Sehnsucht nach dem guten König

Wieder einmal wird gefragt: »Wo bleiben die Intellektuellen?« Nein, nicht in der 3sat-Sendung »Kulturzeit« (die hat Sommerpause), die sich immer wieder darum sorgt, dass die sogenannten Intellektuellen sich zu allen möglichen Themen der Politik zu Wort melden. Diesmal ist es ein Artikel der NZZ, in dem der Germanist und Publizist Peter von Matt diese Frage gestellt wird.

»Der Intellektuelle müsse überraschen und die ‘Routinen des Schreibens und Lesens brechen’, sagt von Matt.« Das ist rückhaltlos zu unterschreiben. Aber was passiert eigentlich, wenn genau das geschieht? Klopfen dann nicht die gleichen, die das Engagement des Intellektuellen mit Verve gefordert haben, die entsprechenden Äußerungen auf ihre eigene Meinung ab? Und was passiert, wenn dies dann nicht mit dem längst vorgebildeten Urteil der Redaktion, der Partei, der NGO übereinstimmt? Mindestens winkt dann das Etikett »umstritten«, wenn nicht gar noch Schlimmeres: Der Ausstoß aus dem mehr oder weniger exklusiven Club der gutmeinenden Welterklärer.

Solche Verfahren haben zuweilen durchaus Elemente der chinesischen Kulturrevolution der 1960er Jahre. Damals wurde das Volk aufgefordert, die politischen Kader zu kritisieren, um deren Arbeit damit zu verbessern. Wer es ernstnahm, fand sich nicht selten für ein paar Jahre in Umerziehungslagern wieder. Dies droht natürlich heutzutage nicht mehr, und die jakobinische Freude an der Destruktion des Unbilligen, Sperrigen, »Falschen« hat keine direkten Auswirkungen mehr auf Leib und Leben. Allenfalls im Wiederholungsfall bzw. wenn die Bewährung nicht zur Remedur führte, kann die drohende Ächtung des Werks zu pekuniären Einbußen führen. Die katholische Kirche hat ihren Index offiziell 1966 abgeschafft; in den Feuilletonstuben feiern diverse Indizes fröhliche Urständ.

»J’accuse« ist also gefragt – aber bitte unbedingt so, wie wir (das Feuilleton-Wir halt) es wünschen. Wehe, jemand fügt sich nicht den informellen Richtlinien des Kulturestablish­ments, wie zum Beispiel der chinesische Literaturnobelpreisträger Mo Yan. Dieser habe nicht genügend Regimekritik in seinen Büchern geäußert, hieß es im vergangenen Jahr »kritisch«. Nur ein verfolgter Künstler kann also ein guter Künstler sein – alles andere ist Kollaboration. So tönt es auch den Gerichtsräumen Redaktionen, flankiert von denen, die tatsächlich in China drangsaliert und verfolgt werden. Damit wird die Legitimation der Kritik erzeugt. Nebenbei wird der Angegriffene unter Rechtfertigungsdruck gesetzt. Was von dem lächerlichen Anwurf bleibt, ist das oben erwähnte Attribut »umstritten«.

Politisches Verhalten wird immer mehr zur Grundlage eines ästhetischen Urteils. Oder, um es pointiert auszudrücken: Die Schlüsselqualifikation zur Interpretation und Bewertung eines Kunstwerkes ist die Moralisierung des Autors. Man erkennt dies auch darin, dass etliche eher mittelmässig begabte Schriftsteller im Laufe der Zeit durch das Feuilleton zu moralischen Instanzen oder Türhütern geworden sind. (Keine Namen.)

All dies ist das krasse Gegenteil dessen, was von Matt entwirft. »Der wahre Intellektuelle lässt sich…nicht einbinden, bei ihm weiss man nie genau, was er als Nächstes sagen wird.« Genau auf dieses Eis möchten sich aber beide Seiten nur sehr ungern locken lassen. Und die Erfahrung, die man in Deutschland seit mehr als 50 Jahren gemacht hat, ist eine andere: Die üblichen Verdächtigen langweilen einem seit langem mit vorhersehbaren wohlfeilen Aktionen, Offenen Briefen, Initiativen und Unterschriftenaktionen. Auch hier erspare ich mir die Aufzählung von Namen. Aber auch hier gilt: Wehe, einer dieser (oder auch einmal ein anderer) äußert eine wirklich abseitige, vielleicht aber gerade deswegen nachdenkenswerte Ansicht äußert und aus dem Konsens-Betrieb ausscheren möchte!

