»In­de­pen­dent Je­wish Voices« für ei­ne dif­fe­ren­zier­te Be­trach­tung im Nah­ost­kon­flikt

Vor ei­ni­gen Ta­gen mel­de­te sich ei­ne Grup­pe bri­ti­scher Ju­den (hier­un­ter auch vie­le pro­mi­nen­te In­tel­lek­tu­el­le und Künst­ler wie bei­spiels­wei­se der Hi­sto­ri­ker Eric Hobs­bawm, der Fil­me­ma­cher Mi­ke Leigh, Schau­spie­ler Ste­phen Fry, Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Ha­rold Pin­ter und der So­zio­lo­ge Ri­chard Sen­nett) un­ter dem pro­gram­ma­ti­schen Ti­tel »Indepen­dent Je­wish Voices« zu Wort. Ih­re Er­klä­rung wur­de erst­ma­lig im li­be­ra­len »Guar­di­an« pu­bli­ziert.

Bei den »In­de­pen­dant Je­wish Voices« han­delt es sich um ei­nen (lo­sen) Zu­sam­men­schluss. Ih­re »De­cla­ra­ti­on« liest sich wie ein Be­frei­ungs­schlag ge­gen ein Estab­lish­ment, von dem sie sich nicht mehr re­prä­sen­tiert füh­len (Die Über­set­zung er­folg­te durch mich; sie ist we­der au­to­ri­siert noch be­an­sprucht sie al­lei­ni­ge Gül­tig­keit. Der ge­setz­te Link er­mög­licht es je­dem, den Wort­laut im Ori­gi­nal zu le­sen und selbst zu über­set­zen.):

    Wir sind zu der Über­zeu­gung ge­kom­men, dass das brei­te Spek­trum der Mei­nun­gen un­ter der jü­di­schen Be­völ­ke­rung die­ses Lan­des von je­nen Ein­rich­tun­gen nicht wi­der­ge­spie­gelt wird, wel­che die Au­to­ri­tät bean­spruchen, die jü­di­sche Ge­mein­schaft als Gan­zes zu ver­tre­ten.[...] Wir ha­ben uns da­her ent­schlos­sen, den Aus­druck von al­ter­na­ti­ven jü­di­schen Mei­nun­gen zu be­för­dern, ins­be­son­de­re un­ter Be­rück­sich­ti­gung der ern­sten Si­tua­ti­on im Na­hen Osten, wel­che die Zu­kunft so­wohl von Is­rae­lis als auch von Pa­lä­sti­nen­sern so­wie die Sta­bi­li­tät der gan­zen Re­gi­on be­droht. Wir wer­den von den fol­gen­den Prin­zi­pi­en ge­lei­tet:
  1. Men­schen­rech­te sind uni­ver­sal und un­teil­bar und soll­ten oh­ne Aus­nahme gel­ten. Das ist in Is­ra­el und den be­setz­ten pa­lä­sti­nen­si­schen Ge­bie­ten eben­so gül­tig wie an­ders­wo auf der Welt.

  2. Pa­lä­sti­nen­ser und Is­rae­lis ha­ben das glei­che Recht auf ein fried­li­ches und si­che­res Le­ben.
  3. Frie­den und Sta­bi­li­tät setzt not­wen­dig vor­aus, dass die Kon­flikt­par­tei­en in­ter­na­tio­na­len Ge­set­zen zu­stim­men.
  4. Es gibt kei­ne Recht­fer­ti­gung für je­de Form des Ras­sis­mus, ein­schließ­lich des An­ti­se­mi­tis­mus, an­ti­ara­bi­schen Ras­sis­mus oder Isla­mo­pho­bie in je­der Aus­prä­gung.
  5. Der Kampf ge­gen den An­ti­se­mi­tis­mus ist le­bens­wich­tig, wird aber dann un­ter­gra­ben, wenn die Op­po­si­ti­on ge­gen is­rae­li­sche Re­gie­rungs­po­li­tik au­to­ma­tisch als an­ti­se­mi­tisch ge­brand­markt wird. Die­sen Grund­sät­zen wird wi­der­spro­chen, wenn die­je­ni­gen, die be­haupten, im Auf­trag der Ju­den in Groß­bri­tan­ni­en und an­de­rer Län­der zu spre­chen und die Po­li­tik ei­ner Be­sat­zungs­macht hö­her zu be­wer­ten als die Men­schen­rech­te.

