Ulrich Greiner: Das Leben und die Dinge»I am a rather elderly man.« So lautet der erste Satz von Herman Melvilles »Bartleby, the Scrivener«; deutsch: »Bartleby, der Schreiber«. Im kurzen Vorwort zu seiner Autobiographie hadert Ulrich Greiner mit den verschiedenen Übersetzungen dieses Satzes. Keine davon, ob »älterer Mann«, »bejahrter Mann« oder »Mann in recht vorgerücktem Alter«, scheinen ihm geglückt. Wie Greiner »elderly« übersetzen würde, sagt er nicht. Aber wenn man sein Buch gelesen hat, dann ahnt man es vielleicht.
Ungewöhnlich dieses kurze Vorwort in der Er-Form. Es ist der Versuch, noch einmal eine kleine Distanz herzustellen zu dem, was dann unweigerlich »Ich« genannt werden wird. Der Mann, der seine schwarzen Anzüge nur noch zu Trauerfeiern benutzt. Die sogenannten »Einschläge«, die näherkommen. Die Erinnerungen, die immer mehr verblassen und vor dem endgültigen Verschwinden errettet werden sollen.
Wer reist heute noch mit dem Schiff? Niemand. Ein paar Neureiche, die nach dem Luxus vergangener Zeiten haschen. Eine Handvoll Techniker, die die Automatik der Frachter überwachen. Scharen von Habenichtsen, die auf rostigen Kähnen die Festung Europa bestürmen (eine Festung, die sagenhafte Reichtümer birgt).
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Das Jahr 1989 verbrachte ich in Sizilien. Es war das Jahr, in dem die Mauer fiel. Jeder weiß, was gemeint ist: die Mauer, die Berlin in zwei Teile teilte; und die nicht fiel, sondern überrannt, ignoriert, zerstört wurde. Eines Morgens im November nahm ich in Trapani den Bus nach Erice. Dieses Dorf liegt hoch über dem Meer, die hinführende Straße macht Serpentinen und Spitzkehren. Außer mir waren nur zwei Fahrgäste im Bus, die mit dem Chauffeur bekannt waren. Während er das Fahrzeug mit der üblichen traumwandlerischen Sicherheit die Abgründe entlang lenkte, blickte der Chauffeur in den Rückspiegel, um die Gesichter der Gesprächspartner im Augenwinkel zu behalten. Er erzählte von den Bildern in den Fernsehnachrichten am Vorabend. Er schien sehr zufrieden zu sein. Die Leute, berichtete er, hatten auf der Mauer getanzt. Das hatte ihm gefallen. Es war ein wunderbares Schauspiel gewesen. Die beiden Fahrgäste, alte, verdorrte Männer, nickten. Sie hatten das Schauspiel versäumt. Ich selbst schaute während der Fahrt auf die Muster der Meeresfläche tief unter uns; die weißen Rechtecke der Salzberge vor der Küste; die dunklen Höcker der Inseln weiter draußen. Ich dachte: Was geht mich das an, Berlin. Ich dachte: Was soll diese Hysterie. Später, abends, sah ich in Erice einen der beiden Fahrgäste still vor seiner Haustür sitzen.
Selbstkritik? In homöopathischen Dosen. Lächerlich wie Kai Gniffke ein fehlender Konjunktiv vorgehalten wurde und dieser den Fehler ein bisschen zerknirscht eingestand. Ansonsten ist aber klar: Fälschen tun immer die anderen.
Die Frau mit dem Kopftuch ist wunderschön. Das Tuch, grün und golden, geheimes Muster, rahmt das Gesicht, kehrt seine Schönheit hervor. Es ist eine fremdländische Schönheit, eine aus Irgendwo, Indien oder Afrika oder Mongolei oder Peru, von der Küste, vom Hochland, aus dem Gebirge, man weiß es nicht, sie kommt von einem ganz anderen Erdteil, ...
Clemens J. Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
Zunächst war der in den 1970er Jahren aufkommende Begriff der »Neuen Innerlichkeit« für die damals neu entstehende deutschsprachige Literatur gar nicht als Schimpfwort gedacht. Ausgedrückt werden sollte damit die Abgrenzung von einer politisch motivierten und moralisierenden Literatur, die insbesondere in den 1960er Jahren dominierte. So wurden die ersten Texte, die das Subjekt mit ihren persönlichen, existentiellen Deformationen in das Zentrum rückten, zunächst vorsichtig begrüßt. Aber es dauerte nicht lange, bis das Rubrum »Innerlichkeit« pejorativ verwendet wurde: Eitle Selbstbespiegelung, Seelenstriptease, unpolitisch, restaurativ – oder knapp formuliert: langweilig und narzisstisch. Dabei ist es eigentlich bis heute geblieben. Immer noch gilt Innerlichkeitsprosa als verdächtig, wenn sie fast ohne Plot daherkommt oder sich nicht notdürftig mindestens als Entwicklungsroman tarnt. Merkwürdigerweise keine Probleme gibt es mit den Innerlichkeiten der Hauptfiguren im Kriminalgenre, wie beispielsweise in den inzwischen längst als Literatur kanonisierten Kriminalromanen des kürzlich verstorbenen Henning Mankell. Die Lebensprobleme seiner Hauptfigur Wallander werden gleichrangig mit dem zu lösenden Kriminalfall behandelt. Dabei käme niemand auf die Idee, Mankells Wallander-Romane als Innerlichkeitsprosa zu verorten. Tatsächlich gelten sie als »authentisch« und damit wird einer der aktuellen Feuilletongötzen gehuldigt: Literatur hat sich einem Realismus zu verpflichten. Nur das Fantasy-Genre und literarische Dystopien sind von diesem Gesetz befreit (was deren Erscheinungsmenge erklärt).