Schon in den Tagbüchern des Gruppe-47-Gründers Hans Werner Richter Ende der 1960er Jahre lässt sich ablesen, wie lästig und hohl dieses oft affektierte Stellungnehmen wurde. Und dennoch: Kaum ein Kulturjournalist kommt am Lamento des »Früher-war-alles-besser« vorbei. Würde man die Zeitachse des »früher« bis hinein in die junge Weimarer Republik weiterführen, sähe die Begeisterung für die Stellungnahmen der Intellektuellen schon etwas anders aus. (Ich erspare die litaneihaften Aufzählungen der Literaten insbesondere des 20. Jahrhunderts, die von der Literaturkritik heute nur noch mit spitzen Fingern angefasst werden, weil ihre politischen Ansichten, Äußerungen und [Ver-]Irrungen pars pro toto auf das Werk übertragen werden; auch und vor allem dann, wenn es dazu gar keine Grundlage gibt.) Wer aber sucht, findet auch etliche Verirrungen im Rausch der 68er. Aber die Krähen hacken einander eher selten die Augen aus.

Woher kommt also der Wunsch nach dem allseligmachenden Urteil der Intellektuellen? Zum einen möchte eine darbende Kulturberichterstattung neue Diskussionsgrundlagen bekommen, die sich auf diesem Weg wunderbar personalisieren lassen (eines der größten Steckenpferde der Feuilletonisten). Zum anderen ist es auch der naiv anmutende Wunsch des guten, tugendhaften Königs, eines Erlösers, der sich jenseits des vermeintlich schmutzigen politischen Geschäfts die Klarheit und Übersicht bewahrt hat. Wie sehr diese Sehnsucht obwaltet kann man in den Vergötterungen von Gorbatschow und – immer noch – Barack Obama erkennen, die nirgendwo derart wütete wie in Deutschland. Hier treffen sich die als reaktionär so schlecht beleumundeten »Stammtische« mit dem links-intellektuellen Bürgertum.

Da ist von Matts Plädoyer für den überraschenden und zuweilen unberechenbaren Intellektuellen, der »eingemischt« wird (und sich nicht nur einmischt) von anderem Kaliber. Von Matt will keine vorgestanzten Phrasen, er redet der Komplixität das Wort, das sich nicht in wohlfeilen Bekenntnissen (oder lächerlichen Provokationen) erschöpft. Aber ich fürchte, das ist mit dem Lamento um das Ausbleiben der Meinungen der Intellektuellen gar nicht gemeint.

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18 Kommentare zu »Sehnsucht nach dem guten König«:

  1. Fred David sagt:

    »Zum anderen ist es auch der naiv anmutende Wunsch des guten, tugendhaften Königs, eines Erlösers, der sich jenseits des vermeintlich schmutzigen politischen Geschäfts die Klarheit und Übersicht bewahrt hat.« – Sorry, das ist doch Quark. Intellektuelle als Erlöser? Wer will denn sowas? Sie sollen Debatten anstossen, befruchten, neue Aspekte hinzufügen, Diskussionen in Gang halten, weil sie die Freiheit haben, locker vom Hocker zu denken und zu formulieren, was Politiker, Manager, Journalisten wegen der Zwänge und Abhängigkeiten, mit denen sie in ihren Tagesgeschäften festgeschraubt sind, oft nicht vermögen – aber bitte ohne den üblichen, barocken Wortbombast.

    #1

  2. Also genau das Gegenteil dessen, was derzeit passiert?

    #2

  3. Fred David sagt:

    ..im Übrigen ist »das Feuilleton« im Zeitalter des Internets schon längst nicht mehr Dreh- und Angelpunkt von Debatten »ausserhalb der Geschäftsordnung«..

    #3

  4. Ich muss immer lachen, wenn das »Zeitalter des Internet« beschworen wird. Eine Nischen-Fernsehsendung wie »Kulturzeit« hat allemal eine größere Reichweite als fast jede progressive Internetseite.

    #4

  5. Bonaventura sagt:

    Wenn ich mir so anschaue, was das gedruckte und gesendete Föjetong alles für einen Intellektuellen hält, so bin ich froh um jeden davon, der die Schnauze hält – was er natürlich nicht tut.

    #5

  6. Fred David sagt:

    »Das Feuilleton« muss sich mit seinem Bedeutungsverlust wohl oder übel auseinandersetzen. Kleiner Trost: Andere müssen das auch. Das Internet ist unendlich wie das Weltall, aber es fragmentiert in Myriaden von Einzelteilchen. Manches schlägt es aber auch so durch, dass plötzlich Millionen Zugriff auf die gleichen Informationen haben. Ob das gut tut oder nicht, wer weiss das schon. Es ist einfach so.

