Jo­ris Lu­y­en­di­jk: Wie im ech­ten Le­ben


Jo­ris Lu­y­en­di­jk ging mit 27 Jah­ren als Kor­re­spon­dent in den Na­hen Osten; zu­nächst für ei­ne Ra­dio­sta­ti­on und die nie­der­län­di­sche Zei­tung »De Volks­krant«, spä­ter dann für »NRC Han­dels­blad«. Er war auch kur­ze Zeit für das nie­der­län­di­sche Fern­se­hen tä­tig. Ver­mut­lich – so spe­ku­liert er sel­ber – hat­te er den Zu­schlag für die Stel­le haupt­säch­lich we­gen sei­nes Ara­bi­stik-Stu­di­ums er­hal­ten; Be­wer­bern mit pri­mär jour­na­li­sti­schem Hin­ter­grund war er wohl des­halb vor­ge­zo­gen wor­den. Lu­y­en­di­jk hat über die­se Zeit (sie dau­er­te von 1998 bis 2003) ein Buch mit dem dop­pel­deu­ti­gen Ti­tel »Wie im ech­ten Le­ben« ge­schrie­ben, wel­ches in den Nie­der­lan­den – trotz we­ni­ger »of­fi­zi­el­ler« Be­spre­chun­gen – für Fu­ro­re sorg­te und mit 120.000 ver­kauf­ten Ex­em­pla­ren ein Best­sel­ler wur­de (was man dem Buch na­tur­ge­mäss nicht vor­wer­fen kann).

Be­richt, Beich­te und Be­trach­tung

Wie im ech­ten Le­ben (an Herrn Staun und die Da­men und Her­ren des Qua­li­täts­blatts »FASZ«: Das Buch heisst [im­mer noch] nicht »Wie im rich­ti­gen Le­ben«!) ist ei­ne Mi­schung zwi­schen Be­richt über die Art und Wei­se, wie Kor­re­spon­den­ten ge­mein­hin »funk­tio­nie­ren« (sol­len), wel­chen Ge­set­zen sie un­ter­wor­fen sind und wie sie zu ar­bei­ten ha­ben, ei­ner Beich­te nebst Selbst­be­zich­ti­gung ei­ni­ge Ma­le »ver­sagt« zu ha­ben (im Sin­ne des selbst auf­er­leg­ten Wahr­haf­tig­keits­an­spru­ches) und – ge­le­gent­lich ein we­nig alt­klu­ger, den­noch be­le­ben­der – me­di­en­phi­lo­so­phi­scher Be­trach­tun­gen über das Ar­bei­ten in Dik­ta­tu­ren und Be­rich­ten über Dik­ta­tu­ren von Dik­ta­tu­ren aus.

Sym­pa­thisch, dass Lu­y­en­di­jk nicht mit dem so ty­pi­schen Ent­hül­lungs­spa­thos da­her­kommt und sei­ne De­kon­struk­ti­on (auf Ko­sten an­de­rer) ze­le­briert, son­dern eher be­son­nen schil­dert. Die Selbst­be­zich­ti­gun­gen ge­ra­ten nicht zu ko­kett; man nimmt sie ihm ab. Es zeigt sich sein Bo­nus; als Sei­ten­ein­stei­ger (und –aus­stei­ger) hat er in den fünf Jah­ren eben nicht voll­stän­dig die Dik­tio­nen und Wahr­neh­mun­gen sei­ner (ehe­ma­li­gen) Kol­le­gen über­nom­men. Dass er sich da­bei in den Au­gen vie­ler so­ge­nann­ter Nach­rich­ten­pro­fis ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on Nai­vi­tät be­wahrt hat, spricht da­bei nicht ge­gen, son­dern für ihn.

»Hel­lo ever­y­bo­dy«

Aber ge­mach. Die­je­ni­gen, die kri­ti­sie­ren, Lu­y­en­di­jk brin­ge uns nichts Neu­es un­ter­schät­zen ent­we­der die Au­ra der Au­then­ti­zi­tät, die von Kor­re­spon­den­ten »vor Ort« noch im­mer aus­geht, oder sind ein­fach nur zy­nisch. Sei­ne Schil­de­run­gen krat­zen er­heb­lich am Denk­mal des ob­jek­ti­ven Be­richt­erstat­ters.

Schon am An­fang wird deut­lich, wie am­bi­va­lent die so­ge­nann­te Wahr­heit sein kann. Lu­y­en­di­jk be­sucht ein Flücht­lings­la­ger im Su­dan. Viel Ah­nung hat er von der Ma­te­rie nicht; er liest sich rasch ein biss­chen ein. Dann sieht er Hüt­te um Hüt­te und die­ses Elend der Flücht­lin­ge auf klein­stem Raum mit Un­ge­zie­fer und schmut­zi­gem Was­ser und lässt die­se Bil­der still auf sich ein­wir­ken. Er will schon im Gei­ste in den üb­li­chen Mit­leids­ton ver­fal­len, als er plötz­lich ei­ne Hüt­te mit ei­nem »Hel­lo ever­y­bo­dy« be­tritt. Und da ge­schah es. Auf ein­mal leuch­te­ten bei al­len die Au­gen. Die Mäd­chen ki­cher­ten, ein al­ter Mann setz­te sich auf­recht hin und Kin­der stup­sten ih­re Mut­ter an: Ma­ma, da! Ein klei­ner Knirps von ein, zwei Jah­ren mach­te sich von sei­ner Schwe­ster los, klam­mer­te sich mit bei­den Händ­chen an mein Knie und pur­zel­te hin. Die Müt­ter mit ih­ren ab­ge­ma­ger­ten klei­nen Kin­dern bra­chen in La­chen aus und wink­ten mir zu.

Da­bei geht es nicht dar­um, ei­ner ver­kitsch­ten Ba­racken­ro­man­tik das Wort zu re­den. Lu­y­en­di­jk il­lu­striert hier, dass ganz ver­schie­de­ne Ge­schich­ten über ein und die­sel­be Si­tua­ti­on mög­lich sind. Man kann die­se Flücht­lin­ge als dar­ben­de, elen­de Ge­stal­ten schil­dern – oder aber als Men­schen, die nie die Hoff­nung auf­ge­ben und trotz die­ser ka­ta­stro­pha­len La­ge ih­re Freund­lich­keit nicht gänz­lich ver­lo­ren ha­ben. Bei­des stimmt, aber meist wird nur ei­nes be­rich­tet.

