Wal­ter van Rossum: Die Ta­ges­show

Walter van Rossum: Die Tagesshow

Wal­ter van Rossum: Die Ta­ges­show

Wer ein Buch mit dem Un­ter­ti­tel Wie man in 15 Mi­nu­ten die Welt un­be­greif­lich macht schreibt, soll­te min­de­stens in der La­ge sein, die­se Be­haup­tung ar­gu­men­ta­tiv zu be­le­gen. Oder meint der Au­tor – was auch zi­tiert wird -, dass die Nach­rich­ten­sen­dun­gen für den »nor­ma­len Zu­schau­er« schlicht­weg nicht mehr zu ver­ste­hen sind? Wenn ja: Was hat das dann mit der Sen­de­dau­er zu tun? Hat es viel­leicht et­was mit der in den Sen­dun­gen ver­wand­ten Spra­che zu tun (viel­leicht zu vie­le Fremd­wör­ter?) oder mit der Rezeptions­fähigkeit des Pu­bli­kums? Fra­gen über Fra­gen.

Wal­ter van Rossum macht zu­nächst neu­gie­rig. Aber manch­mal ist das so ei­ne Sa­che mit dem An­spruch und der Wirk­lich­keit. Früh merkt der Le­ser: Da hat ei­gent­lich je­mand über­haupt kein In­ter­es­se an ei­ner auch nur halb­wegs se­riö­sen me­di­en­kri­ti­schen Ana­ly­se der Nach­rich­ten­sen­dun­gen, spe­zi­ell und über­wie­gend der »Ta­ges­schau« und den »Ta­ges­the­men«. Statt­des­sen ge­fällt sich der Au­tor in der Po­se des All­wis­sen­den, der dem Re­dak­ti­ons­team von »ARD-ak­tu­ell« mal so rich­tig die Mei­nung sagt. Das ge­schieht in ei­ner Mi­schung zwi­schen Über­le­gen­heits­ge­stus ei­nes Mi­cha­el Moo­re-Adep­ten und der Wut ei­nes ab­ge­blitz­ten Tanz­stun­den-Ver­eh­rers.

»Ro­lex-Uh­ren-Trä­ger«

Am An­fang pickt sich van Rossum ei­nen Bei­trag des ZDF-Kor­re­spon­den­ten Uwe Krö­ger her­aus, in dem die­ser über die Grün­dung des neu­en UN-Men­schen­rechts­rats be­rich­tet. Er mo­niert, dass Krö­ger (wie auch Klaus-Pe­ter Sieg­loch in der An­mo­de­ra­ti­on) als Bei­spiel für Men­schen­rechts­ver­let­zer im­mer die Län­der Su­dan, Zim­bab­we und Ku­ba an­führt, als hät­ten die­se die lau­te­re »Welt­ge­mein­schaft« dar­an ge­hin­dert, Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen zu ahn­den. Van Rossum hält be­reits die Gleich­stel­lung des Su­dan und Zim­bab­wes mit Ku­ba für in­fa­me Dem­ago­gie. Si­cher­lich ist die Fo­kus­sie­rung auf die­se drei Län­der, die sich ge­ra­de­zu per­fekt als »Buh­män­ner« eig­nen, ein biss­chen ein­sei­tig. Van Rossum be­an­stan­det da­her, war­um man nicht Staa­ten er­wähnt ha­be, mit de­nen die Bun­des­re­pu­blik freund­schaft­li­che, um nicht zu sa­gen in­ni­ge Be­zie­hun­gen pflegt – sa­gen wir Ägyp­ten, Is­ra­el oder In­do­ne­si­en. (Die pe­jo­ra­ti­ve Kon­no­ta­ti­on Is­ra­els ist als be­wuss­te Pro­vo­ka­ti­on zu ver­ste­hen. Statt­des­sen hät­te man Län­der neh­men kön­nen, mit de­nen trotz er­wie­se­ner Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen gu­te Han­dels­be­zie­hun­gen exi­stie­ren. Um sich nicht dem di­rek­ten Vor­wurf der Is­ra­el-Feind­lich­keit aus­zu­set­zen, führt Ägyp­ten die klei­ne Li­ste sei­ner Vor­schlä­ge an. Und am En­de dann In­do­ne­si­en. Van Rossum er­läu­tert aber nicht, wor­in die in­ni­gen Be­zie­hun­gen zu In­do­ne­si­en lie­gen. Na­ja, viel­leicht ha­be ich ja da was ver­passt – das Buch wird mei­ne Dumm­heit spä­ter noch tief­ge­hend be­stä­ti­gen).

Den ei­gent­li­chen Punkt, näm­lich war­um es mit ei­nem neu­en Men­schen­rechts­rat ir­gend­wie bes­ser ge­hen soll, streift van Rossum nur am Ran­de. Und das Krö­ger auch die USA zu­min­dest mit Gu­an­tá­na­mo und Abu Ghraib durch ent­spre­chen­de Be­bil­de­rung an­greift, ist ihm nur der Hin­weis wert, dass Bush II nicht im Bild ge­zeigt wird. Statt­des­sen be­merkt er be­reits am An­fang, dass Uwe Krö­ger sei­nen Be­richt mit der rau­en und schnei­den­den Stim­me ei­nes un­be­irr­ba­ren Ro­lex-Uh­ren-Trä­gers sel­ber »be­spricht«. Halb­ver­stecke (un­sach­li­che und ei­gent­lich un­nö­ti­ge) Ge­häs­sig­kei­ten die­ser »Qua­li­tät« wird der Le­ser im Lau­fe des Bu­ches noch vie­le mit­be­kom­men.

War­um er am An­fang des Bu­ches ei­nen Bei­trag des ZDF her­aus­pickt, er­staunt. Im wei­te­ren Ver­lauf be­schäf­tigt er sich näm­lich aus­schliess­lich mit der »Ta­ges­schau« und den »Ta­ges­the­men« (um…den Kor­pus mei­ner Ana­ly­se nicht all­zu un­über­sicht­lich wer­den zu las­sen…), die er – bei­de oder ein­zeln – ab­schät­zig als Ta­ges­show bzw. Ta­ges­shows be­ti­telt – üb­ri­gens oh­ne den Ur­sprung des Be­griffs »Ta­ges­show« nur ein­mal zu er­wäh­nen.

Be­zeich­nend, dass das ZDF dann nur noch in ei­ner Fuss­no­te vor­kommt: In ver­gleich­ba­ren Sen­dun­gen des ZDF lie­ße sich Näm­li­ches, wenn nicht Schlim­me­res nach­wei­sen. So weit, so sub­jek­tiv. Aber von den Nach­rich­ten­sen­dun­gen auf RTL und SAT.1, bei­des Sen­der mit gro­sser Brei­ten­wir­kung, kein Wort. Was lie­sse sich denn hier­zu nach­wei­sen?

