Xaver Bayer: Heute könnte ein glücklicher Tag seinDer Ich-Erzähler in »Heute könnte ein glücklicher Tag sein« bleibt namenlos. Er ist Student, wohnt in Wien (was ist deprimierender als Wien?), aber man erfährt nicht, was er studiert. Da ziemlich viel von Literatur die Rede ist und eine melancholische Faszination für das Bild des toten Robert Walser im Schnee besteht, vermutet man irgendwann, dass es Literatur oder Germanistik ist. Die Vorlesungen besucht er so gut wie nie. Sein Lernplan ist chaotisch; selbstgesteckte Ziele hält er nicht ein. Trotzdem macht der die »Scheine« und ist irgendwann fertig. Er beginnt seine Diplomarbeit, die jedoch von seinem »Betreuer« als essayistisch und nicht wissenschaftlich genug abgelehnt wird. Wie es dann weitergeht, bleibt unausgesprochen.
Zwar nimmt er sporadisch monatsweise Jobs an, aber die ökonomische Versorgung ist nebulös. Er geht sehr oft aus, konsumiert Alkohol und Drogen in beträchtlichem Ausmass; unterhält ein Auto und reist gelegentlich. Es bleibt unklar, wie er diesen Lebenswandel finanziert.
Hier äusserte ich am Rande eine Kritik an dem (wie ich finde grässlichen) Anglizismus »Reading Room«, den die FAZ für ihren neu geschaffenes Bücherforum verwendet. Nun, es interessiert die FAZ natürlich nicht, wenn sich unsereiner von diesem Begriff geradezu angeekelt fühlt.
Nach Jonathan Littells »Die Wohlgesinnten« und Martins Walsers »Ein liebender Mann« wird nun Jutta Limbachs Buch »Hat Deutsch eine Zukunft« (mit der emphatisch überschriebenen Einführung »Mehr Deutsch wagen«) vorgestellt und die Thesen der Autorin diskutiert. Fast logisch, dass sich irgendwann die Frage stellt, warum man den englischen Ausdruck »Reading Room« verwendet und kein deutsches Wort finden wollte. Löblich, dass die FAZ dies nun seit dem 02. Mai mit Lesern diskutiert – mit dem merkwürdigen Untertitel in der Fragestellung: »Darf dieses Forum ‘Reading Room’ heissen?«
Merkwürdig deshalb, weil es kaum um ein »dürfen« geht – eher um ein »müssen«. Immerhin, es darf diskutiert werden. Wie schon vorher ist der Aufwand beträchtlich, die Software sehr gut. Die Beiträge werden moderiert – das ist bei der FAZ üblich. Bis zum 10. Mai will man Stimmen sammeln.
Bayern München hat gestern das UEFA-Pokal Halbfinalspiel gegen Zenit St. Petersburg mit 4:0 verloren. Ein desaströses Ergebnis – gerade, wenn man das Spiel gesehen hat und die Art und Weise, wie man vorgeführt wurde. Den »Tagesthemen« war diese Niederlage der Aufmacher wert. Die Anmoderation von Caren Miosga kann man allerdings als reichlich tendenziös bezeichnen: Bayern München habe auch noch gegen Zenit St. Petersburg verloren, ein Verein, der bis vor kurzer Zeit noch keinen wirklichen Namen gehabt habe und von höchster staatlicher Stelle viel rausgesponsert werde, und zwar vom reichen Gasproduzenten »Gazprom« (übrigens auch Sponsor von Schalke 04). Zenit sei ein Verein von Putins Gnaden und der neue Präsident Medwedew sei noch ein viel grösserer Fan (wow). Frau Miosga kann die Pejorationen kaum noch zügeln.