Der mediale Erfolg von Clemens J. Setz’ »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« liegt womöglich darin, dass er eine Innerlichkeitsprosa anbietet, die im Tempo und Zeitgeist der Gegenwart daherkommt und zusätzlich noch eine Suspense-Handlung eingebaut hat. Die Hauptfigur ist die 21jährige Psychiatrie-Betreuerin Natalie Reinegger. Erzählt werden (bis auf die wenigen Seiten Epilog, der zwei Jahre später spielt) sieben oder acht Monate im Leben dieser jungen Frau, die in einer psychiatrischen Anstalt (Euphemismus: »Betreutes Wohnen«) eine neue Stelle beginnt. Das Setting kommt daher wie ein Kammerspiel; vier Betreuerinnen, ein, zwei »Zivildiener«, eine Handvoll Bewohner.
Ludwig Fels: Die HottentottenwerftAm 24. November 1903 bringt die SS Friedrick Walbaum nach 39 Tagen Überfahrt neben Rindern, Pferden, zwei Kamelen, Zivilisten und Frauen auch 43 Soldaten als Nachschub nach Swakopmund, Deutsch-Südwest. Einer von ihnen ist Reiter Mohr, wobei Reiter nicht der Vorname sondern der Dienstgrad ist. Mohr entflieht seiner fränkischen Heimat, dem trunksüchtigen Vater, der erdrückenden Zuneigung der Mutter und der ungewissen Liebe zu Seffie. Er meldet sich freiwillig nach Afrika. Ein paar Jahre Dienst und dann ist da dieses diffuse Versprechen, sich irgendwo mit einer Farm sesshaft machen zu können. Ein Leben mit Frau und Familie. Soweit der Traum.
Ende 1903 ist die Eisenbahnlinie zwischen der Verwaltungszentrale Windhuk und Swakopmund fast fertiggestellt. Die Kolonialisierung bleibt jedoch schwierig und in jeder Hinsicht aufwändig. Die ungewohnte Hitze. Die Feindseligkeiten. Die indigene Bevölkerung wird mit den üblichen Attributen versehen, von denen »Hottentotten« noch das harmloseste ist. Das ist der Rahmen, in dem Ludwig Fels’ Roman »Die Hottentottenwerft« spielt.
Mohrs Kameraden kommen aus allen Regionen des Deutschen Reichs. Sie heißen Katzenschlager, Glatzel, Rubyniak und Elchlepp. Kommandant der Einheit ist ein Hauptmann Suck. Feldwebel Weibel schleift die Rekruten auch sonntags an der »Eskalationswand«. Kooperationswillige Einheimische genießen Privilegien, wie der für das Militär arbeitende Kundschafter Waddie, der andererseits einem gewissen Kaptein Ximenz dient. Ximenz ist Kommandant der »Hottentottenwerft« Hopadessa, einer ehemaligen Missionsstation, was die Frömmigkeit der Bewohner erklären könnte. Eine Lexikondefinition des Begriffs Werft aus dem Jahr 1909 hat Fels dem Buch vorangestellt. Dabei handelt es sich um eine Art Reservat für die indigene Bevölkerung mit begrenzter Teilautonomie durch Stammesobere. Diese Form der Zusammenarbeit ist mehr ein Waffenstillstand als ein Friede. Für die Deutschen bleiben sie »Kaffer«. Und die Abneigung ist gegenseitig. Wie brüchig diese ungleiche Allianz ist, zeigt sich darin, dass Ximenz’ Sohn Josephat immer wieder Steine auf Soldaten oder Lokalitäten schmeisst. Josephats Tochter Hulette, Ximenz’ Enkelin, wurde als Dienstmädchen bei Hauptmann Suck einquartiert. Dies gilt als eine Art Deal; Hulette soll irgendwann einen höheren Status erreichen. Aber sie dient Suck bis zur Ankunft seiner Gemahlin auch noch als Sex-Sklavin.