Pé­ter Nádas: Be­hut­sa­me Orts­be­stim­mung

Péter Nádas: Behutsame Ortsbestimmung

Pé­ter Nádas: Be­hut­sa­me Orts­be­stim­mung

Pé­ter Nádas’ hoch­ge­lob­tes, klei­nes Büch­lein »Be­hut­sa­me Orts­be­stim­mung« ent­hält zwei klei­ne Ge­schich­ten. Die er­ste, die dem Buch den Ti­tel gab, er­zählt (?) von ei­nem klei­nen Dorf im länd­li­chen Un­garn, in das sich der be­kann­te Schrift­stel­ler ge­mein­hin be­gibt; dort (über­wie­gend?) lebt. Nádas, der »Aus­stei­ger« ge­nannt wer­den kann (hier­in vie­len an­de­ren Schrift­stel­lern wie et­wa John Ber­ger oder An­drzej Sta­si­uk ähn­lich), ver­sucht hier ei­ne Er­zäh­lung über »sei­nen« Ort, »sein« Dorf und des­sen Struk­tu­ren und »funk­tio­nie­ren«. Man ist je­doch früh ge­neigt, hin­ter dem Be­griff des Er­zäh­lens ei­ne Fra­ge­zei­chen zu set­zen – denn so rich­tig ist es dann doch kei­ne Er­zäh­lung (Nádas nennt bei­de dann auch tref­fend »Zwei Be­rich­te«). All­zu oft gibt es es­say­isti­sche Zü­ge und wer ei­ne bu­ko­li­sche, em­pha­ti­sche Hym­ne auf das »na­tür­li­che Le­ben«, auf den (von Nádas an­der­wei­tig so her­vor­ge­ho­be­nen) Wald­bir­nen­baum er­war­tet, wird ent­täuscht wer­den; in­so­fern ist der Un­ter­ti­tel »Die ein­ge­hen­de Be­trach­tung ei­nes ein­sa­men Wald­bir­nen­baums« ein biss­chen ir­re­füh­rend.

Aus­ge­hend von die­sem Ort phan­ta­siert sich Nádas durch die Jahr­hun­der­te und die Ge­schich­te, die von der frü­hen Be­sied­lung bis heu­te re­ka­pi­tu­lier­bar ist (die rö­mi­schen Ton­scher­ben sind fast all­ge­gen­wär­tig) und be­rich­tet da­bei (ja: be­rich­tet!) über die­ses Dorf und sein So­zi­al­we­sen. Al­les dich­te­risch und oh­ne Po­se; erst recht oh­ne Her­ab­las­sung (oder – was fast noch schlim­mer wä­re – stil­ler oder gar of­fe­ner Be­wun­de­rung).

Der Wald­bir­nen­baum als Aus­gangs­punkt der Be­trach­tung der Welt – der Wald­bir­nen­baum ist die Welt; die ein­zi­ge Welt:

    ...die Ein­hei­mi­schen, wenn sie »Dorf« sa­gen, [mei­nen] nicht ein­fach die­sen Ort mit sei­nem geo­gra­phi­schen Na­men [...]. Sie ge­brau­chen das Wort im Sin­ne von Welt, so wie die Fran­zo­sen, wenn sie ‘tout le mon­de’ sa­gen. Das Dorf ist gleich­be­deu­tend mit je­dem und al­len, wer je­doch au­sser­halb die­ses Um­felds lebt, ge­hört na­tür­lich nicht zu »al­len«. Dar­in äh­neln sie ein we­nig den Spar­ta­nern, Les­bi­ern, Athe­nern und al­len üb­ri­gen Grie­chen, die al­le au­sser sich selbst als Bar­ba­ren be­trach­te­ten.

Und dann wech­selt Nádas von der be­rich­ten­den Po­si­ti­on ins »Wir«:

    Bei uns ge­hört die Be­völ­ke­rung der na­he ge­le­ge­nen Dör­fer zur exi­stie­ren­den Welt, zu al­lem und al­len, die Be­völ­ke­rung wei­ter ent­fern­ter Dör­fer hin­ge­gen nicht. Das ver­hält sich wahr­schein­lich des­halb so, weil nach lan­gen, kom­pli­zier­ten, ge­hei­men und öf­fent­li­chen Ver­ab­re­dungs­pro­ze­du­ren al­le im Dorf ur­plötz­lich auf die glei­che Wei­se han­deln müs­sen, wäh­rend an­de­re in an­de­ren Dör­fern ein an­der­mal an­de­res ganz an­ders zu ma­chen ha­ben, und dar­in liegt der Un­ter­schied.

