Sa­bi­ne M. Gru­ber: Be­zie­hungs­rei­se

Sabine M. Gruber: Beziehungsreise

Sa­bi­ne M. Gru­ber: Be­zie­hungs­rei­se

So­phia kau­ert in ei­nem Ho­tel nachts im Ba­de­zim­mer und liest »Der För­ster vom Sil­ber­wald«. Das Buch gibt ihr auf ei­ne selt­sa­me Wei­se ei­nen Halt; sie ist ver­stört, denn Mar­cus, ihr – ja, was? – Freund? Mann? Be­kann­ter?, noch weiss man es nicht – hat ihr »Ge­walt an­ge­tan«. Zwei Mal wird der Akt der Ver­ge­wal­ti­gung in stak­ka­to- und bild­haf­ten Sät­zen re­kon­stru­iert – oh­ne Dra­stik und doch mit ei­ner ein­dring­li­chen In­ten­si­tät. »Acht­los zur Sei­te ge­rollt. Kein Wort, bis zu­letzt«. Vor­her »dumpf schmer­zend er­nied­rigt«. »Zehn­tes Jahr« ist die­ses Ka­pi­tel zu Be­ginn des Bu­ches über­schrie­ben. Das näch­ste heißt dann »Neun­tes Jahr«. Es be­ginnt vom En­de her. Nach der Lek­tü­re wird man nicht ge­nau wis­sen, ob es das En­de war, weil in den zehn Jah­ren zu­vor schon so oft vom En­de die Re­de war. Und im­mer wie­der kam es an­ders.

Ich ge­ste­he, dass ich des Ti­tels des Bu­ches von Sa­bi­ne M. Gru­ber we­gen Pro­ble­me hat­te, es vor­ur­teils­frei auf­zu­schla­gen. Das Buch heißt »Bezieh­ungs­reise« und es geht um das Wort »Be­zie­hung« dar­in. In ei­ner Zeit, in der 12jährige in Face­book be­ken­nen »in ei­ner Be­zie­hung« zu sein, fällt es mir schwer, die­ses Wort Ernst zu neh­men, so aus­ge­höhlt er­scheint es mir in­zwi­schen. Und hier in­ter­agie­ren er­wach­se­ne Men­schen; So­phia ist am En­de 44, Mar­cus 51. Aber auf ei­ne be­son­ders per­fi­de Art cha­rakterisiert das tech­no­kra­ti­sche Wort »Be­zie­hung« die­se Bin­dung kon­ge­nia­ler als das schö­ne, al­ter­tüm­li­che »Lieb­schaft«, die aristo­kratische Be­zeich­nung »Li­ai­son« oder das ver­rucht kon­no­tier­te Wort von der »Af­fä­re«.

Un­ver­än­der­te La­ge des Test­zet­tels

So­phia hat­te sich im Lau­fe der Jah­re mit ei­ner »Ghostwriter«-Agentur selb­stän­dig ge­macht. Das Ge­schäft läuft mehr schlecht als recht. Ih­re Plä­ne als Schrift­stel­le­rin zu re­üs­sie­ren, hat sie ad ac­ta ge­legt. Dr. Mar­cus Hah­se ar­bei­tet in ei­ner Bi­blio­thek und schreibt ge­le­gent­lich Re­zen­sio­nen – zu­nächst für die Bi­blio­theks­zei­tung, spä­ter für ei­ne nicht nä­her ge­nann­te »gro­ße« Zei­tung. Mar­cus hat­te als Ju­ror ei­ne Kurz­ge­schich­te So­phi­as bei ei­nem Li­te­ra­tur­wett­be­werb für ei­nen Preis vor­ge­schla­gen und die­se Ge­schich­te dann an­schlie­ßend in ei­nem Sam­mel­band in ei­nem ein­zi­gen Satz (sic!) lo­bend er­wähnt. Es kam zu ei­nem er­sten Ren­dez­vous. Schließ­lich über­gab sie Mar­cus ein Ro­man­ma­nu­skript. Sie soll­te sehr lan­ge nichts mehr von die­sem Ma­nu­skript hö­ren. Als sie es nach letz­ten Rei­se, nach fast zehn Jah­ren, zu­rück­for­dert, be­fin­det sich »der klei­ne gel­be Test­zet­tel« zwi­schen Blatt 83 und 84 im­mer noch dar­in. Es ge­hört zu ei­ner der fast un­zähl­ba­ren De­mü­ti­gun­gen in die­sen Jah­ren das Mar­cus die­sen Text nicht ge­le­sen hat. Schon ein­mal, als sie ihm ei­nen li­te­ra­ri­schen Es­say über­gibt und um sei­ne Mei­nung zu den The­sen er­sucht, echauf­fiert er sich über or­tho­gra­fi­sche Feh­ler. Er ha­be fünf Stun­den sei­ner Frei­zeit für die Lek­tü­re »ge­op­fert«, so Mar­cus zur kon­ster­nier­ten So­phia.