Na­tür­lich ist ei­ne Kon­zen­tra­ti­on auf ei­ne Re­dak­ti­on le­gi­tim. Der Ge­dan­ke da­hin­ter ist ver­mut­lich der ei­ner Do­mi­no­theo­rie. In­dem ei­ne De­kon­struk­ti­on des »Flag­schiffs« des deut­schen Nach­rich­ten­jour­na­lis­mus vor­ge­nom­men (bzw. be­haup­tet) wird, er­üb­rigt sich die Be­schäf­ti­gung mit noch tri­via­le­ren Ab­le­gern. Van Rossum möch­te al­so den bis­he­ri­gen Nach­rich­ten­for­ma­ten, wel­che üb­ri­gens kei­ne spe­zi­fisch deut­sche sind, den Gar­aus ma­chen.

Muss aber nicht je­mand, der et­was kri­ti­siert, ei­ne Al­ter­na­ti­ve be­nen­nen kön­nen? Les­sings Bon­mot, dass man nicht Koch sein muss um fest­zu­stel­len, das ei­ne Sup­pe ver­sal­zen ist, muss streng ge­nom­men auch für van Ross­ums Buch gel­ten, auch wenn sei­ne In­ten­ti­on über die der De­kon­struk­ti­on hin­aus­geht. Da­ge­gen setzt er nichts Sub­stan­zi­el­les bzw. lässt sei­nen Ge­gen­ent­wurf im Dun­keln. Ein ana­ly­ti­sches Sach­buch, wel­ches der­art ve­he­ment agi­tiert, soll­te der ei­ge­nen in­tel­lek­tu­el­len Wahr­haf­tig­keit wil­len je­doch min­de­stens in gro­ben Zü­gen nach­voll­zieh­ba­re Al­ter­na­ti­ven auf­zei­gen. Un­ter­lässt man dies, kann dies zu zwei­er­lei Schluss­fol­ge­run­gen füh­ren. Ent­we­der der Au­tor hat kein durch­dach­tes Ge­gen­mo­dell oder die Mo­ti­va­ti­on der »Zer­trüm­me­rung« ist ei­ne, die nicht aus dem Ge­gen­stand sel­ber re­sul­tiert.

Die The­se ist im Grun­de ge­nom­men sehr ein­fach: Die gro­ße Mehr­heit der Jour­na­li­sten sieht ihr Auf­ga­be dar­in, die Ge­sell­schaft vor den fin­ste­ren und kom­ple­xen Rea­li­tä­ten zu be­schüt­zen.

Van Rossum zeigt mit dem Fin­ger auf die »Ta­ges­schau« – aber drei Fin­ger zei­gen auf ihn

Der Satz ist in mehr­fa­cher Hin­sicht falsch. Zum ei­nen de­fi­niert er nicht ge­nü­gend den Be­griff des »Jour­na­li­sten«. Wel­che gro­ße Mehr­heit meint er? Die Jour­na­li­sten der »Bild«-Zeitung? Oder der »FAZ«? Oder der »Zeit«? Oder den Aus­lands­kor­re­spon­den­ten, der 1′30″ Zeit be­kommt? Oder den­je­ni­gen, der ein TV-Fea­ture oder ein Buch über den Kreml oder den ame­ri­ka­ni­schen Neo­kon­ser­va­tis­mus »macht«? Van Rossum macht hier das, was er der Nach­rich­ten­re­dak­ti­on so ve­he­ment vor­wirft: Er re­du­ziert kom­ple­xe Struk­tu­ren auf ein­fa­che Schlag­wör­ter. Um der Fal­le der Pau­scha­li­sie­rung zu ent­kom­men, schreibt er nicht »Al­le Jour­na­li­sten« – ob­wohl dies durch­schim­mert -, son­dern spricht, leicht ein­schrän­kend von ei­ner große[n] Mehr­heit. Das ist im Rah­men ei­ner es­say­isti­schen Be­weis­füh­rung viel­leicht ge­ra­de noch mög­lich (soll­te je­doch auch im­mer not­wen­di­ger­wei­se fak­tisch un­ter­füt­tert wer­den kön­nen), aber als Ar­beits­grund­la­ge für ei­ne »Ana­ly­se« ab­so­lut un­taug­lich. (Was mit finsteren…Realitäten ge­meint sein könn­te, wird spä­ter et­was deut­li­cher.)

Nach Kri­ti­ken an ei­ni­gen Bei­trä­gen zer­legt van Rossum aus­führ­lich die »Ta­ges­schau« (spä­ter noch die »Ta­ges­the­men«) vom 6. De­zem­ber 2006. Die­se (bei­den) Sendung(en) wer­den ex­em­pla­risch für al­le an­de­ren ge­nom­men; an ih­nen rich­tet er sein Ur­teil aus. Man kann da­von aus­ge­hen, dass es schon vor­her fest­stand und es ist un­er­bitt­lich:

Tag für Tag of­fe­riert die »Ta­ges­schau« ein gro­tes­kes Sam­mel­su­ri­um aus frag­men­ta­ri­sier­ten In­for­ma­tio­nen, Halb­wahr­hei­ten, Pseudo­nach­rich­ten, plum­pen ideo­lo­gi­schen Fan­fa­ren, Pla­ti­tu­den und Fehl­deu­tun­gen. Wer glaubt, mit ein paar Grund­kur­sen in Nach­rich­ten­jour­na­lis­mus und ei­ner Ein­füh­rung in die Kunst des Nach­rich­ten­fil­mes lie­ße sich die An­ge­le­gen­heit ver­bes­sern, der irrt ge­wal­tig. Van Rossum stuft mal eben die ge­sam­te Re­dak­ti­on als hoff­nungs­lo­se Fäl­le ein. Aber auch der Zu­schau­er, um des­sen Bil­dung es dem Au­tor ja ei­gent­lich geht, be­kommt sein Fett weg: Das Aus­maß der Stüm­pe­rei de­fi­niert das Aus­maß des Er­folgs. Und wei­ter heisst es: Abend für Abend lau­schen fast zehn Mil­lio­nen Men­schen der 20-Uhr-Aus­ga­be der »Ta­ges­schau«, Abend für Abend setzt die »Ta­ges­schau« ih­re un­glaub­li­che Er­folgs­ge­schich­te fort, ganz ein­fach in­dem sie sich selbst als Gen­re­stück fort­schreibt. (Da­bei wi­der­spricht er sich sel­ber, wenn er an an­de­rer Stel­le dia­gno­sti­ziert, die »Ta­ges­schau« däm­me­re seit fast fünf­zig Jahren…im Sar­ko­pharg ih­res au­ßer­ge­wöhn­li­chen Er­folgs da­hin.) Van Ross­ums Schluss­fol­ge­rung: Die »Ta­ges­schau« macht ih­re Zu­schau­er ent­schlos­sen zu Zaun­gä­sten ei­ner Welt, in­dem sie sich eben­so ent­schlos­sen wei­gert, die­se Welt auch nur an­deu­tungs­wei­se zu be­grei­fen.

