Warum ich keine Literaturkritik mehr schreibe

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Daß ich überhaupt Literaturkritik geschrieben und veröffentlicht habe, liegt daran, daß ich als junger Mann auf den Besitz von Büchern versessen war, aber nicht genug Geld hatte, mir welche zu kaufen. Als Rezensent hat man ein Recht auf sein Rezensionsexemplar, man läßt sich nicht mit losen Druckfahnen abspeisen. Später dann, als ich nach Argentinien und von dort nach Japan ging, trennte ich mich von meiner mittlerweile stattlichen Bibliothek. Schon vorher waren mir die Bücher mehr und mehr zur Last geworden: die Wohnung verstaubte, und es wurde immer schwieriger, eine Ordnung aufrechtzuerhalten. Ich sagte mir, das Wesentliche dieser Gebrauchsgegenstände, ihren Inhalt sozusagen, hätte ich ohnehin in meinem Kopf gespeichert, und so verkaufte ich die gesamte Bibliothek zu einem Spottpreis (abgesehen von einigen Ausnahmen wie der Pléiade-Werkausgabe von Borges). Ich fühlte mich erleichtert und habe diesen Schritt nie bereut.

Mit meiner kritischen Tätigkeit fuhr ich fort, aus Trägheit und anhaltender Neugier. Hatte ich die Bücher gelesen, verschenkte ich sie oder ließ sie irgendwo zurück. Das digitale Zeitalter hatte inzwischen begonnen, und ich war froh, daß mir die Verlage pdf-Dateien schickten anstelle von Bücherpaketen. Sie taten es anfangs mit einem gewissen Mißtrauen, ganz so, als könne man mit digitalem Gut mehr Schindluder treiben als mit analogem. Daß ich auf die Zusendung eines »echten« Buchs verzichtete, verstanden sie nicht; hartnäckig schickten sie mir das Rezensionsexemplar, das mir zustand.

Eigentlich wollte ich immer schon Schriftsteller werden, aber es mangelte mir am nötigen Selbstbewußtsein. So war ich überrascht und glücklich, als mir gegen Ende meines Studiums, als ich nolens volens irgendwelche beruflichen Schritte unternehmen mußte, wozu ich gänzlich unfähig war, der Leiter einer Literatursendung im Radio auf meine Anfrage zurückschrieb, er wolle mich unter seine freien Mitarbeiter aufnehmen. Kurz darauf ergab sich für mich, nachdem zwei andere Bewerber abgesagt hatten, die Mög­lichkeit, als Lektor an eine Universität nach Frankreich zu gehen, und ich ließ sie nicht verstreichen. Erst einige Jahre später, als ich immerhin schon einen Roman in der Schublade hatte und ein wenig aus dem Französischen übersetzte, begann ich wirklich, Literaturkritik zu schreiben, aus dem eingangs erwähnten Grund, denn mein Brotberuf war nie besonders einträglich. Damals ging man noch persönlich in Redaktionen, um Text zu liefern, anfangs tatsächlich noch auf Papier, dann auf einer Diskette, die ich in einen Schlitz am Hauptcomputer der Zeitung, für die ich schrieb, stecken mußte.

Der zuständige Redakteur fragte mich damals, was ich sonst so täte. Ich wußte keine rechte Antwort, von meinen Schubladen wollte ich nicht erzählen, und so lautete der Kommentar des Redakteurs zu meinem Gestotter: »Aber vom Artikelschreiben kann man doch nicht leben.« Danke für die Auskunft, dachte ich und war zu perplex, um zu ant­worten. Auf die Idee, mir irgendwelche Hinweise, eine kleine Handreichung zu geben, kam der Mann nicht. Umgekehrt kam ich nicht auf die Idee, die mir auf abstrakter Ebene durchaus bekannt war, daß man nämlich seine Ellbogen einsetzen muß, um sich im Medienbetrieb ein sei es auch noch so kleines Plätzchen zu verschaffen (im Literatur­betrieb gilt dasselbe, auch unter Übersetzern). Bei der Wochenendbeilage derselben Tageszeitung bekam ich nach annähernd zehn Jahren freier Mitarbeit Schwierigkeiten, weil ich in anderen Organen zu veröffentlichen begonnen hatte. Man erwartete von uns Schreiberlingen, daß wir dem Blatt treu blieben – so sah die Freiheit aus. Ausnahmen wurden bei sogenannten Berühmtheiten gemacht, die durften veröffentlichen, wo sie wollten.

Diese Geschichten spielen in Österreich, einem engen Ländchen mit sogenannter Pressekonzentration, wo Eifersüchteleien und Mißtrauen gang und gäbe waren. Andererseits: Vom Artikelschreiben kann man nicht leben – vor allem nicht, wenn man nur für ein Organ schreibt. Ich versuchte zu wechseln, was mir auch nicht recht gelingen wollte, und war froh, als sich die Möglichkeit ergab, regelmäßig für eine Schweizer Zeitung zu schreiben, die über solchen Kleinkram erhaben war und ist, obwohl ja auch die Schweiz, nach dem Bekunden einiger von dort stammender Autoren, ein enges Ländchen ist: wahrscheinlich doch, trotz der verbindenden Alpen, mit etwas weiterem Horizont.

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Bei derselben Zeitung kam es kürzlich zu personellen Änderungen in der Kulturredaktion. Jahrelang hatte ich vor allem über lateinamerikanische, österreichische und ostasiatische Literatur geschrieben. Zufällig hatte sich ein und dieselbe Person um diese Bereiche gekümmert, und jetzt war sie weg, ich hatte keinen Ansprechpartner und wenig Lust, mir neue zu suchen – bei flüchtigen Emailkontakten kamen mit diese Leute kalt, eilig und oberflächlich vor (anscheinend bin ich von den arbeitsweltlichen Realitäten heillos entwöhnt). Ich beschloß, die Konsequenzen zu ziehen und mich bis auf weiteres nicht mehr um Literaturkritik zu kümmern. Will man literaturkritisch tätig sein, ist eine Voraussetzung, im Hinblick auf die Produktion der Verlage einigermaßen auf dem Laufenden zu sein. Das bin ich nun seit einigen Jahren immer weniger; die Zeiten, in denen man die Verlagsvorschauen durchblättern muß, sei es digital, sei es analog, um sich die »interessanten« Neuerscheinungen herauszusuchen und Vorschläge an die Redak­tionen zu machen, waren mir zur Belastung geworden, ein regelrechter Alpdruck, dem ich mich immer widerwilliger auslieferte. Die Verlage produzieren im Halbjahresrhythmus, Frühjahrs- und Herbst-Kollektion, was seit der sogenannten Wende, also dem Zusam­menbruch der DDR, auch bedeutet: Leipziger und Frankfurter Buchmesse.

In dieser Produktionsroutine haben sich während der letzten Jahrzehnte die sogenannten Vorlaufzeiten immer mehr verlängert. Es scheint nötig zu sein, »wichtige« Neuer­scheinungen (und auch die weniger wichtigen) von langer Hand vorzubereiten, zu bewerben, zu mediatisieren, Kontakte herzustellen nicht nur mit Literaturkritikern, sondern auch mit Jury-Mitgliedern und Kulturmanagern aller Art, mögliche Literatur­preise zu sondieren und einzufädeln – und außerdem muß man natürlich lektorieren, Entscheidungen hinsichtlich Cover und sonstiger Ausstattung treffen, in manchen Fällen noch bevor das Buch fertiggeschrieben oder übersetzt ist. Ein heftiger Kampf um mediale Aufmerksamkeit, von dem die Masse der Leser gar nichts weiß. Die Verlagsvorschauen werden immer früher verschickt, die kleinen Verlage sind oft spät dran und verlieren allein schon deshalb im Aufmerksamkeitskampf an Terrain. Mittlerweile, unterstützt durch die ausschließlich gewordene Emailkommunikation, die in sogenannter Echtzeit funktioniert, ist es üblich, Vor-vorschauen zu verschicken, so daß die Literatur­kritiker schon im Frühjahr wissen, was sie im Herbst erwartet. Ich frage mich, wann es Vor-vor-vorschauen geben wird, und so weiter, man kann das Spiel – oder die ökonomische Hysterie – natürlich ins Unendliche treiben. Ernsthaft gesprochen: Ich hatte von Saison zu Saison immer weniger Lust und noch weniger Bedürfnis, mich zu »informieren«. Die Vorschauen und Vorvorschauen blieben eine Weile in meiner Mailbox, bevor ich sie löschte. Und da mir die zweite Informationsmöglichkeit, das Netzwerk der Gerüchte, die Privatkommunikation der Lobbys, nicht (oder nur sehr rudimentär) zur Verfügung steht, weil ich am Rand der Welt wohne und dieses berühmt-beliebte Networking nie sonderlich anziehend fand, weiß ich immer weniger Bescheid.