Die Un­ter­zeich­ner tre­ten für ei­nen fair ver­han­del­ten Frie­den ein, der die Be­dürf­nis­se bei­der Sei­te be­rück­sich­ti­gen sol­le. Em­pha­tisch be­schwö­ren sie die jü­di­sche Tra­di­ti­on für den Kampf uni­ver­sa­ler Frei­heit, Men­schen­rech­te und so­zia­ler Ge­rech­tig­keit.

Be­son­de­ren Dis­kus­si­ons­stoff dürf­te der Satz Die Leh­ren, die wir aus un­se­rer ei­ge­nen Ge­schich­te ge­zo­gen ha­ben, zwin­gen uns da­zu, das aus­zu­spre­chen. bie­ten.

Es gab na­tür­lich Be­schimp­fun­gen der übel­sten Art (in di­ver­sen Fo­ren nach­zu­le­sen; auch auf der vom »Guar­di­an« ein­ge­rich­te­ten Dis­kus­si­ons­sei­te) und auch die Bro­der­lo­gik, dass es sich um selbst­has­sen­de Ju­den han­delt, wird im­mer wie­der ger­ne ins Feld ge­führt. Dies sind je­doch klein­gei­sti­ge Ab­len­kungs­ma­nö­ver, wenn ei­nem im Rausch des Wi­der­spruchs die Ar­gu­men­te so­zu­sa­gen mit­ten im Schrei­ben aus­ge­hen.

Die Ent­rü­stung ist ver­mut­lich des­halb so stark, weil die Er­klä­rung ei­nen Kern­punkt be­rührt: Der ge­le­gent­lich zu be­ob­ach­ten­de vor­aus­ei­len­de Ge­hor­sam, der is­rae­li­schen Po­li­tik (fast) ei­nen Blan­ko­scheck aus­zu­stel­len, wird von vie­len jü­di­schen Eli­ten in­zwi­schen nicht nur als pein­lich emp­fun­den, son­dern als kon­tra­pro­duk­tiv ab­ge­lehnt. Dies be­le­gen zahl­rei­che Bei­spie­le – auch in Is­ra­el (man den­ke u. a. an die auf­se­hen­er­re­gen­de Gross­man-Re­de). Zwar funk­tio­nie­ren die De­nun­zia­ti­ons­me­cha­nis­men noch, aber es »bröckelt«: Längst sind die fast paw­low­schen Ab­wehr­re­fle­xe bei Re­den die­ser Art un­glaub­wür­dig ge­wor­den, da sie kei­ner­lei sub­stan­ti­el­le Lö­sungs­vor­schlä­ge be­reit­hal­ten, son­dern nur ei­nen Sta­tus quo zu er­hal­ten trach­ten, der die Pro­ble­me kon­ser­viert und so­gar ver­schärft, statt sie zu lö­sen.

Und um nicht der Ein­sei­tig­keit be­schul­digt zu wer­den: Na­tür­lich ist das Ver­hal­ten et­li­cher Re­prä­sen­tan­ten der Pa­lä­sti­nen­ser in den letz­ten Jah­ren auch nicht ge­ra­de vertrauen­erweckend – was je­doch die Dring­lich­keit ei­ner ver­nünf­ti­gen po­li­ti­schen In­itia­ti­ve eher noch ver­stärkt, als sich auf die be­kann­ten und ge­wohn­ten Po­si­tio­nen zu­rück­zu­zie­hen, oder?

