Flo­ri­an Il­lies: 1913

Florian Illies: 1913

Flo­ri­an Il­lies: 1913

»Jetzt geht’s los«, »Was macht…« oder »Nun aber schal­ten wir…« – so ani­miert Flo­ri­an Il­lies in »1913« den Le­ser und man wähnt sich tat­säch­lich zu­wei­len wie in der Bun­des­li­ga­kon­fe­renz im Ra­dio, nur eben schal­tend zu Ma­lern, Schrift­stel­lern, an­ge­hen­den »Po­li­ti­kern« oder son­sti­gen An­ge­hö­ri­gen der »Bo­he­me« (Il­lies ver­mei­det aus un­er­find­li­chen Grün­den die kor­rek­te Schreib­wei­se Bo­hè­me) in den »Front­städ­ten der Mo­der­ne« im Jahr 1913. Statt Tor­schreie gibt’s klei­ne Ge­burts­an­zei­gen von Pe­ter Fran­ken­feld, Ro­bert Lemb­ke, Ma­ri­ka Rökk, Al­bert Ca­mus und Burt Lan­ca­ster. Zwi­schen­durch er­fährt man, dass Jo­sef Sta­lin in der si­bi­ri­schen Ver­ban­nung friert, wie Franz Kaf­ka sei­nen Hei­rats­an­trag doch noch zur Post bringt, wie viel Adolf Hit­ler für sein Abend­essen aus­ge­ge­ben hat und wie der Ta­ges­ab­lauf von Tho­mas Mann ist. Und noch viel mehr.

Bei Il­lies gibt es kei­ne Zu­rück­nah­me des Kom­po­si­teurs, wie bei­spiels­wei­se in Kem­pow­skis »Echo­lot«. Er ist all­wis­sen­der, ord­nen­der und kom­men­tie­ren­der Er­zäh­ler. Da­durch wird dem Le­ser auch gleich die Re­fle­xi­on über das Ge­le­se­ne weit­ge­hend ab­ge­nom­men und die Schleu­sen hin zum blo­ßen Le­se­kon­sum ge­öff­net. Stu­den­ten­fut­ter statt krea­ti­ver Kü­che. Die Spra­che ist eng an­ge­lehnt an den in­zwi­schen üb­li­chen groß­kot­zig-ari­sto­kra­ti­schen Feuil­le­ton-Iro­nis­mus, ir­gend­wo zwi­schen Fritz J. Rad­datz und Ha­rald Schmidt. Lei­der wirkt es zu oft be­müht und setzt den po­sie­ren­den Er­zäh­ler ziem­lich im­per­ti­nent in den Vor­der­grund, wo es doch um die Prot­ago­ni­sten von 1913 ge­hen soll­te.

Nicht nur mit »wer zu spät kommt, den be­lohnt das Le­ben« wird das Phra­sen­schwein ziem­lich be­müht ge­gen den Strich ge­bür­stet. Da wird ei­ne »sehr spe­zi­el­le Work-Li­fe-Ba­lan­ce« von Mar­cel Proust ana­ly­siert, das Thea­ter­stück von Tho­mas Mann, 1913 ur­auf­ge­führt und in Flo­renz spie­lend, er­zeugt mehr »Uff als Uf­fi­zi­en«, Franz Kaf­ka »lei­det wie ein Hund« und es gibt ei­nen Blick in die »Käl­te­kam­mer der Ehe der Manns«. Man be­kommt die »Start-Up-At­mo­sphä­re« bei Ru­dolf Stei­ner mit, schaut bei Os­wald Speng­ler, »dem al­ten Chau­vi« vor­bei, der sei­nen Un­ter­gang des Abend­lan­des ent­wirft und be­kommt Lou-An­dre­as Sa­lo­més »lan­ge Rei­he von Skalps er­leg­ter Gei­stes­grö­ßen« er­klärt. Al­les ist na­tür­lich so lan­ge zu recht ge­bo­gen, wie es ins vor­ge­fass­te Il­lies-Dreh­buch passt. Run­ning-Gags sind Ril­kes fra­gi­le Ge­sund­heit (vul­go: Hy­po­chon­drie; dar­über mo­kiert sich Il­lies am lieb­sten) und die ver­schwun­de­ne Mo­na Li­sa, die En­de 1913 dann wie­der auf­taucht, was aus­führ­lich ge­wür­digt wird.

