Cle­mens J. Setz: Die Stun­de zwi­schen Frau und Gi­tar­re

Clemens J. Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Cle­mens J. Setz: Die Stun­de zwi­schen Frau und Gi­tar­re

Zu­nächst war der in den 1970er Jah­ren auf­kom­men­de Be­griff der »Neu­en In­ner­lich­keit« für die da­mals neu ent­ste­hen­de deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur gar nicht als Schimpf­wort ge­dacht. Aus­ge­drückt wer­den soll­te da­mit die Ab­gren­zung von ei­ner po­li­tisch mo­ti­vier­ten und mo­ra­li­sie­ren­den Li­te­ra­tur, die ins­be­son­de­re in den 1960er Jah­ren do­mi­nier­te. So wur­den die er­sten Tex­te, die das Sub­jekt mit ih­ren per­sön­li­chen, exi­sten­ti­el­len De­for­ma­tio­nen in das Zen­trum rück­ten, zu­nächst vor­sich­tig be­grüßt. Aber es dau­er­te nicht lan­ge, bis das Ru­brum »In­ner­lich­keit« pe­jo­ra­tiv ver­wen­det wur­de: Eit­le Selbst­be­spie­ge­lung, See­len­strip­tease, un­po­li­tisch, re­stau­ra­tiv – oder knapp for­mu­liert: lang­wei­lig und nar­ziss­tisch. Da­bei ist es ei­gent­lich bis heu­te ge­blie­ben. Im­mer noch gilt In­ner­lich­keits­pro­sa als ver­däch­tig, wenn sie fast oh­ne Plot da­her­kommt oder sich nicht not­dürf­tig min­de­stens als Ent­wick­lungs­ro­man tarnt. Merkwürdiger­weise kei­ne Pro­ble­me gibt es mit den In­ner­lich­kei­ten der Haupt­fi­gu­ren im Kri­mi­nal­gen­re, wie bei­spiels­wei­se in den in­zwi­schen längst als Li­te­ra­tur ka­no­ni­sier­ten Kri­mi­nal­ro­ma­nen des kürz­lich ver­stor­be­nen Hen­ning Man­kell. Die Le­bens­pro­ble­me sei­ner Haupt­fi­gur Wal­lan­der wer­den gleich­ran­gig mit dem zu lö­sen­den Kri­mi­nal­fall be­han­delt. Da­bei kä­me nie­mand auf die Idee, Man­kells Wal­lan­der-Ro­ma­ne als In­ner­lich­keits­pro­sa zu ver­or­ten. Tat­säch­lich gel­ten sie als »au­then­tisch« und da­mit wird ei­ner der ak­tu­el­len Feuilleton­götzen ge­hul­digt: Li­te­ra­tur hat sich ei­nem Rea­lis­mus zu ver­pflich­ten. Nur das Fan­ta­sy-Gen­re und li­te­ra­ri­sche Dys­to­pi­en sind von die­sem Ge­setz be­freit (was de­ren Er­schei­nungs­men­ge er­klärt).

Der me­dia­le Er­folg von Cle­mens J. Setz’ »Die Stun­de zwi­schen Frau und Gi­tar­re« liegt wo­mög­lich dar­in, dass er ei­ne In­ner­lich­keits­pro­sa an­bie­tet, die im Tem­po und Zeit­geist der Ge­gen­wart da­her­kommt und zu­sätz­lich noch ei­ne Sus­pen­se-Hand­lung ein­ge­baut hat. Die Haupt­fi­gur ist die 21jährige Psych­ia­trie-Be­treue­rin Na­ta­lie Rein­eg­ger. Er­zählt wer­den (bis auf die we­ni­gen Sei­ten Epi­log, der zwei Jah­re spä­ter spielt) sie­ben oder acht Mo­na­te im Le­ben die­ser jun­gen Frau, die in ei­ner psych­ia­tri­schen An­stalt (Eu­phe­mis­mus: »Be­treu­tes Woh­nen«) ei­ne neue Stel­le be­ginnt. Das Set­ting kommt da­her wie ein Kam­mer­spiel; vier Be­treue­rin­nen, ein, zwei »Zi­vil­die­ner«, ei­ne Hand­voll Be­woh­ner.

