

    #20

  23. Joseph Branco sagt:

    Als ich in den Ta­ges­the­men vom 20.5. den trie­fen­den Be­richt über die Mo­bi­li­sie­rung Ach­me­tows ge­se­hen hat­te, kam mir die gan­ze ziem­lich Sa­che spa­nisch vor und such­te et­was im Netz. Da­bei bin ich auf die­ses zu­ge­ge­ben un­ap­pe­tit­li­che
    Film­chen ge­sto­ßen. Auch wenn die »Au­toren« in­dis­ku­ta­bel sind, zeigt das Mach­werk doch, dass der Be­richt in den Ta­ges­the­men weit nä­her an dem Ska­le­nen­de Lü­ge als nur sub­jek­tiv steht. Was ich mich jetzt fra­ge, ist, ob die Be­richt­erstat­tung nur in Zei­ten wie die­sen solch ein Maß an Sub­jek­ti­vi­tät er­reicht oder ob der Bi­as Nor­mall­fall ist. Gru­se­lig.

    #21

  24. Wenn das der Ori­gi­nal­bei­trag in der Ta­ges­schau war, dann kann man gut nach­voll­zie­hen wie ge­schickt dort ge­ar­bei­tet wird, aber ge­lo­gen ist es nicht: Man bringt nur ver­schie­de­ne Din­ge mit ein­an­der in Ver­bin­dung: Ei­ne Zahl (tau­sen­de Pro­te­stie­ren­de; mög­li­cher Wei­se in der gan­zen Re­gi­on?) und Bil­der aus dem Sta­di­on: Der Zu­se­her ver­bin­det bei­des (Bild und Ton) mit­ein­an­der und fol­gert durch die Nä­he, ei­ne Kor­re­la­ti­on (kei­ne Kau­sa­li­tät), die zu­dem nur durch den Zu­sam­men­schnitt er­zeugt wird, dass das Sta­di­on eben­falls mit Tau­sen­den ge­füllt war. — Das ist im be­sten Fall schlam­pi­ge Ar­beit, im schlech­te­sten ein Ma­ni­pu­la­ti­ons­ver­such (nimmt man hand­werk­li­ches Kön­nen an, muss man es ei­gent­lich um­ge­kehrt for­mu­lie­ren).

    #22

  25. Ganz kurz ist so­gar das re­la­tiv lee­re Sta­di­on zu se­hen, al­ler­dings so, dass man es kaum wahr­nimmt, so­mit kann nie­mand sa­gen, dass man es nicht ge­zeigt hät­te (hän­gen blei­ben al­ler­dings die fah­nen­schwin­gen­den Men­schen, als Stand­bild wäh­rend der Ein­lei­tung der Spre­che­rin und da­nach, weil sie län­ger zu se­hen sind).

    [das al­les un­ter der An­nah­me, dass das Vi­deo vom fast lee­ren Sta­di­on, der Rea­li­tät ent­spricht]

    #23

  26. h.z. sagt:

    @metepsilonema
    Ih­re sorg­sa­me Sicht­wei­se hal­te ich für eh­ren­voll.

    Sie kön­nen sich ge­wiss an Ot­to Schul­mei­ster er­in­nern (für die Le­se­rin­nen aus D: zu­letzt, 1976 – 1989, Her­aus­ge­ber der da­mals noch bür­ger­li­chen Ta­ges­zei­tung »Die Pres­se«). 2009 wur­de dar­über be­rich­tet, dass er sich für die CIA ver­wen­det ha­ben soll. Man kann das als un­hüb­schen Ein­zel­fall be­trach­ten, ge­wiss.

    In ei­nem Stan­dard-Fo­rum stell­te ein Le­ser in­des die Fra­ge, wie die per­ma­nen­te Schlag­sei­te der eu­ro­päi­schen Me­di­en in Be­zug auf Russ­land, die Ukrai­ne so­wie die Pro­te­ste ein­zu­ord­nen sei. Dar­auf hin mel­de­te sich der au­ssen­po­li­ti­sche Re­dak­teur des Stan­dard, Jo­sef Kir­chen­gast zu Wort: »Ja, zu die­ser »Schlag­sei­te« be­ken­nen wir im STANDARD uns, [...]«
    Da bleibt nun nicht mehr all­zu­viel In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum.