    #6

  7. Der Bedeutungsverlust des Feuilletons (und der Kulturberichterstattung) hat weniger mit dem Internet als mit den Protagonisten zu tun. Es begann ja schon viel früher; ein markantes Datum ist beispielsweise die Einführung des Privatfernsehens in Deutschland und dessen Auswirkungen.

    #7

  8. Bonaventura sagt:

    Ich finde es stets gefährlich, mich als Schriftsteller in politische Debatten einzumischen, zum einen, weil Thesen und Meinungen die innere Freiheit einschränken, zum anderen, weil mir zumeist Sachkenntnis und Informationen fehlen …

    Eugen Ruge, FAZ online

    #8

  9. Ja, Herr Ruge hat seine Meinung geändert. Wobei ich seine Wut verstehe. Aber ist eben auch unreflektiert und voller unzulässiger Vergleiche. (Interessant diese riesige Anzahl von Kommentaren – derzeit 227.)

    #9

  10. Jeeves sagt:

    »Man erkennt dies auch darin, dass etliche eher mittelmässig begabte Schriftsteller im Laufe der Zeit durch das Feuilleton zu moralischen Instanzen oder Türhütern geworden sind. (Keine Namen.)«
    .
    Doch: Böll.

    #10

  11. Mario sagt:

    Kann man vergleichen mit der inflationären Forderung nach »Haltung«. Was ja nichts anderes heißt als »Meine eigene politische Meinung bestätigen«. Man erlebt immer wieder, dass Journalisten, die Haltung so heftig einfordern Menschen mit klarer Meinung angreifen, weil deren Meinung nicht mit der ihren übereinstimmt.
    Es ist zumeist auch einfach die übliche Dumm- und Faulheit der Journalisten. Man versucht zwanghaft Leute in Schubladen zu stecken. Dann kann man die schließen und derjenige kommt auch nicht mehr raus. Da fällt dann auch die Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Werkes oder der Aussagen weg, der Künstler ist eh XYZ und damit unhaltbar.
    Wirklich kritisches Denken und der ständige Zweifel sind die Feinde des Journalisten. Da ist dann »Haltung« besser, weil schubladenfreundlich. Es ist nicht die Sehnsucht nach Menschen, die für etwas stehen, sondern die Sehnsucht nach einer Welt, die klar in Feinde und Freunde geteilt ist und das dann auch unveränderbar und natürlich nur basierend auf der eigenen Interpretation der Worte, die natürlich immer so ausgelegt werden, dass der Autor das Negativste was man reininterpretieren kann gemeint haben MUSS.
    Das führt dann natürlich zur Schweigespirale, dass Leute ihre Meinungen, die abweichen nicht mehr öffentlich äußern oder dann in den Extremismus getrieben werden.

    Im Endeffekt war das Feuilleton ja auch nie ein Platz für Debatten, sondern nur eine Plattform für alte Männer, um die Werke ihrer Verlagskollegen zu bewerben und Künstler anderer Verlage persönlich zu diskrediteren, weil ja auch in eigentlich allen Fällen der »Kritiker« die nötige Kompetenz fehlt ein Werk einzuordnen.

    #11

  12. @Jeeves
    Böll meinte ich aus zwei Gründen nicht. Erstens ist er kein mittelmässiger Schriftsteller, sondern hat einiges sehr Beachtliche geschrieben (nicht das Spätwerk; das ist wahr). Zum anderen war er unbequem. Er hat die Menschenrechtsverletzungen auch im Ostblock thematisiert, als dies für andere noch tabu war oder gar als reaktionär galt. So hat er den politisch doch eher obskuren Solschenizyn aufgenommen.

    #12

  13. Max sagt:

    Sorry, der Artikel ist so schwer lesbar, ich habe nach der Hälfte abgebrochen ohne zu verstehen, wer sich über wen empört hat und warum sich der Autor empört.
    Ich sehe nur verschachtelte Sätze, die nur Intellektuelle (sorry, dazu gehöre ich nicht) verstehen können.

    Wenn man z.B. versucht, eine Aussage zu »pointieren« (5. Abs. 1.-3. Zeile) sollte man den Sachverhalt auch verkürzt darstellen – Und nicht in einem längeren Satz als der »unpointierte«.