Las­sen wir ein­mal die An­thro­po­mor­phi­sie­rung weg, die sehr merk­wür­dig an­mu­tet. Van Ross­ums Vor­wurf geht da­hin, dass die »Ta­ges­schau« (und auch die »Ta­ges­the­men«) Welt nur re­du­ziert dar­stel­len. Daß an die­sem Tag – dem be­ob­ach­te­ten 6. De­zem­ber 2006 – wie­der so et­wa 30.000 Kin­der ir­gend­wo auf un­se­rem Pla­ne­ten ihr klei­nes Le­ben in ei­ner stin­ken­den Pfüt­ze aus­hauch­ten (man be­ach­te die be­müh­te Rhe­to­rik) hat­te für die »Ta­ges­schau« wie im­mer kei­nen Nach­rich­ten­wert.

Zwei­fel­los ist der Tat­be­stand, dass täg­lich tau­sen­de von Kin­dern ver­hun­gern oder an ver­gleichs­wei­se lä­cher­li­chen Krank­hei­ten ster­ben, schreck­lich. Ähn­li­ches könn­te man je­doch auch von al­len an­de­ren Men­schen be­kla­gen, die auf­grund man­geln­der ärzt­li­cher Ver­sor­gung ster­ben und/oder po­li­ti­scher, eth­ni­scher oder re­li­giö­ser Ver­fol­gung ver­folgt wer­den. Die grund­sätz­li­che Fra­ge wä­re, ob ei­ne ri­tua­li­sier­te Ver­mel­dung sol­cher – bei al­ler Schreck­lich­keit – Vor­fäl­le be­wusst­seins­för­dernd bzw. be­wusst­seins­schaf­fend wä­ren. Zwei­fel­los wä­re es ein Fa­nal, mit der Nach­richt »Auch heu­te sind wie­der 30.000 Kin­der auf der Er­de ver­hun­gert« auf­zu­ma­chen und die­se vor ver­gleichs­wei­se lä­cher­li­chen Wahl­kampf­aus­sa­gen von Po­li­ti­kern zu platz­ie­ren. Aber wel­chen Ef­fekt er­hofft sich der Au­tor da­von?

Nach­rich­ten­sen­dun­gen ha­ben für van Rossum – das wird im Ver­lauf des Bu­ches im­mer deut­li­cher – in der ei­gent­li­chen Nach­richt im­mer auch die »rich­ti­ge Bot­schaft« mit­zu­trans­por­tie­ren. Sie fin­den nur Gna­de, wenn ih­re Aus­rich­tung heh­ren Zie­len folgt (wel­che Zie­le dies sind, be­stimmt er sel­ber). Er lässt nur Nach­rich­ten zu, die sei­ner ideo­lo­gi­schen Aus­rich­tung ent­spre­chen, d. h. er in­dok­tri­niert.

In der be­spro­che­nen »Tagesschau«-Sendung wird über die Vor­stel­lung und Ver­öf­fent­li­chung des so­ge­nann­ten »Baker-Re­port« be­rich­tet. Auch hier setzt er wie­der ei­ne ei­ge­ne Art der Wahr­neh­mung als ab­so­lut an. Der Irak kä­me in der Be­richt­erstat­tung der »Ta­ges­schau« über­haupt nur vor, wenn Ame­ri­ka­ner Schwie­rig­kei­ten mit dem Irak ha­ben. Das ist in mehr­fa­cher Hin­sicht ein sehr un­ge­nau­er Vor­wurf, denn (1.) kommt der Irak über Ge­bühr in den Nach­rich­ten­sen­dun­gen vor (bei­spiels­wei­se bei Ter­ror­an­schlä­gen – al­so fast täg­lich, wo­bei hier die Sinn­haf­tig­keit sol­cher Mel­dun­gen sehr wohl be­fragt wer­den könn­te, aber auch bei po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen in­ner­halb des Lan­des) und (2.) kommt bei­spiels­wei­se auch der Flug­ver­kehr nur vor, wenn es ei­nen Flug­zeug­ab­sturz gibt.

Van Rossum holt weit aus. Die Mel­dung über den »Baker-Re­port«, der kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge für ei­nen Trup­pen­ab­zug der Ame­ri­ka­ner ent­hält, er­lau­ben, die Prin­zi­pi­en die­ser Be­richt­erstat­tung zu um­rei­ssen: »Kon­sens und Prag­ma­tis­mus« lei­ten die »Ta­ges­schau«, wenn sie all­abend­lich ih­re Zu­schau­er auf die al­ler­selbst­ver­ständ­lich­ste Art zu Mit­wis­sern ei­nes un­ge­heu­ren Ver­bre­chens macht, näm­lich ei­nes bar­ba­ri­schen und durch nichts zu recht­fer­ti­gen­den und re­la­ti­vie­ren­den An­griffs­krie­ges. Dass die »Ta­ges­schau« die Zu­schau­er zu Mitt­wis­sern ei­nes un­ge­heu­ren Ver­bre­chens macht ist ei­gent­lich ja nicht schlecht, wenn man für ei­nen Mo­ment an ei­ne Art jour­na­li­sti­sche Auf­klä­rungs­pflicht glaubt. Aber van Rossum in­ter­pre­tiert das of­fen­sicht­lich an­ders, denn we­der an die­sem noch an ir­gend­ei­nem an­de­ren Tag bringt die »Ta­ges­schau« die Sa­che auf die­sen Punkt.

Was ist denn »der Punkt«, auf den die Sa­che zu brin­gen ist? Kern der An­schul­di­gung ist, dass der Irak­krieg als sol­ches nicht mit min­de­stens mit ei­nem At­tri­but mo­ra­lisch und po­li­tisch be­wer­tet und mit die­sem At­tri­but dann durch­gän­gig be­glei­tet wird. Et­wa so, wie die pa­lä­sti­nen­si­sche »Ha­mas« in der ARD im­mer »radikal-islami[sti]sch« be­ti­telt wird, die »Fatah«-Organisation im­mer als »ge­mä­ssigt« (der Bei­ga­ben lie­ssen sich noch vie­le auf­zei­gen, doch da­zu spä­ter).

