Passwort (2)

Teil 1

2

Vielleicht auch deshalb, weil sie Konflikte – echte Diskussionen – vermeiden wollte, oder weil sie niemanden hatte, um über persönliche Dinge zu sprechen, und ich ihr Jahrgangs­vertrauen nun einmal geweckt hatte, ging sie beim nächsten Besuch im Starbucks dazu über, mir dies und jenes aus ihrem Leben zu erzählen, wobei häufig ihr Sohn eine besondere Rolle spielte, der im Zentrum ihres derzeitigen Lebens zu stehen schien. Ihr Mann arbeitete in einer anderen Stadt und kam einmal pro Monat am Wochenende nach Hause. Der Sohn, vor kurzem dreißig geworden, war krank, aber sie nannte die Krankheit nicht beim Namen. Auch von einer medizinischen Behandlung, von Arzt- oder Krankenhausbesuchen war nicht die Rede.

Es dauerte eine geraume Weile, bis zur vierten oder fünften Starbucks-Sitzung (wie ich sie insgeheim nannte), bis mir klar wurde, daß der Sohn – sie nannte ihn nie beim Namen – nie oder fast nie das Haus verliess. War er bettlägerig? Oder gelähmt? Körperlich oder geistig behindert? Nein, in Frau S.‘ Erzählungen deutete nichts darauf hin. Der Sohn hatte studiert, sein Studium ordentlich abgeschlossen und danach einige Jahre in einer Firma gearbeitet. Er war Hobbys nachgegangen, hatte Freunde getroffen. Zaubern, Jonglieren, Dinge zum Verschwinden bringen, das erfreute sein Herz.

Genau so drückte sich seine Mutter aus: »Es erfreute sein Herz.« Und war tägliche Gewohnheit. Sein Zimmer war nahezu leer, die Mangas hatte er in Schachteln geräumt und zu einem Spottpreis einem Händler verkauft, weil sie ihn, wie er sagte, vom Training ablenkten. In letzter Zeit hatte er aber nachgelassen, ganze Tage vergingen, ohne daß Frau S. die Geräusche von zu Boden fallenden Kegeln oder Bällen hörte (die früher manchmal die Proteste einer Nachbarin hervorgerufen hatten). Die Tür zu seinem Zimmer verschloss er nicht, hatte sie nie verschlossen, es gab nicht einmal einen Schlüssel, aber der Junge zeigte sich nicht mehr, wenn sie vorsichtig das Zimmer betrat, sie sah ihn nicht, vermutete ihn zuerst unter der Bettdecke, hinter der Tür, unterm Bett – nichts. Ausgegangen? Möglich. Auf Zehenspitzen, Zehenballen an der Küche vorbeigeschlichen. »Wie eine Katze«, sagte Frau S. Sie zwang sich, sich keine Sorgen zu machen, schliesslich war er alt genug, kannte die Umgebung, die Stadt, zumindest den Hauptbahnhof, die Universität. Dann wieder fand sie ihn auf dem Bett liegend, kraftlos, mit weit geöffneten, starren Augen. Er aß wenig, immer weniger. Sie brachte ihm seine Lieblingsspeisen ins Zimmer. Er lächelte, aß fast nichts, setzte den Kopfhörer wieder auf. Hörte Musik, die er vor sieben, acht Jahren gehört hatte. Als er Student war. Sekkai no Owari. Weltende, eine fröhliche Musik. Schaute aufs Smartphone, wischte Mangas vorbei. »Man braucht keine Bücher mehr«, sagte er einmal. »Ist alles hier drin.«

So ungefähr erzählte die Frau. Auch von kleinen Ausflügen, Restaurantbesuchen, zu zweit oder, selten, zu dritt, mit dem Vater. Ins Kino, er liebte Science Fiction und Animes. Das alles lag wohl schon einige Zeit zurück. »Man braucht keine Filme mehr, ist alles hier drin.« »Nein«, sagte die Mutter, »damit etwas hier drin ist, muss man es erst einmal machen.« Der Junge – manchmal sagte sie »der Junge« oder auch »mein Kleiner« – winkte ab; nickte und winkte ab. »Ist schon genug gemacht.« Und Freunde, Menschen? Kamen nie in die Wohnung? »Ist alles hier drin.«

Freundin? Ich wagte nicht zu fragen. Das wäre mir zudringlich vorgekommen. Überhaupt sprach ich bei unseren Starbucks-Sitzungen immer weniger. Unmerklich hatte ich be­gonnen, mich mit dem Jungen zu identifizieren. War ich wie er? Nein! Ich sagte es laut. Frau S. schaute verwundert, den Kopf schiefgelegt. Entschuldigen Sie, an was anderes gedacht…