Aber Mar­cus, der ger­ne »Top-Re­zen­sent« im Feuil­le­ton wer­den möch­te, liest »ei­gent­lich nichts«. Die Fah­nen sei­ner Re­zen­si­ons­ex­em­pla­re blät­tert er nur durch und macht sich No­ti­zen in kra­ke­li­ger Hand­schrift auf DIN-A‑5 Zet­teln. Ei­ni­ge der Bü­cher wer­den ge­nannt, wie »Ali­ce« (Ju­dith Herr­mann), »Ruhm« (Da­ni­el Kehl­mann), »Feucht­ge­bie­te« (Char­lot­te Ro­che), »Der Win­ter im Sü­den« (Nor­bert Gst­rein) oder »King­peng« (Lin­da Swift). Er nimmt die­se Tex­te in den Ur­laub, um sie nicht zu le­sen. So­phia darf sie in kei­nem Fall an­rüh­ren; ihr Ur­teil gilt ihm nichts. Er echauf­fiert sich laut­stark, wenn sie ein be­grün­de­tes Ur­teil über ei­nen Au­tor ab­gibt. Er hält da­ge­gen, ob­wohl er nur ru­di­men­tä­re Kennt­nis­se be­sitzt. Sei­ne Be­spre­chun­gen soll So­phia in der Zei­tung le­sen; es gibt kei­nen Aus­tausch über sei­ne Ar­beit. (Auch der Le­ser wird nichts über Mar­cus’ Ur­tei­le le­sen kön­nen – ein ab­sichts­vol­ler Zug der Au­torin, den ich sehr be­daue­re.) Es be­steht kein Zwei­fel, dass Dr. Mar­cus Hah­se in die­sem Buch für den geist- wie em­pa­thie­lo­sen Main­stream-Kul­tur­ap­pa­rat steht. Als er »Feucht­ge­bie­te« durch­blät­tert (und längst sei­ne po­si­ti­ve Mei­nung for­mu­liert hat), liest sie »Die mo­ra­wi­sche Nacht« von Pe­ter Hand­ke. Gnaden­halber liest er auch ein paar Sei­ten in dem Buch, was So­phia schon als Er­folg für sich ver­bucht. Wie groß die Dif­fe­renz des li­te­ra­ri­schen An­spruchs bei den bei­den ist, zeigt sich noch in ei­ner an­de­ren Sze­ne: Als Mar­cus »En­gel der Sinn­lich­keit« »liest« (im­mer­hin par­al­lel mit »Ber­lin Alex­an­der­platz«; ei­ner Lek­tü­re, von der er, wie es mo­kant heißt, noch lan­ge »zeh­ren« wird) be­schäf­tigt sich So­phia mit »Der Le­bens­lauf der Lie­be«. Die Ver­ge­wal­ti­gung hat­te So­phia auch (hof­fent­lich nur vor­über­ge­hend) in­tel­lek­tu­ell be­schä­digt: Un­vor­stell­bar, dass sie, die Hand­ke- und Wal­ser-Le­se­rin, un­ter nor­ma­len Um­stän­den den »För­ster vom Sil­ber­see«, ein Ti­tel, der im Ho­tel­zim­mer ver­füg­bar ist, als Le­se­stoff ge­nom­men hät­te.

