
Mit Der Krieg ist anderswo legt die vielfach ausgezeichnete Journalistin Åsne Seierstad ein 600seitiges Buch über, wie es im Untertitel heißt, »Russland von innen« vor. Es soll »Menschen vor Ort« zeigen und die »russische Seele« erkunden. Die 1970 geborene Seierstad studierte u. a. Russisch in den chaotischen 1990er Jahren in St. Petersburg und Moskau, berichtete später aus Bagdad, Tschetschenien und Afghanistan, portraitierte Anders Breivik und blickte auf dessen monströse Tat von 2011.
Das von Anja Lerz ins Deutsche übersetzte Buch besteht zum einen aus mehreren Reiseberichten aus Russland, die Seierstad zwischen 2023 und 2025 unternommen hatte. Und zum anderen ist es die Lebensgeschichte eines gewissen Andrej Medwedew, der von der Wagner-Truppe desertierte und in Norwegen Asyl sucht. Bisweilen gibt es Überschneidungen.
2023 trifft sie sich mit ehemaligen Studienfreundinnen in St. Petersburg, von denen inzwischen viele im und am Theater beschäftigt sind. Man besucht eine Inszenierung des dystopischen Romans Wir von Jewgeni Samjatin, der einst Orwell inspirierte. Auch im privaten Rahmen kann Seierstad den Reporterinnenmodus nicht ganz ablegen und kommt natürlich auf die russische Invasion der Ukraine zu sprechen. Überraschend dabei, dass diese progressive Intelligenz, die noch im Land verblieben ist, im Verhalten der Ukraine eine Mitschuld sieht. So berichtet eine Freundin mit Verwandtschaft im Donbas, dass das Leben eigentlich normal verlaufen sei. Aber als 2019 »die Ukrainer Russisch verboten, wurde es für sie [die russischsprechende Bevölkerung in der Ukraine] natürlich schwierig. Plötzlich wurde in allen Schulen auf Ukrainisch unterrichtet. Die Kinder, die zu Hause Russisch sprachen, sollten alle Fächer in einer Sprache lernen, die sie nicht beherrschten. Was macht man da?«. Die Antwort Seierstads ist lapidar: »Tja, dann muss man eben Ukrainisch lernen«.
Das (inzwischen zurückgenommene) Sprachengesetz der Ukraine und die Auswirkungen auf die russische Minderheit begegnet Seierstad immer wieder. Vom »einfachen« Russen bis zum einflussreichen Politologen und geopolitischem Denker Fjodor Lukjanow, den sie im Abstand von drei Jahren zwei Mal trifft. Die Treffen mit Lukjanow, der auf der EU-Sanktionsliste steht (was Seierstad nicht erwähnt), sind kleine Kabinettstückchen, weil es ihr gelingt, Lukjanows zwischen Opportunismus, Impulsivität und Spott changierendes Wesen einzufangen. Den radikalen Kurswechsel der USA in Bezug auf Russland auch von gemäßigten Republikanern wie Rubio findet er im letzten Gespräch mit ihr »echt witzig«. Wo die Reporterin die russische Seele erkunden möchte, teilt er »die Russen in drei Gruppen ein: die frisch Verliebten, die Misstrauischen und die Skeptischen, zu denen er selbst gehörte.« Es war Lukjanow, der den Westen warnte, die Integration der Ukraine in den Westen nicht zu forsch zu betreiben und auf die russischen Mythen verwies (das machte im übrigen Zbigniew Brzeziński auch). Seierstad lässt diese Argumentation, die ihr auch im Gespräch mit einem orthodoxen Priester begegnet, nicht gelten und es steht natürlich außer Frage, dass solche Einwände eine derartige Invasion eines unabhängigen Staates nicht rechtfertigen. Aber sie unterschätzt den propagandistischen Hebel, der Putins Regime damit serviert wurde.