    #24

  27. Phorkyas sagt:

    @h.z.:
    Mit bleibt ver­schlos­sen, was an dem In­ter­view als ge­lun­gen emp­fun­den wer­den könn­te. Ich se­he ei­nen ge­dank­lich trä­gen Jour­na­li­sten, der sei­nem dia­lek­tisch ge­üb­ten Ge­sprächs­part­ner das sprich­wört­li­che Was­ser nicht rei­chen kann. Die­se Aus­prä­gung von Jour­na­lis­mus wird mei­nem An­spruch an Auf­klä­rung nicht im min­de­sten ge­recht.
    Das se­he ich auch jetzt im­mer noch an­ders. Es mag bei Roth auch ge­wis­se Ten­den­zen der Ein­sei­tig­keit ge­ben, dass er stark die west­li­che Po­si­ti­on ver­tritt bzw. de­ren Äu­ße­run­gen und Mei­nun­gen kol­por­tiert und bei­spiels­wei­se mit der Er­wäh­nung der im Wohn­block ne­ben ihm ex­plo­die­ren­den Bom­be die Mo­ral­keu­le schwingt, aber den­noch gibt es da ei­ni­ge Mo­men­te, z.B.:
    Pu­tin: »[..] der­je­ni­ge der am lau­te­sten schreit, der ist der Dieb.«
    Roth: »..der ist der Räu­ber. Der bri­ti­sche Au­ßen­mi­ni­ster?«
    Pu­tin: »Das ha­ben Sie ge­sagt. Ex­zel­lent. Es ist an­ge­nehm sich mit Ih­nen zu un­ter­hal­ten. Aber das ha­ben Sie ge­sagt.«
    [..]
    Roth: »Russ­land ist der ein­zi­ge Wäch­ter des Völ­ker­rechts. Al­le an­de­ren sind ma­ni­pu­liert, ver­ste­hen das nicht oder ha­ben an­de­re In­ter­es­sen und de­nen ist das egal. Ha­be ich Sie rich­tig ver­stan­den?«
    Pu­tin: »Nein, [...]«
    Bei al­ler Iro­nie auf bei­den Sei­ten, merkt man da­bei m.E. wie auch am En­de, wo klar wird, dass Pu­tin, sich ge­nau über sei­nen In­ter­view­part­ner in­for­miert hat und die­ser auch rus­sisch spricht, dass die Ge­sprächs­part­ner ein­an­der re­spek­tie­ren. Ver­glei­chen Sie es ein­mal mit der Far­ce zwi­schen Pu­tin und Schö­nen­börn, mit dem ei­ne sol­che Ge­sprächs­ebe­ne über­haupt nicht mehr ge­fun­den wer­den kann. Das ist es viel­leicht: Pu­tin spricht in dem 2008er-In­ter­view auch vom Block­den­ken, das über­wun­den wer­den müs­se, und ob­wohl bei­de Ge­sprächs­part­ner ih­ren Block­po­si­tio­nen ver­pflich­tet blei­ben, ist noch ein Ge­spräch mög­lich. DAS ver­mis­se ich heu­te. Ein Schö­nen­börn, ein Kle­ber, die stel­len nur noch mo­ra­li­sie­ren­de Sprech­bla­sen in den Raum.

