Wie wäre das eigentlich: Ein Leser, der nie von Giuseppe Ungaretti gehört hat, nichts von ihm weiß (weder literarisches noch sonstwas) schlägt dieses Buch mit dem Titel »Süditalienische Reise« auf und liest unter »Salerno, 12. April 1932«:
»Und plötzlich sind die Berge nicht mehr zu sehen, pressen uns dennoch die Flanken, während wir aufbrechen, um entlang der Küste weiterzufahren. Die Stille ist jetzt fast furchteinflößend und ebenso die Einsamkeit und die Größe, in der ich mich abgesondert fühle.«
Vor knapp drei Jahren publizierte der österreichische Luftschacht-Verlag sieben novellenartige Erzählungen des 1974 geborenen Norwegers Bjarte Breiteig unter dem Titel »Von nun an«, die 2006 in seinem Heimatland erschienen waren. Es sind zum Teil surreale, im besten Sinne »seltsame«, oft verrätselte und sich für den Leser kaum endgültig erschließende Erzählungen, die ungeachtet dieser vielleicht eher abschreckenden Attribute ihren eigenen Zauber und zuweilen einen starken Sog erzeugen. Jetzt legt der Verlag mit dem Band »Phantomschmerzen« nach. Hier finden sich auf knapp 130 Seiten 15 Erzählungen.
Was sofort zum Vergleich auffällt: Die Qualität der einzelnen Erzählungen differiert stärker als in »Von nun an«. Einige spielen mal mehr, mal weniger offen mit mystischen Elementen, die meist dezent hineinappliziert sind und gelegentlich einen Kontrast zur erzählten Geschichte bilden. So wird zum Beispiel in »Der Wind in den Wänden« Gerbrand-Bakker-gemäss der Tod eines doppelköpfigen Kalbes auf einem Bauernhof, das ein nicht näher beschriebener Junge alleine zu betreuen hat, erzählt. Währenddessen ist sein Vater bei der scheinbar schwerkranken Mutter im Hospital. Das Kälbchen kommt als Totgeburt auf die Welt und wird vom Jungen mit einiger Kraftanstrengung begraben. Als der Vater später eintrifft, wird unausgesprochen der Tod der Mutter als sozusagen paralleles Ereignis suggeriert. Noch einmal, in »Kleine Brüder«, spielt eine nicht näher bezeichnete Krankheit einer Mutter eine Rolle, während Arnstein, ein kleiner Junge und offensichtlich ihr Sohn, im Krankenhaus mit einem kleinen Mädchen spielt und nur sehr diffus ahnt, weswegen er in diesem Gebäude ist und was sich dort ereignet.
Rainer Rabowski: HaltestellenIn einer Besprechung zu Botho Strauß’ neuem Buch hörte ich nach längerer Zeit wieder einmal die Bezeichnung »psychologischer Realismus«, mit der der Rezensent die Erzählungen Strauß’ einordnen und in eine Reihe beispielsweise mit denen von Thomas Mann stellen wollte. Trotz der zwangsläufig fehlenden Präzision solcher eigentlich zu pauschalen Zuschreibungen, die zudem oft nur Verlegenheitslösungen sind, fände ich diese Bezeichnung in Bezug auf die Erzählungen von Rainer Rabowski als erste Einschätzung durchaus zutreffend. Vielleicht liegt es auch daran, dass mir insbesondere bei der Lektüre von »Unsere Sache« neben den Parallelen zu Strauß’ Beginnlosigkeits-Prosa durchaus auch ein psychologisches Element präsent war.
Dabei geht es Rabowski allerdings weder um den Versuch küchenpsychologischer Persönlichkeitsdiagnosen der Anderen noch wird von der Warte einer wie auch immer empfundenen Erhabenheit heraus auf die Welt geblickt. Das sanfte Seelenerkunden, welches in der Regel nur ein genaues Hinschauen und Beobachten ist, wird zumeist nur als Ausgangspunkt für eine Selbstpsychologisierung genommen, die durchaus – und hier liegt der entscheidende Mehrwert beispielsweise zur Innerlichkeitsprosa der 1970er Jahre aber auch dem Gewimmer so mancher SchreibschulabsolventInnen heute – auf Erkenntnisgewinn über die Welt im Allgemeinen zielt. Rabowski fügt dem »empirischen Kreislauf« von Deduktion und Induktion die Selbstreflexion hinzu. Und diese fast unablässig forcierte Selbstreflexion unterscheidet ihn dann deutlich von Autoren, die ihre Figuren nicht in den Abgrund der Tiefe und das »Schimmern der Schlangenhaut« (Dieter Wellershoff) wahrnehmen und stattdessen eher aus (ironischer) Distanz erzählen lassen.
