Götz Aly: Un­ser Kampf 1968 – ein ir­ri­tier­ter Blick zu­rück

Götz Aly: Unser Kampf 1968 - Ein irritierter Blick zurück

Götz Aly: Un­ser Kampf 1968 – Ein ir­ri­tier­ter Blick zu­rück

Ei­ne Phil­ip­pi­ka. Ei­ne An­kla­ge. Ei­ne Selbst­be­zich­ti­gung. Ei­ne kal­ku­lier­te Pro­vo­ka­ti­on? Götz Alys »Un­ser Kampf 1968« (im Schmutz­ti­tel: »Un­ser Kampf 1968 – ein ir­ri­tier­ter Blick zu­rück«) kommt vor al­lem auf den er­sten Sei­ten mit schier atem­lo­sen Fu­ror da­her.

Da ist von lu­xo­rie­ren­den Ju­gend­exi­sten­zen die Re­de, die bis ins ho­he Al­ter ih­re My­then pfle­gen. Oder vom Pa­ra­si­ten­stolz ei­ner Ge­ne­ra­ti­on, die ih­re re­vo­lu­ti­ons­se­li­ge Sturm- und Drang­zeit als Ge­schich­te ei­ner bes­se­ren Heils­ar­mee ver­klärt und sich noch heu­te rühmt, sei­ner­zeit So­zi­al­hil­fe er­schli­chen zu ha­ben. Che und Mein­hof als Mas­kott­chen ei­nes Sen­ti­men­tal­sta­li­nis­mus.

Am An­fang zer­pflückt Aly mit po­le­misch-schar­fen Wort­kas­ka­den das my­thi­sche Ge­rau­ne je­ner Alt­acht­und­sech­zi­ger, zu de­nen er sich sel­ber zählt (und wor­an er kei­nen Zwei­fel lässt), die sich heu­te ein Fe­ri­en­haus in der Tos­ka­na gön­nen, mit der ih­nen ei­ge­nen, selbst­ge­rech­ten Hoch­nä­sig­keit (al­ler­dings grund­los) auf die DDR-In­tel­li­genz hin­un­ter­schau­en, die sie sel­ber 1990 »ab­ge­wickelt« ha­ben, um – end­lich! – in den Ge­nuss der seit lan­gem er­sehn­ten Pöst­chen zu kom­men: Die ver­spiel­ten Wohl­stands­re­vo­luz­zer hat­ten ih­re Um­sturz­phan­ta­sien nie zur Tat wer­den las­sen. Jetzt pro­fi­tier­ten sie vom Um­sturz der An­de­ren.Die un­ter­ge­gan­ge­ne DDR kon­fron­tier­te die Acht­und­sech­zi­ger – nicht zu­letzt mit ih­ren mar­xolo­gi­schen For­mu­lie­run­gen – an ver­gan­ge­ne Zei­ten, die sie für sich schon längst über­wun­den hat­ten. Die West­lin­ken wa­ren an­ge­ekelt von die­sem dé­jà-vu ih­rer ei­ge­nen Un­zu­läng­lich­kei­ten. Die Ost­deut­schen hiel­ten den Spie­gel pa­rat, in dem sie [die West­lin­ken], falls sie nicht ein­fach weg­sa­hen, vor al­lem ei­nes er­ken­nen muss­ten: den to­ta­li­tä­ren Cha­rak­ter ih­rer frü­he­ren Welt­an­schau­ung.

Aly mit­ten­drin

Der Au­tor hat we­nig Schmei­cheln­des für die alt­ge­wor­de­nen Sa­lon­lin­ken üb­rig, die ih­re po­li­tisch-ge­sell­schaft­li­chen Ge­sin­nungs­ha­va­rien als Kol­la­te­ral­schä­den ei­nes re­vo­lu­tio­nä­ren Re­bel­len­tums idyl­li­sie­ren und Ter­ror­grup­pen wie die RAF oder be­son­ders un­sym­pa­thi­sche Ein­zel­per­so­nen wie An­dre­as Baa­der heu­te als Sün­den­böcke be­nut­zen, mit de­ren Hil­fe von den ei­ge­nen Schand­wor­ten und –ta­ten ab­ge­lenkt wird (bei die­ser Ge­le­gen­heit er­fah­ren wir, dass Aly ein­mal ein­tau­send Mark »ge­wa­schen« hat).

Das hat na­tür­lich mit dem po­ma­di­gen und un­hi­sto­ri­schen 68er-Bas­hing ei­nes Kai Diek­mann nichts zu tun. Aly ver­ur­teilt die insur­gen­ten Um­trie­be an sich nicht – deut­lich schil­dert er die dro­hen­den Er­star­run­gen des re­stau­ra­ti­ven Gei­stes der Ade­nau­er und Er­hard-Zeit und er­kennt sehr wohl die Not­wen­dig­keit po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Um­den­kens. Was je­doch ve­he­ment be­strit­ten wird, ist die epo­cha­le Ver­än­de­rung, die im Nach­hin­ein – und nicht oh­ne Zu­tun der Prot­ago­ni­sten (und der Geg­ner – man sieht das ex­em­pla­risch an Diek­mann) – den Acht­und­sech­zi­gern zu­ge­schrie­ben wird.

Die­se De­kon­struk­ti­on wird auf drei Ebe­nen si­mul­tan vor­ge­nom­men: Er­stens wird auf­ge­zeigt, wel­che ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Ver­än­de­run­gen seit der Gro­ssen Ko­ali­ti­on 1966 und erst recht mit der so­zi­al-li­be­ra­len Ko­ali­ti­on 1969 an­ge­sto­ssen wur­den (wo­bei der Fo­kus nicht auf die sei­ner­zeit so ve­he­ment be­kämpf­ten »Not­stands­ge­set­ze« ge­rich­tet bleibt). Des­wei­te­ren zeigt Aly die au­to­ri­tä­ren und an­ti­de­mo­kra­ti­schen Struk­tu­ren in­ner­halb der re­vo­lu­tio­nä­ren Grup­pen (haupt­säch­lich de­ren Wort­füh­rer) auf und de­ren Im­mu­ni­tät to­ta­li­tä­rer Um­trie­be (und Ideo­lo­gien) ge­gen­über und zum drit­ten be­schreibt er sei­ne da­ma­li­gen per­sön­li­chen Ak­tio­nen und ana­ly­siert die­se la­ko­nisch und un­sen­ti­men­tal.

Im­mer wie­der flech­tet Aly sei­ne Hand­lun­gen, Mo­ti­va­tio­nen, Denk­rich­tun­gen – und die da­mit ein­her­ge­hen­den Des­il­lu­sio­nie­run­gen ein (als er dann zwei­fa­cher Va­ter war, hiess es la­pi­dar, Re­vo­lu­ti­on kön­ne man nicht mit Kin­dern ma­chen). In dem Ka­pi­tel über den fahr­läs­sig-ver­klä­ren­den Mao­kult der Lin­ken stellt er sich die Fra­ge, die die­se Ge­ne­ra­ti­on – der Le­gen­de nach – ih­ren El­tern ge­stellt hat­te: War­um habt ihr das nicht ge­wusst? Und da Aly Zeit­zeu­ge ist, stellt er fest: Man konn­te es wis­sen – pro­blem­los. Und da­bei re­ha­bi­li­tiert er bei die­ser Ge­le­gen­heit den Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Jür­gen Do­mes (der am Ot­to-Suhr-In­sti­tut der FU Ber­lin lehr­te – der Uni, an der auch Aly stu­dier­te), der schon sehr früh die Schrecken der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on be­nann­te, als die Mehr­zahl die­se noch als eman­zi­pa­to­ri­schen Akt fei­er­ten (und Do­mes als Re­ak­tio­när de­nun­zier­ten).

Gar­ten­lau­be für ge­ho­be­ne Stän­de

Aly se­ziert die Rhe­to­rik von Dutsch­ke et. al., re­fe­riert über die Zir­kel­schlüs­se der »Rä­te­de­mo­kra­ten«, stürzt sich mit lust­vol­ler De­struk­ti­on auf das sei­ner­zeit so sa­kro­sank­te »Kurs­buch« wel­ches er als ei­ne Art Gar­ten­lau­be für die ge­ho­be­nen Stän­de der Neu­en Lin­ken apo­stro­phiert, zi­tiert (zu­ge­ge­ben) blö­de Ge­dich­te von Pe­ter Schnei­der und F. C. De­li­us, gei­sselt En­zens­ber­gers Kom­mu­nis­mus- und Mao­hym­nen, pran­gert die Wort­hül­sen der SDS­ler an, jon­gliert mit de­ren rhe­to­ri­schen Kampf­be­grif­fen und be­schreibt die Kar­rie­re und Trans­for­ma­tio­nen der Mao-KPD­ler seit En­de der 70er Jah­re.

Das al­les ist ge­konnt, poin­tiert und wird durch­aus auch ar­gu­men­ta­tiv vor­ge­tra­gen. Und weil Aly (un­ter an­de­rem) Zu­griff zu den Bun­des­ar­chi­ven des In­nen- und Ju­stiz­mi­ni­ste­ri­ums, des Kanz­ler­amts und auch des Bun­des­amts für Ver­fas­sungs­schutz be­kom­men hat und hier aus dem Vol­len schöp­fen kann, gibt es auch ei­ni­ge neue Er­kennt­nis­se, ins­be­son­de­re was in­ter­ne Schrei­ben in den Re­gie­rungs­be­hör­den an­geht.