Die »Neu­lin­gin«

So wie der »Neu­lin­gin« wer­den auch dem Le­ser zu­nächst die zu be­treu­en­den Per­so­nen vor­ge­stellt. Setz un­ter­mi­niert da­bei lust­voll das of­fi­zi­el­le kor­rek­te Be­rufs­sprech. Zu­nächst wird der zu be­fol­gen­de Im­pe­ra­tiv ge­zeigt, wenn zum Bei­spiel das Wort »Stal­ker« aus­gie­big dis­ku­tiert und zu Gun­sten von »CAD« (was wohl »com­pul­si­ve af­fec­tive dis­cor­der« be­deu­ten soll; so ge­nau wis­sen die Be­treue­rin­nen das aber auch nicht mehr; Setz ver­ball­hornt hier Fach­ter­mi­ni) als un­er­wünscht aus­ge­son­dert wird. Die Be­woh­ner nennt man ord­nungs­ge­mäß »Kli­en­ten« (nicht Pa­ti­en­ten oder In­sas­sen). Mit ei­nem (nicht exi­stie­ren­den) Adam­ski-Schre­ber-Grad wer­den dann Quan­ti­fi­zie­run­gen des Wahn­sinns vor­ge­nom­men. Erst spä­ter, als Na­ta­lie im Kreis der Be­treue­rin­nen so­zu­sa­gen aufge­nommen wur­de, ge­nießt sie dann den sich im Lau­fe der Be­spre­chun­gen ein­stel­len­den »raue[n] Ton«, der sich un­ter an­de­rem dar­in zeigt, dass mun­ter über »To­des­ar­ten schwerst­be­hin­der­ter Kin­der« ge­frot­zelt wird. Na­ta­lie be­merkt früh, wel­che Wich­tig­keit die (in­for­mel­len) »Ar­ran­ge­ments« des Heims mit An­ge­hö­ri­gen und Be­su­chern ha­ben. Sie wird »Be­zugs­be­treue­rin« von Mi­ke, ei­nem Mann, der durch ei­nen Ver­kehrs­un­fall un­rett­bar gei­stig be­hin­dert ist. Und sie muss sich um Alex­an­der Dorm küm­mern.

Dorm ist An­fang 30 und sitzt im Roll­stuhl. Suk­zes­si­ve wird Na­ta­lie (und da­mit der Le­ser) in sei­ne Ge­schich­te ein­ge­führt. Dorm rich­tet sich je­de Wo­che mit be­son­de­rer Akri­bie für sei­nen Be­su­cher, Dr. Chri­sto­pher Hollberg, her. Dorm hat­te vor ei­ni­gen Jah­ren Hollberg mas­siv (auch se­xu­ell) ge­stalkt (das wah­re Aus­maß wird erst im Lau­fe des Bu­ches sicht­bar). Gleich­zei­tig schmäh­te und ver­un­glimpf­te Dorm Hollbergs Frau, die dar­auf­hin Sui­zid be­ging. Hollberg be­sucht nun den jäh­zor­ni­gen, frau­en­has­sen­den Dorm min­de­stens ein­mal wö­chent­lich. Dorm ver­fällt Hollberg voll­kom­men. Die ober­fläch­lich kum­pel­haf­ten, häu­fig pla­to­nisch-dia­bo­li­schen Dia­lo­ge, die hier ent­ste­hen, il­lu­strie­ren ein nur müh­sam un­ter­drück­tes Span­nungs­feld von Macht und Ver­ach­tung zwi­schen den bei­den. So be­merkt Na­ta­lie früh, wie Hollberg Dorm am Nacken packt und ihn bei Ge­le­gen­heit rhe­to­risch de­mü­tigt. Na­ta­lie, die die bei­den auf ih­ren klei­nen Spa­zier­gän­gen be­glei­tet, ge­rät da­bei im­mer mehr in den Sog die­ses selt­sa­men Ver­hält­nis­ses. Sie muss nicht nur Dorms At­tacken er­tra­gen, was sie je­doch mit gro­ßer Pro­fes­sio­na­li­tät er­le­digt (auch was sie sich da­bei denkt, er­fährt der Le­ser). Auch Hollberg be­ginnt sie ir­gend­wann zu be­lä­sti­gen, wo­bei Fas­zi­na­ti­on wie Ab­sto­ßung beid­sei­tig ist.

Na­ta­lies Kol­le­gin­nen sind eben­falls bis­wei­len selt­sam, zei­gen Schrul­len (»Die Phy­si­ker« las­sen grü­ßen). Ei­ne ritzt sich; ei­ne an­de­re scheint in Na­ta­lie ver­liebt zu sein. Astrid, die Che­fin, er­zählt Na­ta­lie vom letz­ten Atem­zug ei­nes Ster­ben­den, den sie frü­her manch­mal in sich auf­ge­nom­men und aus der Luft ab­ge­schöpft hat­te. Und Astrid scheint Hollberg zu ver­eh­ren, über­nimmt sei­ne ab­sur­de Er­zäh­lung von sei­ner hei­li­gen Wun­de.

