Im Schein der Bil­der I

VOR HAARLEM

Jacob van Ruysdael: Haarlem von den Dünen im Nordwesten gesehen - via Wikimedia Commons

Ja­cob van Ruys­da­el: Haar­lem von den Dü­nen im Nord­we­sten ge­se­hen – via Wiki­me­dia Com­mons

I

Schau in den Ru­is­da­el: schlich­tes
Ge­län­de weit und eben.
Wind strebt vor­über, man
geht win­zig quer­feld­ein,
und bleibt doch schön im Rah­men
aus be­stem Eben­holz.

Wie Haar­lems fer­ne Müh­len,
je­weils ein Schatten‑X
(nur bei der Kerk ein lich­tes)
im schma­len Wech­sel­schein
fein auf die Lein­wand ka­men
zu Wol­ken, Hol­lands Stolz!

Das Weiß, die Zwi­schen-Blaus,
der Son­ne Dann-und-Wann!
Hier wird ge­bleicht. Doch schwe­ben
schon wet­ter­fri­sche Graus,
die selbst vorm Bild­schirm küh­len
das Bren­nen dei­nes Blicks.

II

Ein Bild, das selbst von Lein-
wand un­ter­grün­dig weiß,
die man auf Stadt­rand­wie­sen
in lan­gen Bah­nen bleicht.
Kommt nah her­an ein Schritt,
dann sacht wie Ru­is­da­els Hand
im Grau der Är­mel-Spit­zen.

Rost­rot hat hal­be Macht;
die Son­ne, dach-ge­bannt,
ist vorn schon wie­der weg.
Kein Glas, kein Fen­ster­blit­zen?
Der Meer­wind hebt nur leicht
am läng­sten Tuch ein Eck,
mehr fällt ihm grad nicht ein.

Mir wohl: ein flin­kes Kind
un­ter den Wol­ken­rie­sen;
ein Mäd­chen muss es sein,
ganz wie von uns. Es gibt
(na­tür­lich un­be­wie­sen)
auf sei­nen spit­zen Tritt
zwi­schen den Bah­nen Acht.

Jacob van Ruysdael: Ansicht von Haarlem mit Bleichfeldern - via Wikimedia Commons

Ja­cob van Ruys­da­el: An­sicht von Haar­lem mit Bleich­fel­dern – via Wiki­me­dia Com­mons

III
Cal­me bloc ici-bas chu d’un dé­sast­re ob­scur
                                                                Mall­ar­mé

Von hö­hern Bah­nen Un-
stern­block ge­stürzt in Ru­he,
so völ­lig gram der Sonn
der Bah­re Fol­ge-Bau!
Der fen­ster­lo­se, zue,
lot-schwer im Vor­der­grund:
ein War­te­haus be­stimmt!
am Styx samt Kahn, tief blau.

Der Spra­che muss erst schwin­deln,
dann siehst du Licht jäh neh­men,
wer weiß wo­hin ge­nau,
das Lei­nen, To­des­win­deln;
und wie, so gar nicht bunt,
bloß ein ge­nau­er Sche­men
von No­ahs gro­ßer Tru­he,
nah-fern die Ba­vo schwimmt.

IV

»The Ba­vo«— mit of­fe­nem, brei­tem, nie­der­län­disch blei­ben­dem a — so ließ der Vi­deo (»ich se­he!«)- Spre­cher den Na­men der Kir­che, oder bes­ser: des Kir­chen­schiffs hö­ren, das auf den trotz Brän­den und Über­schwem­mun­gen im­mer noch recht zahl­rei­chen Bleich­feld-Ge­mäl­den Ru­is­da­els die größ­te an­vi­sier­te Ge­län­de-Fer­ne dar­stellt und zu­gleich die Mit­te der auf dem Bild so gut wie un­sicht­bar blei­ben­den Stadt Haar­lem.

Der Blick geht über ei­ne Ebe­ne von Fel­dern und Wie­sen mit ih­ren schmal und lang aus­ge­leg­ten Lein­wand-Bah­nen so­wie das Bin­nen-Meer von Bäu­men da­hin­ter, das dies Kir­chen-Schiff zu tra­gen hat. Nie bis zum Be­trach­ter her­an. Zu was wür­de es auch aus der Nä­he? Zu Stein und Glas — lang­sam, schritt­weis, im Stra­ßen­zug auf­wach­send wie beim Be­gäng­nis des in Am­ster­dam ge­stor­be­nen und in ei­nem Pfer­de­ge­spann sei­ner Ge­burts­stadt Haar­lem zu­ge­führ­ten Ru­is­da­el, den es al­so auch nach sei­nem Tod in der be­vor­zug­ten Blick­rich­tung, von Nor­den her, dort­hin zog.