»…schöpfe Kraft aus seinem Leiden, und lass das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen nähern finden kannst.«
(Johann Wolfgang Goethe, »Die Leiden des jungen Werther«)
William T. Vollmann. Europe CentralUnd wieder so ein Versuch. »Europe Central« prangt auf dem Cover – in Fraktur, Druckschrift und kyrillisch. Zu einem deutschen Titel hat es nach all der Arbeit scheinbar nicht mehr gereicht. Robin Detje, der (Chef-)Übersetzer, erwähnt in einer kleinen Notiz man habe den Originaltitel behalten wollen (er sagt nicht warum) und spricht von »Schaltzentrale Europa«, wie das Buch in Deutsch hätte heißen können. Aber »Schaltzentrale Europa« kommt nach dem ersten Kapitel, welches mit Seite 22 endet, erst wieder auf Seite 611 vor (oder ich habe es vorher überlesen?) und steht wohl für das Scharnier zwischen West- (Berlin) und Osteuropa (Moskau) von 1917 bis zum Ende des Romans 1975 – und damit wohl für Berlin (obwohl es einmal, auf Seite 757, auch als Metapher für Dresden verwandt wird). »Europe Central« wäre demnach – nebenbei – auch noch so etwas wie der große, neue, wieauchimmer Berlin-Roman des 21. Jahrhunderts (mindestens; wenn nicht des Jahrtausends). Wobei der Begriff »Schaltzentrale« mit der (gescheiterten) literarischen Metapher Vollmanns verknüpft ist, dem Buch als Telefonabhörtext einen besonders originellen Überbau zu verschaffen.
Der weihevolle Ton und die 785 Fuß- bzw. Endnoten
Wie immer, wenn es sich um ein literarisches Erzeugnis um den Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs handelt, in dem mehr oder weniger geschickt in einem postmodernen Varieté-Theater fiktive Figuren mit historischen interagieren, überschlägt sich die deutsche Literaturkritik mit Lob. »Überwältigend«, »literarisches Highlight des Jahres« und natürlich auch wieder die obligatorische Zuschreibung »Meisterwerk« – so lauten die Hymnen auf diesen Roman und ich frage mich unwillkürlich, wie viele dieser Preissänger wohl das Buch (inklusive der Anmerkungen; hierzu s. u.) überhaupt zur Gänze gelesen haben, aber dafür gibt es schließlich die vom Lektoratsvolontariat verfertigten Waschzettel und Pressetexte.
Sabine M. Gruber: Beziehungsreise Sophia kauert in einem Hotel nachts im Badezimmer und liest »Der Förster vom Silberwald«. Das Buch gibt ihr auf eine seltsame Weise einen Halt; sie ist verstört, denn Marcus, ihr – ja, was? – Freund? Mann? Bekannter?, noch weiss man es nicht – hat ihr »Gewalt angetan«. Zwei Mal wird der Akt der Vergewaltigung in stakkato- und bildhaften Sätzen rekonstruiert – ohne Drastik und doch mit einer eindringlichen Intensität. »Achtlos zur Seite gerollt. Kein Wort, bis zuletzt«. Vorher »dumpf schmerzend erniedrigt«. »Zehntes Jahr« ist dieses Kapitel zu Beginn des Buches überschrieben. Das nächste heißt dann »Neuntes Jahr«. Es beginnt vom Ende her. Nach der Lektüre wird man nicht genau wissen, ob es das Ende war, weil in den zehn Jahren zuvor schon so oft vom Ende die Rede war. Und immer wieder kam es anders.
Ich gestehe, dass ich des Titels des Buches von Sabine M. Gruber wegen Probleme hatte, es vorurteilsfrei aufzuschlagen. Das Buch heißt »Beziehungsreise« und es geht um das Wort »Beziehung« darin. In einer Zeit, in der 12jährige in Facebook bekennen »in einer Beziehung« zu sein, fällt es mir schwer, dieses Wort Ernst zu nehmen, so ausgehöhlt erscheint es mir inzwischen. Und hier interagieren erwachsene Menschen; Sophia ist am Ende 44, Marcus 51. Aber auf eine besonders perfide Art charakterisiert das technokratische Wort »Beziehung« diese Bindung kongenialer als das schöne, altertümliche »Liebschaft«, die aristokratische Bezeichnung »Liaison« oder das verrucht konnotierte Wort von der »Affäre«.