Die Dorm-Hollberg-Ge­schich­te ist nur ein Teil des Bu­ches. Die mo­der­ne Innerlichkeits­prosa, die Setz mit Na­ta­lie kon­sti­tu­iert, ge­währt dem Le­ser um­fas­sen­de Ein­blicke in den Wahr­neh­mungs­ap­pa­rat der Prot­ago­ni­stin, den man ober­fläch­lich (und ein biss­chen ver­nied­li­chend) als syn­äs­the­tisch be­zeich­nen könn­te. Wör­ter ha­ben Far­ben und neh­men Ge­gen­stands­form an, al­les ge­schieht si­mul­tan und wird auch so auf­ge­nom­men. Kau­sa­li­tät wird dort, wo es mög­lich ist, zweit­ran­gig (was ihr ge­le­gent­lich Pro­ble­me an ih­rer Ar­beits­stel­le schafft). Na­ta­lie hat­te epi­lep­ti­sche An­fäl­le als Kind (der letz­te »Grand-Mal-An­fall« war 11 Jah­re her). Seit die­ser Zeit greift sie im­mer wenn ein »au­ri­ger«, »vor­ge­wit­ter­li­cher Zu­stand ih­rer Ner­ven« droht zur Dämp­fung ih­rer Stim­mungs- und Sin­nes­ge­wit­ter wie selbst­ver­ständ­lich zu Be­ru­hi­gungs­mit­teln. Xa­nor schon als Ju­gend­li­che im Zahn­putz­be­cher, jetzt Lexo­ta­nil oder Sird­alud 4mg bzw. 8 mg (ver­häng­nis­voll die Wir­kun­gen in Ver­bin­dung mit Al­ko­hol).

Na­ta­lie glaubt, je nach La­ge ei­nen gu­ten En­gel oder ei­ne wei­ße Maus auf ih­rer Schul­ter sit­zen zu ha­ben. Sie er­laubt sich »klei­ne Ver­gnü­gun­gen« auf der Stra­ße wie et­wa »Paa­re tei­len« (Hand in Hand ge­hen­de Paa­re mit ge­wollt un­ge­schick­ter Kör­per­spra­che da­zu brin­gen, dass sie links und rechts an ei­nem vor­bei­ge­hen), »Ver­fol­gen«, in dem man Leu­te syn­chron zu ih­ren Schrit­ten folgt (und die Zeit stoppt, bis sie sich um­se­hen) oder »An­be­tung« (sich ei­nem frem­den Men­schen ehr­fürch­tig nä­hern). Ih­re Stim­mun­gen schwan­ken zwi­schen un­bän­di­ger Le­bens­freu­de, hy­po­chon­dri­schen An­fäl­len und ve­ri­ta­blem Selbst­hass (dann be­zeich­net sie sich als »dum­mes« oder »nutz­lo­ses Vieh«). Letz­te­rem geht fast im­mer ein dro­hen­der (aber nicht ein­tre­ten­der) Kon­troll­ver­lust vor­aus.

Streu­nen, Chats und Knei­pe

Zu Be­ginn des Ro­mans – es ist Früh­som­mer – wird der Le­ser zum Zeu­gen von Na­ta­lies »Streu­nen«. Im Ge­gen­satz zu Je­lin­eks Kla­vier­spie­le­rin Eri­ka Ko­hout, die schüch­tern und heim­lich ein sper­ma­be­netz­tes Ta­schen­tuch auf­klaub­te, wird Na­ta­lie ak­tiv, in dem sie Män­ner auf der Stra­ße oral be­frie­digt. Wenn sie das Eja­ku­lat nicht schluckt, dann sam­melt sie es im Kon­dom, das sie sorg­sam ver­schließt und zu Hau­se wie klei­ne Bo­jen in der Ba­de­wan­ne schwim­men lässt, be­vor sie es trinkt. Wie es zu die­ser »Ekel-Zärt­lich­keit« auf­grund ei­nes Er­leb­nis­ses in der Pu­ber­tät kam, er­fährt man recht bald.