Agen­tur­brei mit »Orts­zei­le« – die trau­ri­ge Rea­li­tät

Das Buch ist voll von sol­chen Er­leb­nis­sen, die im Lau­fe der Zeit im­mer mehr Selbst­zwei­fel näh­ren. Lu­y­en­di­jk er­lebt in sei­nen er­sten Mo­na­ten (er hat sein Bü­ro in Kai­ro), wie die Jour­na­li­stik, die man von ihm er­war­tet, aus­zu­se­hen hat: Agen­tur­mel­dun­gen sich­ten (die­se Agen­tur­re­por­ter, Tipp­ge­ber und Fo­to­gra­fen blei­ben im Buch al­ler­dings ziem­lich kon­tur­los), ein biss­chen aus­sie­ben, ge­ge­be­nen­falls die al­len Kor­re­spon­den­ten vor Ort mehr oder we­ni­ger wich­ti­gen »tal­king heads« (lo­ka­le Wis­sen­schaft­ler, Or­ga­ni­sa­ti­ons­lei­ter, UN-Di­plo­ma­ten) und »do­nor dar­lings« (z. B. west­li­che Men­schen­recht­ler [nie ver­ges­sen, von wem sie be­zahlt wer­den!] oder an­de­re Leu­te, die in flie­ssen­dem Eng­lisch ei­ne Bil­der­buch­ge­schich­te mit all den rich­ti­gen Stich­wor­ten auf­sa­gen) zum The­ma be­fra­gen, ei­ni­gen – und fer­tig ist der ta­ges­ak­tu­el­le Be­richt. Lu­y­en­di­jk be­schreibt auch, dass er oft Ar­ti­kel ver­fass­te, die man ge­nau­so gut hät­te mit Re­cher­chen von Am­ster­dam aus schrei­ben kön­nen. Aber die Orts­zei­le zählt. Sie sug­ge­riert Kom­pe­tenz und Wahr­heit.

Früh er­kennt Lu­y­en­di­jk, dass er nicht los­zog um ir­gend­ei­ner Sa­che auf den Grund zu ge­hen. Das hat­ten an­de­re längst er­le­digt. Ich zog nur los, um mich als Mo­de­ra­tor an ei­nen Ori­gi­nal­schau­platz hin­zu­stel­len und die In­for­ma­tio­nen auf­zu­sa­gen. Die Re­dak­ti­on in der Hei­mat über­blickt gar nicht die Welt – so be­greift er. Sie über­blicken die Pres­se­agen­tu­ren, und aus de­ren Mel­dun­gen traf der Re­dak­ti­ons­lei­ter ei­ne Aus­wahl. Oder sa­gen wir: Er traf ei­ne Aus­wahl aus der Aus­wahl der Nach­rich­ten­bü­ros. Al­so nicht der Kor­re­spon­dent ent­schei­det dar­über, ob ein Bei­trag zu [ei­nem] The­ma ge­macht wird, son­dern die Re­dak­ti­on. Als Kri­te­ri­um gilt u. a. da­bei, ob et­was »brea­king news«, »ur­gent news« oder nur »up­date« ist. Der Mann vor Ort kann zwar et­was vor­schla­gen, aber die Re­dak­ti­on ent­schei­det, und ihr Blick­win­kel ist mass­geb­lich von der The­men­aus­wahl durch die Pres­se­agen­tu­ren und CNN ge­prägt. Und die Re­dak­ti­on ist ei­nem ho­hen Zeit- und Ver­öf­fent­li­chungs­druck un­ter­wor­fen.

In den be­sten Mo­men­ten des Bu­ches schaut man förm­lich bei der fort­schrei­ten­den Des­il­lu­sio­nie­rung des ju­gend­li­chen Re­por­ters zu. Schnell ist der Neue in die­se Ma­schi­ne­rie ein­ge­bet­tet – oh­ne ei­gent­lich ge­nau zu sa­gen, war­um. Sein Nas­ral­lah-In­ter­view bei­spiels­wei­se, in der Hei­mat als ei­ne Art »Durch­bruch« ge­fei­ert, ist nichts an­de­res als ein Mo­no­log, der aus Ver­satz­stücken be­steht, die schon –zig­mal an­ders­wo pu­bli­ziert wur­den; Nas­ral­lah lässt gar kei­ne Fra­gen zu bzw. be­ant­wor­tet sie erst gar nicht.

Der ent­schei­den­de Punkt ist: Der Kor­re­spon­dent, der al­so mehr Mo­de­ra­tor ist, kann die Nach­rich­ten, auf der sei­ne Schil­de­run­gen be­ru­hen, gar nicht kon­trol­lie­ren und re­cher­chie­ren. Er hat we­der Zeit noch Ge­le­gen­heit da­zu – schliess­lich, und das wird ein we­sent­li­cher Punkt in Lu­y­en­di­jks Ar­gu­men­ta­ti­on – sind die Staa­ten der ara­bi­schen Welt al­le­samt Dik­ta­tu­ren. Selbst mit sei­nen ara­bi­schen Sprach­kennt­nis­sen (die ihm im All­tag auf­grund der Viel­zahl der be­stehen­den Dia­lek­te nicht un­be­dingt im­mer wei­ter­hel­fen – es gibt hüb­sche Bei­spie­le die­ser »Dia­lekt­ver­wir­rung«) kommt Lu­y­en­di­jk nicht im­mer an die Men­schen her­an. Grund­sät­ze des Qua­li­täts­jour­na­lis­mus (check und dou­ble-check, Mei­nung und Ge­gen­mei­nung) sind nicht ein­zu­hal­ten; re­prä­sen­ta­ti­ve Um­fra­gen oder an­de­re Re­cher­che­mög­lich­kei­ten un­mög­lich. Was er höch­stens bie­ten kann, ist im­mer nur der klei­ne Aus­schnitt von ein paar we­ni­gen Stra­ssen­ge­sprä­chen (die Bi­lanz in Form von et­li­chen re­gio­na­len Wit­zen lockern das Buch manch­mal not­wen­dig auf). Dies ver­lei­tet zu vor­ei­li­gen, in­duk­ti­ven Ver­all­ge­mei­ne­run­gen.