Zu­wei­len glei­tet das in un­frei­wil­li­ge Ko­mik ab, et­wa wenn Tho­mas Manns Vil­la in Mün­chen (ähn­lich wie der Käu­fer) »et­was steif« sein soll. Sel­te­ner ist et­was falsch, wie et­wa die Phra­se vom Ga­lopp­renn-Der­by in Bad Do­beran; dort gab es nie ein Der­by, der Feh­ler rührt in der tri­via­li­sier­ten Ver­wen­dung des Worts »Der­by«.

Pas­send ge­macht

Da­bei gibt es bei­spiels­wei­se schö­ne Gleich­zei­tig­kei­ten, die er ent­deckt: Hit­ler und Sta­lin sind An­fang 1913 in Wien und für ei­ne kur­ze Zeit auch ein jun­ger Kroa­te na­mens Jo­sip Brosz, der sich sehr viel spä­ter Ti­to nen­nen wird. Und tat­säch­lich könn­ten Al­bert Ein­steins Brie­fe von Prag zu sei­ner Frau nach Ber­lin zu­sam­men mit Kaf­kas an Fe­li­ce Bau­er, die eben­falls in Ber­lin leb­te, »im sel­ben Post­sack« ge­reist sein. Oder die drei Schrift­stel­ler in Tri­est (Kaf­ka, Mu­sil, Joy­ce), die theo­re­tisch ei­nen Kaf­fee hät­ten trin­ken kön­nen. Aber man­ches wirkt auch reich­lich ge­quält. Et­wa wenn Egon Schie­le und Franz Fer­di­nand wo­mög­lich zur glei­chen Zeit im Ju­li 1913 mit der Ei­sen­bahn spie­len. Oder Eva Braun 6 Mo­na­te alt ist und im Kin­der­wa­gen durch Mün­chen ge­fah­ren wird wäh­rend Hit­ler Münch­ner Bo­den be­tritt. Und ein Bo­gen zu den drei Klas­si­kern, die »die Spreng­kraft des Jah­res 1913 auf­ge­so­gen« ha­ben, ge­spannt wird: »Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten«, Prousts »Re­cher­che« und Joy­ces »Ulysses«. Tat­säch­lich er­schien 1913 nur der er­ste Teil der »Re­cher­che« (üb­ri­gens in ei­ner Art »Selbst­ver­lag« Prousts), Joy­ces Buch 1922 (bzw. deutsch 1927) und Mu­sil be­gann erst 1921 an die­sem Mo­nu­men­tal­ro­man zu schrei­ben. Il­lies ge­nügt es zur Auf­nah­me in sei­ne Chro­nik zu­meist, wenn die Nie­der­schrift der Bü­cher be­gon­nen (»Der Zau­ber­berg«) oder fort­ge­schrie­ben wur­den (»Der Un­ter­gang des Abend­lan­des«) oder das Jahr the­ma­tisch er­wähnt wird (»Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten«). Was nicht passt, wird pas­send ge­macht lau­tet nicht nur die De­vi­se des Schrei­ners.

Da­mit der Le­ser nicht ins Nach­den­ken kommt, scheut Il­lies kei­ne Red­un­dan­zen. So wird man zwei Mal da­mit kon­fron­tiert, dass just die­sem Mo­nat als sich Sta­lin und Trotz­ki im Fe­bru­ar 1913 das er­ste Mal be­geg­nen, der­je­ni­ge ge­bo­ren wird, der Trotz­ki in Sta­lins Auf­trag um­brin­gen wird. Auch das Lou-An­dre­as Sa­lo­mé Rai­ner Ma­ria Ril­ke »ent­jung­fert« hat, Ge­org Trakl Dro­gen­räu­sche er­lebt und der öster­rei­chi­sche Thron­fol­ger Franz Fer­di­nand nicht ganz Ernst ge­nom­men wird (üb­ri­gens durch­aus an den heu­ti­gen Prince Charles er­in­nernd), muss wo­mög­lich zur Si­cher­heit mehr­mals be­nannt wer­den. Es könn­te ja sein, dass man die er­ste Er­wäh­nung 30 oder 40 Sei­ten vor­her ver­ges­sen hat.

