Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger: Ham­mer­stein oder der Ei­gen­sinn

Hans Magnus Enzensberger: Hammerstein oder Der Eigensinn

Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger: Ham­mer­stein oder Der Ei­gen­sinn

Kurt von Ham­mer­stein-Equord, ge­bo­ren 1878, ge­stor­ben 1943, wur­de 1930 zum Chef der deut­schen Hee­res­lei­tung er­nannt. Am 3. Fe­bru­ar 1933 emp­fing er in sei­ner Dienst­woh­nung zu ei­nem Abend­essen den so­eben zum neu­en Reichs­kanz­ler er­nann­ten und ge­wähl­ten Adolf Hit­ler. Ei­ni­ge ho­he und höch­ste Of­fi­zie­re der Reichs­wehr, die spä­ter Wehr­macht ge­nannt wur­de, wa­ren eben­falls zu­ge­gen, so bei­spiels­wei­se Wer­ner von Blom­berg (seit fünf Ta­gen Reichs­wehr­mi­ni­ster), Ge­ne­ral Lud­wig Beck (Chef des Trup­pen­am­tes – er wur­de am 20. Ju­li 1944 hin­ge­rich­tet) oder Oberst Eu­gen Ott (Amts­chef im Wehr­mi­ni­ste­ri­um, spä­ter Bot­schaf­ter in Ja­pan und 1942 nach Strei­tig­kei­ten mit dem AA ab­be­ru­fen). Die Gä­ste­li­ste die­ses Tref­fens ist im De­tail nicht ex­akt re­kon­stru­ier­bar. Hit­ler hielt ei­ne län­ge­re Re­de, die, so wird fast ein­hel­lig be­rich­tet, in kras­sem Ge­gen­satz zu sei­ner Re­gie­rungs­er­klä­rung vom 30. Ja­nu­ar stand, was of­fen­sicht­lich den Ge­ne­rä­len nicht wei­ter auf­ge­fal­len war. Spä­ter sag­te Hit­ler, er ha­be das Ge­fühl ge­habt, ge­gen ei­ne Wand zu re­den, wäh­rend der »Völ­ki­sche Be­ob­ach­ter« die Ar­mee »Schul­ter an Schul­ter« mit dem »neu­en Kanz­ler« sah.

Ge­ne­ral Beck wird spä­ter zi­tiert wer­den, er ha­be den In­halt der Re­de »so­fort wie­der ver­ges­sen«. Zwar exi­stiert ei­ne in­of­fi­zi­ell an­ge­fer­tig­te Pro­to­koll­nach­schrift, die ver­mut­lich ei­nem der Ham­mer­stein-Kin­der an die Kom­in­tern nach Mos­kau ge­funkt wur­de, aber ob hier tat­säch­lich we­sent­li­che Ele­men­te der Re­de Hit­lers, die dann ein­deu­tig ei­ne Auf­rü­stungs­re­de ge­we­sen wä­re, kor­rekt wie­der­ge­ge­ben wur­de?


Hans Ma­gnus En­zens­ber­gers Buch be­zieht ei­nen Gross­teil sei­ner Fas­zi­na­ti­on ge­ra­de aus die­sen ge­le­gent­lich un­kla­ren Fak­ten­la­gen. In dem al­le mög­li­chen Quel­len vor­ge­stellt und auch in ih­rer manch­mal frap­pie­ren­den Wi­der­sprüch­lich­keit ne­ben­ein­an­der ge­stellt wer­den und – das ist not­wen­dig her­vor­zu­he­ben – fik­ti­ves ne­ben hi­sto­ri­schem steht und ent­spre­chend ge­trennt auf­be­rei­tet wird, ent­steht ein fa­cet­ten­rei­ches Bild über ei­ne si­cher­lich auch nicht ein­fach zu be­ur­tei­len­de Per­sön­lich­keit – und de­ren Fa­mi­lie.

Quel­len­reich­tum und Spe­ku­la­ti­ons­lust

Kurt von Ham­mer­stein reich­te im De­zem­ber 1933 sei­nen Rück­tritt ein und wur­de zum 1. Fe­bru­ar 1934 ab­ge­löst. Er er­kann­te sehr früh, ver­mut­lich so­gar schon vor dem oben be­schrie­be­nen Tref­fen mit Hit­ler, dass die Na­tio­nal­so­zia­li­sten ei­nen Ag­gres­si­ons­krieg woll­ten. En­zens­ber­ger zi­tiert vie­le Quel­len, die be­le­gen sol­len, wie auch Ham­mer­stein (zu­sam­men u. a. mit sei­nem Freund Schlei­cher) bei Hin­den­burg in­ter­ve­niert, da­mit die­ser nicht Hit­ler zum Reichs­kanz­ler macht. Der Mei­nungs­um­schwung bei Hin­den­burg, der Hit­ler an­fangs ab­ge­neigt ge­gen­über stand, ist heu­te noch An­lass zu vie­ler­lei Spe­ku­la­ti­on. Ham­mer­stein ne­gier­te aus­drück­lich ei­ne Art Mi­li­tär­putsch, um Hit­lers Kanz­ler­schaft zu ver­hin­dern. Dies ge­schah kaum auf­grund von Skru­peln ge­gen­über der De­mo­kra­tie der Wei­ma­rer Re­pu­blik, son­dern der Be­fürch­tung, Deutsch­land wür­de in ei­nen Bür­ger­krieg ge­stürzt wer­den, wenn das Mi­li­tär die Macht über­näh­me.

Ham­mer­steins Cha­rak­ter wird aus ver­schie­de­nen Quel­len be­zeich­net. Ei­ner­seits wird er als un­po­li­ti­scher Sol­dat cha­rak­te­ri­siert – spä­ter heisst es dann, er sei ei­gent­lich Pa­zi­fist und Welt­bür­ger ge­we­sen. Er galt seit je­her als ein Geg­ner des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und soll früh die Ka­ta­stro­phen ei­nes neu­en, dro­hen­den Krie­ges vor­her­ge­sagt ha­ben; dies teil­wei­se frech und of­fen – dann wie­der ver­bor­gen und »im Ver­trau­en«.