In An­be­tracht der Tat­sa­che, dass van Rossum an an­de­rer Stel­le plumpe[n] ideologische[n] Fan­fa­ren aus­macht, über­rascht die­ser An­griff. Noch mehr Ver­wir­rung stif­tet der nach­fol­gen­de Satz: Sie al­so die »Ta­ges­schau« macht ein­fach den Krieg zu ei­nem Fak­tum der ame­ri­ka­ni­schen Po­li­tik. Was, wenn nicht un­ter an­de­rem ein Fak­tum der ame­ri­ka­ni­schen Po­li­tik ist die­ser Krieg denn für die Ame­ri­ka­ner sonst?

Ge­sin­nungs­kri­tik statt Me­di­en­kri­tik

Die Auf­re­gung läuft ins Lee­re. Van Ross­ums Stra­te­gie wird im Lau­fe des Bu­ches an an­de­ren Bei­spie­len über­deut­lich. Er möch­te sei­ne Sicht der Din­ge wer­tend in den je­wei­li­gen Nach­rich­ten be­rück­sich­tigt wis­sen. Al­les an­de­re als sei­ne Mei­nung ist plump und ideo­lo­gisch. Im­mer wei­ter ent­fernt sich van Rossum von der Me­di­en­kri­tik und übt nur noch Ge­sin­nungs­kri­tik, drischt ir­gend­wann fast nur noch Phra­sen oder be­schimpft Kom­men­ta­to­ren pau­schal als Denk­schau­spie­ler und An­dre­as Ci­cho­witz als Brid­ge­da­me. Gan­ze Scha­ren von Kor­re­spon­den­ten und Jour­na­li­sten wer­den ab­ge­kan­zelt. Die ge­sam­te Be­richt­erstat­tung über Dar­fur sei weit­ge­hend ge­lo­gen, weiss er sich mit Pe­ter Scholl-La­tour ei­nig. Wann und in wel­chem Zu­sam­men­hang Scholl-La­tour das ge­sagt ha­ben soll, bleibt un­be­legt (Fuss­no­ten setzt der Au­tor nur sehr spo­ra­disch). Wohl ge­merkt: Die Be­richt­erstat­tung ist nicht mehr »falsch« oder »un­voll­stän­dig«, nicht ein­mal »ver­zerrt«, son­dern sie ist ge­lo­gen. Das be­deu­tet, dass die Jour­na­li­sten vor­sätz­lich die Un­wahr­heit be­rich­ten. Aber wie die Wahr­heit nun aus­sieht, ver­rät er uns nicht ein­mal an­satz­wei­se. Die Re­dak­ti­on von »ARD-ak­tu­ell« wird sich be­stimmt grä­men, den Mei­ster nicht da­nach ge­fragt zu ha­ben.

Ähn­lich ne­bu­lö­ses im Buch fort­wäh­rend, et­wa die Aus­sa­ge, der Krieg um Ku­wait 1990 hät­te auch noch an­de­re Grün­de ge­habt, von de­nen wir nie er­fah­ren soll­ten. Soll­ten?

Es gibt zahl­rei­che an­de­re Bei­spie­le für van Ross­ums mass­lo­se Ar­ro­ganz und teil­wei­se ge­fähr­li­che Pro­pa­gan­da, die er ver­an­kert ha­ben möch­te. Et­wa, wenn er der Re­dak­ti­on un­ter­stellt, um die Glo­ba­li­sie­rungs­kreuz­rit­ter zu buh­len oder Bun­des­prä­si­dent Köh­ler die Ver­ant­wor­tung für ei­nen Krieg mit Hun­dert­tau­sen­den von To­ten zu­spricht. Zu wah­rer Höchst­form läuft er auf, als er die Kom­men­ta­re aus den »Ta­ges­the­men« (Ge­sin­nungs­an­dach­ten; in­tel­lek­tu­el­len Amok; dis­kur­si­ves De­li­ri­um) vom 13.–20. März 2007 ver­sucht, aus­ein­an­der­zu­neh­men. Na­tür­lich ist da ei­ni­ges holp­rig und ein biss­chen non­cha­lant for­mu­liert – aber es ist ein Kom­men­tar und dem »Me­di­en­kri­ti­ker« scheint voll­kom­men ab­han­den ge­kom­men zu sein, was ein »Kom­men­tar« ei­gent­lich ist.

Van Ross­ums Feh­ler: Er sieht die »Ta­ges­schau« (bzw. »Ta­ges­the­men«) als das, was ihn ei­gent­lich an ih­nen stört: Als ein Mei­nungs­mo­no­pol, wel­ches die po­li­ti­sche Bil­dung der Massen auf ex­klu­si­ver Ba­sis vor­nimmt. Of­fen­sicht­lich un­denk­bar für ihn, dass sich die Zu­schau­er auch noch über an­de­re Me­di­en in­for­mie­ren. Er ver­langt von ei­ner Nach­rich­ten­sen­dung zum Bei­spiel, die deut­sche Be­tei­li­gung am Af­gha­ni­stan­krieg zu the­ma­ti­sie­ren. Das ist un­ge­fähr so, als wür­de man vor Be­ginn ei­nes Fuss­ball­spiels im­mer die Re­geln aufs Neue er­klä­ren.

Aber die Ver­mitt­lung der­ar­ti­gen Grund­la­gen­wis­sens ist gar nicht die Auf­ga­be ei­ner Sen­dung wie der »Ta­ges­schau«; viel­leicht noch am ehe­sten – in Gren­zen – der »Ta­ges­the­men«. Muss man nicht von ei­nem ge­wis­sen Kennt­nis­stand der Zu­schau­er aus­ge­hen (auch wenn die­ser kon­tro­vers be­setzt sein kann)? Wo­bei ja sehr wohl Stim­men zu Wort kom­men, die den Af­gha­ni­stan-Ein­satz der Bun­des­wehr ab­leh­nen.

Frei­lich – und dar­an be­steht gar kein Zwei­fel: Es liegt ja viel im Ar­gen, wenn man sich die­se Sen­dun­gen an­schaut. Und ge­le­gent­lich trifft van Rossum ja sehr wohl wun­de Punk­te, et­wa wenn er über die text­ge­stütz­ten Bil­der schreibt, die letzt­lich ei­nen ab­so­lu­ten Null­wert an In­for­ma­ti­on ha­ben. Oder wenn er die Hohl­flos­keln von po­li­ti­schen State­ments an­pran­gert, die viel­leicht bes­ser igno­riert wür­den. Aber all die­se gu­ten, rich­ti­gen und in­ter­es­san­ten Punk­ten wer­den ver­ne­belt durch das wil­de Ge­schimp­fe, wel­ches sich ir­gend­wann fast nur noch in Un­flä­tig­kei­ten er­geht.

