Angeregt durch »en-passant« in einem Kommentar wurde ich auf ein kurzes, aber interessantes Gespräch in der FAZ zwischen Hubert Spiegel und den beiden Schriftstellerinnen Sibylle Lewitscharoff und Felicitas Hoppe aufmerksam. Unter dem leicht philisterhaften Titel »Haben Sie Überväter, meine Damen?« entwickelt sich ein erstaunliches Selbstbewusstsein einer Schriftstellergeneration den »alten Garden« gegenüber.
Es geht gleich in medias res und es fallen kühne Sätze, wie hier von Felicitas Hoppe:
»Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? […] Wir brauchen aber Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord…« (Franz Kafka an Oskar Pollak 1904)
Martin von Arndt: ego shooterDer Einstieg: Im Nu. Schon nach den ersten Seiten des Buches kann man sich diesem Sog nicht mehr entziehen, der von Kovács Erzählstrom (eine Niederschrift?) ausgeht. Der Leser taucht mit dem Protagonisten in eine Welt, die er so noch nie gesehen hat. ego shooter ist ein Abenteuer für den Leser; ein Buch, das beisst und sticht.
Und schnell vergisst man die gängigen Klischees der Nerds, die Tag und Nacht vor den Computern hocken und »herumballern«. Kovács ist zwar ein Spieler; ein Profispieler. Er hat vieles über die (deutschen) »Fliegerhelden« des ersten und zweiten Weltkriegs gelesen und spielt nächtelang in speziellen Foren um Punkte und Geld mit entsprechenden Flugsimulatoren. Aber der adler ist ein Mensch, nicht nur ein seelenloser Benutzername. Und es ist das Verdienst von Martin von Arndt, dies in den Vordergrund des Buches zu stellen; ego shooter ist primär kein Psychogramm eines »Ballerspielers«. Es ist eher eine Selbstvergewisserungsschrift eines Menschen, der droht, an der Welt zu verzweifeln (das er es noch nicht ist, macht eine Qualität dieses hochambitionierten und grandiosen Buches aus).
Fast genau in der Mitte von Beim Häuten der Zwiebel fragt der Autor (und mit ihm der bis dahin geduldig gefolgte Leser): Was noch ist mir vom Krieg und aus der Zeit des Lagerlebens außer Episoden geblieben, die zu Anekdoten zusammengeschnurrt sind oder als wahre Geschichten variabel bleiben wollen? Eine schöne und treffende Charakterisierung des gesamten Buches. Dass es im vergangenen Sommer überhaupt einen derart grossen Furor auslöste, ist dem verstohlen auf Seite 126 wie beiläufig erwähnten Tatbestand geschuldet, mit dem Günter Grass seine Zugehörigkeit zu einer Einheit der Waffen-SS erwähnt (ja, erwähnt; nicht erzählt). Und weil dies bis Mitte August kaum jemand bemerkt hatte (die Kritiker hatten wohl so genau die Rezensionsexemplare nicht gelesen), kam es im berühmten FAZ-Interview zur Vorab-Beichte.
Endlich hatten diejenigen, denen Grass jahrzehntelang die Leviten oder anderes gelesen hatte, einen Hebel gefunden, mit dem sie das Denkmal stürzen wollten oder glaubten, es zu können.
RÜCKKEHR Da gab es den Bäckermeister Alwin, der eines Morgens nicht mehr in seine Backstube kam, seine Frau Myriam verließ und nach Mexiko auswanderte. Dort kaufte er sich eine Papierfabrik ein und wurde ein erfolgreicher Fabrikant. Schließlich gehörten ihm zwölf Papierfabriken in ganz Lateinamerika. Nach fünfundzwanzig Jahren kehrte er nach Hannover zurück. Dort lebte seine ...
John Banville: Die SeeDer Kunsthistoriker Max kommt nach einem halben Jahrhundert an die Stätte seines (schönsten) Kindheitsurlaubs – irgendwo an der britischen See – zurück. Er quartiert sich in die entsprechende Pension ein und es entwickelt sich mit der Zeit ein zauberbergähnlicher Mikrokosmos: ein lange mysteriös bleibender ehemaliger Colonel, die Besitzerin des Hauses, Miss Vavasour, die dann gar nicht die Besitzerin ist und noch ein weiteres, kleines Geheimnis hat (was natürlich hier nicht verraten wird) und Max. Seine Frau Anna ist kürzlich an Krebs gestorben, sein Beruf macht ihm keinen Spass mehr (ein Projekt über den Maler Pierre Bonnard macht schon lange keine substantiellen Fortschritte mehr) und mit dem Verhältnis zu seiner Tochter stimmt es auch nicht mehr (der potentielle Schwiegersohn ist [natürlich!] nicht gut genug).