Kito Lorenc: GedichteEs ist ein wuchtiges aber auch gleichzeitig offenes Vorwort von Peter Handke zu seiner Auswahl aus den Gedichten des 1938 geborenen sorbischen Dichters Kito Lorenc. Natürlich mag Handkes Enklaven- und Slawen-Affinität eine Rolle gespielt zu haben. Bilden doch die Sorben eine kleine Minderheit in der Lausitz, die schon zu DDR-Zeiten im Rahmen der Partei-Ideologie anerkannt wurde (was vor den üblichen Bevormundungen und Zwängen nicht schützte). Handke beschreibt, wie der junge Christoph Lorenz zum Sorben wurde, sich Kito Lorenc nannte, die sorbische Sprache lernte. Eine bewusste Entscheidung für das Slawentum, für die Minorität, für das Anders-Sein. Lorenc’ Großvater Jakub Lorenc-Zaleški (Zaleški für »Hinterwäldler«), 1874–1939, ist nicht nur ein sorbischer »Volksheld«, sondern auch »ein Schriftsteller, und was für einer«, wie Handke in Bezug auf »Die Insel der Vergessenen« emphatisch ausruft. Wer nur annährend mit der Biographie von Peter Handke vertraut ist, vermag die offenen wie versteckten, die offensichtlichen wie erwünschten Parallelen zu seinem Leben bzw. dem seiner Ahnen feststellen.
Aber es ist natürlich mehr. Fast schwärmerisch erzählt, nein: frohlockt Handke von den Momenten in diesen Gedichten, »wo das spezielle Geschichtswissen übergegangen ist in etwas Universelles, die Ahnung«.
Ismet Prcic: ScherbenIsmet Prcić ist 1977 geboren und lebte mit seiner Familie in Tuzla, einem Ort im heutigen Bosnien-Herzegowina. Über einen Aufenthalt einer Theatergruppe in Großbritannien entkommt er der Einberufung in die bosnische Armee. Der Roman »Scherben« beginnt nach einem kleinen Exkurs aus dem Krieg in einer 1995 in New York landenden KLM-Maschine. Da ist Ismet 18 Jahre.
»Scherben« ist ein sehr gut konstruiertes Buch mit einfach nachvollziehbaren Vor- und Rückblenden. Zum einen wird die Eingewöhnung des bosnischen Flüchtlings Ismet Prcić in den USA erzählt. Es wird zitiert aus dem Tagebuch und Briefen an seine Mutter (wobei offen bleibt, ob diese Briefe jemals verschickt werden). Und schließlich gibt es irgendwann immer häufigere, realistische, landserartige Berichte vom Frontsoldaten Mustafa Nalić, einem Jungen, dem der Ich-Erzähler bei der Musterung begegnet und im Laufe des Buches zu Ismets Schatten, seiner zweiten Existenz wird. Er fabuliert die Lebensgeschichte von Mustafa und als er dessen Grab entdeckt, erspürt er, dass Mustafa tatsächlich noch lebt. Alles dies erlebt der Leser als therapeutische Maßnahme, die Ismet von seinem amerikanischen Arzt »verordnet« wurde um seine posttraumatische Belastungsstörung irgendwie in den Griff zu bekommen. »Jeder ist der Held seiner eigenen Märchen«, so paraphrasiert Ismet seinen Arzt – und handelt danach: »Mach dir keine Gedanken, was wahr ist und was nicht, damit machst du dich nur verrückt. Schreibt einfach nur. Schreib alles auf.«
Kurz nach der Publikation seines Erstlingsromans »Menschenkind« 1979 hatte Josef Winkler einen weiteren Text für die Literaturzeitschrift »manuskripte« geschrieben und veröffentlicht. Er erscheint heute, nach mehr als 30 Jahren, »neu durchgesehen« vom Autor, erstmals als Buch. Aus »Das lächelnde Gesicht der Totenmaske der Else Lasker-Schüler« wurde »Wortschatz der Nacht«, was schade ist, denn der ursprüngliche ...