Ma­de­lei­ne Al­b­right: Ame­ri­ka du kannst es bes­ser

Madeleine Albright: Amerika du kannst es besser

Ma­de­lei­ne Al­b­right: Ame­ri­ka du kannst es bes­ser

Der Un­ter­ti­tel des Bu­ches lau­tet »Was ein gu­ter Prä­si­dent tun und was er las­sen soll­te« – und er ist wört­lich ge­meint! Ma­de­lei­ne Al­b­right hat ei­ne Art Va­de­me­cum für den neu­en Prä­si­den­ten ver­fasst (zu­sam­men mit dem von an­de­ren Bü­chern be­reits be­kann­ten Bill Wood­ward, der in der deut­schen Aus­ga­be erst auf dem Schmutz­ti­tel er­scheint); ei­nen Rat­ge­ber, der sich ins­be­son­de­re den Ab­läu­fen im »Treib­haus« Wa­shing­ton und der Au­ssen­po­li­tik wid­met.

Das zeugt nicht nur von er­staun­li­chem Selbst­be­wusst­sein, son­dern of­fen­bart auch ei­ne ge­wis­se Pi­kan­te­rie. Zwar be­teu­ert Al­b­right zu Be­ginn, dass sie die mas­ku­li­ne Form für »Prä­si­dent« nur aus ak­tu­el­len Grün­den bei­be­hält (und die weib­li­che Form für den Au­ssen­mi­ni­ster [die Au­ssen­mi­ni­sterin] ver­wen­det), aber durch die Pro­gno­se, ei­nen Prä­si­den­ten aus ih­rer Par­tei (den De­mo­kra­ten) ab Ja­nu­ar 2009 im Wei­ssen Haus zu se­hen, kann sie ei­gent­lich nur Ba­rack Oba­ma beim Schrei­ben des Bu­ches im Au­ge ge­habt ha­ben. Denn Hil­la­ry Clin­ton braucht sie we­der über die über­bor­den­de Bü­ro­kra­tie, noch über il­loya­le Be­am­te, die Ab­grün­de im Um­gang mit der Pres­se, die Fall­stricke des Na­tio­na­len Si­cher­heits­ra­tes (NSC), die mehr oder we­ni­ger be­deu­tungs­lo­se Rol­le des Vi­ze­prä­si­den­ten in der ame­ri­ka­ni­schen Ver­fas­sung oder die Ge­wich­tung des Au­ssen­mi­ni­ste­ri­ums im Ver­hält­nis zum Pen­ta­gon auf­zu­klä­ren – das hat sie in den acht Jah­ren der Prä­si­dent­schaft ih­res Man­nes ge­wiss zur Ge­nü­ge mit­be­kom­men. Oba­ma dürf­ten der­ar­ti­ge Ver­flech­tun­gen (die hier si­cher­lich nur stark ver­ein­facht wie­der­ge­ben wer­den; die tat­säch­li­chen Ver­net­zun­gen und Seil­schaf­ten dürf­ten den po­ten­ti­el­len Le­ser [1.] schnell er­mü­den und [2.] für ei­nen Au­ssen­ste­hen­den kaum nach­voll­zieh­bar sein) nicht der­art prä­sent sein.

Und so ver­wun­dert es dann nicht un­be­dingt, wenn Hil­la­ry Clin­ton Al­b­right stie­kum aus der Vor­zei­ge-Wahl­kampf­mann­schaft ent­fernt hat. Das hat even­tu­ell den Grund, dass sie glaubt, Al­b­right wer­de zu stark mit dem (der­zeit ver­hass­ten) Wa­shing­to­ner Po­li­testa­b­lish­ment in Ver­bin­dung (wie neu­lich die »Zeit« mut­mass­te). Es kann aber auch da­mit zu tun ha­ben, dass Al­b­right das, was sie in dem Buch be­schreibt, ei­ner Hil­la­ry Clin­ton nicht so rich­tig zu­traut und ihr dies so zu ver­ste­hen ge­ben will.

Im­mer wie­der: Ken­ne­dy und Clin­ton

Da­bei gibt es nach der Lek­tü­re kei­nen Zwei­fel: Hil­la­rys Mann, Bill Clin­ton, ist ei­ne Leit- und Schlüs­sel­fi­gur für Al­b­right. Über­trof­fen wird die­se Ver­eh­rung nur durch die Glo­ri­fi­zie­rung von John F. Ken­ne­dy. (Bei den re­pu­bli­ka­ni­schen Prä­si­den­ten lässt sie Re­spekt und ei­ne ge­wis­se An­er­ken­nung für Rea­gan an­klin­gen.) Dies führt manch­mal zu er­staun­li­chen, eu­phe­mi­sti­schen hi­sto­ri­schen In­ter­pre­ta­tio­nen.

