Der Naturwissenschaftler Hermann Funk (geboren 1934) verabredet sich im Jahr 2006* mit der Übersetzerin Katharina Fischer. Fischer soll einen englischen Touristen, der sich für die mitteleuropäische
Marcel Beyer: KaltenburgVogelwelt interessiert, durch Dresden und Umgebung führen und sie möchte hierfür ihre ornithologischen Kenntnisse verbessern – sowohl in der Bestimmung der Tiere als auch in der lateinischen und englischen Übersetzung. Funk war jahrelang Assistent von Professor Ludwig Kaltenburg, einer Koryphäe auf dem Gebiet der Ornithologie – und weit darüber hinaus. Kaltenburg ist auch Verfasser des Buches »Urformen der Angst«, in dem er sich mit der menschlichen Psyche (vielleicht…eher notgedrungen) beschäftigt. Im Laufe des »Unterrichts« kommen die beiden sehr schnell vom eigentlichen Gegenstand ab; sie geraten ins Erinnern, treffen sich noch Monate danach, schlendern durch Dresden und das Elbtal, nehmen alte Gebäude und Gegenden in Augenschein, schauen den Vogelschwärmen zu und verknüpfen dabei ihre Erinnerungen an Zeiten und Personen; sie rekapitulieren und spekulieren und beschwören das Vergangene.
So könnte man in Kürze »Kaltenburg« zusammenfassen und hätte noch nicht einmal annährend den Rahmen dieses Buches entworfen, geschweige denn eine Ahnung bekommen von Marcels Beyers Sprache und Erzählstil.
Paul Ginsborg: Wie Demokratie lebenAusgehend von einem fiktiven Treffen zwischen John Stuart Mill und Karl Marx, den beiden vermutlich wichtigsten politischen Denkern der viktorianischen Ära, entwirft Paul Ginsborg zu Beginn seines Buches »Wie Demokratie leben« eine kurze Kulturgeschichte diverser Strömungen und Modelle der liberalen Demokratie bis hinein ins 21. Jahrhundert. Allerdings sind – und bleiben in allen Kapiteln des Buches – Mill und Marx die Antipoden, an denen sich der Autor teilweise zwanghaft »abarbeitet«. Am Ende gibt es dann nochmals einen fiktiven Dialog der beiden, Epoche: Heute auf einer Wolke über Europa.
Hier Mill, Entwickler und Verfechter des politischen Liberalismus, der sanfte, eher »sozialdemokratisch« argumentierende Reformer – dort Marx, der schonungslose Beschreiber der Entfremdung des Menschen im Kapitalismus, der wilde Revolutionär, der es leider versäumt habe, seine »Diktatur des Proletariats« ausreichend zu definieren: Kapitel für Kapitel rekurriert Ginsborg immer wieder auf die Thesen dieser beiden Gelehrten und das anfängliche Interesse der Ausarbeitung der Differenzen weicht irgendwann einem Unmut, da ständig aufgezeigt wird, welche zwar für damalige Zeiten bahnbrechende Ideen beide entwickelten, diese jedoch aus heutiger Sicht grosse Schwächen aufweisen. Aber dass aus programmatischen Schriften von vor mehr als 150 Jahren vieles nicht mehr in unsere Gesellschaft »passt« und dem damaligen Zeitgeist geschuldet sein muss – ist das nicht eine allzu triviale Erkenntnis, um sie in dieser Ausführlichkeit auszubreiten?
Preisvergabe. Und einige unwesentliche Bemerkungen.
Hartnäckig weigerte sich der neue Juryvorsitzende Burkhard Spinnen ein Pauschalurteil über den aktuellen »Jahrgang« beim Bachmannpreis 2008 abzugeben. Das könne man nicht, so Spinnen, wenn überhaupt müsse man zehn, fünfzehn Jahre abwarten; es seien ja schliesslich keine Weinjahrgänge.