Über­ein­stim­mend heisst es, dass Ham­mer­stein in sei­ner ak­ti­ven Dienst­zeit an kniff­li­gen De­tail­fra­gen nicht be­son­ders in­ter­es­siert war. Es wird so­gar kol­por­tiert, er sei im fast wört­li­chen Sin­ne faul ge­we­sen – we­nig­stens wenn es sich um All­tags­din­ge ge­han­delt ha­be. Ein Ak­ten­mensch war er de­fi­ni­tiv wohl nicht. Und vie­len galt er im Um­gang als her­ab­las­send und ar­ro­gant. Als er ein­mal ge­fragt wur­de, un­ter wel­chen Ge­sichts­punk­ten er sei­ne Of­fi­zie­re be­ur­tei­le, sag­te er: »Ich un­ter­schei­de vier Ar­ten. Es gibt klu­ge, flei­ssi­ge, dum­me und fau­le Of­fi­zie­re. Meist tref­fen zwei Ei­gen­schaf­ten zu­sam­men. Die ei­nen sind klug und flei­ssig, die müs­sen in den Ge­ne­ral­stab. Die näch­sten sind dumm und faul; sie ma­chen in je­der Ar­mee 90% aus und sind für Rou­ti­ne­auf­ga­ben ge­eig­net. Wer klug ist und gleich­zei­tig faul, qua­li­fi­ziert sich für die höch­sten Füh­rungs­auf­ga­ben, denn er bringt die gei­sti­ge Klar­heit und die Ner­ven­stär­ke für schwe­re Ent­schei­dun­gen mit. Hü­ten muss man sich vor dem, der dumm und flei­ssig ist; dem darf man kei­ne Ver­ant­wor­tung über­tra­gen, denn er wird im­mer nur Un­heil an­rich­ten.«

Ham­mer­stein war in den 20er Jah­ren in füh­ren­der Po­si­ti­on im Kon­takt mit der so­wje­ti­schen Ro­ten Ar­mee. Die­se Zu­sam­men­ar­beit muss­te al­lei­ne schon auf­grund der Kon­di­tio­nen des Ver­sailler Ver­trags ge­heim blei­ben. Für bei­de Sei­ten, Reichs­wehr und Ro­te Ar­mee, barg die Ko­ope­ra­ti­on gro­sse Vor­tei­le: Deutsch­lands Ar­mee wur­de nach dem de­straströ­sen Welt­krieg wie­der auf­ge­baut und man be­kam mi­li­tär­tech­nisch An­schluss (Kriegs­ma­te­ri­al für die deut­sche Ar­mee wur­de in Russ­land pro­du­ziert) und auf der an­de­ren Sei­te bil­de­ten die deut­schen Of­fi­zie­re den rus­si­schen Ge­ne­ral­stab aus. Es gab ge­mein­sa­me Ma­nö­ver. Ham­mer­stein hat­te bis zum En­de sei­nes Le­bens sehr gu­te Kon­tak­te zur Ro­ten Ar­mee und die­se auch stets ge­pflegt. Die­ses En­ga­ge­ment war bei rechts­na­tio­na­len Kräf­ten so­wohl im Mi­li­tär als auch der Po­li­tik nicht ger­ne ge­se­hen. Sei­ne Ein­schät­zung über die so­wje­ti­sche Ar­mee von 1932 (gu­te Trup­pe, dis­zi­pli­niert und gut aus­ge­bil­det, sie sich in der De­fen­si­ve gut schla­gen wird und da­bei auf die Un­ter­stüt­zung der rus­si­schen Be­völ­ke­rung zäh­len kann) er­wies sich als pro­phe­tisch.

»Li­ba­ne­si­sche Ver­hält­nis­se«? – En­zens­ber­gers zu ein­fa­ches Ge­schichts­bild

Es ge­hört zu den Merk­wür­dig­kei­ten die­ses Bu­ches, dass En­zens­ber­ger Ham­mer­steins The­se, ei­ne In­ter­ven­ti­on des Mi­li­tärs hät­te zu ei­nem Bür­ger­krieg ge­führt, stützt. In ei­nem von sie­ben Kom­men­ta­ren, von de­nen min­de­stens drei als poin­tiert in der hi­sto­ri­schen Be­ur­tei­lung der da­ma­li­gen Zeit be­zeich­net wer­den kön­nen und die En­zens­ber­ger ein biss­chen au­gen­zwin­kernd »Glos­sen« nennt, zeich­net er ein reich­lich chao­ti­sches Bild der 20er und 30er Jah­re, wel­ches in dem Schluss mün­det, die Spal­tung der Ge­sell­schaft, nicht nur in Deutsch­land, son­dern auch in Öster­reich hät­te in den Jah­ren 1932/33 ge­ra­de­zu li­ba­ne­si­sche Ver­hält­nis­se an­ge­nom­men und kon­sta­tiert, das Land ha­be sich in ei­nem la­ten­ten Bür­ger­krieg be­fun­den. Ei­ne Ver­wick­lung der Ar­mee in die­sem »Bür­ger­krieg« hät­te dann wohl den voll­stän­di­gen Gar­aus der Zi­vil­ge­sell­schaft zur Fol­ge ge­habt.

Die­ser Dar­stel­lung kann man in die­ser Ab­so­lut­heit wi­der­spre­chen. Auch wenn En­zens­ber­ger rich­tig kon­sta­tiert, dass die »Gol­de­nen Zwan­zi­ger« ein spä­ter ver­klä­ren­der My­thos wa­ren, so ist die Tat­sa­che, dass die De­mo­kra­tie von den Mi­li­tan­ten auf bei­den Sei­ten im­mer wie­der in die Zan­ge ge­nom­men wur­de, noch kein Be­weis für den von ihm an an­de­rer Stel­le vor ei­ni­gen Jah­ren so lu­zi­de be­schrie­be­nen »mo­le­ku­la­ren Bür­ger­krieg«. Au­sser­dem trans­for­miert er die durch­aus fra­gi­len Ver­hält­nis­se »der Stra­sse« von den Me­tro­po­len wie Ber­lin oder Mün­chen auf das ge­sam­te Deut­sche Reich, was si­cher­lich un­zu­tref­fend ist. En­zens­ber­ger macht hier den Feh­ler, die un­mit­tel­ba­ren Vor­gän­ge im Jahr 1933 als ent­schei­dend dar­zu­stel­len – was sie nicht wa­ren. Die Wei­ma­rer Re­pu­blik war schon Mo­na­te vor­her kli­nisch tot, weil nie­mand mehr – ein­schliess­lich der De­mo­kra­ten – der De­mo­kra­tie ei­ne Chan­ce ge­ge­ben hat­ten und sich das Gross­bür­ger­tum (in­klu­si­ve vie­ler In­tel­lek­tu­el­ler) im furcht­ba­ren Irr­tum wähn­te, Hit­ler und sei­ne ma­ro­die­ren­den Gross­mäu­ler zu ge­ge­be­ner Zeit schon zu zäh­men.