So er­wähnt Al­b­right nur in ei­nem Pas­siv­satz, dass Ken­ne­dy qua­si den Grund­stein zum Viet­nam­krieg ge­legt hat­te (sie zeich­net ihn gleich­sam als ei­nen An­ti­mi­li­ta­ri­sten). Die Grün­de für die im­mer stei­gen­de Prä­senz der USA im da­ma­li­gen Süd­viet­nam – die um­strit­te­ne »Do­mi­no-Theo­rie« Dul­les’ bzw. Eisen­how­ers (sie fei­er­te im ame­ri­ka­ni­schen Neo­kon­ser­va­tis­mus in Be­zug auf die De­mo­kra­ti­sie­rung des Na­hen Ostens wie­der Auf­er­ste­hung) – wird voll­ends un­ter den Tisch ge­kehrt. So hat dann John­son nach dem At­ten­tat auf Ken­ne­dy eben nicht den Viet­nam­krieg bloss »ge­erbt« und war – auch das ver­ein­facht Al­b­right – von sei­nen ei­ge­nen Zwei­feln ge­prägt. Er hat viel­mehr ent­schei­dend zur Es­ka­la­ti­on bei­getra­gen und un­ter sei­ner Prä­si­dent­schaft be­gan­nen 1965 die Bom­bar­de­ments auf Nord­viet­nam (dass John­son ein­fach nur nicht der er­ste Ver­lie­rer­prä­si­dent in der Ge­schich­te sein woll­te, darf doch kei­ne se­riö­se Recht­fer­ti­gung sein). Dies kann durch­aus als Kon­ti­nu­um von Ken­ne­dys »Bollwerk«-Politik ge­gen den Kom­mu­nis­mus be­trach­tet wer­den und ent­sprach ein­fach der da­ma­li­gen Dok­trin. Ei­ne über­trie­be­ne He­roi­sie­rung von Prot­ago­ni­sten trägt mei­stens we­nig zur nüch­ter­nen Be­trach­tung der Ge­schich­te bei.

Al­b­right nimmt sich am An­fang vor, we­nig von der Ver­gan­gen­heit und viel von der Zu­kunft zu re­den. Das hält sie nicht im­mer ein, weil sie na­tur­ge­mäss auf Ent­wick­lun­gen der letz­ten Jah­re Be­zug neh­men muss. Ih­re Re­kur­se ge­hen je­doch teil­wei­se über Lin­coln bis Wa­shing­ton zu­rück. Man kann da­bei förm­lich mit Hän­den grei­fen, wie sehr sie wäh­rend der Prä­si­dent­schaft von Ge­or­ge W. Bush ge­lit­ten ha­ben muss und ei­ni­ge Ma­le ver­lässt sie ih­re di­plo­ma­ti­sche Zu­rück­hal­tung (ge­quält wir­ken da die ge­le­gent­li­chen Lo­be auf die Bush-Re­gie­rung, die sich fast nur an Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten fest­ma­chen).

Nicht oh­ne Bi­got­te­rie

Da ist dann von ei­ner Be­schä­di­gung des gu­ten Na­mens Ame­ri­ka die Re­de; Bush ha­be ver­sagt und sie stellt die schie­re In­kom­pe­tenz der ge­gen­wär­ti­gen Re­gie­rung fest. Die USA hät­ten die mo­ra­li­sche Le­gi­ti­mi­tät ver­lo­ren. Ih­ren Nach­fol­gern schreibt sie ins Stamm­buch: Ar­ma­gad­don zu an­ti­zi­pie­ren ist kei­ne Au­ssen­po­li­tik und an die Adres­se von Co­lin Powell mag die nüch­tern for­mu­lier­te Fest­stel­lung ge­hen, Loyalität…kann Ta­lent nicht er­set­zen (ob­wohl sie dies in ei­nem an­de­ren Zu­sam­men­hang for­mu­liert). All dies nicht frei von Zorn (sie spricht mil­der von Un­mut bzw. Är­ger).