Die De­kla­ra­ti­on der »In­de­pen­dant Je­wish Voices« zielt auf ein welt­wei­tes Echo. Es ist span­nend zu be­ob­ach­ten, ob dies ge­schieht, ins­be­son­de­re wie die Re­ak­tio­nen der gro­ssen jü­di­schen »Dia­spo­ra« in den USA aus­fal­len wird (dort strei­tet der­zeit To­ny Judt ziem­lich auf sich al­lein ge­stellt für ei­ne dif­fe­ren­zier­te­re Sicht). In den deut­schen Me­di­en wur­de m. W. nur in der »Kul­tur­zeit« von 3sat ein Bei­trag ge­bracht – und ein Ge­spräch mit ei­nem der In­itia­to­ren, Do­nald Sas­so­on.

Man stel­le sich ei­ne ähn­li­che In­itia­ti­ve in Deutsch­land vor – und der Auf­schrei, der von den üb­li­chen Ge­sin­nungs­po­li­zi­sten und Mei­nungs­mo­no­po­li­sten an­ge­führt wür­de. Viel­leicht fin­den sich aber trotz­dem die mu­ti­gen hier in Deutsch­land – oder sie schlie­ssen sich den Bri­ten an.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. A who­le bunch of Be­lang­lo­sig­kei­ten ha­be ich hier von To­ny Judt ge­le­sen.
    Edel sei der Mensch, hilf­reich und gut. Bla bla bla. Das ist die­ses Ge­fa­sel, dass sich die de­mo­kra­ti­sche ame­ri­ka­ni­sche Öf­fent­lich­keit er­laubt, um
    die heuch­le­ri­sche See­le zu ver­wöh­nen. Po­li­ti­sche Re­le­vanz ha­ben die­se Sonn­tags­red­ner nicht, die sich selbst gut ein­ge­rich­tet ha­ben. Man hat prak­tisch
    die­se Woo­dy Allen’schen Steh­par­ties vor Au­gen.

    Der Auf­stand der Auf­rech­ten in Groß­bri­tan­ni­en wirkt da­ge­gen fast rüh­rend, wenn auch na­iv. Re­ka­pi­tu­lie­ren
    wir: Is­ra­els po­lit­sches Sy­stem ver­kommt oh­ne Bei­spiel, die
    Pa­lä­sti­nen­ser sind prak­tisch im Bür­ger­krieg. Wer da noch an den al­ten Pa­ro­len fest­hält ist ein Dumm­kopf oder hat an­de­re In­ters­sen.

    Nicht ganz ver­stan­den ha­be ich, was du von den »In­de­pen­dant Je­wish Voices« er­war­test. Ei­ne Klä­rung des jü­di­schen Selbst­ver­ständ­nis­ses in der Welt
    als kul­tu­rel­le Ein­heit oder ei­ne neue Sicht auf die Rol­le Is­ra­els?

    P.S. Ich ver­zwei­fel ge­ra­de an der Vor­stel­lung, dass die Welt­ge­mein­schaft den Auf­bau des Li­ba­non be­zahlt, wäh­rend Is­ra­el in Ru­he rea­li­siert, dass der
    An­griffs­krieg po­li­ti­scher und mi­li­tä­ri­scher Un­fug war.

  2. Ich kann mich dem Lob von Big­Ber­ta ja nur an­schlie­ßen, selbst wenn mir das Wort »Le­se­be­fehl« et­was auf­stößt. Aber das ist das Span­nen­de am Blog, dass man auf Din­ge hin­ge­führt wird, die man zwar gut­heißt, auf de­ren Su­che man sich aber nicht selbst ak­tiv be­ge­ben wür­de. Dan­ke für die­sen in­for­ma­ti­ven Bei­trag.