In­dem En­zens­ber­ger aber die po­li­ti­schen Ver­wer­fun­gen in der Wei­ma­rer Re­pu­blik mo­no­kau­sal be­schreibt, gibt er dem Zö­gern der Hit­ler­skep­ti­ker nach­träg­lich recht. Tat­säch­lich dürf­ten sich die Zweif­ler in­ner­halb des deut­schen Mi­li­tärs dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ge­gen­über in ei­ner ziem­lich deut­li­chen Min­der­hei­ten­po­si­ti­on be­fun­den ha­ben (man den­ke in die­sem Zu­sam­men­hang an Go­lo Manns Dik­tum, das deut­sche Heer ha­be »zu gar nichts Mut« ge­habt). Leu­te wie Ham­mer­stein be­fürch­te­ten viel­leicht we­ni­ger ei­nen Bür­ger­krieg als ei­ne Art Putsch ge­gen den Putsch, den sie ver­mut­lich so­gar phy­sisch nicht zu über­le­ben glaub­ten. Und in ei­ner Re­fle­xi­on Har­den­bergs von 1945 schreibt die­ser über Ham­mer­steins Ein­schät­zung des po­li­ti­schen Deut­schen, er (der Deut­sche), sei po­li­tisch der­art we­nig be­gabt, dass er die Not­wen­dig­keit ei­nes At­ten­tats auf Hit­ler nie ein­se­hen wer­de, wenn er nicht den bit­te­ren Kelch bis zur Nei­ge trän­ke. Ei­ne Über­le­gung, die wohl tat­säch­lich in der mi­li­tä­ri­schen Eli­te des Rei­ches Kon­sens ge­we­sen sein dürf­te, al­ler­dings auch be­reits den Keim der Recht­fer­ti­gung in sich trug und – ne­ben­bei – auch ei­nen de­mo­kra­tie­feind­li­chen Af­fekt be­frie­dig­te. Die Ver­sa­ger wa­ren aber bei­lei­be nicht nur in den Rei­hen der Wäh­ler von 1933 zu su­chen.

Ham­mer­stein liess sich nicht blen­den

Ham­mer­stein hat­te de­mis­sio­niert, als er sah, dass Hit­lers Plä­ne auf ei­nen An­griffs­krieg zu­lie­fen. Er war als Sol­dat im Er­sten Welt­krieg ge­we­sen und ver­mut­lich von Kriegs­aben­teu­ern gründ­lich ge­heilt. Sei­ne ex­po­nier­te Stel­lung, sei­ne Freun­de in der Ge­ne­ra­li­tät, den Re­spekt, den er auch bei Geg­nern ge­noss und sein Al­ter er­laub­ten ihm die­se De­mis­si­on, oh­ne Re­pres­sa­li­en fürch­ten zu müs­sen. Von ei­ner klei­nen Re­ak­ti­vie­rung 1939 ab­ge­se­hen (er war für ei­ni­gen Mo­na­te »Ober­be­fehls­ha­ber in Schle­si­en« [wo­bei es in die­ser kur­zen Zeit an­geb­lich Mord­plä­ne ge­gen Hit­ler gab]), blieb Ham­mer­stein im Ru­he­stand; er starb 1943 an Krebs. En­zens­ber­ger bringt Be­le­ge, die be­wei­sen sol­len, dass er bis un­mit­tel­bar vor sei­nem Tod als ei­ner der Im­puls­ge­ber des Auf­stands vom 20. Ju­li 1944 ge­we­sen sein soll – was sich dann je­doch mit der o. e. Be­mer­kung nicht ver­trägt.

Wie ge­fähr­lich das Re­gime war, wird am Um­gang mit Ham­mer­steins Freund Kurt von Schlei­cher (das Ver­hält­nis der bei­den wird im Buch aus­gie­big be­spro­chen) il­lu­striert, der im Rah­men der »Säu­be­rungs­mass­nah­men« der »Nacht der lan­gen Mes­ser« 1934 hin­ge­rich­tet wur­de. Ham­mer­stein blieb da­mals un­be­hel­ligt; war­um, wird – ver­mut­lich auf­grund feh­len­der Fak­ten – nicht schlüs­sig er­läu­tert.

Kurt von Ham­mer­stein ist des­we­gen von In­ter­es­se, weil er sich nicht von Hit­lers Auf­rü­stungs­plä­nen blen­den liess; im Ge­gen­satz zu sehr vie­len rang­ho­hen Of­fi­zie­ren. Und auch nam­haf­te und füh­ren­de Wi­der­ständ­ler des 20. Ju­li 1944 hat­ten die Macht­über­nah­me Hit­lers an­fangs wenn nicht be­grüsst, so doch als Mög­lich­keit zur Stär­kung der Ar­mee im Deut­schen Reich be­trach­tet. Sie emp­fan­den die Be­din­gun­gen des Ver­sailler Ver­trags als De­mü­ti­gung. Hit­ler bot ih­nen ei­ne deut­li­che Auf­wer­tung des Mi­li­tärs – und so­mit der ei­ge­nen Rol­le in der Ge­sell­schaft an. Die Schmach des ver­lo­re­nen Krie­ges ver­sprach der ‘böh­mi­sche Ge­frei­te’, wie er ver­ächt­lich ge­nannt wur­de, durch ent­spre­chen­de po­li­ti­sche Ge­wich­tung ver­ges­sen zu ma­chen. Gro­sse Tei­le der Ge­ne­ra­li­tät wa­ren über­dies lan­ge der Mei­nung, Hit­ler »im Griff« zu ha­ben, und ihn qua­si als Auf­bau­hel­fer für ih­re Zwecke nach Be­lie­ben ein­span­nen und bei Be­darf ge­ge­be­nen­falls »ent­sor­gen« zu kön­nen.

Ham­mer­stein war al­les an­de­re als ein De­mo­krat. Sein po­li­ti­scher Stand­punkt kann al­ler­dings als na­tio­nal-li­be­ral sub­su­miert wer­den, was für da­ma­li­ge Zei­ten fast schon als fort­schritt­lich galt. Sein Schwie­ger­va­ter war der na­tio­na­li­sti­sche Walt­her Frei­herr von Lütt­witz, der 1919 bei der Er­mor­dung von Ro­sa Lu­xem­burg und Karl Lieb­knecht be­tei­ligt ge­we­sen war und als Mit­in­itia­tor des so­ge­nann­ten »Kapp-Put­sches« vom März 1920 gilt (ei­ni­ge Hi­sto­ri­ker be­zeich­nen ihn in­zwi­schen auch als »Lütt­witz-Kapp-Putsch«; En­zens­ber­ger sieht Kapp nur als Lütt­witz’ Stroh­mann). Ham­mer­stein war lan­ge auf die Pro­tek­ti­on des bein­har­ten Schwie­ger­va­ters an­ge­wie­sen, der die Ehe arg­wöh­nisch be­äug­te.