Bei die­ser Em­pö­rung ist viel Bi­got­te­rie da­bei. Wenn zwei das glei­che tun, ist es noch lan­ge nicht das sel­be – so kann, ja, in ei­ni­gen Fel­dern, muss man ar­gu­men­tie­ren. Na­tür­lich wird Bush im­mer als Ag­gres­sor der Irak­krie­ges 2003 gel­ten. Aber der Krieg 1999, der zum Bom­bar­de­ment Ser­bi­ens un­ter der Fe­der­füh­rung der Clin­ton-Ad­mi­ni­stra­ti­on führ­te, war eben­falls völ­ker­rechts­wid­rig. Und auch da­mals wur­de mit »Be­weis­ma­te­ri­al« ar­gu­men­tiert, was sich nach­träg­lich als ge­fälscht her­aus­stell­te. Und wenn Al­b­right – be­rech­tig­ter­wei­se – die Af­gha­ni­stan-Po­li­tik Bushs scharf at­tackiert, so über­sieht sie non­cha­lant die of­fen­sicht­li­chen und bis heu­te bit­ter nach­wir­ken­den Feh­ler, die im Ko­so­vo (und auch Bos­ni­en) ge­macht wur­den. In bei­den Fäl­len ist die Be­frie­dung nur ober­fläch­lich; die Pro­ble­me wur­den nicht ge­löst, son­dern höch­stens ver­tagt, in Wirk­lich­keit aber kon­ser­viert.

Ein­drück­lich aber Al­b­rights Plä­doy­er, dass die USA sich wie­der in mul­ti­na­tio­na­le bzw. mul­ti­la­te­ra­le Me­cha­nis­men (des Rechts, des Kli­ma­schut­zes, der UN, der Men­schen­rech­te) ein­zu­bin­den ha­be. Sie ent­wirft so­gar das Mo­dell ei­nes Quar­tetts euroatlantische[r] po­li­ti­scher Füh­rer (Deutsch­land, Frank­reich, Gross­bri­tan­ni­en und die USA), die ei­ne neue Grund­la­ge für ge­mein­sa­me Pro­jek­te […] für den glo­ba­len Fort­schritt spie­len sol­len. Nüch­tern be­trach­tet re­du­ziert sie da­mit die G8 auf G4.

In­ter­nes aus dem Ap­pa­rat

Ih­re Ein­blicke in den in­ter­nen Ap­pa­rat des Wei­ssen Hau­ses sind auf­schluss­reich und er­nüch­ternd zu­gleich. Es ist ver­mut­lich mehr als nur ein Bon­mot, wenn sie den Prä­si­den­ten als mehr oder we­ni­ger Ge­fan­ge­nen ei­ner Bü­ro­kra­tie sieht, der oft ge­nug droht, von ent­schei­den­den In­for­ma­tio­nen kei­ne Kennt­nis zu er­hal­ten und sich haupt­säch­lich erst ein­mal in der Ba­lan­ce zwi­schen dem NSC (es wird nicht ganz klar, wel­che Art Zu­stän­dig­keit die­ses Gre­mi­um ge­nau ha­ben soll; Al­b­right er­läu­tert aber ein­drucks­voll, wie bril­lant Kis­sin­ger es ge­nutzt hat, so dass der am­tie­ren­de Au­ssen­mi­ni­ster sei­ner­zeit oft ge­nug gar nicht wahr­ge­nom­men wur­de), dem Pen­ta­gon und dem Au­ssen­mi­ni­ste­ri­um zu­recht­fin­den muss. Ist die Ent­schei­dung dann ge­trof­fen, ha­pe­re es oft ge­nug in der Aus­füh­rung. Vier­mal, so Al­b­right, ha­be man wäh­rend der Ku­ba-Kri­se 1963 die strik­ten mi­li­tä­ri­schen An­ord­nun­gen Ken­ne­dys ab­sor­biert (bzw. die­se an­ders »in­ter­pre­tiert«). Gleich­zei­tig zi­tiert sie al­ler­dings auch Tru­man, der die Bü­ro­kra­tie als Ent­schul­di­gung nicht gel­ten lässt. (»Wenn der Prä­si­dent weiss, was er will, kann ihn kein Bü­ro­krat auf­hal­ten«).

Das möch­te man der ehe­ma­li­gen UN-Bot­schaf­te­rin Al­b­right auch zu­ru­fen, wenn sie sich in die­sem Zu­sam­men­hang ein biss­chen klein­laut für ih­re Zu­stim­mung im Si­cher­heits­rat zum Trup­pen­ab­zug auf dem Hö­he­punkt der Bür­ger­kriegs­mas­sa­ker in Ru­an­da 1994 recht­fer­tigt. Der Prä­si­dent sei, so Al­b­right, ein­fach nicht ent­spre­chend in­for­miert ge­we­sen und sie ha­be ih­ren Pro­test an ei­nen Ab­tei­lungs­lei­ter des NSC wei­ter­lei­ten müs­sen. Ei­ne au­sser­or­dent­lich un­be­frie­di­gen­de und bil­li­ge Ent­geg­nung für das ei­ge­ne Ver­sa­gen.

