Ich bin ein Gra­ti­sidi­ot

Es ist längst ein Schimpf­wort ge­wor­den: Die Gra­tis­kul­tur im In­ter­net sei Schuld für die Kri­se der ge­druck­ten Me­di­en. Nie­mand kau­fe mehr ei­ne Zei­tung oder Zeit­schrift, weil bzw. wenn die Ar­ti­kel im In­ter­net frei zur Ver­fü­gung ste­hen. Ge­zwun­ge­ner­ma­ßen ma­chen aber fast al­le mit, weil man sonst droht, im me­dia­len Auf­merk­sam­keits­nir­wa­na ver­schwin­den. So die Kla­ge.

So wird Gra­tis­kul­tur zu ei­nem Kampf­be­griff für Leu­te, die die man­geln­den Ver­mark­tungs­mög­lich­kei­ten ih­rer Pro­duk­te be­kla­gen, weil in­zwi­schen al­le er­war­ten, dass ih­nen die In­for­ma­tio­nen ko­sten­frei zur Ver­fü­gung ste­hen.

Ich deu­te Gra­tis­kul­tur jetzt mal an­ders. Weil ich Gra­tis­kul­tur schaf­fe. Mein Web­log ist gra­tis. Ich be­zah­le so­gar Geld da­für, dass es kei­ne Wer­bung gibt. Ich schrei­be gra­tis. Hier und bei »Glanz und Elend«. Dort schrei­ben auch die an­de­ren Kol­le­gen gra­tis. Und auf vie­len an­de­ren Li­te­ra­tur­fo­ren auch. Das ist für mich Gra­tis­kul­tur.

Ei­ne Kul­tur, die von Ver­la­gen nicht zur Kennt­nis ge­nom­men wird. Statt das Po­ten­ti­al die­ser Me­di­en zu wecken, igno­rie­ren sie es weit­ge­hend. Zwar be­kommt man sei­ne Le­se­ex­em­pla­re, wenn man nur höf­lich fragt (frei­lich gibt es Aus­nah­men wie Kie­pen­heu­er & Witsch, die ih­ren Fo­ster Wal­lace nur an aus­ge­wähl­te Re­zen­sen­ten für ih­re ei­ge­ne Pro­dukt­web­sei­te ver­schick­ten, die dann zum Teil früh auf­ga­ben). Aber an­son­sten fin­det man nicht statt.

Man ist nicht zi­tier­fä­hig. Lie­ber zi­tie­ren Ver­la­ge ein halb­ver­gif­te­tes Lob der »Nord­see­zei­tung« als ein fun­dier­tes Ur­teil ei­nes Gra­tis­schrei­bers. Lie­ber schmückt man sich mit dem un­säg­li­chen Ge­schwätz der so­ge­nann­ten Vor­le­ser, von de­nen ei­ne Prot­ago­ni­stin noch nicht ein­mal in der La­ge ist ei­ne halb­wegs stim­mi­ge In­halts­an­ga­be ab­zu­lie­fern.

Selbst klei­ne Ver­la­ge füh­ren bei­spiels­wei­se auf ih­rer Face­book-Prä­senz kei­ne Ver­lin­kun­gen durch. Falls doch, hat man sie vor­her zum Ja­gen ge­tra­gen. Sie tra­gen da­mit – ob sie wol­len oder nicht – zur an­dau­ern­den Be­deu­tungs­lo­sig­keit von On­line-Me­di­en bei und stär­ken die gän­gi­gen Mas­sen­me­di­en, die zu­wei­len nur noch ober­fläch­li­che und/oder Ge­fäl­lig­keits­re­zen­sio­nen ab­lie­fern.