    An an­de­rer Stel­le hat­te me­tep­si­lo­n­e­ma eben­falls die Ver­mu­tung ge­äu­ßert, die­se mo­ra­lin­saure Hal­tung, mit der die­se Jour­na­li­sten­dar­stel­ler z.B. ge­gen­über Russ­land auf­tre­ten, dass die schon von vor­ne­her­ein jed­we­den Dis­kurs ver­hin­der­ten. – Wie schein­hei­lig und in­halts­leer die­se mo­der­ne, »mo­ra­li­sche« Ent­rü­stung da­her kommt, lässt sich viel­leicht auch an ei­nem Bi­schof zei­gen: wie der mit Hä­me über­gos­sen wur­de und der Skan­dal zu ei­nem Event ge­macht wur­de, zu des­sen Stät­te die Leu­te so­gar ge­pil­gert sein sol­len. Für die Me­di­en ist die »Ukrai­ne-Kri­se« ein eben­sol­cher Event. Sie aber als »gleich­ge­schal­tet« zu be­zeich­nen, weil auf al­len Haupt-Ka­nä­len, die glei­che Sau­ce auf uns rinnt, geht fehl, weil: 1) Da­mit ei­ne ziel­ge­rich­te­te, steu­ern­de In­stanz von au­ßen sug­ge­riert wird und da­mit 2) die in­ne­re Dy­na­mik, die Fo­kus­sie­rungs­be­we­gen, die schließ­lich zur Bün­de­lung des Öf­fent­li­chen In­ter­es­se völ­lig ver­kannt wird und da­bei 3) die Viel­stim­mig­keit ver­ges­sen wird, die es da­bei trotz al­lem im­mer noch gibt (man neh­me z.B. nur die Be­richt­erstat­tung in der FAZ).

    #25

  28. Schul­mei­ster ken­ne ich, klar (dass er sich für die CIA ver­wen­det ha­ben soll, ist mir ent­gan­gen). Die Of­fen­heit im Stan­dard ist frap­pie­rend, da ha­ben Sie be­züg­lich des In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raums selbst­ver­ständ­lich recht (dass der Re­dak­teur al­ler­dings so na­iv ist und glaubt was er da schreibt, die Be­grün­dung mei­ne ich...).

    Ich traue Fo­tos und Vi­de­os im All­ge­mei­nen we­nig, und da ich nichts selbst über­prüft hat­te, der Ver­weis (es ist das, was ich zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt wis­sen kann, ei­ne dar­über hin­aus­ge­hen­de Mei­nung kann sich je­der selbst bil­den ... das Grund­pro­blem der Be­ein­flus­sung von Me­di­en durch Ak­teu­re, die Macht aus­üben und In­ter­es­sen durch­set­zen wol­len ist in dem Ar­ti­kel den Gre­gor oben ver­linkt hat ja gut skiz­ziert; ei­ne Will­fäh­rig­keit, ei­ne frei­wil­li­ge Dienst­bar­keit, hat der Stan­dard selbst zu­ge­ge­ben, das kommt noch hin­zu [so sie frei­wil­lig ist]).

    #26

  29. h.z. sagt:

    @Phorkyas
    Ge­stat­ten Sie mir ei­ni­ge An­mer­kun­gen:

    Die Be­grün­dung 1) er­scheint mir als un­zu­tref­fend. Die steu­ern­de In­stanz ist nicht als von au­ßen sug­ge­riert, son­dern viel­mehr im In­nen tat­säch­lich an­ge­legt. Die von au­ßen wir­ken­den Kräf­te soll­ten bes­ser als »Ein­fluss su­chend« be­zeich­net wer­den. Als Nach­weis da­für mag je­de für sich ver­su­chen her­aus­zu­fin­den, wie es um das jour­na­li­sti­sche Kor­rek­tiv be­stellt ist. »Es grenzt ja an Selbst­mord, wenn man Kol­le­gen kri­ti­siert.« meint Kro­ne-Schmalz im von mir ver­link­ten In­ter­view denn auch. »Gleich­schal­tung« fin­det auf eben die­ser Ebe­ne statt. Den Be­griff selbst hal­te ich da­her für durch­aus zu­läs­sig.

    Ein­an­der im Ge­spräch re­spekt­voll zu be­geg­nen, ist doch ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Dar­auf möch­te ich mich nicht wei­ter ein­las­sen. In­ter­es­san­ter ist die be­ob­acht­ba­re all­ge­mei­ne Nei­gung, das auf­klä­ren­de(!) Ge­spräch zu mei­den und sich statt­des­sen mo­ra­li­sie­ren­den Mei­nungs­strö­mun­gen hin­zu­ge­ben. Ist ja auch un­be­streit­bar um ei­ni­ges ein­fa­cher.