»Blut­flecken auf dem Fuss­bo­den«

Ob der Ein­blick, der Al­b­right dem Le­ser ei­nen Tür­spalt zum Oval Of­fice ge­stat­tet, kor­rekt ist? Deut­lich wird je­den­falls (manch­mal bis zum Er­schrecken): Prä­si­di­al­de­mo­kra­ti­en ha­ben – pa­ra­do­xer­wei­se ge­ra­de in der heu­ti­gen Zeit der glo­ba­len Nach­rich­ten­po­ly­pho­nie – Nach­tei­le ge­gen­über par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­ti­en. Die Ent­schei­dun­gen, die der Prä­si­dent mehr oder we­ni­ger auf­grund we­ni­ger Be­ra­ter (die er sel­ber be­stimmt und die dar­über hin­aus kei­ner­lei Le­gi­ti­ma­ti­on be­sit­zen), al­lei­ne und qua­si oh­ne di­rek­te Kon­trol­le trifft, hän­gen ent­schei­dend von ei­ner im we­sent­li­chen nicht de­mo­kra­ti­schen be­glau­big­ten Ad­mi­ni­stra­ti­on ab. Al­b­right plau­dert wohl ein biss­chen aus dem Näh­käst­chen, wenn sie die Ge­fahr be­schreibt, dass sich Be­ra­ter zu ei­ner Art Des­in­for­ma­ti­ons­kar­tell zu­sam­men­schlie­ssen und dem Prä­si­den­ten ent­we­der Wich­ti­ges ver­schwei­gen oder Tat­sa­chen um­in­ter­pre­tie­ren. Ihr Ri­si­ko ist ge­ring – die Ent­schei­dung hat stets der »ein­sa­me« Prä­si­dent zu tref­fen und zu ver­ant­wor­ten. Der/die Be­ra­ter win­den sich u. U. mit ei­ner da­mals un­kla­ren Fak­ten­la­ge her­aus.

Der Bei­spie­le für die­se Er­eig­nis­se gibt es si­cher­lich ge­nug – auch und ge­ra­de in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit. Den­noch scheint Al­b­right manch­mal all­zu arg in ih­rer Rat­ge­ber­rol­le in dem Buch auf­zu­ge­hen (das zeigt sich auch dann, wenn sie – oft ge­nug – Hand­lungs­ma­xi­me zu den un­ter­schied­lich­sten Pro­ble­men in vier oder fünf Punk­ten knapp und knackig, al­ler­dings auch ge­le­gent­lich ober­fläch­lich, aus­for­mu­liert). Denn auch wenn je­mand wie Oba­ma ins Wei­sse Haus ein­zie­hen soll­te – ganz so un­be­darft ist die­ser si­cher­lich nicht, dass man an je­der Ecke ei­nen miss­gün­sti­gen Be­ra­ter wit­tern oder nach Blut­flecken auf dem Fuss­bo­den su­chen müss­te, weil un­ter der Ober­flä­che freund­li­cher No­ti­zen und zi­vi­ler Umgangsformen…ein manch­mal bös­ar­ti­ger Kampf [bro­delt], bei dem es dar­um geht, den Prä­si­den­ten in ei­nem be­stimm­ten Sin­ne zu be­ein­flus­sen.

Ne­ben den Fall­stricken des Re­gie­rungs- und Be­am­ten­ap­pa­ra­tes des Wei­ssen Hau­ses be­schäf­tigt sich Al­b­right – na­tür­lich! – mit der ame­ri­ka­ni­schen Au­ssen­po­li­tik. Zwar stört auch dort ei­ne pas­sa­gen­wei­se eit­le Selbst­be­weih­räu­che­rung der ei­ge­nen Ära (und die Ver­klä­rung Clin­tons, der sich, so Al­b­right ein­mal un­frei­wil­lig ko­misch, ge­gen En­de der Amts­zeit auf­ge­ar­bei­tet ha­be) – und das nicht nur im be­reits an­ge­spro­che­nen ver­klä­ren­den Blick auf den Kosovo-»Einsatz«. Un­ge­ach­tet der ver­ein­zel­ten Wi­der­sprü­che (…In­ter­ven­tio­nen in Bür­ger­krie­gen: Fin­ger weg – und dann plä­diert sie doch wie­der für ent­spre­chen­de Ein­mi­schun­gen) und bis­wei­len alt­klu­gen Rat­schlä­ge (bei mi­li­tä­ri­schen In­ter­ven­tio­nen: im­mer auf der Sei­te der Sie­ger ste­hen), ist das Buch zu­nächst ein­mal Bal­sam auf wun­de See­le des Eu­ro­pä­ers, der in den letz­ten Jah­ren an der Bush-Po­li­tik schier ver­zwei­felt ist.