»Über­ste­hen, oh­ne zu ka­pi­tu­lie­ren«

War­um be­schäf­tigt sich je­mand wie En­zens­ber­ger mit die­ser Fa­mi­lie? In ei­ner sei­ner zahl­rei­chen po­stu­men Un­ter­hal­tun­gen mit Per­sön­lich­kei­ten aus der Ham­mer­stein-Fa­mi­lie und sei­nem Um­feld be­grün­det er die­se Ar­beit: Die Ge­schich­te Ih­rer Fa­mi­lie be­schäf­tigt mich, – En­zens­ber­ger ist im »Ge­spräch« mit Hel­ga von Ham­mer­stein, ei­ner Toch­ter (1913–2001) – weil sie viel dar­über sagt, wie man Hit­lers Herr­schaft über­ste­hen konn­te, oh­ne vor ihm zu ka­pi­tu­lie­ren.

Kurt von Ham­mer­stein und sei­ne Frau Ma­ria hat­ten sie­ben Kin­der, die zwi­schen 1908 und 1923 ge­bo­ren wur­den; vier Mäd­chen und drei Jun­gen (der Stamm­baum am En­de des Bu­ches ver­hin­dert Ver­wechs­lun­gen und ist nütz­lich). Die Er­zie­hung im Hau­se Ham­mer­stein ist aus­ge­spro­chen fort­schritt­lich; selbst für heu­ti­ge Zei­ten. Ham­mer­stein wird zi­tiert mit der Aus­sa­ge, sei­ne Kin­der wür­den zu »frei­en Re­pu­bli­ka­nern« er­zo­gen. Be­reits sehr früh hat­ten sie gro­sse Frei­hei­ten, was sich u. a. dar­an zeigt, dass ei­ne sei­ne Töch­ter vor­zei­tig die Schu­le ver­las­sen konn­te, weil sie es so woll­te.

Im Lau­fe des Bu­ches ver­la­gert sich na­tur­ge­mäss der Schwer­punkt auf die bio­gra­fi­schen Er­leb­nis­se der Kin­der, ins­be­son­de­re der 1908 ge­bo­re­nen Ma­rie Lui­se (ge­stor­ben 1999) und Hel­ga. Sie (und auch ein­ge­schränkt Ma­ria The­re­se) schlie­ssen sich sehr früh kom­mu­ni­sti­schen Par­tei­en und Or­ga­ni­sa­tio­nen an; fun­gie­ren teil­wei­se als »Spio­ne«. Die Ver­strickun­gen spe­zi­ell von Ma­rie Lui­se und Hel­ga in den kom­mu­ni­sti­schen Wi­der­stand und den sta­li­ni­sti­schen Säu­be­run­gen in Mos­kau wer­den de­tail­liert be­han­delt – in­klu­si­ve der Ver­wick­lun­gen, Ta­ten und Ver­fol­gun­gen der Ehe­män­ner und Freun­de der Ham­mer­stein-Töch­ter.

Das Ex­em­pel der Aus­nah­me?

Am En­de bi­lan­ziert En­zens­ber­ger noch ein­mal sei­ne Re­cher­chen und das In­ter­es­se an den Ham­mer­steins. An Hand der Ge­schich­te der Fa­mi­lie ha­ben sich auf klein­stem Raum al­le ent­schei­den­den Mo­ti­ve und Wi­der­sprü­che des deut­schen Ernst­falls wie­der­fin­den und dar­stel­len las­sen: von Hit­lers Griff nach der to­ta­len Macht bis zum deut­schen Tau­mel zwi­schen Ost und West, vom Un­ter­gang der Wei­ma­rer Re­pu­blik bis zum Schei­tern des Wi­der­stands, und von der An­zie­hungs­kraft der kom­mu­ni­sti­schen Uto­pie bis zum En­de des Kal­ten Krie­ges. Fast pa­the­tisch wird En­zens­ber­ger dann noch: Nicht zu­letzt han­delt die­se ex­em­pla­ri­sche deut­sche Ge­schich­te von den letz­ten Le­bens­zei­chen der deutsch-jü­di­schen Sym­bio­se – die An­zie­hun­gen ins­be­son­de­re von den Ham­mer­stein-Kin­dern in den 20er und 30er Jah­ren wer­den aus­gie­big ge­schil­dert – und da­von, dass es lan­ge vor den fe­mi­ni­sti­schen Be­we­gun­gen der letz­ten Jahr­zehn­te die Stär­ke der Frau­en war, von der das Über­le­ben der Über­le­ben­den ab­hing.

Ein we­nig spie­gelt die­ses klei­ne Res­u­mée das Pro­blem des Bu­ches: Für wen soll Ge­schich­te der Fa­mi­le ex­em­pla­risch sein? Al­le Ham­mer­stein-Kin­der wa­ren zeit­wei­se oder dau­ernd un­ter nicht un­we­sent­li­chen Ri­si­ken für das ei­ge­ne Le­ben in wi­der­ständ­li­chen Grup­pie­run­gen en­ga­giert. Das ist – lei­der – eben ge­nau nicht ex­em­pla­risch für deut­sche Fa­mi­li­en­ge­schich­ten – selbst in die­sen Krei­sen. Und was soll das Lob auf die Stär­ke der Frau­en in prä­fe­mi­ni­sti­schen Zei­ten? War das nicht in den 50er-Jah­ren in der »Trüm­mer­frau« schon Kon­sens – oh­ne ideo­lo­gi­scher Über­bau bzw. De­kon­struk­ti­ons­lust?

En­zens­ber­gers de­tail­rei­che Fa­mi­li­en­bio­gra­fie ist mä­an­dernd ge­schrie­ben; ei­ne Chro­no­lo­gie gibt es zwar, aber ent­spre­chend der vie­len Bre­chun­gen und si­mul­ta­nen Über­schnei­dun­gen ab der spä­ten 30er Jah­re ge­rät der Er­zähl­fluss ge­le­gent­lich ins Stocken – nicht zu­letzt auch durch die vie­len ein­ge­scho­be­nen li­te­ra­ri­schen Win­kel­zü­ge wie je­ne be­reits an­ge­spro­che­nen »po­stu­men Ge­sprä­che« oder den »Glos­sen«. Be­klem­mend und ge­lun­gen sind die Schil­de­run­gen des kom­mu­ni­sti­schen Wi­der­stands und des­sen Selbst­zer­flei­schung durch die di­ver­sen »Säu­be­run­gen«. Ins­be­son­de­re das Schick­sal von Hel­gas Mann Leo Roth (er wird 1937 in Russ­land er­mor­det) wird ein­drück­lich prä­sen­tiert. Man fühlt sich ein biss­chen an Hein­rich Bre­lo­ers Film über Her­bert Weh­ner und sei­ne be­klem­men­de, sze­ni­sche Dar­stel­lung des omi­nö­sen »Ho­tel Lux« er­in­nert (es kommt na­tür­lich in die­sem Buch ge­nau so vor wie Weh­ner). Wäh­rend aus Na­zi­deutsch­land die In­tel­li­genz er­mor­det oder ver­trie­ben wird, fü­si­liert sich der kom­mu­ni­sti­sche Wi­der­stand un­ter­ein­an­der auch noch sel­ber. Es sind die­se Sze­nen der merk­wür­di­gen ideo­lo­gi­schen Ver­bohrt­heit ei­ni­ger Funk­tio­nä­re, ver­mischt mit De­nun­zi­an­ten­tum und mes­sia­ni­schem Grö­ssen­wahn, der ei­nem nach Stu­di­um der zahl­rei­chen Quel­len (auch Ak­ten­zi­ta­te) ge­le­gent­lich Trau­er und Wut ob die­ser sinn­lo­sen und kon­tra­pro­duk­ti­ven »Ver­schwen­dung« der bril­lan­te­sten Köp­fe auf­kom­men lässt. In dem man sich der­art mit sich sel­ber be­schäf­tig­te, blieb oft ge­nug die Auf­merk­sam­keit auf den tat­säch­li­chen Feind aus.