    »Das ist der Tod des Jour­na­lis­mus.«, stellt G.K. tref­fend da­zu fest. Und mit dem Tod setzt der Ver­we­sungs­pro­zess ein, füh­re ich die Me­ta­pher wei­ter. In Rech­nung stel­lend, dass Jour­na­lis­mus per de­fi­ni­tio­nem den öf­fent­li­chen Raum maß­geb­lich ge­stal­tet, soll­ten die üb­len Kon­se­quen­zen aus dem Tod des Jour­na­lis­mus be­dacht wer­den. Wie lan­ge wird es noch dau­ern, bis For­de­run­gen laut wer­den nach »mo­ra­li­scher Er­neue­rung«, »Auf­räu­men«, »Be­sei­ti­gung des Ge­stanks«, etc.? Aus wel­cher Ecke sol­che For­de­run­gen er­ho­ben wer­den, muss hier nicht er­ör­tert wer­den. Wo­mit woll­te man dann wirk­sam da­ge­gen hal­ten? Mo­ra­li­sche Em­pö­rung, die aus­lö­sen­de Ur­sa­che, wird’s lo­gi­scher­wei­se nicht sein kön­nen. (ist nur rhe­to­risch ge­meint – kei­ne Über­deh­nung der Dis­kus­si­on be­ab­sich­tigt)

    Ei­ne Viel­stim­mig­keit der Be­richt­erstat­tung se­he ich auch, nicht aber je­ne der jour­na­li­sti­schen Ana­ly­sen und Kom­men­ta­re (Gast­bei­trä­ge zäh­le ich nicht da­zu).

    Ih­ren Be­grün­dungs­punkt 2) ha­be ich nicht ver­stan­den. Ei­ne al­ter­na­ti­ve For­mu­lie­rung wä­re hilf­reich.

    #27

  30. die_kalte_Sophie sagt:

    h.z. liegt rich­tig,
    es ist an der Zeit zu über­le­gen, wie die Wie­der­auf­er­ste­hung ei­ner rui­nier­ten Öf­fent­lich­keit zu be­werk­stel­li­gen wä­re. Er­in­nert an das Münch­hau­sen-Pro­blem. Mög­lich wä­re z.Bsp. die Grün­dung ei­ner »Dog­ma-Grup­pe«, wie das Lars von Trier für den Film ge­macht hat. Ein durch­aus stren­ges Re­gu­la­ri­um (Char­ta), dem sich al­le Mit­glie­der, die gleich­wohl wei­ter­hin Filme/Journalismus ma­chen, frei­wil­lig un­ter­wer­fen, un­ter Dro­hung des Aus­schlus­ses bei Ver­rat der Prin­zi­pi­en. Die Prin­zi­pi­en müss­ten deut­lich for­ma­le As­pek­te der Ar­beit, bzgl. Um­fang, The­ma, Stil, Selbst­kri­tik­pflicht, etc. ent­hal­ten, und im mo­ra­li­schen Sin­ne bin­dend bzw. des­avoui­rend sein. Der »freie Jour­na­lis­mus« im Sin­ne von Bou­le­vard und Mei­nungs­wal­ze wä­re da­mit als un­zu­läng­lich ent­larvt...

    #28

  31. Ich glau­be nicht, dass die Öf­fent­lich­keit rui­niert ist, zu der mei­nem Ver­ständ­nis nach auch die Bür­ger zäh­len: Wie h.z. an an­de­rer Stel­le schrieb, sind es eher die Grund­la­gen, die zu­neh­mend weg­bre­chen mit de­nen de­ren Auf­ga­ben be­wäl­tigt wer­den kön­nen (Mei­nungs­bil­dung, Be­ur­tei­lung öko­no­mi­scher und po­li­ti­scher Ent­schei­dun­gen, ...). — Na­tür­lich gibt es ei­ne Ero­si­on auch von Sei­ten der Bil­dung und Aus­bil­dung.