John Banvilles »Die See« ist bei aller Melancholie und gelegentlichem Sentiment kein Bericht eines selbstmitleidigen Helden, der in den »besten Jahren« die obligatorische Sinnkrise bekommt.
Péter Nádas’ hochgelobtes, kleines Büchlein »Behutsame Ortsbestimmung« enthält zwei kleine Geschichten. Die erste, die dem Buch den Titel gab, erzählt (?) von einem kleinen Dorf im ländlichen Ungarn, in das sich der bekannte Schriftsteller gemeinhin begibt; dort (überwiegend?) lebt. Nádas, der »Aussteiger« genannt werden kann (hierin vielen anderen Schriftstellern wie etwa John Berger oder Andrzej Stasiuk ähnlich), versucht hier eine Erzählung über »seinen« Ort, »sein« Dorf und dessen Strukturen und »funktionieren«. Man ist jedoch früh geneigt, hinter dem Begriff des Erzählens eine Fragezeichen zu setzen – denn so richtig ist es dann doch keine Erzählung (Nádas nennt beide dann auch treffend »Zwei Berichte«). Allzu oft gibt es essayistische Züge und wer eine bukolische, emphatische Hymne auf das »natürliche Leben«, auf den (von Nádas anderweitig so hervorgehobenen) Waldbirnenbaum erwartet, wird enttäuscht werden; insofern ist der Untertitel »Die eingehende Betrachtung eines einsamen Waldbirnenbaums« ein bisschen irreführend.
Ausgehend von diesem Ort phantasiert sich Nádas durch die Jahrhunderte und die Geschichte, die von der frühen Besiedlung bis heute rekapitulierbar ist (die römischen Tonscherben sind fast allgegenwärtig) und berichtet dabei (ja: berichtet!) über dieses Dorf und sein Sozialwesen. Alles dichterisch und ohne Pose; erst recht ohne Herablassung (oder – was fast noch schlimmer wäre – stiller oder gar offener Bewunderung).
Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert
Natürlich mussten die »kritischen« Juroren des Ingeborg-Bachmann-Preises 2004 »Was wir im Keller spielen…« auseinandernehmen. Einerseits die Blutleere und Ereignislosigkeit in der jungen, deutschsprachigen Literatur beklagend, andererseits stets das artifizielle lobend – da wird dann ganz gerne das kritisiert, was man eigentlich bei den anderen vermisst (schon, weil es Reibungsfläche bietet). Das »pralle« Leben war noch nie Sache der Kritik – sie zieht im Zweifel immer introspektive Belanglosigkeiten dem epischen Erzählen vor. So war es kein Wunder, dass vor zwei Jahren Saša Stanišić’ Text im Wettbewerb nicht reüssierte – beim Publikum darum umso mehr: er gewann den Publikumspreis, der aus einer Abstimmung im Internet heraus vergeben wurde.
Eine Ohrfeige für die Jury, die ihren eigenen Kriterien misstraute und einen Beitrag mit kleinlicher Attitüde niedermachte, der ihnen vermutlich auch nicht politisch korrekt genug erschien und statt eines Klageliedes ob einer Kindheit in Jugoslawien (als es noch ein Jugoslawien war) eine lebensfrohe Kindheitsbeschwörung las (»gezwungen« war, zu lesen), in der der junge Aleksandar zwar von den Schrecklichkeiten des Krieges erzählte (in etwa im Ton eines 12–14 jährigen – hier hatte man dann auch literaturkritisch den Hebel angesetzt), aber nicht im gängigen Betroffenheitsjargon des heutig Wissenden, sondern in einer farbenfrohen, heiteren, gelegentlich albernen, dann aber durchaus auch tiefgründigen Art (da weiss der Erzähler dann doch etwas mehr als der junge Aleksandar: warum auch nicht, denn Literatur ist keine Dokumentation).
Günter Grass hat die Diskussion um seine SS-Zugehörigkeit vermutlich mehr getroffen, als anfangs angenommen. Er hat jedenfalls eine Unterlassungsklage gegen die FAZ erwirkt, die Briefe von ihm an Karl Schiller in Gänze veröffentlicht hatte. Grass sah das Urheberrecht bei sich. Ich bin kein Jurist, aber es gibt hier Zweifel. Die einstweilige Verfügung, die er erwirkt hat, sagt ja nichts über ein eventuelles Urteil aus.