
Es beginnt kurios mit einem »Vorwort des Herausgebers«. Nanu? Hat man nicht einen Roman in der Hand? Der Herausgeber dankt der Autorin Anna Baar sogar noch für Anonymisierungen und erklärt die Methode, mit der er das ihm auf mysteriöse Weise zugegangene Konvolut an Aufzeichnungen einer gewissen Elda Vera ordnet und schließlich publiziert. Da sind zum einen 31 Briefe dieser Elda an einen gewissen »Lev«, erstellt zwischen dem 1. November 2022 und 24. Dezember 2023 und zum anderen »undatierte Notizen, Aufzeichnungen und Vermerke«, die der Herausgeber, wie er schreibt, nach »persönlichem Gutbefinden« eingestreut »und fortlaufend nummeriert« hat. Diese Elda (der Name ist, wie betont wird, ebenfalls anonymisiert) machte, so erfährt man, 2020 Schlagzeilen als sie, eine ausgebildete Ärztin, beschuldigt wurde, einen Patienten vergewaltigt zu haben. Sie verlor ihre Anstellung und verschwand. Als die Briefe begannen war sie 58 Jahre alt.
Als Leser ist man abseits der Konstruktion gut beraten, sich in Eldas Mikrokosmos zu begeben. Die lebt in ihrer Wohnung, was zunächst in Anbetracht der Pandemie-Nachwehen noch normal erscheint. Schließlich ist von einer Fußverletzung die Rede, die sie veranlasst, »die Tage ausschließlich zu Hause, hauptsächlich im Liegen« zu verbringen. Was sie braucht, bestellt sie online. Die Welt sieht sie, »nur von fern, aber umso schärfer« und betätigt sich nebenbei mit einem Fernrohr als Voyeuristin. Sie korrigiert Rechtschreibefehler in Büchern und Zeitungen und beobachtet das Verhalten der Amseln auf einem Baum vor ihrem Fenster, woran sich ihr die Jahreszeiten zeigen. Währenddessen läuft der Fernseher »auf lautlos«. Sie hat »genug von den immergleichen fernen Katastrophen, bewaffneten Kriegen, Skandalen, belanglosen Staatsaffären, genug auch vom Geschrei der Zukurzgekommenen und den Empörungsriten verwirrter Berufsaltruisten.«
Ihre Kommunikation beschränkt sich auf Online-Foren, wo sie als »Aloe« unter einem Profilbild ihrer Schwester als 26jährige scheinbar Rat in Liebesdingen sucht, als ob sie nicht schon alles wüsste. Wichtig ist noch Frau Helga, eine Internet-Astrologin, deren krude, esoterisch gefärbte »kosmische Energieschübe« zitiert werden. Elda bezahlt wohl die bizarren Honorarforderungen (die Korrektur ihrer »Astralfrequenz per Supervibrometer« erfolgt zum Freundschaftspreis von siebenhundert Euro), was aber nicht bedeutet, dass alles befolgt wird. Einmal ruft sie eine christliche »Einsamenhilfe« an und bekommt Besuch von einem Herrn Kos, 26, »Psychologiestudent im sechzehnten Semester«. Auf seine Beschwichtigungen poltert Elda sofort gegen seinen und ihren los: »Jede Hure weiß mehr von der wahren Natur ihrer ehrbaren Kundschaft als ein Seelenklempner! Wir sind, was wir verschweigen. Sie aber bauen nur aufs Dahingesagte mit blöden Diagnosen, die man Ihresgleichen auf den Hochschulen einbläut.« Dieser Dialog ist ein erster, kleiner Höhepunkt im Roman. Später will sie Kos erneut buchen, aber er ist nicht mehr in der Organisation tätig; von nun an schwirrt diese Figur zwischen Sehnsucht und Bedrohung herum.
Neben den aktuellen Befindlichkeiten wird ausgehend von einem Urlaubsfoto aus Ägypten mit ihrer älteren Schwester Marta aus 1989 episodisch die Familiengeschichte erzählt. Eltern, Kindheit, Jugend. Repressionen. Bibelstechen zu Silvester. Die Tischordnung beispielsweise. Der Vater, der jedes noch so kleine »Vergehen« Martas damit bestrafte, ihr auf ihrem Zimmer »die Leviten« zu lesen. Die Mutter, die dem machtlos zusah und trank. Ahnungen. Die Ausbruchsversuche zunächst der Schwester, später dann von Elda, in einer Art nymphomanischer »Liebestollheit«. Sie bilanziert »fünf Dutzend Bettgefährten. Manchmal stell ich sie mir nackt in Reih und Glied vor, schreite die Aufstellung ab wie bei einer Bullenschau, mustere sie vom Scheitel bis zur Sohle! – und frage mich immerzu, ob ich den Richtigen nur übersehen habe. Ob es noch einer wagte, mir ins Gesicht zu blicken?« Längere Beziehungen waren eher selten. Da ist einmal leicht spöttisch von Alexander die Rede, einer Dichterseele. Und von Milan und Kleiber, Freunden, die sie gegeneinander ausspielte. Vogelnamen. Später wird aus den Amseln ein rätselhafter Anselm.