Nichts möch­te ich ge­hört ha­ben von ei­nem et­wa bei der Ge­le­gen­heit im In­nern des Kir­chen­schiffs hal­lend ver­le­se­nen Text, hal­te mich an den dich­te­ren der vor Haar­lem per­spek­ti­visch zu­sam­men­ge­dräng­ten Baumzei­len. Die über ih­nen vom Ma­ler nacho­ben­zu ver­voll­stän­dig­ten Zir­kum­flex-Ak­zen­te (lau­ter bald dunk­le, bald hel­le ^ ) müs­sen dem Land­schafts-Le­ser ent­lang­hel­fen an der hand­schrift­li­chen, ei­gent­lich ganz un­aus­sprech­li­chen In­ven­tur: Ru­is­da­el (Röis­dahl aus dem Mun­de des Spre­chers) ist an­schei­nend kein ein­zi­ger Müh­len­flü­gel ent­gan­gen.

Es sind schil­deri­jen (s‑chchilderäjn) von de­nen ich mich ein­fach nicht los­rei­ßen kann. Es gibt meh­re­re da­von, zum Glück, so­dass mein fas­zi­nier­tes »Hän­gen an ei­ner Ebe­ne« Va­ria­tio­nen er­fährt. Je­doch auf al­len »Haarlemp­jes« (wie die­se be­son­de­re Gat­tung von Ve­du­ten ge­nannt wird), bleibt das wol­ken- statt see­taug­li­che Kir­chen­schiff stets in der Fer­ne. Wenn man es dort an­vi­siert — nach­dem die Kom­pass­na­del des Blicks weit aus­ge­schla­gen hat über dem grü­nen, grün­brau­en, schmal-gol­de­nen, von Bö­en ge­well­ten, ein paar zer­schnit­te­ne Se­gel nicht sin­ken las­sen­den Ve­ge­ta­ti­ons­meer bei Haar­lem — so scheint es, dass die Ba­vo in ih­rer Fer­ne ei­nem Ding ver­wandt ist, das man kennt, das man frü­her, in der Kind­heit, manch­mal im Blick und in der Hand hat­te: ei­nen je­ner klei­nen, kan­ti­gen Ma­gne­ten, an dem die Nä­gel kleb­ten.

V

Auf dem Vor­feld von Haar­lem kann die Vi­deo­ka­me­ra pan­or­a­misch über er­staun­lich viel Ve­ge­ta­ti­on hin­stre­ben, in der die Ein­schlüs­se von Be­bau­ung kaum ins Ge­wicht fal­len. Die Ge­län­de­zo­nen in je­ner hal­ben Fer­ne ge­staf­felt zu­sam­men­rückend, zeigt das Ob­jek­tiv — zeigt sie ob­jek­tiv — wie Baum- und Rohr­wip­fel vom Som­mer­wind er­fasst wer­den, wie un­ter ihm, vor ihm, ja nach ihm gan­ze Flä­chen-Strei­fen in böi­ger Son­ne schwan­ken. Ein Nord­west­wind muss es sein, der da, ubi­qui­tä­rer Schä­fer­hund, dem Wol­ken­him­mel die Schat­ten­her­de zu­recht treibt. Das fer­ne Spiel geht mir na­he. Es ist Wind, der, mit tri­vi­al-schö­ner Mu­sik zum Tö­nen ge­bracht, das in­ne­re Se­di­ment streift, ein Re­ser­vat von Ge­füh­len, un­si­che­res, nach­glei­ten­des Sen­ti­mentge­län­de. Dass ich ein­mal so et­was ein­set­zen wür­de in mei­ne Re­bus-Welt, hät­te ich mir nicht träu­men las­sen.