Das »Wir« ist al­so kei­ne ar­ro­gant-her­ab­las­sen­de Ab­gren­zung ge­gen­über dem an­de­ren, son­dern ei­ne aus der Le­bens­not­wen­dig­keit re­sul­tie­ren­de Iden­ti­tät:

    Wenn das Dorf die Zeit zum Aus­le­gen von Kar­tof­feln oder zur Mais­ern­te ge­kom­men sieht, steht au­sser Fra­ge, dass je­der­mann die Kar­tof­feln aus­le­gen oder Mais ern­ten muss, und dann legt das Dorf Kar­tof­feln aus oder ern­tet Mais.

Na­tur­ge­mäss muss ein der­ar­ti­ger Kol­lek­ti­vis­mus dem auf In­di­vi­dua­li­tät aus­ge­rich­te­ten mo­der­nen Men­schen fremd vor­kom­men – was Nádas auch zu­gibt (die Tat­sa­che, dass Un­garn bis 1990 ein kom­mu­ni­sti­sches Land war, spielt zwar ei­ne ge­wis­se Rol­le – al­ler­dings nicht bei bzw. in der Be­trach­tung des be­schrie­be­nen Sach­ver­halts). Den­noch wird er schnell zum Prag­ma­ti­ker; fügt sich in den o. g. Ver­ab­re­dungs­pro­ze­du­ren:

    Wenn ich nicht das ma­che, es nicht dann und so ma­che, wie das Dorf es macht, er­schwe­re ich mir das Le­ben, im phy­si­schen Sinn des Wor­tes. Was den Zu­stand von Er­de und Him­mel, den Bo­den und die Nie­der­schlä­ge be­trifft, kann auch das Dorf mit nichts an­de­rem rech­nen als mit der Wahr­schein­lich­keit. Nur wird es durch kei­ner­lei in­di­vi­dua­li­sti­sche Auf­fas­sun­gen dar­an ge­hin­dert, sich die­ser Wahr­schein­lich­keit zu un­ter­wer­fen. Es han­delt sich um ei­nen un­ge­mein tie­fen und sich auf al­le Le­bens­phä­no­me­ne er­strecken­den Zwang, den das an in­di­vi­du­el­le Ent­schei­dun­gen ge­wöhn­te Be­wusst­sein kaum ver­dau­en kann.

Hier stösst Nádas so­fort in das Herz des sich ei­ner­seits leicht fas­zi­nier­ten – an­de­rer­seits na­tür­lich auf­klä­re­risch-em­pö­ren­den Le­sers des 21. Jahr­hun­derts (der im­mer in­stän­dig hofft, der Strom mö­ge nicht ge­ra­de jetzt aus­fal­len): Wird hier nicht ei­ner ar­cha­isch-agra­ri­schen (Mini-)Despotie das Wort ge­re­det? Wird nicht ei­ne Idyl­le des kol­lek­ti­ven Dorf­zu­sam­men­hangs er­zeugt, der je­ner öster­rei­chi­schen Ro­man­tra­di­ti­on (In­ner­ho­fer; Jo­sef Wink­ler; der au­to­bio­gra­fi­sche Tho­mas Bern­hard) Hohn spricht, die mit der leid­li­chen Zer­trüm­me­rung der Ver­kit­schung des Land­le­bens (stell­ver­tre­tend für al­le: des öster­rei­chi­schen Land­le­bens) Gro­sses ge­lei­stet hat (auch und vor al­lem li­te­ra­risch)?

Schön, dass das al­les ein biss­chen kom­pli­zier­ter ist:

    Wenn das Dorf et­was tut oder wahr­nimmt, dann hat we­der die Hand­lung noch die Wahr­neh­mung ein Sub­jekt, ei­ne Per­son, das heisst, die an der Hand­lung oder Wahr­neh­mung be­tei­lig­ten Per­so­nen wer­den vom kol­lek­ti­ven Be­wusst­sein ri­tu­ell ver­schlun­gen und ih­re Er­fah­run­gen dem für den Ort ste­hen­den Gat­tungs­na­men zugeordnet...Natürlich gibt es im­mer ton­an­ge­ben­de Per­so­nen, die auf die lang­sam, kom­pli­ziert und ge­heim­nis­voll vor­be­rei­te­te Ent­schei­dung wahr­schein­lich grö­sse­ren Ein­fluss ha­ben, wenn aber ei­ne Ent­schei­dung ein­mal ge­fällt ist, un­ter­wer­fen sich ihr aus­nahms­los al­le, und auch die Rol­le ein­zel­ner Per­so­nen hat wei­ter kei­ne Be­deu­tung.