Im Sti­le Bre­lo­ers

Nicht im­mer ver­mag man der Ob­jek­ti­vi­tät des En­zens­ber­ger­schen Schlus­ses glau­ben – zu poin­tiert, zu hä­misch manch­mal sei­ne Sei­ten­hie­be. Da­bei soll die­ses Buch aus­drück­lich nicht als Ro­man ver­stan­den wer­den. Am ehe­sten kommt ei­nem noch die Ka­te­go­ri­sie­rung »Do­ku-Dra­ma« in den Sinn, so­zu­sa­gen Bre­lo­ers Tech­nik vom Fern­se­hen auf das Buch über­tra­gend. Dies je­doch wür­de be­deu­ten, dass die noch le­ben­den Per­so­nen der da­ma­li­gen Er­eig­nis­se, al­so noch zwei Ham­mer­stein-Kin­der (ein drit­tes, Kun­rat, starb 2007) di­rekt in Ge­sprä­chen zu Wort ge­kom­men wä­ren. Das ist aber nicht der Fall und En­zens­ber­ger be­rich­tet in der letz­ten Glos­se ex­pli­zit, dies sei ab­sicht­lich und auf aus­drück­li­chen Wunsch der Be­tei­lig­ten ge­sche­hen – um dann we­ni­ge Sei­ten spä­ter ge­nau de­nen sei­nen Dank aus­zu­spre­chen, die ihm nicht nur ih­re Pho­to­gra­phi­en, – das Buch hat fast 70 Bil­der – son­dern auch ih­re Er­in­ne­run­gen an­ver­traut ha­ben. Hier­durch wird nicht im­mer deut­lich, was En­zens­ber­ger nun di­rekt aus er­ster Hand er­fah­ren hat, und was an­de­ren Über­lie­fe­run­gen zu­fol­ge auf­ge­schrie­ben wur­de.

Ei­nen pe­ri­phe­ren Über­blick be­kommt man zu­sätz­lich über ei­ni­ge bis­her nicht un­be­dingt im Ram­pen­licht ste­hen­de Prot­ago­ni­sten des Wi­der­stands (bei­spiels­wei­se Wer­ner von Al­vens­le­ben; Carl-Hans Graf von Har­den­berg) mit de­nen Kurt von Ham­mer­stein zu Leb­zei­ten in Kon­takt stand.

Fast mit­lei­dig blickt En­zens­ber­ger auf je­ne, die nach 1945 qua­si von der ei­nen Dik­ta­tur in die an­de­re »ge­flüch­tet« sind und dort ideo­lo­gi­sche Hei­mat such­ten. Hier ist der Ton fast schon de­spek­tier­lich, als sei die Ver­ir­rung, die man heu­te im Wis­sen um die sta­li­ni­sti­schen Ver­bre­chen durch­aus ver­ur­tei­len kann, nicht aus den Zeit­läuf­ten und Er­eig­nis­sen her­aus min­de­stens er­klär­bar.

Ein biss­chen scheint die­ses Buch ei­ner­seits be­ru­hi­gend, an­de­rer­seits auf­rüh­rend ge­meint zu sein, und zwar ins­be­son­de­re an die Ge­nera­ti­on der »Flak­hel­fer« (En­zens­ber­ger ist 1929 ge­bo­ren). Be­ru­hi­gend da­hin­ge­hend, dass es al­so durch­aus auch im ari­sto­kra­tisch-bür­ger­li­chen La­ger ei­nen Wi­der­stand jen­seits der gän­gi­gen Ge­schichts­schrei­bung gab. Und auf­rüh­rend da­hin­ge­hend, dass dies oh­ne per se dem To­de ge­weiht ge­we­sen zu sein sehr wohl mög­lich war. Und so kann das Mot­to des Bu­ches, Kurt von Ham­mer­steins knap­pe, ein we­nig skur­ri­le, aber dann doch un­ge­mein tref­fen­de Sen­tenz »Angst ist kei­ne Welt­an­schau­ung« als Hand­lungs­ma­xi­me ver­stan­den wer­den, die, wä­re sie mehr be­her­zigt wor­den (nicht zu­letzt auch von ihm sel­ber), nicht zu mil­lio­nen­fa­chem Leid ge­führt hät­te.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dan­ke für den Link
    In­ter­es­sant En­zens­ber­gers Aus­sa­ge »Ich woll­te oh­ne Fik­ti­on aus­kom­men. Der Le­ser muss sich auf mei­nen Be­richt ver­las­sen kön­nen«. Und we­nig spä­ter dann: »Die Glos­sen und die Ge­sprä­che muss ich auf mei­ne Kap­pe neh­men.«

    Löb­lich, dass er das im Buch sehr deut­lich trennt. Die Au­then­ti­zi­tät der vor­ge­brach­ten Do­ku­men­te kann der Le­ser schlecht kon­trol­lie­ren. Ge­le­gent­lich kor­ri­giert HME fal­sche Zah­len oder Fak­ten, in dem er die rich­ti­gen in Pa­ren­the­se setzt. Manch­mal lässt er es aber auch.

    Sei­ne Aus­sa­gen zur ‘Wei­ma­rer Re­pu­blik’ sind – auch in dem In­ter­view – reich­lich flach.

  2. »Angst ist kei­ne Welt­an­schau­ung«
    ... wird aber of­fen­sicht­lich sehr als Be­tei­lig­te an den di­ver­sen Welt­bil­dern un­ter­schätzt.

    (Ich weiß, das ge­hört hier nicht hin, ich woll­te Sie aber auf je­den Fall drauf auf­merk­sam ma­chen, für den Fall, dass es sonst über­se­hen wür­de. Und auf noch nicht be­stimm­ba­re Wei­se pass­te es auch wie­der­um. Oder? Die­se »Al­ten« de­fi­nie­ren ja ger­ne die De­ka­denz der an­de­ren...)