Al­b­right nimmt den ima­gi­nä­ren, neu ge­wähl­ten Prä­si­den­ten fast für­sorg­lich an das Händ­chen und zeigt ihm in ei­nem Par­force­ritt die gro­sse Welt. Über die (in den USA seit je stark um­strit­te­ne) Ent­wick­lungs­hil­fe, die ein­ge­stan­de­ne Heu­che­lei der Atom­mäch­te, was den Atom­waf­fen­sperr­ver­trag an­geht (nach ei­ni­gen nach­denk­li­chen Tö­nen fällt sie dann lei­der in das Gross­macht­den­ken zu­rück), dem im­mer mehr aus dem Blick­win­kel der USA ver­schwin­den­den Eu­ro­pa (in­ter­es­sant hier ih­re Cha­rak­te­ri­sie­rung von Frank­reich: quiet­schen­des Rad), dem nach wie vor ge­fähr­li­chen Na­hen Osten, Nord­ko­rea (ein­drück­lich die Schil­de­run­gen über ih­re Rei­se nach Nord­ko­rea und Kim-Jong Il; hier ist sie be­son­ders hart, was Bushs Po­li­tik an­geht, der die »Son­nen­schein­po­li­tik« sa­bo­tier­te, um Jah­re spä­ter dann doch all das zu tun, was er vor­her ne­giert hat­te), der »Nach­bar­schaft« Mit­tel- und Süd­ame­ri­kas bis zur Be­wer­tung von Russ­land, Chi­na (sie sieht die Be­dro­hung der Ver­grei­sung des Lan­des), In­di­en (»stra­te­gi­scher Part­ner« für In­di­en setzt sie in An­füh­rungs­zei­chen) und Pa­ki­stan – al­les wird min­de­stens kur­so­risch ge­streift.

Nach­denk­li­ches, Ver­samm­lung von All­ge­mein­plät­zen und Wi­der­sprü­chen

Vie­les wird stark ver­ein­facht dar­ge­stellt und oft kommt das Buch wie ei­ne Art Fuss­ball­stamm­tisch da­her – lau­ter Bun­des­trai­ner dort, die al­les bes­ser wis­sen (am schlimm­sten sind ja mei­stens die­je­ni­gen, die frü­her tat­säch­lich mit­ten­drin wa­ren). So merkt man an Klei­nig­kei­ten, wie we­nig dif­fe­ren­ziert Al­b­right manch­mal vor­geht. Ihr Lob­lied auf An­ge­la Mer­kel ver­knüpft sie mit der Be­fürch­tung, dass ih­re wacke­li­ge Ko­ali­ti­on hal­te. Den eu­ro­päi­schen Kom­mu­nis­mus ha­be man nie­der­ge­trotzt (kein Wort bei­spiels­wei­se von der Ent­span­nungs­po­li­tik oder den Bür­ger­rechts­be­we­gun­gen). Russ­land sei, so Al­b­right, nie wirk­lich Teil des We­stens ge­we­sen – was im­mer­hin da­zu führt, dass sie Russ­land ei­ne Art Son­der­rol­le was De­mo­kra­ti­sie­rung an­geht, zu­ge­steht (mit Ge­or­ge Kennan ar­gu­men­tie­rend).

Mal ist Di­plo­ma­tie kein Selbst­zweck, dann wie­der­um singt sie das ho­he Lied von Ver­hand­lungs­be­reit­schaft. Mal ist mi­li­tä­ri­sche Ge­walt am nütz­lich­sten…, wenn sie nicht zum Ein­satz kommt, dann wie­der­um wa­ren krie­ge­ri­sche Mass­nah­men nach dem An­schlag des 11. Sep­tem­ber un­ver­meid­lich – war­um, sagt sie nicht (und der Af­gha­ni­stan-Ein­satz wird von ihr harsch kri­ti­siert).

Die USA und die OAS (Or­ga­ni­sa­ti­on Ame­ri­ka­ni­scher Staa­ten) ha­ben, mit we­ni­gen Aus­nah­men, ge­mein­sam ge­gen den To­ta­li­ta­ris­mus ge­kämpft – aber ich fürch­te, Al­b­right muss da ein biss­chen nach­sit­zen und die Ge­schich­te zum Bei­spiel von Ve­ne­zue­la, Gua­te­ma­la, Ni­ca­ra­gua oder Chi­le nach ein­mal nach­le­sen. Das gilt auch für die reich­lich be­schö­ni­gen­de Schil­de­rung der höch­sten mo­ra­li­schen Stan­dards, was den Ein­satz von Atom­waf­fen und vor al­lem der Ver­hin­de­rung ei­ner ato­ma­ren Ka­ta­stro­phe (wäh­rend des Kal­ten Krie­ges) an­geht. Zwar hät­ten die USA als er­ste und bis­her ein­zi­ge Macht die­se Waf­fen ein­mal ein­ge­setzt, aber Al­b­right ver­sucht al­len Ern­stes zu ver­mit­teln, man ha­be die Kräf­te, die man los­ge­las­sen ha­be, auch vor­bild­lich ge­bän­digt.