Gedanken zu Kommentaren in Blogs am Beispiel und mit Hilfe von Stefan Niggemeier
Warum kommentiert man auf Blogs? Was sind die Beweggründe derer, sich in teilweise zähen Wortgefechten mit Leuten streiten, die sie (in der Regel) nicht kennen und vermutlich auch niemals kennenlernen werden? Mitte März stellte Stefan Niggemeier diese Frage auf seinem Blog – vielleicht um herauszufinden, wie die Leute »gestrickt« sind, aber auch, um Material für seinen Artikel in der FASZ zu erhalten.
Sehr wohl war mir aufgefallen, dass Niggemeier die Kommentare auf seinem Blog mit einer offenbar zunehmenden Ambivalenz betrachtete. Seit einiger Zeit kann man diese sogar »abschalten«.
Die Philologisierung des Werkes von Peter Handke schreitet voran. Nach der Veröffentlichung des Briefwechsels mit Nicolas Born im Jahr 2005 und – ein Jahr später – Hermann Lenz nun die Publikation der Korrespondenz zwischen Freunden, die noch am Leben sind (Alfred Kolleritsch).
Peter Handke / Alfred Kolleritsch: Schönheit ist die erste Bürgerpflicht
Diese ist zunächst einmal für den werkinteressierten und ein bisschen kundigen Leser von Bedeutung, aber obendrein für den durch E‑Mail oder SMS inzwischen dem Briefschreiben entwöhnten Zeitgenossen. So ist dieser Briefwechsel zwischen Alfred Kolleritsch (geboren 1931) und dem elf Jahre jüngeren Handke zusätzlich ein Dokument einer schwindenden Kulturtechnik – einer Kulturtechnik des Wortes, der Nuance, der Albernheit, der Ernsthaftigkeit, der Schwermut (und auch des Nachschauens im Briefkasten ob der sehnsuchtsvoll erwarteten Antwort).
Viele der – man ahnt es im Verlauf des Buches – schönen, ja: reichen Briefe Kolleritschs sind nicht mehr da (der Verlust wohl Handkes zahlreichen Umzügen geschuldet), so dass die Korrespondenz von Peter Handke eine Überzahl bilden. Manchmal kann man aufgrund der Antworten ein bisschen erahnen, was wohl im Brief gestanden haben mag – später, wenn dann auch Kolleritsch-Briefe abgedruckt sind, merkt man, dass man diesen Stil dann vermisst.
Ein Buch mit einem geradezu kathedralen Überbau: »Reading-Room« der FAZ (ein hässlicher Anglizismus – dennoch: hörenswert das Lesen von Christian Berkel), Marginalienband mit Interviews, Graphiken und textinterpretatorischem Rüstzeug, eigene Webseite (noch ausführlichere Dokumente als im Marginalienband), und fast jedes Feuilleton äussert sich. Und wenn man das Buch mit seinen fast 1.400 Seiten vor sich liegen hat und in den Händen wiegt, dann fragt man sich, ob die Erwartungen ob dieses Monumentalismus überhaupt eingelöst werden können. Oder ob da nicht ein Autor Opfer seiner eigenen Hybris wird.
Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten
»Die Wohlgesinnten« sind die fiktiven Memoiren von Dr. Maximillian Aue, Jahrgang 1913, deutsch-französischer Herkunft, promovierter Jurist und am Ende, 1945, SS-Obersturmbannführer. Aue ist Ich-Erzähler, was als »neu« in Bezug auf die »Täterperspektive« hingestellt wird. Das stimmt in dieser Absolutheit natürlich nicht und wird nicht besser, in dem man es dauernd wiederholt. Jeder zweite Krimi schiebt heutzutage den Täter und dessen Motivation in den Vordergrund – meist als Brechung zum Alltag des Kommissars. Hinsichtlich der Shoa stimmt das auch nicht. Man kann nicht so tun, als sei die »Sprache der Täter« zu erfinden. Es gibt sie längst – sowohl im Original, als auch in zahlreichen Fiktionen, die längst in die Weltliteratur und ‑dramatik eingeflossen sind.