Nicht nur wäh­rend des Streu­nens durch die dunk­len Gas­sen von Graz, die­ser an­son­sten »dumme[n], mittelgrosse[n] Zwi­schen­ding­stadt«, kommt ihr ei­ne Fä­hig­keit, die im Lau­fe des Ro­mans ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len wird, zu Gu­te: Sie kann so­ge­nann­te »karles­ke« Sät­ze bil­den (be­nannt nach ih­rem Bru­der Karl, der in Dä­ne­mark lebt). Dies sind Sät­ze und For­mu­lie­run­gen, die »am rich­ti­gen Schräub­chen« dre­hen, Kon­flikt­si­tua­tio­nen je nach La­ge for­cie­ren oder ent­schär­fen kön­nen, so dass sie, Na­ta­lie, am En­de als rhe­to­ri­sche Sie­ge­rin üb­rig bleibt. Trai­niert wird dies vor al­lem mit Mar­kus, ih­rem Ex-Freund in so­ge­nann­ten non-se­qui­tur-Chats (»non­seq«). Man kann Men­schen mit dem rich­ti­gen Satz um­brin­gen«, so heißt es ein­mal. Aber man kann auch Men­schen mit ei­ner Fül­le fal­scher Sät­ze zur Ver­zweif­lung brin­gen (so ge­le­gent­lich das Los des Le­sers).

Das wei­te­re so­zia­le Le­ben Na­ta­lies spielt sich im »Sou­ter­rain« ab, ei­ner »openSource«-Kneipe (die zu Zei­ten der »Neu­en In­ner­lich­keit« wo­mög­lich »al­ter­na­tiv« ge­nannt wor­den wä­re). Hier be­geg­net sie Ma­rio, ei­nem schüch­ter­nen Jun­gen, in den sie sich so­fort ver­liebt, der aber fast im­mer ih­re An­nä­he­rungs­ver­su­che ab­blockt. Na­ta­lies Zu­nei­gung ge­gen­über Ma­rio drückt sich in kind­lich-pu­ber­tä­rem Ha­bi­tus aus, der nicht zu ihr zu pas­sen scheint. Den­je­ni­gen, der sie an­him­melt, Frank, der Be­sit­zer oder Haus­mei­ster die­ser Knei­pe, hält sie sel­ber auf Di­stanz. Es ent­ste­hen hier schrä­ge Sze­nen von ge­woll­tem wie ge­spiel­tem Nicht­ver­ste­hen, von der Kon­fron­ta­ti­on mit den Knei­pen­gä­sten mit ei­ner Na­ta­lie, die mit sper­mage­trock­ne­ter Klei­dung die Wir­kung ih­rer Ta­blet­ten ab­war­tet.

»Nie­mand war­te­te« auf Na­ta­lie zu Hau­se. Au­ßer ab und zu ein Ka­ter, den sie Chat nennt (ein ge­lun­ge­nes Wort­spiel) und um des­sen Zu­nei­gung sie zu­wei­len kämp­fen muss, denn Chat hat meh­re­re Do­mi­zi­le. An­son­sten schaut Na­ta­lie mit Be­gei­ste­rung fern, wo­bei es un­be­dingt Live-Sen­dun­gen sein müs­sen. Ob »Wet­ten, dass…?«, ei­nen Live-Stream zu ei­nem ge­ra­de be­en­de­ten Amok­lauf oder ei­ne Sport­über­tra­gung – mit Live­sen­dun­gen fühlt sich Na­ta­lie in der Welt auf­ge­ho­ben; ein Teil des Uni­ver­sums. Wenn sie liest (was eher sel­ten ge­schieht) dann Ste­phen King. Mit John Up­di­ke, der Schrift­stel­l­er­held ih­res Ex-Freunds Mar­kus, kann sie nichts an­fan­gen. Sa­lingers »Fän­ger im Rog­gen« war ihr »zu laut«.

Der In­ner­lich­keits­ver­stär­ker

Na­ta­lies wich­tig­ster Ge­gen­stand ist das iPho­ne. Es dient ihr nicht nur als Fo­to­al­bum, Ton­band­ge­rät (sie nimmt da­mit un­ter an­de­rem Ge­sprä­che und Ge­räu­sche vom Streu­nen auf, die sie auf ih­rem Rech­ner spä­ter kom­pi­liert), Fern­se­her (CNN-Live­stream), Per­so­nen­spei­cher, Spiel­ge­rät (Com­pu­ter­spie­le und auch »Un­an­ge­neh­mes Ge­spräch« – ei­nes ih­rer »Ver­gnü­gun­gen« – ein für den Zu­hö­rer pein­li­ches, fik­ti­ves Ge­spräch füh­ren), Stopp­uhr (»Ver­fol­gen«) und Mu­sik­box (Un­der­world mit »Bird 1«, Pick a Bale of Cotton"> und auch über­ra­schend un­spek­ta­ku­lär wie »In­ner Ci­ty Blues«, »Peop­le Have The Power« und vor al­lem »You Are The Wind Be­ne­ath My Wings«). Es ist ihr In­ner­lich­keits­ver­stär­ker, ein un­ver­zicht­ba­res Le­bens-Mit­tel. Ein­mal leckt sie es so­gar ab. Nicht aus­zu­den­ken, wie die In­ner­lich­keits­pro­sa der 1970er/1980er Jah­re mit iPho­ne aus­ge­se­hen hät­te. Es gibt kaum ei­ne Hand­lung Na­ta­lies, in der nicht das iPho­ne ei­ne Rol­le spielt. (In­ter­es­sant, dass ein äqui­va­len­tes Smart­pho­ne für sie un­brauch­ba­re Er­geb­nis­se lie­fert, wie in ei­ner Sze­ne mit ei­nem Zi­vil­die­ner sicht­bar wird.)