Ver­pass­te Mög­lich­kei­ten

Da­bei wä­re es doch loh­nend, ge­nau hin­zu­schau­en. Denn was bei­spiels­wei­se die viel­ge­prie­se­ne Neu­tra­li­tät an­geht: So ganz neu­tral ist man dort (bei »ARD-ak­tu­ell«) schon längst nicht mehr.

Schlei­chend ha­ben sich For­mu­lie­run­gen und At­tri­but­set­zun­gen durch­ge­setzt, die schon im­pli­zit ei­ne Wer­tung ent­hal­ten. Neu­tra­le For­mu­lie­run­gen zu fin­den ist teil­wei­se sehr schwie­rig. Wann spricht man von »Re­gie­rung« und wann von »Re­gime«, wann von »Mi­li­tär­re­gie­rung« und wann von »Jun­ta«? Was be­deu­tet es, ei­ne po­li­ti­sche Be­we­gung (in Ser­bi­en oder der Ukrai­ne) als »eu­ro­pa­freund­lich« zu be­zeich­nen – ei­ne an­de­re als »ul­tra-na­tio­na­li­stisch« oder »an Russ­land ori­en­tiert«? Ist die Land­nah­me des West­jor­dan­lands ei­ne »Be­sat­zung« oder ei­ne »Be­sied­lung«?

Mass­los bei­spiels­wei­se die Ar­ro­ganz der Re­dak­ti­on, das Land Myan­mar kon­se­quent mit dem al­ten Na­men »Bir­ma« zu ver­se­hen, nur weil (an­geb­lich) Tei­le der Op­po­si­ti­on die Na­mens­än­de­rung vor ei­ni­gen Jah­ren ab­lehn­ten. Im »Tagesschau«-Blog wur­de dies an­läss­lich der Un­ru­hen in Myan­mar im Sep­tem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res von Dr. Kai Gniff­ke the­ma­ti­siert und vie­le Kom­men­ta­to­ren, auch Ex­per­ten, spra­chen sich für »Myan­mar« aus. Das ficht aber Gniff­ke et. al. nicht an. Das Er­geb­nis ist, dass die ARD Myan­mar un­ter Igno­rie­ren al­ler völ­ker­recht­li­chen Usan­cen wei­ter Bir­ma nennt (nur die »FAZ« treibt es in Deutsch­land noch tol­ler: sie ver­wen­det die eng­li­sche Be­zeich­nung »Bur­ma«).

Zwei­fel­los, die Men­schen in Myan­mar ha­ben grö­sse­re Pro­ble­me als die­ses. Aber ex­em­pla­risch kann hier ge­zeigt wer­den, wie der sub­li­me An­spruch auf nach­richt­li­che Neu­tra­li­tät eben ge­nau nicht ein­ge­hal­ten wird und bei­spiels­wei­se durch ei­ne fei­ne, fast un­merk­li­che, aber durch­aus re­le­van­te Wort­wahl ei­ne Ma­ni­pu­la­ti­on der öf­fent­li­chen Mei­nung vor­ge­nom­men wird. Dies braucht noch nicht ein­mal vor­sätz­lich statt­zu­fin­den, son­dern im vor­aus­ei­len­den Be­mü­hen, die »Ver­ständ­lich­keit« der Nach­rich­ten­sen­dung zu er­hö­hen. Weil der un­re­gel­mä­ssi­ge Nach­rich­ten­kon­su­ment mit »Ha­mas« oder der po­li­ti­schen Aus­rich­tung des ak­tu­el­len ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten Jutscht­schen­ko nicht viel an­zu­fan­gen weiss, wer­den »Kenn­zei­chen« ein­ge­führt, die ei­ne leich­te­re Ru­bri­zie­rung er­mög­li­chen.

All dies könn­te van Rossum dem Le­ser an die Hand ge­ben, der es so (ge­ge­be­nen­falls so­gar lust­voll) sel­ber über­neh­men könn­te, die ihm vor­ge­leg­ten In­for­ma­tio­nen bei­spiels­wei­se auf Bei­wor­te oder vor­ei­li­ge und pau­scha­le At­tri­bu­te zu be­fra­gen. Der Le­ser wür­de zur kri­ti­schen Re­zep­ti­on an­ge­lei­tet, oh­ne bei­spiels­wei­se durch an­de­re Deu­tun­gen von po­li­ti­schen Vor­gän­gen be­reits wie­der ma­ni­pu­liert zu wer­den. Das wä­re ech­te Auf­klä­rung aus der selbst­ver­schul­de­ten Un­mün­dig­keit ge­we­sen, hät­te al­ler­dings ei­ne un­gleich fi­li­gra­ne­re und de­zi­dier­te Aus­ar­bei­tung zur Fol­ge ge­habt; ei­ne Kärr­ner­ar­beit im Ver­gleich zu dem, was mit »Die Ta­ges­show« vor­liegt.

Statt­des­sen er­folgt mit­ten im Buch die fast re­si­gnie­ren­de Fest­stel­lung: Das struk­tu­rel­le Pro­blem al­ler Nach­rich­ten­sen­dun­gen be­steht dar­in, dass es kei­ne Ob­jek­ti­vi­tät und auch kei­ne Wahr­heit ge­ben kann. Wenn er das Ernst meint, ist je­de Be­schäf­ti­gung mit dem Ge­dan­ken ei­ner Auf­deckung oder gar Ver­bes­se­rung von Hand­lungs­ma­xi­men für jour­na­li­sti­sche Ar­beit a prio­ri sinn­los. Ei­ne Bank­rott­erklä­rung für die ei­ge­ne Zunft.

Die teil­wei­se eu­pho­ri­sche Auf­nah­me die­ses echauf­fiert-fah­ri­gen Pam­phlets zeigt lei­der, wie es mit prä­zi­ser und sach­kun­di­ger Me­di­en­kri­tik in Deutsch­land be­stellt sein muss. Bleibt nur noch der Hin­weis auf Jo­ris Lu­y­en­di­jks un­gleich be­son­ne­ne­re und vor al­lem fak­ten- und kennt­nis­rei­che­re Kri­tik an den Nach­rich­ten­ver­hält­nis­sen, und zwar aus der Sicht ei­nes ehe­ma­li­gen Aus­lands­kor­re­spon­den­ten: Wie im ech­ten Le­ben.


Die kur­siv ge­druck­ten Stel­len sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Na­ja, ich glau­be, die­ses Buch wer­de ich nicht le­sen.
    Die Un­mög­lich­keit zur Ob­jek­ti­vi­tät wür­de ich ja auch po­stu­lie­ren. Die fin­det man in Zei­tun­gen selbst in den an­geb­lich »se­riö­sen« Blät­tern. Aber ich den­ke schon lan­ge, dass die Me­di­en die rö­mi­schen Zir­kus­spie­le er­set­zen.