Wolfgang Kraushaar: Achtundsechzig – Eine Bilanz
Wolfgang Kraushaar legt mit seinem Buch »Achtundsechzig – Eine Bilanz« eine kritische Würdigung der deutschen utopistischen Studenten- und Gesellschaftssubkultur von ungefähr 1967 an vor. In einem ausführlichen Prolog dokumentiert er zunächst die Wurzeln der studentischen Proteste Mitteleuropas in der US-amerikanischen »Beat-Generation«-Bewegung ausgehend von den Literaten Burroughs, Kerouac und Ginsberg Mitte der 50er Jahre über die »Flower-Power«- und Hippie-Ära, die dort Mitte der 60er Jahre als zunächst gesellschaftliche Protest- und sexueller Befreiungsbewegung und – pauschal betrachtet – Kapitalismusverweigerung aufkam (und bereits im Herbst 1967 versandete) bis zum politisierten Anti-Vietnam-Protest und der militanten »Black Power«-Gruppierung Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre.
Diese ersten rund 40 Seiten zeigen, dass der intellektuelle und studentische Protest, der sich Ende der 60er Jahre in Deutschland (aber auch anderen europäischen Ländern wie Frankreich und Italien) zeigte, nicht ohne Vorgeschichte war, wobei Kraushaar nicht explizit darauf eingeht, wieviel Inspiration importiert wurde. Der weitere Verlauf des Buches zeigt, dass es neben dem Vietnamkrieg-Protest, einer Neudefinition des Sexuellen (stark angelehnt an Wilhelm Reich, der zum Guru wurde) und dem später reichlich praktizierten Drogenkonsum kaum Parallelen gab. Das oft spielerische der amerikanischen Hippiebewegung beispielsweise war den zumeist bierernsten und fränkischen Akteuren, die von einer protestantisch geprägten Moralität speziell in Deutschland durchdrungen schienen, ziemlich fremd.
Götz Aly: Unser Kampf 1968 – Ein irritierter Blick zurück
Eine Philippika. Eine Anklage. Eine Selbstbezichtigung. Eine kalkulierte Provokation? Götz Alys »Unser Kampf 1968« (im Schmutztitel: »Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück«) kommt vor allem auf den ersten Seiten mit schier atemlosen Furor daher.
Da ist von luxorierenden Jugendexistenzen die Rede, die bis ins hohe Alter ihre Mythen pflegen. Oder vom Parasitenstolz einer Generation, die ihre revolutionsselige Sturm- und Drangzeit als Geschichte einer besseren Heilsarmee verklärt und sich noch heute rühmt, seinerzeit Sozialhilfe erschlichen zu haben. Che und Meinhof als Maskottchen eines Sentimentalstalinismus.
Am Anfang zerpflückt Aly mit polemisch-scharfen Wortkaskaden das mythische Geraune jener Altachtundsechziger, zu denen er sich selber zählt (und woran er keinen Zweifel lässt), die sich heute ein Ferienhaus in der Toskana gönnen, mit der ihnen eigenen, selbstgerechten Hochnäsigkeit (allerdings grundlos) auf die DDR-Intelligenz hinunterschauen, die sie selber 1990 »abgewickelt« haben, um – endlich! – in den Genuss der seit langem ersehnten Pöstchen zu kommen: Die verspielten Wohlstandsrevoluzzer hatten ihre Umsturzphantasien nie zur Tat werden lassen. Jetzt profitierten sie vom Umsturz der Anderen.Die untergegangene DDR konfrontierte die Achtundsechziger – nicht zuletzt mit ihren marxologischen Formulierungen – an vergangene Zeiten, die sie für sich schon längst überwunden hatten. Die Westlinken waren angeekelt von diesem déjà-vu ihrer eigenen Unzulänglichkeiten. Die Ostdeutschen hielten den Spiegel parat, in dem sie [die Westlinken], falls sie nicht einfach wegsahen, vor allem eines erkennen mussten: den totalitären Charakter ihrer früheren Weltanschauung.