Spä­ter er­lebt Lu­y­en­di­jk, wie kon­tra­pro­duk­tiv in die­sem Zu­sam­men­hang das Fern­se­hen ist – die Men­schen sa­gen erst recht nichts kri­ti­sches in die Ka­me­ra (die, die es tun, sind des­sen dann schon wie­der ver­däch­tig als Ali­bis für den Ge­heim­dienst zu ar­bei­ten), son­dern war­ten, bis die Ge­rä­te ab­ge­schal­tet sind. Ein Grund mehr, den selbst­re­cher­chier­ten Hin­ter­grund­be­rich­ten in Print­me­di­en ei­nen grö­sse­ren Stel­len­wert ein­zu­räu­men. Oft ge­nug je­doch wer­den sol­che Be­rich­te in den hin­te­ren Teil der Zei­tung »ver­scho­ben« (ähn­li­ches na­tür­lich vom Ra­dio und Fern­se­hen); sie gel­ten meist als zu kom­pli­ziert.

Der ma­rok­ka­ni­sche Kor­re­spon­dent in Den Haag

Um die Si­tua­ti­on zu ver­deut­li­chen, ver­wen­det Lu­y­en­di­jk ei­nen klu­gen Kniff. Er dreht das Set­ting ein­fach ein­mal um:

Neh­men wir an, ein ma­rok­ka­ni­scher Kor­re­spon­dent, der we­der Nie­der­län­disch noch ei­ne an­de­re eu­ro­päi­sche Spra­che spricht, wird in Den Haag sta­tio­niert. Er zieht in ei­ne rie­si­ge Vil­la in ei­nem Haa­ger oder Am­ster­da­mer Edel­vor­ort, ver­bringt dort sei­ne Frei­zeit, lernt Leu­te ken­nen – die al­le Ara­bisch spre­chen. Sei­ne Kin­der ge­hen auf ei­ne ara­bi­sche Schu­le und sei­ne Frau ge­sellt sich zum ara­bi­schen Frau­en­kreis. Was für ein Bild von den Nie­der­lan­den soll so ein Kor­re­spon­dent be­kom­men? Talk­shows, Wahl­de­bat­ten, Re­den der Kö­ni­gin, der Pre­mier­mi­ni­sters oder des Trai­ners der Na­tio­nal­elf, das Ge­spräch auf der Stra­sse, die Ta­ges­schau, Nach­rich­ten­ma­ga­zi­ne, Sei­fen­opern, Wit­ze und Ka­ba­rett – ver­steht er al­le nicht. Print­me­di­en muss er über Über­set­zungs­dien­ste ver­fol­gen, oh­ne zu wis­sen, was die al­les aus­las­sen. Er kann nicht ein­fach mit ir­gend­ei­nem Nie­der­län­der spre­chen, son­dern nur mit ara­bi­schen Aus­län­dern, nie­der­län­di­schen Ara­bern, ara­bi­schen Nie­der­län­dern, mit Ara­bern ver­hei­ra­te­ten Nie­der­län­dern und na­tür­lich Kol­le­gen aus der ara­bi­schen Welt. Und da­bei sind die Nie­der­lan­de ein frei­es Land, wo die In­ter­view­part­ner nicht be­fürch­ten müs­sen, dass der Dol­met­scher ne­ben­her für den Ge­heim­dienst jobbt.

Hin­zu kommt noch, um im oben ge­nann­ten Bild zu blei­ben, das na­tür­lich der Nie­der­län­der we­der ty­pisch noch re­prä­sen­ta­tiv für den Nord-/Mit­tel-/Süd­eu­ro­pä­er ist. Will sa­gen – auch das be­klagt Lu­y­en­di­jk na­tür­lich – das die all­zu ver­ein­fa­chen­de Be­zeich­nung »Ara­ber« oder »Mus­lim« be­reits den Keim für Miss­ver­ständ­nis­se, gro­be Pau­scha­li­sie­run­gen und pro­ble­ma­ti­sche Sub­sum­mie­run­gen in sich trägt. Für all die­se Dif­fe­ren­zie­run­gen und Nu­an­cie­run­gen bleibt im All­tags­ge­schäft des Kor­re­spon­den­ten kein Platz. Die Re­dak­tio­nen wol­len grif­fi­ge Schlag­zei­len.

»Tee trin­ken«- Von der Un­mög­lich­keit jour­na­li­sti­schen Ar­bei­tens

Eng ver­bun­den mit den po­li­ti­schen Dik­ta­tu­ren ist die über­all gras­sie­ren­de Kor­rup­ti­on. Ne­ben sei­nen ein­schlä­gi­gen Er­leb­nis­sen in Län­dern wie Ägyp­ten oder Sy­ri­en ist hier der trau­ri­ge »Hö­he­punkt« der Irak Sad­dam Hus­seins (»Wir möch­ten Tee trin­ken« war das Stich­wort). Lu­y­en­di­jk be­schreibt deut­lich, wie in die­sen Ge­sell­schaf­ten die Kor­rup­ti­on schon fast zur Kon­ven­ti­on ge­hört (ne­ben­bei er­scheint da­bei der Ge­dan­ke »sau­be­rer Ge­schäf­te« als Wunsch­traum). Die von an­de­ren Re­zen­sen­ten häu­fig ver­such­ten Ni­vel­lie­run­gen (da­hin­ge­hend, dass es auch in west­eu­ro­päi­schen De­mo­kra­ti­en Kor­rup­ti­on gibt), sind in An­be­tracht der be­schrie­be­nen Prak­ti­ken lä­cher­lich. Die­se bei­den Punk­te – Dik­ta­tur und Kor­rup­ti­on – las­sen Lu­y­en­di­jk auf die The­se kom­men, dass jour­na­li­sti­sche Ar­beit in der ara­bi­schen Welt schlicht nicht mög­lich sei, wenn man be­stimm­te Qua­li­täts­kri­te­ri­en als Mi­ni­mal­stan­dards setzt. Die­se The­se ist in­ter­es­sant, wird je­doch lei­der im wei­te­ren Ver­lauf nicht aus­rei­chend un­ter­füt­tert; vor al­lem, was hier­aus für ei­ne Kon­se­quenz zu zie­hen wä­re.