Das Schei­tern von Camp Da­vid bei den Frie­dens­ver­hand­lun­gen zwi­schen Ara­fat und Ba­rak 2000 weist sie aus­schliess­lich Ara­fat zu; Clin­ton sei zu gut­mü­tig ge­we­sen. Merk­wür­dig dann, wenn sie – in ei­ner der sehr sel­te­nen Mo­men­te wirk­lich Neu­es er­zählt – und be­rich­tet, dass Ara­fat bei der Ab­leh­nung des müh­sam aus­ge­han­del­ten Kom­pro­mis­ses Trä­nen in den Au­gen ge­habt ha­be.

Auch in an­de­ren Fel­dern ver­fech­tet Al­b­right für die USA ty­pi­sche im­pe­ria­le Po­li­tik. Sie be­klagt bei­spiels­wei­se die Schief­la­ge in der NATO und meint da­mit die dis­pa­ri­tä­ti­schen fi­nan­zi­el­len Auf­wen­dun­gen der USA im Ver­hält­nis zu Eu­ro­pa – und drängt auf ei­ne An­pas­sung der eu­ro­päi­schen Bei­trä­ge. Zwar be­kräf­tigt sie, dass die USA mehr mit/in der NATO ko­ope­rie­ren sol­len (die Wor­te Ko­ope­ra­ti­on und Ver­trau­en fin­det man sehr oft im Buch), aber letzt­lich es­komp­tiert sie die Do­mi­nanz der USA.

In­ter­es­sant, dass sie Bushs Prä­ven­tiv­schlag­po­li­tik durch­aus in der bis­he­ri­gen US-Po­li­tik ver­an­kert sieht. Prin­zi­pi­ell, so Al­b­right, zei­ge sich da nichts Neu­es. Man ha­be im Li­ba­non, in Gre­na­da, Pa­na­ma, So­ma­lia, im Irak, in Hai­ti, in Bos­ni­en und im Ko­so­vo in die­sem Sin­ne in­ter­ve­niert. Voll­ends aus­ge­blen­det wird ei­ne kri­ti­sche Be­trach­tung die­ser In­ter­ven­tio­nen. Ein gro­sser Schwach­punkt: die­se Po­li­tik wird nicht auf­ge­ar­bei­tet. Soll der künf­ti­ge US-Prä­si­dent al­le Feh­ler noch ein­mal neu ma­chen?

Nach­denk­li­ches und Un­kon­ven­tio­nel­les

Ei­ni­ge As­pek­te sieht Al­b­right je­doch mit ei­ner er­fri­schen­den Klar­heit. Hier wür­de man sich wirk­lich wün­schen, dass ei­ni­ge von ih­ren Vor­schlä­gen in ei­ne neue Po­li­tik ein­flie­ssen mö­ge. Von der Heu­che­lei in der Wei­ter­ver­brei­tung von Atom­waf­fen war schon die Re­de (Wir pre­di­gen, was wir selbst nicht prak­ti­zie­ren). Auch die Wir­kungs­mäch­tig­keit von Wirt­schafts­sank­tio­nen ge­gen Staa­ten sieht sie sehr kri­tisch – und prak­tisch als wir­kungs­los an (um­so merk­wür­di­ger, dass sie doch im­mer mal wie­der in sol­chen Me­cha­nis­men zu­rück­fällt). Ver­nünf­ti­ge Po­li­tik be­stün­de u. a. dar­in, es gar nicht erst zu sol­chen Es­ka­la­tio­nen kom­men zu las­sen.