    Ein einziger Hypotaxenmarathon ist das hier ;)

    #13

  14. Fritz Iversen sagt:

    Die Haltung von Matts, wie sie in dem Beitrag wiedergegeben wird, finde ich ziemlich fein gesponnen und hat mit dem »Wunsch nach dem allseligmachenden Urteil der Intellektuellen« nicht viel zu tun. Da steht:

    »Durch die Repetition wachse aber das Bedürfnis nach der anderen Stimme, welche die Argumente um eine Nuance verschiebe: «Erst wenn jemand etwas äussert, was sonst niemand sagt, wird evident, dass es ihn brauchen könnte.» (…) «Die Intellektuellen hatten da noch eine ganz andere Funktion. Sie wollten eingefrorene Positionen aufbrechen.»«

    Das ist eine bescheidene Rolle, die auch gar nicht unbedingt laut und vordrängelnd sein muss. Die »eingefrorenen Positionen aufzubrechen« kann auch ein künstlerisches und literarisches Vorhaben sein und ist in einer von Wiederholungen, Spiralen, Simplifizierungen, Verkürzungen und kampfsüchtigen Polarisierungen gekennzeichneten öffentlichen Themenbearbeitung ein Ziel, das man nur erreichen kann, wenn man sich eben dieses Problems bewusst ist. Einer, der in diesem Sinne in seinen raren »Zeitungsbeiträgen« eine bewusst gestaltete Gegenpositon zum Kommunikationsalltag zu praktizieren versucht, ist Botho Strauss – die größte und für die Menge der Kulturkonsmenten am wenigstens erträgliche Form ist ja das Kryptische und übermäßig Beziehungsreiche. Handke hat sich andererseits neulich bei dem allerdings nicht gerade wichtigen Thema »Suhrkamp-Geschäftsführung« in eine fast verspielte Ironie geflüchtet, deren Aggressivität für jemanden, der so übellaunig werden kann wie er, geradezu charmant verdeckt war. Damit will ich nur darauf hindeuten: Der Wunsch von Matts nach Öffnen der Tunnelblicke und einem Aufschmelzen der Erstarrungen ist, meine ich, nicht der Wunsch nach dem eigentlich längst verblichenen Großintellektuellen, diesem Frisch-Grass-Böll-Komplex, der moralische Verdikte ausspricht, wichtigtuerische Offene Briefe verfasst oder – noch schlimmer – wie neulich Grass mit undurchdachten Leitartikel-Gedichten nur das Repititorium tiefer vereist statt aufzulöse,. Es ist eher der Wunsch nach mehr »Alexander Kluge« mit seinen Bewusstseins- und Erfahrungsgärten im Internet auf der einen Seite und auf der anderen Seite vielleicht mehr Meienberg, also mehr harte Aufklärungsarbeit (»… gelten bis heute als Musterbeispiele des investigativen Journalismus«/Wiki). Den Intelektuellen als einen mehr, der seine schön formulierte Meinung in irgendeiner Forumsecke an die ganze Welt verkündet, brauchen wir nicht. Wir brauchen vielleicht wirklich den, der die Repitenten für wenigstens einen Moment lang verunsichert, erstaunt, aus dem Gleis wirft. Wenn dabei ein Großkopferter sogar vom Ross fällt, wär’s umso besser, aber wer erwartet solche Wunderwerke von Lueten, die nur Worte haben, wenn auch seltsame?