So zeigt der so­ge­nann­te »Sta­ritz-Be­richt« über ein kon­spi­ra­ti­ven Tref­fen an zwei Ta­gen im Ju­ni 1967, an dem ein so­ge­nann­ter »Macht­er­grei­fungs­plan« von Dutsch­ke, Sem­ler, Pe­ter Schnei­der, Bernd Ra­behl (der heu­te ein Freund der NPD ist), Wolf­gang Le­fè­v­re und ei­ni­gen an­de­ren ent­wor­fen wur­de, ei­ne ge­wis­se Krea­ti­vi­tät. Man streb­te mit West-Ber­lin (dem Zen­trum der »Be­we­gung«) tat­säch­lich ei­ne Se­zes­si­on in Form ei­nes Frei­staa­tes nach dem Mu­ster Hong­kongs an (ein »Stadt­so­wjet« soll­te im­ple­men­tiert wer­den). Fer­ner plan­te man, in ei­nem Zeit­raum von fünf bis zehn Jah­ren ei­ne Mas­sen­be­we­gung zu for­mie­ren, die das be­stehen­de Sy­stem der Bun­des­re­pu­blik suk­zes­si­ve un­ter­wan­dern soll­te. Der Plan do­ku­men­tiert ex­em­pla­risch die la­tent to­ta­li­tä­re und an­ti­de­mo­kra­ti­sche Hal­tung der sich als Eli­te ver­ste­hen­den Re­vo­lu­tio­nä­re.

Die My­then der heu­ti­gen Mei­nungs­füh­rer

Zum heu­ti­gen »taz«-Leitartikler Chri­sti­an Sem­ler ver­merkt Aly nicht nur des­sen Elo­gen auf Mao und Pol Pot (bis weit in die 70er Jah­re hin­ein), son­dern auch sei­nen Ar­ti­kel von 1974 an­läss­lich des Rück­tritts von Wil­ly Brandt mit der Schlag­zei­le »Brandt ge­schei­tert – das Ge­spann der Volks­fein­de wird aus­ge­wech­selt«. Tho­mas Schmid, sei­ner­zeit auch ein Vor­den­ker der Re­bel­len und heu­te Chef­re­dak­teur der »Welt« (ei­nem Sprin­ger-Blatt), ist für Aly ein Spät­be­kehr­ter und Erb­schlei­cher. Und für En­zens­ber­ger gel­te im­mer noch das Ha­ber­mas-Zi­tat aus dem Jah­re 1968, als die­ser ihn por­trai­tier­te als »zu­ge­rei­sten Har­le­kin am Hof der Schein­re­vo­lu­tio­nä­re, der, weil er so lan­ge un­glaub­wür­di­ge Me­ta­phern aus dem Sprach­ge­brauch der zwan­zi­ger Jah­re für sei­ner­zeit fol­gen­lo­se Poe­me ent­rich­ten muss­te, nun flugs zum Dich­ter der Re­vo­lu­ti­on sich auf­schwingt – aber im­mer noch in der At­ti­tü­de des Un­ver­ant­wort­li­chen, der sich um die prak­ti­schen Fol­gen sei­ner aus­lö­sen­den Rei­ze nicht küm­mert.« Und auch die in­zwi­schen zu Iko­nen sti­li­sier­ten gei­sti­gen Zieh­vä­ter der Re­bel­li­on – al­len vor­an Her­bert Mar­cuse, dem er in der Ver­ach­tung der plu­ra­li­sti­schen Mo­der­ne ex­pli­zit Par­al­le­len zu Heid­eg­gers Den­ken un­ter­stellt – kom­men nicht gut weg.

Alys Po­le­mi­ken wi­der die­je­ni­gen, die heu­te den auf­ge­klär­ten Mei­nungs­füh­rer ab­ge­ben, ha­ben et­was Er­fri­schen­des. Und auch man­ches heu­te noch lieb ge­won­ne­ne Freund-/Feind­bild wird at­tackiert. Et­wa das vom »bö­sen« Kanz­ler Kie­sin­ger, sei­nes Zei­chens NSDAP-Mit­glied und da­her gern ge­nom­men. Phil­ipp Gas­sert zi­tie­rend zeigt er al­ler­dings, dass Kie­sin­ger sehr wohl ein rea­les In­ter­es­se und ru­di­men­tä­res Ver­ständ­nis für die Re­vo­luz­zer heg­te und sich mit dem SDS tref­fen soll­te (frei­lich un­ter der Be­din­gung der Ge­walt­lo­sig­keit, was dann flugs da­für her­hal­ten muss­te, dass es nicht zur Be­geg­nung kam). Kie­sin­gers Em­pa­thie für die Auf­ständ­ler war grö­sser als bei­spiels­wei­se die der (schein­bar so li­be­ra­len) SPD-Ko­ali­tio­nä­re Wil­ly Brandt und Hel­mut Schmidt, die eher auf der Sei­te (des spä­te­ren Bun­des­prä­si­den­ten) Karl Car­stens und des ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Mi­ni­ster­prä­si­den­ten Fil­bin­ger stan­den und ei­ne har­te, durch­grei­fen­de Hand for­der­ten. Ins­ge­samt war das po­li­ti­sche Estab­lish­ment we­der auf die Ve­he­menz noch dem Zeit­punkt noch auf die Me­tho­den der Acht­und­sech­zi­ger ge­fasst. Ent­spre­chend fah­rig fie­len auch die Re­ak­tio­nen aus.

Die Acht­und­sech­zi­ger rann­ten of­fe­ne Tü­ren ein

Alys The­se: Die Po­li­tik und die Staats­or­ga­ne wa­ren spä­te­stens ab der Zeit der gro­ssen Ko­ali­ti­on bes­ser (und wei­ter) als die Acht­und­sech­zi­ger – und de­ren Ge­schichtsa­po­lo­ge­ten bis zum heu­ti­gen Ta­ge – dies wahr­ha­ben woll­ten. Die Re­bel­lie­ren­den be­zeich­ne­ten den Staat…als post‑, wahl­wei­se als prä­fa­schi­stisch oder va­ge als (ten­den­zi­ell) fa­schi­sto­id. Aly ver­or­tet je­doch das na­zi­sti­sche Rest­gift we­ni­ger in den Staats­or­ga­nen bzw. ‑re­prä­sen­tan­ten als in der Mehr­heits­ge­sell­schaft. Das Volk pfleg­te den kei­fi­gen Ton und das ge­spann­te Ver­hält­nis zur Idee der Frei­heit. Hier­über, so die The­se, er­he­ben sich non­cha­lant die Re­bel­lie­ren­den und züch­ten lie­ber ih­re Feind­bil­der, statt sich den Rea­li­tä­ten zu stel­len.

Das Auf­kom­men der Re­vol­te sei durch das Ver­schwei­gen der Na­zi­ver­gan­gen­heit be­gün­stigt wor­den? Das Ge­gen­teil ist rich­tig. Aly zählt –zig Ge­richts­ver­fah­ren auf, die Mitte/Ende der 60er Jah­re auf­ge­nom­men wur­den und die na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Ver­bre­chen suk­zes­si­ve the­ma­ti­sier­ten. Der Stu­den­ten­pro­test irr­te auch des­halb ins Be­sin­nungs­lo­se ab, weil in der Öf­fent­lich­keit und von Staats we­gen in den Schu­len im­mer in­ten­si­ver über den Mord an den Ju­den ge­re­det und in­for­miert wur­de. Aly geht so­gar so weit zu be­haup­ten, dass die Auf­ar­bei­tung der NS-Ver­bre­chen durch die aka­de­mi­sche und po­li­ti­sche Eli­te da­zu ge­führt hat, dass die »neue Lin­ke« die­se des­halb nicht zur Kennt­nis neh­men woll­te.

Das Pro­blem­be­wusst­sein für durch­grei­fen­de Re­for­men im Hoch­schul­we­sen sei durch die Acht­und­sech­zi­ger ge­schaf­fen wor­den? Seit der Gro­ssen Ko­ali­ti­on stieg die Stu­den­ten­an­zahl an – und auch die Ar­bei­ter­kin­der konn­ten stu­die­ren. Se­xu­el­le Be­frei­ung der Frau? Aly ent­larvt das Ma­cho-Ge­ha­be der männ­li­chen, li­bi­di­nös durch­setz­ten Prot­ago­ni­sten, die ih­re Pro­mis­kui­tät als re­vo­lu­tio­när aus­ga­ben (Bum­sphal­lera) und weist den wah­ren Ruhm dem Er­fin­der der An­ti-Ba­by-Pil­le zu.

Fu­ri­os se­ziert Aly den ethi­schen Ri­go­ris­mus der Re­vo­lu­tio­nä­re, die ein­sei­ti­ge Fo­kus­sie­rung auf den Viet­nam­krieg mit der Fol­ge der Aus­blen­dung so vie­ler an­de­rer Stell­ver­tre­ter­krie­ge. Da­mit ein­her dia­gno­sti­ziert er (das ist nicht un­be­dingt ori­gi­nell) ei­nen vi­ru­len­ten An­ti­ame­ri­ka­nis­mus (letzt­lich ge­speist aus un­er­wi­der­ter Ame­ri­ka­lie­be), den er als ge­gen­auf­klä­re­ri­schen Er­satz­pro­test be­greift und der in der »Glei­chung« »USA – SA – SS« es­ka­liert, und – spä­ter dann durch die Fo­kus­sie­rung auf die pa­lä­sti­nen­si­sche Be­frei­ungs­or­ga­ni­sa­tio­nen wie die PLO – auch noch ei­nen lin­ken An­ti­se­mi­tis­mus, den er (die DDR durch­aus ein­be­zie­hend) als Form der Schuld­über­tra­gung auf die Op­fer der deut­schen Ras­sen- und Ver­nich­tungs­po­li­tik in­ter­pre­tiert. Und das, ob­wohl er auch Zi­ta­te des SDS bringt, die zwi­schen an­ti­zio­ni­sti­scher und an­ti­jü­di­scher Hal­tung dif­fe­ren­zie­ren wol­len.

Dass die Pro­test­ler ei­ner­seits die USA als fa­schi­sti­schen und im­pe­ria­li­sti­schen Staat be­zeich­ne­ten, an­de­rer­seits je­doch die ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur wei­ter »an­ge­sagt« blieb, ist kei­ne be­son­ders in­ge­niö­se Fest­stel­lung. Und reich­lich über­trie­ben scheint es, wenn er bei Ant­je Voll­mer auf­grund ei­ner Kri­tik an Mar­cel Reich-Ra­nicki Mit­te der 90er Jah­re die Re­si­du­en des An­ti­se­mi­tis­mus der Acht­und­sech­zi­ger nach­wei­sen will (Voll­mer mag er wirk­lich nicht, was dann ein we­nig den Blick trübt).