Sie nimmt mit dem iPho­ne auch ih­re ei­ge­nen Ess­ge­räu­sche auf, als »All­rad­an­trieb« und, in­ter­es­sant, »Ohr­wurm-Clea­ner« und hört sie un­ter an­de­rem beim Jog­gen und Ein­kau­fen. Setz in­sze­niert ge­ra­de­zu Na­ta­lies Pa­ra­do­xi­en der Wahr­neh­mung, was beim Le­ser zu­nächst ei­ne Mi­schung aus Neu­gier und Er­stau­nen her­vor­ruft. Von Fer­ne fällt ei­nem Ar­no Schmidts Dik­tum vom »po­rö­sem Er­zäh­len« ein: »Die Er­eig­nis­se un­se­res Le­bens sprin­gen viel­mehr. Auf dem Bind­fa­den der Be­deu­tungs­lo­sig­keit, der all­ge­gen­wär­ti­gen lan­gen Wei­le, ist die Per­len­ket­te klei­ner Er­leb­nis­ein­hei­ten, in­ne­rer und äu­ße­rer, auf­ge­reiht.«

Setz be­ruft sich al­ler­dings mit sei­nen »lu­min­ous de­tails« (leuch­ten­de Ein­zel­hei­ten) ex­pli­zit auf Ez­ra Po­und. Und so ent­wickeln die schein­bar un­zu­sam­men­hän­gen­den Kon­tra­ste der Wahr­neh­mun­gen Na­ta­lies ein Ziel, ein Pro­gramm. Es gibt Tö­tungs- und Quälp­han­ta­si­en an der Su­per­markt­kas­se oder im Wohn­heim, der Wunsch ei­nem En­gel die Au­gen­li­der ab­zu­rei­ßen, das Fas­zi­no­sum von Or­ten mit Ob­dach­lo­sen­urin-Ge­stank oder Na­ta­lies Mo­ment-Be­dürf­nis an ei­nen Hun­de­kot­hau­fen zu lecken. »Se­kun­den­lan­ge Halb­zwang­vor­stel­lun­gen« und »Ping­pong von Bil­dern im luft­lee­ren Raum«. Eben noch (schein­bar) »nor­mal«, zeigt sich in Na­ta­lie plötz­lich das Ab­sur­de, das Ko­mi­sche. Bei­spiels­wei­se ein Traum, dass ein Tisch­tuch kein Tisch­tuch son­dern ein Diens­tag ist. Bau­ar­bei­ter mit ih­ren Hel­men wer­den zu »Raum­schiff­be­sat­zun­gen«. Ein­mal das Emp­fin­den ei­ner »welt­all­hal­ti­gen Zeit­lu­pe«. In ei­nem Trep­pen­haus riecht nach Rei­ni­gungs­mit­teln »statt nach Zins­er­trag«. Blei­stif­te wer­den nicht nach Grö­sse son­dern Ge­ruch sor­tiert. Der Hu­sten von Na­ta­lies Va­ter »kam über ihn wie ei­ne Land­schaft«. Ei­ne Frau riecht »schieß­pul­ve­rig« und »stra­ßen­ran­dig«. Schnecken sind »lang­sam wie Ko­me­ten«. Wör­ter sind »ir­gend­wie ge­wellt und lockig«.