Es ist schon auf ei­ne fast per­ver­se Art und Wei­se reiz­voll, den Ver­fall die­ses Ver­hält­nis­ses von hin­ten nach vor­ne zu be­ob­ach­ten. Bis auf ei­ne Aus­nah­me be­stehen die Ka­pi­tel aus Ur­laubs­er­zäh­lun­gen, die aukt­ori­al, aber aus der Sicht von So­phia er­zählt wer­den. Zum Teil wer­den zu­künf­ti­ge Ent­wick­lun­gen vor­weg­ge­nom­men, die auch nicht im­mer in den vor­her ge­le­se­nen, ent­spre­chen­den Ka­pi­teln vor­kom­men. Ins­ge­samt kon­tra­stie­ren die zu­wei­len eu­pho­risch er­zähl­ten Rei­se­ein­drücke (man ach­tet sehr auf ein kul­tu­rel­les Pro­gramm jen­seits des blo­ßen »Tou­ris­mus« und das auch, wenn ei­ne Well­ness­oa­se auf­ge­sucht wird) mit der Auf­merk­sam­keit So­phi­as für Mar­cus’ Lau­nen, die oft ur­plötz­lich und un­mo­ti­viert wech­seln.

Es ent­steht mit der Zeit ei­ne Art vir­tu­el­ler De­mü­ti­gungs­raum, der al­le As­pek­te ei­nes Zu­sam­men­le­bens um­fasst: So­phia plant und or­ga­ni­siert nicht nur die Ur­lau­be, son­dern be­zahlt sie zu­meist und so­gar je­ne, die zu ih­rem Ge­burts­tag statt­fin­den. Da Mar­cus ih­ren Ge­burts­tag zu­meist ver­gisst bzw. ih­re Wün­sche ein­fach igno­riert, kauft sie sich ir­gend­wann so­gar ihr Ge­burts­tags­ge­schenk sel­ber. So­phi­as Ge­schen­ke be­han­delt Mar­cus lieb­los; man­che tauscht er kom­men­tar­los ge­gen Ga­ben an­de­rer Freun­de ein­fach aus. Das größ­te Lob aus sei­nem Mund ist ein jo­via­les »gut ge­macht«, wenn et­was »funk­tio­niert« hat (ein be­son­ders schö­nes Zim­mer, ei­ne herr­li­che Aus­sicht auf ei­nem Aus­flug).

Kam­mer­spiel und blu­ti­ge Dau­men

Ob­wohl die bei­den durch halb Eu­ro­pa rei­sen (der zwei­te Teil des Buch­ti­tels!), hat man das Ge­fühl ei­nes Kam­mer­spiels. Da­bei kommt Mar­cus be­dingt durch die Er­zähl­kon­struk­ti­on ein biss­chen zu kurz; die Rol­le als Arsch­loch ist sehr deut­lich fest­ge­schrie­ben. Es gibt nur ein stän­dig wie­der­keh­ren­des Sym­ptom, dass die sei­ne Ge­müts­la­ge und in­ne­re Verun­sicherung zeigt: die fast per­ma­nent mit den Zei­ge­fin­gern ab­ge­knib­bel­ten, blu­ti­gen Dau­men, die er im täg­li­chen Um­gang ge­schickt zu ver­ber­gen weiß. Das sei ge­ne­tisch be­dingt, be­haup­tet er. Nur sehr am Ran­de wird die zeit­wei­lig fra­gi­le Ar­beits­si­tua­ti­on Mar­cus’ in der Bi­blio­thek er­wähnt, sein Pro­blem mit ei­nem Vor­ge­setz­ten. Ver­mut­lich möch­te er die­ser Welt ent­flie­hen – um dann ei­ner die­ser Re­zen­si­ons­äff­chen zu wer­den, die den ver­meint­li­chen Chefs nach dem Mund re­den bzw. schrei­ben müs­sen (» ‘Glaubst du, ich le­ge mich mit de­nen da oben an?’ «, fragt er ein­mal in ei­ner Mi­schung aus Em­pö­rung und Rat­lo­sig­keit).

Wie ei­ne be­son­de­re Art von An­ge­bot wer­den manch­mal le­xi­ka­li­sche De­fi­ni­tio­nen di­ver­ser psy­cho-pa­tho­lo­gi­scher Krank­heits­bil­der zi­tiert (bspw. Dou­ble-Bind und Bor­der­line), die in ir­gend­ei­ner Form auf Mar­cus zu­tref­fen bzw. des­sen Ver­hal­ten er­klä­ren könn­ten. Die­se kon­tra­stie­ren mit klei­nen Zi­ta­ten aus tou­ri­sti­schen Wer­be­bro­schü­ren über das je­weils aus­ge­such­te Ho­tel. Ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielt auch das Fo­to­gra­fie­ren und das Fo­to­gra­fiert-Wer­den in die­sem Ro­man – nebst dem Un­ter­schied zwi­schen ana­lo­ger und di­gi­ta­ler Fo­to­gra­fie. Es sind die­se klei­nen, fei­nen Zei­chen, die Gru­ber ein­flie­ßen lässt, und die man fast über­liest.