Ber­lin, Pa­ris, Wien, die »Zen­tra­le der Mo­der­ne«, die »vor Kraft« nur so »strot­ze « und Mün­chen, das »aufs An­ge­nehm­ste er­mü­det« war. Das sind Il­lies Ner­ven­zen­tren (im wört­li­chen Sin­ne). Sel­te­ner geht es nach Eng­land oder die USA. »Burn-out« heißt »Neur­asthe­nie«; es än­dern sich al­so nur die Wör­ter, die Idio­syn­kra­si­en blei­ben. Es ist ja nicht so, dass die­ses Jahr 1913 lang­wei­lig ge­we­sen wä­re – im Ge­gen­teil. Zu Recht wird es »un­ge­heu­er« ge­nannt und »über­hitzt«. Vom »Süd­hang der Ge­schich­te« ist ein biss­chen ge­quält poe­ti­sie­rend die Re­de. An ei­ner Stel­le va­ri­iert Il­lies die The­se des un­längst ver­stor­be­nen bri­ti­schen Hi­sto­ri­kers Eric Hobs­bawm, der vom lan­gen 19. Jahr­hun­dert (1789–1914) spricht. Scha­de, dass er nicht ein­mal in der Bi­blio­gra­phie Hobs­bawm an­gibt.

Die Mo­der­ne schäl­te sich her­aus. Die »Brücke« ent­wickel­te sich – und zer­fiel. Pi­cas­so, Ni­jin­sky. Hof­manns­thal und Schnitz­ler. Ko­kosch­ka und Al­ma Mah­ler ver­fie­len ein­an­der (vor­läu­fig), Freund und Jung ent­zwei­ten sich, Kaf­ka, Ril­ke, Karl Kraus, Ge­org Trakl, Tho­mas Mann – sie al­le hat­ten Pro­ble­me im Pri­va­ten, die man nach ein­hun­dert Jah­ren treff­lich auf das Werk zu trans­for­mie­ren mag. Il­lies be­spricht ein Fo­to vom ver­meint­lich ba­den­den Trakl, ge­schos­sen bei ei­nem Ur­laub in Ve­ne­dig. Es ist ab­ge­druckt – und es zeigt sich, wie­viel der Au­tor hin­ein­in­ter­pre­tiert. Die­se Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Deu­tung und Ge­schich­te sind in­ter­es­sant, aber auch ri­si­ko­reich: Sie sug­ge­rie­ren Au­then­ti­zi­tät, sind aber nur In­ter­pre­ta­ti­on. Da spielt es kei­ne Rol­le, wenn die­se In­ter­pre­ta­tio­nen stim­mig oder ein­leuch­tend sind – sie kom­men als Rea­li­ta da­her.

Spiel mit der Par­al­le­le

Nach zwei Drit­tel des Bu­ches mä­ßigt Il­lies sei­ne Spra­che. Es ent­ste­hen tat­säch­lich stim­mi­ge Sze­nen­be­schrei­bun­gen – Karl Kraus und Si­do­nie von Nád­horný auf Schloß Ja­nu­witz zu Weih­nach­ten; Trakl; der Tod ei­nes heu­te voll­kom­men un­be­kann­ten Ar­ti­sten, Hein­rich Kühn, der längst un­be­kann­te Fo­to­graf (ei­nes sei­ner Bil­der ist das Co­ver des Bu­ches); Tu­chol­skys Am­bi­tio­nen; Au­gust Macke am Thu­ner­see; Emil Nol­de in der Süd­see; der nach dem Kauf der Vil­la über­schul­de­te Tho­mas Mann. Plötz­lich be­ginnt man et­was zu ler­nen aus dem Buch.

Und was ist mit dem dräu­en­den Krieg, den je­der un­wei­ger­lich mit­denkt, wenn man ein Buch über 1913 liest? Er ist im Buch nur sehr spar­sam prä­sent und gut ver­steckt, et­wa wenn auf die Ver­fünf­fa­chung der »Frie­dens­prä­senz­stär­ke« auf Be­schluss des Deut­schen Reichs­tags hin­ge­wie­sen wird (von 117.267 auf 661.478 Mann). Oder an­gel­säch­si­sche Pu­bli­zi­sten ei­nen Krieg im An­ge­sicht der öko­no­mi­schen Ver­flech­tun­gen für un­mög­lich hal­ten; die Ban­kiers wür­den gar nicht das Geld hier­für zur Ver­fü­gung stel­len, weil es ih­ren In­ter­es­sen ent­ge­gen­stün­de. Selbst als der Zwei­te Bal­kan­krieg aus­bricht, wird dies nicht als Be­dro­hung auf­ge­fasst, son­dern als lo­ka­les Auf­flam­men.