Spinnen stiehlt sich da aus einem Urteil heraus. Das überrascht nur vordergründig. Würde er zugeben, dass das Niveau schwach war, kritisiert er auch implizit die Juroren und auch sich selber. Die Jury aber – diesen Eindruck bekam man sehr schnell – ist ziemlich kritikresistent.
Hinter der jovialen Fassade des Moderators Dieter Moor (der mit seiner zwanghaften Gesprächsführungsrhetorik nicht nur störte, sondern auch gelegentlich in unzulässiger Weise in den Wettbewerb eingriff) schlummerten die längst ausgetüftelten Bewertungsfallbeile beispielsweise des Wichtigtuers Ijoma Mangold, der teilweise vollkommen verwirrten (und textunsicheren) Ursula März und eines fast zwanghaft den Clown gebenden Klaus Nüchtern.
In seinem Buch »Demokratie – Zumutungen und Versprechen« (Zitate hieraus kursiv) stellt Christoph Möllers drei Defizite des EU-Ministerrats heraus, die man durchaus als repräsentativ für die EU insgesamt aufführen könnte:
Kein europäisches Gemeinwohl
Die Vertreter der Staaten vertreten die Interessen ihres Staates, nicht der EU im Ganzen.
Keine Öffentlichkeit Der Ministerrat entscheidet im Ergebnis wie ein Gesetzgeber, doch ohne jede Öffentlichkeit seiner Diskussionen. Die Rechte des europäischen Parlaments sind höchst unterentwickelt ausgeprägt; sie divergieren je nach Politikfeld. Das ist wahrlich ein vordemokratisches Prinzip.
Kein nachvollziehbarer Ausgleich zwischen Sachinteressen
Die einzelnen Ressorts regeln vor sich hin; der Ministerrat besteht aus vielen Einzelministerräten, die oft genug gegeneinander statt miteinander arbeiten.
Insgesamt kann das politische Entscheidungssystem der EU nicht nur als ausserordentlich kompliziert, sondern auch als ziemlich intransparent bezeichnet werden. Alleine die verwirrenden Bezeichnungen für die einzelnen Gremien ist nicht unbedingt angetan, Klarheit zu schaffen: EU-Rat – EU-Ministerrat – Europäischer Rat – Europarat – na, wissen Sie auf Anhieb, welcher Begriff für was steht? Hier ein Versuch einer Klärung – mit Animation.)
Christoph Möllers: Demokratie – Zumutungen und Versprechen
Wohl kaum ein Begriff wird im politischen Diskurs inzwischen derart strapaziert und instrumentalisiert wie der der Demokratie. Dabei scheint fast jeder eine andere Vorstellung davon zu haben, was Demokratie eigentlich bedeutet. Ist es eine Art Volksherrschaft, in der die Bürger plebiszitär über alle wichtigen Belange direkt entscheiden? Oder wird die Volksherrschaft besser anhand von Institutionen auf einer repräsentativen Ebene (Parlamente) indirekt vorgenommen?
Einigen erscheint die Demokratie sogar als ein Exportprodukt, welches möglichst schnell allen Menschen Glück und Wohlstand bringen soll. Andererseits plagen skeptische Zeitgenossen Zweifel, ob und wie sie im Zeitalter (sogenannter) ökonomischer und politischer Globalisierung überhaupt noch funktionieren kann und nicht durch international agierende Unternehmen und/oder Organisationen unterhöhlt und zum Sub-System des Kapitalismus degradiert wird.
Die einzige Angst, die ich jetzt noch habe, ist die, zu vergessen. So beginnt dieses Buch. Jenseits des Vergessens ist die Zeitlosigkeit. Und jenseits der Zeit die Ewigkeit. Aber schon im Erinnern, dem Versuch, nicht zu vergessen, steckt die Gefahr der Verschollenheit: Ist die Erinnerung entrückt, in den Gedächtniskammern eingeschlossen? Die Erinnerung an den unwirklichsten Sommer zweitausendzwei. Und der »Preis« für die Erinnerung: Geht der [Sommer] immer und nie vorbei?