Ich könn­te ein Dut­zend her­vor­ra­gen­der Li­te­ra­tur­re­zen­sen­ten auf­zäh­len, die Hu­bert Spie­gel wie ei­nen Grund­schü­ler aus­se­hen las­sen, die je­doch prak­tisch nicht vor­kom­men, weil sie größ­ten­teils »nur« On­line schrei­ben. Man ver­wei­gert ih­nen zu­ver­läs­sig das ein­zi­ge, was sie ab­for­dern: Auf­merk­sam­keit. Sie sind und blei­ben nicht sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig in die­sem ari­sto­kra­tisch-hier­ar­chi­schen Be­trieb. Sie sind stö­rend, lang­at­mig, poin­tiert, ner­vig in­si­stie­rend, über­ge­nau. Sie ha­ben da­bei aber zu­meist noch nicht ein­mal ei­nen Un­fehl­bar­keits­an­spruch. Sie sind un­ab­hän­gig (wer lässt sich schon von ei­nem Le­se­ex­em­plar er­pres­sen). Sie brau­chen kei­ne Ein­la­dung auf ir­gend­ei­nem Emp­fang. Sie sind die Idio­ten des Li­te­ra­tur­be­triebs. Man soll­te sie die Gra­ti­sidio­ten nen­nen.

27 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. sehr ge­ehr­ter herr keu­sch­nig,
    wenn sie von ver­la­gen zur kennt­nis ge­nom­men wer­den möch­ten, dann müs­sen sie ganz an­de­re re­zen­sio­nen schrei­ben. ver­la­ge sind wirt­schaft­li­che un­ter­neh­mun­gen, die brau­chen kei­ne re­fle­xio­nen über ih­re pro­duk­te, son­dern wer­bung für ih­re pro­duk­te, al­so tup­per­ware­par­ty- oder but­ter­fahrt-re­zen­sio­nen.
    kla­gen sie nicht! schrei­ben sie! und nen­nen sie sich nicht gra­ti­sidi­ot. bei ih­nen zahlt der le­ser in ei­ner an­de­ren wäh­rung: näm­lich mit ge­duld und den­ken.

  2. Be­dau­er­li­cher­wei­se...
    ...fällt mir nicht viel ein, was ich dem ent­ge­gen hal­ten könn­te.

    Gleich­wohl wei­ge­re ich mich, Ih­ren Vor­schlag um­zu­set­zen.

  3. Die Ma­fia
    Die­ser Rant be­klagt ganz rich­tig, dass selbst pu­bli­zier­te Bei­trä­ge vom »Be­trieb« nicht zu­erst an ih­rer Qua­li­tät ge­mes­sen wer­den, wenn Re­le­vanz fest­ge­legt wird. Das ist al­ler­dings kein Al­lein­stel­lungs­merk­mal der on­line-Gra­tis­schrei­ber.

    Spe­zi­ell im Li­te­ra­tur­be­trieb ist das Fäu­leton von di­ver­sen Netz­wer­ken ur­ei­ge­ner In­ter­es­sens­ver­tre­tung un­ter­wan­dert, de­ren Ge­fäl­lig­keits­gut­ach­ten eben nicht al­lein kom­mer­zi­el­len Ver­strickun­gen ent­wach­sen, son­dern Clan­struk­tu­ren. We­he dem, der es sich mit der Fa­mi­lie (das ist in ei­nem pro­mi­nen­ten Fall ja nun nicht ein­mal mehr im über­tra­ge­nen Sin­ne zu ver­ste­hen) ver­scherzt, da be­kommt die Ab­trün­ni­ge kein Bein mehr auf den Bo­den der Leit­me­di­en.

    Um­ge­kehrt be­deu­tet das Wohl­wol­len ei­nes Clans nicht au­to­ma­tisch den kom­mer­zi­el­len Er­folg, sehr zum Miss­fal­len al­ler Be­tei­lig­ten. Um so grö­ßer die Miss­gunst über je­ne, die Er­folg auch oh­ne Schüt­zen­hil­fe er­ar­bei­ten. Zu gu­ter letzt gibt es dann noch di­ver­se Feh­den zwi­schen ver­fein­de­ten Clans. Ei­ne Sei­fen­oper über den Li­te­ra­tur­be­trieb wür­de der Kon­flikt­spi­ra­le viel­leicht ge­ra­de so ge­recht wer­den kön­nen. Nur glau­ben mag man es manch­mal kaum. Ver­la­ge ge­gen Ver­la­ge ge­gen Au­toren ge­gen Au­toren ge­gen Me­di­en­häu­ser ge­gen An­wäl­te ge­gen PR-Ab­tei­lun­gen ge­gen Kri­ti­ker ge­gen Au­toren ad in­fi­ni­tum.