Der schwe­re Stand der Wi­der­ständ­ler

Als Kon­trast wer­den et­li­che in­tel­lek­tu­el­le Wi­der­ständ­ler ge­gen die Ri­go­ri­sten an­ge­führt: Ne­ben den leid­lich be­kann­ten Per­sön­lich­kei­ten wie Ha­ber­mas, der früh von der Mi­li­tanz ab­ge­sto­ssen war, Hork­hei­mer (der den An­ti­ame­ri­ka­nis­mus als »Pro-To­ta­li­ta­ris­mus« emp­fand) und Er­win K. Scheuch, der ei­ne »bö­se hi­sto­ri­sche Kon­ti­nui­tät der Ver­ge­wal­ti­gung des Mit­men­schen aus Ge­sin­nung« be­ob­ach­te­te, zi­tiert Aly auch nicht so pro­mi­nen­te In­tel­lek­tu­el­le, wie (be­son­ders aus­führ­lich) Ri­chard Lö­wen­thal, der u. a. durch den teil­wei­se la­ten­ten An­ti­se­mi­tis­mus schockiert war und aus sei­nen bio­gra­fi­schen Er­leb­nis­sen her­aus un­an­ge­nehm be­rührt war, Ernst Fraen­kel und den Phi­lo­so­phen Wil­helm Wei­sche­del.

Ei­ne an­geb­li­che »Er­run­gen­schaft« der Acht­und­sech­zi­ger nach der an­de­ren wird ent­larvt, re­la­ti­viert und – mei­stens – als my­thi­sche Über­hö­hung prä­sen­tiert. Aly po­le­mi­siert und ar­gu­men­tiert ge­gen das Mär­chen der Auf­klä­rungs­rhe­to­rik im Be­zug auf die NS-Ver­gan­gen­heit. Die sich so po­li­tisch ge­ben­den Re­vo­lu­tio­nä­re wa­ren in Wirk­lich­keit blind nicht nur der Ver­gan­gen­heit ge­gen­über, weil sie bei­spiels­wei­se den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zum Fa­schis­mus ver­dünn­ten und die so­zi­al­re­vo­lu­tio­nä­re Dy­na­mik des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus nicht wahr­neh­men woll­ten, son­dern auch taub, was die Mög­lich­kei­ten und Chan­cen in der ak­tu­el­len Po­li­tik der so­zi­al-li­be­ra­len Ko­ali­ti­on be­traf. Ihr Kampf spiel­te sich in den Pud­ding­ber­gen des Schla­raf­fen­lan­des ab. Die Mehr­heit war aus gut-bür­ger­li­chem El­tern­haus (wie sei­ner­zeit durch­ge­führ­te Um­fra­gen zei­gen). Von den da­mals rund 280.000 Stu­den­ten wa­ren in den be­sten Zei­ten ca. 2.500 im SDS or­ga­ni­siert. Aus ei­ge­ner An­schau­ung be­schreibt Aly be­reits 1969 die be­gin­nen­de In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung der »Re­vo­lu­ti­on« und der Re­vo­luz­zer – ent­we­der band man sich in be­stehen­de Struk­tu­ren ein oder im­ple­men­tier­te ei­ne Hier­ar­chie in­klu­si­ve Bü­ro­kra­tie.

Der kal­ku­liert-pro­vo­kan­te Ver­gleich

Und all die­se Ein­wän­de, Zu­recht­rückun­gen und Klä­run­gen sind ja er­hel­lend, in­ter­es­sant und durch­aus – im ein oder an­de­ren Fall – de­cou­vrie­rend. Und das Aly sich sel­ber mit in die Irr­tum­s­zo­ne be­gibt, mehr­fach wir sagt, statt ein ein­fa­ches »die« ehrt ihn. Es ist auch nicht der Punkt, ge­irrt zu ha­ben. Es ist die noch heu­te be­trie­be­ne Ver­klä­rung des Irr­tums, die Aly um­treibt. Ge­gen vie­le, auch ei­nem brei­ten Pu­bli­kum be­kann­te Per­sön­lich­kei­ten (ne­ben den be­reits an­ge­spro­che­nen »Mei­nungs­füh­rern«), sti­chelt er. Et­wa Fritz J. Rad­datz (da­mals stell­ver­tre­ten­der Lei­ter des Ro­wohlt-Ver­la­ges, der aus­drück­lich »wich­ti­ge­res« zu über­set­zen und zu ver­le­gen hat­te als Raul Hil­bergs »Die Ver­nich­tung der eu­ro­päi­schen Ju­den«, wel­ches heu­te als Stan­dard­werk gilt) oder Se­ba­sti­an Haff­ner, der ei­ni­ge re­vo­lu­tio­nä­re Büch­lein über Ge­bühr lob­te. Und trotz­dem hät­te sein Buch nicht die­se Wir­kung ge­habt, wenn nicht der Ver­gleich ge­kom­men wä­re. Ein Ver­gleich, der still­schwei­gen­de Ver­ein­ba­run­gen un­ter­gräbt und ad ab­sur­dum führt. Ein Ver­gleich, der ins Mark trifft und die Mei­nungs­füh­rer wie waid­wun­de Platz­hir­sche wild um sich schla­gen lässt.

Im letz­ten Drit­tel, den Le­ser gut vor­be­rei­tend und ent­spre­chend in Stim­mung ver­setzt (auch mit ei­ner Ka­pi­tel­über­schrift wie Kraft durch Freu­de, Lust durch Ak­ti­on; den Buch­ti­tel nicht zu ver­ges­sen!), holt Aly zur ul­ti­ma­ti­ven Ge­gen­über­stel­lung aus (und er scheut sich nicht, Han­nah Are­ndts »Ele­men­te und Ur­sprün­ge to­ta­li­tä­rer Herr­schaft« als Kron­zeu­gin an­zu­ru­fen). Kurz ge­sagt: Die deut­schen Acht­und­sech­zi­ger [knüpf­ten] an den Ak­tio­nis­mus ih­rer Drei­und­drei­ssi­ger-Vä­ter an. Die Drei­und­drei­ssi­ger sind für Aly die­je­ni­gen, die im na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Stu­den­ten­bund ab En­de der 20er Jah­re die NS-Ideo­lo­gie ei­nes Bal­dur von Schi­rach nicht nur mit­tru­gen, son­dern in das Land tra­gen soll­ten. Sie sind die El­tern der Acht­und­sech­zi­ger; es sind – so Aly – die zwi­schen 1910 und 1922 ge­bo­re­nen.

Zwar heisst es am An­fang, dass der Blick auf die Schnittmenge…nicht auf die Gleich­set­zung von Rot und Braun [zie­le] (die Kri­ti­ker Alys las­sen die­sen Ein­schub ger­ne weg), aber es geht ihm sehr wohl dar­um, die Ähn­lich­kei­ten der Mo­bi­li­sie­rungs­tech­nik, des po­li­ti­schen Uto­pis­mus und des an­ti­bür­ger­li­chen Im­pe­tus her­aus­zu­ar­bei­ten. Sei­ten­lang zi­tiert Aly zu die­sem Zweck aus Schirachs Pro­pa­gan­da, um schon in der Spra­che Ver­wandt­schaf­ten, ja Über­ein­stim­mun­gen fest­zu­stel­len. Hier wie dort sprach man von der »Be­we­gung«, hier wie dort ist die Feind­fi­gur der Spie­sser. Und auch wenn die »LTI«-Attitüde ein biss­chen gros­spu­rig da­her­kommt – die Par­al­le­len sind na­tür­lich sicht­bar. Auch was die (ge­mein­sa­men) Feind­bil­der an­geht, z. B. die »Scheiss-Li­be­ra­len«. Auch die Acht­und­sech­zi­ger de­nun­zier­ten die vor­sich­ti­gen, dif­fe­ren­ziert ar­gu­men­tie­ren­den Prag­ma­ti­ker als »zer­streu­te Kom­pro­miss­men­schen«. Und si­cher­lich hat Aly recht, wenn er den Re­vo­lu­tio­nä­ren ei­ne Ge­schichts­ver­ges­sen­heit oder, bes­ser noch, Igno­ranz un­ter­stellt. Denn, so ei­ne ge­lun­ge­ne Sen­tenz, wo der Irr­sinn re­giert, sind Dif­fe­ren­zie­run­gen über­flüs­sig. (Und so rich­tig hat sich das ja im­mer noch nicht ge­än­dert.)

Aber Aly schiesst in to­to über das Ziel hin­aus. Wenn er die For­de­run­gen nach ei­ner um­fas­sen­den Hoch­schul­re­form durch den na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Stu­den­ten­bund mit den For­de­run­gen der Stu­den­ten­re­vo­luz­zer von Acht­und­sech­zig gleich­setzt (wo­bei er die Dif­fe­ren­zen sehr wohl er­wähnt) oder die Pa­ro­le »Ei­nen Fin­ger kann man bre­chen – fünf Fin­ger sind ei­ne Faust« ana­log zu Un­se­re Eh­re heisst Treue setzt und so­mit den SS-Wahl­spruch nur leicht pa­ra­phra­siert – in die­sen Mo­men­ten ist Aly von sei­nen ei­ge­nen The­sen of­fen­sicht­lich der­art über­wäl­tigt, dass er in blo­sse Ra­bu­li­stik ab­glei­tet. Und wenn er gar kon­sta­tiert, dem na­tio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren Schwung sei es, wie den Acht­und­sech­zi­gern, dar­um ge­gan­gen, die »Er­bärm­lich­keit al­ter er­grau­ter, er­fah­re­ner Män­ner« zu über­win­den und die­se (na­zi­sti­sche) For­mu­lie­rung im ru­sti­ka­len »Trau kei­nem über drei­ssig« über­nom­men sieht, so irrt er ein­deu­tig, denn die­ser Spruch wird Jack Wein­berg zu­ge­schrie­ben, der ihn be­reits Mit­te der 60er Jah­re in Berkeley/USA präg­te (so Wolf­gang Kraus­haar »Acht­und­sech­zig – Ei­ne Bi­lanz«; Aly zi­tiert üb­ri­gens aus et­li­chen an­de­ren Kraus­haar-Bü­chern).