Und will auch nicht mehr Bescheid wissen von diesem – welche Verfluchung kommt jetzt? – sagen wir’s freundlich-bajuwarisch: von diesem Schmarren. O nein, es ist nicht alles Schmarren, was glänzt, ich weiß es wohl. Es ist wie im Internet: viel Mist, viel Shit und überraschende Perlen. Wer sich ganz davon abwendet, findet auch keine Perlen. Aber die ganze Mühe, nur wegen… Man kann das Burn-out nennen, mit einem Modewort, oder einfach sagen: Ich hab die Schnauze voll. Die Produktion der Verlage ist insgesamt un­geheuer gewachsen, Kinderbuch wie Sachbuch wie Romane und wie die Kategorien alle heißen, sogar Lyrik, alles wird in ungeheurer Fülle produziert oder scheinproduziert, und zugleich das Gejammer, daß niemand mehr liest, Krise der Verlage, des Gedruckten, des Buchstäblichen und so weiter und so fort. Da kam mir die Änderung in der Schweizer Redaktion gerade recht: zugleich schmerzlicher und willkommener Anlaß, den ganzen Mist hinter mir zu lassen. Ich fühle mich wieder einmal – erleichtert.

Also: Burn-out, Neusprech, sei’s drum. Aber das ist nicht der einzige Grund des literaturkritischen Unbehagens, das jetzt in Unwillen umschlägt. Die Fülle allein der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, abgesehen von den anderen Kategorien, ist unüberschaubar. All das halbjährlich Veröffentlichte können nicht einmal die wenigen hundertprozentigen professionellen Literaturkritiker lesen, ja, sie können es nicht einmal durch Sekundärinformationen einigermaßen verläßlich kennen. Sie tun alle nur so, schließlich sind sie professionell. Sie machen mit bei den Hypes, die irgendwer anzettelt, letztlich natürlich der ökonomisch Interessierte, haben sich unter Umständen ein be­stimmtes Urteilsvermögen bewahrt und sagen, was angesagt ist, weil es eben angesagt ist und in mediendynamischen Prozessen entsprechend funktioniert, das heißt multipliziert wird. Um die entsprechende Aufmerksamkeit, die das Objekt der Begierde und zugleich Treibstoff des Mechanismus ist, ringen alle Beteiligten, auf der untersten Ebene die im Vergleich zu früher gewachsene Zahl der Autoren, die, wenn nicht Ruhm und Erfolg, so zumindest, das ebenfalls gewachsene und ausdifferenzierte System von Preisen, Stipen­dien, Stadtschreiberposten im Auge haben. Es ist nicht verwunderlich, daß in dieser Situation zwei neue Literaturtypen entstanden sind: Erstens die Stipendiatenprosa (auch -lyrik und -dramatik), um ein vom Kulturjournalismus kreiertes Wort zu gebrauchen. Ich könnte nicht genau angeben, woran man diese Art von Literatur erkennt, lese sie auch nicht viel, bin aber immer wieder damit konfrontiert. Oft scheint sie mir langweilig, sauber (noch in der Provokation), gekonnt. Sie findet durchaus Anerkennung, obgleich hin und wieder ein Kritiker von oben herab lächelt, wie man überhaupt in den letzten Jahren den Eindruck gewinnen konnte, die Profis der Kritik hielten sich selbst für die besseren Autoren, nur haben sie leider keine Zeit, Romane zu schreiben (hin und wieder tun sie es doch, mit – noch ein Medienwort – durchwachsenen Ergebnissen). Die zweite Art von Literatur, die nach meiner Beobachtung unter den jüngeren Generationen immer häufiger auftritt, zeichnet sich durch Bemühtheit aus, sie ist besonders originell oder will zumindest so wirken. Das kann sowohl die sprachliche Ausdrucksform, die Häufigkeit besonderer, von Alltagssprache abweichender Wendungen betreffen als auch den Erzählstoff, die Episoden, die Szenen, die besonderen Blickwinkel, die sonderbaren Konstellationen. Als »Literaturkritiker« – seltsam, ich sehe mich da lieber zwischen Anführungszeichen – bin ich zum Schluß gekommen, daß die ökonomische Hysterie von Verlagen und Medien und der Kampf der Autoren, sich durchzusetzen oder zumindest ein Plätzchen, ein Auskommen zu finden, diese Entfaltung, fast möchte ich sagen Wucherung dieser beiden Phänomene fördert. Hinzu kommt die zweifellos ebenfalls ökonomisch bedingte Blüte von Dichtungsschulen und -hochschulen, die einerseits älteren Autoren dazu dient, ihre Existenz abzusichern, und andererseits jüngeren, also den Literatur-Azubis, Einblick, Kenntnisse und Techniken zu gewinnen, die sie für den Kampf im Literaturbetrieb und in der massenmedialen Szene ausrüsten. (Wie groß der Einfluß dieser Einrichtungen tatsächlich ist, wage ich allerdings nicht zu sagen.)

So sind die Entwicklungen der »Literaturgesellschaft«, wie man früher mal sagte, gelaufen; sie stören mich nicht und begeistern mich nicht, tun aber das Ihre, um die Last auf den Schultern des Literaturkritikers schwerer zu machen. Was mir fehlt, ist die Notwendigkeit, die Dringlichkeit der Texte und Bücher, die jene Autoren, die ich schätze, vermitteln und die ich aus eigener Erfahrung zu kennen glaube. Schreibt man noch um das eigene Leben (und vielleicht um das der anderen), wenn man um ein Stipendium, einen Verkaufserfolg, einen Platz in irgendeinem Ranking schreibt? Und lohnt es die Mühe, sich als »Literaturkritiker« jedes Jahr zweimal durch das Dickicht der Vorschauen und Werbetiraden, zu denen die Klappen- und sonstigen Verlagstexte verkommen sind, zu kämpfen? Ich habe nicht diesen Pfadfindergeist vor allem älterer und männlicher Profi-Kritiker, die sich stillheimlich oder laut gönnerisch damit brüsten, wieder so ein Talent oder gar ein Genie eher weiblichen als männlichen Geschlechts entdeckt zu haben, von denen viele – nicht alle – nach kurzer Zeit in der Versenkung verschwinden. Bei der Vielzahl der Konkurrenten, der Kämpfer um Aufmerksamkeit, ist die statistische Chance gering, es über mehr private als publike Websites hinaus ins Licht der Öffentlichkeit zu schaffen (die Minipublizität im Internet ist natürlich ein weiterer Anreiz für viele, sich zum »Autor« aufzuschwingen). Umgekehrt ist es erstaunlich, wie schnell und mit wie wenig einer heute »berühmt« wird, wenn er auf die richtige Welle gerät.