Gibt es al­so Ana­lo­gi­en zur Welt von 1913 und heu­te? Ein we­nig spielt Il­lies mit die­ser Les­art, und er­zeugt dann ei­ne Stim­mung, die zwi­schen Auf­bruch und Eu­pho­rie (die Mo­der­ne!) und sanf­tem Un­ter­gangs-Schau­der (der kom­men­de Krieg!) chan­giert. Da­mit letz­te­res nicht zu durch­sich­tig wird, hat er auf ma­ni­fe­ste Zei­chen ei­nes dro­hen­den Zu­sam­men­bruchs der Welt­ord­nung ver­zich­tet. So wird kein Wort ver­lo­ren über den Wett­lauf der eu­ro­päi­schen Mäch­te um die Ko­lo­ni­en, die längst zu Pre­sti­ge-Pro­jek­ten jen­seits öko­no­mi­scher oder son­sti­ger Vor­tei­le mu­tiert wa­ren. Auch die sich ab­zeich­nen­de di­plo­ma­ti­sche Iso­la­ti­on des deut­schen Kai­ser­reichs und Öster­reich-Un­garns wird nicht er­wähnt. Par­al­lel da­zu liest man ei­ne No­tiz im Buch über Walt­her Ra­then­au, der sich schon vor ein­hun­dert Jah­ren für ei­ne eu­ro­päi­sche Zoll­uni­on aus­spricht. Wo­bei Il­lies nicht dar­auf ein­geht, dass die­se Zoll­uni­on min­de­stens zu­nächst un­ter der Vor­macht­stel­lung Deutsch­lands statt­fin­den soll­te.

Das Feuil­le­ton kon­stru­iert zur Lek­tü­re all­zu be­reit­wil­lig Ver­glei­che zwi­schen 1913 und der Ge­gen­wart. Aber nur weil die Po­li­tik im ak­tu­el­len po­li­ti­schen Dis­kurs das Fort­be­stehen der Eu­ro­päi­schen Uni­on (und/oder de­ren In­sti­tu­tio­nen) als un­er­läss­lich für den Er­halt des eu­ro­päi­schen Frie­dens be­trach­tet soll­te man sich nicht auf die­ses dün­ne Eis be­ge­ben. Da­für ist Flo­ri­an Il­lies’ Buch zu sehr Do­ku-Soap. Ent­we­der es ist der Korps­geist der Kri­tik (Il­lies war län­ger Feuil­le­ton­re­dak­teur) oder mas­si­ve hi­sto­ri­sche Un­wis­sen­heit, die die­ses Buch über Ge­bühr in Hö­hen hebt, die ihm nicht zu­ste­hen.