Im­mer häu­fi­ger be­kommt Lu­y­en­di­jk den Ein­druck, In­sze­nie­run­gen auf­zu­sit­zen. Dies ver­stärkt sich noch, als er sei­nen Sitz von Kai­ro nach Bei­rut (und spä­ter Ost-Je­ru­sa­lem) ver­legt, und ver­mehrt vom Hei­li­gen Land be­rich­tet. Ei­ne Frau be­trau­ert ihr Kind; ei­ne Fa­mi­lie ih­ren Sohn – die »Hor­de« der Re­por­ter und Fo­to­gra­fen ist im­mer ge­nau dann da. Manch­mal wird die Trau­er »ver­scho­ben« oder »wie­der­holt«, wenn es nicht al­le mit­be­kom­men ha­ben.

Und dann Er­leb­nis­se wie sol­che bei ei­nem Spa­zier­gang durch Ra­mal­lah: Ich war schon öf­ter dort ge­we­sen, aber im­mer nur, wenn es zu »Zu­sam­men­stö­ssen zwi­schen pa­lä­sti­nen­si­schen De­mon­stran­ten und der is­rae­li­schen Ar­mee« ge­kom­men war. Jetzt war die Ge­gend men­schen­leer. Zu der Zeit durf­te das is­rae­li­sche Mi­li­tär nicht in Ra­mal­lah pa­trouil­lie­ren und das Ci­ty Inn-Ho­tel stand an der Stadt­gren­ze. Ich weiss nicht mehr, wer zu­erst da war, aber plötz­lich tauch­ten sie aus al­len Him­mels­rich­tun­gen auf: is­rae­li­sche Jeeps, die ex­tra aus der Ka­ser­ne an­ge­rückt ka­men, pa­lä­sti­nen­si­sche Ju­gend­li­che, die den wei­ten Weg aus der Schu­le hier­her­ge­lau­fen wa­ren. Dann kreuz­ten ei­ni­ge Zu­schau­er, ein Kran­ken­wa­gen, ein Fa­la­fel-Ver­käu­fer und ein Ka­me­ra­team auf. Da fin­gen die Ju­gend­li­chen auf ein­mal an, Stei­ne zu wer­fen. Die Is­rae­lis feu­er­ten in die Luft. Die Ju­gend­li­chen wag­ten sich nä­her her­an, und die Is­rae­lis feu­er­ten wie­der in die Luft. Die Ju­gend­li­chen wag­ten sich noch nä­her her­an, da schos­sen die Is­rae­lis ei­nen von ih­nen nie­der: heu­len­des Mar­tins­horn, skan­die­ren­de Ju­gend­li­che, lau­fen­de Ka­me­ras. Und Lu­y­en­di­jk fragt sich, ob die Ka­me­ras da wa­ren, weil et­was pas­sier­te oder ob et­was pas­sier­te, weil die Ka­me­ras da wa­ren.

Sze­nen die­ser Art gibt es reich­lich im Buch. Be­stimm­te Si­tua­tio­nen wer­den sze­nisch »auf­be­rei­tet«. Das po­pu­lär­ste Bei­spiel aus der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit ist der Sturz der Sad­dam-Sta­tue in Bag­dad durch US-Trup­pen im April 2003. Lu­y­en­di­jk ver­gleicht am Fern­se­hen ein­fach die bei­den Per­spek­ti­ven: Auf CNN wird durch das Her­an­zoo­men der Ein­druck ei­ner fei­ern­den Mas­se ver­mit­telt. Auf Al-Dscha­si­ra herrscht ru­hi­ges Trei­ben; viel­leicht 200 Men­schen sind auf dem rie­si­gen Platz; dort zeigt man das neue Sym­bol der Be­sat­zung: die ame­ri­ka­ni­sche Flag­ge, die kurz­zei­tig auf die Sta­tue ge­legt wur­de (der »Spie­gel« nahm es als Ti­tel­bild).

Ei­ne Nach­richt, so stellt Lu­y­en­di­jk fest, ist nur ei­ne Nach­richt, wenn die An­ge­le­gen­heit in Be­we­gung ist. Das macht es so schwer, so et­was wie Be­sat­zung bei­spiels­wei­se emo­tio­nal zu ver­mit­teln. Aber Bild geht über Ton. Er­go: Die Be­sat­zung war nie ei­ne Nach­richt, aber je­der ein­zel­ne An­schlag.

Die Macht der Wor­te

Und wie so oft be­ginnt das Di­lem­ma be­reits in der Wort­wahl. Es gibt, so die (kon­tro­vers dis­ku­tier­ba­re) The­se, kei­ne neu­tra­len Wör­ter. Wa­ren es nun die »be­setz­ten«, die »um­strit­te­nen«, oder die »be­frei­ten« Ge­bie­te, oder doch West­jor­dan­land oder Ju­däa und Sa­ma­ria oder die Pa­lä­sti­nen­ser­ge­bie­te? La­gen dort jü­di­sche Dör­fer, jü­di­sche Sied­lun­gen oder il­le­ga­le jü­di­sche Sied­lun­gen? Soll­te ich von Ju­den, Zio­ni­sten oder Is­rae­lis spre­chen? Nicht al­le Zio­ni­sten sind jü­disch, nicht al­le Ju­den sind is­rae­lisch und nicht al­le Is­rae­lis sind jü­disch. Wa­ren es Ara­ber, Pa­lä­sti­nen­ser oder Mus­li­me? End­los könn­te man die­se Ket­te fort­set­zen. Der Wunsch, sich so neu­tral wie mög­lich zu äu­ssern, gip­felt bei Lu­y­en­di­jk zum we­nig zu­frie­den­stel­len­den Aus­druck vom »Hei­li­gen Land« für Is­ra­el, Pa­lä­sti­na, Sy­ri­en und den Li­ba­non. Und be­reits am An­fang treibt es ihn da­hin­ge­hend um, war­um man ein­fach nicht in Zu­kunft von den Zei­tun­gen »Das Le­ben«, »Der Mitt­le­re Osten« und »Die Py­ra­mi­den« redet[en], statt von »Al-Ha­yat«, »Sharq Al-Aw­sat« und »Al-Ahr­am«? Und nicht von den ara­bi­schen Fern­seh­sta­tio­nen Al-Dscha­si­ra, Al-Man­a­ra und Al-Mu­staqbal, son­dern von Die In­sel, Der Leucht­turm und Die Zu­kunft? Viel­leicht wür­de so­gar die Angst ein we­nig schwin­den, wenn wir von »Hin­ga­be«, der »Par­tei Got­tes« und »Der Ba­sis« spre­chen wür­den, statt von Ha­mas, His­bol­lah und Al-Qai­da.

