Bo­tho Strauß: Blei­ben und Blicken

Botho Strauß: Bleiben und Blicken
Bo­tho Strauß: Blei­ben und Blicken

Blei­ben und Blicken lau­tet der Ti­tel des neu­en Buchs von Bo­tho Strauß, in dem er zu­nächst sei­ne sze­ni­sche Pro­sa der letz­ten Wer­ke, die­se aus lo­se mit­ein­an­der ver­knüpf­ten, kam­mer­spiel­ar­ti­gen Er­eig­nis­sen oder Sen­ten­zen be­stehen­den Auf­zeich­nun­gen, fort­setzt. Er nennt es zu Be­ginn »Er­zähl-Ge­flecht«, »nicht un­ähn­lich dem wei­ßen Ge­web der Ge­spinst­mot­te«. Die hier auf­schei­nen­den Per­so­nen, Epi­so­den und Be­ge­ben­hei­ten ha­ben, so Strauß, »den Groß­teil an Hand­lungs­not, Hand­lungs­be­darf in ih­rem Le­ben be­reits hin­ter sich […], so daß ih­nen im we­sent­li­chen ein Ste­hen­blei­ben, ein Ver­har­ren in Ge­duld be­schie­den ist.« Da­bei ist »ein Prü­fen des Un­ter­grunds, auf dem er sich viel­leicht noch ein­mal wür­de auf­rich­ten kön­nen« wich­tig, »um zum Ste­hen — oder bes­ser zum Blei­ben und Blicken — zu ge­lan­gen.« Es bleibt in­des un­klar, ob die­se Po­si­ti­on von Vor­teil ist.

Sze­ne­rien und Per­so­nen wech­seln. Da ist von »Glas­wa­ren­ver­käu­fe­rin­nen« die Re­de, die in ih­rem Ge­schäft nie Kun­den­be­such er­hal­ten. Ei­ner Schrift­stel­ler­wit­we, die die »in­tel­lek­tu­el­len Süch­te­lei­en« der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler um das Er­be ih­res Man­nes ein­däm­men muss. Ein an­de­rer Mann, der nur noch lebt, um ei­ne Frau zu­rück­zu­ge­win­nen. Treff­lich die­ses na­se­wei­se Kind, das mit Fra­gen um die Auf­merk­sam­keit der Er­wach­se­nen buhlt. Die­se »Un­ru­hi­ge auf ei­ner Park­bank«. Der »Nach­voll­zie­her«, an »den ver­wickel­ten Schnü­ren des Herr­li­chen mit de­nen des Un­heils« hän­gend. Ein »trau­ri­ges Ra­ben­paar«. Ei­ne Frau, die sich mit ei­ner Af­fä­re an den Lieb­ha­ber der Mut­ter rächt. Der Mie­ter, der jah­re­lang an der Eta­gen­tür leb­te und »im Luft­zug beim Rein und Raus der Ver­schwin­den­den und Wie­der­keh­ren­den« ein »Ge­flecht von Le­bens­spu­ren« ver­ar­bei­ten muss­te. Das Hor­chen ei­nes Arzt-Pa­ti­en­ten-Ge­sprächs vor ei­ner Ope­ra­ti­on. In ei­ner Kurz­er­zäh­lung ist von ei­nem ver­dien­ten, aber nicht ge­wür­dig­ten Au­ßen­po­li­ti­ker die Re­de, der »von der Angst ge­plagt« wird, »daß das al­les wie nicht ge­we­sen sein könn­te« (ein Ver­such, ei­ne rea­le Per­son da­hin­ter zu ent­decken, schei­tert).