So stellt sich die Fra­ge: War­um aus­ge­rech­net die­ser Ver­gleich? War­um nicht ei­ne Kon­fron­ta­ti­on zu den kom­mu­ni­sti­schen Stra­ssen­kämp­fern der Wei­ma­rer Re­pu­blik oder – spä­ter – den Sta­li­ni­sten und Mao­isten die­ser Welt? War­um die­se dann doch fast bil­li­ge, dem Au­tor nicht an­ge­mes­se­ne, Pro­vo­ka­ti­on? Dient sie letzt­lich nur, um in der Fül­le der Epi­ta­phe auf die Acht­und­sech­zi­ger Ge­hör zu fin­den?

Wer­den nicht längst Par­al­le­len zwi­schen »rech­ten« und »lin­ken« Ex­tre­mi­sten in der Po­li­tik­wis­sen­schaft be­han­delt? »Vor der deut­schen Zip­fel­müt­ze hat sich noch nie je­mand ge­fürch­tet, wohl aber vor dem Fu­ror teu­to­ni­cus, der deut­schen Wild­heit und Be­ses­sen­heit, un­se­rer Ra­di­ka­li­tät und Un­fä­hig­keit zum Kom­pro­miss« – so wird Wil­helm Hen­nis zi­tiert, der dies be­reits 1968 fest­stell­te. Rennt da je­mand nicht of­fe­ne Tü­ren ein?

Oder sind Alys ge­ne­ra­ti­ons­psy­cho­lo­gi­sche Deu­tun­gen letzt­lich nur wie­der Fort­füh­run­gen des­sen, was er sel­ber gei­sselt? Die­se feh­len­de mensch­li­che Wär­me, die er den El­tern der Acht­un­dech­zi­ger at­te­stiert – un­ter Be­rück­sich­tung der Tat­sa­che, dass ihr Wer­te­sy­stem nach 1945 zu­sam­men­ge­bro­chen war – ist nicht die­se feh­len­de mensch­li­che Wär­me, die dann auf die Kin­der über­sprang auch heu­te fe­der­füh­rend (im wört­li­chen Sin­ne) bei die­ser Ab­rech­nung? War das der psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Rat­schlag, den Aly an­ge­nom­men hat, um sei­nen Selbst­hass zu »über­win­den« (auch das so ei­ne Flos­kel aus der Zeit)?

Die Acht­und­sech­zi­ger wa­ren kei­ne ho­mo­ge­ne Grup­pe

Am En­de weiss Aly: Die Acht­und­sech­zi­ger­re­vol­te nahm ih­ren heil­lo­sen – sic! – Ver­lauf, weil in der al­ten Bun­des­re­pu­blik der ideel­le Kern fehl­te, den ei­ne freie Ge­sell­schaft braucht. Die ko­hä­si­ven Kräf­te er­wie­sen sich als zu schwach, und die auf­be­geh­ren­den Neu­re­rer wur­den – vor­über­ge­hend – zum sei­ten­ver­kehr­ten, to­ta­li­tä­ren Ab­klatsch des Al­ten. Die »Zwi­schen­ge­ne­ra­ti­on«, die »Fünf­und­vier­zi­ger« (Hans-Ul­rich Weh­ler), die Aly (auch das schon wie­der ei­ne klei­ne Pro­vo­ka­ti­on) die Ge­ne­ra­ti­on Kohl nennt, die­je­ni­gen, die ih­re Aus­bil­dung und ih­ren be­ruf­li­chen Aufstieg…unter ex­trem schwie­ri­gen Be­din­gun­gen im zer­stör­ten, de­mo­ra­li­sier­ten Deutsch­land be­gon­nen hat­ten, wa­ren letzt­lich die­je­ni­gen, die die Re­vol­te der Acht­und­sech­zi­ger, der neu­en Wohl­stands­kin­der, von Na­tur aus mit gro­sser Skep­sis be­trach­te­ten und 1968 zu den an­ge­hen­den Lei­stungs­eli­ten ge­hör­ten. Ihr Weg war ein an­de­rer – ein Weg, den ih­nen dann spä­ter die Acht­und­sech­zi­ger im »Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen« nach­mach­ten.

Aly will aber zu­viel. In­dem er die »Be­we­gung« als deut­sches Phä­no­men iso­liert be­trach­tet und die si­mul­ta­nen Ent­wick­lun­gen bei­spiels­wei­se in Frank­reich – und vor al­lem die Ur­sprün­ge in den USA – klein­re­det oder gar ver­schweigt (in Frank­reich flüch­te­te de Gaul­le im­mer­hin für ei­ni­ge Ta­ge aus Pa­ris ob der Un­ru­hen), be­treibt er noch ein­mal das Ge­schäft de­rer, die er so ve­he­ment an­greift: Er po­stu­liert ei­ne Sin­gu­la­ri­tät, ob­wohl es ei­gent­lich um ei­ne in­ter­na­tio­na­le Sze­ne han­del­te (frei­lich mit hi­sto­risch be­ding­ten un­ter­schied­li­chen Vor­aus­set­zun­gen). Aber auch die Fran­zo­sen ran­gen mit ih­ren Vä­tern; der Al­ge­ri­en­krieg war ge­ra­de zu En­de und die Kol­la­bo­ra­ti­on mit den Na­tio­nal­so­zia­li­sten war noch weit­ge­hend ta­bui­siert.

Die Acht­und­sech­zi­ger er­schei­nen bei Aly im Rück­blick als fast ho­mo­ge­ne Ein­heit, was sie nie wa­ren. Und auch die ge­sell­schafts­psy­cho­lo­gi­schen Deu­tun­gen sind manch­mal arg holz­schnitt­ar­tig. Das liegt haupt­säch­lich dar­an, dass auf­grund der dann doch per­sön­li­chen Er­in­ne­run­gen, die im Buch im­mer wie­der ein­flie­ssen, ein halb­wegs neu­tra­ler Blick nicht im­mer ge­wahrt bleibt. Se­riö­se For­schun­gen zei­gen auf, dass es selbst in der Hoch­zeit der Acht­und­sech­zi­ger nur rund 10.000 »Ak­ti­vi­sten« gab. Da wird ein we­nig nach­läs­sig mit den un­ter­schied­li­chen Ge­ne­ra­ti­ons­be­grif­fen jon­gliert und Ge­ne­ra­ti­ons­la­ge­rung und Ge­ne­ra­ti­ons­ein­heit ge­le­gent­lich ver­mischt, zu­mal er den Ge­ne­ra­tio­nen­ab­stand mit zwölf Jah­ren reich­lich kurz be­misst.

Die un­ter­schätz­te so­zi­al-li­be­ra­le Ko­ali­ti­on und die ver­pass­ten Mög­lich­kei­ten

Da­mit kei­ne Miss­ver­ständ­nis­se auf­kom­men: Mit den po­li­ti­schen und ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Be­wer­tun­gen Alys kann man durch­aus über­ein­stim­men. Ver­mut­lich hat er so­gar recht, Ar­no Wid­man zi­tie­rend, dass die Re­vol­tie­ren­den die Li­be­ra­li­sie­rung des Lan­des nicht be­för­der­ten, son­dern ver­zö­ger­ten. Und wenn er am Schluss sagt, dass nicht die Studentenbewegung…die Wen­de zur – not­wen­di­gen! – Re­form­po­li­tik [ein­lei­te­te], son­dern die 1969 ge­bil­de­te so­zi­al-li­be­ra­le Re­gie­rung Brandt/Scheel, so ist dies im Gro­ssen und Gan­zen zwei­fel­los rich­tig (wo­bei zu be­to­nen ist, dass Brandt/Scheel nicht we­gen, son­dern trotz der Acht­und­sech­zi­ger, die da­mals bis tief in das so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Mi­lieu hin­ein ver­schreck­ten, re­üs­sier­ten). Statt am ge­sell­schaft­li­chen Auf­bruch min­de­stens der An­fangs­jah­re der so­zi­al-li­be­ra­len Ko­ali­ti­on mit­zu­ar­bei­ten, zer­split­ter­ten sich die Acht­und­sech­zi­ger ins woh­li­ge Wohn­zim­mer oder drif­te­ten in den blind­wü­ti­gen Ter­ro­ris­mus ab. Mit ei­ni­ger Ver­spä­tung ka­men dann die Grü­nen ab En­de der 70er Jah­re zum Vor­schein – die­ses Phä­no­men blen­det Aly merk­wür­di­ger­wei­se aus.

Ob die Acht­und­sech­zi­ger die al­te deut­sche Angst vor den Un­wäg­bar­kei­ten der Frei­heit fort­führ­ten oder gar ei­ne Flucht aus der kom­ple­xen Welt in Form ei­nes Rück­zugs in Land­kom­mu­nen, Or­dens­bur­gen und ver­schwo­re­nen Gue­ril­la­grup­pen be­trie­ben? Über­höht Aly da nicht in sei­ner Er­re­gung die Acht­und­sech­zi­ger so­zu­sa­gen durch die Hin­ter­tür? Schliess­lich ist ei­ne Dä­mo­ni­sie­rung ab ei­ner ge­wis­sen Di­men­si­on auch Aus­druck ei­ner Wert­schät­zung.