Das »Echolot«-Projekt

Wer sich wirk­lich in ei­ne Zeit ver­sen­ken möch­te, kann dies mit Wal­ter Kem­pow­skis »Echo­lot« tun. Kem­pow­ski kom­po­nier­te in der Re­gel un­be­ar­bei­te­te, schein­bar dis­pa­ra­te, weil von un­ter­schied­lich­sten Per­so­nen stam­men­de Zeit­do­ku­men­te in ei­ne Chro­no­lo­gie, die dem Le­ser ein Ein­tau­chen in Ab­grün­de, Ka­ta­stro­phen, In­ti­mi­tä­ten und auch klei­ne, ma­gi­sche Au­gen­blicke er­mög­licht. Ta­ge­buch­no­ti­zen von Tho­mas Mann oder Ernst Jün­ger ste­hen ne­ben Ein­tra­gun­gen ei­ner Haus­frau, den Auf­zeich­nun­gen des Leib­arz­tes von Hit­ler oder Aus­zü­gen aus ei­nem Brief ei­nes Sta­lin­grad-Sol­da­ten ne­ben den Brie­fen So­phie Scholls an Fritz Hart­na­gel. Durch die au­then­ti­sche Wie­der­ga­be, die auch or­tho­gra­phi­schen Feh­ler oder schreck­li­che Irr­tü­mer nicht aus­spart wird ei­ne Un­mit­tel­bar­keit er­zeugt, die beim Le­ser ei­nen Sog er­zeugt und die ver­gan­ge­ne Zeit für den Lek­tü­re­mo­ment heraufbe­schwört. Da­bei ist der Re­zi­pi­ent den Schrei­bern durch das Wis­sen, wie es wei­ter­geht, im Vor­teil. Und ge­ra­de in die­sem Punkt, dem Ein­ord­nen des in Un­kennt­nis um die Zu­kunft Ge­schrie­be­nen, liegt die schöp­fe­ri­sche Lei­stung des Le­sers, die nicht durch pseu­do-ori­gi­nell da­her­kom­men­de Quas­sel­strip­pen be­hin­dert wird. Ak­tu­ell bie­ten sich die vier Bän­de über 1943 zur Lek­tü­re an (70 Jahre-»Jubiläum«!). Es be­ginnt am 1. Ja­nu­ar und en­det am 28. Fe­bru­ar. Da­nach wird man ein an­de­rer Mensch sein.

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16 Kommentare zu »Flo­ri­an Il­lies: 1913«:

  1. en-passant sagt:

    »Da­nach wird man ein an­de­rer Mensch sein« – sehr ver­lockend. Ich schie­be Kem­pow­ski schon lan­ge vor mir her.

    Mit­tei­lun­gen über den Ge­gen­stand ei­nes Stau­nens soll­te ja sol­che sein, dass sie ei­nen dar­an In­ter­es­sier­ten mit auf ei­ne neue Hö­he he­ben. Seit den bis­he­ri­gen Kri­ti­ken über das Buch auch neu­gie­rig dar­auf, füh­le mich jetzt aber in mei­ner Re­ser­ve dem Schrei­ber ge­gen­über be­stä­tigt: Zu stark auf Ef­fekt ge­schrie­ben, in sei­nem be­kannt flot­ten aber zu­letzt doch eher kon­sen­su­el­len Ton, in ei­nem Den­ken und da­zu ei­ner Spra­che, die bei­de kei­ne dem Ge­gen­stand an­ge­mes­se­nen und al­so kei­ne durch­ge­ar­bei­te­ten sind. Scha­de! Die­se »Hun­dert Jah­re vor uns«- Idee fin­de ich doch ei­gent­lich in­ter­es­sant.

    #1

  2. Ja, die Idee ist gut, zu­mal das Jahr 1913 tat­säch­lich viel­leicht so et­was wie ein Zwi­schen­jahr war – in vie­lem noch 19. Jahr­hun­dert, aber dann doch schon die Mo­der­ne. Aber Il­lies ist ein Schrei­ber, der ei­ner gu­ten Poin­te wil­len wo­mög­lich auch sei­ne Groß­mutter der Lä­cher­lich­keit, oder, in An­leh­nung an die Me­di­en­sa­ti­re der 90er Jah­re, der »Wit­zisch­keit« we­gen aus­schlach­tet. Ich er­war­te kei­nen ho­hen Ton oder Hei­li­gen­ver­eh­rung, aber ein biss­chen mehr als Gos­sip soll­te es doch schon sein.

    Von al­len »Echo­lo­ten« Kem­pow­skis hat mir tt­säch­lich das von 1943 den nach­hal­tig­sten Ein­druck ge­ge­ben. Ich ha­be es vor Jah­ren an ei­nem 1. Ja­nu­ar ein­mal an­ge­fan­gen und woll­te Tag für Tag bis 28. Fe­bru­ar le­sen. Ich ha­be es nicht ge­schafft; im Nu war ich der Zeit »weit vor­aus«. Der Sog war zu stark.