Trostlosigkeit – Vergessen ist ein matter, haltloser Landstrich, der zu nichts führt – und Hoffnung, dass hinter jenem Landstrich noch ein zweiter läuft, wie alles noch ein Zweites hat, vielleicht sogar sein Drittes, Viertes. Ein andrer Landstrich in einem andren Land, wo das Vergessen sich sammelt, konzentriert, besinnt.
Ulla Berkéwicz umkreist das Vergessen in diesem Buch – und natürlich nicht nur das. Es geht ums Sterben und den Tod (und damit um das Leben) und es geht – dezent und diskret – um Liebe. Aber es ist mehr als ein Lebens‑, Liebes‑, Todes- oder Totenbuch, mehr als somnambule (und dann doch gelegentlich affektierte) Litanei einer Witwe, mehr als metaphysische (Selbst-)Tröstung, mehr als eine Kritik an den Verhältnissen unserer Krankenhäuser, mehr als expressionistisch-assoziative Klagerede (mit Spucke auf einem Stein statt lutherischem Tinten- oder cantervillschem Blutfleck). Ja, es ist alles das. Und eben mehr. Viel mehr.
Wer ein Buch mit dem Untertitel Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht schreibt, sollte mindestens in der Lage sein, diese Behauptung argumentativ zu belegen. Oder meint der Autor – was auch zitiert wird -, dass die Nachrichtensendungen für den »normalen Zuschauer« schlichtweg nicht mehr zu verstehen sind? Wenn ja: Was hat das dann mit der Sendedauer zu tun? Hat es vielleicht etwas mit der in den Sendungen verwandten Sprache zu tun (vielleicht zu viele Fremdwörter?) oder mit der Rezeptionsfähigkeit des Publikums? Fragen über Fragen.
Walter van Rossum macht zunächst neugierig. Aber manchmal ist das so eine Sache mit dem Anspruch und der Wirklichkeit. Früh merkt der Leser: Da hat eigentlich jemand überhaupt kein Interesse an einer auch nur halbwegs seriösen medienkritischen Analyse der Nachrichtensendungen, speziell und überwiegend der »Tagesschau« und den »Tagesthemen«. Stattdessen gefällt sich der Autor in der Pose des Allwissenden, der dem Redaktionsteam von »ARD-aktuell« mal so richtig die Meinung sagt. Das geschieht in einer Mischung zwischen Überlegenheitsgestus eines Michael Moore-Adepten und der Wut eines abgeblitzten Tanzstunden-Verehrers.
Der erste Appetit scheint gestillt. Die Postillen wenden sich vorübergehend wieder anderen Themen zu. Mindestens eine entblödete sich nicht vom »Inzest-Monster« zu sprechen. Ausgerechnet sie, die einen ganzen Schwarm von Lügenmonstern beschäftigen, mit ihrem Mentor Kai Diekmann. Ich spreche von Deutschland; das österreichische Mediengewitter habe ich nicht mitbekommen. Vielleicht ist das gut so.
Ich stelle die These auf: Sie haben Josef F. gebraucht. Nein: Sie brauchen ihn. Immer noch. Sie verzehren sich nach ihm. Wenn es ihn nicht gäbe – so verrückt und lügnerisch können sie gar nicht sein, ihn zu erfinden. Sie freuen sich, dass jemand ein noch schlimmerer Mensch ist, als ihre Phantasie es hätte erfinden können. Sie suhlen sich im Elend seiner Opfer. Sie weiden sich an ihnen und verbrämen dies mit einem schmierigen Betroffenheitstheater.
Ein österreichisches Gericht beging einen Lapsus. Es nannte Josef F.s Frau in einem öffentlichen Dokument nicht Rosemarie, sondern »Maria«. Welch’ ein Witz: Josef und Maria in Amstetten. Ihr Kind hat nun gelitten. Es hat für uns gelitten. Für unsere Sensationsgier. Zu unserem Plaisir. »Thrill« nennt man das im Englischen. Und jetzt müssen sie alle noch einmal leiden. Mit dem Attributgewitter der üblichen Verdächtigen.