    Und die­sem Wes­pen­nest sol­len ar­ri­vier­te Ver­la­ge noch frei­wil­lig wei­te­re po­ten­ti­el­le Kri­sen­her­de zu­fü­gen? Die glau­ben doch, den Sta­tus Quo halb­wegs be­herr­schen zu kön­nen. Des­we­gen wer­den die sich hü­ten, neue Mit­spie­ler durch Zi­tier­wür­de auf­zu­wer­ten.

    Zum Glück ha­ben die Le­ser in die­ser Ge­schich­te auch im­mer ein Wört­chen mit­zu­re­den.

  4. #4 – erz
    ich grei­fe in die­sem Fall gar nicht das Feuil­le­ton an. Mir ist auch klar, dass man bei ganz Gro­ssen kein Bein auf die Er­de be­kommt, da je­der neue Mit­spie­ler die Wip­pe in Schlag­sei­te brin­gen kann. Den­noch ver­ste­he ich die Ver­la­ge nicht. Was ha­ben die zu ver­lie­ren?

  5. #2
    Ja, manch­mal auch, wenn ich so mei­ne Er­fah­run­gen Re­vue pas­sie­ren las­se, wie ich Frei­tag abends im Zug von Frank­furt nach Wien die FAZ las.
    Na­tür­lich trifft es nicht hun­dert­pro­zen­tig zu, aber auch in der Pres­se, kann ich im Feuil­le­ton schon ähn­li­che Ten­den­zen er­ken­nen. Feuil­le­tons, die gar nicht un­in­ter­es­sant sich, le­sen sich dann bei der Be­schrei­bung des Au­tors fast wie Wer­be­tex­te für das zu­letzt ver­öf­fent­lich­te Werk.
    -
    Aber Hand aufs Herz, die Be­frie­di­gung, die der »Idi­ot« aus sei­ner Gra­tis­lei­stung be­zieht, ist doch ge­ra­de je­ne Un­ab­hän­gig­keit, die man sich dann we­nig­stens für die Dau­er des Schrei­bens zu­bil­li­gen kann.
    Das ist ein ex­tre­mer Lu­xus in der heu­ti­gen Zeit.
    Frü­her ha­ben ex­cel­len­te Fir­men (»In Search of Ex­cel­lence«) so et­was wie graue Bud­gets oder Nar­ren­tür­me ge­habt, wo Mit­ar­bei­ter ein be­stimm­tes Bud­get be­ka­men und auch Din­ge for­schen durf­ten, de­ren ROI nicht so­fort auf der Hand lag.
    Den Geist heu­te un­ge­steu­ert zu be­we­gen, ist ein Lu­xus. Ein­fach so. Lu­xus.
    Und der Lu­xus ist nicht gra­tis, da­zu braucht man näm­lich Geist.
    Und ir­gend­wo beißt sich da die Kat­ze in den Schwanz, wenn man die Ver­la­ge an­sieht. Wie­vie­le Har­ry Ro­wohlts gibt es denn ei­gent­lich?

  6. Li­te­ra­tur
    Als Le­se­rin freue ich mich über Emp­feh­lun­gen, mei­stens be­zie­he ich die­se aus Bü­chern (ja es gibt Au­toren, die sich auf an­de­re be­zie­hen) oder von Freun­den. Und ein Blog wie der Ih­re, Herr Keu­sch­nig, ma­chen Mut.
    Durch Zu­fall bin ich auf den rus­si­schen Dich­ter Igor Po­me­rants­ev ge­sto­ssen, des­sen Ge­dich­te bzw. Bü­cher we­der im Eng­li­schen noch im Deut­schen her­aus­ge­ge­ben wur­de. Das war für mich mit ein Grund, vor mehr als zwei Jah­ren den Zeit­zug zu grün­den (ich be­zah­le da­für, dass nie­mand mit Wer­bung be­lä­stigt wird) und es freut mich, wenn mir die Sta­ti­stik zeigt, dass die Ge­dich­te von Po­me­rants­ev zwi­schen­zeit­lich von 2500 Le­sern ab­ge­ru­fen wur­den und manch ein Le­ser mehr als ei­ne Stun­de auf die­ser Web­sei­te ver­weilt. Nach dem Mot­to von Ru­pert Riedl, das ich mir zu­ei­gen ge­macht ha­be: »Wenn du für die­se Kul­tur et­was tun willst, dann darfst du an ihr nicht Maß neh­men.
    Es ver­langt ei­ge­nen Stil und Un­kor­rum­pier­kar­keit, al­so Rück­grat«