»Mehr­lie­big«

Nach ei­nem Drit­tel des Bu­ches er­fährt man, wer der ein­gangs er­wähn­te Ge­org ist: So­phi­as Mann. Sie hat­ten jung ge­hei­ra­tet, sich »ein­an­der Treue ge­schwo­ren«, ih­re Ehe aber »mehr­lie­big« an­ge­legt, oh­ne »im­mer­wäh­ren­de Aus­schließ­lich­keit« auf ei­nen Part­ner. Wenn sie mit Mar­cus in Ur­laub fährt, un­ter­nimmt Ge­org mit Ste­phan, ih­rem Sohn, auch et­was, wie zum Bei­spiel Snow­boar­den. So­phia be­rich­tet ih­rem Mann so­gar von den Pro­ble­men mit Mar­cus. Sein Spitz­na­me für den Ge­lieb­ten sei­ner Frau ist so tref­fend wie nüch­tern: »Der Pa­ti­ent«.

Be­vor er So­phia ken­nen­lern­te ha­be er, so Mar­cus’ Aus­sa­ge, acht Jah­re kei­ne Frau ge­kannt. Und so »or­ga­ni­siert« So­phia die »Be­zie­hung« auch auf se­xu­el­lem Ge­biet. Der an­son­sten an­ge­nehm keu­sche Ro­man deu­tet nur we­ni­ge Ma­le Mar­cus’ Po­tenz­pro­ble­me und So­phi­as Ge­duld an (ein­mal in ei­ner Therapie­sitzung). Auch hier zeigt sich die Auf­op­fe­rungs­rol­le, in der So­phia fast wol­lü­stig zu schlüp­fen scheint. Die Ver­ge­wal­ti­gung nach zehn Jah­ren ist da­her durch­aus von ei­ner ge­wis­sen Tra­gik. An­son­sten wird der Sex zwi­schen den bei­den ein Spie­gel ih­res son­sti­gen Zu­sam­men­seins sein. Er wird sie an­fangs (und am En­de) wie ei­ne Hu­re be­han­deln. Wenn über­haupt, ist der Sex mit ihm spä­ter zu­meist »oh­ne In­ti­mi­tät« und »unzärt­lich«.

Wird an­fangs noch von den eu­pho­ri­schen Mo­men­ten des »Hier­seins« in be­son­ders schö­nen, »hei­len­den« Or­ten (bei­spiels­wei­se in My­ra oder auf Is­land) ge­schwärmt und ge­schwelgt, so kon­zen­triert es sich im­mer mehr auf Mar­cus’ Wohl­be­fin­den. Zwar wird So­phia mehr­fach ih­rem Är­ger Luft ma­chen, Brie­fe und Mails schrei­ben vol­ler »Zorn der Ver­zweif­lung«, Wut und Fle­hen. Re­ak­tio­nen gibt es kaum; Ent­schul­di­gun­gen von Mar­cus’ Sei­te kei­ne. Wie So­phia in ih­rem Be­ruf als un­be­kann­te Text­schrei­be­rin ver­schwin­det (und auch durch ei­nen dro­hen­den Rechts­streit mit ei­ner na­mens­ähn­li­chen Schrift­stel­le­rin am En­de die Schrift­stel­le­rei re­si­gniert ab­bricht*), so scheint sie auch im Zu­sam­men­le­ben mit Mar­cus als Per­sön­lich­keit ver­schwin­den zu müs­sen, um zu ge­fal­len. So­phia ver­biegt sich im­mer mehr, um ei­ne auch nur sehr klei­ne Zeit­span­ne ei­ner Har­mo­nie zu er­rei­chen. Sie fügt sich be­reit­wil­lig Mar­cus’ Zeit­dik­tat, wel­ches nur ei­ne Zeit von 9 Uhr bis 9.08 Uhr er­gibt, um ihn auf dem Han­dy an­zu­ru­fen, zu »stö­ren«; an­son­sten ist nur die »Sprach­box« an. Rück­ru­fe gibt es nicht. »Ag­gres­si­ves Schwei­gen«. Die Ter­mi­ne mit sei­ner Fa­mi­lie (sei­ner Mut­ter, der Ex-Frau und Toch­ter) schirmt er sorg­sam ab. Trifft sich So­phia mit ih­rer Fa­mi­lie, wird er wü­tend, er will nicht der »Pau­sen­kas­perl« sein, will sie im­mer und zu je­der Ge­le­gen­heit be­an­spru­chen kön­nen – um dann da­von kaum Ge­brauch zu ma­chen.

