No­ra Bos­song: Welt mit an­de­ren Mit­teln

Im­mer wenn ich mit Fra­gen des Glau­bens und der Kir­che kon­fron­tiert wer­de, so wie jetzt mit dem klei­nen Es­say­band Welt mit an­de­ren Mit­teln der 1982 ge­bo­re­nen Schrift­stel­le­rin No­ra Bos­song, muss ich an den Film Ka­tho­li­ken von 1973 den­ken. Es war ei­ne zeit­na­he Ver­fil­mung des Ro­mans Ca­tho­lics des nord­irisch-ka­na­di­schen Schrift­stel­lers Bri­an Moo­re, der drei Jah­re spä­ter bei Cla­as­sen, von Eli­sa­beth Schnack über­setzt, un­ter dem Ti­tel In­sel des Glau­bens auf Deutsch er­schei­nen soll­te.

Brian Moore: Katholiken
Bri­an Moo­re: Ka­tho­li­ken

In Buch und Film spiel­te ei­ne Si­tua­ti­on ei­ne Rol­le, die da­mals für die Ka­tho­li­sche Kir­che be­droh­lich schien. Un­ter der Füh­rung des Erz­bi­schofs Mar­cel Le­feb­v­re (1905–1991) droh­te ein Schis­ma. Le­feb­v­re ver­sam­mel­te ei­ne nicht ge­rin­ge An­zahl kon­ser­va­ti­ver Bi­schö­fe und Kar­di­nä­le um sich, die ge­gen die Neue­run­gen des Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zils re­bel­lier­ten. Ne­ben der Öff­nung der Kir­che zu an­de­ren Re­li­gio­nen, dem Aus­bau der Öku­me­ne und kir­chen­recht­li­chen Dif­fe­ren­zen mit Rom ging es vor al­lem um die neu be­schlos­se­ne Lit­ur­gie­form, die sich sicht­bar dar­in zeig­te, dass die Mes­se zu­künf­tig in der Lan­des­spra­che statt in La­tein ge­hal­ten wer­den und der Prie­ster nicht mehr mit dem Rücken zur Ge­mein­de ste­hen soll. Le­feb­v­re ließ sich nicht ein­he­gen, op­po­nier­te trotz Dro­hun­gen und Ge­sprä­chen, grün­de­te die Pi­us-Brü­der­schaft, weih­te so­gar 1988 Bi­schö­fe und dies ent­ge­gen der An­ord­nun­gen aus Rom.

In Bri­an Moo­res Ro­man schickt Rom den jun­gen Prie­ster Ki­sel­la in ein ab­ge­schie­de­nes Klo­ster auf ei­ner iri­schen Fel­sen­in­sel an der Süd­west­kü­ste, in der die rund 20 Mön­che an den al­ten, triden­ti­ni­schen Got­tes­dienst­ri­tus fest­hal­ten – und dies auch bei ih­ren Pil­ger­got­tes­dien­sten in der Öf­fent­lich­keit prak­ti­zie­ren. Ki­sel­la soll den »wi­der­spen­sti­gen Abt« Tomás O’­Mal­ley über­zeu­gen, zur Not mit ei­nem Be­fehl.

Die ver­zwick­te La­ge be­kommt ei­ne zwei­te Ebe­ne. Wäh­rend der lan­gen Ge­sprä­che zwi­schen Ki­sel­la und O’­Mal­ley und ei­ner zu­neh­men­den Ver­traut­heit ge­steht der Abt dem jun­gen Mann von der »Höl­le der Me­ta­phy­si­ker« er­grif­fen zu sein, ei­ne Höl­le, in der sich »Gott ent­zog«. »Wenn sie über ihn kam, konn­te er nicht be­ten; die Ge­be­te er­schie­nen falsch oder oh­ne jeg­li­chen Sinn. Dann fing er an zu zit­tern…« und es über­kam ihm »die Höl­le des Nicht­füh­lens, die­ses Nichts, die­se Lee­re«. Dann gibt es kei­nen »Va­ter im Him­mel« mehr; al­les wird zum Schau­spiel.

Georges Bernanos: Die tote Gemeinde
Ge­or­ges Ber­na­nos: Die to­te Ge­mein­de

Auch der Pfar­rer der fik­ti­ven Ge­mein­de Fen­ouil­le in Ge­or­ges Ber­na­nos’ Die to­te Ge­mein­de (Ori­gi­nal: Mon­sieur Oui­ne von 1943) fällt in ei­ne spi­ri­tu­el­le Kri­se exi­sten­ti­el­len Aus­ma­ßes. Als er sich auf ei­nem Hü­gel Ru­he su­chend zum Ge­bet sam­meln woll­te, über­kommt es ihn plötz­lich: »seit wann ha­be ich nicht mehr ge­be­tet, wirk­lich ge­be­tet, ge­be­tet wie einst?« Kann er, so der Ge­dan­ke, der Ge­mein­de vor­wer­fen, sich vom Glau­ben ab­ge­wandt zu ha­ben, wenn er sel­ber nichts mehr emp­fin­det?