  3. Ich ha­be dei­nen Text jetzt nicht zu En­de ge­le­sen, aber er hat mich auf das Buch neu­gie­rig ge­macht. Wer­de le­sen und dann hier­her zurückkehren.Vielen Dank für den Tipp!

  4. Ich bin der Groß-En­kel müt­ter­li­cher­seits, des in H.M. En­zens­ber­gers HAMMERSTEIN [wie so vie­les, be­son­ders der gan­ze deut­sche Wi­der­stand] nicht in die rich­ti­gen oder ge­nü­gen­dem Ver­bin­dun­gen ge­brach­ten Wer­ner von Al­vens­le­ben [Neu­gat­ters­le­ben] „Go-Bet­ween« von Schlei­cher zu H., des­sen Idee, zur heik­len Zeit 1933. http://en.wikipedia.org/wiki/Werner_von_Alvensleben

    Es soll­te die Pots­da­mer Gar­ni­son auf Marsch ge­schickt wer­den um das Un­wohl, die Per­ver­tie­rung al­ler Wer­te zu ver­hin­dern, ei­ne Vor­stel­lung die H. in gro­ssen Schrecken ver­setz­te. Der Opa war, wie ich schon im Al­ter von vier Jah­ren er­fuhr, ein Witz­bold, wäh­rend ei­nes Er­leb­nis­ses das ei­nes mei­ner wich­tig­sten „screen me­mo­ries« wer­den wür­de – Weih­nach­ten 1941. Wie Freud so tref­fend be­merkt: es gibt kei­ne gu­ten Wit­ze. Der Opa fand der Witz­bol­de zu we­ni­ge (wie ich zu an­de­rer Zeit). Die Welt lei­det an Hu­mor­lo­sig­keit, das heisst an zu we­nig Phan­ta­sie. Au­ßer­dem kön­nen Un­hol­de von über­all auf­tau­chen. Die­ser Groß­va­ter stand auch des­we­gen auf der Li­ste der zu Er­mor­den­den am Wo­chen­en­de der „lan­gen Na­zi Mes­ser« in 1934. Ham­mer­stein hat zur ent­schei­den­den Stun­de nicht funk­tio­niert, wie die gan­ze an­geb­li­che Eli­te.
    Hät­te der Opa-Freund, der Po­li­zei­prä­si­dent von der Mark Bran­den­burg und Ber­lin, Graf von Hell­dorf [er war Freund, nicht nur Jagd­kum­pa­ne? ich er­su­che die­se Fa­mi­lie schon seit Jah­ren um Aus­kunft], auch Lei­ter der SA dort, dem Opa nicht emp­foh­len sich doch mal auf die Jagd­hüt­te zu be­ge­ben, wä­re der Opa und nicht nur Schlei­cher und des­sen Ad­ju­tant die­sen Mes­sern er­le­gen. Der Opa war auch der „ge­wis­se Herr von A« den H. bei sei­ner An­spra­che nach der an­geb­li­chen Ver­hin­de­rung des Put­sches, als an­geb­li­chen An­stif­ter des ver­hin­der­ten Put­sches nann­te, viel­leicht zu Recht wenn man Wit­ze Ernst nimmt – Hit­ler als Putsch-Ver­hin­de­rer, die Chuz­pe, die Schmach, wer nahm ihm das ab?! Der Or­ga­ni­sa­tor die­ser „lan­gen Mes­ser«, die­ser In­sze­nie­rung ei­ner „Ver­hin­de­rung«, scheint – um den Rest der Macht den sie noch nicht hat­ten an sich zu rei­ssen und den so­zia­li­sti­schen Teil der NSDAP zu ver­nich­ten – aber kein an­de­rer ge­we­sen zu sein als der Ret­ter des Opas, der schil­lernd­ste der Scher­gen, der sel­be Graf von Hell­dorf, der auch den Reichs­tags­brand or­ga­ni­sier­te. Ham­mer­stein stand nicht auf der Li­ste. Mög­li­cher­wei­se war es auch Graf von Hell­dorf, Ul­tra-Na­tio­na­list, der es die Voll­streckung des To­des­ur­teils über den Opa ver­hin­der­te und auf „le­bens­läng­lich« er­nied­rig­te, und das le­bens­läng­lich auf vier ver­schie­de­ne lan­ge Vi­si­ten in deut­schen KZs, sonst hät­ten sich in mei­ner Psy­che auch nicht ge­wis­sen Über­tra­gun­gen er­eig­net um Weih­nach­ten 1941 her­um.
    Graf von Hell­dorf war schon beim Kapp Putsch da­bei; dann, ab 1938, dem Wi­der­stand deut­scher Of­fi­zie­re zu­ge­hö­rig, und kurz nach dem 20. Ju­li hin­ge­rich­tet, im nach­hin­ein ei­ner der schil­lernd­sten Fi­gu­ren; sei­ne Rol­le jetzt eher un­be­leuch­tet. Ich wun­de­re mich auch, dass der Opa dann, im Herbst 1944, nur zu zwei wei­te­ren Jah­ren von dem »Volks«-Gerichtshof ver­ur­teilt wur­de [er und Ot­to Pech­el, mit dem er zu­sam­men vor Ge­richt stand, und mit Gla­cé­hand­schu­hen an­ge­fasst wur­de, wenn man dem­entspre­chen­des mit Guantánamo-»Verhandlungen« ver­gleicht – der Bü­ro­kra­tie sei Dank, dass al­les schrift­lich fest­ge­hal­ten wur­de]. Dann wur­de er von den Ame­ri­ka­nern im April 1945 ent­we­der in Mag­de­burg oder Bu­chen­wald be­freit – aber in ei­nem Zu­stand, dass er zeit­le­bens sei­nen nack­ten Rücken we­der sei­ner Frau noch mei­ner Mut­ter wag­te zu zei­gen. 1947 las ich ei­ne Be­schrei­bung des­sen, was ihm da an­ge­tan wur­de. Es er­zeug­te ein Zucken in mir und war An­lass (ne­ben fa­mi­liä­ren Grün­den), das Mär­chen­mör­der­land schnell­stens zu ver­las­sen.
    Mit sol­chem Fa­mi­li­en­hin­ter­grund ist es nicht zu er­staun­lich, dass ich mich für die­se Ge­schich­te dann in­ter­es­sier­te und in den spä­ten 60er Jah­ren viel Zeit in In­sti­tu­ten und Ar­chi­ven al­ler Art ver­brach­te, um ei­ne Bio­gra­phie von Oberst Kurt Grosskurt zu ver­su­chen. Grosskurt, ein Pa­sto­ren­sohn aus Bre­men, Ca­na­ris’ Ab­wehr zu­ge­hö­rig [wie auch mei­ne ei­ge­nen El­tern ab 1934], in Sta­lin­grad in Ge­fan­gen­schaft, und dort ver­stor­ben. Er in­ter­es­sier­te mich, da sei­ne Mo­ti­va­tio­nen au­sser »Eh­re« und Mut­ter- und Va­ter­lands­lie­be oder Kan­ti­scher Ethik lag.
    Wäh­rend die­ser sehr ent­täu­schen­den Re­cher­chen tauch­te der Na­me Hamm­mer­stein aber nur am Rand auf – wie es sich ja auch ge­hört. „Die Deut­schen soll­ten ih­re Sup­pe dann mal selbst aus­löf­feln,« wenn er das wirk­lich sag­te, ist doch ei­ne der un­ge­hö­rig­sten gräss­lich­sten Sät­ze die ich seit lan­ger Zeit zu le­sen be­kam. Wie konn­te man denn ei­ne Ban­de, die schon seit zehn Jah­ren in­tern mor­de­te, an die Macht kom­men las­sen oh­ne zu wis­sen, dass so macht- und blut­rün­sti­ge nie da­von wie­der ab­las­sen wür­den? Was ist die Schuld „der Deut­schen« am Reichs­tags­brand und and der „Nacht der Lan­gen Mes­ser«? –
    Au­sser dem Of­fi­ziers­korps und der an­geb­li­chen Eli­te ist viel­leicht die deut­sche Ju­stiz Schuld, die es nicht wag­te, sich auf­zu­leh­nen. Aber ein Volk kann doch nicht da­für schul­dig ge­spro­chen wer­den dass es über­rum­pelt wird-. Die tref­fend­ste For­mu­lie­rung über Na­zi- Deutsch­land in den 30er Jah­ren für mich stammt von je­man­dem der trotz all sei­nem Frank­reich-Hass Fran­zo­se blieb, dem Dieb and Pro­sti­tu­ier­ten, dann spä­ter gro­ssen Schrift­stel­ler Jean Ge­net der, als er sich von Po­len durch das Deutsch­land der 30er Jah­re zu­rück nach Frank­reich mo­gel­te, no­tier­te, dass Deutsch­land das al­ler­schlimm­ste sei, denn da gab es kei­nen Un­ter­schied mehr zwi­schen Kri­mi­na­li­tät und Po­li­zei [Jour­nal de Vo­leur].

