Bo­tho Strauß: Mi­ka­do (I)

RÜCKKEHR

Da gab es den Bäcker­mei­ster Al­win, der ei­nes Mor­gens nicht mehr in sei­ne Back­stu­be kam, sei­ne Frau My­ri­am ver­ließ und nach Me­xi­ko aus­wan­der­te. Dort kauf­te er sich ei­ne Pa­pier­fa­brik ein und wur­de ein er­folg­rei­cher Fa­bri­kant. Schließ­lich ge­hör­ten ihm zwölf Pa­pier­fa­bri­ken in ganz La­tein­ame­ri­ka. Nach fünf­und­zwan­zig Jah­ren kehr­te er nach Han­no­ver zu­rück. Dort leb­te sei­ne Frau im­mer noch in der klei­nen Woh­nung am Ran­de der Ei­len­rie­de. Sie war in­zwi­schen fünf­zig Jah­re alt und litt ei­ne bit­te­re Ar­mut. Als ihr Mann da­von er­fuhr, nahm er sich ein Herz und be­such­te sei­ne Frau in ih­rer bei­der al­ten Blei­be. Die Frau saß bei ei­nem Glas Pfir­sich­li­kör an ih­rem Tisch, an dem sie im­mer ge­ses­sen hat­te, wenn die Kü­chen­ar­beit be­en­det war. Sie blick­te auf, als ihr Mann plötz­lich wie­der ne­ben ihr stand, und sah dann zu­rück auf die Tisch­plat­te. Sie hör­te, welch ein An­ge­bot er ihr mach­te und wel­che Un­ter­stüt­zung er ihr ver­sprach. Doch sie schüt­tel­te den Kopf und bat ihn, sie wie­der mit ihm al­lein zu las­sen.

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3 Kommentare zu »Bo­tho Strauß: Mi­ka­do (I)«:

  1. rosenherz sagt:

    War My­ri­am nach fünf­und­zwan­zig Jah­ren noch im­mer ge­kränkt über das da­ma­li­ge und plötz­li­che Ver­las­sen­wer­den, dass sie sie lie­ber al­lein zu­recht kom­men mag, als Un­ter­stüt­zung von ihm an­zu­neh­men?

    Das Bei­spiel könn­te man als Ge­gen­bei­spiel an­füh­ren zum Sprich­wort »Die Zeit heilt al­le Wun­den«. Ich selbst ha­be in mei­nen ei­ge­nen Be­zie­hungs­ge­flech­ten be­ob­ach­tet, die Zeit al­lein heilt kei­ne Wun­de, da­zu be­darf es mehr, als bloß das Gras der Zeit dar­über wach­sen zu las­sen.

    #1

  2. Cleos sagt:

    Sehr schön der
    letz­te Satz »..sie wie­der mit ihm al­lei­ne zu las­sen«.
    Das läßt man­nig­fal­ti­ge In­ter­pre­ta­tio­nen zu.wie z.B Sie mit ih­rer Il­lu­si­on von ihm und ih­rem Li­kör al­lein zu las­sen. ...oder sie WIEDER al­lein zu­las­sen MIt ihm.
    Mir fie­len da­zu meh­re­re Be­trach­tungs­wei­sen ein.

    Ich sel­ber mag auch kei­ne auf­ge­wärm­ten Sup­pen.

    #2

  3. Ge­nau das ist es
    Der letz­te Satz hebt die klei­ne Ge­schich­te aus der Tri­via­li­tät her­aus.

    #3