    #14

  15. Ostap Bender sagt:

    Die Liste der Belege für Herrn Keuschnigs These »Nur ein verfolgter Künstler kann ein guter Künstler sein« ließe sich beliebig fortsetzen. Aber natürlich gilt sie nur für Künstler aus Ländern, die in unserer Medienberichterstattung in der Schublade »Böse« abgelegt sind.
    Ein nicht allzu lange zurückliegendes Beispiel ist Pussy Riot. Stellen wir uns mal vor, die jungen Damen hätten ihre Aktion nicht in der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale, sondern im Petersdom in Rom durchgeführt, und sie hätten nicht auf Putin, sondern auf den Papst, auf Merkel, Barroso oder sonst irgendeinen politischen Akteur westlich des ehemaligen Ostblocks geschimpft: Wäre dann auch irgendjemand auf die Idee gekommen, dass das, was die strumpfmaskentragenden Frauen da tun, »Kunst« ist? Die Christi-Erlöser-Kathedrale ist für russisch-orthodoxe Christen übrigens ähnlich bedeutsam wie der Petersdom für Katholiken, deshalb ist der Vergleich gar nicht so abwegig.
    Oder stellen wir uns mal vor, die »Puski«, wie sie in manchen russischen Medien genannt werden, wären nicht für zwei Jahre ins Lager geschickt (was zweifellos eine lächerliche und überzogene Strafe ist), sondern zu einer Geld- oder geringfügigen Bewährungsstrafe verurteilt worden: Hätte man dann diese Aktion auch als »Kunst« oder »mutiges Eintreten für Meinungsfreiheit« eingestuft? Wären die Strumpfmaskenträgerinnen, die das Video von ihrem Auftritt nachvertont und ins Internet gestellt haben, dann auch mit Preisen und Lobeshymnen von Medien und so genannten Intellektuellen überhäuft worden? Ich kann es mir nur schwer vorstellen. Ich glaube eher, in diesem Fall hätte westlich des ehemaligen Eisernen Vorhangs kaum jemand Notiz von dieser Aktion genommen.
    Wie es sich auf Menge und Tendenz der Berichterstattung ausgewirkt hätte, wenn Pussy Riot nicht aus jungen, sympathisch aussehenden Mädels bestünde, sondern sagen wir mal, aus älteren, vielleicht ein wenig korpulenten, grauhaarigen oder kahlköpfigen Männern, darüber möchte ich jetzt mal gar nicht spekulieren.
    Ein älteres Beispiel ist der im Artikel nebenbei erwähnte Solschenizyn. Er hat 1945 an der Front einem Freund Briefe geschrieben, die die Briefzensur als stalinkritisch gewertet hat, saß dafür acht Jahre im Lager und war dann drei Jahre im Exil in Zentralasien. Unter Breschnew wurden dann einige Bücher von ihm verboten und schließlich hat man ihn ausgebürgert. So einer muss doch ein Musterdemokrat sein, moralisch einwandfrei, einer, der den Unterdrückern die Stirn bietet und selbstlos für das Gute eintritt! Deshalb hat man ihn im Westen hofiert, was ihm selber zunehmend unangenehm wurde. Nicht zuletzt deshalb, weil er sich für sein Heimatland weder eine repräsentative Demokratie noch ein kapitalistisches Wirtschaftssystem gewünscht hat. Sondern schon eher einen autoritären Herrscher von Gottes Gnaden, also wieder eine Art Zaren. Aber das hat man im so genannten Westen lieber verschwiegen, weil das nicht in das binäre Gut-Böse-Schema gepasst hätte, an dem unsere Massenmedien (auch die so genannten intellektuellen) so hängen. Manche Dinge ändern sich eben nie.

    #15

  16. @Fritz Iversen
    Sloterdijk sprach in seiner Börne-Rede unter anderem über die Erfahrung, die er anlässlich seines Aufsatzes »Regeln für den Menschenpark« 1999 machte (ab ca. 06:30). Er erfuhr, so das etwas selbstmitleidige Lamento, eine »jähe Nacherziehung« und wurde »im Auge des Zyklons« zum Medientheoretiker. Sein Fazit heute (Hervorhebung des m. E. wichtigsten Satzes von mir): »Ich wußte jetzt, dass Massenmedien, eben weil sie sind wie sie sein müssen, primär nicht informieren, sondern zeichenbasierte Epidemien erzeugen. Ich wußte, dass die Menschenrechte des Originals gegen die Gewalt der Paraphrase nicht zu schützen sind. Ich wußte, dass es auf massenmedialer Ebene nie um Argumente geht, sondern um die Einspritzung mentaler Infektionen. Vor allem wußte ich aber dass es auf den Meinungsmärkten keine Missverständnisse gibt, wie es die positiv denkenden unter den Kommunikationstheoretikern immer noch zu glauben vorgeben, wenn sie Konfliktparteien bei polemischen Transaktionen beobachten.«

    @Ostap Bender
    Ergänzend zu Ihrem Kommentar über Pussy Riot (dem ich voll zustimme) hier ein Link zu einem Essay von Walter von Rossum (Download-Bereich rechts oben).

    #16

  17. Johnny Wezel sagt:

    Also ich finde, Sie sind nicht intellektuell. Intellektuelle verwenden serifenlose Schriften, möglichst dünn und unleserlich. Das andere hatten wir schon. Gehen Sie in sich.

    #17

  18. Vielleicht ist das nur eine Verschiebung des Problems, aber, — dieser Konsens scheint sich ja heraus zu schälen — womöglich sind es weniger die Intellektuellen an sich, als eine bestimmte Art von Wortmeldung, — »jene der Verschiebung« –, die sich als bedeutend und belebend herausstellt (leisten kann das »ein jeder«).

    #18

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