Strauß knüpft Ban­de zur grie­chi­schen My­tho­lo­gie, be­schäf­tigt sich mit dem Wort »mensch­lich« und scheut auch nicht vor Ab­sur­di­tä­ten zu­rück, wie et­wa bei je­nem Mann, der mit ei­ner Holz­lei­ter zu­sam­men­wächst. Von gro­ßer Ko­mik ist je­ne Ge­schich­te der Men­schen in der zwei­ten Rei­he ei­ner bald ein­set­zen­den Vor­stel­lung, »die gar nicht zum Zu­schau­en ge­kom­men sind« und doch bei den »Er­ste­rei­he­leu­ten« mit ei­nem leich­ten Kit­zeln im Nacken für Un­ru­he sor­gen. Er be­schwört Eu­pho­ri­on aus dem »Zwei­ten Faust«, ei­nem »Er­eig­nis­ur­laub«, der »flie­hend vor den Zu­grif­fen der ge­walt­tä­ti­gen In­ter­pre­ten« exi­stiert. (Der Be­trieb er­scheint ge­ne­rell ge­walt­be­reit.) Nur noch ge­le­gent­lich wid­met sich Strauß den Tri­via­li­tä­ten des All­tags, et­wa wenn er ge­gen Jeans als »schä­big­ste Uni­form der Zi­vi­li­sa­ti­on« wet­tert, ein Lob über die Ver­wir­rung aus­spricht, mit dem Un­glück­lich-Sein das letz­te Ta­bu der Ge­sell­schaft aus­macht oder das »Grau­en im Zu­viel« be­klagt.

Ein ste­tig auf­schei­nen­des Mo­tiv in die­sen No­ta­ten ist »das gan­ze schö­ne Da­mals«. Die »Tech­nik der Ver­klä­rung« wird da­bei nicht ne­giert, son­dern als schöp­fe­risch dar­ge­stellt, rückt »Ort und Da­tum in die Bei­nah-Prä­senz«. »Der Mensch«, so die Kon­se­quenz, »ist nicht im Jetzt zu­haus. Zu­haus ist er, wo er einst zu­haus war.« Das ist Auf­ga­be oder viel­leicht so­gar Mis­si­on der Dich­ter, der »tap­fe­ren Krie­ger der Er­in­ne­rung«. Da­bei gilt: Die »li­nea­re Strecke ei­ner Er­zäh­lung ist ei­ne Kon­ven­ti­on, ver­gli­chen mit dem viel­ge­fal­te­ten Au­gen­blick. Der Au­gen­blick […] be­steht aus sub­chro­no­lo­gi­schen Ele­men­ten der er­leb­ten Zeit.« Wäh­rend »die von heu­te« nur das »Heut­zu­ta­ge« ken­nen und »da­hin­wör­tern«, fei­ern die Dich­ter die gro­ßen Wer­ke der Über­lie­fe­rung. Ent­spre­chend rup­pig das Ur­teil über »den har­ten Kern deut­scher Li­te­ra­tur«. Fast klingt es wie ein Ver­mächt­nis, wenn er kon­sta­tiert: »Man wird sich nicht mehr auf die Su­che nach der ver­lo­re­nen Zeit be­ge­ben, son­dern auf die Su­che nach dem ver­lo­re­nen Sinn für die ver­lo­re­ne Zeit.«

Und dann gibt es ei­nen zwei­ten Teil. Blei­ben und Blicken wird ab­ge­löst von Der Ort und die Jah­re. Ein »Er« (der in sel­te­nen Mo­men­ten zum »Du« wird) schaut von sei­ner »Klau­se«, dem »wei­ßen Haus« aus der »Ent­le­gen­heit« auf und in die Na­tur hin­ein; geht, wan­dert, stol­pert, stapft durch die Land­schaft, er­lebt die Ei­gen­hei­ten der Jah­res­zei­ten, die dür­ren Som­mer, ei­nen war­men Herbst, den »rei­fen Win­ter­tag«, den Früh­ling, der »rings­um blüht und tobt im Stil­len«. Freu­de, an die­sem Trei­ben »teil­ha­ben« zu dür­fen! Es ist na­tür­lich die Ucker­mark, die die­ser »Er« da um­kurvt, in sie bis­wei­len ver­sinkt, mit al­len Sin­nen er­spürt, Bo­tho Strauß’ Wohn­sitz und An­we­sen. Er ist dort »Aug in Aug mit der Eu­le«, der Rot­mi­lan wird zum »Gast«, Blut­bu­che und Ging­ko zu Zei­chen­ge­bern und als sein Gärt­ner ein­mal das Tor nicht schließt, ste­hen am Mor­gen Scha­fe in sei­nem Gar­ten.