Al­le kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch. Wenn da­bei Be­grif­fe oder Sät­ze in An­füh­rungs­zei­chen ge­setzt sind, so sind dies selbst wie­der Zi­ta­te von Götz Aly, die er wie­der­gibt.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Don­ner­wet­ter, was für ei­ne fu­rio­se Re­zen­si­on, Herr Keu­sch­nig!
    Ich se­he Sie hier ganz in Ih­rem Ele­ment, so­wohl, was den zeit­li­chen Kon­text be­trifft, als auch im Be­zug auf je­ne Fra­gen, die heu­te als ‘Alt­la­sten’ im Raum ste­hen.
    Ich bin zu jung (end­lich ein­mal!), um mich zu den Alt­acht­und­sech­zi­gern zäh­len zu kön­nen, aber was mir be­reits im­mer dun­kel schwan­te, ist mir jetzt ganz deut­lich ge­wor­den: Die ‘Bret­ter’, wel­che de­ren Prot­ago­ni­sten vor dem Kopf tru­gen, konn­ten er­staun­li­cher­wei­se rei­bungs­los als Kar­rie­rerutsch­bahn die­nen. Der lan­ge Marsch durch die In­stan­zen – al­les Thea­ter! Aber im­mer­hin spielt das Stück auf je­nen Bret­tern, die – so sagt man doch – die Welt be­deu­ten...

  2. Ich bin auch kein »Zeit­ge­nos­se«
    der Acht­und­sech­zi­ger (war zu jung). Ich ha­be (da­mals un­be­wusst) die Fol­gen ein biss­chen er­le­ben dür­fen – in Form von Re­fe­ren­dar­leh­rern, die an die Schu­len ka­men. Die mei­sten wa­ren – das konn­te ich da­mals be­reits fest­stel­len – spie­ssi­ger als die »al­ten Her­ren«. Ih­re neu­en päd­ago­gi­schen Kon­zep­te mach­ten ab­rupt vor der No­ten­ge­bung halt. Da wa­ren sie ent­ge­gen ih­rer An­kün­di­gun­gen sehr viel un­nach­gie­bi­ger und ar­gu­men­ta­ti­ons­re­si­sten­ter.

    Was lei­der bei Aly fehlt (ich er­wähn­te das kurz), dass ist die Ver­knüp­fung hin zu den Grü­nen. Das kommt beim Kraus­haar deut­li­cher her­aus (das folgt hier auch noch).

  3. War Götz ALY ein –»68-er«?
    mit ei­ni­gen ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Be­wer­tun­gen Alys kann ge­trost auskommen,sind ja auch Allgemeingut....und das »68« spä­te­stens 65 an­fing ist vor auch al­len »Durch­blickern« klar,...es sei denn sie wa­ren im RCDS...damit hat esich...Das Kind muss­te für die Nach­ge­bo­re­nen doch ei­nen Na­men ha­ben: So ent­stand der My­thos von den »68-ern«. Fest­zu­stel­len bleibt....das die­ses Phä­no­men in er­ster Li­nie ei­ne Kul­tur­re­vo­lu­ti­on war. Der SDS und spä­ter die gan­zen K‑Gruppen Spin­ner, vie­le traf man spä­ter ganz wo­an­ders wie­der, sind gar­nicht re­prä­sen­ta­tiv für die­se ge­sell­schaft­li­che Strö­mung ! Man könn­te ge­nau­so gut die Beat­les, El­vis und die Rol­ling Stones plus A.KInsey/Masters und Os­wald Kol­le als die Draht­zie­her der 68-er bezeichnen.ICh flog als Schul­spre­cher 68 in der 11.Klasse vom Gym­na­si­um, u.a. weil ich es ge­wagt hat­te, ei­ne al­ler­er­ste DE­mo ge­gen die Not­stands­ge­setz­ge­bung zu or­ga­ni­sie­re. Welch ein Fre­vel damals!!!!Sein (ALYS) bas­hing dient si­cher psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Zwecken und na­tür­lich dem mar­ke­ting. Er hät­te da­mals mehr fun ha­ben soi­len, statt drö­ge Flug­blät­ter vor Fa­brik­to­ren zu verteilen.Diese kno­chen­trock­nen Ge­nos­sen wa­ren uns schon da­mals nicht ge­heu­er.

  4. a few comm­ents on goetz aly’s ta­ke on the 68ters
    Again I must wri­te in Eng­lish, the mo­ther ton­gue is a weight that I am too fa­tigued right now to ma­na­ge. Let me start this way: I am the trans­la­tor of Mi­cha­el Schneider’s Neu­ro­se und Klas­sen­kampf which I pu­blished as se­ni­or edi­tor at Con­ti­nu­um Books in 1974 un­der the tit­le of Neu­ro­sis and Ci­vi­lizati­on: A Marxist/Freudian Syn­the­tis [available for $ 1.86 at Ama­zon!] and which in fact is a com­pen­di­um of the va­rious An­lie­gen of the 68ters. And va­rious they we­re in­de­ed, half ba­ked so­me, other­wi­se quite clear. I re­mem­ber es­pe­ci­al­ly their li­king for an Af­ri­can tri­be that avo­ided the father/son oedi­pal con­flicts by sub­sti­tu­ting the avun­cu­la­te! The ega­li­ta­ri­an im­pul­se that ma­ni­fe­sted its­elf in a cri­tique of Freud’s hier­ar­chi­cal ar­ran­ge­ment of psy­chic func­tions. Over­all: reich­lich kon­fus. But what was to be ex­pec­ted af­ter all from the de­s­cen­dent of that hi­sto­ry who had not had the good for­tu­ne to have Juer­gen Ha­ber­mas as their first te­a­cher?

    I al­so re­call an evening din­ner in New York, men­tio­ning the book to Juer­gen Ha­ber­mas, who dis­missed it wi­th a com­ment such as »na ja wenn Sie da­von et­was hal­ten...« So un­ge­faehr. Ha­ber­mas of cour­se was al­re­a­dy suc­cessful and be­lon­ged to an ol­der midd­le ge­ne­ra­ti­on, per­haps to one that did not feel that un­com­for­ta­ble un­der Ade­nau­er asi­de be­ing su­per su­per smart. But what stuck was his lack of sym­pa­thy, the dis­mis­si­ve to­ne. He was not go­ing to be the me­dia­tor as he might have be­en for the­se con­fu­si­ons. He was not go­ing go ta­ke the trou­ble to un­der­stand, Pro­fes­sor Ha­ber­mas on­ly tal­ked to other pro­fes­sors – is one way of put­ting it. Sub­se­quent­ly I got to know the breadth of his work sin­ce I trans­la­ted a vo­lu­me of his es­says, and Ha­ber­mas can make the simp­lest mat­ter su­per com­pli­ca­ted.

    I trans­la­ted and pu­blished the Schnei­der be­cau­se I thought I could not on­ly in­form mys­elf about what was go­ing on in the coun­try I might still be part of had I not emi­gra­ted in 1950, nay tried to flee from as of 1947, but it was a useful text al­so for the US dis­cus­sion for par­al­lel An­lie­gen he­re in the U.S. Yet I al­so re­call a va­gue dis­com­fort at a cer­tain in­ap­pro­pria­ten­ess of Ger­man stu­dent de­mon­stra­ti­ons against the en­ti­re­ly, ne­ar­ly, US fought Viet­nam im­pe­ria­list suc­ces­sor war. How right the stu­dents, the 68ters we­re in that re­spect has per­haps on­ly be­co­me clear now wi­th the na­ked [i.e. un­ge­tarnt by cold war ideo­lo­gy] oil im­pe­ria­lism in the Ne­ar East, the hundred upon hundreds of world wi­de ba­ses, the ex­pan­si­on East, al­so in Eu­ro­pe; the in­vol­vement in Af­gha­ni­stan be­ing one of tho­se wars that is one of the upshots of im­pe­ria­list ac­tions du­ring the 70s. I mys­elf re­al­ly, my sym­pa­thies ran far mo­re wi­th the old Left of pre-WW I, Lieb­knecht, Thael­mann, Ro­sa Lu­xem­burg, or wi­th cer­tain United Front ven­tures just pri­or to WW II, and so I rea­li­zed quick­ly that the fer­vor that the stu­dents ma­ni­fe­sted might be ju­sti­fi­ed in all its noi­si­ness, but if they did not have the workers or the po­li­ce or the ar­my on their si­de – but against them as they did in this ca­se in West Ger­ma­ny – they would die on the vi­ne of their own righ­teous­ness. What see­med to be the ca­se, too, was that they re­al­ly had no father’s left to op­po­se; tho­se we­re eit­her dead or dis­credi­ted by their in­vol­vement in Na­zi­dom. Goetz Aly al­so seems to igno­re the world wi­de phe­no­me­non of the stu­dent re­volt which oc­cur­red si­mul­ta­neous­ly ever­y­whe­re, bru­t­ally sup­pres­sed in so­me places, such as Me­xi­co, at ma­ny other it was “par­ty time” in­di­ca­ting that the re­volt or wha­te­ver you want to call it would not have be­en pos­si­ble wi­t­hout the wealth of free time ge­ne­ra­ted by the Wirt­schafts­wun­der. [A par­al­lel world­wi­de phe­no­me­non was the re­sur­gence of neo-li­be­ra­lism in the 80s, which ho­we­ver suc­ce­e­ded, and re­qui­red no street de­mon­stra­ti­ons].

    In the U.S. the stu­dent re­volt was quel­led as so­on as Ri­chard Nixon ab­o­lished the draft, and I feel quite cer­tain that you can­not make a re­vo­lu­ti­on wi­th the child­ren of the midd­le class. Cha­vez and Evo in South Ame­ri­ca are ge­nui­ne­ly pro­ducts of the un­der­class, of the [on­ce] op­pres­sed. My own up­brin­ging was much mo­re ari­sto­cra­tic than midd­le class, but sin­ce I rea­li­zed at a very ear­ly age that I had to get away from that class, yet of cour­se couldn’t com­ple­te­ly, too much had be­en in­ter­na­li­zed, I have al­ways felt most com­for­ta­ble, if I have felt com­for­ta­ble at all, among the ari­sto­cra­cy of the Ame­ri­can working class; and for a while I be­lon­ged to bo­th the marb­le [most­ly of Ita­li­an he­ri­ta­ge] and the ti­le lay­ers uni­on [Po­lish] as an app­ren­ti­ce. One among ma­ny re­a­son I li­ke Handke’s UEBER DIE DOERFER so much. I have other si­des which I find far less ad­mi­ra­ble.