Am En­de stellt sich der Abt in den Dienst der Kir­che; er ge­horcht. Der Ab­schied O’­Mal­leys von Ki­sel­la ist auf ei­ne schö­ne Art nicht re­si­gna­tiv, son­dern wird als Neu­be­ginn ge­schil­dert. Der Abt will da­nach Über­zeu­gungs­ar­beit lei­sten (oh­ne wo­mög­lich sel­ber über­zeugt zu sein), sieht Furcht, Ver­zweif­lung aber auch Zorn in den Ge­sich­tern. Tief be­we­gend der Ein­wand ei­nes Bru­ders: »Sie ha­ben mir auch ge­sagt, wir soll­ten die Mes­se von jetzt an nicht als ein Wun­der, son­dern als ein from­mes Ri­tu­al be­trach­ten, wie Sie es, glau­be ich nann­ten. […] Wie kann et­was an ei­nem Tag ein Wun­der und am näch­sten Tag kein Wun­der sein?« O’­Mal­ley ar­gu­men­tiert for­mal: »Ich bin ein Mönch und tue, was mir be­foh­len wird.« Er hat nur ei­ne Chan­ce, die Wi­der­stän­de un­ter den Brü­dern zu mil­dern: Er for­dert sie zum Ge­bet auf.

Nora Bossong: Welt mit anderen Mitteln
No­ra Bos­song: Welt mit an­de­ren Mit­teln

Ei­ne lan­ge, viel­leicht zu lan­ge Vor­re­de, denn we­der Ge­or­ges Ber­na­nos noch Bri­an Moo­re kom­men in No­ra Bos­songs recht per­sön­lich ge­hal­te­nen Auf­satz über die Mög­lich­kei­ten, ja viel­leicht so­gar: Not­wen­dig­kei­ten des Glau­bens in heu­ti­gen Zei­ten vor. Auch an­de­re, in die­sem Zu­sam­men­hang häu­fig zi­tier­te re­li­gi­ons­kri­ti­sche Prot­ago­ni­sten, ver­misst man, was durch­aus wohl­tu­end ist (nur ei­ner stört). Bos­song un­ter­brei­tet statt­des­sen ein An­ge­bot. Das Buch be­ginnt mit ei­ner Be­er­di­gung, ein gro­ßer Ver­lust (der Va­ter), die schwei­gen­de Ge­mein­de, die Ri­ten, die in­mit­ten die­ses Schmer­zes Halt ge­ben (sie mi­ni­striert). Sie be­kennt: »Mir je­den­falls wä­re die Welt ganz oh­ne Him­mel zu eng.« Und we­nig spä­ter zi­tiert sie »Glau­be aber ist: Fest­ste­hen in dem, was man er­hofft, Über­zeugt­sein von Din­gen, die man nicht sieht (Hebr 11,1)«.

Aber war­um ist so vie­len »der Him­mel« fremd ge­wor­den? Sie be­ginnt ei­ne Ana­ly­se, macht die Kir­che und ihr Ver­hal­ten in der Ver­gan­gen­heit, aber vor al­lem auch in der Ge­gen­wart da­für ver­ant­wort­lich. Und de­kli­niert al­les her­bei, was man schon kennt: »ver­tusch­ter se­xu­el­ler Miss­brauch, Macht­miss­brauch all­ge­mein, An­bie­de­rung an au­to­ri­tä­re po­li­ti­sche Sy­ste­me, Pri­vi­le­gi­en­bla­siert­heit und Ab­wer­tung von Men­schen, weil sie ›falsch‹ lie­ben«. Der Blick auf Rom, die­se in »Bro­kat und Bom­bast« ze­le­brier­te »Ge­gen­warts­ent­ho­ben­heit«. Be­son­ders geht es ihr um den »Aus­schluss al­ler Frau­en von der tat­säch­li­chen kirch­li­chen Macht, näm­lich der Ver­wal­tung der Sa­kra­men­te«. Sie be­zeich­net das Vor­ge­hen der Ka­tho­li­schen Kir­che als »Ab­wer­tung des weib­li­chen Ge­schlechts« und greift da­bei auch (und vor al­lem) den ak­tu­el­len Papst an, der von re­ak­tio­nä­ren Kar­di­nä­len ge­wählt wur­de und nun de­ren Agen­da ver­tritt.