Kei­ne Zeit und kein Be­darf an ego­zen­tri­schen Ein­zel­tou­ren – oder ein­fach nur ei­ne »in­no­va­ti­ons­feind­li­che Ge­sell­schaft«? Aber: Muss der ru­mo­ren­de, re­bel­li­sche Geist des mo­der­nen Men­schen nicht in An­be­tracht die­ser Struk­tu­ren war­nen, Äng­ste aus­spre­chen, gar ins Be­schwö­ren kom­men?

Au­sser dem Wis­sen des Dor­fes gibt es kein Wis­sen kon­sta­tiert Nádas und il­lu­striert es an­schau­lich an ei­ner Ge­schich­te von sechs deut­schen Sol­da­ten, von de­nen nach dem Krieg ei­ner (bei der Feld­ar­beit) schwer er­krank­te und schliess­lich starb:

    Das Dorf wuss­te, je­der wuss­te, dass der Mann mit dem To­de rang, ei­nen Arzt hol­te trotz­dem nie­mand. Der in ei­ner ent­fern­ten Ort­schaft le­ben­de Be­zirks­arzt ge­hör­te nicht zu »al­len«. Auch der Pfar­rer nicht, des­we­gen wur­de der To­te oh­ne Pfar­rer be­er­digt.

Nádas weist aus­drück­lich dar­auf hin, dass die­ses Ster­ben­las­sen kei­ne Ver­ro­hung in Be­zug auf den deut­schen (und ei­gent­lich feind­li­chen) Sol­da­ten dar­stellt (die Deut­schen wa­ren ir­gend­wann in­te­griert). Er er­zählt wei­ter, wie das ge­sam­te Dorf Jah­re spä­ter, als die rest­li­chen ehe­ma­li­gen Sol­da­ten Heim­weh be­ka­men, un­ter Ein­satz ih­res Le­bens die­se Leu­te zur ungarisch/österreichischen Gren­ze ge­bracht ha­ben (da­mals im Kal­ten Krieg war dies sehr ge­fähr­lich).

Nádas ver­wen­det den Be­griff des prä­mo­der­nen Den­kens für das Le­ben und Han­deln der Dorf­be­woh­ner. Er ver­gisst zu er­klä­ren, dass in der ge­ge­be­nen Struk­tur die­ses Den­ken fast wört­lich zu ver­ste­hen das Über­le­ben si­chert. Dies gilt wohl auch un­ter Be­rück­sich­ti­gung des Bei­spiels der ster­ben­den deut­schen Sol­da­ten. Spä­ter er­schliesst sich dem Le­ser das Netz der Lei­stun­gen und Ge­gen­lei­stun­gen, die im so­zia­len Kon­text von den Dorf­be­woh­nern er­bracht wer­den.

    Über den Wert des Gel­des ist sich je­der­mann ab­so­lut im kla­ren, über den Zu­sam­men­hang von Geld und Ar­beit im Prin­zip nicht we­ni­ger. Im in­ter­nen Le­ben des Dorfs ist Geld trotz­dem kein Zah­lungs­mit­tel, wes­we­gen der Wert ei­ner ver­rich­te­ten Ar­beit sich ge­nau­ge­nom­men nicht in Geld aus­drücken lässt. Wenn je­mand von aus­wärts kommt, wird er für sei­ne Ar­beit be­zahlt, in­ner­halb der Dorf­gren­zen aber macht bis zum heu­ti­gen Tag nie­mand et­was für Geld. Ein au­ssen­ste­hen­der Be­ob­ach­ter er­hält na­tür­lich kaum Ein­blick in die­se Na­tu­ral­wirt­schaft. Es wird Tausch­han­del mit Ma­te­ria­li­en, Na­tu­ra­li­en und Ar­beit ge­trie­ben, de­ren Markt­wert aber nicht von äu­sse­ren Fak­to­ren, son­dern von den je­wei­li­gen Be­din­gun­gen des auf Jahr­hun­der­te zu­rück­blicken­den in­ne­ren Mark­tes be­stimmt wird. Was nichts mit Geld oder Fi­nanz­märk­ten zu tun hat. Selt­sa­mer­wei­se auch dann nicht, wenn es sich um Wa­ren han­delt, die für Geld er­wor­ben wor­den sind. So et­wa Zie­gel­stei­ne, Dach­zie­gel, Brun­nen­rin­ge oder Be­ton­trä­ger, die im in­ter­nen Aus­gleich durch Ar­beit, Na­tu­ra­li­en oder ir­gend­wel­che an­de­ren Gü­ter ab­ge­gol­ten wer­den, aber bei wei­tem nicht je­dem.