Sams­tags Abends trifft man sich, aber So­phia bleibt nicht bis zum Sonn­tag­mor­gen: Mar­cus ist es zu auf­wen­dig, das Früh­stück für zwei zu or­ga­ni­sie­ren; er will sich nicht »in der Früh« um sie »küm­mern«. Oder wenn er ein­mal der noch kran­ken So­phia sagt, er wä­re auch oh­ne sie in den Ur­laub ge­flo­gen, wenn sie nicht hät­te mit­flie­gen kön­nen. Es sind die­se lieb­los da­her­ge­sag­ten Ne­ben­sät­ze, die Wun­den schla­gen. Nach ei­nem Streit, in dem sie sich wie­der Luft ver­schafft hat­te, ver­lässt sie Mar­cus. »Am näch­sten Tag ent­schul­digt sie sich, und Mar­cus ver­zeiht ihr« heißt es dann iro­nisch-la­ko­nisch.

Ei­ne Fra­ge der Mög­lich­keit

So­phia sucht so­gar ei­nen sy­ste­mi­schen The­ra­peu­ten auf, der ihr zu­hört, aber nach Ab­lauf der Stun­de auch das nicht mehr (Woo­dy Al­len lässt grü­ßen). Sie wird ir­gend­wann fest­stellen, dass die­se The­ra­pie (50 Mi­nu­ten für 70 Eu­ro, al­le 14 Ta­ge) »ih­re Beziehung…künstlich be­atmet und künst­lich er­nährt« hat. Und dann sind es zwei Er­eig­nis­se, die sie trotz­dem im­mer wie­der ei­ne Form der (trü­ge­ri­schen) Si­cher­heit bei Mar­cus su­chen las­sen: Zum ei­nen ei­ne Schwan­ger­schaft im er­sten Jahr ih­res Zu­sam­men­seins. Sie wird das Kind un­ter gro­ßen Qua­len ab­trei­ben; Mar­cus wird die­se Sa­che nie mehr er­wäh­nen. Aber von nun an, so die Er­zäh­le­rin wie sonst sel­ten em­pha­tisch, steht die­ses un­ge­bo­re­ne Kind wie ein rich­ti­ges in die­sem Ver­hält­nis. Das zwei­te, So­phia bis ins Mark er­schüt­tern­de Er­eig­nis, ist der Frei­tod ih­res äl­te­ren, am En­de de­pres­si­ven Bru­ders. Das Ka­pi­tel hier­zu (ei­ne Er­zäh­lung aus Sa­bi­ne M. Gru­bers Ge­schich­ten­band »Kurz­park­zo­ne« von 2010) ist das ein­zi­ge, was nicht mit So­phia und Mar­cus und den Rei­sen zu tun hat. Sie wird den Tod ih­res Bru­ders mit ih­rer Mut­ter durch­le­ben und durch­lei­den und es wird sie im­mer wie­der ein­ho­len, be­son­ders auf der Rei­se in die Tür­kei, nicht zu­letzt weil ihr Bru­der sich dort hei­misch fühl­te und so­gar die Spra­che ge­lernt hat­te.