    The ap­pa­rent fact that one ge­ne­ra­ti­on re­pro­du­ces its­elf in the next is not too sur­pri­sing. But to call the com­mo­n­a­li­ty bet­ween the 60s stu­dents and Ger­man 20s and 30s Naszi­stic fa­scis­tic Re­van­chism to be fa­scist, as Aly does, would strike me as hi­sto­ri­cal­ly wrong and pre­ma­tu­re­ly ac­cu­sa­to­ry. The mo­del see­med to be, and En­zens­ber­ger in­tro­du­ced it, was the Rus­si­an 19th cen­tu­ry so­cial re­vo­lu­tio­na­ries: who, ho­we­ver, re­tro­s­pec­tively, we­re a ge­nui­ne avant gar­de, had their an­ten­nae well tu­n­ed. He­re, the Ger­man 60s student’s turn to the “long march th­rough the in­sti­tu­ti­ons” on­ly ma­ni­fe­sted the re­g­retful or not so rea­lizati­on, that the gre­at ma­jo­ri­ty of them would ta­ke their place wi­thin the Wirt­schafts­wun­der so­cie­ty, as te­a­chers, pro­fes­sors wha­te­ver. Not such a long march re­al­ly.

    Ger­man fa­scism as a po­pu­lar­ly ba­sed Na­zism had uto­pian qua­li­ties, it ag­gran­di­zed its­elf by co-op­ting va­rious ide­as from va­rious sources – the uto­pia be­ing “to get well.” to re­pair. That af­ter all is the chief mo­ti­ve of a par­ti­cu­lar form of Re­van­chism – on the face of it quite mad sin­ce the simp­lest of re­flec­tions leads to the con­clu­si­on, or ought to, that such Re­van­chism will on­ly lead to mo­re if not an end­less of that kind.

    Hit­ler, a pro­duct of a par­ti­cu­lar­ly ex­tre­me Ger­man fa­mi­ly con­stel­la­ti­on, was one of the most trau­ma­ti­zed of all: his ex­ter­mi­na­ti­on po­li­cy, his need to be in a con­stant sta­te of war was/ is one of the most ex­tre­me ex­am­p­le of the ac­ting out of an un­he­alable trau­ma; on­ce he found his voice, he had a hu­ge ap­peal; but not ever mo­re than to one third of the elec­to­ra­te. The pro­blem was not one of in­her­ent un­sui­ta­bi­li­ty of the Wei­mar de­mo­cra­cy, but the fact that so­meone li­ke that and that kind of cri­mi­nal bru­tal par­ty was al­lo­wed in the po­si­ti­on to have a Reichs­tags­brand and a Nacht der lan­gen Mes­ser. And that that that was pos­si­ble points to a we­ak­ne­ss among the Ger­man mi­li­ta­ry eli­te of that time to com­pro­mi­se wi­th so­meone li­ke Hit­ler; of the Deut­sche Ju­stiz [si­mi­lar to cur­rent US en­ab­ling laws un­der Busch]

    Ger­man aut­ho­ri­ta­ria­nism of cour­se perpetuates/ ed its­elf wi­thin fa­mi­lies first of all.

    Goetz Aly makes out a good ca­se that no end of Ju­stiz­ver­fah­ren we­re be­ing brought around the time of the all im­portant Frank­furt Ausch­witz tri­al, but I do not re­call their be­ing pu­bli­ci­zed. Of cour­se that was the way to go: to ta­ke to task the Schreib­tisch­tae­ter of the bu­reau­cra­cy who had ma­na­ged to elude the Allies post WW II tri­als. In no end of in­stances the 68ters we­re fight­ing Ge­spin­ste in their own heads. Aly is al­so right I would say, up to a point, in em­pha­si­zing the par­ti pris qua­li­ty of Kurs­buch: it is/ was a cha­rac­te­ri­stic of their edi­tor in je­fe, H.M.Enzenberger, and it was an at­trac­ti­ve qua­li­ty that ma­de for fi­ne ar­gu­ments. Other­wi­se, you are in Sturm von Bordwehr’s world whe­re all ar­gu­ments can­cel each other out.

    In ge­ne­ral, the Ger­man 68ter that I knew fall wi­thin what Mit­scher­lich de­scri­bes so well in Die Va­ter­lo­se Ge­sell­schaft. They lacked that Rueck­halt, tho­se mo­dels, and so­me be­ca­me rueck­sicht­los. I mys­elf won­der so­me­ti­mes what I would have do­ne du­ring that pe­ri­od, I would have be­en a la­te 50s stu­dent, my ori­en­ta­ti­on would have be­en li­te­ra­ry, as it be­ca­me he­re; what if I had run in­to the man who tor­tu­red my grand­fa­ther in Bu­chen­wald or put my mo­ther in­to a ti­ger ca­ge in Ge­sta­po pri­son: so when­ever I re­tur­ned I was well awa­re that Die Moer­de­rer sind un­ter uns; and I went to oc­ca­sio­nal right wing mee­ting while do­ing work in Mu­nich to check out who the­se peo­p­le we­re. They at least show­ed their face.

    As a child who at­ten­ded first gra­de at a Ger­man vil­la­ge school in 1944

    I on­ly had a sin­gle en­coun­ter wi­th an SS man ty­pe, a school te­a­cher who slap­ped me be­cau­se I had gi­ven the Hit­ler Gruss wi­th the wrong hand; sub­se­quent­ly, he no lon­ger hit, but re­mark­ed about my family’s li­ving un­der US Ar­my pro­tec­tion, I was an Ami who­se mo­ther da­ted an Ame­ri­can. The­se ty­pes I find al­so in the US a coun­try wi­th all the struc­tures for a po­pu­list and even re­li­gious­ly ba­sed know-not­hing fa­scist mo­ve­ment very much in place, chau­vi­ni­stic, you na­me it; a neu­te­red par­lia­ment; an im­po­tent two par­ty sy­stem. Righ­teous­ness, idea­lism, the wish to he­al and re­pair are not fea­tures in­di­ge­nous eit­her to Ger­man Na­tio­nal So­cia­lism or Ger­man idea­lism; what is fair­ly uni­que among the 68ters is how bour­geois ba­sed it was – not so the US an­ti-war mo­ve­ment on­ce it got go­ing; the Ve­te­rans against the war, nor so­me of the ra­di­cals who­se par­ents had be­en Com­mu­nists in the 30s and 40s; though again US la­bor lag­ged be­hind, was al­re­a­dy drif­ting in­to what would la­ter be cal­led Rea­gan De­mo­crats, for re­a­sons of the self-in­te­rest of their achie­ved midd­le class sta­tus th­rough their uni­on ac­qui­red li­ving stan­dard, which bought them of.

  5. Dan­ke für den Kom­men­tar.
    Aly weist na­tür­lich dar­auf hin, dass Ha­ber­mas ei­ne an­de­re Ge­ne­ra­ti­on war als die re­bel­lie­ren­den Stu­den­ten. Er glaubt nur zu er­ken­nen, dass er nach an­fäng­li­chen Sym­pa­thien sehr schnell die au­to­ri­tä­ren Struk­tu­ren er­kannt hat (wie­der­erkennt hat?) und sich dann von ih­nen di­stan­zier­te. Ob dies be­rech­nend ge­schah oder auf­grund von Über­zeu­gun­gen oder aus ei­nem ge­wis­sen Op­por­tu­nis­mus, ver­mag ich nicht zu sa­gen.

    Was Aly um­treibt ist mei­nes Er­ach­tens zwei­er­lei: Er­stens – und das spre­che ich ja an: Die Ver­klä­rung die­ser Zeit, die bis heu­te an­hält. Und – hier ei­ne Par­al­le­le, die ich vor­sich­tig an­brin­ge, aber ich brin­ge sie an: Die Ver­drän­gung die­ser Irr­tü­mer und Wir­run­gen, die in die­se Ver­klä­rung ein­flie­ssen. Da­mit set­ze ich NICHT 68 und 33 gleich!

    Zwei­tens – und das ist fast wich­ti­ger: Die Blind­heit der da­ma­li­gen Prot­ago­ni­sten auf dem be­rühm­ten »lin­ken Au­ge«. Na­tür­lich konn­te (und muss­te!) man ge­gen den Viet­nam­krieg sein. Aber des­we­gen Pol Pot als »Be­frei­er« se­hen? War al­les, was ge­gen die USA ist, au­to­ma­tisch »für uns«? Das ent­sprach ex­akt der Li­nie der US-Au­ssen­po­li­tik die­ser Zeit: Wer nicht ge­gen uns ist, ist für uns.

    Ist die­ser Fu­ror ein Kol­la­te­ral­scha­den re­vo­lu­tio­nä­rer Um­trie­be? Und dann wä­ren die Schä­den ja ge­ring aus­ge­fal­len, denn so­vie­le sind nicht um­ge­bracht wor­den wie bspw. in der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on. Schnell ver­puff­te der Fu­ror – man schau­te, dass man wei­ter­kam. (Mehr in mei­ner Be­spre­chung zum Buch von Wolf­gang Kraus­haar dem­nächst hier).