Un­wei­ger­lich er­in­nert man sich bei die­sem Ge­dan­ken an Mar­lon Bran­do im Film »Der Pa­te«, der ei­nem Bäcker ei­nen »Ge­fal­len« tut. Den Ge­gen­wert wird er, der »Pa­te«, viel­leicht in zwan­zig oder drei­ssig Jah­ren ein­for­dern; viel­leicht auch nie. In­so­fern knüpft der Ge­dan­ke des ge­gen­sei­ti­gen Ge­fal­l­en­t­uns an al­te, ar­chai­sche Tra­di­tio­nen an, de­ren sich die Ma­fia (bzw. ma­fia­ähn­li­che Or­ga­ni­sa­tio­nen) be­die­nen, um ihr Netz­werk zu sta­bi­li­sie­ren:

    Man be­hält nicht nur über Jahr­zehn­te hin­weg im Ge­dächt­nis, wer wem wann was ge­ge­ben und was er da­für be­kom­men hat oder wie viel er schul­det, auch das Ver­hält­nis von Fa­mi­li­en und Per­so­nen un­ter­ein­an­der be­stim­men die­se Tausch­han­dels­ak­te tief­grei­fen­der als sonst ir­gend etwas....Da der Wert der Be­zie­hun­gen we­sent­lich hö­her ist als der Wert ein­zel­ner Din­ge, der kom­mer­zi­el­le Wert die­ser Din­ge wie­der­um nicht in Geld um­re­chen­bar oder um­wech­sel­bar ist, gibt es in­ner­halb der Dorf­gren­zen kei­ne For­de­run­gen und Schul­den im klas­si­schen Sinn.

Die je­wei­li­ge »Schuld« nennt Nádas – ein biss­chen un­be­hol­fen – vir­tu­ell. Er er­läu­tert, dass die­se »Ab­kom­men« we­der schrift­lich fi­xiert noch in Ei­le ein­ge­löst wer­den. Tat­säch­lich will der Schuld­ner zu glei­chen Be­din­gun­gen gar nichts zu­rück­be­kom­men:

    Die­sen Ge­schäf­ten liegt an­schei­nend die Er­fah­rung zu­grun­de, dass die Chan­ce, in Not­la­gen Hil­fe zu be­kom­men, um so grö­sser ist, je mehr Schuld­ner je­mand in Re­ser­ve hat und je an­sehn­li­cher de­ren Schuld ist. Was vor ei­ni­gen Jahr­zehn­ten noch Vor­aus­set­zung des Über­le­bens war.

In­ter­es­sant ist auch das, was Nádas als Sank­tio­nen wi­der das so­zia­le Ver­hal­ten der Dorf­ge­mein­schaft aus­macht (bei­spiels­wei­se Dieb­stahl oder For­men von Ge­walt). Da man sol­che Art Straf­tä­ter nicht oh­ne wei­te­res aus dem Dorf ent­fer­nen kann (bzw. dies of­fen­sicht­lich nicht in Er­wä­gung zieht), und ei­ne Kon­sul­ta­ti­on ir­gend­wel­cher staat­li­cher Or­ga­ne (Po­li­zei; Be­hör­den) voll­kom­men aus­ge­schlos­sen sind, se­hen die Sank­ti­ons­me­cha­nis­men na­tür­lich eben­falls reich­lich »prä­mo­dern« aus.

    Im Prin­zip wä­re da nichts zu ma­chen, und doch muss das Dorf im In­ter­es­se von Ru­he und Ord­nung et­was un­ter­neh­men. Wenn ein au­sser­ge­wöhn­li­ches Vor­komm­nis das Dorf er­schüt­tert, wird zu­erst ein Ver­fah­ren ein­ge­lei­tet, das rasch Ei­nig­keit her­stellt. Durch die Not­wen­dig­keit die­ser Ope­ra­ti­on wird nun ver­ständ­lich, war­um fort­wäh­rend al­le al­les über al­les wis­sen müs­sen. [...] Al­le müssen...auf die­se Fra­gen ant­wor­ten. [...] Im Hand­um­dre­hen ist der Ver­däch­ti­ge ge­fun­den, im all­ge­mei­nen ein Rück­fall­tä­ter. [...] Um ih­ren Na­men nicht aus­spre­chen zu müs­sen, iden­ti­fi­ziert man die frag­li­che Per­son mit­tels all­ge­mei­ner An­deu­tun­gen. Die äu­sser­ste Gren­ze der Deut­lich­keit ist mit For­mu­lie­run­gen er­reicht wie: »Ich weiss wohl, aber ich sa­ge dir nicht, wen ich mei­ne. Du weißt es ja selbst.«

