
Eigentlich sollte Peter Handkes 2009 erschienene epische Erzählung Die morawische Nacht Samara heißen. Samara bedeutet, so kann man lesen, »die Nacht im Gespräch verbringen.« Es scheint allerdings eher unwahrscheinlich, dass Caroline Wahl mit der Wahl des Namens ihrer Protagonistin in 1999 Meter über dem Meer hierauf Bezug nimmt. Ihre Hauptfigur Samara ist Ende 20, Anfang 30, Einzelkind, intaktes Elternhaus, solide Mittelschicht (der »Baba« hat eine Kfz-Werkstatt). Sie hat ihren Master in Literatur und Geschichte gemacht und zieht demnächst nach Berlin, um als »Junior-PR-Beraterin« in einer Agentur für 2700 Euro brutto anzufangen. Bis dahin wird, nicht zuletzt um den Eltern ihre Lebenstüchtigkeit zu beweisen, eine Reise nach Bali gemacht. Alles selbst herausgesucht, inklusive Flug mit Transit-Aufenthalt in Doha. Aber auf Bali ist es heiß, es gibt weder RTL+ noch bezahlbares kohlensäurehaltiges Wasser, von den obsessiv-geliebten Müllermilch-Drinks erst gar nicht zu reden. In den Acht- oder Sechsbettschlafräumen lauter geschwätzige Touristinnen (besonders schlimm sind die Amerikanerinnen). Die Ausflüge mit dem E‑Scooter enden stets in einem Fiasko – entweder Sturz oder Unwetter oder beides. Immerhin gelingen ihr mit der Leica einige Schnappschüsse. Für 390 Euro extra bucht sie nach dem Fast-Badeunfall im Meer einen früheren Rückflug. Wieder Transitraum in Doha und diesmal schlafende Menschen auf den angelegten Kunstrasen.
Kurz zu den Eltern. Und vor dem Umzug nach Berlin schenkt ihr der Vater einen »Mercedes SL R 129, 1999 Erstzulassung. Dritte Hand, und nur 80000 Kilometer.« Erst schockiert (sie ist seit dem Führerschein nicht mehr gefahren), wird ihr das Fahrzeug rasch ans Herz wachsen.
Die Einblicke aus der Agentur entsprechen entweder den Klischees oder sind wahr. Sie verhandelt Spitzenhonorare für Influencer, während sie selber um eine Gehaltserhöhung um 300 Euro fast betteln muss. Die fleisch- und tierleidlose WG ist die Hölle. Immerhin lernt sie auf einer Party einen gutausstehenden »großen Fisch« aus der Filmbranche kennen, der eine Wohnung in St. Moritz besitzt. Sie macht sich interessanter, heißt Sam und gibt vor, Musikproduzentin zu sein. Man tauscht Handynummern. Als man ihr aufträgt, mehr »BOC« (gemeint sind »PoC«) Influencer zu gewinnen, packt sie ihre Sachen, lässt sich krankschreiben, blockiert die Nummer der Chefin und fährt mit der Kaution für die WG in den Allgäu, nach Oberstdorf, in eine kleine Pension mit älteren Leuten als Wirte.
Hier ist sie Lena und angehende Ärztin. Die Gastfreundschaft des Paares geht ihr schnell auf die Nerven. Bei einer Bergwanderung mit typischen Kletterbuam stürzt sie und wird dem Helikopter ins Krankenhaus verbracht. Als der Ärztin-Schwindel droht aufzufliegen, fährt sie weiter, erinnert sich an die Wohnung des Filmmenschen in St. Moritz und kann dort tatsächlich unterkommen. Vorher stylt sie sich noch um, rote Haare, Pixie Cut und Pony. Die Protagonistin nähert sich visuell der Autorin an.
In St. Moritz wird es komödiantisch und wer will kann anhand der topographischen Beschreibungen die einzelnen Stationen ablaufen. Alles Echtnamen, außer vielleicht die Personen, aber wer weiß. Rasch findet sie Anschluss an die Nachsaison-Schickeria. Aus Samara, Sam und Lena wird nun Resa. Sie stellt sich als Fotografin vor, die in einem streng geheimen kollektiven Kunstprojekt arbeitet. Die Künstler agierten dort ohne Aussehen, Geschlecht, Herkunft und Beziehungen und auch abseits von Fremdeinflüssen durch Social Media. Es ginge nur noch um Kunst. Sie umgibt sich mit der Aura des Geheimnisvollen und reüssiert damit in einer von den Bekannten spontan inszenierten Fotoausstellung. Einer glaubt sogar, einen weiteren Teilnehmer des Projekts zu kennen. Anfangs ist sie fassungslos von der Dummheit dieser Leute, später versteht sie es geschickt, diese für sich auszunutzen. Köstlich, wie sie ihre Erfahrung vom Helikopterflug großspurig in der Diskussion mit Jet-Besitzern einbringt, die sich überlegen, noch einen Hubschrauber für den ganz schnellen Transport anzuschaffen. Dabei kommt ihr zugute, dass sie binnen kurzer Zeit von deren ostentativen Lässigkeit weniger beeindruckt ist als vom Kletterverhalten von Gemsen.