Frau S. lächelte verständnisvoll. Mit dem Vater sprach der Sohn nie, hatte nie mit ihm gesprochen. Nie geantwortet, nie widersprochen, bis es der Vater aufgegeben hatte. Mit seinen Schwestern… Früher, ja. Sie waren längst aus dem Haus, verheiratet, in anderen Städten, die Ältere hatte ein Kind. »Mein Enkelkind«, sagte sie und schaute einen Augenblick lang, als betrachtete sie sich im Spiegel. Noch ein Säugling, ein Junge, die Tochter hatte ihn zweimal vorbeigebracht, »zum Anschauen«, hatte die Tochter gesagt (sagte Frau S.). Der Sohn hatte das Baby mit gestreckten Armen zwischen seine Hände genommen wie etwas Zerbrechliches, Kostbares – oder Ekeliges, dem man sich um keinen Preis nähern will.

»Dann sind Sie schon Grossmutter? Unglaublich!« Ich war ehrlich verblüfft. Das Vorstellungsbild des Typus »Großmutter« war unvereinbar mit – ja, mit was? Mit dem konkreten Bild, das die fast jugendlich wirkende Frau bot? Mit dem Jahrgang 1957? Mit dem 21. Jahrhundert? Oder… mit mir selbst. Großvater? Daß ich nicht lache! Die Frau lächelte. Milde, nachsichtig. Bestätigend. Ist es nicht unsere Aufgabe, zu bestätigen, was ist?

Mag sein. Unwillkürlich schoss ein Bild aus einem Film in meinen Kopf, den ich vor nicht sehr langer Zeit gesehen hatte. Genauer gesagt, das Bild blühte auf. Aber rasch, wie im Zeitraffer, plötzliche Entfaltung einer Blüte, eines Gesichts. Dunkel, mit Glanzflächen und Schnitten, die Oberfläche zum Zerreißen gespannt. Zerriss aber nicht. Sank ein, ebnete sich zu einer Wiese. Aus dem dunklen Glanz wurde Wiesenschaum. Das war nur ein Film (ein neuer), eine Schauspielerin (jung). Ungeschminkt. Da war nichts als die Kunst, menschliche Kunst. Kunst des Verstellens; des Zurückfindens – zu sich.

Frau S. hatte vom Mann ihrer jüngeren Tochter erzählt, dabei aber gemerkt, daß ich ihr nur mit einem Ohr zuhörte. Rücksichtsvoll, wie sie war, warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr und befand, es sei Zeit zu gehen, sie habe noch etwas zu erledigen.
In der nächsten Woche erschien sie nicht im Seminar. In der darauf folgenden saß sie wieder in der dritten Reihe, still und aufmerksam wie immer. Erst als sie nach dem Seminar, während ich am Beamer hantierte, wie versonnen die Wörter und Zeichen wegwischte, die ich an der weissen Tafel hinterlassen hatte, fiel mir auf, daß sie schwarze Kleidung trug.

Die Mitteilung, die sie mir dann im Starbucks machte, hätte nicht schlichter sein können: »Mein Sohn ist gestorben.« Ruhig, ohne erkennbare Gefühlsregung, als sei das Erwartete eingetreten.

Was hätte ich auf diese Mitteilung, der keinerlei Erklärungen folgten, antworten sollen? Naturgemäß fiel mir nichts ein. Wir saßen zwischen plaudernden Paaren und Einzel­gängern mit aufgeklapptem Computer, schauten durch die Glasfront auf den weiten Vorplatz des Einkaufszentrums, die spärlichen Schneeflocken, die schmale fleckige Straße, das grau-grüne Ende. Natürlich hätte ich gern gewusst, wie ihr Sohn gestorben war, und hätte sie aufgeschluchzt oder gewimmert, ich hätte wohl ein Trostwort gefunden. Jeden­falls lag es bei ihr, mir Einzelheiten mitzuteilen oder nicht. Ich durfte nicht danach fragen.

An der Stelle des Meerstücks, dieser geduldigen Leinwand, erschien das Schlussbild eines Films, den ich vergessen hatte und der jetzt plötzlich, wie selbstverständlich zurück war. Ein junger Mann, der in einer verwinkelten Altstadt suchend umhergestreift war und nun ruhig atmend innehält, sagt in Nahaufnahme, langsam die Lippen bewegend, den Satz: »Den Gestorbenen vergesse ich nicht.« Damit endet der Film. Einen Momentlang glaubte ich sogar, draussen unter dem Himmel den Beginn des Abspanns zu sehen, die Liste der Namen. Ich wollte Frau S. fragen, ob sie den Film gesehen hatte, aber der Titel fiel mir nicht ein.