    [...] Das Ur­teil wird so­lan­ge auf­ge­scho­ben, bis der Ver­däch­ti­ge und ei­ne grö­sse­re An­zahl von Men­schen an ei­nem Ort ver­sam­melt sind. In sei­nem Bei­sein wird das Ge­sche­he­ne vor­ge­tra­gen, der Ver­däch­ti­ge da­bei be­ob­ach­tet. Ent­setz­li­che Au­gen­blicke. Und das ist noch die mil­de­ste Be­stra­fung. Es gibt die Prü­gel­stra­fe, des wei­te­ren die re­gel­mä­ssi­ge Prü­gel­stra­fe, es gibt das An­zün­den der Scheu­ne, das An­zün­den des Hau­ses, und es gibt den Mord. Zu­fäl­lig ist je­mand in den Brun­nen ge­fal­len. Als ich vor vier­zig Jah­ren zum er­sten Mal in das Dorf kam, war noch der ver­kohl­te Dach­stuhl ei­nes Hau­ses zu se­hen.

Bei all dem könn­te man ir­gend­wann glau­ben, Nádas hul­di­ge doch ir­gend­wo ver­steckt ei­nem Exo­tis­mus, der im Kern ein dif­fu­ses, ar­chai­sches Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den be­frie­digt. Nádas macht aber die Ge­fähr­dun­gen aus:

    Die Kennt­nis die­ser prä­mo­der­nen Ei­gen­schaf­ten bringt uns der Ein­sicht nä­her, war­um die­se Re­gi­on den töd­li­chen Ver­su­chun­gen der eu­ro­päi­schen Ge­schich­te er­le­gen ist, dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, Fa­schis­mus und Bol­sche­wis­mus. Auf ein­mal tauch­te je­mand auf, der im Na­men ei­nes kol­lek­ti­ven Be­wusst­seins spricht und da­bei sei­ne per­sön­li­chen Zie­le ver­folgt. Doch die hin­ter den Er­klä­run­gen ver­bor­ge­ne per­sön­li­che Ab­sicht ist für das prä­mo­der­ne Be­wusst­sein nicht zu er­ken­nen.

    Wenn ir­gend­wo Rauch auf­steigt, weiss das Dorf, wer Feu­er ge­macht macht, riecht das Dorf, was die­ser Je­mand ver­brennt. Die Welt ist über­schau­bar, das »al­le« be­ob­acht­bar. Und ein »al­le«, dass über das Be­ob­acht­ba­re hin­aus noch an­de­re mit ein­schliesst, ist für das Dorf nicht vor­stell­bar.

Wenn dies tat­säch­lich nicht vor­stell­bar ist, so dürf­ten ge­ra­de die töd­li­chen Ver­su­chun­gen kei­ne Wir­kung er­zielt ha­ben – au­sser viel­leicht die­je­ni­ge der still­schwei­gen­den Ak­zep­tanz, oh­ne sein (un­mit­tel­ba­res) Ver­hal­ten in Wirk­lich­keit dem je­wei­li­gen Sy­stem an­zu­pas­sen. Dies wä­re dann die Sicht der Idyl­li­ker, die in der­ar­ti­gen So­zi­al­for­men ei­nen ge­wis­sen Wi­der­stand to­ta­li­tä­ren Ver­lockun­gen ge­gen­über aus­ge­macht ha­ben.

Nádas ne­giert nun die­se Sicht, was be­deu­tet, dass die Ab­ge­schie­den­heit dann doch nicht so gross war, wie dies auf den er­sten Blick er­scheint. Die »Bar­ba­ren« nahm man dann schon als über­ge­ord­ne­te In­stanz wahr – dies je­doch un­ge­ach­tet der im Dorf selbst gel­ten­den Ge­set­ze. Lei­der er­wähnt Nádas nir­gend­wo, wo die von ihm kon­sta­tier­ten Ver­su­chun­gen sicht­bar ge­wor­den sind – es sei denn, sei­ne Be­schrei­bung der Schat­ten­wirt­schaft wäh­rend der kom­mu­ni­sti­schen Dik­ta­tur soll­te als Be­leg für Kol­la­bo­ra­ti­on gel­ten:

    Das kol­lek­ti­ve Be­wusst­sein be­trach­te­te es nicht län­ger als Ver­ge­hen, die Haupt­in­sti­tu­tio­nen der Kol­lek­ti­vi­tät, die Ge­nos­sen­schaf­ten und den Staat zu be­steh­len und zu be­trü­gen. Im Ge­gen­teil, das kol­lek­ti­ve Be­wusst­sein bil­lig­te es und er­mu­tig­te da­zu. Wenn ich die Ge­mein­schaft be­steh­le, hand­le ich als mu­ti­ger und frei­er Mensch, denn ich ver­schaf­fe mir in Na­men al­ler Ge­nug­tu­ung für all das, was im Na­men der Kol­lek­ti­vi­tät ge­gen mich ver­übt wor­den ist, be­zie­hungs­wei­se ich ho­le mir et­was von dem zu­rück, was mir ge­hört ha­ben könn­te oder tat­säch­lich ge­hört hat. [...] Im zwan­zig­sten Jahr der Dik­ta­tur frag­te nie­mand mehr, ob es we­nig­stens ei­ne no­mi­nel­le Recht­fer­ti­gung für sein Han­deln gab, je­der nahm sich, was er sah und weg­schlep­pen konn­te, und das hat sich als ethisch an­er­kann­tes, po­li­tisch so­gar wün­schens­wer­tes Ver­hal­ten im kol­lek­ti­ven Be­wusst­sein fest­ge­schrie­ben.