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Die hier beschriebene Situation bringt die literarische Wertung in eine Krise und stellt neue Herausforderungen an sie. Generell ist mein Eindruck, daß sich die Profi-Kritiker über Kriterien für ihr Tun und Lassen nicht mehr viel Gedanken machen und daß Wertungen, Rangordnungen, Kanonbildungen über ihre Köpfe hinweg geschehen. Der Mainstream, durch digitale Massenkommunikation verstärkt und beschleunigt, beherrscht auch die Literaturszene, was angesagt ist, wird kaum noch hinterfragt. Die Wertungs­dynamiken, die Hypes und Bashings, das Liken und Disliken, geschehen in den ent­sprechenden Medien scheinbar ohne Subjekte, die sie hervorgerufen und geplant haben. Solche Hervorrufer und Planer mögen im Hintergrund am Werk sein, die ausgelösten Prozesse zu kontrollieren, ist meistens nicht möglich. Rankings, ob sie nun quantitativ (ökonomischer Erfolg) oder qualitativ (Vorlieben von Fachleuten) ausgerichtet sind, beherrschen mehr denn je den Betrieb und das Verhalten der Kritiker, Leser, Käufer. Zuweilen hat man den Eindruck, daß Hypes und Bashings als mediale Automatismen ablaufen. Letzten Endes setzen sich dabei marktkonforme Produkte durch.

Will man Literaturkritik im Sinn eines kommunikativen, auch reflektierten und reflektierbaren Spiels der Wertungen von Fachleuten weiter betreiben, wird man sich überlegen müssen, was man den medialen Ranking-Mechanismen entgegensetzen kann. Ich schreibe »Fachleute«, wohl wissend, daß der Ausdruck und das, was er ausdrückt, keine gute Presse haben. Ich meine damit einfach Leute, die sich auf irgendeine Art Kompetenzen erworben haben und sowohl zur Darstellung wie auch zur Begründung von Urteilen fähig sind. Der Ausdruck zieht bewußt eine Grenze zu den Hobbyrezensenten, die sich im Internet tummeln, zum Beispiel in den Foren der Buchhandlungen (die längst alles mögliche verkaufen, so daß Literatur dort nur noch als Nebensache vorkommt). Ich finde diese Meinungsbekundungen der Kunden und User durchaus interessant, aber auch problematisch, weil sie unabhängig vom Willen der Schreiber ein Stützpfeiler der Main­streamdynamik sind. Insgesamt folgen sie der Logik des Kommerzes, aber keiner literarischen oder intellektuellen Logik. Jedenfalls sollten die Fachleute gegenüber all den Rankings und Kundenzufriedenheitsskalen versuchen, ihre Rolle weiterzuspielen, indem sie sich von jener andere Logik Gebrauch machen. Tun sie es nicht, dankt die Literatur­kritik als solche ab, bedeutet dies den endgültigen Triumph der Logik von Kommerz und Mainstream.

Beim gegenwärtigen Stand der Dinge kann man sich aus dem akademischen Bereich kaum Unterstützung für die Aufrechterhaltung literarischer Wertung erwarten. Diese Disziplin, dieses Thema wurde vor etwa vier Jahrzehnten von sogenannten Literaturwissen­schaftlern bedient, ist aber in diesem Milieu mittlerweile geradezu verpönt. Da die Literaturwissenschaftler nicht mehr in der Lage sind, zu neueren Phänomenen des Literarischen Stellung zu beziehen, übernehmen sie einfach die Ergebnisse der kommerziell-medialen Filter. Gegenwartsliteratur ist für die Literaturwissenschaft heute das, was die Rankings ausspucken. Dabei sind dann immer auch persönlich Vorlieben im Spiel, die kaum je öffentlich gemacht werden. Zu Beginn seines Buchs über den deutschen Pop-Roman erzählt der Germanist Moritz Baßler von den Zweifel, auf die er an einer Universität in den USA stieß, als er dort ein Seminar über sein Lieblingsthema halten wollte. Ein Professor fragte ihn, ob er ihm denn »versichern könne, daß die behandelten Werke in Zukunft auch zum Kanon gehören würden (so wie, meinte er, Patrick Süßkinds Das Parfum). Nein, das kann ich nicht. Aber wir arbeiten daran.« Nonchalanter, ein wenig frecher Tonfall, passend zur Pop-Literatur, die Baßlers Analyse zufolge keine Scham­gefühle mehr kennt. Daß er überhaupt auf den Kanon Einfluß nehmen will, ist lobenswert. Ich fürchte allerdings, er tut es ebenso medienkonform wie der amerikanische Professor. Zufällig (oder auch nicht) ist der Held eines seiner Referenzbücher, die wohl im künftigen Kanon einen wichtigen Platz einnehmen sollen, Soloalbum von Benjamin von Stuckradt-Barre, Musikjournalist. Kompensiert wird solche Abhängigkeit dadurch, daß Medien­theorie und die Untersuchung medialer Thematiken in literarischen Werken in Mode stehen.

Natürlich ist es nicht einfach, ein neues Werk zu bewerten. Es war nie einfach, aber die unüberschaubare Fülle der Neuerscheinungen und der vielfältige Einfluß der Medien­gesellschaft machen es noch schwieriger. Daß man im Urteil schwanken kann, weiß ich aus eigener Erfahrung; im Grunde weiß es jeder Wertende, der zu Selbstbeobachtung und Selbstreflexion fähig ist. In einem Fall habe ich sogar ungefähr zeitgleich, aber an zwei verschiedenen Orten zwei Besprechungen ein und desselben Romans veröffentlicht, von denen die eine unterm Strich eher positiv, die andere negativ war. Jetzt will ich doch einmal einen Namen nennen: Es handelte sich um ein Buch des österreichischen Jungautors Reinhard Kaiser-Mühlecker, dem man eines sicher nicht absprechen kann, nämlich daß er ein starkes, naturhaft wirkendes Erzähltaltent besitzt. Noch ein Name, ein ganz anderer Autor, bei dem mich die früheren Werke eher überzeugen als die späteren, was uns bei weiterem Nachdenken auf das Problem des Spätstils brächte, das ebenfalls komplexe Wertungsfragen mit sich bringt. Von Haruki Murakami gibt es Bücher, die mir rundum gelungen scheinen, und andere, die ich geschwätzig finde. Eines seiner letzten hat mich regelrecht verärgert, weil der Autor in seine Figuren mittlerweile dermaßen selbstverliebt ist, daß unter der Hand, im Verlauf der Hunderte Seiten, selbst die Übeltäter, deren Machenschaften er eigentlich durchleuchten will, sympathisch wirken. Das gute und notwendige Vorhaben, Gewalt gegen Frauen in einer scheinbar friedfertigen Gesellschaft wie der japanischen mit einer erzähltechnischen Mischung aus Alltags­realismus und Fantasy zu zeigen, hat Murakami leider verschenkt, und genau das ist es, was mich ärgert.

Man kann auf Werturteile auch verzichten, aber der Leser, der keinen beruflichen Zwängen gehorcht, weiß in der Regel und sagt, ob ihm ein Buch gefallen hat oder nicht, und oft möchte er seinen Eindruck auch mitteilen. Die sogenannte Literaturwissenschaft hat es sich zur Gewohnheit gemacht, die Biographie des Autors und seine möglichen Absichten auszublenden, um sich nur noch um Strukturen zu kümmern, die angeblich den Texten selbst inhärent bzw. intertextuell sind (wobei die modische Rede von Intertex­tualität meist nur die persönlichen Vorlieben bzw. die rudimentären Kenntnisse der sogenannten Wissenschaftler wiedergibt). Der Autor ist tot (noch vor seinem Tod), und der Text mit seinen Buchstaben ist noch töter. Man hütet sich, ihn durch Verstehen oder Interpretieren zum Leben zu erwecken. Leben und Werk, sollte es dort draußen wirklich ein Leben geben, haben nichts miteinander zu tun.