  7. Be­liebt­heit und Un­be­liebt­heit, Er­folg und Miss­erfolg, Auf­stieg und Un­ter­gang sind im Kul­tur­be­reich seit je­her kon­trär zu dem An­spruch, nur auf dem Bo­den ei­nes im­ma­nen­ten äs­the­ti­schen Ur­teils zu lo­ben oder zu ver­dam­men, oh­ne An­se­hung von Per­son, Ver­lag oder Ge­fäl­lig­keits­ver­pflich­tun­gen. Man darf da­her nicht er­war­ten, dass sich die teil­we­sie kor­rup­ten, teil­wei­se nur blö­den Sit­te und Ge­bräu­che der kri­ti­schen Ma­schi­ne­rie bin­nen 3 oder 4 Jah­ren än­dern. Das wird län­ger dau­ern. Ich glau­be, die Be­rufs­schrei­ber mer­ken aber schon, wie ih­nen die Ama­teu­re be­droh­lich im Nacken sit­zen. Oft sind Le­ser von Ar­ti­keln in der Zeit, FAZ oder den we­ni­gen an­de­ren Blät­tern, die noch für maß­geb­lich ge­hal­ten wer­den, bes­ser in­for­miert als die­je­ni­gen, die für ih­re Zei­len Geld be­kom­men. Es gab schon Zei­ten, da war es viel leich­ter, den Kri­ti­ker zu mi­men.
    Be­vor man sich aber nur seuf­zend be­klagt, kann man nach­den­ken, war­um die Au­to­ri­tät der tra­di­tio­nel­len Be­zahl-Feuil­le­tons ei­ne sol­che Über­le­bens­kraft be­sitzt, ob­wohl die Qua­li­tät eher ab­wärts­ge­rich­tet ist. Der Grund scheint zu sein, dass die Be­zahl-Kri­ti­ker gleich­sam den Mar­ken­wert der In­sti­tu­tio­nen er­ben, für die sie schrei­ben. Wenn ein Ver­lag »Groß­ar­ti­ges De­büt!« von der ZEIT zi­tiert, hat das eben für die Buch­händ­ler und für das Le­se­pu­bli­kum, über des­sen gei­sti­ge Kom­ple­xi­tät man sich lie­ber nicht zu viel Il­lu­sio­nen ma­chen soll­te, ei­nen ganz an­de­ren Ori­en­tie­rungs­wert als wenn ein Blog na­mens »Selb­stän­dig-emp­fin­den­der-und den­ken­der-Kopf« oder so schreibt »Das be­ste Buch der näch­sten 100 Jah­re!« Und der ei­ne hat mehr Ori­en­tie­rungs­wert als der an­de­re, un­ab­hän­gig von Ver­stand und Lei­stung.
    Aber sei­en Sie nicht zu un­ge­dul­dig! Die Ent­wick­lung geht wei­ter. Bei al­lem Pes­si­mis­mus, der ja für ei­nen Le­ser nen­nens­wer­ter Li­te­ra­tur gar nicht zu ver­mei­den ist, ist »Kul­tur« im­mer auch ein son­der­bar os­mo­ti­sches Sy­stem. Es wächst im­mer et­was an den Rän­dern der Wahr­neh­mung her­an, das die Mehr­heit, die nicht an­ders kann als auf die ge­ra­de am strah­lend­sten aus­ge­leuch­te­te Büh­ne zu fo­kus­sie­ren, erst spä­ter sieht. Will man in die­sem Be­trieb über­haupt im Ke­gel­licht ste­hen? Das wol­len doch nur die eit­len Fatz­kes, die Ham­ster im Nar­ziss­mus-Rad und die fi­nan­zi­ell Mo­ti­vier­ten.
    Ihr Er­trag kommt mit der Zeit und der Ste­tig­keit. Da äh­nelt Ih­re Ar­beits­wei­se so­gar mehr der ei­nes Schrift­stel­lers als der ei­nes Jour­na­li­sten. Mit der Zeit wer­den auch im Ama­teur-Sek­tor »Mar­ken« ent­ste­hen, die nach und nach mehr Auf­merk­sam­keit be­kom­men, und das wird die bes­se­re Auf­merk­sam­keit sein. Sie hat mit dem,was Sie schrei­ben zu tun, und nicht mit dem, für den Sie schrei­ben. Sie be­ruht auf dem Be­dürf­nis nach Qua­li­tät, die Un­ter­schie­de macht zwi­schen Kunst­ge­wer­be, Ge­schwät­zig­keit und mo­der­ner Durch­trie­ben­heit auf der ei­nen Sei­te und kom­pli­zier­ten In­ten­tio­nen und ge­nau­er Aus­füh­rung auf der an­de­ren Sei­te.
    Und da­für muss­ten Sie nicht ein ein­zi­ges­mal ei­nem Chef­re­dak­teur die Hän­de küs­sen für sei­ne Weis­heit und Gü­te!
    Ha, und da fällt mir doch glatt Gry­phi­us ein ... wie ging das noch? »Die Ro­se ist oh­ne War­um. Sie blü­het, weil sie blü­het. Sie ach­tet nicht ih­rer selbst. Und fragt nicht, ob man sie sieht.« Da­für wer­den Sie am En­de mehr ge­liebt als die Ak­tio­nä­re der Selbst­be­spie­ge­lungs­kul­tur.