  3. Step­pen­hund
    sag mir ein bes­se­res und ich wer­de es ver­wen­den. Ver­spro­chen ;-). Da hat Gre­gor wie­der ein Schätz­chen aus­ge­gra­ben, dass man nicht ge­nug lo­ben und ver­brei­ten kann – will man uns doch hier im­mer weis­ma­chen, die is­rae­li­sche Ge­sell­schaft stün­de, ähm, bom­ben­fest hin­ter ih­rer Füh­rung. Üb­ri­gens darf ich die Ge­le­gen­heit beim Schopf packen und Euch mal auf den vier­spra­chi­gen Huib Riet­hof hin­wei­sen:
    http://e‑urban.squarespace.com/home-deutsch/

    Lei­der ist es mir so­eben – aus rein tech­ni­schen Grün­den – nicht ge­lun­gen, die In­fo über die­sen Bei­trag dort­hin zu be­kom­men.

  4. #1 Pe­ter / Be­lang­lo­sig­kei­ten und Er­war­tun­gen
    Es mag ja sein, dass Judts Äu­sse­run­gen für den auf­ge­klär­ten Eu­ro­pä­er nur »Be­lang­lo­sig­kei­ten« sind – in den USA er­fül­len sie den Tat­be­stand des Sa­kri­legs. Judt gilt in den Staa­ten als Nest­be­schmut­zer und Un­ru­he­stif­ter – neu­lich wur­de er (sanft) von ei­nem Vor­trag wie­der aus­ge­la­den. Judts Wort von der »Is­ra­el-Lob­by« ge­nüg­te schon da­für (sie­he hier). Sei­ne Vor­stel­lun­gen von ei­nem »bi­na­tio­na­len Is­ra­el« rei­chen, ihm An­ti­se­mi­tis­mus zu un­ter­stel­len.

    Der »Auf­stand der Auf­rech­ten« ist mehr als nur na­iv. Es wird da­mit do­ku­men­tiert, dass es kei­ne mo­no­li­thi­sche Mei­nung mehr »der« Ju­den gibt; was ja durch­aus ein­mal an­ders war. Es ist ei­ne Vor­gang, sich von den eta­blier­ten Mei­nungs­füh­rern, die un­ge­fragt al­les für ih­re Aus­rich­tung in­ter­pre­tie­ren, zu eman­zi­pie­ren. Das kann der Buch­händ­ler an der Ecke oder der Bü­ro­an­ge­stell­te auch – aber wenn dies auf brei­ter Ba­sis durch­ge­führt wird, be­kommt es ei­ne an­de­re Kraft.

    Mei­ne »Er­war­tung« an die IJV zu for­mu­lie­ren, ist schwie­rig. Ich ge­be zu, dass sie et­was ar­ti­ku­lie­ren, was mich in Deutsch­land stört. Ich weiss zu we­nig über die Stel­lung der of­fi­zi­el­len jü­di­schen Vertretung(en) in Gross­bri­tan­ni­en und de­ren Wir­ken. Ich kon­sta­tie­re, dass die Si­tu­ta­ti­on in Deutsch­land ei­ne ganz an­de­re ist – das gro­sse Ver­bre­chen der Sho­ah wird im­mer mit­ge­dacht wer­den müs­sen.

    In Deutsch­land ist man – spe­zi­ell in in­tel­lek­tu­el­len Dis­kur­sen, aber auch in der Po­li­tik – all­zu schnell mit dem Vor­wurf des »An­ti­se­mi­tis­mus« zur Hand. Es stellt das vir­tu­el­le »To­des­ur­teil« für ei­nen In­tel­lek­tu­el­len dar. Man sucht so lan­ge, bis man ei­nen Fet­zen ge­fun­den hat, der pau­schal al­les dis­kre­di­tie­ren soll. So un­längst bei Grass, dem ei­ne »an­ti­se­mi­ti­sche Stel­le« in ei­nem sei­ner Ro­ma­ne an­ge­krei­det wird. Auch dem Ägyp­to­lo­gen Ass­mann wur­de neu­lich ver­steck­ter An­ti­se­mi­tis­mus vor­ge­wor­fen – nur weil der »Spie­gel« sei­ne The­sen in ei­nem Bei­trag ver­kürzt wie­der­ge­ge­ben hat­te. Die Bei­spie­le lie­ssen sich noch wei­ter aus­füh­ren.