Aus der wei­ten Ebe­ne, dem per­spek­ti­visch zu­sam­men­ge­scho­be­nen Be­stand von we­ni­gen Bau­ten und zahl­lo­sen Bäu­men, wird dann die Ba­vo mäch­tig her­an­ge­holt, »ste­tig her­bei­ge­schleu­dert«. Nicht nur das Kir­chen­schiff wird hier in Sze­ne ge­setzt, auch die laub­grü­ne, kom­ple­xe Wip­fel­ki­ne­tik des Vor­ge­län­des — al­les was vor Ru­is­da­el beim Ma­len sei­ner Haarlemp­jes so dornru­ischen­haft er­star­ren muss­te. Die Ka­me­ra schwenkt dann ab, am Mee­res­ho­ri­zont ent­lang, und ein trocke­nes Klicken ist da­bei zu hö­ren. Die­se xy­lo­pho­ni­sche Punk­tie­rung ist selt­sam, ein we­nig ab­surd: Stil­le ab­trop­fend von Ka­sta­gnet­ten, Tö­ne wie von Wrack-Holz und Kno­chen. Tickt da et­wa die al­te hol­län­di­sche Deich­angst, Flut­angst, un­ter dem som­mer­blau­en »Pan­orä­ma« (brei­te­res, nie­der­län­di­sches a)?

Ein Bild fällt mir plötz­lich ein, wohl aus je­nem Ä-Laut her­aus. Ei­ne Sze­ne von frü­her, noch zur nie­der­rhei­ni­schen Ju­gend­zeit ge­hö­rend: das Ab­tropf-En­de von et­was weg­blickend Schräg­ge­hal­te­nem.— Was das bloß soll?

Hier ist nun das Se­kun­die­ren des Le­sers nö­tig. Ei­nes der mit­macht, die Hand auf der bein­los glei­ten­den Maus. Mit dem Blick auf die Uhr un­ten am Strich, auf ih­re lau­fen­de Se­kun­den-Zahl, wä­re die pan­or­a­mi­sche Se­quenz her­aus­zu­lö­sen, von der die Re­de ist. Cut­ting nur im über­tra­ge­nen Sinn, kein wirk­li­ches Her­aus­schnei­den und Ein­kle­ben in die Ge­samt-Col­la­ge: nur ein Maus­ritt durch die fri­sche Kü­sten­luft, von Mi­nu­te 4:47 bis Mi­nu­te 5:37. Denn nur die­se mu­sik­un­ter­mal­ten 50 Se­kun­den ge­hö­ren hier­her, sind mir ei­ne ein­zi­ge gro­ße Se­kun­de, »ein jetz­lich se­cund« (ei­ne schö­ne Wen­dung, wie sie ein­mal je­mand ver­wen­det hat An­fang des sech­zehn­ten Jahr­hun­derts, das dem Ru­is­da­els vor­aus­ging).

Dann aber auch noch die viel kür­ze­re Span­ne von Mi­nu­te 8:56 bis Mi­nu­te 9:11. Dort er­scheint die Ba­vo in win­ter­li­chem Dunst, ei­sig-grau, wie den An­ker lich­tend, für ei­nen Au­gen­blick noch ein­ge­fasst von kah­lem Wip­fel­ge­äst. Das win­ter­li­che Piep­sen ei­nes Vo­gels ist zu hö­ren durch die ganz wind­stil­le Luft her­über. Es wird kaum aus die­sem zum Grei­fen na­hen, zum Nicht­um­grei­fen schlan­ken Ge­zwei­ge kom­men, son­dern aus ei­nem an­de­ren, in be­nach­bar­ter Hö­he. Die leich­te, aber un­über­seh­ba­re Bild-Be­we­gung hier ist of­fen­sicht­lich kei­nem Durch­zug der Luft ge­schul­det, son­dern dem Mann im Baum, der zu­gleich sich selbst und die Ka­me­ra hal­ten muss, wo er doch da oben bei­de Ar­me so gut brau­chen könn­te.