Auch Lev, der Adressat, wird als Liebhaber gezeichnet. Mangels Möglichkeiten, sich näher kennenzulernen diese Briefe. Sie nimmt kein Blatt vor dem Mund. Da ist dieser Hass auf »adrette Wohlstandsbürger«, das Vorbild ihrer Eltern, von ihnen selber nie erreicht. Auf den Straßen »kaum noch Menschen. Stattdessen nur Passanten und Verkehrsteilnehmer, Wutbürger und Besorgte, Beleidigte und Verletzte, getäuschte Konsumenten, schwer an Dingen tragend, die sie gar nicht brauchen, Sorgeberechtigte und illegitim Besorgte, oder Turteltauben, Hand in Hand mit ihrer künftigen Misere.«
Der Vater war in einer Anstalt, erlitt später einen Schlaganfall, als er durch die Heirat die Kontrolle über Marta zu verlieren drohte. Die dement gewordene Mutter nannte sie »Egohexe« und ein »immer schon multimorbides Risikogruppenmiststück«. Die Schwestern lebten sich auseinander; Marta starb noch vor der Mutter. Eldas Kinderlosigkeitsstolz – immer »fristgerecht abtreiben lassen, stets auf eigene Kosten.« All dies wird ihr nachher vom Gutachter vorgehalten. Der, so bemerkt sie schnippisch, »stellt die falschen Fragen.«
Klopfen und Stimmen an der Wohnungstür. Halluzinationen, Paranoia. Blick in den Spiegel: »über Nacht gealtert und gleichzeitig Kind geworden.« Statt die Fußverletzung ärztlich behandeln zu lassen betäubt sie den Schmerz mit einst gestohlenen Morphiumtabletten. Rasch wird sie süchtig. Sie vernachlässigt die Wundversorgung, glaubt schließlich, von unten aufgefressen zu werden, kann sich kaum noch in der Wohnung bewegen. Als der Vorrat rascher zu Ende geht als ausgerechnet, macht sich »Apokalypsenstimmung« breit und gebiert ekstatische Weltbeschimpfungen. »Ihr Beleidigten, Betroffenen, Gekränkten, ihr Auskenner und Heuchler! Notlügner! Spaßgesellen! Herzbrecher! Todesleugner!«. »Die Kreaturen der Gewohnheit« werden aufgerüttelt: »Lebt, als wäre es eure letzte Stunde! Küsst den nächsten Fremden, dem ihr begegnen werdet, oder streckt ihn mit einem Fausthieb nieder, wenn er auch suspekt ist! Rennt vor fahrende Autos, tauft eure Einzelkinder auf den Namen Ego, erdrosselt eure Köter oder hetzt sie auf Leute von meinem Schlag, denn auch wir sind Abschaum. Wir sind überflüssig.« Das sind Augenblicke, in der ich für diese Person plötzlich ein verstiegenes Einvernehmen entdecke.
Natürlich beginnt beim Leser irgendwann das Elend des Vergleichens. Es kommen einem die Kronauer-Frauen in den Sinn, ob in den Kissen oder »im Gehäus«. Dann jene Frau aus der Weltliteratur, die auch »nur von einem Tag zum andern« lebte, eine weibliche Robinsonade als Bäuerin, eine »dünne Haut über einem Berg von Erinnerungen« fühlend. Eine rätselhafte Wand schützte sie vor der tödlichen Außenwelt, hielt sie aber zugleich auch gefangen. Marlen Haushofers Überlebende rationierte Zündholzer, Elda Vera die Morphintabletten.
Diese Briefe sind Eldas Versuch, dem Leben durch das Erinnern nachträglich noch einen Sinn zu geben. Irgendwann schreibt sie von diesem Hunger nach Gnade und Vergebung, dieser lebenslangen (vergeblichen?) »Suche nach der verwandten Seele«. Stattdessen jetzt »keine Neugier mehr, nur noch das Gewusste«, nur noch »der Wunsch, eine Zeit zu retten, in die man nicht zurückkann« und diese Mischung aus Bedürfnis und Zwang, »gegen die Richtung der fliehenden Zeit anzutexten, um ein Leben zu schreiben, das vielleicht gerecht, aber nicht genug war, wie ja den Maßlosen das Reichlichste nicht sättigt.« Am Ende räumt sie die Onlineforen, kündigt Porno-Abo und Astrologin. Kontrollierter Rückzug? Vielleicht. Oder auch nicht. Denn es gibt noch einige, unverhoffte Wendungen, die hier nicht ausgebreitet werden.
Keine Sekunde mag man sich diesem mäandernden Strom entziehen, man fiebert mit, ärgert sich, staunt, jubiliert und flucht über diese unter Anmaßungen, Obszönitäten und Zärtlichkeiten aufgefächerte Melange aus Selbstbezichtigung, Trotz und Gebet. Irgendetwas zwischen »Ich werde es nie wieder tun« und »Je ne regrette rien«. Der Schlüssel versteckt in Klammern: »Nie ist der Mensch so schön wie in den Augenblicken, da er seine Würde waffenlos verteidigt.« Amseln ist ein zutiefst beeindruckender Roman.