    Ein­mal aus­ge­spro­chen, ist der Vor­wurf kleb­rig wie ein Kau­gum­mi un­ter dem Schuh. Et­was bleibt im­mer zu­rück. Auch vor »spon­ta­nen Ent­deckun­gen« ist ein Au­tor nicht ge­feit. Neu­lich wur­de Bern­hard Schlinks Buch »Der Vor­le­ser«, 1995 er­schie­nen und ein gro­sser Er­folg, kri­tisch un­ter­sucht – mit dem Er­geb­nis, ein Ka­po wür­de dort zu po­si­tiv dar­ge­stellt. Das es ge­ra­de um die­se Am­bi­va­lenz in dem Buch geht, kommt den Wahr­heits­mi­ni­stern nicht in den Sinn. Ihr den­ken kennt nur Schwarz/Weiss, Gut/Böse.

    Auf po­li­ti­schem Ge­biet ist dies ja ähn­lich – wir ha­ben es im Som­mer ver­gan­ge­nen Jah­res er­wähnt. Je­der, der nur in Nu­an­cen dem Vor­ge­hen der is­rae­li­schen Ar­mee und Re­gie­rung zu wi­der­spre­chen wag­te, wur­de flugs in die an­ti­se­mi­ti­sche Ecke be­för­dert. Das ist bei­lei­be kein ein­zel­nes Phä­no­men – ich hal­te es für gän­gi­ge Dis­kurs­pra­xis; im­mer noch.

    Da­ge­gen set­zen die IJV ei­nen Ak­zent. Nicht mehr. Aber auch nicht we­ni­ger.

    PS: Ich ver­zwei­fel an der Vor­stel­lung, dass die EU jah­re­lang den Pa­lä­sti­nen­sern gross­zü­gig Geld be­zahlt hat, von dem nur ein Bruch­teil an­ge­kom­men ist – aber im­mer­hin – und jetzt die­se In­fra­struk­tur durch bei­de Sei­ten wie selbst­ver­ständ­lich wie­der zer­stört wird.

  5. Ei­ne ähn­li­che In­itia­ti­ve in Deutsch­land
    Wie­so »Man stel­le sich ei­ne ähn­li­che In­itia­ti­ve in Deutsch­land vor« – die gibt es doch längst, näm­lich Schalom5767, sie­he http://www.schalom5767.de.
    Es ist wirk­lich sehr gut und an der Zeit, dass sich in meh­re­ren Län­dern sol­che In­itia­ti­ven bil­den.

  6. Ja, tat­säch­lich
    Ich hat­te mal von die­ser In­itia­ti­ve ge­hört – es aber völ­lig ver­ges­sen. Me­di­al fin­det sie kaum Auf­merk­sam­keit, was m. E. auch dar­an liegt, dass sehr we­nig Pro­mi­nenz zu den Erst­un­ter­zeich­nern ge­hört. Das ist bei der bri­ti­schen In­itia­ti­ve an­ders.

  7. Ich ha­be mal re­cher­chiert, was sich in den Nie­der­lan­den so tut...
    ...und fest­ge­stellt, dass es auch dort ei­ne ent­spre­chen­de Grup­pe gibt:

  8. #4 – Be­ru­hi­gung
    Ja, du hast wohl recht. Es wird et­was er­for­dern, von dem ich nicht so­viel ha­be: Ge­duld. Es wird aber ver­mut­lich kein Zu­fall sein, dass der »mo­no­li­ti­sche Block« par­al­lel zur po­lit­schen Kul­tur in Is­ra­el Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen zeigt.

    Die po­li­ti­sche Kul­tur in Is­ra­el ha­be die Men­schen in die in­ne­re Emi­gra­ti­on ge­trie­ben
    Er­schreckt die­ser Satz nicht? In an­de­rem Zu­sam­men­hang wirk­te er schon re­tro­spek­tiv be­droh­lich.