Nur So­phi­ste­rei­en? Träu­me ei­nes Nai­ven, der ein­fach mit der rau­en Wirk­lich­keit nicht klar kommt? Ich glau­be nicht, dass das so ist. Lu­y­en­di­jk war ins­ge­samt fünf Jah­re in der Re­gi­on und ver­such­te, sich vom Kor­re­spon­den­ten­sprech so lan­ge wie mög­lich aut­ark zu hal­ten. War­um 2003 das En­ga­ge­ment be­en­det wur­de, bleibt un­klar; der Satz, er ha­be die Kün­di­gung be­reits in der Ta­sche ge­habt, als die ame­ri­ka­ni­sche In­va­si­on des Irak 2003 los­ging, ist dop­pel­deu­tig. Aus­drück­lich de­men­tiert Lu­y­en­di­jk, dass es zu Ver­wer­fun­gen zwi­schen sei­nem Ar­beit­ge­ber und ihm ge­kom­men sei. Mehr­fach aber schreibt er in sei­nem Buch vom Un­be­ha­gen.

Gut­ge­öl­te PR

Im­mer wie­der und durch­aus mit ei­ner ge­wis­sen Be­wun­de­rung be­schreibt Lu­y­en­di­jk, wie die gut­ge­öl­te is­rae­li­sche PR-Ma­schi­ne (er ver­mei­det das Wort Pro­pa­gan­da ex­pli­zit) funk­tio­niert und not­falls Sach­ver­hal­te so dar­stellt, dass sie in die re­gie­rungs­amt­li­che Ar­gu­men­ta­ti­on pas­sen und mund­ge­recht auf­be­rei­tet wer­den. Die »Be­treu­ung« der Jour­na­li­sten und Kor­re­spon­den­ten vor Ort ist vor­bild­lich; aus­führ­li­che Do­ku­men­ta­tio­nen; Bild­map­pen; elo­quen­tes Per­so­nal, wel­ches freund­lich Aus­kunft gibt; tol­le »Ar­ran­ge­ments« zu be­stimm­ten Orts­ter­mi­nen, usw. Im Ver­gleich hier­zu er­wei­sen sich die Pro­pa­gan­da­in­stru­men­te der Ägyp­ter, Sy­rer, Li­ba­ne­sen oder His­bol­lah als ge­ra­de­zu stüm­per­haft

An zahl­rei­chen Bei­spie­len be­legt er, wie die is­rae­li­sche PR in­zwi­schen in der all­ge­mei­nen Be­richt­erstat­tung ka­no­ni­siert ist – die Zah­len der zwei­ten In­ti­fa­da bei­spiels­wei­se oder die Fa­ma, Ba­rak hät­te in Camp Da­vid 95% der »um­strit­te­nen Ge­bie­te« an die Pa­lä­sti­nen­ser zu­rück­ge­ben wol­len. Ein Vor­stoss der »Ara­bi­schen Li­ga« zur Lö­sung des Kon­flik­tes wur­de bei­spiels­wei­se in der Pres­se kaum und nur mar­gi­nal ver­mel­det.

Das stärk­ste Bild in sei­nem Buch ist das vom Sport­re­por­ter, der über ei­nen 8:1 Sieg ei­ner Fuss­ball­mann­schaft zu be­rich­ten hat.

Als Jour­na­list kann ich ent­schei­den: Wir zei­gen die To­re, das war’s. Hät­ten die Ver­lie­rer eben bes­ser spie­len sol­len.

Aber was, wenn sich her­aus­stellt, dass der Platz ab­schüs­sig ist, ein Li­ni­en­rich­ter mit der Sie­ger­mann­schaft ver­wandt ist und man­che Fouls nicht ge­se­hen wur­den, weil die Sie­ger den Schieds­rich­ter bes­ser aus­trick­sen konn­ten? Was, wenn der Coach der Ver­lie­rer­mann­schaft ge­gen den Wil­len vie­ler Fans auf der Trai­ner­bank sitzt oder gar mit­hil­fe des Geg­ners in­stal­liert wur­de? Ara­fat je­den­falls hat­te sich von Is­ra­el und dem We­sten zum »Al­lein­ver­tre­ter der pa­lä­sti­nen­si­schen Vol­kes« kü­ren las­sen, auf Ko­sten de­mo­kra­tisch ge­sinn­ter An­füh­rer der er­sten In­ti­fa­da. Eu­ro­pa, die USA und Is­ra­el hat­ten ihm jah­re­lang ge­hol­fen, sei­nen »Si­cher­heits­ap­pa­rat« (al­lein das Wort!) auf­zu­bau­en, mit dem er al­le an­de­ren Trai­ner ins Ab­seits stel­len konn­te.

Muss­te ein Kor­re­spon­dent nicht über dem rei­nen Spiel­ergeb­nis ste­hen und zei­gen, war­um die­se Mann­schaft so schwä­chelt, und wie sie spie­len könn­te, wenn an­de­re Spie­ler auf­ge­stellt wür­den? Ein Jour­na­list, der le­dig­lich ser­viert, was ihm aufs Ta­blett ge­legt wird, er­greift im Grun­de die Sei­te der Par­tei, die den Nach­rich­ten­fluss am be­sten zu ma­ni­pu­lie­ren ver­steht.

Dik­ta­tu­ren sind im Kern schwach

Die Fra­ge, war­um die PR der Is­rae­lis so her­vor­ra­gend und die der Pa­lä­sti­nen­ser so mi­se­ra­bel ist, hat meh­re­re Grün­de. Zum ei­nen be­dient man sich pro­fes­sio­nel­ler Un­ter­stüt­zung und kann gro­sse fi­nan­zi­el­le Mit­tel auf­brin­gen.