    Ich glau­be, dass Aly in zwei Sa­chen Recht hat: Die Acht­und­sech­zi­ger ha­ben für Deutsch­land re­la­tiv we­nig po­li­tisch er­reicht – viel­leicht ein biss­chen Be­schleu­ni­ger ge­spielt. Und zwei­tens ha­ben sie nichts We­sent­li­ches zur »Auf­ar­bei­tung« des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus bei­getra­gen, den sie auch noch – dümm­li­cher­wi­se – als »Fa­schis­mus« be­zeich­ne­ten (und so­gar im Fahr­kar­ten­kon­trol­leur ei­nen »Fa­schi­sten« aus­mach­ten). Die Li­te­ra­tur, die Fil­me, die akri­bi­sche Ge­schichts­schrei­bung wur­de von an­de­ren be­trie­ben. Und das auch nach­dem der »Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen« am (vor­läu­fi­gen) Ziel an­ge­kom­men ist. Wor­auf sie sich jetzt – in der Re­gel – be­schrän­ken, ist ei­ne wohl­fei­le Men­schen­rechts- und De­mo­kra­tier­he­to­rik (in letz­te­rem den Neo­kon­ser­va­ti­ven der USA nicht un­ähn­lich). (Mir ge­fällt Hand­kes For­mu­lie­rung der »Men­schen­rechts­hyä­nen«.)

    Wo Aly irrt – und das ha­ben Sie ge­zeigt: Er sieht nicht den glo­ba­len Kon­text, in dem dies statt­fand. Und auch sein un­mit­tel­ba­res Ver­glei­chen von Tex­ten ’68 und ’33 ist Un­sinn. Scha­de, dass er glaub­te, mit sol­cher über­zo­ge­nen Po­le­mik Ar­gu­men­te bei­steu­ern zu kön­nen.

  6. a few comm­ents about your comm­ents keush­nigg [i think i will be­co­me filip ko­bal if that is al­lo­wed]
    a few comm­ents in this co­lor and in ita­lics on your comm­ents lo­thar

    Dan­ke für den Kom­men­tar.
    1] Aly weist na­tür­lich dar­auf hin, dass Ha­ber­mas ei­ne an­de­re Ge­ne­ra­ti­on war als die re­bel­lie­ren­den Stu­den­ten...[ ]

    MY COMMENT.. all the­se pro­fes­sors, hork­hei­mer most of all, be­co­me ter­ri­fi­ed wenn da le­ben in die bu­de kommt! die wol­len ih­re ru­he! braucht man auch! it’s an ir­re­con­ci­la­be con­flict, the french in­tellec­tu­als wi­th their re­vo­lu­tio­na­ry tra­di­ti­on li­ved it out most vi­vid­ly.

    it was mo­re of a cul­tu­ral and a life style re­vo­lu­ti­on that bro­ke down, vio­la­ted, a lot of boun­da­ries: »why don’t you do it in the road« was a beat­les si­gnal of the on­co­ming re­ac­tion [ba­sed on the la­tent re­ac­tion for­ma­ti­on in the­se psy­ches.] aly is quite right in poin­ting to the ea­sy avai­la­bi­li­ty for birth con­trol on mas­si­ve ba­sis! but that was bre­wing even pri­or to the in­tro­duc­tion of the »an­ti-ba­by-pil­le« wie das so graess­lich [aber ge­nau] auf deutsch heisst; the equi­vo­cal re­la­ti­on­ship to plea­su­re that is fun­da­men­tal to a pro­te­stant [in­clu­ding coun­ter-re­for­ma­tio­nal] cul­tu­re... and which per­sists.

    Was Aly um­treibt ist mei­nes Er­ach­tens zwei­er­lei: Er­stens – und das spre­che ich ja an: Die Ver­klä­rung die­ser Zeit, die bis heu­te an­hält.
    MY COMMENT:
    in the u.s. of cour­se this got all mi­xed up not on­ly wi­th the viet­nam war but wi­th the ci­vil rights and free speech mo­ve­ment but the re­ac­tion­a­ry forces ul­ti­m­ate­ly be­ca­me do­mi­nant again, the re­ac­tion to free speech is cal­led po­li­ti­cal cor­rect­ness!

    Und – hier ei­ne Par­al­le­le, die ich vor­sich­tig an­brin­ge, aber ich brin­ge sie an: Die Ver­drän­gung die­ser Irr­tü­mer und Wir­run­gen, die in die­se Ver­klä­rung ein­flie­ssen. Da­mit set­ze ich NICHT 68 und 33 gleich!

    MY COMMENT:
    no of cour­se the ge­nui­ne­ly re­vo­lu­tio­na­ry na­tio­na­list and so­cia­list mo­ve­ments of the 20s can not be con­fla­ted wi­th the uto­pian de­si­res of the 60s. aut­ho­ri­ta­ria­nism is not con­fi­ned to ger­ma­ny, it is a cha­rac­te­ri­stic of a pa­tri­ar­chal cul­tu­re, which de­mands lea­ders, mo­dels…
    just no­te how bad­ly bo­th john­son and nixon took re­al street op­po­si­ti­on to their mur­de­rous for­eign po­li­cy; but ul­ti­m­ate­ly you get grand­pa Rea­gan, the kind­ly mur­de­rer! the com­ple­te re­ac­tion­a­ry if you ta­ke a clo­se look at his po­li­ci­es. but who nee­ded to sub­vert con­gres­sio­nal­ly en­ac­ted laws [iran-con­tra]. me­an­while, we have re­a­ched the world of »sig­ning state­ments« whe­re a pre­si­dent en­acts his own re­ser­va­tions when­ever he si­gns a law!!! bul­lies the en­ti­re world. i would say that aut­ho­ri­ta­ria­nism mo­re or less open­ly has co­me back to the fo­re or never di­s­ap­peared ; na­ti­on sta­tes ho­we­ver brea­king down so­me­what in so­me re­spects due to trade and the do­mi­na­ne of u.s. or u.s. in­spi­red po­pu­lar cul­tu­re.

    Zwei­tens – und das ist fast wich­ti­ger: Die Blind­heit der da­ma­li­gen Prot­ago­ni­sten auf dem be­rühm­ten »lin­ken Au­ge«. Na­tür­lich konn­te (und muss­te!) man ge­gen den Viet­nam­krieg sein. Aber des­we­gen Pol Pot als »Be­frei­er« se­hen? War al­les, was ge­gen die USA ist, au­to­ma­tisch »für uns«? Das ent­sprach ex­akt der Li­nie der US-Au­ssen­po­li­tik die­ser Zeit: Wer nicht ge­gen uns ist, ist für uns.

    MY COMMENT:
    of cour­se such sim­ple­min­ded­ness can be hi­deous, i hap­pen­ed to be in IN­dia du­ring the US bom­bing of Ha­noi in 1973 [not on pil­grimage not a hip­pie, ex­cept that i am so­me kind of hip­pie all right.
    a de­cisi­ve mo­ment af­ter ww ii was when the u.s. fai­led to sup­port the na­tio­nal li­be­ra­ti­on mo­ve­ments and al­lo­wed their lin­kage to so­viet sta­te ca­pi­ta­lism, and in­stead be­ca­me a suc­ces­sor, im­ple­men­ted its ma­ni­fest de­sti­ny im­pe­ria­list am­bi­ti­on, from this you get the neo-cons who sing “ame­ri­ka ueber al­les in der welt”.... that the­se new­ly li­be­ra­ted na­ti­ons we­re usual­ly just as aut­ho­ri­ta­ri­an, and that aut­ho­ri­ta­ria­nism and its struc­tures al­so mark­ed the li­be­ra­ti­on mo­ve­ments no mat­ter to what de­gree thee we­re in­fluen­ced by com­mu­nist par­ty struc­tures... or mad and mur­de­rous... they had not be­en co­lo­ni­zed long en­ough!!!

    [.....]
    Ich glau­be, dass Aly in zwei Sa­chen Recht hat: Die Acht­und­sech­zi­ger ha­ben für Deutsch­land re­la­tiv we­nig po­li­tisch er­reicht – viel­leicht ein biss­chen Be­schleu­ni­ger ge­spielt. Und zwei­tens ha­ben sie nichts We­sent­li­ches zur »Auf­ar­bei­tung« des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus bei­getra­gen, den sie auch noch – dümm­li­cher­wi­se – als »Fa­schis­mus« be­zeich­ne­ten (und so­gar im Fahr­kar­ten­kon­trol­leur ei­nen »Fa­schi­sten« aus­mach­ten).
    MY COMMENT:
    i can’t judge to what ext­ent the 68ters in­fluence exer­ted its­elf in the ger­man 2 + 1 par­ty sy­stem. the uni­ons and the un­ter­neh­mer ver­band we­re stron­ger i am su­re! auf­ar­bei­ten of cour­se re­qui­res thin­king re­a­ding re­se­arch, tough to do while you are out on the street!

    Die Li­te­ra­tur, die Fil­me, die akri­bi­sche Ge­schichts­schrei­bung wur­de von an­de­ren be­trie­ben. Und das auch nach­dem der »Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen« am (vor­läu­fi­gen) Ziel an­ge­kom­men ist. Wor­auf sie sich jetzt – in der Re­gel – be­schrän­ken, ist ei­ne wohl­fei­le Men­schen­rechts- und De­mo­kra­tier­he­to­rik (in letz­te­rem den Neo­kon­ser­va­ti­ven der USA nicht un­ähn­lich). (Mir ge­fällt Hand­kes For­mu­lie­rung der »Men­schen­rechts­hyä­nen«.)

    MY COMMENT:
    yes i much li­ke handke’s for­mu­la­ti­on too. you get folks li­ke su­san son­tag play­ing „end­ga­me“ in sa­ra­je­vo. dis­miss­ing the ser­bi­an vic­tims of the bal­kan con­flicts. so­me other­wi­se very in­tel­li­gent and ad­mi­ra­ble per­sons be­ca­me as one-ey­ed as hand­ke has be­en ac­cu­sed of be­ing.

    Wo Aly irrt – und das ha­ben Sie ge­zeigt: Er sieht nicht den glo­ba­len Kon­text, in dem dies statt­fand. Und auch sein un­mit­tel­ba­res Ver­glei­chen von Tex­ten ’68 und ’33 ist Un­sinn. Scha­de, dass er glaub­te, mit sol­cher über­zo­ge­nen Po­le­mik Ar­gu­men­te bei­steu­ern zu kön­nen.

