Wie geht es wei­ter?

Hel­mut Böt­ti­ger hebt zur Ver­tei­di­gung der Li­te­ra­tur­kri­tik an. Er hat so­eben den Jo­hann-Hein­rich-Merck-Preis für Li­te­ra­tur­kri­tik der Deut­schen Aka­de­mie für Spra­che und Dich­tung er­hal­ten. Man stellt sich das Au­di­to­ri­um vor, wäh­rend er sei­ne Tour d’ho­ri­zon durch die Ge­schich­te der deut­schen Li­te­ra­tur­kri­tik an­stimmt. Es dürf­te dort nie­man­den ge­ben, der die von Böt­ti­ger ge­nann­ten hi­sto­ri­schen Ent­wick­lun­gen nicht kennt, aber man hört es bei sol­chen Ge­le­gen­hei­ten halt ger­ne. Da­mit al­le et­was da­von ha­ben, wer­den sol­che Re­den meist in Zei­tun­gen ab­ge­druckt. Hier war es die taz. Nun kann je­der le­sen, wie die deut­sche Li­te­ra­tur­kri­tik ent­stand, sich ent­wickel­te, durch den Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruch der Na­zis wie­der neu auf­ge­baut wer­den muss­te (die DDR kommt nicht vor) und wie der Preis­trä­ger die heu­ti­ge Li­te­ra­tur­kri­tik – an der er nach wie vor, man ist ge­neigt zu sa­gen: glück­li­cher­wei­se!, mit­wirkt – ein­schätzt.

Vie­les da­von ist längst ka­no­nisch ge­wor­den. Die Kla­ge, dass die Li­te­ra­tur­kri­tik zu­neh­mend den Kri­te­ri­en un­mit­tel­ba­rer Kon­su­mier­bar­keit folgt, ist nicht neu. Böt­ti­ger selbst ver­weist auf En­zens­ber­ger, der die Kri­ti­ker schon vor mehr als fünf­zig Jah­ren po­le­misch zu »Zir­ku­la­ti­ons­agen­ten« de­gra­dier­te. Über je­ne Zeit, die En­zens­ber­ger da­mals der­art kri­ti­sier­te, ge­rät das Feuil­le­ton heu­te bis­wei­len in ver­klä­ren­des Schwär­men.

Will man Böt­ti­gers Zu­stands­be­schrei­bung der Ge­gen­wart grob (und viel­leicht ein we­nig un­ge­recht) zu­sam­men­fas­sen, lau­tet das Fa­zit: Vor al­lem die so­zia­len Me­di­en, die »Blog­ger und Book­Tok­ker«, tra­gen zur Tri­via­li­sie­rung der Kri­tik bei. Sie be­trei­ben »Po­pu­lis­mus« als »Ge­schäfts­grund­la­ge« (wo­mög­lich meint Böt­ti­ger hier vor al­lem »In­fluen­cer«). Da­bei fin­den sich Aus­sa­gen wie »gern ge­le­sen« oder ein Buch sei »span­nend« kei­nes­wegs nur in Ama­zon-Re­zen­sio­nen, son­dern auch in den gän­gi­gen Kul­tur-Fern­seh­for­ma­ten – bis hin zu Ju­ry-Äu­ße­run­gen beim Bach­mann­preis.

Kein Wort von ihm über die sich im­mer mehr ins Be­lie­bi­ge ver­lie­ren­den Feuil­le­tons, über nied­li­che Home-Sto­ries oder nichts­sa­gen­de In­ter­views, die sich all­zu ger­ne mit au­ßer­li­te­ra­ri­schen Din­gen be­schäf­ti­gen. Kein Wort über den zu­neh­men­den Man­gel an ar­gu­men­ta­tiv fun­dier­ten Ver­ris­sen. Kein Wort über die Ge­trie­ben­heit der Kri­ti­ker, die im Ok­to­ber be­reits die Neu­erschei­nun­gen des kom­men­den Früh­jahrs le­sen müs­sen, da­mit sie die er­sten sind, die sie in die­sem oder je­nem Me­di­um be­spre­chen dür­fen.

Böt­ti­ger spricht leicht ver­harm­lo­send von der An­pas­sung der zeit­ge­nös­si­schen Kri­tik an die »ge­ra­de ak­tu­el­len De­bat­ten­pa­ra­me­ter«. Da­bei sind längst häu­fig Li­te­ra­tur­kri­ti­ken mit ge­sin­nungs­äs­the­ti­schen Er­war­tun­gen auf­ge­la­den. Da­bei tre­ten sehr oft die ge­nu­in li­te­ra­ri­schen Kri­te­ri­en – Spra­che, Form, Rhyth­mus, li­te­ra­ri­sche Re­fe­ren­zen – hin­ter die Fra­ge zu­rück, ob ein Werk die »rich­ti­ge« Bot­schaft ver­mit­telt.

Die Kri­se der Li­te­ra­tur­kri­tik zeigt sich nicht dar­in, dass Blogs ih­re Le­se­ein­drücke be­schrei­ben oder strea­men, son­dern dar­in, wie das Feuil­le­ton auf die­se Me­di­en­an­ge­bo­te re­agiert. Wenn sich Buch­blog­ger als Mar­ke in­sze­nie­ren, soll­te man dar­auf nicht re­agie­ren, in­dem man eben­falls ei­nen Tik­Tok-Ka­nal be­spielt und ein­fach mit­macht. War­um soll­te ei­ne Be­find­lich­keits­kri­tik die Maß­stä­be der pro­fes­sio­nel­len Li­te­ra­tur­kri­tik be­ein­flus­sen? Wo bleibt das Selbst­be­wusst­sein der Kri­ti­ker? Bei­de For­men kön­nen ne­ben­ein­an­der be­stehen. War­um traut man den Le­sern nicht zu, ein emo­tio­na­les Le­seur­teil von ei­nem li­te­ra­tur­äs­the­tisch be­grün­de­ten Ur­teil zu un­ter­schei­den?

Im letz­ten Satz er­klärt die Re­dak­ti­on, dass sie Böt­ti­gers Re­de ge­kürzt ha­be. War­um hat sie nicht die Mög­lich­kei­ten des of­fe­nen, weit­ge­hend oh­ne Zei­chen­li­mits aus­kom­men­den Me­di­ums In­ter­net ge­nutzt, um ei­ne fun­dier­te, aus­führ­li­che­re De­bat­te an­zu­sto­ßen? Oder be­gnügt man sich wei­ter­hin mit Be­schwö­run­gen? Wer sich ver­tei­digt, ist in der pas­si­ven Po­si­ti­on. Wie wohl das Au­di­to­ri­um in Darm­stadt auf ei­ne kämp­fe­ri­sche Ver­tei­di­gung der Li­te­ra­tur­kri­tik re­agiert hät­te, die nicht nur die Ge­fah­ren di­gi­ta­ler Me­di­en be­klagt, son­dern de­ren Mög­lich­kei­ten für ei­ne an­spruchs­vol­le Kri­tik aus­lo­tet – oh­ne mit dem Fin­ger auf die an­de­ren zu zei­gen? Wie geht es wei­ter?

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