Ihr Fu­ror als gläu­bi­ge Ka­tho­li­kin ist ver­ständ­lich, die Ar­gu­men­te zwin­gend, aber die Fra­ge bleibt, ob es der Evan­ge­li­schen Kir­che bes­ser geht, ob ihr An­se­hen hö­her ist oder ob ge­ra­de dort das ein­ge­tre­ten ist, was sie in je­dem Fall ver­mei­den möch­te: Kir­che als Mu­se­ums­stück oder ei­ne wei­te­re NGO mit, wie es ein­mal an an­de­rer Stel­le heißt, ei­nem »ent­kern­ten Mo­ra­lis­mus als Ge­schäfts­mo­dell ei­ner Per­for­mance, in der Gott längst durch den Re­gis­seur er­setzt wor­den ist, und der Blick gen Him­mel als me­ta­phy­si­scher Be­zugs­punkt zur Sta­bi­li­sie­rung des Rechts­staats« wird. Die Gleich­be­rech­ti­gung der Frau wür­de das in­sti­tu­tio­nel­le Pro­blem der Ka­tho­li­schen Kir­che nicht au­to­ma­tisch lö­sen. Sie wä­re da­mit im­mer noch kei­ne spi­ri­tu­ell er­neu­er­te Kir­che.

Selbst­ver­ständ­lich feh­len auch die sä­ku­la­ren bö­sen Bu­ben der Ge­gen­wart nicht – nein, nicht der Is­la­mis­mus (den sieht sie, so­fern er über­haupt ein­mal be­nannt wird, als Miss­brauch der Re­li­gi­on an). Ge­meint sind Leu­te wir Trump, JD Van­ce oder Pe­ter Thiel, die ih­ren »rechts­au­tori­tä­ren Ka­tho­li­zis­mus« als »po­li­ti­schen Kampf­be­griff« ein­set­zen. Nick Fuen­tes mit sei­nen Spin­ne­rei­en ei­nes ka­tho­li­schen Got­tes­staa­tes wird her­bei­zi­tiert. Wie auch die rus­sisch-or­tho­do­xe Kir­che mit ih­rem Pa­tri­ar­chen Ky­rill, der Pu­tins Groß­macht­phan­ta­sie be­för­dert. So weit, so gut. Das ist längst be­kannt, wird/wurde hin­rei­chend kri­ti­siert und oft ge­nug als Grund für ei­ne Ab­wen­dung von der Kir­che vor­ge­scho­ben. Bos­song hält es nicht ab.

Den­noch, ih­re theo­lo­gi­schen und tran­szen­den­ten Ideen sind er­fri­schen­der. Wie et­wa über das Ge­bet, über das sie schreibt: »Das Ge­bet führt uns weg vom Zweck, durch den wir al­les um uns her­um nur noch ta­xie­ren.« Das Ge­bet öff­ne zum Stau­nen, der »Be­reit­schaft, noch über­rascht zu wer­den.« Als schön­sten Ge­bets­mo­ment macht sie die Mor­gen­däm­me­rung aus und auch das er­in­nert an Ber­na­nos, wenn dort ei­ne Fi­gur eu­pho­ri­siert schwärmt: »Wer nie in der Mor­gen­däm­me­rung ei­ne Stra­ße ge­sehn hat, da­hin­ei­lend zwi­schen zwei Rei­hen von Bäu­men, ganz frisch und ganz le­ben­dig, der weiß nicht, was Hoff­nung ist.«

Ne­ben dem Ver­lust des tran­szen­den­ten Glau­bens er­kennt sie ei­nen »sä­ku­la­ren Glau­bens­ver­lust«, ein »Burn­out« der Ge­sell­schaft. Bos­song hat ih­ren Halt ge­fun­den, ver­gleicht ih­re Pas­si­on Li­te­ra­tur mit dem Glau­ben: »In der Li­te­ra­tur be­tre­te ich et­was Tie­fe­res als den All­tag, und doch kann ich Li­te­ra­tur nicht als ei­nen letz­ten Grund, als ei­nen um­fas­sen­den Sinn ver­ste­hen. Sinn, das meint, zum Grund kom­men, das meint auch, nicht zu­grun­de ge­hen. Li­te­ra­tur hat et­was da­von, aber sie ist es nicht.« Und dann: »Sinn ist so et­was wie un­ser gei­sti­ges Wur­zel­werk. Fehlt es, kann sich we­der Hoff­nung gut hal­ten noch Zu­ver­sicht wach­sen, am En­de ver­lie­ren so­gar wir selbst un­se­re Ver­an­ke­rung und Stand­fe­stig­keit.«