  8. Sehr schö­ner Kom­men­tar, aber:
    Ich glau­be, die Be­rufs­schrei­ber mer­ken aber schon, wie ih­nen die Ama­teu­re be­droh­lich im Nacken sit­zen – wo­her glau­ben Sie das zu wis­sen bzw. wor­an ma­chen Sie das fest?

    PS: Neu­lich schrieb ei­ner, er sei »Kul­tur­op­ti­mist«. Ich fra­ge mich nur, wo­her man die­sen Op­ti­mis­mus nimmt.

  9. #5
    Man darf nicht un­ter­schät­zen, dass es nicht üb­lich ist, und es kaum re­nom­mier­te, schon lang exi­stie­ren­de und weit­hin be­kann­te Sei­ten mit Re­zen­sio­nen oder Be­spre­chun­gen gibt. Sie sind (noch) kei­ne Mar­ken, die für et­was ste­hen. Wenn FAZ, SZ oder ZEIT hin­ter ei­nem grif­fi­gen Satz und ei­nem auch un­be­kann­ten Re­zen­sen­ten auf­scheint, dann ist das (noch im­mer) ein ge­fühl­tes Qua­li­täts­sie­gel: Wenn die es sa­gen, muss es stim­men.

    Ich las ein­mal, dass Bu­ce­ri­us ei­nen lan­gen Atem brauch­te um die Zeit ne­ben den an­dern Qua­li­täts­blät­tern zu eta­blie­ren.

    Wenn ein Ver­lag an­fängt und Er­folg hat, dann wer­den die an­de­ren nach­zie­hen, aber erst muss sich ei­ner trau­en.

  10. @Metepsilonema #10
    Der Nach­ah­mer-Ef­fekt ist si­cher­lich wich­tig. Und die Re­pu­ta­ti­on. Ich hat­te auch gar nicht so sehr die gro­ßen Ver­la­ge im Fo­kus, die ih­re An­bie­de­run­gen an das Feuil­le­ton si­cher­lich per­fekt be­herr­schen. Was mich manch­mal merk­wür­dig stimmt, ist die­se Le­thar­gie der neu­en, klei­ne­ren Ver­la­ge. Die ha­ben zum Teil gu­te Pres­se­leu­te – aber de­nen sind die Hän­de ge­bun­den, weil im Zwei­fel ein Lob auf ei­nem On­line-Me­di­um we­ni­ger gilt als ein lau­war­mes Durch­win­ken von 30 Zei­len in den Kie­ler Nach­rich­ten.