    Weil das Wort Gast­kom­men­tar fiel: Im On­line-Stan­dard sind m.E. re­gel­mä­ßig die Tex­te aus der Ru­brik »Kom­men­tar der An­de­ren« die qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig­sten. Und war­um? Weil sich dort häu­fig Nicht-Jour­na­li­sten bzw. Fach­leu­te aus ih­rem Ge­biet zu Wort mel­den (man kann al­so auch nicht sa­gen, dass da nie­mand ist, der et­wa bei­tra­gen kann oder will). — Al­so ei­ne »Per­so­nal­ver­mitt­lungs­fra­ge«?

    #29

  32. die_kalte_Sophie sagt:

    @ me­tep
    Sprengt evtl den Blog, aber in­wie­fern ge­hö­ren die »Bür­ger« zur Öf­fent­lich­keit?! Die­ser Per­so­nen­be­griff ist der Staats­theo­rie ent­lehnt, wird aber häu­fig auch als »Ge­gen­macht« ver­stan­den, et­wa wenn das Feed­back zw. Re­gie­rung und Be­völ­ke­rung in­ner­halb der De­mo­kra­tie (Wah­len, Al­ter­na­ti­ve Par­tei­en) in ei­nem Dis­kurs-Mo­dell nach­ge­bil­det wird. Öf­fent­lich­keit und Par­la­ment be­kom­men dann ein und die­sel­be Struk­tur ver­passt, sub­sum­miert un­ter dem Stich­wort »De­bat­te«.
    Ich möch­te ein­wen­den: es gibt ei­gent­lich kei­ne neu­tra­le Po­si­ti­on in­ner­halb der Macht­ver­hält­nis­se, ei­nen Be­ob­ach­ter, ei­nen un­vor­ein­gen. Re­zi­pi­en­ten. Ei­ni­ger­ma­ßen ob­jek­tiv sind nur die Per­so­nen, die sich we­nig um Po­li­tik, Macht, Mei­nung, etc. küm­mern, ggfs. kurz vor der Wahl, da­nach aber schon nicht mehr. Der full­time-Bür­ger als Ne­ben­job-Po­li­ti­ker ist doch ei­ne Fik­ti­on.
    Ich kann nicht er­ken­nen, dass die Öf­fent­lich­keit von »Bür­gern« ge­macht wird, ich se­he dar­in be­reits ei­ne Grup­pe von po­li­tisch In­ter­es­sier­ten (der Be­griff »In­ter­es­se« ist über­aus be­fra­gens­wert, weil er die As­pek­te von Markt und Vor­ein­ge­nom­men­heit ent­hält!), die im Sand­wich zwi­schen Funk­tio­nä­ren und der Be­völ­ke­rung ei­ne Sy­s­tem­po­si­ti­on er­hält.

    #30

  33. Klei­ner Ein­wurf (ich bin dann auch wie­der ganz still)

    »Das In­ter­net ist die Öf­fent­lich­keit« – von Per­len­tau­cher-Cher­vel.

    Der Satz »Der full­time-Bür­ger als Ne­ben­job-Po­li­ti­ker ist doch ei­ne Fik­ti­on.« ist auch in­ter­es­sant.

    Viel­leicht gibt es kei­ne voll­kom­me­ne neu­tra­le Po­si­ti­on des »Bür­gers«, aber die Kunst be­stün­de dar­in, sich ei­ner sol­chen Po­si­ti­on an­zu­nä­hern, sie zu ver­su­chen. Ich kann na­tür­lich heu­te über Russ­land nichts mehr sa­gen, oh­ne die Ge­schich­te die­ses Land mit­zu­den­ken – in dem Rah­men na­tür­lich nur, wie ich sie ken­ne. Aber ich kann mir doch Mü­he ge­ben, die Po­si­ti­on rus­si­scher Po­li­ti­ker min­de­stens zu er­wäh­nen, oh­ne sie (1.) mit li­stig un­ter­ge­brach­ten At­tri­bu­ten schon vor­weg mit ei­nem Ur­teil zu ver­se­hen oder/und (2.) die Si­tua­ti­on bei­der Sei­ten (Russ­land / Ukrai­ne) ei­ni­ger­ma­ßen gleich­ge­wich­tig aus­zu­leuch­ten. Das ist üb­ri­gens kein Plä­doy­er für ei­nen Aus­ge­wo­gen­heits­jour­na­lis­mus, in dem nach Se­kun­den je­der gleich zu Wort zu kom­men hat.