Süf­fi­sant be­merkt Nádas, dass die­ses Ver­hal­ten nach der Wen­de nicht grund­le­gend ver­än­dert wur­de; der auf­merk­sa­me Le­ser hat si­cher­lich längst er­kannt, dass die­se Be­schrei­bung fast naht­los auf die Mo­ral der ka­pi­ta­li­sti­schen Ge­sell­schaft über­tra­gen wer­den kann – und zwar al­ler Schich­ten.

Nádas glaubt, dass ex­akt die­ses Vor­ge­hen, al­so das Steh­len des­sen, was man »Kol­lek­tiv­ver­mö­gen« nen­nen könn­te, pa­ra­do­xer­wei­se den kol­lek­ti­vi­sti­schen Cha­rak­ter des Den­kens der Dorf­ge­mein­schaft ver­tief­te. Nur: Was wür­de das be­deu­ten auf den Steu­er­hin­ter­zie­her der post­mo­der­nen, ka­pi­ta­li­sti­schen Ge­sell­schaft?

Nádas’ Be­richt ist – das wird am En­de klar – ein Ab­ge­sang:

    Ich weiss nicht, wie in war­men Som­mer­näch­ten das Dorf un­ter dem gro­ssen Wald­bir­nen­baum mit­ten auf mei­nem Hof lei­se ge­sun­gen hat, und die­ses Wis­sen ha­be ich hier­mit wei­ter­ge­ge­ben. Heu­te gibt es kei­ne aus­er­wähl­ten Bäu­me mehr, und der Ge­sang des Dor­fes ist ver­stummt.

Das lei­se Sin­gen der Dorf­be­woh­ner wird von die­sen selbst nicht auf­ge­zeich­net, nicht be­rich­tet. Es be­darf ei­nes »mo­der­nen« Men­schen, der in den bei­den Wel­ten lebt. Es be­darf des Er­le­bens von Dif­fe­renz, um bei­des wahr­zu­neh­men – das »prä­mo­der­ne« und das »post­mo­der­ne«. Wir sind hilf­los dem Be­richt­erstat­ter aus­ge­lie­fert, hän­gen an sei­nen Lip­pen (sei­ner Fe­der), glau­ben je­des Wort – und wer­den da­bei zum prä­mo­der­nen Jün­ger des Schrift­stel­lers.

Die Ge­fahr, uns ei­ne Post­kar­ten­idyl­le zu prä­sen­tie­ren ist gross; sie ist wohl ge­bannt wor­den. Dem in al­len Le­bens­be­rei­chen zu­neh­men­der Ab­strak­ti­on un­ter­wor­fe­nen Men­schen dür­stet ge­le­gent­lich nach die­ser Art ar­chai­scher Struk­tur bzw. Be­richt­erstat­tung dar­über. Lei­der ist Nádas manch­mal mit sich sel­ber nicht ehr­lich – sein Blick ist ge­le­gent­lich zu se­zie­rend; all­zu sel­ten ver­mit­telt er das Ge­fühl der glei­chen Au­gen­hö­he.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wie im­mer wählst du in­ter­es­san­te Bü­cher,
    ich ha­be ge­stern schon dein Ex­po­se gelesen,habe es aber -wie im­mer- auf An­hieb nicht verstanden.Fasziniert hat mich beim zwei­ten­mal le­sen, dass die Men­schen kein Geld als Zah­lungs­mit­tel brau­chen.

    Und so in­ter­es­siert mich bren­nend die mög­li­che Tausch­wa­re, die dann eben NIcht-Geld heißt.Ich hät­te da gu­te Ide­en....

    Ich den­ke schon,dass die Men­schen auch frü­her Wa­ren ge­gen ei­ne spe­zi­ell aus­ge­dach­te Wäh­rung ge­tauscht ha­ben.
    Das gibt es ja heu­te noch-auch im Be­ruf.
    »Tust du mir Gu­tes tu ich dir auch mal Gu­tes.«

    Scha­de, dass du die Ab­stim­mung be­sei­tigt hast.Mich wür­de das Er­geb­nis in­ter­es­sie­ren.