  9. Hier ein Kom­men­tar von Huib Riet­hof:

    Mei­ne Über­set­zung:
    Es ist Zeit für ei­ne neue Frie­dens­in­itia­ti­ve für Is­ra­el und sei­ne Nach­barn
    Die In­itia­ti­ve ei­ner An­zahl bri­ti­scher In­tel­lek­tu­el­ler ge­gen den Ver­derb der zwi­schen­staat­li­chen Be­zie­hun­gen im Na­hen Osten ver­dient eu­ro­pa­wei­te Auf­merk­sam­keit. Der auf­ge­stau­te, un­be­wuss­te An­ti­se­mi­tis­mus, der in Pro­vo­ka­tio­nen ge­gen die mus­li­mi­schen Ein­wan­de­rer in Eu­ro­pa zum Aus­druck kommt, hin­dert uns dar­an, ‚un­se­re Stim­me ame­ri­ka­nisch-is­rae­li­schen Dumm­hei­ten zu er­he­ben. Wir ha­ben – nicht zu Un­recht – Angst, ihn zu füt­tern. Wir brau­chen drin­gend ei­ne In­itia­ti­ve von Nicht-Ju­den, die im un­be­streit­ba­ren Exi­stenz­recht Is­ra­els fusst, und die mit Macht ei­nen gleich­be­rech­tig­ten, hu­ma­nen Frie­den in Nah­ost for­dert. Der durch die Po­li­tik der USA er­mu­tig­te an­ti-ara­bi­sche, an­ti-is­la­mi­sche Ras­sis­mus ver­gif­tet die in­ter­eth­ni­schen Be­zie­hun­gen in un­se­ren Städ­ten. Da­mit muss Schluss sein. Wer wagt es, die In­itia­ti­ve zu er­grei­fen?

  10. Wie wär’s mit Schieß­be­fehl?
    Viel­leicht »al­ler­hef­tig­ste Le­se­emp­feh­lung«? ;)
    Mir hat vor fünf Jah­ren ein sech­zig­jäh­ri­ger Pa­lä­sti­nen­ser (aus ziem­lich wich­ti­ger Fa­mi­lie) er­klärt, dass das Pro­blem nicht nur bei den Pa­lä­sti­nen­sern liegt (ob­wohl dort auch) son­dern dass es in Is­ra­el tat­säch­lich zwei ziem­lich gleich stark ver­tre­te­ne Grup­pen gibt. Die ei­nen wol­len Frie­den und kön­nen sich mit »le­ben und le­ben las­sen« gut iden­ti­fi­zie­ren, die an­de­ren wol­len am lieb­sten null Pa­lä­sti­nen­ser mit in Kauf­nah­me al­ler Mit­tel. Es ist da­her nur ver­ständ­lich, dass sich die Geg­ner eben­so ra­di­ka­li­sie­ren.
    Dass ein Frie­dens­pro­zess nicht viel Chan­cen hat, ist bei die­sem Auf­ein­an­der­tref­fen von vier Grup­pen wohl leicht ver­ständ­lich. In ei­nem Kon­flikt sind die Ra­di­ka­len im­mer die Ef­fi­zi­en­te­ren, es ist ein­fach ei­ne Fra­ge der Skru­pel­lo­sig­keit.

  11. Nach­trag
    Eve­lyn Hecht-Ga­lin­ski (Toch­ter von Heinz Ga­lin­ski) be­zieht hier deut­lich Stel­lung zur Ghet­to-Kri­tik der deut­schen Bei­schö­fe.

    Ins­be­son­de­re nimmt Sie auch Be­zug zum Zen­tral­rat der Ju­den und sei­ner Rol­le als Sprach­rohr der is­rae­li­schen Re­gie­rung und sei­ner Selbst­im­mu­ni­sie­rung durch den Vor­wurf des jü­di­schen An­ti­se­mi­tis­mus oder des jü­di­schen Selbst­has­ses.