Ein Sonderproblem des Wertens hat sich im digitalen Zeitalter mit der Möglichkeit aufgetan, zahllose Texte und Textpassagen leicht und rasch zu kopieren, um sie im eigenen Text zu verwenden, der dann in bestimmten Fällen kein eigener mehr ist. Lüge, Betrug, Diebstahl geistigen Eigentums! Wer in seiner Arbeit ausgiebig kopiert und den Besitzer des geistigen Eigentums nicht nennt, wie es die kurze Zeit gehypte, damals jugendliche Helene Hegemann in ihrem Roman Axolotl overkill (oder so ähnlich: ich habe keine Zeile des Buchs gelesen, dafür aber schon beim Titel an eine Erzählung von Julio Cortázar gedacht: der Axolotl ist mir seit jener Lektüre vertraut)1, wird fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel, ja, in bestimmten Fällen als geistiger Verbrecher abgekanzelt. Wohl wissend, daß Autoren von ihren Werken leben wollen und sollen und sie daher ein Anrecht haben auf Respektierung und Vergütung ihrer Leistungen, halte ich dafür, daß das – wieder einmal paßt das Wort: hysterische Denunzieren des Mißbrauchs geistigen oder künstlerischen Eigentums letztlich nichts anderes ist als ein Ausdruck der Ökonomi­sierung, der Monetarisierung sämtlicher Lebensverhältnisse, deren Anfänge in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts liegen. Das gehört mir, und ich lasse es mir nicht nehmen! Nimmst du es mir, verklage ich dich! Dieses Denk- und Verhal­tensmuster wurde von den Konzernen der Kulturindustrie geprägt und von Millionen, wenn nicht Milliarden Weltbürgern, die ihre Freiheit zu gebrauchen wähnen, internalisiert. Mit Blick auf Diskussionen wie die um Hegemanns Axolotl halte ich dafür, daß es überhaupt nicht darum geht, ob jemand irgendwo abschreibt, sondern allein darum, wie er es macht, was letzten Endes heißt: gut oder schlecht. Es gibt viele Arten, sich fremder Texte zu bedienen, man kann es offen oder versteckt tun, parodistisch oder ernsthaft usw. Durch die Rückführung und das Starren auf die eine große, letztlich monetäre Frage »Hat er/sie geklaut?« drückt man sich um die Frage nach dem Wie, also um die Wertung. Dazu, zur begründeten, zumindest begründbaren Wertung, sind viele »Kritiker«, die ihren Geschmack strapazieren, gar nicht mehr fähig.

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Ein mit mir befreundeter Autor, der ebenfalls seit Jahrzehnten Kritiken schreibt, meinte einmal im Gespräch, er sei es leid, sich dauernd mit Büchern auseinandersetzen zu müssen, die schlechter seien als seine eigenen. Ich kenne diese Empfindung, und selbst wenn ich bedenke und zu bedenken gebe, daß wir alle eitel sind und uns womöglich überschätzen, ist etwas dran an seiner Bemerkung. Auch mein Kollege spürt den Zwang des Mitmachens in einem Betrieb, der seine Rhythmen immer mehr beschleunigt. Beschleunigt bis zu welchem Punkt, welchem Tempo? Das fragen wir uns. Ich sehe hier eine Parallele zur Sackgasse des Immer-mehr, Immer-besser, Immer-schneller, in der sich heute die gesamte Ökonomie und das Denken befinden, so daß bei den wenigen ver­bliebenen, ja: kritischen Geistern die Befürchtung wächst, das alles könne nur noch auf Zerstörung hinauslaufen, die Vorbereitung einer neuen Stunde Null, in der man dann wieder in vernünftigen Rhythmen zu produzieren beginnen könne.

Was sollen wir tun? Uns den Zwängen entziehen? Soweit das halt möglich ist… Die liquide Freiheit im Internet suchen, uns in Nischen wie der hier begeben, abseits vom massen­medialen Mainstream? Das Internet beherbergt und schafft zwar diese Lücken, kleinen Höhlen, Nebenflüsse und Seitenarme, transversalen Stege, Bogenbrücken, es ist aber auch der erste Schauplatz des Mainstreams und des monetarisierten Denkens. Die Rand- und Zwischengänger tun, was sie tun, aus Liebe zur Sache, zur Literatur, im Unterschied zu den Spaßkünstlern aller Art haben sie keinen Zugang zu den Geldtöpfen des Kultur- und PR-Kapitalismus. Das kommunikationstechnische Medium des Internets bietet die Möglichkeit, sowohl kurze als auch lange, sogar endlos lange Texte zu veröffentlichen. Auch wenn die Mainstreamtendenz zur Kürze geht, letzten Endes zum Bild anstelle der Schrift, zu illiteraten Ausdrucksformen (siehe Instagram): Es wird geklickt und geguckt, aber kaum gelesen. Ein Blog wie dieser bietet mehr Freiheit als etwa eine Tages- oder Wochenzeitung, weil er sich nicht im selben Maß von vermeintlichen Notwendigkeiten – Aktualität, Wichtigkeit, Werbeflächen – leiten läßt. Er kann die Kriterien wechseln, flexibel handhaben, mal so, mal so agieren. Freiheit und Verantwortungsgefühl, beides. Abstand nehmen und sich ins Getümmel stürzen, beides. So kann ich mir Literaturkritik für die Zukunft noch am ehesten vorstellen, als Tun und Lassen nach Lust und Laune, gepaart aber mit Kompetenz und Verantwortungsbewußtsein (oder Gewissenhaftigkeit). Souveräne Freiheit vor allem bei der Auswahl des zu Besprechenden. In den vergangenen Jahrzehnten ist nicht nur die Zahl der Autoren, sondern auch die Zahl der Verlage beträchtlich gestiegen. Warum muß sich, wie es bei Buchbeilagen und Bücherschwer­punkten der Zeitungen der Fall ist, die Auswahl auf die stark beworbenen Produkte einer Handvoll ökonomisch potenter Verlage, hinter denen Konzerne stehen, beschränken? Tatsächlich haben die herkömmlichen Medien, ihre Vertreter und Seilschaften, an Autorität eingebüßt. Will man Werte und Wertungen aufrechterhalten und eventuell ändern, umwerten, neu schaffen, wird man auf Autorität nicht verzichten können; eine Autorität, die auf Kenntnissen, Gespür, Reflexions- und Darstellungs­vermögen fußt und Mut, Risikobereitschaft, Unabhängigkeit beinhaltet. Diese Autorität jedoch gepaart mit dem freien Belieben, das ich hier zu umschreiben versuche. Es gälte, der verinnerlichten Sklaverei des kommerzialisierten Kulturbetriebs zu entrinnen, ihm nach Möglichkeit immer wieder ein Schnippchen zu schlagen. Diese beiden Seiten lassen sich im Internet eher vereinbaren und praktizieren als in den herkömmlichen Medien. Man ist dabei freilich zu einem minoritären Dasein am Rand des Randes oder im Zwischen des Zwischens – paßt das Wort?: – verdammt. Minoritär werden, Fluchtlinien ziehen, das hatte Gilles Deleuze einst noch als Programm einer neuen Freiheit formuliert. Heute bleibt uns, wollen wir Werte und künstlerische Formen, die ihren Namen verdienen, bewahren, gar nichts anderes übrig. Fluchtlinien ziehen, die sich vielleicht vernetzen.

Seltsamerweise verknüpft sich in meinen Überlegungen die Spannung von Freiheit und Autorität mit der von Kurzform und schweifendem Schreiben. Rezensionen habe ich von Anfang an als Kunstform verstanden, bei der die relative Kürze eine wesentliche Rolle spielt. Auch die Schnelligkeit, mit der man oft schreiben muß, um den Text rechtzeitig abzuliefern, habe ich eher als anregend denn als belastend empfunden. Im Internet ist die Umfangsbeschränkung nicht notwendig, aber die (relative) Kürze als Kriterium für Besprechungen würde ich trotzdem aufrechterhalten. Sie fordert vom Schreiber, auf Wesentliches zu fokussieren und von Kleinigkeiten abzusehen. Diese Aufgabenstellung habe ich meistens als anregend empfunden. Sie fördert eine Art Extremismus, nämlich entweder zu loben (oft über den grünen Klee) oder zu verreißen (oft ungerecht). Reich-Ranicki hat nicht zuletzt durch seine Bereitschaft zu solchem Extremismus geglänzt. Andererseits ist mir im Lauf der Zeit klar geworden, daß es noch eine höhere Stufe der Kritik gibt, nämlich die ausgewogene, gerechte Rezension, die nicht unbedingt länger oder komplexer sein muß als eine Lobschrift oder ein Verriß. Recht verstanden, geht es darum, die Widersprüche eines Werks herauszuarbeiten, oder den Hauptwiderspruch, manchmal, um einen Einwand, ein Bedenken zu formulieren, besser aber, um aus der Widersprüch­lichkeit, die die meisten Werke und ihre Verfasser, jedenfalls die interessanteren unter ihnen, kennzeichnen, ästhetische Qualitäten herzuleiten. Das, glaube ich, ist die höchste Kunst der Literatur- und allgemein der Kunstkritik.