    MY COMMENT:
    what is in­te­re­st­ing is how the­se wa­ves – 68 world wi­de stu­dent un­rest; 80s neo li­be­ral ac­cu­mu­list ma­te­ria­li­stic im­pul­ses – is it the world wi­de pop cul­tu­re as it re­a­ches and stands in a re­la­ti­on­ship – dialec­ti­cal would not be the word but in­di­ca­tes the di­rec­tion in which I am sear­ching – to its con­su­mers, a word I al­so don’t much li­ke for tho­se souls and sen­si­bi­li­ties which are shaped b mass pro­du­ced me­dia, whe­re one needs to be spe­ci­fic in see­ing what the re­cipro­cal re­la­ti­on­ship sa­tis­fies….
    co­me up as though out of a world wi­de oce­an, very ge­ne­ra­tio­nal and then de­ter­mi­ned by the poi­ti­cal si­tua­ti­on in each coun­try.

    68 was al­so the year of the re­pres­si­on of he Czech re­for­mers; evi­dent­ly the­re we­re powerful im­pul­ses in that di­rec­tion in the so­viet uni­on and east ger­ma­ny…. it’s Chi­lean ma­ni­fe­sta­ti­on was crus­hed by the u.s. in the ear­ly 70s. one fea­tures that cha­rac­te­ri­zes u.s. for­eign po­li­cy sin­ce the ear­ly 50s is the over­throw of de­mo­cra­ti­cal­ly elec­ted go­vern­ments that it does not li­ke: Gua­te­ma­la in 1953; Iran [Mos­sa­degh] in 1954; and on­ward from the­re. let­ting the French waft in the wind in Dien­ben­phu af­ter in­iti­al­ly al­lo­wing them back in­to Viet­nam [a u.s. al­ly du­ring ww ii] so as to re­place their in­fluence [the Dul­les po­li­cy]; Reagan’s sup­port for Apart­heid, of the coun­ter-re­vo­lu­tio­na­ry Sa­vim­bi in An­go­la; the Con­go­le­se dic­ta­tor, Tschom­be?? who reig­ned wi­th U.S. sup­port. It is a hi­deous le­ga­cy that was so­wed the­re. En­ti­re­ly ideo­lo­gi­cal­ly dri­ven.

  7. Waid­wund
    Am Frei­tag wur­de im Bü­cher­markt des Deutsch­land­fun­kes das Buch Re­bel­li­on und Wahn von Pe­ter Schnei­der, in dem
    der Au­tor an Hand sei­nes da­mals ge­führ­ten Ta­ge­bu­ches sei­ne Hal­tung zu ver­ste­hen ver­sucht, in ei­nem In­ter­view mit dem
    Au­tor vor­ge­stellt. In dem In­ter­view bringt er die von Al­brecht von Lucke be­schrie­be­ne Zä­sur in der Wahr­neh­mung der
    68er nach dem Mau­er­fall ins Spiel. Die Um­deu­tung der Jah­re des Um­bruchs vom En­de (der Ge­schich­te wo­mög­lich) wird
    nach Schnei­der ve­he­ment von den da­ma­li­gen An­ti-68ern be­trie­ben, die die da­ma­li­gen Schmä­hun­gen bis heu­te nicht
    ver­wun­den ha­ben und den Jah­res­tag zur Ab­rech­nung im hei­me­li­gen Mi­lieu der ge­won­ne­nen Ideo­lo­gie­schlacht nut­zen.

    Na­tür­lich kommt Schnei­der auch auf Alys Buch zu spre­chen, man merkt, dass er sich zu­rück­hal­ten muss. Um sich selbst [Aly]
    zu exkul­pie­ren, haut er ei­ne gan­ze Be­we­gung in den Klump
    . Schnei­der nennt es ein Bu­ben­stück, dass
    nichts zu tun hat mit der Ar­beit ei­nes Hi­sto­ri­kers, ein rei­nes Pam­phlet, ein de­nun­zia­to­ri­sches
    Mach­werk
    . Schnei­der ver­ach­te ihn [Aly] seit her, Aly de­nun­ziert, hat ei­nen üb­len Cha­rak­ter.

    Die Be­haup­tung, dass sich die von Aly an­ge­spro­che­nen Prot­ago­ni­sten wie waid­wun­de Platz­hir­sche ge­bär­den, ist per­fi­de
    Po­le­mik. Wie man in den Wald ruft, so schallt es hin­aus. Ist es nicht Aly, der in bei­den Fäl­len auf der Wel­le des
    Zeit­gei­stes schwimmt? Und dann kommt er na­tür­lich mit ei­ner neu­en The­se. Die Er­klä­run­gen bringt (nach­ra­tio­na­li­siert).
    Ei­ne neue The­se zum Jah­res­tag. Das ist lach­haft, ein bil­li­ger Ver­such die Me­di­en­hype ab­zu­gra­sen. Wie viel ehr­li­cher
    ist da Schnei­ders Ver­such sich mit sei­nen da­ma­li­gen, da Ta­ge­buch un­ge­schön­ten, Po­si­tio­nen aus­ein­an­der­zu­set­zen.

    Da­zu die Be­haup­tung, dass es nur ein na­zi­sti­sches Rest­gift in der Mehr­heits­ge­sell­schaft gab, ist aber­wit­zig.
    Nach nur ein paar Jah­ren der un­ge­woll­ten Ru­he wa­ren al­le Ver­tre­ter der NS-Zeit wie­der in Frei­heit und be­gan­nen ih­re Fä­den
    zu spin­nen. In al­len Or­ga­ni­sa­tio­nen des Staa­tes tauch­ten die al­ten Köp­fe oder de­ren Ver­tre­ter wie­der auf. Bis heu­te. Man
    mach­te sich lä­cher­lich, woll­te man heu­te die Po­si­tio­nen des SDS etc. recht­fer­ti­gen. Die ge­gen­tei­li­ge Hal­tung ist aber
    min­de­stens eben­so frag­wür­dig.

  8. Schnei­der
    rech­ne ich zu den In­tel­lek­tu­el­len (wirk­lich? ja, doch), die auch im­mer wun­der­bar ihr Fähn­chen im ge­ra­de we­hen­den Wind ge­hängt ha­ben. Als es op­por­tun war, wa­ren sie 68er, als es op­por­tun war, es nicht mehr zu sein, sind sie es nicht mehr.

    Alys Buch ist na­tür­lich auf ei­nem Hype an­ge­sie­delt – kei­ne Fra­ge. Aber in­dem er auch und im­mer per­sön­lich wird und sei­ne da­ma­li­ge ei­ge­ne Po­si­ti­on be­fragt, ist es eben kein »Mach­werk«, was man mit ei­nem Fe­der­strich ab­tun kann. Im Ge­gen­satz zu vie­len Alt-68ern steht Aly zu sei­ner »Waid­wund­heit« und geht mit ihr um.

    Über den ver­steck­ten und/oder vor­han­de­nen Na­zis­mus der 60er Jah­re kann man si­cher­lich viel schrei­ben. Fest steht, dass noch nie­mand der Aly-Kri­ti­ker Alys The­sen zur »Be­wäl­ti­gung« des Na­zi­tums durch die 68er (wel­ches er ne­giert) er­schüt­tert hat. Da hilft auch kein noch so gro­sses Ab­weh­ren. Die Fak­ten ste­hen fest: Be­reits An­fang der 60er Jah­re be­gann die pro­zes­sua­le Auf­ar­bei­tung – und zwar un­ab­hän­gig von ir­gend­wel­chen SDS-Adep­ten.

  9. Macht Fass auf wie Fla­sche leer
    rech­ne ich zu den In­tel­lek­tu­el­len (wirk­lich? ja, doch), die auch im­mer wun­der­bar ihr Fähn­chen im ge­ra­de we­hen­den Wind ge­hängt ha­ben. Als es op­por­tun war, wa­ren sie 68er, als es op­por­tun war, es nicht mehr zu sein, sind sie es nicht mehr.

    Nein, Schnei­der steht zu sei­ner Hal­tung. Er sagt aus­drück­lich, dass es ein Feh­ler war sich mit dem Wahn der An­de­ren zu be­schäf­ti­gen, oh­ne den ei­ge­nen zu er­ken­nen. Das reicht, oh­ne lar­moy­ant zu wer­den.

    Alys Buch ist na­tür­lich auf ei­nem Hype an­ge­sie­delt – kei­ne Fra­ge. Aber in­dem er auch und im­mer per­sön­lich wird und sei­ne da­ma­li­ge ei­ge­ne Po­si­ti­on be­fragt, ist es eben kein »Mach­werk«, was man mit ei­nem Fe­der­strich ab­tun kann. Im Ge­gen­satz zu vie­len Alt-68ern steht Aly zu sei­ner »Waid­wund­heit« und geht mit ihr um.

    Das se­he ich eben nicht. Aly mach ein­fach ein neu­es, gro­ßes Fass auf. Schnei­der be­zieht sich auf die ver­meint­li­che Rea­li­tät sei­nes da­ma­li­gen Ich, da sein Ta­ge­buch ihm schon­ung­los sei­ne At­ti­tü­den auf­zeigt. Aly lenkt eher von sich ab, zeigt auf An­de­re.

    ... Da hilft auch kein noch so gro­sses Ab­weh­ren. Die Fak­ten ste­hen fest: Be­reits An­fang der 60er Jah­re be­gann die pro­zes­sua­le Auf­ar­bei­tung – und zwar un­ab­hän­gig von ir­gend­wel­chen SDS-Adep­ten.

    Be­dingt. Struk­tu­rell hat­te sich Deutsch­land nach den Jah­ren der Schock­star­re min­de­stens na­tio­nal­kon­ser­va­tiv kon­so­li­diert. Ein kur­zer Blick auf die Nürn­ber­ger Pro­zes­se bzgl. der Ju­stiz und de­ren Aus­wir­kun­gen bis En­de der 50er zei­gen deut­lich, dass es eben kei­ne Fak­ten sind.