    Ich per­sön­lich glau­be an mei­nen mir zu­ge­dach­ten fik­ti­ven Wald­bir­nen­baum in mei­nem Her­zen mit und oh­ne Ge­sang.
    Ja ‚auch mir dür­stet nach ar­chai­scher Struk­tur, al­ler­dings auf sel­ber Au­gen­hö­he-aber das weißt du ja ....

  2. Sy­stem­theo­re­tisch
    ist es nicht das Geld selbst, das die Pro­ble­me ver­ur­sacht, wenn es als all­ge­mei­nes Tausch­äqui­va­lent ver­wen­det wird. Das Pro­blem ent­steht da­durch, dass Geld selbst zu ei­ner Wa­re und ver­zinst wird. Au­ßer dem mar­xi­sti­schen An­satz, der in den Zin­sen die An­eig­nung frem­der Ar­beits­lei­stung sieht, gibt es zum Bei­spiel noch das Frei­geld von Sil­vio Ge­sell, um das Pro­blem der Zin­sen zu lö­sen. Wenn zwi­schen Pro­duk­ti­on und Kon­sum­ti­on in ei­ner ar­beits­tei­li­gen Ge­sell­schaft Raum liegt und Zeit ver­geht, be­nö­tigt man ein un­ver­derb­li­ches Tausch­äqui­va­lent. Nur das Er­in­ne­rungs­ver­mö­gen der Be­tei­lig­ten reicht da nicht aus.

  3. @Cleos
    Das Er­geb­nis der Ab­stim­mung war ein­deu­tig: Es hat­te nie­mand ab­ge­stimmt. Das legt zwei Mög­lich­kei­ten na­he. Die er­ste ist, dass bis­her nie­mand bis zum Schluss ge­le­sen hat­te. Die zwei­te ist, dass es nie­man­den in­ter­es­sier­te, der es bis zum Zeit­punkt mei­nes Ent­fer­nens der Ab­stim­mung ge­le­sen hat­te. Bei­des ist ein­deu­tig.

    In­ter­es­sant ist ja, dass die­se Art von »Tausch­ge­schäft« bei uns in­zwi­schen fast ver­pönt ist. All­zu leicht wird dann von »Filz« oder »Seil­schaf­ten« ge­re­det. Das hat m. E. sehr stark da­mit zu tun, dass die Ab­strak­ti­on des Gel­des auch ei­ne ge­wis­se An­ony­mi­tät be­inhal­tet und kei­ner­lei an­de­re Kon­no­ta­tio­nen mit­schwin­gen. Wenn ich et­was »be­zah­le« lei­te ich dar­aus so­fort Rech­te ab, die ja zur Not auch ein­klag­bar sind.

    In ei­ner Ge­sell­schaft, die nur auf Tausch­wirt­schaft funk­tio­nie­ren wür­de, wür­de ich ver­hun­gern. Ich bin hand­werk­lich un­ge­schickt, kann nicht schwer he­ben und ha­be kei­ner­lei »po­li­ti­schen« Ein­fluss. Das ist in et­wa so wie mit der Schwarz­ar­beit. Ein Hand­wer­ker kann sich hier­von sehr gut er­näh­ren – ein kauf­män­ni­scher An­ge­stell­ter nicht.

    @Köppnick
    Zum Geld- bzw. Zin­sen­pro­blem ha­be ich ein in­ter­es­san­tes Buch ge­le­sen, was ich evtl. noch hier be­spre­chen wer­de und am Ran­de da­von be­rich­tet: Gun­nar Hein­sohn »Söh­ne und Welt­macht«. Ge­ra­de sei­ne Aus­füh­run­gen zum »Ei­gen­tum« und der »Ei­gen­tums­ge­sell­schaft« sind recht in­ter­es­sant.