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Sag niemals nie. Wahrscheinlich wird mir auch in Zukunft hin und wieder ein literatur­kritischer Text unterlaufen. Wovon ich mich freimachen möchte, ist nicht eine bestimmte Ausdrucksform, sondern der Zwang, den ihr Gebrauch unter bestimmten Umständen mit sich bringt. Zumal es für alle Medien, alte und neue, an der Zeit ist, die Automatismen des Rezensierens zu überdenken. Zumal immer mehr Feuilletons den alten Anspruch, die literarische Produktion in irgendeiner Weise, sei es auch gerafft, widerzuspiegeln, still und heimlich aufgeben. Sie veröffentlichen immer weniger Rezensionen, dafür mehr Interviews, sogenannte Porträts, Homestories usw.

Was mich betrifft, so ist da ein Genre, dem ich mit Sicherheit treu bleiben werde: der Essay. Besonders der Essay mit Bezug auf ästhetische Phänomene. Er besitzt eine lange und reiche Geschichte, seine Form ist oft schweifend, seine Erzähl- und Denkweise – für mich jedenfalls – spannend. Der Kritik als Metaerzählung verwandt, ist er durch seine offene Form zugleich ihr Gegenteil. Vielleicht können Publikationsorte im Internet diesem Genre Obdach geben, obwohl ich wegen der Flüchtigkeit des Rezeptionsverhaltens an den Computerterminals Zweifel hege. Zwischen der Konzentration der Kurzform und den tastenden, schweifenden Versuchen müßte man sich frei bewegen können. Der Essay erlaubt (und verlangt) mehr als die Kritik die Ausübung einer Verstehenskunst, die die Werke nicht oder jedenfalls nicht rasch beurteilt, sondern sie durchdringt, in ihnen lebt, zuweilen symbiotisch, dann wieder in kritischer (!) Distanz.

Interpretieren, weiterdenken, weiterschreiben, andere Ebenen entdecken dank der Werke, denen man nachspürt. Das braucht oft Zeit. Der Zeitdruck des Betriebs hilft hier nicht weiter, er stört.

Zu wünschen und zu fordern ist heute, daß die Wertung literarischer, künstlerischer Erzeugnisse und Ereignisse weiterhin (oder wieder) von kompetenten Leuten betrieben wird. Das wird nur der Fall sein, wenn ihre Voraussetzungen reflektiert und gege­benenfalls beeinflußt, erneuert, den Umständen angepaßt werden. Geschieht das nicht, überläßt man die Wertung den medialen Rankings und ihren wuchernden, kommerziellen Interessen gehorchenden, den Mainstream verbreiternden Prozessen. Auch egal. Egal? Nein, es ist keineswegs so, daß alles gleich gilt, anything goes: dieser Spruch aus den Zeiten der Postmodernde gilt nicht mehr. Die no-goes sind heute stärker und zahlreicher als vor zwei oder drei Jahrzehnten. Nur daß keiner weiß, warum etwas geht und warum nicht. Geschmack eben. Like und dislike. Scheinbar freie, demokratische Ströme. Oder doch gelenkt?

© Leopold Federmair


  1. Gemeint ist »Axolotl Roadkill« – G. K. 

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18 Kommentare zu »Warum ich keine Literaturkritik mehr schreibe«:

  1. :Ludwig sagt:

    Was ist mit »… literarischen oder intellektuellen Logik. …« gemeint – und schließt etwa literarische Logik die intellektuelle ein und das nicht vice versa?

    Ich las und in mir keimt der Schluss, dass der Essay die Möglichkeit bietet, Literaturkritik auf eine Art zu üben, die Werk und Werden auf eine Art gerecht werden kann, die dem künstlerischen Potential (Sehnen?) des Verfassers Möglichkeit zur Entfaltung einräumt.

    Dass die als segensreich empfundene Notwendigkeit zu zeitnahem Verfassen einer Kritik und der Forderung nach knapper Form später als Sog des Kommerzes und der Mode empfunden wurde – die nach Hopp oder Top Entscheidungen verlangte und keinen Raum zu differenzierter Betrachtung ließ.

    Und doch: Ich las eine Kritik, eine des Systems, eine selbstreflektierte – und kann mir nicht vorstellen, dass eine als Essay verfasste Literaturkritik keine Literaturkritik ist.

    Danke schön. Für die Anregung.

    #1

  2. Peter Brinkemper sagt:

    Leopold Federmair »liefert« sensible Reflexionen über das Panorama des tosenden Digitalen des Literarischen, das heute Ideenfindung/Invention, Produktion, Distribution und Rezeption in einen turbulent vernetzten Mahlstrom hineinzieht. Die einsame Stimme, die sich schriftlich Schritt für Schritt verfasst, ist da selbst nur noch Fiktion. Aber auch die enzyklopädische Übersicht. Bei Autoren, Kritikern und Lesern. Vielleicht waren sie das schon in der Neuen Sachlichkeit, der Verfremdung und der Montage. Und vielleicht ist die Aura einer philologisch, ästhetisch und philosophisch fundierten Literaturkritik nur noch ein dünner Überzug, Small Talk, Klappentext, der schnell bei ansteigender Temperatur zerplatzt. Was ist mit der Erfolggeschichte des »Marsianer« – bis hin zur schnellen Produktion von Ridley Scotts Film. Sagt dieses Buch und seine Verfilmung nicht alles aus – über den neuen Bastelcharakter von Werken über die zielgruppenorientierten Erfolgsquoten in entsprechenden Lese-Nischen?

    #2

  3. Ludwig sagt:

    »…
    Die einsame Stimme, die sich schriftlich Schritt für Schritt verfasst, ist da selbst nur noch Fiktion.
    …«

    wunderbar

    #3

  4. Dieser sehr schöne Text bündelt ein Unbehagen, dass genau genommen gar nicht so neu ist. Schon 1986 stellte Enzensberger die »Rezensenten-Dämmerung« fest. Der Kritiker existiere nicht mehr, an seine Stätte sei, so der Befund, der »Zirkulationsagent« getreten, der eingebunden sei in einen »Kreislauf von Produktion, Vertrieb, Lektüre, Kommentar und Interpretation«. Enzensberger machte damals nicht den Eindruck, dass er das Verschwinden des Kritikers und der ihm zugestandenen Autorität vermisse, aber mit der ökonomischen Orientierung eines »literarischen Journalisten« war er auch nicht einverstanden.

    Das ist 30 Jahre her und inzwischen werden die 1980er Jahre von denen, die sie erlebt haben, fast schon verklärt. Spricht man mit professionellen sogenannten Kritikern wird zwar allenthalben die Hektik des Betriebs konstatiert, aber einen irgendwie gearteten Verfall der Standards will man nicht sehen. In einer Diskussionsrunde im letzten Jahr in Erlangen erklärte eine Kritikerin, sie habe einmal einige Kritiken aus den 80ern nachgelesen. Sie suggerierte, dass damals nicht alles besser war; eher im Gegenteil.