Im be­sten Fall strah­len die­se Wahr­neh­mun­gen in ei­nem »selt­sa­mem Licht« (auch dies ein Zi­tat), ir­ri­tie­ren den Le­ser nach­hal­tig und frucht­bar. Et­wa wenn in ei­ner kur­zen Epi­so­de über den ver­meint­li­chen Krebs von Na­ta­lies Mut­ter er­zählt wird. Sie schien von der Er­war­tung des na­hen­den To­des selt­sam be­ru­higt, emp­fand ei­ne Art Er­lö­sungs­stim­mung und als schließ­lich die ne­ga­ti­ven Test­ergeb­nis­se vor­la­gen, ging das »Ban­gen« (das Le­ben) dann wie­der wei­ter. Gran­di­os die­ses Bild als ein Kli­ent mit ei­nem Zi­vi ei­ne Art Schach­spiel auf ei­ner de­fek­ten Dart­schei­be spielt: »Die bei­den Män­ner blick­ten kon­zen­triert auf die Schei­be und steck­ten, im Takt un­durch­sich­ti­ger Spiel­re­geln, ab­wech­selnd Pfei­le in die win­zi­gen Lö­cher der Schei­be«, »je­der in sei­ner ei­ge­nen Bla­se«. Sehr hübsch, wenn über die Be­son­der­hei­ten von Ok­to­pussen be­rich­tet wird und dann et­li­che Sei­ten spä­ter je­mand ver­sucht ei­ne Ba­na­nen­scha­le in der Toi­let­te ab­zu­spü­len, was je­doch nicht ge­ling und die­se nun wie ein Ok­to­pus aus­sieht.

Wie ei­ne Rum­mel­platz­fi­gur

Aber lei­der wirkt es doch in der Fül­le zu­wei­len arg be­müht, bei­läu­fig hin­ge­wor­fen, wie gut ge­öl­te Poin­ten, die eher schon wie­der In­ter­pre­ta­tio­nen sind, was die Lek­tü­re so sehr er­leich­tert, denn ir­gend­wann ist es ei­gent­lich egal, was Na­ta­lie ge­ra­de ge­se­hen oder ge­dacht hat, weil es nichts zum Ro­man bei­trägt, sie nur im­mer wie­der auf Neue aus­stellt wie ei­ne Rum­mel­platz­fi­gur im Ku­rio­si­tä­ten­ka­bi­nett. Die »Wit­zel­sucht«, sie Na­ta­lie bei Hollberg ein­mal ma­ni­fest macht, be­fällt den Au­tor Setz in Be­zug auf Na­ta­lie lei­der zu oft.

Da na­he­zu aus­schließ­lich per­so­nal aus Na­ta­lies Sicht er­zählt wird, ver­fällt auch der Le­ser zu­wei­len Fehl­kal­ku­la­tio­nen und Miss­in­ter­pre­ta­tio­nen der Prot­ago­ni­stin. Da­bei bleibt er al­ler­dings ein­mal vom Er­kennt­nis­pro­zess Na­ta­lies aus­ge­klam­mert: Als es um die vo­lu­mi­nö­sen Zeich­nun­gen Mi­kes geht, die er mit Ka­jal­stif­ten oder ähn­li­chen Mal­un­ten­si­li­en in den Wohn­ein­hei­ten des Hei­mes an den Wän­den fast über­fall­ar­tig ent­ste­hen lässt. Ih­re (se­xu­el­le) Mon­stro­si­tät wird de­zent an­ge­deu­tet, aber was zu se­hen ist, bleibt of­fen. An­de­re Ge­heim­nis­se blei­ben auch Na­ta­lie ver­bor­gen. So er­fährt sie nie­mals, wem das ge­fun­de­ne iPho­ne ge­hört, auf dem ihr Bild als Bild­schirm­scho­ner ge­spei­chert ist.

Voll­kom­men ge­heim­nis­los bleibt hin­ge­gen Na­ta­lie, was sich im Ro­man dar­an zeigt, dass von den ih­ren Wahr­neh­mungs­bil­dern sanft aber ste­tig im­mer mehr auf die Ge­schich­te um Dorm und Hollberg ge­zoomt wird. Hier über­treibt es Setz, et­wa wenn er die Über­griffigkeit Hollbergs ge­gen­über Na­ta­lie mit de­ren Fas­zi­na­ti­on der Ge­schich­te ge­gen­über ent­schul­digt. Oder wenn Na­ta­lie schließ­lich in Hollbergs Haus ein­bricht. Gänz­lich miss­lun­gen ist der fast kla­mauk­haf­te Schluss (der nicht ver­ra­ten wird).

Der Ti­tel des Bu­ches ist dop­pel­deu­tig. Zum ei­nen spielt er auf Dorms Mi­so­gy­nie an, die durch Na­ta­lies an­dro­gy­ne Fi­gur noch ver­stärkt wird. Dorm ver­glich Frau­en mit Gi­tar­ren. Zum an­de­ren gibt es die schön­ste Stel­le im Buch als Na­ta­lie in ei­ner Win­ter­nacht durch die aus­ge­stor­be­ne Stra­ße geht und zum er­sten Mal fast zur Ru­he zu kom­men und mit der Welt im Ein­klang zu sein scheint: »Es war die­se men­sch­ent­wöhn­te Stun­de der Nacht, wo man auf der Stra­ße ste­hen blei­ben und an ei­ner Häu­ser­fas­sa­de hin­auf­blicken konn­te, oh­ne et­was zu be­grei­fen. Als hät­te man als ein­zi­ger Mensch Weih­nach­ten und die Mond­lan­dung ver­passt. Lich­ter, Ja­lou­si­en, Fen­ster­kreu­ze. Die Stun­de zwi­schen Frau und Gi­tar­re«.