    Es soll­te dann auch so kom­men, dass ich Herrn En­zens­ber­ger zu ei­ner Zeit gut ken­nen lern­te, als er­sten der wich­ti­gen deut­schen Nach­kriegs­schrift­stel­ler, in 1961 bei Ruth Lands­hof-York, ei­ner Ver­wand­ten des Fi­scher Ver­le­gers, Ber­mann. Und dann zwei Es­say- Samm­lun­gen („The Con­scious­ness In­du­stry« und „Po­li­tics und Crime«) über­setz­te und in New York ver­leg­te. Die Ein­füh­rung in das Werk von Nel­ly Sachs und von Bart­ha­lo­mew de las Ca­sas über­zeug­te mich am mei­sten vom die­sem so hoch in­tel­li­gen­ten We­sen der frü­hen Zeit, auch noch „Das Mau­so­le­um,« Wis­sen­schafts­bal­la­den. Au­ßer­dem soll­te es da­zu kom­men, dass ich kurz bei Sieg­fried Un­seld in der Klet­ten­berg­stra­sse wohn­te als E. und U., ein Hy­po­krit al­ter Schu­le, in furcht­ba­rem Streit ge­rit­ten über die Kurs­buch Num­mer von der Kom­mu­ne 2 wo E., wenn man so liest was er vor­gibt ge­we­sen zu sein, wohl als Voy­eur ei­ne Zeit lang hau­ste. Kurs­buch wur­de dann ein ei­ge­ner Ver­lag ei­ne Zeit lang. E. zer­fliesst ei­nem zwi­schen den Fin­gern wie er sich von Jahr zu Jahr­zehnt ver­wan­delt. „Ach so! Ich dach­te...“ In den frü­hen 70zigern hat­te E. der Li­te­ra­tur ab­ge­schwor­den , leb­ten in ei­nem lin­ken Wol­ken­land das Li­te­ra­tur über­flüs­sig mach­te! Dau­er­te dann aber nicht lan­ge bis man sich den „Sie­gern“ an­schloss! Un­ge­wo­ehn­li­ches Cha­me­le­on.
    Was mich – den die Familiengeschichte[n] dann ab Som­mer 1945 aus sei­nem Trau­men er­weck­te und per­ma­nent po­li­ti­sier­te – bei der er­sten Heim­kehr, Ade­nau­er­land 1957, er­staun­te war, dass das Land ein wie­der ein­ge­schlä­fer­tes war. Das trifft na­tür­lich nicht nur auf Deutsch­land zu – wir le­ben in dem per­ma­nen­ten Zu­stand, „ja was kann man schon tun.« Ob die kom­plet­te Per­ver­si­on al­ler Wer­te, die den Na­zis ge­lang, aus­ge­tilgt ist, scheint auch nicht der Fall.
    Ich bin im Be­griff die deut­schen Kind­heits­er­in­ne­run­gen [Die Idyl­li­schen Jah­re 1944–1947: Kei­ne Iro­nie] in ei­nem von ei­nem ima­gi­nä­ren al­ten Psy­cho­ana­ly­ti­ker er­zähl­ten Ro­man ein­zu­bau­en, wo ich mich als ei­ge­nen Fall be­hand­le, zwar auf Eng­lisch, dass ich dann mit ei­nem Freund auch ins Deut­sche über­set­zen wer­de. Er­leb­nis­per­spek­ti­ve an­de­rer Art.

  5. »Der Held Ta­ten­los« nennt Götz Aly sei­ne pro­fun­de und star­ke Kri­tik in der Süd­deut­schen. Sehr le­sens­wert.

    Das Li­te­ra­tur­feuil­le­ton sol­te sich m. E. sol­cher Kri­ti­ken nicht an­neh­men, wenn sie nicht ge­nug von den hi­sto­ri­schen Zu­sam­men­hän­gen ver­ste­hen (wie z. B. Ina Hart­wig, die das Buch als »Coup« ver­klärt).

  6. Seit der Schul­zeit hat­te ich En­zens­ber­ger ge­hasst. Wahr­schein­lich lag es am Ton­fall der links­in­t­e­lek­tu­el­len Leh­rer, die da­bei die­ses für Ju­gend­li­che so wi­der­wär­ti­ge Päd­ago­gi­sche aus­strahl­ten. Spä­ter ha­be ich die Lücke dann zö­gernd und mit spit­zen Fin­gern ge­schlos­sen. Nach dem Aus­bruch des Irak­krie­ges ha­be ich mich mit ei­nem »Sieh­ste« dann wie­der in mei­nen Vor­ur­tei­len be­stä­tigt ge­se­hen.