    Eine große Stärke des Essays ist, dass er nicht einfach in die Vergangenheit flüchtet, sondern den Status quo auf eine fast lakonische Art darstellt. Enzensberger bemühte damals das Bild von der Drehtür, in der der Kritiker zwischen »in und out« zappele. Und heute? Als Kritiker kann man ein anspruchsvolles 600 Seiten-Buch lesen, dass einen großen Aufwand an zusätzlichen Recherchen verlangt oder zwei eher unterhaltende, leichte Bücher à 200 Seiten besprechen nebst einem Interview mit einem Autor. Das Beispiel ist sinngemäss von Jörg Sundermeier, dem Verleger des Verbrecher-Verlags, aus dem letzten Jahr übernommen. Häufig sind Kritiker nicht mehr fest angestellt, sondern müssen ihre Texte Stück-für-Stück verkaufen. In der Zeit, in der der anspruchsvolle Roman durchgearbeitet werden muss, kann man drei halbwegs journalistische Beiträge verfassen, die am Ende niemanden weh tun, aber die Kasse füllen.

    Vor einigen Jahren versuchte sich Hubert Winkels an der Differenzierung zwischen »Gnostikern« und »Emphatikern«. Mit Gnostiker war der Kritiker gemeint, der Wert auf Sprache, Form und Machart eines literarischen Textes legte, den er auch im Kontext anderer Literatur verorte. Er beschäftigt sich primär mit dem vorliegenden Werk. Der Emphatiker berücksichtige hingegen verstärkt außerliterarische Kriterien, untersuche die Biographie eines Autors und emotionalisiere die Kritik, in dem er Empfehlungen ausspreche. Natürlich ist diese Form der Aufteilung immer holzschnittartig, was auch prompt moniert wurde. Dennoch hilft die inzwischen in der Versenkung verschwundene Kategorisierung. Die sogenannte Literaturkritik tendiert längst zum »Emphatiker«, dem »Buch-in-die-Kamera-Halter« (»der« ist meist eine »die«, aber das soll hier keine Rolle spielen). Texte von »Gnostikern« gelten als schwierig, werden, wenn überhaupt, zusammengestrichen oder erscheinen in eine der zahlreichen Literaturzeitschriften, die zwischen »gnostischer« Kritik und den Literaturwissenschaften pendeln.

    Aber Autoren sollen ja auch von ihren Texten leben. Ein Angebot wie dieser Blog hier, den Federmair als Rückzugsort lobt (herzlichen Dank hierfür), kann (und wird) keine Honorare zahlen können. Er lebt von Gnostikern, die es für notwendig erachten, sich über Literatur in ihrem Sinne zu äußern. Ihre Freiheit besteht darin, dass sie sich keinem ökonomischen Zweck zu beugen haben. Ob der Text von 200 oder 2000 Leuten gelesen wird, ist ihnen gleichgültig. Niemand sagt ihnen, dass sie eingängiger zu schreiben haben. Keiner kürzt ihre Texte oder redigiert sie auf Massenkompatibilität. ‚Hier bin ich Kritiker, hier darf ichs sein‘ – so könnte man ausrufen. Als Erwerbsmodell ist diese Form der literaturästhetischen Freiheit aber nicht zu sehen.

    Im Netz gibt es eine Flut von im Winkels’schen Sinn »emphatischen« Bücherseiten. Sie ähneln immer mehr den Empfehlungskolumnen in »Bunte« oder »Brigitte« (selbst Amazon-Schreiber sind zuweilen detaillierter bei der Sache). Sie sehen sich irrtümlich als Kontrapunkte zum Feuilleton, dass sie schon als elitär betrachten. »Gnostische« Refugien, die ich als Literaturblogs bezeichnen möchte, gibt es weniger. Aber es gibt sie. Es sind oft nicht diejenigen, die in allen möglichen Texten und Features angepriesen werden. Es sind nicht diejenigen, die sich angeblich »professionalisieren« sollen, wie neulich eine professionelle Verlagsmitarbeiterin, die sich als »Bloggerin« geriert, empfahl. Mit Professionalisierung ist in diesem Sinne natürlich keine textliche gemeint, sondern das Schielen auf Klickzahlen und Reichweiten, die man dann im Betrieb amortisieren soll, so die Idee.

    Und hier sehe ich ein kleines Problem: Einerseits wird im Essay auf eine »Wertung literarischer, künstlerischer Erzeugnisse und Ereignisse weiterhin (oder wieder) von kompetenten Leuten« gepocht. Andererseits ist dies schlichtweg in der immer mehr aufgezwungenen Marktkonformität des Literaturbetriebs schwierig zu realisieren. Das Stichwort in diesem Zusammenhang lautet Selbstausbeutung. Aber das ist vielleicht schon viel zu monetaristisch gedacht?

    #4

  5. Noch eine Ergänzung (danach bin ich still). Die amerikanische Literatur-Bloggerin Jessa Crispin schliesst ihren Blog »Bookslut«, wie ich dem Perlentaucher entnehme. Den Blog selber kenne ich nicht; an an ihm »wegweisend« ist, wie es im Perlentaucher heißt, weiß ich nicht. Verwiesen wird auf Interview mit der Bloggerin auf Vulture, was recht interessant ist. Eine Passage hieraus (Original zitiert):

    Well, the only reason why Bookslut was interesting was because it didn’t make money, and when I realized the sacrifices I was going to have to make in order for it to make money, it wasn’t worth it. It used to be you could get an advertiser for a month; now it’s all directly linked to how many pageviews you get. So you can’t write about obscure literature that only ten people care about and make eight cents. You have to write about the books that all the people already know about.

    Hier wird der Punkt gut angesprochen. In dem Augenblick, in dem eine solche Präsenz, die sich abseitiger Literatur widmet, pekuniäre Ausbeute erbringen soll, wird er über kurz und lang zum Massenprodukt:

    And then it just orients you toward clickbait, and you have to come up with stunts and your design has to be beautiful.

    Eine Möglichkeit fand sie dann noch, sich zu vermarkten:

    The only program that actually gives you money is Amazon. We used them back when we were profitable — we paid some writers back when we were profitable — and then, at some point, I realized they were fucking trashing the industry. Then we switched to Powell’s, which gave us absolutely no money.

    .-.-.-.-.

    (Ich habe hier keine Amazon-Kaufmöglichkeit angeboten und werde dies auch nicht tun. Das hat weniger mit moralischen Bedenken zu tun als mit praktischen, u. a. auch fiskalischen. Wenn man in D einen Blog mit Amazon-Provisionierung einbaut, ist das eine »Gewinnerzielungsabsicht«, selbst wenn sie 3 Euro im Jahr ausmacht. Es muss angemeldet und ggf. versteuert werden. Das ist mir zu aufwendig.)

    #5

  6. @Gregor
    Die Realisierung der »Wertung literarischer, künstlerischer Erzeugnisse und Ereignisse« ist nicht nur hinsichtlich des »wo«, sondern auch des Verbreitungs- und Bekanntheitsgrads zu befragen: Wie groß ist — jenseits der literaturwissenschaftlichen »Gemeinschaft« — das Bedürfnis danach? Genügen Nischen? Wie werden sie von den Interessenten gefunden und wie umfassend soll der Anspruch sein? Wenn es um mehr als punktuelle »Wertungen« geht, wird es schwierig, jedenfalls mit einer handvoll Autoren (außer man vertraut auf eine Art Ergänzung durch andere Nischen). — Was kaum angedacht wird, vielleicht weil es sich selbst zu widersprechen scheint, ist eine Art Klon aus beidem, solide, massentaugliche Besprechungen und ein Nebenzimmer, einen Salon, für die die mehr oder anderes wollen, getragen von verschiedenen Autoren (ersteres könnte zweiteres finanziell stützen).