    #2

  3. Jeeves sagt:

    Bei ei­ner Pre­mie­re (Schön­berg? Schnitz­ler?) schüt­teln die Ab­leh­ner laut Il­lies an­geb­lich ih­re Schlüs­sel­bun­de, resp. in ei­nem Fall schüt­tel­ten (klap­per­ten da­mit) nicht, weil’s ih­nen doch ge­fiel.
    Wahr­schein­lich kennt Il­lies nur die­se dün­nen Si­cher­heits­schlüs­sel; denn na­tür­lich hat man auf die­sen Schlüs­seln bei Miss­fal­len laut & durch­drin­gend (!) ge­pfif­fen, aber doch nicht das Schlüs­sel­bund ge­ras­selt. Ich stell mir das mal vor: Da ist je­mand arg em­pört über ei­ne ver­patz­te Auf­füh­rung und er holt sein Schlüs­sel­bund raus und we­delt da­mit vor sei­nem Ge­sicht; was is’n das für’n ul­ki­ger Pro­test?
    Über sol­che ah­nungs­be­frei­ten Ne­ben­säch­lich­kei­ten wie über Il­lies plötz­li­chen (wohl lau­nig ge­mein­ten) Ton­fall à la »And now for so­me­thing com­ple­te­ly dif­fe­rent« stol­pert man als Le­ser an­dau­ern.
    Aber: Es liest sich recht zü­gig weg. Man muss nicht viel den­ken.
    (Es war ein Weih­nachts­ge­schenk)

    #3

  4. Ja, es liest sich zü­gig, lullt fast den Le­ser ein, was na­tür­lich be­ab­sich­tigt ist.

    Die Sa­che mit dem Schlüs­sel­bund fand ich ganz in­ter­es­sant.

    #4

  5. herr.jedermann sagt:

    Weiß nicht, ob es stimmt, aber ich mei­ne ein­mal ge­hört zu ha­ben, dass das Schlüs­sel­bund-Ras­seln ur­sprüng­lich mal als Un­muts­aus­druck ei­ner di­stin­gu­ier­te­ren Zu­schau­er­schaft in nicht zu­frie­den­stel­len­den Opern- und Mu­sik­dar­bie­tun­gen ent­stan­den war ( ähn­lich dem an­fangs un­will­kür­li­chen, dann zu­neh­mend be­wuss­ter ein­ge­setz­ten For­men dau­ern­den Räus­perns) . Auf­ge­nom­men et­wa auch in dem be­kann­ten »... ratt­le your je­we­le­ry «), und von dort her dann so­zu­sa­gen im­mer wei­ter po­pu­la­ri­siert ...

    #5

  6. MondoPrinte sagt:

    »Die Spra­che ist eng an­ge­lehnt an den in­zwi­schen üb­li­chen groß­kot­zig-ari­sto­kra­ti­schen Feuil­le­ton-Iro­nis­mus, ir­gend­wo zwi­schen Fritz J. Rad­datz und Ha­rald Schmidt.« Groß­ar­ti­ge For­mu­lie­rung in ei­nem an­son­sten auch sehr ge­lun­ge­nen Po­sting. Ne­ben Rad­datz und Schmidt fällt mir – auch vom Duk­tus her – noch ein ge­wis­ser Herr Strom­berg ein...

    #6

  7. @MondoPrinte
    Dan­ke für Ih­re Er­gän­zung. Das wür­de be­deu­ten, dass das Feuil­le­ton sich (we­nig­stens teil­wei­se) auf Strom­berg-Ni­veau be­wegt. Be­den­kens­wert.

    #7

  8. Jeeves sagt:

    Ich bin jetzt (fast) durch. Die oft­ma­li­gen Wie­der­ho­lun­gen fal­len mir im­mer mehr (lä­stig) auf; ich hat­te den Ein­druck: Il­lies hat ver­ges­sen, dass er vor ein paar Sei­ten be­reits das glei­che be­rich­tet hat(?).
    Es zieht sich...
    Oft geht’s nur um: Wel­cher heut’ Be­rühm­ter hat­te wann wel­che Freun­din? Und wer hat­te sie zu­vor?
    .
    Was mich beim Le­sen mehr und mehr in­ter­es­sier­te, auch weil’s nicht er­wähnt wird: Wer be­zahl­te ei­gent­lich die vie­len ge­schil­der­ten Rei­sen und Ho­tel­auf­ent­hal­te (nach Pa­ris, Ve­ne­dig, Tri­est, Ber­lin, Schweiz...) der meist sehr ar­men Schlucker wie Al­ten­berg, Kaf­ka, Trakl, Las­ker-Schü­ler und di­ver­se »mo­der­ne« Ma­ler?