Ent­schei­dend aber: Die ver­fehl­te Me­di­en­st­ra­te­gie war ei­ne di­rek­te Fol­ge der au­to­ri­tä­ren Or­ga­ni­sa­ti­on der Pa­lä­sti­nen­si­schen Au­to­no­mie­be­hör­de. Und: Für Ara­fat be­stand die er­ste und ein­zi­ge Prio­ri­tät dar­in, nicht ge­stürzt zu wer­den.. Da­her gibt es bei­spiels­wei­se kei­ne fried­li­chen Mas­sen­de­mon­stra­tio­nen ge­gen die is­rae­li­sche Be­sat­zung – sie könn­ten in Pro­te­ste ge­gen die ei­ge­ne Füh­rung um­schla­gen. Ent­spre­chend re­gie­rungs­treue No­men­kla­tu­ra wur­de von der po­li­ti­schen Füh­rung be­gün­stigt. Nicht Lei­stung oder Qua­li­tät zäh­len al­so, son­dern blin­de Loya­li­tät. Am Bei­spiel der elo­quen­ten und klu­gen pa­lä­sti­nen­si­schen Po­li­ti­ke­rin und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Han­an Ashra­wi, die ir­gend­wann als »zu ge­fähr­lich« be­fun­den wur­de, weil sie im We­sten als ei­ne ge­wis­se Ge­gen­kraft zu Ara­fat emp­fun­den wer­den konn­te und auf ei­ne un­be­deu­ten­de­re Po­si­ti­on »ver­scho­ben« wur­de, il­lu­striert Lu­y­en­di­jk sei­ne The­se sehr schön.

Plu­ra­li­sti­sche Staats­sy­ste­me er­wei­sen sich al­so da­hin­ge­hend als über­le­gen, weil ih­re pri­mä­re Aus­rich­tung nicht im Kon­ser­vie­ren der Macht be­steht, son­dern in der Ent­wick­lung ei­ner be­stimm­ten Po­li­tik für ei­ne be­stimm­te, über­schau­ba­re Zeit. Der schein­ba­re Vor­teil in bi­la­te­ra­len (Friedens-)Verhandlungen, dass ei­ne Dik­ta­tur durch die Per­son des Dik­ta­tors ei­ne ein­deu­ti­ge Ver­hand­lungs­füh­rung »ver­heisst«, al­so ei­ne Art Be­re­chen­bar­keit, er­weist sich in Wirk­lich­keit als Achil­les­ver­se für die Po­si­ti­on der Dik­ta­tur. Die Stim­me des Dik­ta­tors ist ab ei­nem ge­wis­sen Punkt nicht mehr kor­ri­gier­bar. Wenn er von ei­ner Po­si­ti­on ab­weicht, so droht so­fort der Ge­sichts­ver­lust. De­mo­kra­ti­sche Re­gie­run­gen kön­nen in Ver­hand­lun­gen viel bes­ser mit dem Hin­weis auf ent­spre­chen­de in­nen­po­li­ti­sche Rück­sich­ten la­vie­ren und dies ak­tiv ein­set­zen.

Die­se The­se klingt gut, läuft aber so ins Lee­re. Denn der Dik­ta­tor ver­mag eben­falls – wenn auch in be­grenz­tem Mass – auf noch »ra­di­ka­le­re« Strö­mun­gen hin­wei­sen, die, soll­te man ihn zu sehr zur Kom­pro­miss­be­reit­schaft zwin­gen, ihn »weg­put­schen« wür­den. Das über­sieht Lu­y­en­di­jk – we­nig­stens, was die kurz­fri­sti­ge Ar­gu­men­ta­ti­on an­geht.

Es ist rich­tig, dass west­li­che De­mo­kra­ti­en ins­be­son­de­re im Na­hen Osten (aber auch sonst) be­vor­zugt mit Dik­ta­to­ren ver­han­deln und die­se stüt­zen, falls sie ih­nen »wohl­ge­son­nen« sind. Ein star­ker Mann lässt sich leich­ter kon­trol­lie­ren und un­ter Druck set­zen als ein de­mo­kra­tisch ge­wähl­ter Re­gie­rungs­chef. Und Lu­y­en­di­jk hat na­tür­lich Recht, dass das Pri­mat der Auf­recht­erhal­tung der Macht gro­sse Res­sour­cen bin­det und auf Dau­er sehr auf­wen­dig ist. Ein Dik­ta­tor lässt – s. o. – in­tel­li­gen­te Köp­fe kaum zum Zu­ge kom­men, da er sie als Ri­va­len fürch­tet und muss sich Loya­li­tät im­mer mehr er­kau­fen. Hin­zu kommt der in Dik­ta­tu­ren häu­fi­ge »Deckel­ef­fekt«, d. h. eth­ni­sche, re­li­giö­se oder so­zia­le Min­der­hei­ten wer­den bru­tal un­ter­drückt und dies er­zeugt ge­ra­de­zu dau­er­haf­ten Wi­der­stand und Ter­ro­ris­mus; ein Phä­no­men, wel­ches zwar in De­mo­kra­ti­en durch­aus auch auf­tritt, aber hier durch of­fe­ne For­men be­han­delt wer­den kann.

Ver­mut­lich ist aber die The­se, dass De­mo­kra­ti­en Dik­ta­tu­ren auf Dau­er über­le­gen sind (und zwar nicht nur öko­no­misch und/oder mi­li­tä­risch), rich­tig. Sie weist weit über die hier ver­han­del­te The­ma­tik hin­aus und wä­re ei­ne se­pa­ra­te Er­ör­te­rung wert.