Und so wird sie immer wieder damit konfrontiert, dass auch regime- und kriegskritische Bürger sich mit »ihren« Soldaten solidarisieren. Im Fall der Schwester einer Pussy Riot-Aktivistin geht es noch weiter: Weil ihr Freund Ruslan im Krieg bei einem ukrainischen Angriff getötet wurde, hat sie sich auf die Seite des Regimes geschlagen; ihr neuer Freund ist ein »Geschäftsmann«. Seierstad kommt zu einem in Deutschland nur allzu gut bekannten Schluss: »Man möchte meinen, die Russen würden ihren Zorn gegen den Kriegsherrn richten, aber so funktionierte das nicht. Viele Hinterbliebene klammerten sich an den Gedanken, dass der Tod nicht umsonst gewesen sei. Der Verlust musste gerächt werden, das schürte den Kampfgeist.« Seierstad trifft auch auf Personen, die die Sanktionen des Westens begrüßen, weil Russland damit wieder ökonomisch unabhängiger würde.
Einen sehr großen Teil beansprucht die Lebensgeschichte des Andrej Medwedew, als 2. Kind einer Melkerin und eines Gelegenheitsarbeiters 1996 geboren, aufgewachsen im 6000-Einwohner-Dorf Ust-Baktschar, Sibirien, rund 140 km von Tomsk entfernt. Später kommen noch zwei Schwestern dazu. Die klassischen Stereotypen russischen sozialen Lebens zeigen sich in dieser Familie. Der Vater ist jähzornig, prügelt den früh aufsässigen Andrej (der ältere Bruder ist ruhiger) und schlägt auch seine Frau, wenn er von ihr »gereizt« wird. Das alles unter exzessivem Alkoholkonsum. Mit 13 kommt es bei Andrej zum Schock: Die Mutter wird auf dunkler Straße von einem Traktor überfahren. Andrej gibt sich eine Mitschuld, da er seine Mutter nicht begleitet hatte. Aber als herauskommt, dass der alkoholisierte Fahrer der Bruder des Polizisten ist und demzufolge keine Ermittlungen eingeleitet werden, droht Andrej auszurasten; der Eishockeytrainer kann ihn gerade noch von einem Mord abhalten.
Andrej kommt in ein Kinderheim, flieht, kommt zurück ins Heim, schafft die 10. Klasse. Mit dem Geld für den Abschluss geht er nach Tomsk, feiert in Clubs, spezialisiert sich auf Diebstähle, wird gefasst. Seierstad flankiert Andrejs Lebensstationen mit den politischen Entwicklungen in Russland. Als Putin die Krim besetzt, sitzt Andrej beim »Kriegskommissar«, der ihm erklärt, dass man in der Armee Waisenhauskinder wegen ihrer Robustheit schätzt. Wenn er sich freiwillig für ein Jahr verpflichten würde, werde das Strafverfahren eingestellt. Er sagt zu, kommt zunächst zu den Fallschirmjägern, macht eine Mechanikerausbildung, repariert Panzer, wird dann an die ukrainische Grenze versetzt und kommt in ein Gefecht im Donbass. Die Vorgesetzten prügeln und drangsalieren die Soldaten. Als er ein Jahr später entlassen wird, versäuft er abermals das Geld, wird gefasst, kommt in U‑Haft und wird zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Das Strafverfahren war nicht eingestellt worden – man hatte ihn angelogen. Er geht nach Moskau, versucht sich vielfältig als Schwarzarbeiter, um dann wieder nach Tomsk zurückzukehren. Inzwischen wurde das Urteil auf zwei Jahre ohne Bewährung verändert. Andrej kommt in eine Strafkolonie, wird dort übel zugerichtet, verbringt fast ein Jahr in einer Einzelzelle.
2018, mit 22 ist Andrej frei, »pleite und einsatzbereit«. Er versucht sich auf dem Bau, lässt sich als Provokateur mieten. Nach einer Schlägerei kommt er abermals für 18 Monate in eine Strafkolonie. Im Juli 2023 Freilassung. Schließlich geht er zu Wagner. Die finanziellen Aussichten sind verlockend, die Disziplin höher als in der Armee und doch ist da ein Gefühl des Unbehagens. Zu spät. Irgendwann geht es nach Bachmut. Hier desillusioniert sich Andrejs Sicht auf Wagner, nicht zuletzt, weil man infolge hoher Verluste immer mehr Häftlinge rekrutiert, die für das Gefecht untauglich sind. Er eckt mit den Vorgesetzten an, ist aber zunächst unantastbar. Bei einem Besuch von Prigoschin eskaliert die Situation. Andrej weiß, dass dieser die Lage viel zu optimistisch darstellt und macht eine despektierliche Bemerkung. Das bleibt nicht folgenlos. Man lässt ihn nicht mehr aus dem Vertrag. Schließlich fasst er den Entschluss zu fliehen.