  12. Nach­trag zum Nach­trag – @Peter
    Vie­len Dank für die­sen Hin­weis. Ich ha­be die­se »Af­fä­re« ein­mal kurz zu­sam­men­ge­fasst; sie zeigt ein­drück­lich das Di­lem­ma, mit dem hier die Ent­rü­stungs­in­du­strie je­den Plu­ra­lis­mus un­ter­drückt.

    Laut »Süd­deut­scher Zei­tung« soll Bi­schof Gre­gor Ma­ria Han­ke: »Mor­gens in Yad Va­schem die Fo­tos vom un­mensch­li­chen War­schau­er Ghet­to, abends fah­ren wir ins Ghet­to in Ra­mal­lah. Da geht ei­nem doch der Deckel hoch«.

    Flugs wur­de das Zi­tat sinn­ent­stellt und ver­fäl­schend wie­der­ge­ge­ben: Han­ke, so die Pres­se, hät­te die is­rae­li­sche Be­sat­zungs­po­li­tik mit dem War­schau­er Ghet­to gleich­ge­setzt. Dies wä­re na­tür­lich in der Tat ein gro­ber Miss­griff ge­we­sen. Der is­rae­li­sche Bot­schaf­ter Shi­mon Stein för­dert die­se Deu­tung: »Wenn man Be­grif­fe wie ‘War­schau­er Ghet­to’ oder ‘Ras­sis­mus’ im Zu­sam­men­hang mit der is­rae­li­schen bzw. pa­lä­sti­nen­si­schen Po­li­tik be­nutzt, dann hat man al­les ver­ges­sen oder nichts ge­lernt und mo­ra­lisch ver­sagt.«

    Ich sa­ge, wer be­wusst Zi­ta­te ver­fälscht und sinn­ent­stel­lend ver­frem­det und an­de­ren ei­ne Ge­sin­nung un­ter­stellt, die so nie­mals ge­äu­ssert wur­de, dann ist man ein Lüg­ner und Fäl­scher. In die­se Ker­be ge­hört auch Frau Knob­loch, die Vor­sit­zen­de des Zen­tral­rats der Ju­den in Deutsch­land. Ge­mäss SpOn kri­ti­sier­te sie »die Äu­ße­run­gen ka­tho­li­scher Bi­schö­fe als ‘ent­setz­lich und völ­lig in­ak­zep­ta­bel’. Wenn der Eich­stät­ter Bi­schof Gre­gor Ma­ria Han­ke das War­schau­er Ghet­to und da­mit dass Schick­sal der dort in­ter­nier­ten Ju­den im Ho­lo­caust mit der Si­tua­ti­on der Pa­lä­sti­nen­ser in Ra­mal­lah ver­glei­che, zeu­ge dies ‘ent­we­der von be­denk­li­chen De­fi­zi­ten in sei­nen hi­sto­ri­schen Kennt­nis­sen’ oder er ver­su­che aus den jü­di­schen Ho­lo­caust­op­fern und ih­ren Kin­dern heu­te Tä­ter zu ma­chen.«

    Da hilft es, wenn sich so­gar in den USA in­zwi­schen li­be­ra­le Ju­den zu­sam­men­ge­tan ha­ben und da­bei sind, ei­ne Ge­gen­or­ga­ni­sa­ti­on zur mäch­ti­gen AIPAC zu grün­den. Auch sie füh­len sich durch die­se Be­ton­köp­fe nicht mehr ver­tre­ten. Die ENt­wick­lung steckt noch in den Kin­der­schu­hen; es gibt bis­lang noch nicht ein­mal ei­nen Na­men für die­se Or­gas­ni­sa­ti­on (ge­mäss »DIE ZEIT« Nr. 10, S. 48, »Tau­ben ge­gen Fal­ken« von Eva Schweit­zer).