VI

Der Durch­blick­punkt war wohl nicht leicht zu fin­den, und auch nicht leicht zu hal­ten, für den, wie wir schau­dernd hö­ren, un­ter Le­bens­ge­fahr mit der Ka­me­ra in den win­ter­li­chen Baum­wip­fel Hoch­ge­klet­ter­ten. Das Vi­deo kommt hier nicht oh­ne ei­ne ent­spre­chen­de De­vi­se aus — ins Bild ge­rückt, wie das Üb­ri­ge, auf Eng­lisch, aber wohl aus dem Sprich­wör­terschatz des Nie­der­län­di­schen. Gleich­sam mit käl­te­rau­chen­dem Mund wird ei­nes zi­tiert das er­mu­tigt, dort oben »het le­ven in ei­gen hand te neh­men« (oder so ähn­lich). Der un­ge­nann­te, tap­fer Re­pro­du­zie­ren­de, der dort im höch­sten Ge­äst die Fer­ne her­an­zieht, ret­tet ih­re Au­ra durch sein leich­tes Zit­tern. Klar, auch deutsch könn­te hier zi­tiert wer­den, Wal­ter Ben­ja­mins be­kann­tes Dik­tum zum Bei­spiel. Je­doch eher wie ei­ne An­ru­fung, und au­ßer­dem mit ei­nem Wort zu viel: »Au­ra!, son­der­ba­res Ge­spinst von Raum und Zeit, ein­ma­li­ge Er­schei­nung ei­ner Fer­ne, so nah sie im Su­cher auch sein mag...«

Noch ein an­de­rer Klet­te­rer ist mir ge­gen­wär­tig, wie­der ein­mal. (Ich ha­be schon öf­ter ver­sucht, ihn in ein paar end­lich de­fi­ni­ti­ven Ver­sen fest­zu­hal­ten). Nicht ganz un­ähn­lich ist er dem Ka­me­ra­mann im Baum, wenn auch viel jün­ger und un­gleich si­che­rer im Halt­fin­den. Auch er hat­te ja für ein fer­nes Pu­bli­kum die toll­ste Frei­hän­dig­keit ge­wagt. Aber wie lan­ge ist das schon her, Jahr­zehn­te be­stimmt: Je­ner jun­ge flä­mi­sche Ika­rus, den ich ein­mal, et­was wei­ter süd­lich im Nie­der­län­di­schen und in an­de­rer Jah­res­zeit, aus ei­nem ir­gend­wo ei­ne Wei­le hal­ten­den Zug sah, ei­nem der noch Fen­ster hat­te die man öff­nen konn­te:

Über den Him­mel von Ei­ern hin­aus,
bis an die Bahn der Son­ne,
stieg
der Jun­ge im Ge­äst.

Wie ein Ein­fall von ihr
in ih­rem schrä­gen Ein­fall.

Jäh grell Ge­sicht und Schopf al­lein,
streck­te er bei­de Ar­me aus,
be­haup­tend so, von fern,
ich flieg!

rund um den Stamm
das rech­te Bein.

VII

Je­mand der das wei­te Land un­gleich be­däch­ti­ger auf­nimmt als ein mit der Ka­me­ra im Wip­fel schwan­ken­der Vi­de­ast, ist der am Weg sich kurz­ent­schlos­sen nie­der­las­sen­de Zeich­ner. Je­ner der da rechts im Vor­der­grund des Styx-Ge­mäl­des sitzt, auf ein prak­ti­sches Ma­ler­stühl­chen durch­aus ver­zich­ten kann, Erd­kon­takt, Sand­kon­takt pflegt, muss Ru­is­da­el selbst sein. Von ei­nem Mit­ar­bei­ter, Nachar­bei­ter, ist er mit spit­zem Pin­sel ge­konnt an die Aus­sichts-Dü­ne platz­iert wor­den. Oh­ne sol­che Spe­zia­li­sten für win­zi­ge, bild­be­le­ben­de Fi­gu­ren wä­re die Land­schaft we­ni­ger an­zie­hend, we­ni­ger her­ein­zie­hend. Und man kann, man muss ja hin­ein. Es ist die Welt vor und nach ei­nem. Wie­viel gibt es zu be­fra­gen, be­vor man ans Ufer kommt. Der Kahn und der mit der Stan­ge sind ja zu se­hen. Aber auch das Weiß des Pa­piers, so ver­schwin­dend klein es ist, kann man er­ken­nen auf den Knien des Künst­lers. Je­mand ver­stellt ihm die Aus­sicht, dehnt ein Ge­spräch aus, über Wet­ter und Ma­le­rei. Ein Schwatz, der viel­leicht will­kom­men und ganz an­ge­nehm ge­we­sen wä­re, wenn er die Be­grü­ßung am Weg um nur we­nig ver­län­gert hät­te. Aber so wie hier…


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