Das klingt sanft. Bis­wei­len ge­rät die Au­torin al­ler­dings ins Schlin­gern. Na­tür­lich ver­ur­teilt sie Bot­schaf­ten, die das Heil des Men­schen im Jen­seits se­hen. Wie auch das Ge­gen­teil – die Dies­seits­be­zo­gen­heit, die sich in die­ser Welt im­mer stär­ker durch­zu­set­zen scheint. In­ter­es­sant auch ih­re Er­wäh­nun­gen von Ca­mus, der ei­gent­lich eher ein Skep­ti­ker ge­gen­über Jen­seits­ver­hei­ßun­gen gilt. Ein­mal liest sie Papst Fran­zis­kus: »Wir al­le, for­dert Fran­zis­kus uns auf, sol­len die Le­gi­ti­mi­tät der Ge­setz­ge­bung im Lich­te der Men­schen­wür­de und den da­mit ein­her­ge­hen­den Grund­rech­ten be­trach­ten und nicht um­ge­kehrt die Men­schen­wür­de und die Grund­rech­te je nach­dem be­mes­sen, wie die Ge­setz­ge­bung meint, sie ver­tei­len zu kön­nen.« Bos­song sym­pa­thi­siert zwei­fel­los mit be­frei­ungs­theo­lo­gi­schen Über­le­gun­gen. Aber, um Fran­zis­kus’ Auf­for­de­rung her­an­zu­zie­hen: Wer hat die De­fi­ni­ti­ons­macht von Men­schen­wür­de in ei­ner mul­ti­po­la­ren und mul­ti­eth­ni­schen Welt, in der uni­ver­sa­li­sti­sche Wer­te un­ter­schied­lich aus­ge­legt wer­den?

Stark sind Bos­songs Aus­le­gun­gen und Bil­der bei­spiels­wei­se in lit­ur­gi­schen Din­gen. Da wer­den ein biss­chen nass­forsch die im­mer noch dem Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zil ab­leh­nend ge­gen­über­ste­hen­den christ­li­chen »Re­ak­tio­nä­re« als »mit dem Rücken zur Welt« be­schrie­ben und dies auch be­grün­det. Oder sie in­ter­pre­tiert mit dem bi­bli­schen Buch Ko­he­let »Ge­rech­tig­keit, die uns über­dau­ert«. Bos­songs Sinn­su­che jen­seits pla­ka­ti­ver Lö­sungs­ver­spre­chen und Zweck­bin­dun­gen, ih­re re­li­gi­ons­phi­lo­so­phisch er­le­se­nen, für sie gül­ti­gen Er­kennt­nis­se, die in die­sen Au­gen­blicken ein Glau­bens­be­kennt­nis los­ge­löst von al­len ra­tio­na­len, hi­sto­ri­schen und po­li­ti­schen Er­wä­gun­gen sind, ma­chen die­ses Buch so be­le­bend.

Da ist ei­ne Fas­zi­na­ti­on, wenn sie von der Kraft der Bot­schaft mit ei­gent­lich »ab­stru­sen Aus­sa­gen über ih­ren ge­kreu­zig­ten Leh­rer« spricht, auf die ei­ne »splee­ni­ge jü­di­sche Split­ter­grup­pe« be­harr­te und seit Jahr­tau­sen­den Men­schen jen­seits al­ler Ver­fol­gung Hoff­nung gab. »Zu­ver­sicht und Hof­fen. Rea­li­täts­sinn und Wi­der­stän­dig­keit.« Das sind We­sens­ker­ne des Chri­sten­tums. Und dann spricht sie vom »Schon und Noch-nicht«: »Im Chri­sten­tum for­mu­liert sich die­ses Pa­ra­dox im Glau­ben an das an­ge­bro­che­ne Reich Got­tes.«

No­ra Bos­song hat ein flam­men­des Plä­doy­er für ei­ne Tran­szen­denz oh­ne rei­ne Jen­seits­hoff­nung ver­fasst. Ob ihr Buch den got­tes­fern ge­wor­de­nen Abt O’­Mal­ley über­zeugt hät­te? Viel­leicht nicht. Aber er hät­te wo­mög­lich er­kannt, dass Bos­song den Glau­ben wagt, oh­ne den Zwei­fel aus­zu­schlie­ßen, und in ihm ei­ne Hoff­nung fin­det, die sich nicht auf das Jen­seits ver­trö­sten lässt. Das macht ihr Buch le­sens­wert – auch oder ge­ra­de für den skep­ti­schen Agno­sti­ker.

Bri­an Moo­res Ro­man ist bei Dio­ge­nes un­ter dem Ti­tel Ka­tho­li­ken als E‑Book be­stell­bar. Die to­te Ge­mein­de des gro­ßen Ge­or­ges Ber­na­nos (1888–1948) gibt es nur an­ti­qua­risch, zu­meist in der Über­set­zung von Eck­art Pe­te­rich.

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