Die 1019 Sei­ten le­sen sich leicht, fast un­ter­halt­sam. Na­tur­ge­mäß ent­hält das Buch ei­ne Fül­le von ge­wollt oder un­ge­woll­ten An­spie­lun­gen und (li­te­ra­ri­schen) Ve­xier­spie­len. Ein hüb­sches Spiel­feld für So­ci­al-Rea­ding-Mit­ma­cher, aber am En­de wohl eher für Le­ser und spä­ter dann Ger­ma­ni­sten. Ein biss­chen Ex­zen­trik der Haupt­fi­gur hier, ein biss­chen Splat­ter und Sus­pen­se dort und dann doch der »Ve­schro­ben­heits­fak­tor« (faz.net-»Quartett«) – ins­ge­samt hat man das Ge­fühl, dass der Au­tor mit die­sem Ro­man hin­ter sei­nen Mög­lich­kei­ten zu­rück­bleibt. Im­mer­hin gibt es Pas­sa­gen, die dem bra­ven Rea­lis­mus der heu­ti­gen Schreib­schul­au­toren wohl­tu­end dia­me­tral ent­ge­gen­ste­hen. Und es ist voll­kom­men un­po­li­tisch (üb­ri­gens ein Kenn­zei­chen von In­ner­lich­keits­pro­sa). Bei­des ist sehr an­ge­nehm.

(PS: Ich weiss. dass es »Setzs« statt »Setz’ « hei­ssen müss­te.)

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  1. Ich hab den Du­den jetzt nicht ex­tra be­müht, viel­leicht sind mir da ei­ni­ge neue Re­geln ent­gan­gen, aber mei­nes Er­ach­tens ist »Setz’ « tat­säch­lich der kor­rek­te Ge­ni­tiv, »Setzs« hin­ge­gen wä­re ge­nau falsch. Al­ter­na­tiv gin­ge höch­stens noch »Set­zens«, was aber auch be­scheu­ert klingt.

  2. Zwei Quel­len hat­ten mir mit dem Brust­ton der Über­zeu­gung ver­si­chert, dass »Setz’ « falsch sei. Jetzt hab’ ich mal nach­ge­schla­gen, und es scheint tat­säch­lich rich­tig zu sein: Re­gel 16. (Der sel­te­ne Fall, wenn Sprach­ge­fühl und Re­gel über­ein­stim­men.)

  3. Mich hat von der er­sten Sei­te an ei­ni­ges an dem Ro­man ge­stört. Ein­mal die­se gan­zen Sus­pen­se-Mo­men­te auf dem Ni­veau ei­nes Jer­ry-Cot­ton-Heft­chens, dann die Su­per­la­ti­ve, aber nicht die bern­hard­schen, lie­bens­wer­ten, son­dern die ef­fekt­ha­schen­den, die sin­gu­lä­ren Idio­syn­kra­si­en. Und trotz­dem hat mich das Buch so­fort in ei­nen Sog ge­zo­gen, leb­te prak­tisch für ei­ni­ge Ta­ge in Na­ta­lies Welt. Sagt mir das jetzt, dass Setz ein gu­ter Au­tor ist, der sei­ne Mit­tel (noch) nicht mass­hal­tig ein­set­zen kann? So er­schien es mir auf je­den Fall. Beim Epi­log sind ihm dann völ­lig die Pfer­de durch­ge­gan­gen. Trotz­dem ist das Buch auf­grund sei­ner vie­len klei­nen Mi­nia­tu­ren un­be­dingt le­sens­wert. Von dem et­was ge­reif­ten Au­tor könn­te man noch Gro­ßes er­war­ten.