»Den Verstorbenen vergesse ich nicht«, flüsterte ich vor mich hin. Frau S. bedankte sich und legte behutsam die Finger ihrer linken Hand auf meinen rechten Unterarm, liess sie dort eine Zeitlang verweilen.

»Und Sie?« Fragte sie mich wie aus heiterem Himmel, oder genauer, wie aus dem grauen Himmel, der den Hafen und die Stadt einhüllte, und ihr Blick streifte flüchtig meine Augen, meine kahle Stirn.

Mir ist noch niemand gestorben, ausser meinen Eltern, aber die waren alt, es war für sie Zeit, zu sterben. Das Begräbnis meines Vaters hatte ich verpasst (meine ältere Schwester hatte sich um alles gekümmert). Ich konnte mir nicht einmal die Situation vorstellen, daß mir jemand stirbt, so wie Frau S. ihr Sohn gestorben war. Nein, da war niemand, der mir hätte sterben können, außer vielleicht ich selbst. Meine Freundin war gesund, einige Jahre jünger als ich, sie ging wöchentlich zweimal in den Ruderklub. Wir lebten in zwei ver­schiedenen Wohnungen, in zwei verschiedenen Stadtteilen. Das hatte ich immer so gehalten: Nur nicht aufeinander kleben, wenn nötig soll man jederzeit Abstand nehmen können. So war ich mehr oder weniger gut durch die Jahre gekommen, die Beziehungen hatten drei bis fünf Jahre gehalten, das schien – und scheint mir weiterhin – angemessen. Danach, nach diesen vier, maximal fünf Jahren, weiß man zu viel, die Dinge, die Wörter, die Phrasen beginnen sich zu wiederholen, und es ist besser, endgültig Abstand zu nehmen. Abstand, Abschied. Sich anderswo umzusehen. Schliesslich ist man noch nicht tot. Soll man sich seine Neugier denn nicht bewahren?

Das ungefähr war meine Antwort auf die knappe Frage, aber mehr in Andeutungen, gedämpft, wie es zur Stimmung passte. Möglich, daß Frau S. nur ein Nuscheln vernahm, dazu neige ich leider. Im übrigen ging es mir darum, ein wenig länger als üblich mit ihr zusammen zu sein und einfach irgendetwas – nicht ganz Unpassendes – zu sagen. Ich glaube, das brauchte sie in diesem Moment.

Bevor wir an diesem Tag auseinandergingen – es war längst Abend geworden, das Ende der Hafenstrasse stockdunkel, darüber ein nervöser Nachthimmel, in dem ständig etwas aufblinkte, Warnlichter, Flugzeuge, Sterne –, vertraute sie mir noch ihr letztes Bild an, die Bilder vom einem Spaziergang im über Nacht gefallenen Schnee, am Tag vor dem Tod ihres Sohnes. Sie habe ihn dazu bewegen können, wenigstens ein paar Schritte aus dem Haus zu machen, zum Park, wo er sogleich in die Wiese hineinging, auf dem reinen, noch unberührten Schnee. Eine Amsel stakste neben ihm, und es hatte den Anschein, als wollten sie beide nicht mehr stehenbleiben. Die Mutter hatte in diesen Augenblicken das Gefühl, er sei glücklich, sie glaubt es am Sonnenglanz auf seiner Schulter ablesen zu können. Der Schnee und das Sonnenlicht waren das letzte, was er von dieser Welt aufnahm, das reine Weiss, die Leinwand, auf der sich nichts abzeichnete als zwei Fussspuren, die er nicht sah.

Das war es, was sie mir noch hatte erzählen wollen, und ich fragte mich, als ich in ihr Gesicht blickte, wer das Glück wahrhaft empfunden haben mochte, ihr Sohn oder sie selbst. Auch an diesem Tag war sie es, die die Starbucks-Sitzung auf ihre sanfte Art beendete. Ich begleitete sie noch ein Stück Weges… Nein, umgekehrt, sie begleitete mich, und doch hatte ich das erste und einzige Mal das Gefühl, sie zu begleiten.

Teil 3/3: hier

© Leopold Federmair

Dieser Beitrag wurde unter Fiktion veröffentlicht. Permalink zum Artikel

Kommentar abgeben:

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Angaben sind mit * markiert.