    #6

  7. Schöner Text, ausgewogen, abwägend, Differenzierungen haltend und, ja, lakonisch. Ein Einwand zum Thema »geistiges Eigentum«: Das hat nun schon auch mit dem tiefgreifenden Wandel zu tun, den die Gestalt des Künstlers in der europäischen Geschichte gemacht hat und macht: Das war im Barock, als die schöpferischen Kräfte als gottgegeben und daher nüchtern betrachtet und hingenommen wurden kein Thema, aber mit der Individualisierung des Künstlers und der expliziten Forderung nach dem Neuen in der Kunst, sehr wohl. Das mag sich in postmodern (?) und digital verrauschten Zeiten wiederum ändern, allerdings wissen wir das noch nicht. — Ökonomische Gründe spielen natürlich auch eine Rolle, aber wer seine Person mit der Schöpferkraft seiner Werke (ganz egal, ob nun künstlerisch oder nicht) verbindet, also einer irgendwie gearteten Eigenart, wird diese in der Regel nicht ohne weiteres übertragen. Eine Mindestanmerkung, dass andere Texte in einem Buch verarbeitet wurden, kann man schon erwarten.

    #7

  8. @metepsilonema
    Ich glaube, dass die Beschäftigung mit Literatur immer in den Nischen stattgefunden hat. Es gab einen deutschen Showmoderator, der einmal bekannte, von der FAZ nehme er nur das Feuilleton – den Rest werfe er aufgrund der reaktionären politischen Ansichten, die er dort fand, weg. Der überwiegende Teil der Leser dürfte dies umgekehrt gehandhabt haben. Jetzt, da alles in Klicks und Reichweiten gemessen wird, kommt heraus, dass das Feuilleton – jener »Salon«, der Dir vorschwebt – eine veritable Minderheitenveranstaltung ist. Daher die Anpassung an das Infotainment-Format des Fernsehens, dass mit Homestories und allerlei anderem arbeitet und das Buch praktisch nebenbei »vermarktet« wird.

    Das hat mit dem sinkenden Bedeutungswert des Buches zu tun. Und inzwischen ist es auch kein Problem mehr zu bekennen, dass man nicht liest. Daher wird der Begriff des »Lesens« auch stetig erweitert und schliesst jetzt auch Krimis und Fantasy ein. Als kürzlich im »Literaturclub« ein Diskutant ein Buch teilweise der Trivialliteratur zuordnete, widersprach eine andere Diskutantin, die sich als Literaturwissenschaftlerin mit Fantasy-Literatur beschäftigt. Sie würde nie den Begriff »Trivialliteratur« verwenden, sondern höchstens »Unterhaltungs­literatur«. Es ist natürlich absurd, dass man Triviales nicht mehr trivial nennen darf. Aber in ihrem Fall war das logisch, denn ansonsten hätte sie ja ihr eigenes Forschungsfeld abqualifiziert.

    #8

  9. Dieter Kief sagt:

    a) Zu Gregor Keuschnigs Enzensberger-Referenz
    E. ist ein wenig quirlig. Er hat emt ooch die »Scholien« veröffentlicht – rund tausend Seiten mit Literaturkritik. Und nu?
    E. ist ein wenig quirlig.
    b) Was, wenn man Triviales Triviales nennte und dennoch interessant fände.
    Ist das neu? Nö. Cf. Karl Philipp Emanuel Bac – halt stop: E. Bloch über die Abenteuer- und (oha!) Fantasy-Bücher usw. – Karl May – – und wie derlei voller Unsinn stecke, aber emt ooch voller Mondschein – ja: Mondschein (und – dieses Wort aus der Bloch-Küche noch einmal: Vorschein – – Schein hätt’s eigentlich auch getan, aber B. war noch Kind einer Zeit im Überbietungsmodus: also Vorschein).
    Öh und noch was: Das eben ist der Witz an ästhetischen Problemen – sie operieren im zunächst kriterienfreien Raum. Und zwar je schwächer die Tradition wird, desto mehr.
    So kann man den gesamten Gadamer wegoperieren. Ob das gesund wäre (Enzensberger) – diese Frage beantworte ich mit nein.
    Mit Gadamer: Man entkommt der Tradition nur um den Preis der Geschichtslosigkeit, i. e. – – cum grano salis – Undifferenziertheit – ins Glacis mutigen Denkens, wie es diesen Seiten »vorleuchtet« (doch nommal Bloch) gepackt: Der Preis für die absolute Gegenwärtigkeit ist Dummheit.
    Das Schöne an der historisch orientierten Hermeneutik gadamerschen Schlages ist: Die Hermeneutiker konvergieren – – auf die Länge.
    Es geht in ästheticis notwendig »ins Offene!« Aber diese strukturelle Orientierungslosigkeit wird auf die Länge (das ist lt. Gadamer entscheidend) belohnt, indem die wertvollen Werke zunehmend konvergierende Deutungen erfahren. Welches diese Werke in Zukunft sein werden, weiß heute aber keiner. Auch nicht, welche Werke dies nicht sein werden. »Der gelebte Augenblick« ist leider auch für alle Literaturkritikerinnen »dunkel« (Bloch).
    Wem das zu theologisch oder zu essentialistisch oder zu vage oder zu geschmäcklerisch oder zu relativistisch klingt, der könnte auf dem falschen Dampfer sein, also auf der Suche nach etwas, woran man sich festhalten könne, und dabei »zum Beispiel Stacheldraht« (Enzensberger) ins trübe (=gemütvolle, frustrierte, erschöpfte usw.) Auge nehmen.
    Da aber ruht und ruht! – kein Segen auf.

    #9

  10. @Gregor
    Nun haben wir allerdings das Problem, dass das Minderheitenprogramm nicht mehr an gut sichtbarer und zugänglicher Stelle (»Feuilleton«) anzutreffen ist; eine immer weitergehende Vereinzelung scheint kaum aufhaltbar zu sein.

    In gewisser Weise gräbt auch das, was wir hier tun, dem Buch das Wasser ab; die »Konkurrenz« ist groß.

    Hm, ich weiß nicht, ob die Sichtweise der Dame nicht eher einer Denk- oder Auffassungsrichtung geschuldet ist, die versuchte diese Unterscheidung erst gar nicht zu machen bzw. zu dekonstruieren.

    #10

  11. Leopold Federmair sagt:

    @metepsilomena (weiter oben)

    Was die Nischen betrifft, also das Verhältnis von Mehrheit und Minderheiten, von Masse und kleinen Gruppen, so hängt alles davon ab, was ein geistiger/künstlerischer Produzent anstrebt, welches Publikum er im Auge hat usw. Wenn man von vornherein minoritär sein will, wie Deleuze es einst propagierte, dann wird man wohl nach Nischen im Netz oder wo auch immer Ausschau halten. Die Nischen, die minoritären Zonen und Stellen, können und sollen sich vernetzen, austauschen usw., das ist schon auch wichtig. Vielleicht entsteht so eine alternative Öffentlichkeit. Die Bildung von Blogosphären (auch hier verwende ich lieber den Plural) wäre ein Weg.

    Mit Blick auf die Verlage: Es war ja durchaus auch Programm, mit Bestsellern kleinere, weniger einträgliche Projekte bzw. Autoren zu finanzieren. Auch das finde ich sinnvoll. Allerdings scheint mir diese Praxis seit einigen Jahren abzubröckeln. Der Mainstream ist gefräßig, man will mehr und immer mehr – das ist angeblich ökonomisches Gesetz. Siehe etwa die Diskussionen um die Diskussionen um die Projekte und Äußerungen von Hans Barlach, dem Suhrkamp-Aktionär.

    Die Urheberrechtsfragen sind ein eigenes Thema, in meinem Text nur angeschnitten. Auf der einen Seite ist es verständlich, daß geistige Produzenten für ihre Tätigkeit bezahlt werden wollen. Auf der anderen Seite sehe ich einen starken Zusammenhang mit der allgemeinen Ökonomisierung und Monetarisierung der Köpfe und der Lebensweisen. Auf das Eigentum an kulturellen Produkten pochen doch in erster Linie, auch historisch zuerst, die Konzerne der Kulturindustrie im Film-, Musik- und zuletzt auch im Literaturbereich. Sie drohen sogar mit Polizei, Strafe, Gefängnis. Es ist wahrscheinlich eine ganz persönliche Neigung, aber ich habe es immer so empfunden wie – in nachbarocken Zeiten – ein Goethe, ein Heine, oder José Emilio Pacheco, um eine Person zu nennen, mit der ich noch Umgang hatte: Die Dichtung kommt von allen und gehört allen. Auch die einzelnen Produkte.