Die Glücks­ver­spre­chen und har­mo­ni­schen Le­bens­ent­wür­fe, der So­phia fast ver­zwei­felt nach­ei­fert, schei­tern fast ausnahms­los bzw. er­hal­ten kei­ne Dau­er. Er­zählt wird dies oh­ne fal­sches Pa­thos und oh­ne die Fi­gur ei­nem bil­li­gen Voy­eu­ris­mus aus­zu­lie­fern. Manch­mal fühlt man sich an Mar­le­ne Stree­ru­witz’ Frau­en­fi­gu­ren er­in­nert, et­wa an He­le­ne aus »Ver­füh­run­gen«. Im Ge­gen­satz zu He­le­ne ist So­phia zwar die ak­tiv-han­deln­de Per­son, auch in se­xu­el­ler Hin­sicht und die Eman­zi­pa­ti­on schein­bar voll­zo­gen – die Frau ist nicht mehr nur die Be­tro­ge­ne, son­dern die »Mehr­lie­bi­ge«. Aber da hel­fen auch die extra­vaganten, ge­gen En­de fast lu­xu­riö­sen Ur­laubs­or­te und das ge­die­ge­ne kul­tu­rel­le Pro­gramm nebst ge­nau­er Vor­be­rei­tung nicht: Es klappt nicht. Den­noch taugt So­phia bei al­ler Här­te der ihr zu­ge­füg­ten Her­ab­set­zun­gen nicht als Pro­to­typ des »ar­men Ha­scherls«. Die all­zu ge­läu­fi­ge, be­que­me Ru­bri­zie­rung in »Op­fer« und »Tä­ter« ver­fängt nicht – es gab je­der­zeit die Mög­lich­keit, die Be­zie­hung zu be­en­den. Und ein­mal heißt es ja, sie hät­ten sich schon 20 oder 25mal ge­trennt. So­phia macht wei­ter, weil sie bis zum Schluss (der im Ro­man der Be­ginn ist) an die Mög­lich­keit des gu­ten Le­bens glaubt. In ei­ner ih­rer The­ra­pie­sit­zun­gen stellt sie sich sel­ber die Fra­ge: »Ver­liebt man sich nicht im­mer in die Mög­lich­kei­ten ei­nes Men­schen, in das, was er sein könn­te?« Mit der Grenz­über­schrei­tung von der see­li­schen zur phy­si­schen Ge­walt ist die­se Möglichkeits­philosophie ei­gent­lich vor­bei. Trotz ein­deu­ti­ger Zei­chen bleibt den­noch un­klar, ob So­phia die Tren­nung von Mar­cus ge­lin­gen wird.

Sa­bi­ne M. Gru­ber ver­mei­det klu­ger­wei­se je­de di­rek­te mo­ra­li­sche Wer­tung der Er­eig­nis­se. Und wer fer­tig­ge­kau­tes gen­der­spe­zi­fi­sches Jar­gon so­zu­sa­gen als Drauf­ga­be mit­ge­lie­fert er­war­tet, wird ver­geb­lich su­chen. Der Le­ser, die Le­se­rin, muss da sel­ber durch. Die Spra­che ist an­ge­nehm un­prä­ten­ti­ös, was zu­nächst da­zu ver­lei­tet, die Dop­pel­bö­dig­keit, die in die­sem Buch steckt, zu un­ter­schät­zen. Al­ler­dings gibt es ge­schickt platz­ier­te Auf­lockerungen in Form ei­nes leicht iro­ni­schen Un­ter­tons, der ge­le­gent­lich ins Kalauer­hafte chan­giert, oh­ne da­bei ab­zu­stür­zen (und oh­ne epi­go­nal zur größ­ten öster­reichischen Ka­lau­er­dich­te­rin El­frie­de Je­li­nek zu wir­ken). Der Sog, der trotz des ver­meint­lich be­kann­ten En­des ent­steht, wur­de be­reits an­ge­spro­chen. Und das Ka­pi­tel zu Be­ginn liest man dann nach der Lek­tü­re des gan­zen Bu­ches noch ein­mal.

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* Ob Sa­bi­ne M. Gru­ber hier auf die Ver­wechs­lun­gen mit der öster­rei­chisch-ita­lie­ni­schen Schrift­stel­le­rin Sa­bi­ne Gru­ber (zu­letzt: »Still­bach oder Die Sehn­sucht«) an­spielt?

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  1. ei­ner­seits bin ich jetzt wirk­lich neu­gie­rig auf den Buch­in­halt, aber an­de­rer­seits muss ich lei­der ge­ste­hen, dass der Ar­ti­kel sehr ver­wir­rend ge­schrie­ben ist, sprich ex­trem viel In­for­ma­ti­on in we­nig Sät­zen. Und trotz­dem ob­wohl ich nun leicht ver­wirrt und er­schla­gen bin, von der flut der In­for­ma­tio­nen, bin ich den­noch ge­willt, mir die­ses Buch mal zu Ge­mü­te zu füh­ren. In­ter­es­san­te Art jmd. für et­was zu ge­win­nen.