Ra­di­kal an­de­re Art von Jour­na­lis­mus

Lu­y­en­di­jks glaubt, dass im is­rae­lisch-pa­lä­sti­nen­si­schen Kon­flikt (be­reits bei dem Wort »Kon­flikt« könn­te man ja be­reits wie­der mit der Kri­tik be­gin­nen) die »Sa­che« der Pa­lä­sti­nen­ser me­di­al schlecht bis voll­kom­men ver­zerrt be­rich­tet wird. Is­ra­el sei es in den letz­ten Jahr­zehn­ten ge­ra­de­zu per­fekt ge­lun­gen, sei­ne Sicht der Din­ge mehr oder we­ni­ger als Tat­sa­chen dar­zu­stel­len. Die Krie­ge von 1956, 1967 und 1982, von Is­ra­el be­gon­nen, wer­den heut­zu­ta­ge fast ein­hel­lig als Prä­ven­tiv­schlä­ge be­trach­tet; die jü­di­schen Sied­lun­gen als »nor­mal« be­trach­tet, die be­setz­ten Ge­bie­te im Süd­li­ba­non wa­ren ei­ne »Si­cher­heits­zo­ne«, in der die is­rae­li­sche Ver­tei­di­gungs­ar­mee »Prä­senz« zeig­te. Die Ar­mee greift nicht an, son­dern »kommt zum Ein­satz« oder »greift ein«. »Si­cher­heits­kräf­te« füh­ren »Ope­ra­tio­nen« durch, bei de­nen »Ele­men­te« »aus­ge­schal­tet« wer­den. Mord­an­schlä­ge sind »prä­ven­ti­ve Mi­li­tär­ak­tio­nen«, zi­vi­le Op­fer ein »Ver­se­hen«. Is­ra­el ha­be sich mit Hin­weis auf den Ju­den­hass ver­gan­ge­ner Zei­ten über­zeu­gend als »Un­der­dog« dar­ge­stellt, als be­droh­tes, schutz­be­dürf­ti­ges Volk.

Den Vor­wurf der un­ter­schwel­li­gen In­stru­men­ta­li­sie­rung des Ho­lo­caust ent­lehnt er von Tei­len der is­rae­li­schen Frie­dens­be­we­gung – was na­tür­lich in ent­spre­chen­den Krei­sen trotz­dem zur Fol­ge hat, ihn als An­ti­se­mi­ten zu dif­fa­mie­ren. Aber auch mit der pa­lä­sti­nen­si­schen Re­gie­rung geht er hart ins Ge­richt. Ge­gen den Vor­wurf, Is­ra­el ge­bär­de sich wie die »Na­zis« be­zieht er in ei­nem Kom­men­tar hef­tig Stel­lung: Al­so schrieb ich, dass die Na­zis in ei­nem Mo­nat mehr Ju­den er­mor­det ha­ben, als Is­ra­el in ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert Pa­lä­sti­nen­ser ge­tö­tet hat, dass is­rae­li­sche Re­gie­run­gen nie ver­sucht ha­ben, die Pa­lä­sti­nen­ser aus­zu­rot­ten… Und ein für al­le­mal schreibt er Ara­bern ins Stamm­buch: Is­ra­el ver­stiess ge­gen die Re­geln, aber die ara­bi­schen Di­ka­tu­ren hat­ten nicht ein­mal wel­che.

War­um er dann al­ler­dings noch das Schlag­wort von der ame­ri­ka­ni­schen »Is­ra­el-Lob­by« ver­wen­det und die spe­zi­el­len Ver­bin­dun­gen der USA zu Is­ra­el ein biss­chen ver­schwö­re­risch auf­be­rei­tet, ist nicht ganz klar. Es wä­re schlicht­weg nicht not­wen­dig ge­we­sen. Sei­ne Ana­ly­se ist auch so tref­fend ge­nug, ob­wohl er im zwei­ten Teil, was die Be­sat­zung und de­ren Aus­wir­kun­gen an­geht, reich­lich auf Er­zäh­lun­gen von Pa­lä­sti­nen­sern re­kur­riert, ob­wohl er an an­de­rem Ort im Buch von der Pro­ble­ma­tik sol­cher oft fik­ti­ver, tra­dier­ter Ge­schich­ten hin­weist.

Sei­ne Schil­de­run­gen über die scham­lo­se PR-Ma­schi­ne der Ame­ri­ka­ner im Jah­re 2003 vor und wäh­rend der Irak-In­va­si­on wirkt ein we­nig an­ge­klebt. Die Rol­le von Agen­tu­ren wie »Hill & Knowl­ton« und »The Ren­don Group«, die in der Re­gi­on seit Jahr­zehn­ten für die un­ter­schied­lich­sten Auf­trag­ge­ber tä­tig sind und u. a. die ku­wai­ti­sche Pro­pa­gan­da 1990/91 or­ga­ni­sier­te und auch wäh­rend der Ju­go­sla­wi­en­krie­ge für die bos­ni­sche Sei­te tä­tig war, kommt klar zu kurz; we­ni­ger wä­re hier mehr ge­we­sen.

Manch­mal ist das Buch ein biss­chen un­prä­zi­se, was der Sa­che na­tür­lich im Ein­zel­fall ab­träg­lich ist. Denn ge­ra­de der Me­di­en­kri­ti­ker muss noch ge­nau­er sein. Am En­de ver­merkt Lu­y­en­di­jk noch, dass vie­les im Buch aus sei­nem Ge­dächt­nis re­ka­pi­tu­liert sei – ein klei­ner Hin­weis? Und wenn am Schluss vom Jour­na­li­sten mit Fleisch, Blut und Vor­ur­tei­len die Re­de ist, so kann (oder muss?) man das si­cher­lich auch als ein biss­chen Selbst­kri­tik se­hen.

Lu­y­en­di­jks Plä­doy­er für ei­ne ra­di­kal an­de­re Art von Jour­na­lis­mus ist em­pha­tisch. Er knüpft wie­der an das Bild vom Fuss­ball­spiel an:

Die Me­di­en soll­ten sich we­der auf den Punk­te­stand 8:1 be­schrän­ken, noch auf die Er­klä­rung, wie ei­ne Mann­schaft so hoch hat ver­lie­ren kön­nen. Die Me­di­en soll­ten lie­ber er­klä­ren, wie es da­zu ge­kom­men ist, dass die 22 Spie­ler in zwei Teams ge­spal­ten sind, und was man da­ge­gen tun kann. […] Die Bil­der, die die Me­di­en von der Wirk­lich­keit ver­brei­ten, spie­len IN die­ser Wirk­lich­keit wie­der ei­ne Rol­le, und Äng­ste kön­nen als »self-ful­fil­ling pro­phe­cy« wir­ken, aber Hoff­nung und Ver­trau­en auch. Was wür­de pas­sie­ren, wenn Nach­rich­ten­sen­dun­gen nicht län­ger auf Angst­sze­na­ri­en setz­ten, son­dern auf das All­täg­li­che, das Hoff­nung und Ver­trau­en schenk­te? Und wie vie­le Men­schen wür­den sich noch in die Luft spren­gen, wenn sie wüss­ten, dass die Welt nie von ih­rem Op­fer er­fah­ren wür­de, weil sich die Me­di­en nicht dar­um scher­ten?