    #31

  34. @die kal­te So­phie
    Mir geht das et­was zu sehr durch­ein­an­der: Zur Öf­fent­lich­keit ge­hö­ren, et­was flap­sig ge­sagt, »Hö­ren­de« und »Spre­chen­de (Schrei­ben­de)«, kön­nen wir uns dar­auf ei­ni­gen? [Falls In­ter­es­se be­steht, et­was de­tail­lier­te­re Über­le­gun­gen fin­den Sie dort (ich kann das hier nicht al­les wie­der­ho­len)].

    Neu­tra­li­tät und Ob­jek­ti­vi­tät sind nicht un­be­dingt das­sel­be (ei­ne ob­jek­ti­ve Un­ter­su­chung kann sehr wohl ei­nen kla­ren Ver­ant­wort­li­chen be­nen­nen und ei­ne nicht neu­tra­le Po­si­ti­on be­grün­den).

    Ich schrei­be ge­ra­de an ei­nem kur­zen Text zum The­ma »Ob­jek­ti­vi­tät im Jour­na­lis­mus«, bis da­hin bit­te ich zu dem The­ma um Ge­duld (ent­we­der ich ver­öf­fent­li­che ihn hier oder set­ze bei In­ter­es­se ei­nen Link).

    Wenn Sie mein Pseud­onym ab­kür­zen, bit­te mit »me­te«, das hat sich mitt­ler­wei­le ein­ge­bür­gert.

    #32

  35. die_kalte_Sophie sagt:

    @ G.K.
    Stim­me zu, die Ar­beit am Er­eig­nis muss als Ver­such, neu­tra­le Über­sicht zu ge­win­nen, ver­stan­den wer­den. Die Krim-Kri­se ist un­ter ei­nem er­heb­li­chen In­for­ma­ti­ons­de­fi­zit ab­ge­lau­fen, das mit ei­nem Über­hang der vor­ei­li­gen Mei­nung kom­pen­siert wur­de. Ein Vor­gang, den man schon in klein­stem Kreis er­le­ben kann. Je ge­rin­ger das Wis­sen, de­sto mehr wird die »Sto­ry« von Mei­nun­gen und Kli­schees ge­tra­gen.
    Ich mein­te in den let­zen Jah­ren zu be­ob­ach­ten, dass mit dem Ak­tua­li­täts­druck auch die In­for­ma­ti­ons­dich­te ab­ge­nom­men hat, d.h. die Wer­tig­keit und die Er­war­tung an die Re­por­ter hat sich ver­än­dert. Metz­gers-Ver­gleich: je fri­scher die Wurst, de­sto we­ni­ger Fleisch muss drinn sein. Es rei­chen, Salz, Ni­tra­te, Hüh­ner­ei­weiß, Streck­mit­tel, etc. Haupt­sa­che frisch...
    Die Be­schleu­ni­gung des Um­sat­zes in der Öf­fent­lich­keit (Stich­wort: In­ter­net!) muss­te doch ei­nen Sub­stanz­ver­lust in Kauf neh­men, oder?!

    @ me­te
    Al­les klar, bis dem­nächst. Ha­be üb­ri­gens Ar­ti­kel »De­fi­ni­ti­ons­ver­such« ge­le­sen. Sehr gut. Be­griff »Bür­ger« kommt dar­in nicht vor. Voi­là!