  11. #9
    Ein mög­li­ches In­diz da­für könn­te die Ve­he­menz sein, mit der man Blogs im­mer noch(?) her­un­ter­schreibt – Wo­bei sich mög­li­cher­wei­se schwer ent­schei­den lässt, ob das nun wirk­lich Angst oder doch ech­te Ab­scheu ist. Viel­leicht auch bei­des. (Ge­ra­de fal­len mir nur so ol­le Ka­mel­len ein wie So­boc­zynskis Pam­phlet »Das Netz als Feind« und Boies »Im Netz nichts Neu­es« – wo­bei er­ste­res jetzt rück­blickend viel­leicht mehr Kul­tur­pes­si­mis­mus ist.. Da steht im letz­ten Ab­satz ja auch so et­was wie:
    Der In­tel­lek­tu­el­le wird un­ter­tau­chen wie der Tau­cher in die Tie­fe, er wird In­ter­net­rand­zo­nen be­woh­nen, Fo­ren, die nur von sei­nes­glei­chen auf­ge­sucht wer­den.
    Ach ja, Ja­ron La­nier wi­der den Di­gi­ta­len Mao­is­mus – da mi­schen sich auch wie­der kul­tur­kri­ti­sche Din­ge hin­ein. –
    Aber das hilft beim The­ma nun auch nicht wei­ter...)

    Mir ge­fiel es: War­um soll es ne­ben der zünf­ti­gen Pu­bli­kums­be­schimp­fung nicht auch die Selbst­be­schimp­fung ge­ben?

    PS. Wo­her man Op­ti­mis­mus schöp­fen kann, ist mir auch meist un­ver­ständ­lich,.. aber ir­gend­wann kann sie doch zu­viel wer­den, die­se ewi­ge Li­ta­nei über die Ver­dum­mung, Ver­ro­hung der »an­de­ren«.. (ge­ra­de wie­der so ein Trak­tat ge­le­sen, auf Emp­feh­lung von Herrn step­pen­hund – Er­win Char­g­off »Ab­scheu vor der Welt­ge­schich­te« – da­her et­was vor­be­la­stet)

    PPS. Lei­der war ich was lang­sam, so dass mein Kom­men­tar schon fast voll­kom­men ob­so­let ist..

  12. @Phorkyas
    Man schreibt sie ja nicht de­zi­diert run­ter, son­dern nur arg pau­schal. Ei­ne di­rek­te Aus­ein­an­der­set­zung gibt es ja nicht. Das mei­ne ich, wenn ich sa­ge, dass man nicht als sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig gilt.

  13. @Gregor
    Ich weiß nicht. Eher: Wenn man das Zwicken und Bei­ßen nicht mehr igno­rie­ren (be­schwei­gen) kann, dann ver­sucht man es an­der­wär­tig zu »be­kämp­fen«. Das ist un­frei­wil­li­ges Lob.

    Und: Wenn man von jour­na­li­sti­scher Sei­te so si­cher wä­re, wür­de man doch öf­ter auf Kom­men­ta­re ein­ge­hen.

    -

    Von ei­ner klu­gen Da­me ha­be ich un­längst den Satz ge­hört: Im Netz? Da be­schimp­fen die Leu­te ein­an­der doch bloß in Fo­ren...

  14. Klei­ne Ver­la­ge – #14
    Da ken­ne ich mich ein­fach zu we­nig aus. Aber viel­leicht wä­re das ei­ne Mög­lich­keit »an­zu­knüp­fen«: Au­toren sind (zu­min­dest teil­wei­se) im Netz prä­sent, und die wis­sen sehr gut dar­über be­scheid, wer wie über ih­re Bü­cher ur­teilt.

  15. Main­stream­m­e­di­en ge­hen eben nicht auf Netz-Kom­men­ta­re ein, weil dies ei­ne Form von Akep­tanz be­deu­ten wür­de. Es gibt na­tür­lich Aus­nah­men, aber in gro­ssen Tei­len gilt: »Ich igno­rie­re, al­so bin ICH.« Ihr sagt. dass sie sa­gen: »Ich igno­rie­re, al­so bin ich noch«.

  16. #22
    (Ken­nen Sie dann auch Dschuang Dsi? – ein tai­wa­ni­scher Ar­beits­kol­le­ge sah in den Tao­isten wohl auch ge­nau solch un­ab­hän­gi­ge Gei­ster, die den Geist [] un­ge­steu­ert [] be­we­gen – he­he, er selbst war be­gei­stert von Jung und Sah­ne­tor­ten, und woll­te mir ein Ho­ro­skop aus­stel­len; das mit­ten un­ter uns Phy­si­kern, uns Szi­en­ti­sten.)