Seierstad schildert Leben und Flucht aus personaler Sicht Andrejs und enthält sich jeden Kommentars. Grundlage sind ihre Gespräche mit ihm (die sie aufgezeichnet und später transkribiert hat). Die literarische Form, die sie wählt, zwingt dazu, Andrejs Darstellungen zu vertrauen. Später, vor der Einwanderungsbehörde, werden nochmals Einzelheiten rekapituliert, was zu Redundanzen führt. Andrej zeigt wenig Verständnis sich immer wieder erklären zu müssen, ist nur mäßig kooperativ, kann seine Ungeduld, die bisweilen in Jähzorn mündet, nur schwer zügeln. Er wurde in ein spezielles Projekt des norwegischen Staates überführt, welches, wie es heißt, einen sechsstelligen Etat aufweist und lebt in einer Villa mit Bodyguards. Dennoch ist Andrej nicht zufrieden, verstößt häufig gegen Regeln. Von Beginn an pflegt er regen Kontakt mit Personen in Russland, was ihn für die Behörden verdächtig macht. Ist er vielleicht ein Spion? Seierstad wird im Laufe der Zeit einige dieser Leute besuchen, mit ihnen reden, fährt ins Heimatdorf, spricht mit dem Sportlehrer, einer Lehrerin, der Tante, später sogar mit den beiden Schwestern, die inzwischen Teenager sind und in einem Kinderheim leben. Am Ende gelingt es auch noch, den Vater zu finden und zu befragen. Er, der im Dorf nicht gut gelitten ist, gibt ein besonders jammervolles Bild ab.
Dieser Teil des Buches ist in seiner Ausführlichkeit bisweilen ermüdend. Es ist klar, dass Seierstad auch die Lebensläufe dieser Personen ergründen und darstellen möchte, aber man muss nicht ständig wissen, welche Kleidungsstücke die Leute tragen und was es zu essen gab und wie man am besten im sibirischen Schnee gehen kann (falls denn welcher gefallen ist). Dabei sind die Bemühungen der Autorin, den Personen trotz ihrer uns bisweilen skurril erscheinenden Einschätzungen gerecht zu werden, zu loben. Wenn ihr etwa der Sportlehrer, der Andrej in milden Licht sieht, erklärt, dass der Krieg in der Ukraine wie der Zweite Weltkrieg nur mit einer Atombombe auf Kiew zu beenden ist, dann bleibt Seierstad kühl. Interessant am Rande, dass sie während ihrer Besuche in Russland der bei Rückkehr mit dem Leben bedrohte Andrej über Telegram problemlos mit ihr und anderen Personen kommunizieren kann. Dabei kommandiert und koordiniert Andrej Seierstads Besuche und Treffen nicht unerheblich.