  4. In­ter­es­san­ter Be­richt
    Ihm stel­len sich fast von selbst ei­ni­ge Kind­heits­er­leb­nis­se im Thü­rin­ger Dorf der 40er Jah­re zur Sei­te.
    In die­sem Dorf gab es ei­ni­ge Frem­de, Fremd­kör­per. Ob­wohl sie stän­dig dort leb­ten, ge­hör­ten sie nicht zum »Wir«. Um ih­re Grund­stücke gab es ho­he Hecken. Mir wa­ren ih­re dü­ste­ren (so schien mir), hin­ter den Hecken kaum sicht­ba­ren Häu­ser, et­was un­heim­lich.
    Geld spiel­te da­mals kei­ne gro­ße Rol­le, trotz­dem wur­de ziem­lich ge­nau ab­ge­rech­net: in Wei­zen, Ze­ment, Zucker/Sirup oder Ei­ern und Blau­bee­ren. Und in Ar­beits­lei­stun­gen.
    Die über Jahr­zehn­te nicht aus­ge­gli­chen Ge­schäf­te ha­ben sich mir we­nig idyl­lisch in Form jahr­zehn­te­lan­ge Feind­schaf­ten we­gen Nich­tig­kei­ten ein­ge­prägt.
    Sehr ty­pisch, daß al­le über al­les Be­scheid wuß­ten.
    Schwe­re Konflikte/Übergriffe wur­den lan­ge aus­ge­hal­ten, schließ­lich aber doch der »Au­ßen­welt« über­ant­wor­tet. Un­serm Haus ge­gen­über be­ob­ach­te­te ich mehr­fach ei­ne jun­ge, »tob­süch­ti­ge Frau«. Sie schlug ih­ren Va­ter. Ein­mal warf sie al­les Ge­schirr durchs Fen­ster auf den Mist. Sie kam schließ­lich nach »Hild­burg­hau­sen«, dem Syn­onym für Ir­ren­haus.

  5. Ei­ni­ges
    an Nádas Be­richt kommt mir neu­ar­tig vor – ge­nau dass, was Du über die »Fremd­kör­per« schreibst, fehlt. Es gibt in sei­ner Er­zäh­lung kei­ne Au­ssen­sei­ter­schil­de­run­gen – die (öster­rei­chi­sche) Bau­ern­li­te­ra­tur lebt von den Au­ssen­sei­tern. Hier kom­men sie nicht vor.

    Auch über die­se Art von Feind­schaf­ten schreibt er nichts, was ich auch recht un­ge­wöhn­lich fin­de. Dem­nach ist die Dorf­ge­mein­schaft sehr ho­mo­gen. NAch al­lem, was man so von oder über Men­schen weiss (oder glaubt zu wis­sen) kann das nicht sein. Viel­leicht sind es aber auch sehr we­nig Men­schen. Hier­über fehlt je­de An­ga­be.

    Zwi­schen­zeit­lich hat­te ich das Ge­fühl, ei­nen eth­no­lo­gi­schen Be­richt zu le­sen. Der be­schäf­tigt sich ja auch mit Cha­rak­te­ri­sti­ka, oh­ne in kon­kre­te De­tails zu ge­hen.

  6. Zur Prä­zi­sie­rung
    Die »Fremd­kör­per«, die ich vor Au­gen ha­be, wa­ren kei­ne aus dem Dorf her­aus ent­stan­de­ne Au­ßen­sei­ter. Sie wa­ren tat­säch­lich, wenn auch vor lan­ger Zeit, zu­ge­zo­gen – ein Kom­po­nist, ein ex­zen­tri­scher klei­ner Fa­bri­kant mit ei­ner eben­sol­chen Frau.
    Das Dorf und sol­che Leu­te blie­ben sich fern, man tat sich aber nichts.

    Hin­ge­gen hab ich die un­end­li­chen Feind­schaf­ten (für uns Kin­der über­haupt nicht nach­voll­zieh­bar; wir durf­ten aber plötz­lich nicht mehr mit be­stimm­ten Kin­dern spie­len bzw. die­se nicht mit uns) als ur­ei­gen­sten We­sens­zug des Dorf­le­bens ver­stan­den.
    Des­halb war mir auch im­mer Mar­xens Ver­dikt vom »Idio­tis­mus des Land­le­bens« aus der See­le ge­spro­chen.

  7. »Wir«
    Nádas spricht ab und zu von »wir« – ist al­so voll in die Dorf­ge­mein­schaft in­te­griert – bzw. fühlt sich so. An an­de­ren Stel­len scheint es wie­der nicht der Fall zu sein. Nádas ist – so­weit ich weiss – in Un­garn ein recht be­kann­ter Schrift­stel­ler.

    Es gibt die Sze­ne, als An­fang der 90er Jah­re der Dorf­äl­te­ste zu ihm kommt und fragt, wen das Dorf bei den neu­en, frei­en Wah­len wäh­len soll. Dies drückt ei­ner­seits aus, dass man ihm ei­ne ge­wis­se »au­sser­welt­li­che Kom­pe­tenz« zu­spricht – an­de­rer­seits zeigt es auch, dass er wei­ter­hin als ein Zu­ge­zo­ge­ner be­trach­tet wird. In dem zwei­ten Be­richt in die­sem Buch (ei­nem Nah­tod­erleb­nis) wird deut­lich, dass Nádas nicht per­ma­nant in die­sem Dorf lebt(e), son­dern zwi­schen den »Wel­ten« pen­delt. Das ist na­tür­lich ei­ne an­de­re Vor­aus­set­zung.