  2. Ei­gent­lich ist das scha­de, da ja ge­ra­de auch Kor­re­spon­den­ten be­gon­nen ha­ben, die »Po­li­tik« der Sen­de­an­stal­ten bei der Be­richt­erstat­tung zu kri­ti­sie­ren....

  3. „Mo­ment­mal, dass ken­ne ich doch ir­gend­wo­her.“, dach­te ich so­fort beim Le­sen Ih­rer kri­ti­schen Be­spre­chung. Nun ha­be ich das Buch nicht ge­le­sen und ver­traue da ganz Ih­rem Ur­teil, aber das auch bei mir im­mer ver­stärk­ter auf­tre­ten­de Un­be­ha­gen beim all­abend­li­che Ta­ges­schau-Ri­tu­al hat von Rossum mit sei­nem Deutsch­land­funk –Fea­ture „Ta­ges­show – die Welt in 15 Mi­nu­ten“ vom 10.7.07, für mich je­den­falls, recht nach­voll­zieh­bar un­ter­füt­tert. Hier das Ma­nu­skript als pdf.datei

  4. Van Rossum be­dient Vor­ur­tei­le
    Ich ken­ne das Buch auch nicht, je­doch Van Ross­ums »Ta­ges­show«- Fea­ture im »Deutsch­land­funk«. Ein wich­ti­ger Punkt, den Rossum an der »Ta­ges­schau« kri­ti­siert, ist et­was, was ich als »Ge­sin­nungs­jour­na­lis­mus« be­zeich­nen wür­de. Das Bi­zar­re ist aber, dass Van Rossum ge­nau die­sen Ge­sin­nungs­jour­na­lis­mus – wenn auch mit ei­ner an­de­ren, »rich­ti­gen«, Ge­sin­nung – zu for­dern scheint.
    Schon Ross­ums Fea­ture er­scheint mir zu über­zo­gen und zu ef­fekt­ha­sche­risch für ei­ne kri­ti­sche Ana­ly­se der »Ta­ges­schau« zu sein – ich könn­te mir das al­ler­dings gut als Ein­stieg in ei­ne ver­tief­te Dis­kus­si­on über die Frag­wür­dig­kei­ten des »Tagesschau«-Journalismus vor­stel­len.
    Zu den zu recht kri­ti­sier­ten Punk­ten ge­hört m. E. das schon oft kri­ti­siert (und sei­ner­zeit be­son­ders tref­fend von »Ru­dis Ta­ge­show« par­odier­te) »Aus­ge­wo­gen­heits-Spiel«, bei dem je­de be­tei­lig­te Sei­te mal kurz was in Mi­kro sa­gen darf, durch das sich der Ak­zent bei po­li­ti­schen The­men vom Sach­pro­blem weg hin zum »Par­tei­en­streit« ver­schiebt. Die vom Ge­setz­ge­ber ge­for­der­te po­li­ti­sche »Aus­ge­wo­gen­heit« als For­mel­kom­pro­miss. Ein wei­te­res ech­tes Pro­blem ist das der »Hid­den Agen­da«, des »Ge­sin­nungs­jour­na­lis­mus«, der feh­len­den Neu­tra­li­tät – im Fal­le der »Ta­ges­schau« ist es ei­ne aus­ge­spro­chen »staats­tra­gen­de« Agen­da.
    Da­ne­ben gibt es aber schon im Fea­ture blan­ke Po­le­mik – et­wa, wenn ei­ne Mel­dung über ei­ne Mars­son­de mit ei­ner feh­len­den Mel­dung über »wie­der so et­wa 30.000 Kin­der ir­gend­wo auf un­se­rem Pla­ne­ten ihr klei­nes Le­ben in ei­ner stin­ken­den Pfüt­ze aus­hauch­ten« kon­tra­stiert.
    (Ich ver­su­che, die von Gre­gor ge­stell­te Fra­ge zu be­ant­wor­ten: »Aber wel­chen Ef­fekt er­hofft sich der Au­tor da­von?« – In die­sem Fal­le ver­mut­lich soll es po­le­mi­scher Hieb ge­gen die The­men­aus­wahl der Ta­ges­schau, in der die Mel­dung über die Raum­son­de nur als »Ab­len­kung« von der »wirk­lich wich­ti­gen« The­men er­scheint. Al­ler­dings wirkt die Po­le­mik an die­ser Stel­le m. E. bil­lig, denn es gibt zwi­schen der Raum­son­de und den ver­hun­gern­den oder an Krank­hei­ten ster­ben­den Kin­dern und der Raum­son­de kei­ner­lei sach­li­che, ge­schwei­ge denn ur­säch­li­che Ver­bin­dung – sie be­wegt sich ge­fähr­lich Na­he am Bier­tisch­spruch »Ra­ke­ten zum Mars schicken, das könn ´se, aber was ge­gen (be­lie­bi­gen Miss­stand ein­set­zen) tun, das könn’ se nicht«.

    Ich ha­be nach Gre­gors Kri­tik den Ein­druck ge­won­nen, dass Van Rossum sein über­spitz­tes, aber als Dis­kus­si­ons­bei­trag brauch­ba­ren Hör­funk­fea­ture mit viel ge­fäl­li­ger Po­le­mik zum Buch­um­fang auf­ge­bläht hat – oh­ne all­zu viel sach­lich be­grün­de­te Kri­tik über die schon im Fea­ture ge­nann­te hin­aus bei­zu­fü­gen.

    Die teil­wei­se eu­pho­ri­sche Auf­nah­me er­klä­re ich mir da­mit, dass Van Rossum sehr oft das Welt­bild des »heim­li­chen Main­stream« be­dient – z. B. ist in Deutsch­land (wenn man den De­mo­sko­pen glau­ben darf) die An­sicht, dass Is­ra­el der Staat sei, von dem die größ­te Ge­fahr für den Frie­den aus­gin­ge, sehr weit ver­brei­tet. Noch wei­ter ver­brei­tet ist die Vor­stel­lung, »man« dür­fe in Is­ra­el nicht öf­fent­lich kri­ti­sie­ren, weil sonst so­fort »die An­ti­se­mi­tis­mus­keu­le« zu­schla­gen wür­de. Al­so wird je­mand, der Is­ra­el un­ter die »größ­ten Men­schen­rechts­ver­let­zer« ein­reiht, brei­te Zu­stim­mung und Lob für sei­nen (an­geb­li­chen) Mut ein­heim­sen.
    Ganz all­ge­mein ha­be ich den Ein­druck, dass der Er­folg Van Ross­ums dar­auf be­ruht, dass er ver­brei­te­te Vor­ur­tei­le und Kli­schees be­dient, und zwar je­ne, die die eben­falls oft an Kli­schees und Vor­ur­tei­le ap­pe­lie­ren­den »Leit­me­di­en« nicht ab­decken.