    Das Ham­mer­stein-Buch hört sich aber recht ver­lockend an (s.auch Buch der Wo­che im DLF Text/MP3). Seit dem Na­dol­ny-Buch über die Ull­steins ha­be ich wie­der Ge­schmack am hi­sto­ri­schen Su­jet ge­fun­den.

  7. Zu­nächst: Sehr le­sens­wer­te Re­zen­si­on!
    (Klei­ner Schön­heits­feh­ler, m.E.: H i n r i c h t u n g Kurt von Schlei­chers? Das war doch kei­ne le­ga­le Tö­tung. [Es sei denn, man folgt Carl Schmitt.]
    – So­dann, Tipp­feh­ler am En­de ...Karl von Ham­mer­steins knap­pe, ein we­nig skur­ri­le...)

    Was mich neu­gie­rig mach­te, war die Aus­sicht, bei HME et­was zur Kon­ti­nui­tät von Eli­ten im Deutsch­land des 20. Jahr­hun­derts zu er­fah­ren. Da­von weiß ich zu we­nig, was sich be­merk­bar macht:
    Ob’s die Über­ra­schung ist, in der Wi­ki­pe­dia zu le­sen, dass EKD-Chef­bi­schof Wolf­gang Hu­ber der Sohn des NS-ver­strick­ten Ju­ri­sten Ernst Ru­dolf Hu­ber ist, oder das lei­se Er­stau­nen, in der To­des­an­zei­ge von Do­ro­thee Söl­le die Na­men Nip­per­dey und Tol­mein zu fin­den – mit­un­ter tun sich schlag­licht­ar­tig klei­ne Kno­ten ei­nes Netz­werks auf, das sich frü­her Eli­te nann­te.

    Ich wünsch­te mir mehr Lek­tü­ren von der Art Ul­rich Her­berts »Best. Bio­gra­phi­sche Stu­di­en über Ra­di­ka­lis­mus, Welt­an­schau­ung und Ver­nunft 1903–1989« – HME’s Ham­mer­stein lei­stet lei­der nichts Gleich­ran­gi­ges: Ei­ni­ge Ver­strickun­gen wer­den zwar auf­ge­deckt, ih­re hi­sto­ri­sche Be­wer­tung bleibt aber ein we­nig knö­de­lig. Die Ham­mer­stein-Lek­tü­re war eher ei­nes je­ner Schlag­lich­ter, we­ni­ger Auf­klä­rung a la Her­berts »Best«.

  8. Nicht der Tipp­feh­ler an sich ist pein­lich, son­dern das er mir (und an­de­ren) in drei­ein­halb Mo­na­ten nicht auf­ge­fal­len ist. Dan­ke für den Hin­weis – ich ha­be es kor­ri­giert.

    En­zens­ber­gers Buch ist si­cher­lich nicht als wis­sen­schaft­lich-hi­sto­ri­sches Werk zu se­hen. Er sel­ber lehnt ei­ne sol­che Ru­bri­zie­rung ja ab. Hier­in liegt – mei­nes Er­ach­tens – ein zu­sätz­li­cher Schwach­punkt: Ent­we­der das Buch will Er­zäh­lung, oder Ro­man sein – oder er wälzt Ak­ten in Ar­chi­ven. En­zens­ber­ger will ein biss­chen von bei­dem – und da­durch ge­rät das al­les ein biss­chen ober­fläch­lich. Gro­ssen Tei­len des Feuil­le­tons recht das aber – was ja auch ei­ni­ges über das Feuil­le­ton aus­sagt.

  9. Um knapp vier­ein­halb Jah­re zu spät ha­be ich die­ses Buch in die Hän­de be­kom­men und ger­ne ge­le­sen. Dan­ke für Ih­re sehr aus­führ­li­che Re­zen­si­on.

    Ich fra­ge mich im­mer wie­der, war­um ge­ra­de an­hand ei­nes sol­chen Bu­ches die Fra­ge dis­ku­tiert wird, ‘was ist wirk­lich ge­sche­hen?’. We­der in den Ar­chi­ven des NKWD, noch im Bun­des­ar­chiv oder in den Er­in­ne­run­gen der heu­te noch Le­ben­den sind doch rei­ne Wahr­hei­ten zu fin­den. So wie der Ur­en­kel hier schreibt, das deut­sche Volk sei von den Na­zis (ei­ner Ban­de) über­rum­pelt wor­den?

    Rich­tig fin­de ich aber die Fra­ge, ob die Wei­ma­rer Re­pu­blik tat­säch­lich wie von En­zens­ber­ger und den Geg­nern der Re­pu­blik als vom Bür­ger­krieg auf­ge­fres­se­ne Ge­sell­schaft be­schrie­ben wer­den kann. Wie Det­lev Peu­kert wür­de ich eher sa­gen, das En­de der Re­pu­blik stand eben nicht von Be­ginn an und auch von von 1929 oder 1932 an fest. Das ‘deut­sche Volk’ hat sie sich auf­lö­sen las­sen und dem Füh­rer den Vor­zug ge­ge­ben.

    Hier et­was aus­führ­li­cher zu En­zens­ber­gers Buch, den Ham­mer­steins und ei­ner Po­li­tik des Ei­gen­sinns.

  10. @Kim Ber­ra
    Vie­len Dank für Ih­ren Kom­men­tar und den Link zu Ih­rem Text. Die auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge, war­um nach dem Wirk­lich­keits­be­zug ge­fragt wird, ist m. E. ein­fach zu be­ant­wor­ten: Weil er in ei­nem sol­chen Buch be­haup­tet wird. Auch in den Pas­sa­gen, in de­nen En­zens­ber­ger phan­ta­siert und er­zählt be­zieht er sich auf die (ver­meint­li­chen) hi­sto­ri­schen Fak­ten (die tat­säch­lich jen­seits ir­gend­wel­cher Ge­heim- und/oder Spit­zel­dien­ste lie­gen). An­son­sten soll­te er auch sein Buch um­be­nen­nen und für Ham­mer­stein und die an­de­ren Prot­ago­ni­sten fik­ti­ve Na­men er­fin­den.

    En­zens­ber­gers Buch ist das, was man ei­ne »Do­ku-Fic­tion« nen­nen könn­te. Die Ge­fahr in die­sem »For­mat« be­steht dar­in, dass man Le­gen­den­bil­dung durch Le­gen­den­bil­dung be­för­dert, er­setzt oder for­ciert.