Kurz – zu kurz – be­schäf­tigt sich Al­b­right auch mit der EU. In ei­ner klei­nen, aber in­ter­es­san­ten, lei­der nur kur­so­risch aus­ge­führ­ten Be­mer­kung, spricht sie von der EU als dem europäische[n] Ex­pe­ri­ment, wel­ches ei­ne kri­ti­sche Pha­se er­reicht ha­be. Der Pro­zess der Ver­ei­ni­gung sei zu weit vor­an­ge­schrit­ten, um ihn wie­der rück­gän­gig zu ma­chen. Die Eu­ro­pä­er wür­den je­doch zu sehr an ih­ren na­tio­na­len Be­son­der­hei­ten hän­gen. Ihr Ver­hält­nis zur In­sti­tu­ti­on der 27 ist am­bi­va­lent: be­ein­druckend um­fas­send oder hoff­nungs­los schwer­fäl­lig. Man darf an­neh­men, dass die­se zu­rück­hal­ten­den For­mu­lie­run­gen mit Be­dacht ge­wählt sind, aber ei­ne durch­aus pes­si­mi­sti­sche lang­fri­sti­ge Pro­gno­se stellt.

Ih­re Ein­schät­zung zu Süd­asi­en (Indien/Pakistan) ist von er­fri­schen­der Selbst­kri­tik ge­prägt (Was kön­nen wir für Pa­ki­stan tun, nicht, was kann Pa­ki­stan für uns tun). Die Ko­ope­ra­ti­on mit Dik­ta­to­ren als Ver­bün­de­te sieht sie min­de­stens am­bi­va­lent; ei­nen mo­ra­li­schen Re­la­ti­vis­mus lehnt sie ab. In der Be­hand­lung des Nah­ost­kon­flikts weist sie auf die Frie­dens­in­itia­ti­ve von Sau­di-Ara­bi­en (2002) und der Ara­bi­schen Li­ga (2007) hin und sieht sie als Ge­rüst, auf das sich sehr wohl auf­bau­en las­se. Die­se Vor­schlä­ge nicht we­nig­stens ein­mal auf­ge­grif­fen zu ha­ben, stellt für sie ein Feh­ler dar.

So ganz kann sie na­tür­lich der Bünd­nis­rol­le Is­ra­els nicht ab­schwö­ren. Un­glück­lich hier ih­re For­mu­lie­rung, der Prä­si­dent sol­le sich bei Ver­tre­tern der jü­di­schen Ge­mein­den in den USA be­züg­lich der Nah­ost­po­li­tik po­li­ti­sche Rück­ver­si­che­rung ein­ho­len. Und ge­quält die »po­li­tisch kor­rek­te« Er­gän­zung, dies auch mit Ver­tre­tern der ara­bi­schen Sei­te in Ame­ri­ka zu tun; fast ein we­nig de­spek­tier­lich zu sa­gen, die­se Ge­sprä­che sei­en si­cher­lich kein Früh­lings­spa­zier­gang.

Ih­re Äu­sse­run­gen zum Al-Qai­da-Ter­ro­ris­mus sind – für US-ame­ri­ka­ni­sche Ver­hält­nis­se – ge­ra­de­zu re­vo­lu­tio­när. Man kann zwar nicht den Ri­chard­son-Mass­stab an­le­gen, aber die Un­ter­schei­dung zwi­schen mo­de­rat und sä­ku­lar in Be­zug auf po­li­ti­sche Dik­ta­to­ren und die Fest­stel­lung, dass Al-Qai­das Hass auch und vor al­lem auf die sä­ku­la­ren po­li­ti­schen Füh­rer in der ara­bi­schen Welt zielt, sind Er­kennt­nis­se, die der heu­ti­gen Re­gie­rung (und wei­ten Tei­len der ame­ri­ka­ni­schen Be­völ­ke­rung) voll­kom­men fremd sein dürf­ten. Am En­de wagt sie dann so­gar noch ei­ne Art The­ra­pie, in dem sie ei­nen Zu­sam­men­schluss ge­mä­ssig­ter is­la­mi­scher Ge­lehr­ter zu­sam­men­brin­gen möch­te, der die ge­walt­tä­ti­gen Me­tho­den der is­la­mi­sti­schen Ter­ro­ri­sten the­ma­tisch bloss­stel­len und als ket­ze­risch und an­ti-is­la­misch äch­ten soll – und dies in ei­ner breit an­ge­leg­ten me­dia­len Kam­pa­gne. So soll qua­si das is­la­mi­sche Deck­män­tel­chen von Bin La­den & Co. de­co­u­vriert wer­den, es müss­te auch für den »ein­fa­chen Mus­lim« deut­lich wer­den: Al-Qai­da bie­tet der Welt kein Ka­li­fat, son­dern ein Ge­fäng­nis an.