    Tat­säch­lich ist der Mit­tel­punkt Na­ta­lies Welt das iPho­ne. Aber trotz der all­ge­gen­wär­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zen­tra­le er­scheint Na­ta­lie un­end­lich ein­sam, nur durch ih­re Über­dre­hun­gen ka­schiert. Ihr ge­lieb­ter Bru­der in Dä­ne­mark hat ge­ra­de ein paar Mi­nu­ten beim Zahn­arzt für sie (Telefon-)Zeit, Va­ter und Mut­ter sind mit sich selbst be­schäf­tigt. Die Nach­barn tau­chen bis auf ei­nen kur­zen Gruß im Trep­pen­haus nicht auf, ma­chen beim Schel­len nicht auf. Nur das (sich stän­dig än­dern­de) Spiel­zeug der Kin­der vor der Tür zeugt von ih­nen. Sie trennt Paa­re auf der Stra­ße, fin­det selbst nur beim »Streu­nen« kom­mu­ni­ka­ti­ons­lo­se Kon­tak­te. Sie ver­mu­tet fälsch­li­cher­wei­se, dass B sie liebt, Astrid gibt sich ver­stän­dig, will sich aber, als es ernst wird, so­fort von ihr tren­nen. Da­von aus­ge­nom­men sind die Fi­gu­ren Mar­kus, Ma­rio und Frank. Der den sie möch­te, hält sie auf Di­stanz, der der sie möch­te hält sie auf Di­stanz (Deutsch als Fremd­spra­che) und nur der schluffi­ge Mar­kus hat noch ei­ne lo­se Be­zie­hung zu ihr. Selbst um die Zu­nei­gung der Kat­ze muss sie buh­len. Und so ist sie stän­dig mit sich be­schäf­tigt, wer nicht schnell ge­nug re­agiert, ist lang­wei­lig. Kom­mu­ni­ka­ti­on als Zweck zur Selbst­ver­ge­wis­se­rung. So soll­te man den Epi­log dann wohl ver­ste­hen.

  4. Ja, sehr gut zu­sam­men­ge­fasst. Die Fra­ge bleibt, ob Setz gleich­zei­tig auch ein Ge­nera­tio­nen- oder so­gar Zeit­geist­por­trait ver­fas­sen woll­te. Dann kä­me es un­ter Um­stän­den auf die letz­te li­te­ra­ri­sche Qua­li­tät nicht an – der Ro­man wä­re so­zu­sa­gen ir­gend­wann zeit­ge­schicht­lich, ex­em­pla­risch re­le­vant.

  5. Gibt es ei­gent­lich so­was wie das deutsch­spra­chi­ge Ge­gen­stück zur Gre­at Ame­ri­can No­vel (Fran­zen, pah!) ? Die Bud­den­brocks ja wohl nicht. Oder viel­leicht hat Setz so­gar, fällt mir ge­ra­de (apro­pos Up­di­ke) erst beim Schrei­ben ein, so­was wie ei­nen Rab­bit-Zy­klus vor? Das wä­re wirk­lich in­ter­es­sant (mit up­di­ke­scher li­te­ra­ri­schen Qua­li­tät).

  6. Schwie­rig zu sa­gen, vor al­lem wenn man an die Ge­gen­wart denkt. Bei der Gre­at Ame­ri­can No­vel fällt mir ja Fran­zen eher als Num­mer drei oder vier ein. Vor­her kom­men Roth, Up­di­ke und vor al­lem Ri­chard Ford, die in ih­ren Zy­klen die je­wei­li­ge Zeit­strö­mung mit ein­flie­ssen lie­ssen. In der deut­schen Gegen­wartsliteratur fällt mir spon­tan nur Mi­cha­el Klee­berg mit sei­nen bei­den »Karlmann«-Romanen ein (»Karl­mann« 2007, »Va­ter­jah­re« 2014). Da ist si­cher­lich noch nicht Schluß (»Va­ter­jah­re« en­de­te im Sep­tem­ber 2001). Wenn man kühn wä­re, könn­te man auch Sven Re­ge­ners Leh­mann-Zy­klus er­wäh­nen.

    »Den« Epo­chen­ro­man in deut­scher Spra­che – das ist schwie­rig. Wenn ich ehr­lich bin, ha­be ich Pelt­zers »Das bes­se­re Le­ben« als ei­nen sol­chen Ver­such ge­le­sen: ein Mit­tel­schicht-Ba­by­boo­mer-Ro­man, ei­ne Art Zwi­schen­bi­lanz. Was hier­für viel­leicht not­wen­dig ist, ist ein ge­wis­ser zeit­li­cher Ab­stand. Pelt­zers Ro­man spielt 2006, al­so vor der Welt­wirt­schafts- und Fi­nanz­kri­se. Und doch ist ein ge­wis­ses Un­be­ha­gen spür­bar. Was nicht in die­se Epo­chen­dar­stel­lung passt, ist die Syl­ve­ster-Fi­gur (es sei denn, er dient als ei­ne Art Me­phi­sto).