Man kann sich gar nicht satt­le­sen, wird ver­zau­bert, denkt sich die­sen Aben­teu­rer in sei­ner En­kla­ve als Prot­ago­nist ei­nes viel­leicht noch zu ent­decken­den Ge­mäl­des von Cas­par Da­vid Fried­rich. »Das Er­ör­tern des Or­tes kann un­end­lich ge­sche­hen und sich un­end­lich ver­fei­nern.« Und das Ide­al dann: »über­zu­ge­hen in das Er­blick­te«. Das ist mit­nich­ten Na­tur­schwär­me­rei, denn die­se Land­schaft ist kei­ne Idyl­le, son­dern rau, bis­wei­len fast ur­tüm­lich, ab­wei­send, aber viel­leicht ge­ra­de des­we­gen »Arz­nei für ei­nen Fried­lo­sen, die er sich als Heil­mit­tel und Se­da­tiv selbst zu­sam­men­stell­te.« Und beim Hin­aus­tre­ten war es je­des Mal, »als emp­fin­ge ihn stür­mi­scher Ap­plaus für sei­ne Exi­stenz, sein Hier­sein, für sei­nen Auf­tritt im Hier und Jetzt.« Und der­art öff­net sich das Den­ken an das Ge­we­se­ne, »dies so ge­fürch­te­te und so schmerz­lich ge­lieb­te We­sen«. Es ist ein Prei­sen der Ein­sam­keit, und plötz­lich be­kommt das Mot­to zu Be­ginn ei­nen Sinn: »Mir ge­nü­gen die we­ni­gen, ei­ner ge­nügt mir, auch nie­mand ge­nügt.«

Sel­ten da­her Er­in­ne­run­gen an Men­schen. Das Kind und sei­ne Or­te da­mals. Die Sehn­sucht nach ei­ner Frau; fast be­schwö­rend (gar trau­ernd?). Mehr­fach ist von Ab­schied die Re­de, der Sohn wird zi­tiert: »Du hast mich ins Le­ben ge­führt, ich füh­re dich hin­aus«. Trost vor dem Be­dürf­nis da­nach? Über­le­gung, wel­chen Satz man viel­leicht als letz­ten hö­ren wird. Wie aus Trotz heißt es dann: »Wer mit vier­zig Jah­ren kein Mis­an­throp ist, hat die Men­schen nie­mals ge­liebt.«

Nein, es ist kein »Na­tu­re Wri­ting«, eher ein na­tur­re­so­nan­tes Schrei­ben, was Bo­tho Strauß da vor­legt, ein »Züch­ten von Stim­mun­gen und Sen­ti­men­ten«. We­ni­ger Stif­ter; mehr wie Ca­mus’ »Welt­um­ar­mun­gen« bei den Be­schrei­bun­gen des Lichts. Da sagt je­mand al­len Ra­tio­na­li­tä­ten ab: »Was geht ihn Auf­klä­rung an? Er ist für Ver­klä­rung zu­stän­dig.« Das Ziel ist, ei­ne »Ge­schich­te der Ste­te«, der Dau­er, zu schrei­ben. Und wäh­rend der Le­ser die For­mu­lie­rung die­ses Ziels liest, stellt er fest, dass sie in die­sen Zei­len be­reits vor­liegt. Ver­mut­lich hat Bo­tho Strauß nie­mals schö­ner, lie­be­vol­ler aber auch ele­gi­scher ge­schrie­ben. Und das oh­ne Pa­thos, oh­ne den sonst häu­fig auf­kom­men­den ho­hen Ton, die­se Flucht vor der Er­grif­fen­heit, vor dem Stau­nen.

Wei­ter, bit­te wei­ter.

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