    #8

  9. Tina Nonnenmacher sagt:

    Ris­kiert man ei­nen Blick in den Du­den oder auch auf DWDS, so kann man se­hen, dass Herr Il­lies Bo­he­me rich­tig schreibt.

    #9

  10. Der Du­den hat längst sei­ne Ex­klu­siv­re­le­vanz ein­ge­büsst.

    #10

  11. Tina Nonnenmacher sagt:

    Dem möch­te ich gar nicht mal wi­der­spre­chen, al­ler­dings ge­ben auch Pons, Lan­gen­scheidt, Ca­noo und Owid Bo­he­me als rich­ti­ge Schreib­wei­se an. Le­dig­lich das Wort­schatz-Por­tal der Uni Leip­zig nennt bei­de Schreib­wei­sen.
    Wenn ich auch Ih­re Kri­tik an­son­sten tei­le, so soll­ten Sie die­sen Hin­wei­se -mei­nes Er­ach­tens – der Fair­ness hal­ber strei­chen.

    #11

  12. Vor­sicht, der Du­den ist m.E. ein Ge­brauchs­wör­ter­buch, d.h. er zeich­net vor al­lem den Ge­brauch der Spra­che nach, spie­gelt wie man schreibt (des­halb fin­det man mitt­ler­wei­le vie­le Wör­ter im Du­den die in der All­tags­spra­che ver­wen­det wer­den, aber kaum rich­tig in das Deut­sche »in­te­griert« sind, z.B. E-Book).

    #12

  13. Jordanus sagt:

    Wenn man zu­viel FAZ ge­le­sen hat, ist es gar nicht so ein­fach, den gross­kot­zign Feuil­le­ton-Stil wie­der los­zu­wer­den. Dan­ke fu­er die aus­ge­wo­gen Be­spre­chung. Sie hebt sich mit ih­rer Ge­nau­ig­keit wohl­tu­end vom Li­te­ra­tur­be­trieb ab. Den Hin­weis auf die Re­zen­si­ons­kar­tel­le fin­de ich wich­tig. Manch­mal ha­be ich den Ein­druck, nur die Ha­elf­te sol­cher Lieb­lin­ge der *Krti­tik* und des Feuil­le­tons wird ue­ber­haupt nur ge­le­sen – die mei­sten wer­den wohl­mei­nend zu Weih­nach­ten ver­schenkt und dann re­prae­sen­ta­tiv im Bue­cher­re­gal ver­ges­sen.

    #13

  14. Nörgel sagt:

    Ti­to, Sta­lin, Hit­ler im Wien des Jah­res 1913 und all das; über­haupt ein schön ge­schrie­be­nes Buch: Fre­de­ric Mor­ton, Wet­ter­leuch­ten 1913/14, mut­maß­lich die bes­se­re Al­ter­na­ti­ve zu Il­lies, 1990 auf deutsch er­schie­nen.

    #14

  15. MondoPrinte sagt:

    @ Gre­gor Keu­sch­nig: Ist es denn nicht auch so? Zu­min­dest ein Me­di­um wie der Per­len­tau­cher ver­brei­tet doch ei­ne ent­spre­chen­de Stim­mung, oder?

    #15

  16. Pierrot lunaire sagt:

    …Sel­te­ner ist et­was falsch, wie et­wa die Phra­se vom Ga­lopp­ren­nen-Der­by in Bad Do­beran…

    Fast al­les, was Il­lies über das »Skan­dal­kon­zert« zu be­rich­ten weiss ist schlicht falsch. Über­haupt scheint er sich mit Mu­sik nicht aus­zu­ken­nen, muss man ja auch nicht, das Lek­to­rat hät­te es ihm aber nicht durch­ge­hen las­sen dür­fen. In Ar­nold Schön­bergs Kom­po­si­ti­on mit der Opus­num­mer 13 (»Frie­de auf Er­den«) fin­det sich selbst­ver­ständ­lich nicht nur ein 13. Takt, son­dern auch ei­ne 13 als Ab­schnitts­be­zif­fe­rung. Usw. usf.

    Ach ja, Ma­le­witschs er­stes schwar­zes Qua­drat stammt tat­säch­lich aus dem Jahr 1915.

    #16