    #11

  12. Leopold Federmair sagt:

    Noch ein Zitat – falls wir hier die Urheberrechtsdebatte aufnehmen wollen. Aus Heines Lutetia, also aus Paris, 1841:
    »Die Debatten in der Deputiertenkammer über das literarische Eigentum sind sehr unersprießlich. Es ist aber jedenfalls ein bedeutendes Zeichen der Zeit, daß die heutige Gesellschaft, die auf dem Eigentumsrechte basiert ist, auch den Geistern eine gewisse Teilnahme an solchem Besitzprivilegium gestatten möchte, aus Billigkeitsgefühl oder vielleicht auch als Bestechung! Kann der Gedanke Eigentum werden? Ist das Licht das Eigentum der Flamme, wo nicht gar des Kerzendochts? Ich enthalte mich jedes Urteils über solche Frage und freue mich nur darüber, daß ihr dem armen Dochte, der sich brennend verzehrt, eine kleine Vergütung verwilligen wollt für sein großes, gemeinnütziges Beleuchtungsverdienst!«
    Das ist eine gute, angemessene, pragmatische Haltung, klärt aber natürlich die Grundsatzfrage nicht.

    „Nichts ist lächerlicher als das reklamierte Eigentumsrecht an Ideen.“ – Auch das stammt von Heine, jedoch abseits monetärer Fragen. Er weist darauf hin, daß Hegel viele Ideen von Schelling übernommen, sozusagen geklaut habe (ohne Quellenangaben!). Heine fügt hinzu, Schelling habe aus diesen Gedankenimpulsen nicht viel gemacht, das sei erst Hegel gelungen. Und erwähnt dann auch noch, daß Schelling seinerseits viel von Spinoza übernommen habe. Und so weiter.

    So geht der anonyme Geist durch die Geschichte, viele haben daran teil. Muß man immer, an jeden Text, jeden Absatz, jeden Gedanken, jedes Sprachbild einen Namen, ein Etikett, gar ein Preisschild draufkleben? (= Mein Kommentar, ganz ohne Hilfe von Heine Hegel Schelling…)

    #12

  13. @metepsilonema & @ Leopold Federmair
    Innerhalb einiger Bücherblog-Zirkel existieren durchaus Verweissysteme, die eine gewisse Vernetzung zu einer »Blogosphäre« aufzeigen. So existiert eine »Topliste der deutschen Buchblogger». Das Kriterium, nach dem man oben (der unten) steht, hat mit der jeweiligen Vernetzung untereinander zu tun. Wenn dieser Blog hier mehr bei diesen Blogs verlinkt wäre und selber diese Blogs mehr verlinken würde, wäre ein besserer Platz sicher als aktuell Position 249 (von mehr als 1000). Mit einer zunehmenden Vernetzung wäre allerdings nichts über die Qualität der Beiträge gesagt. Und so steht eben dieser Blog hier auf Platz 1.

    .-.-.-

    Eine Diskussion über das Eigentums- und Urheberrecht kann m. E. nicht mit Rekursen aus der Vergangenheit geführt werden, es sei denn, man wünscht zur Vergangenheit zurück zu kehren. Ein Versicherungsangestellter von heute dürfte weitaus weniger Muße mitbringen, Weltliteratur zu verfassen als vor 100 Jahren. Es ist einerseits schon erstaunlich, wie sich über die letzten Jahrzehnte der Anspruch verfestigt hat, dass jeder, der einen zweit- oder drittklassigen Roman verfasst, von diesen Elaboraten seinen Lebensunterhalt verdienen muss.

    Andererseits empfinde ich es nicht als ehrenrührig, wenn ein Autor, eine Autorin von ihrem Geschriebenen leben möchte und darauf einen Schutz genießt. Ob der bis 70 Jahre nach dem Tod anhalten muss und damit praktisch Kinder und Enkel noch alimentieren soll, müsste mal diskutiert werden. Aber umgekehrt macht man ja auch aus einem Schuster oder Fliesenleger keinen Knecht der Ökonomisierung, nur weil er Geld für seine Leistung haben möchte.

    #13

  14. @Leopold Federmair
    Ganz kurz: Idee und Ausführung (Werk) sind verschiedene Dinge; Leihe, Neukonstruktion und Spiel etwas anderes als Täuschung; es gibt sicherlich Graubereiche und Unentscheidbarkeiten. Viel hängt davon ab, wie souverän man den Autor als Person und die ihn nährenden Stränge der Tradition bewertet. Ich kann nicht sehen, dass immer schon alles dagewesen ist; im Zweifel entscheidet der Autor darüber, wie sein Werk zu verwenden und verstehen ist (allerdings muss man ihm dazu wiederum Souveränität zubilligen). — Eine Verteidigung von Eigentumsrechten, die (ausschließlich) Verwertungsgesellschaften, u.a. nutzt liegt mir fern.

    Ich habe gerade keine besondere Lust auf eine neuerliche Diskussion, zumal ich »meine Position« schon vor ein paar Jahren formuliert habe und sich daran nichts grundsätzlich geändert hat (ich glaube auch nicht, dass wir sehr weit auseinander liegen).

    #14

  15. Leopold Federmair sagt:

    Klickt man den von Gregor K. genannten Nummer-1-Blog, gerät man zuerst an das Cover eines »Wohlfühlbuchs«. Im Blog werden anscheinend v. a. Ratgeber besprochen. Das Internet ist natürlich nicht gegen Ranking-Idiotie und Mainstream gefeit, im Gegenteil. Die besseren Verlinkungsnetze sind wohl die individuellen, wo einzelne Personen (oder meinetwegen Schnittstellen) Hinweise auf andere Personen und ihre Publikation geben. Zur Number One wird sowas wahrscheinlich nicht führen.

    Es ist auch die Frage, für Herausgeber ebenso wie für Autoren, ob man überhaupt ein Massenpublikum erreichen will. Denkt man in erster Linie ans Geld, will man das. Im Prinzip kann man mit einem einzigen Buch ungeheuer viel Geld verdienen. Ich für meinen Teil will kein Massenpublikum erreichen, weil die Masse heute für selbständiges Denken und sensible Wahrnehmung unempfänglich ist. Durch Literatur wird man hier nichts ändern können. Nur durch Bildung – aber da rührt man an gesellschaftliche Strukturprobleme, die nicht nur über die Literatur, sondern auch über die Tagespolitik hinausgehen.

    #15

  16. Ich glaube die Frage ist nicht ob man mit einem solchen Angebot wie hier ein Massenpublikum erreichen will, sondern ob man diejenigen erreicht, die interessiert sind, also die sogenannte »Zielgruppe«. Das ist viel schwieriger nachzuvollziehen statt auf die bloße Klickzahl zu schielen. Gelegentlich bekomme ich Mails von Personen, die hier genannt wurden und ein Feedback zu einem Beitrag geben. Ob sie durch »Google Alert« o. ä. auf diese Seite aufmerksam geworden sind oder hier mehr oder weniger regelmässig lesen, weiß ich nicht. Ich frage auch nicht nach, weil es indiskret wäre. Interessanter sind – ohne hier ins Detail gehen zu wollen – Ausschlussmechanismen, nach denen bestimmte Verweissysteme Webseiten aufnehmen oder eben nicht. Aber das ist ein anderes Thema.

    #16

  17. @Leopold Federmair
    Mehr noch scheint mir und zuerst, dass man selbst Konzessionen machen muss, um ein Massenpublikum zu erreichen, zumindest dann, wenn man spezifische Vorstellungen hat.

    #17

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