    #33

  36. @die kal­te So­phie
    Ich ver­ste­he das Pro­blem mit dem Be­griff »Bür­ger« nicht recht: Ob ich nun von den Men­schen ei­ner Ge­sell­schaft, die die Öf­fent­lich­keit mit aus­ma­chen oder den Bür­gern ei­ner Ge­sell­schaft, die das­sel­be tun, spre­che, ist das im ge­ge­be­nen Kon­text nicht gleich?

    #34

  37. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Me­te
    Stimmt schon, in der di­rek­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on ist die no­mi­nel­le Be­zeich­nung aus­tausch­bar. Al­les an­de­re wä­re Haar­spal­te­rei.
    Im ge­sellsch. Kom­plex »Po­li­tik, Me­di­en, Öf­fent­lich­keit« bin ich sehr fein­ner­vig, weil die Spre­cher­po­si­ti­on häu­fig ver­schlei­ert wird. Es ist et­wa völ­lig le­gi­tim, als Funk­tio­när, Ver­eins­ver­tre­ter, Lob­by­ist, Ak­ti­vist ei­ne Grup­pen­spre­cher-Po­si­ti­on zu be­zie­hen. Je­der kann die Aus­sa­gen mü­he­los ein­ord­nen. Im Jour­na­lis­mus ist kei­ne ein­deu­ti­ge Po­si­ti­on ge­ge­ben, die Be­zü­ge in Sa­chen Ver­ant­wor­tung und In­ter­es­sen wech­seln stän­dig. Durch die­sen tur­bu­len­ten Dis­kurs ge­lingt es Jour­na­li­sten tat­säch­lich, den (gro­ben) Ein­druck zu er­wecken, sie stün­den auf der Sei­te der »Bür­ger«, wäh­rend ins­glei­chen ih­re star­ke Iden­ti­fi­ka­ti­on mit den Mäch­ti­gen ver­dun­kelt wird. Eben die­sem trü­ge­ri­schen Ef­fekt ver­dan­ken sich mei­ne wie­der­hol­ten An­füh­rungs­zei­chen. Sie be­trei­ben, das ist be­kannt, ein dop­pel­tes Spiel, al­ler­dings mit dem zwei­fel­haf­ten Er­folg, dass sich die po­li­ti­sche Klas­se im­mer mehr in sich zu­rück­zieht. Sie ar­bei­ten an der Ab­schaf­fung des »Po­li­ti­schen«.

    #35

  38. @die_kalte_Sophie
    Tei­le den Ein­druck, wo­bei ich den »Ak­tua­li­täts­druck« eher als ein von den Jour­na­li­sten selbst er­zeug­tes Phä­no­men se­he. Er mag bei Fuß­ball­spie­len noch ge­ge­ben sein, wird aber in­zwi­schen auf al­le Nach­rich­ten, die dann zu Par­al­lel-An­rich­tun­gen wer­den, an­ge­wandt. In Wirk­lich­keit braucht nie­mand die Live-Ticker bei Hoch­was­ser oder vor Be­ginn ei­nes Un­ter­su­chungs­aus­schuss. Auch die Re­zi­pi­en­ten wol­len das nicht, wer­den fast ge­nö­tigt doch zu klicken (man könn­te ja was ver­pas­sen). Um im Metz­ger­ge­schäft zu blei­ben: Nicht al­les ist Hack­fleisch.

    Ih­re The­se von der Ach­se der Jour­na­li­sten mit den Po­li­ti­kern bzw. den Mäch­ti­gen hal­te ich ein Stück weit für ei­ne wohl­klin­gen­de Ver­schwö­rung. Na­tür­lich gibt es wel­che, die den Eli­ten nach dem Mund re­den. Aber al­lei­ne schon die Al­lü­ren so man­ches Jour­na­li­sten sich als »Vier­te Ge­walt« zu ge­rie­ren, zeigt doch, dass sie sich in Wahr­heit für die bes­se­ren [bit­te hier _______ das rein­schrei­ben, was Sie den­ken] hal­ten.

    #36

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