  17. #10 @ Gre­gor Keu­sch­nig Wor­an ich das fest ma­che, dass die Be­rufs­schrei­ber be­reits mer­ken, wie ih­nen die Ama­teu­re im Nacken sit­zen?
    Für mich war das Denk­wür­dig­ste Kri­tik­ver­sa­gen in die­sem Jahr die He­ge­mann-Ver­mark­tung. Die Ver­wur­stung der 17jährigen, die kaum ei­nen ge­ra­den Satz schrei­ben kann, star­te­ten in der er­sten Stu­fe die Edel­fe­dern der FAZ, ZEIT, FR und SPIEGEL. Da wun­der­te sich schon man­cher. Und dann blies der Ver­kün­dung ei­nes neu­en un­er­hör­ten Ori­gi­nal-Ge­nies die Pla­gi­ats­de­bat­te ent­ge­gen. Sie wur­de von ei­nem »Ama­teur« los­ge­tre­ten und führ­te in Stu­fe 3 auch zu ge­wis­sen Di­stan­zie­run­gen von den be­rausch­ten Be­spre­chun­gen, z.B. bei FAZ und FR. Je­den­falls kam da sehr deut­lich Druck auf ge­gen die Sen­sa­tio­na­li­sten. Im Netz wur­de auch die Ver­bin­dung auf­ge­deckt zwi­schen dem »Kri­ti­ker« des Spie­gels und dem Ull­stein-Ver­lag etc.
    Es hat sich viel ver­än­dert. Die Jour­na­li­sten in den Schlüs­sel­me­di­en wis­sen heu­te bin­nen Stun­den, wie man über Ih­re Ar­ti­kel denkt. Oder dar­über lacht. Und das wir wis­sen, dass wir nicht al­lein sind, wenn wir dar­über la­chen oder uns an die Stirn tip­pen.
    Im li­te­ra­ri­schen Le­ben war noch nie al­les in Ord­nung. Kitsch und schlech­ter Ge­schmack er­rei­chen auf al­len Kon­ti­nen­ten und in al­len Jahr­hun­der­ten die höch­sten Ver­kaufs­zah­len. Das kann uns doch egal sein. Wenn ein­zel­ne Ver­la­ge nur noch Tha­lia-Hu­gen­du­bel-fä­hi­ges Ma­te­ri­al pro­du­zie­ren, las­sen wir sie doch. Das li­te­ra­ri­sche Le­ben ist an­ders­wo. Und ich glau­be, es war nie an­ders. Und viel­leicht ist es heu­te viel le­ben­di­ger als z.B. in den 80er oder 90er Jah­ren.

  18. #24 – Fritz
    Und ich glau­be, es war nie an­ders. Und viel­leicht ist es heu­te viel le­ben­di­ger als z.B. in den 80er oder 90er Jah­ren.
    Ver­mut­lich ha­ben Sie recht. Und dar­in lä­ge dann ja so et­was wie – Trost.

  19. #24
    Es hat sich viel ver­än­dert.

    Nie war es leich­ter an­de­re Mei­nun­gen und Über­le­gun­gen zu le­sen, als die ei­ni­ger Jour­na­li­sten; und nie war es leich­ter ih­re In­for­ma­tio­nen zu über­prü­fen (sprich an­de­re Quel­len her­an­zu­zie­hen).

  20. ich auch!
    – aber nicht ganz auf ih­rem ni­veau! ich hab ein­mal auf ei­ne auf­for­de­rung des hay­mon­ver­lags (ist ein klei­ne­rer aus inns­bruck) ge­ant­wor­tet, dass ich ger­ne bü­cher re­zen­sie­ren wür­de – seit­her darf ich mir ein paar aus dem je­weils neu­en pro­gramm da­für aus­su­chen.
    mei­ne re­zen­sio­nen sind mei­stens recht kurz, aber ich be­mü­he mich um aus­sa­ge­kraft.
    nach rück­spra­che mit der dor­tig zu­stän­dig da­me we­gen ei­ner aus­ste­hen­den be­spre­chung hab ich auch ein­mal ei­ne nicht ge­ra­de wohl­wol­len­de ab­ge­lie­fert. sie mein­te, die sei ihr im­mer noch lie­ber, als gar kein kom­men­tar;-)