Im Gespräch mit jenen, die gegen das Regime opponieren, wird deutlich, dass der Repressionsapparat in Russland immer perfider und härter wird. Die wenigen Verbliebenen des Oppositionsblatts Nowaja Gaseta erleben dies täglich. Man nutzt, soweit es möglich ist, Lücken in Gesetzen und Verordnungen – bis diese dann geschlossen werden. Seierstad besucht Lew Schlosberg, einen ehemaligen Lokalpolitiker der sozialliberalen Partei Jabloko (dt: Apfel) in Pskow und lässt sich die Drangsalierungen, denen er und die Familie ausgesetzt ist, nicht nur schildern, sondern erlebt sie. Längst geht es nur noch um ein Überleben; an politische Aktivitäten ist nicht mehr zu denken. Nur noch in Pskow, St. Petersburg und in Karelien, »hielten sich Vertreter von Jabloko in den Regionalparlamenten«. Seierstad lernt Ljudmila Jenowna kennen, eine exzentrische Dame, aufgewachsen als »echte Sowjetbürgerin«, die für die »Apfelpartei« einen Sitz in Puschkinskije Gory gewinnen konnte. Ihr lokales Engagement ist bemerkenswert, sie kritisiert die Behörden, geißelt die Misswirtschaft, lässt sich durch Abstimmungen von 14:1 gegen sie nicht entmutigen, aber sobald es um höhere Politik geht, schüttelt die Reporterin nur noch den Kopf und versinkt kurzzeitig in »tiefe Schwermut«. Denn natürlich lehnt Ljudmila die »Schweinereien« zu »Sexualität und Liebe«, die im Westen kursieren, ab. Die Geschicke würden sowieso von einer »Weltregierung« gesteuert. Der 2022 verstorbene Ultranationalist Wladimir Schirinowski ist ihr Prophet, er hätte das alles vorhergesehen. Den Krieg in der Ukraine lehnt sie ab, aber jetzt sammelt sie Geld für Drohnen. Das ist also eine Vertreterin der Speerspitze der liberalen Restopposition Russlands. Ljudmilas Denken ist dabei für Seierstad »vertraut russisch«: »Bodenständigkeit gepaart mit verschwurbelten Theorien«. Stimmt. Aber so etwas gibt es im Westen auch.
Wie bedrohlich der russische Willkürstaat sein kann, zeigt sich in einer Begebenheit auf der Reise nach Puschkinskije Gory. Seierstad gerät an einen Kontrollpunkt. Der Pass wird überprüft, sie muss einen Fragebogen ausfüllen – soweit normal. Aber dann soll sie auf ein Gespräch warten. Es vergehen Stunden, bis sie »eingelassen« wird – obwohl außer sie niemand in dem kleinen Raum wartet. Die Schilderungen des stundenlangen »Gesprächs« sind beklemmend. Am Ende werden ihre Aktivitäten in Tomsk und Ust-Baktschar befragt. Schließlich will man alles über Andrejs Verfahren wissen. Wurde sie verraten? Von wem? Etwa von Andrej selber, der einmal mit seinen Beziehungen zum Geheimdienst prahlte? Nach mehr als sieben Stunden darf sie dann weiterfahren. Sie verbringt noch einige Tage in Puschkins Stadt mit einer Reporterin von Nowaja Gaseta bevor sie abfährt. Vermutlich würde Seierstad inzwischen kein Visum mehr für Russland erhalten.
Andrej wurde in Norwegen mehrmals straffällig und wegen »Handgreiflichkeiten« gegenüber seiner Freundin verurteilt, die Aufenthaltsgenehmigung irgendwann nicht mehr verlängert. Es drohte die Ausweisungsverfügung. Andrej riss sich die Fußfessel ab und überquerte die Grenze nach Schweden. Der weitere Aufenthalt ist unbekannt. Vieles spricht dafür, dass er inzwischen in der EU lebt. So bedauernswert Andrejs Kindheit und Jugend verlaufen ist – die gängigen Erklärungs- und Entschuldigungsmuster versagen hier.
Åsne Seierstad praktiziert in ihren Texten die »teilnehmende Beobachtung« – sie ist mittendrin und zugleich distanziert. Hierfür braucht es eine Portion Ambiguitätstoleranz. Pauschale Be- oder Verurteilungen vermeidet sie. Bei aller Fixierung auf ihre Person betreibt Seierstad keinen Gonzo-Journalismus. Eine Literarisierung findet außer in den erzählerisch bearbeiteten Schilderungen Andrejs nicht statt. Manchmal wird man an die Aufzeichnungen über Deutschland von William Shirer während oder Stig Dagerman unmittelbar nach dem Krieg erinnert.
»Putin hat keine Strategie, er ist nicht einmal ein Taktiker, er ist ein Fatalist«, so das Urteil von Fjodor Lukjanow. Und es scheint, als interessiere dies in Russland niemand. Nach der Lektüre scheint dieses Land irgendwie zukunftslos zu sein. Beruhigend ist das nicht.