Noch ein­mal mag man das na­iv nen­nen. Aber es ent­wer­tet die im­pli­zi­te Kri­tik an den Me­di­en kei­nes­falls. Die­se ist – das merkt man an der Be­spre­chung die­ses Bu­ches in Deutsch­land – nicht be­son­ders er­wünscht. Me­di­en be­rich­ten un­gern über Kri­tik an sich selbst. Und wenn, dann wer­den die Haa­re in der Sup­pe ge­sucht (und die ei­ge­ne Pe­rücke im Topf ver­schwie­gen). An Sonn­ta­gen zeich­net man zwar manch me­di­en­kri­ti­schen Jour­na­li­sten aus, aber das dient nur der Be­sänf­ti­gung des schlech­ten Ge­wis­sens. An­son­sten zieht die Ka­ra­wa­ne wei­ter.


Al­le kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dan­ke – für Ih­re aus­führ­li­che Re­zen­si­on.
    Was mir an­ge­nehm auf­fällt: die­se Re­zen­si­on ha­ben sie in all­ge­mein ver­ständ­li­che­ren Wor­ten ver­fasst, als ver­gleich­ba­re vo­ri­ge. Ich kann dem In­halt bes­ser fol­gen, als bei­spiels­wei­se Ih­ren po­li­ti­schen Ana­ly­sen.

    Es gibt kei­ne neu­tra­len Wör­ter. – Die­sen Stand­punkt tei­le ich mit dem Au­tor, auch wenn ich das ehr­li­che Be­mü­hen von Jour­na­li­sten und Jour­na­li­stin­nen um ei­ne neu­tra­le (ob­jek­ti­ve) Be­richt­erstat­tung se­he. Be­son­ders deut­lich wird die je­wei­li­ge Fär­bung, wenn ich mir die Be­richt­erstat­tung von ei­nem Er­eig­nis im öster­rei­chi­schen Fern­se­hen und im deut­schen an­se­he und da­zu noch die Aus­füh­run­gen in den Print­me­di­en ver­fol­ge.

    Heinz von Fo­er­ster for­mu­lier­te es so: »Ob­jek­ti­vi­tät ist die Wahn­vor­stel­lung, Be­ob­ach­tun­gen könn­ten oh­ne ei­nen Be­ob­ach­ter ge­macht werden.Die Be­ru­fung auf Ob­jek­ti­vi­tät ist die Ver­wei­ge­rung der Ver­ant­wor­tung.«

  2. Ich ha­be mir vor­ge­nom­men, in die­sem Jahr mehr »ZIB2« zu schau­en, die öster­rei­chi­sche Nach­rich­ten­sen­dung, die auf 3sat über­tra­gen wird. Die Un­ter­schie­de sind manch­mal frap­pie­rend.

  3. Oh, das Buch ist schon zwei Jah­re alt. Scha­de, dass ich es erst jetzt ken­nen ler­ne, bin durch Ih­ren Kom­men­tar bei Ste­fan Nig­ge­mei­er her­ge­lockt wor­den. Zum The­ma der Aus­lands­kor­re­spon­den­ten und dem Dik­tat der Re­dak­tio­nen emp­feh­le ich auch die Stu­die von Lutz Mükke. Ich glau­be, dass sich die­ser Kon­flikt grund­sätz­lich schäd­lich auf den »Qua­li­täts­jour­na­lis­mus« aus­wirkt. Bin weit da­von ent­fernt, die Fach­kom­pe­tenz (ich weiß, die ist nicht bei al­len Kor­re­spon­den­ten ge­ge­ben) von Kor­re­spon­den­ten und Re­dak­teu­ren über al­les zu stel­len, doch ist es an­de­rer­seits mit der so ge­nann­ten Weis­heit der Re­dak­ti­on nicht so weit her – und ei­nen wirk­li­chen Aus­tausch von Ar­gu­men­ten gibt es doch nur in sel­te­nen Fäl­len. Was Lu­y­en­di­jk da of­fen­bar be­schreibt, lässt sich auf al­le an­de­ren Fach­be­rei­che des Jour­na­lis­mus her­un­ter­bre­chen. Im Zwei­fel ist es doch meist so: Hier­ar­chie siegt über Fach­kom­pe­tenz; Geschmack/Vorlieben (der Hier­ar­chen) über den Ver­such, so wahr­haf­tig zu be­rich­ten, wie es ei­nem mög­lich ist; Klün­ge­lei über den Ver­such, Öf­fent­lich­keit her­zu­stel­len; oder an­ders for­mu­liert: krank­haf­te Ori­en­tie­rung an »Nachrichten»agenturen und »Leit­me­di­en« (Bild, SpOn) über den Ver­such, Jour­na­lis­mus zu ma­chen.

    Ich weiß, das ist ex­trem ver­kürzt. Mit Bei­spie­len, um die­se The­sen zu be­le­gen, las­sen sich Bü­cher fül­len, wie man sieht.

  4. Ich glau­be auch, dass die von Ih­nen so tref­fend ge­nann­ten »Flieh­kräf­te« in al­len Be­rei­chen des Jour­na­lis­mus wir­ken. Und ich fin­de das auch gar nicht schlimm, so lan­ge man als Me­di­en­kon­su­ment sich die­ser Ein­schrän­kun­gen ver­ge­gen­wär­tigt. Die Kor­re­spon­den­ten ma­chen si­cher­lich in der Mehr­heit ei­ne sehr gu­te Ar­beit, aber sie ge­rie­ren sich manch­mal zu stark als die Wis­sen­den, ob­wohl sie es nicht sein kön­nen (bspw. weil es zu ge­fähr­lich ist) oder sie wer­den als sol­che dar­ge­stellt. ich fin­de es im­mer lu­stig, wenn ein Kor­re­spon­dent in Mos­kau ei­ne Stel­lung­nah­me in den Nach­rich­ten zu ei­nem ak­tu­el­len Er­eig­nis zu ei­nem tau­sen­de Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Ort ab­ge­ben soll.

    Das es mit der Au­to­no­mie der Kor­re­spon­den­ten nicht so gut be­stellt ist, hat man ja an der Cau­sa Til­g­ner ge­se­hen...