  5. „Ich ha­be nach Gre­gors Kri­tik den Ein­druck ge­won­nen, dass Van Rossum sein über­spitz­tes, aber als Dis­kus­si­ons­bei­trag brauch­ba­ren Hör­funk­fea­ture mit viel ge­fäl­li­ger Po­le­mik zum Buch­um­fang auf­ge­bläht hat – oh­ne all­zu viel sach­lich be­grün­de­te Kri­tik über die schon im Fea­ture ge­nann­te hin­aus bei­zu­fü­gen.“

    Ge­nau dies ist auch mein Ein­druck, wie ge­sagt, oh­ne das Buch ge­le­sen zu ha­ben. Al­ler­dings hal­te ich ei­ne ge­wis­se Po­le­mik an­ge­sichts der im Fea­ture dar­ge­stell­ten fort­wäh­ren­den Selbst­be­weih­räu­che­rung des Ta­ges­schau-Chef­re­dak­teurs Kai Gniff­ke für zu­min­dest ver­ständ­lich.

  6. Ich ken­ne wie­der­um das
    Hör­funk-Fea­ture nicht (wer­de es mir nach mei­nem Ur­laub zu Ge­mü­te füh­ren). An­son­sten: Völ­lig d’­ac­cord.

    Die Dis­kus­si­on um die Prä­sen­ta­ti­on von Nach­rich­ten­sen­dun­gen (nicht nur der »Ta­ges­schau«) ist not­wen­dig – aber nicht in die­sem Stil. Sie be­dient nur »Bier­tisch­pa­ro­len«. Ge­nau so ist es.

  7. #1 – step­pen­hund
    »Die« Me­di­en er­set­zen die rö­mi­schen Zir­kus­spie­le? Ich glau­be das nur be­dingt. Und na­tür­lich gibt es »Ob­jek­ti­vi­tät« – min­de­stens die An­nä­he­rung dar­an. An­ders müss­te man al­les auf­ge­ben, oder?

  8. Und na­tür­lich gibt es »Ob­jek­ti­vi­tät« – min­de­stens die An­nä­he­rung dar­an. An­ders müss­te man al­les auf­ge­ben, oder?

    Ist das nicht ein biss­chen na­iv? Ist Ob­jek­ti­vi­tät nicht nur ein Hilfs­kon­strukt, um uns in die Um­welt ein­zu­bet­ten, die schon in­ter­kul­tu­rell nicht halt­bar ist? Ich wür­de die Me­di­en (und da­mit die öf­fent­li­che Mei­nung) nicht als Er­satz für die Zir­kus­spie­le an­se­hen, son­dern eher als das sinn­stif­ten­de Fun­da­ment, dass frü­her die Kir­che dar­stell­te.

  9. @Peter
    Na­iv? Viel­leicht. Aber als Axi­om muss Ob­jek­ti­vi­tät min­de­stens in der Theo­rie an­ge­strebt wer­den. Das ist in et­wa so wie mit der Wahr­heit. Woll­te man Wahr­heit per se für un­mög­lich hal­ten, so wä­re je­der Satz über­flüs­sig, da er nie oh­ne den An­spruch der Wahr­heit mög­lich wä­re.

    In­dem Ob­jek­ti­vi­tät als Mög­lich­keit an­ge­nom­men wird, er­schei­nen Ver­stö­sse erst re­le­vant. Da­von gibt es ge­nug; auch und ge­ra­de bei den (halb­wegs) se­riö­sen Me­di­en.

    Der Ver­gleich mit dem sinn­stif­ten­den Fun­da­ment ge­fällt mir sehr gut. Da­hin­ge­hend wä­re die »Ta­ges­schau« (oder »heu­te«) ei­ne Art Pre­digt, auf die sich dann so et­was wie Mei­nungs­bil­dung auf­bau­en kann.

    Die Nach­rich­ten soll­ten sich nur ih­rer Apo­dik­tik, die sie von Pre­dig­ten nicht weit ent­fernt rückt, ent­le­di­gen, um nicht mit per­ma­nent mit The­se und An­ti­the­se auch gleich das Ur­teil mit­zu­lie­fern. Und das ge­schieht im­pli­zit häu­fi­ger als man denkt.

  10. @Gregor & Pe­ter
    Karl Pop­per hat ein Kon­zept von Ob­jek­ti­vi­tät in der Wis­sen­schaft ver­tre­ten, das sich pro­blem­los ver­all­ge­mei­nern lässt: Nicht ein Wis­sen­schaft­ler ist ob­jek­tiv, oder muss ob­jek­tiv sein (er kann al­so ru­hig sei­ne The­sen ver­tre­ten), son­dern erst Kri­tik und Ar­gu­ment al­ler Wis­sen­schaft­ler ge­währ­lei­sten et­was wie Ob­jek­ti­vi­tät. Ähn­li­ches kann man sich auch be­züg­lich der me­dia­len Ob­jek­ti­vi­tät vor­stel­len: Ver­schie­de­ne Sicht­wei­sen, Re­cher­chen und Pro­blem­lö­sungs­vor­schlä­ge er­ge­ben ge­mein­sam et­was wie Ob­jek­ti­vi­tät (klar ist na­tür­lich, dass man sich dem Ide­al nur an­nä­hern kann).

  11. @Metepsilonema
    Ver­schie­de­ne Sicht­wei­sen bei Nach­rich­ten­sen­dun­gen – das wird im Zwei­fel schwie­rig. Zu un­ter­schei­den ist die rein fak­ti­sche Ob­jek­ti­vi­tät (al­so das, was sich em­pi­risch nach­prü­fen lässt) und die Ob­jek­ti­vi­tät be­zo­gen auf ei­ne mög­lichst »neu­tra­le« Dar­stel­lung von po­li­ti­schen, so­zia­len oder öko­no­mi­schen Sach­ver­hal­ten.

    Der Maß­stab, den Sen­dun­gen wie die »Ta­ges­schau« an sich selbst le­gen geht vom er­sten wie selbst­ver­ständ­lich aus und pro­pa­giert das zwei­te als Ziel. Da­bei ist es m. E. nicht hilf­reich zu sa­gen, man kann gar kei­ne Ob­jek­ti­vi­tät bzw. Neu­tra­li­tät er­zeu­gen. Das ist in et­wa so, als wür­de ich sa­gen, man wird nie ganz sau­ber, al­so brauch ich mich erst gar nicht wa­schen...