Einzig der irgendwann eintreffende Filmmensch, der Fritz, später Fritzi, heißt, durchschaut sie, die Hochstaplerin, macht aber mit, amüsiert sich und sinniert darüber, warum es in der Literatur fast nur männliche Hochstapler gibt (außer einige Picaras im 17. Jahrhundert). Die Sache entwickelt sich insgesamt zu einer zahmen, dahinplätschernden Kritik am zeitgenössischen Kunstbetrieb. Das Ende ist witzig, kitschig und leider wenig originell. Wie schon in Die Assistentin wird die Protagonistin schließlich vom Idyll überwältigt.
Wahls Text erklärt und behauptet permanent, was die Figuren fühlen, was eine Szene bedeutet und welchem Genre das Ganze angehört. Dadurch wird dem Leser genau das genommen, was Literatur interessant machen kann: Ambivalenz, Ungewissheit, sprachliche Entdeckung. So hat Samara das, was man depressive Stimmungen nennen könnte. Aber statt diese zu zeigen, werden sie als »dunkle Wolken« benannt und mit ein wenig Garnierung von Alleinsein und Einsamkeit abgehandelt. In einer Art Selbsttherapie wird sie später die dunklen Wolken halbwegs in den Griff bekommen, in dem sie sich an den Glückmoment während der Autofahrt erinnert: »Tacho 180 km/h, dreiviertelvoller Tank, 31 Grad, […] Long Sardine von Oxis aus den Lautsprechern, eine Vanille-Müllermilch aus der Mittelkonsole«. Auf einer Wanderung gegen Ende wird es noch frugaler: »Autofahren, Wandern und ein süßes Milchgetränk meiner Wahl, mehr brauche ich doch gar nicht.«
Die Dialoge werden wie in einem Theaterstück mit Namen und Doppelpunkt abgedruckt. Sprechpausen werden durch die Wiederholung des Sprechenden angezeigt. Selbst dort, wo man sich längst ein Bild gemacht hat, legt sie noch einmal zu. Etwa als sie bei einer Party ein berühmter Schauspieler in seiner Wohnung befummelt, erklärt sie dem Leser ausdrücklich, dass sie »kein so sexueller Mensch« sei. Und damit man auch weiß, was man da gerade liest, lässt sie über Fritz erklären, dass es sich nicht um eine »doofe Liebesgeschichte«, sondern um eine Road Novel mit Tendenz zum Abenteuerroman handelt.
Müllermilch, Fernreisen, Spaß beim Autofahren, Beginn des Rauchens, Fleischkonsum, verstärkter Alkoholkonsum, Kaviargenuss von Tieren, die danach getötet wurden – lauter Tabus, die die Protagonistin einerseits lächerlich findet, andererseits jedoch durch exzessive Wiederholung versucht, zu exorzieren. So trinkt sie Unmengen von Milch und Kakau trotz Bauchschmerzen aufgrund offensichtlicher Laktoseintoleranz. Im Gegenzug entstehen superlativistisch aufgeblasene Eindrücke über die Natur, die Berge, der Aussicht, vor allem der Düfte, »dem« Duft in den Bergen; zeitweise glaubt sie, Schnee riechen zu können. Da ist es dann am Schönsten, am Leckersten, am Tollsten, aber das war es dann auch schon.
Überall liest man, Caroline Wahl sei so etwas wie das Sprachrohr einer Generation, charakteristisch für junge, »gut ausgebildete« Frauen und dann denke ich an eine andere Schriftstellerin, die einst auch so etwas das »Gefühl einer Generation« hervorgebracht haben soll, an Judith Hermann, die damals 28 Jahre alt war als Sommerhaus, später herauskam. Zugegeben, das waren Erzählungen, während Caroline Wahl Romane schreibt. Aber man vergleiche einmal Hermanns melancholische, sinnliche und fragende Prosa mit diesen Romanen einer Autorin, die 31 ist. Wenn überhaupt, wird Caroline Wahl einmal die Nachfolgerin von Ildikó von Kürthy werden. Ich gestehe, dass man das gut und flüssig weglesen kann, wie dies halt bei Unterhaltungsromanen so ist. Aber man sollte man aufhören, bei der literarischen Exegese das große Chirurgenbesteck hervorzuholen. Es genügt ein Taschenmesser.