Hy­bris durch De­mut er­set­zen – so heisst es ein­mal – sei die De­vi­se (min­de­stens au­ssen­po­li­tisch), die der neue Prä­si­dent zu ver­tre­ten ha­be. Er müs­se wie­der mehr zu­hö­ren, die Ver­bün­de­ten ein­bin­den, nicht selbst­herr­lich sich über die Welt­ge­mein­schaft er­he­ben. Aber Al­b­right ist sich be­wusst, dass dies kein leich­ter Weg sein wird. Even­tu­ell wird es ei­nen neu­en Iso­la­tio­nis­mus ge­ben; sie re­det die­sem ve­he­ment das Wort. Und am En­de dann Ap­pel­le – Ap­pel­le an das ei­ge­ne Ver­trau­en, an die Kraft und den Geist Ame­ri­kas und nach drei Schrit­ten Ent­ge­gen­kom­men geht sie zwei wie­der zu­rück, wenn sie schreibt, nie­mand wer­de die USA re­spek­tie­ren, wenn wir je­dem die Tü­re auf­hal­ten ge­mäss dem Mot­to ‘Nach Ih­nen!’. An­de­rer­seits muss man in der Füh­rungs­rol­le – die­se wird nicht in Fra­ge ge­stellt – we­der for­dernd noch schrill auf­tre­ten; wirk­sa­mer sind ru­hi­ge Über­zeu­gungs­ar­beit, ei­ne fe­ste Über­zeu­gung und Fair­ness.

It’s the eco­no­my, Ma­de­lei­ne!

Ma­chen wir uns nicht vor: Wenn Al­b­right nicht ge­ra­de De­tails aus ih­rer po­li­ti­schen Ver­gan­gen­heit be­rich­tet, ent­spricht das au­ssen­po­li­ti­sche Wis­sen, was hier zu­sam­men­ge­tra­gen wird, in et­wa dem, was ein in­ter­es­sier­ter Zeit­ge­nos­se mit durch­schnitt­li­cher Lek­tü­re und ei­ni­gen Do­ku­men­ta­tio­nen in Funk und Fern­se­hen pro­blem­los re­zi­piert hat. In­nen­po­li­ti­sche The­men der USA spricht sie gar nicht an. Fast al­le Ex­per­ten sa­gen aber vor­aus, dass die In­nen­po­li­tik (das Ge­sund­heits­sy­stem bei­spiels­wei­se) und die hei­mi­sche wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on (Hy­po­the­ken­kri­se in­klu­si­ve ei­ner dro­hen­den Re­zes­si­on in Ame­ri­ka) die Wah­len ent­schei­den wer­den. DAS in­ter­es­siert die Ame­ri­ka­ner, de­ren no­to­ri­scher Op­ti­mis­mus ins Wan­ken ge­ra­ten scheint. Al­b­right ist al­ler­dings kei­ne aus­ge­wie­se­ne Ex­per­tin in die­sen Fra­gen. Und die The­men des vor­lie­gen­den Bu­ches in­ter­es­siert in den USA ver­mut­lich nur ei­ne klei­ne Min­der­heit. Scha­de ei­gent­lich.


Al­le kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Im Ori­gi­nal wird wohl ge­schlechts­neu­tral von »the pre­si­dent« die Re­de sein. In­so­fern kann man, den­ke ich, nicht den Schluss zie­hen, Al­b­right rich­te sich eher an Oba­ma als an Hil­la­ry.

  2. Nicht un­be­dingt
    weil in der deut­schen Ver­si­on durch­aus ge­le­gent­lich von »Mr. Pre­si­dent« die Re­de ist. Und im eng­li­schen gibt es na­tür­lich »he« und »she«...

    Im üb­ri­gen be­schreibt aus­führ­lich Vor­gän­ge, die Clin­ton zur Ge­nü­ge – und noch de­tail­rei­cher als hier aus­ge­führt – be­kannt sein dürf­ten.

  3. Ich den­ke nicht, dass po­ten­zi­el­le Prä­si­den­ten ihr Herr­schafts­wis­sen durch das Le­sen der Bü­cher ih­rer Vor­gän­ger und de­ren Hel­fer er­wer­ben. Eher wird es im klei­nen Kreis in per­sön­li­chen Ge­sprä­chen wei­ter­ge­ge­ben. Aber ich kann mir vor­stel­len, dass durch das Pu­bli­zie­ren der ei­ge­nen Mei­nung die brei­te Öf­fent­lich­keit be­ein­flusst wer­den soll, die wie­der­um durch ihr Wahl­ver­hal­ten und die sie in­ter­es­sie­ren­den The­men Druck auf die Re­gie­ren­den ma­chen.

  4. Al­so, ich weiß nicht. Ob da ein Buch mehr oder we­ni­ger noch was nüt­zen wür­den bei der Art wie Bush liest?

    (Ich weiß, das ist ein Fake, aber zu ko­misch.)