    Ziel ei­nes kri­ti­schen Bu­ches über Nach­rich­ten­sen­dun­gen könn­te sein, dem Zu­schau­er zu er­mög­li­chen, die un-neu­tra­len, nicht-ob­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gem, von de­nen die Nach­rich­ten aus­ge­hen, trans­pa­rent zu ma­chen. Da­mit mei­ne ich gar nicht so hoch­tra­ben­de Be­grif­fe wie »Eu­ro­zen­tris­mus«, der na­tür­lich in sehr vie­lem, was wir über an­de­re Kul­tu­ren sa­gen, mit­schwingt. Viel wich­ti­ger wä­re es zu zei­gen, in wel­chen Klei­nig­kei­ten be­reits die Par­tei­lich­keit in­klu­diert ist. Da­durch wä­re der Le­ser im Ide­al­fall in die La­ge ver­setzt, sehr viel kri­ti­scher das Vor­ge­leg­te zu be­fra­gen (oh­ne es in Bausch und Bo­gen zu ver­dam­men) und wür­de fast au­to­ma­tisch die von Dir an­ge­spro­che­nen ver­schie­de­nen Sicht­wei­sen in An­spruch neh­men.

  12. @Gregor
    Um das Im­pli­zi­te ex­pli­zit zu ma­chen: Ich dach­te eher an Print­me­di­en als ich mei­nen Kom­men­tar schrieb, und ver­gaß, dass Buch wie Ar­ti­kel ja auf Nach­rich­ten­sen­dun­gen fo­kus­sie­ren: Da sieht die Sa­che tat­säch­lich an­ders aus, denn Tex­te be­sit­zen nicht die Flüch­tig­keit, die Bil­dern und Se­quen­zen in­ne­wohnt; auch ih­re Ein­drück­lich­keit ist zu­min­dest an­ders ge­wich­tet.

    Ich glau­be aber, dass sich so­wohl die fak­ti­sche, wie nicht-fak­ti­sche Ob­jek­ti­vi­tät in Wort und Schrift äu­ßern, und sie in­so­fern die­se letz­te Ebe­ne, die den Pro­zess der Ob­jek­ti­vie­rung erst er­mög­licht, ge­mein­sam ha­ben. Man darf auch nicht ver­ges­sen, dass Fak­ti­zi­tät oft theo­rie­ab­hän­gig ist, und die em­pi­ri­sche Prü­fung nie­mals zwei­fels­frei ist bzw. auch der In­ter­pre­ta­ti­on be­darf (be­dür­fen kann).

  13. @Metepsilonema
    Ähn­li­ches kann man sich auch be­züg­lich der me­dia­len Ob­jek­ti­vi­tät vor­stel­len: Ver­schie­de­ne Sicht­wei­sen, Re­cher­chen und Pro­blem­lö­sungs­vor­schlä­ge er­ge­ben ge­mein­sam et­was wie Ob­jek­ti­vi­tät (klar ist na­tür­lich, dass man sich dem Ide­al nur an­nä­hern kann).

    Wenn na­tio­nal oder in­ter­na­tio­nal kon­tro­ver­se The­men auf­tre­ten, er­lau­be ich mir öf­ter den Spass, ei­nen Rund­gang (dank In­ter­net) auf dem Jahr­markt der Nach­rich­ten und Leit­ar­ti­kel. Ei­ne wie ich fin­de sehr lehr­rei­che Vor­stel­lung.

    Ein sehr prä­gnan­tes Stim­mungs­bild gab es z.B. am Tag der Fest­nah­me von Klaus Zum­win­kel. Wäh­rend sich die mei­sten Zei­tun­gen in der At­ti­tü­de der Em­pö­rung suhl­ten, rief die lin­ke Pres­se fast schon zum Sy­stem­wech­sel, der vor der Tür steht (ste­hen muss, ste­hen müss­te), auf. Die kon­ser­va­ti­ven Zei­tun­gen zeig­ten ein nicht ge­schlos­se­nes Bild, da selbst dort ei­ni­ge ih­rem Un­mut Luft mach­ten, aber auch zu re­la­ti­vie­ren ver­such­ten.

    Das Han­dels­blatt hat mit der Li­ste 25 Maß­nah­men, wenn der Er­mitt­ler vor der Tür steht al­ler­dings den Vo­gel ab­ge­schos­sen. Dort wur­den so hilf­rei­che Tipps ge­ge­ben, wie der Hin­weis an­ge­for­der­te Do­ku­men­te im­mer selbst zu ho­len, da­mit nicht ein Zu­falls­fund für wei­te­res Un­be­ha­gen sorgt. Kein Wort über ei­ne Ver­let­zung der Ethik oder auch nur die Straf­bar­keit der Hand­lun­gen.

    Ich se­he kei­ne Mög­lich­keit die­ses Spek­trum auch nur an­nä­hernd un­ter ei­nen Hut zu be­kom­men, ge­schwei­ge denn auf ein axio­ma­ti­sches Sy­stem run­ter zu­bre­chen. Das sind für mich Par­al­lel­wel­ten, de­ren In­ter­es­sen nur durch Macht und nicht durch Dis­kurs durch­zu­set­zen sind. Und wer die Macht hat...

  14. @Peter
    Je­der der fest­stellt, dass es kei­ne Ob­jek­ti­vi­tät gibt, oder kei­ne Wahr­heit, braucht ei­nen all­ge­mein gül­ti­gen Maß­stab um ge­nau das fest­zu­stel­len, und da­mit wird flugs wie­der das eta­bliert, was vor­hin ver­neint wur­de. Um fest­zu­stel­len, dass Be­rich­te von Macht­in­ter­es­sen ge­lei­tet sind, dass die Un­wahr­heit ge­spro­chen, oder wir­re Mei­nun­gen ge­äu­ßert wer­den, ver­rät, dass hier sehr wohl ei­ne Idee, ein Be­griff von Ob­jek­ti­vi­tät exi­stiert, und zwar re­la­tiv kon­kret.

    Ich glau­be auch nicht, dass Macht­in­ter­es­sen u.ä. der Mög­lich­keit von Ob­jek­ti­vi­tät wi­der­spre­chen, denn sie exi­stie­ren un­ab­hän­gig von die­ser; na­tür­lich kön­nen In­ter­es­sen Wahr­heit und Ob­jek­ti­vi­tät un­ter­mi­nie­ren, und bis zur Un­kennt­lich­keit ent­stel­len, aber das ver­neint noch nicht die Mög­lich­keit ei­ner An­nä­he­rung (mehr kann es auch nicht sein) an die­se Idea­le.