Wil­liam T. Voll­mann: Eu­ro­pe Cen­tral

»…schöp­fe Kraft aus sei­nem Lei­den, und lass das Büch­lein dei­nen Freund sein,
wenn du aus Ge­schick oder ei­ge­ner Schuld kei­nen nä­hern fin­den kannst.«
(Jo­hann Wolf­gang Goe­the, »Die Lei­den des jun­gen Wert­her«)

William T. Vollmann. Europe Central

Wil­liam T. Voll­mann. Eu­ro­pe Cen­tral

Und wie­der so ein Ver­such. »Eu­ro­pe Cen­tral« prangt auf dem Co­ver – in Frak­tur, Druck­schrift und ky­ril­lisch. Zu ei­nem deut­schen Ti­tel hat es nach all der Ar­beit schein­bar nicht mehr ge­reicht. Ro­bin Det­je, der (Chef-)Über­setzer, er­wähnt in ei­ner klei­nen No­tiz man ha­be den Ori­gi­nal­ti­tel be­hal­ten wol­len (er sagt nicht war­um) und spricht von »Schalt­zen­tra­le Eu­ro­pa«, wie das Buch in Deutsch hät­te hei­ßen kön­nen. Aber »Schalt­zen­tra­le Eu­ro­pa« kommt nach dem er­sten Ka­pi­tel, wel­ches mit Sei­te 22 en­det, erst wie­der auf Sei­te 611 vor (oder ich ha­be es vor­her über­le­sen?) und steht wohl für das Schar­nier zwi­schen West- (Ber­lin) und Ost­eu­ro­pa (Mos­kau) von 1917 bis zum En­de des Ro­mans 1975 – und da­mit wohl für Ber­lin (ob­wohl es ein­mal, auf Sei­te 757, auch als Me­ta­pher für Dres­den ver­wandt wird). »Eu­ro­pe Cen­tral« wä­re dem­nach – ne­ben­bei – auch noch so et­was wie der gro­ße, neue, wie­au­chim­mer Ber­lin-Ro­man des 21. Jahr­hun­derts (min­de­stens; wenn nicht des Jahr­tau­sends). Wo­bei der Be­griff »Schalt­zen­tra­le« mit der (ge­schei­ter­ten) li­te­ra­ri­schen Me­ta­pher Voll­manns ver­knüpft ist, dem Buch als Te­le­fon­ab­hör­text ei­nen be­son­ders ori­gi­nel­len Über­bau zu ver­schaf­fen.

Der wei­he­vol­le Ton und die 785 Fuß- bzw. End­no­ten

Wie im­mer, wenn es sich um ein li­te­ra­ri­sches Er­zeug­nis um den Wahn­sinn des Zwei­ten Welt­kriegs han­delt, in dem mehr oder we­ni­ger ge­schickt in ei­nem post­mo­der­nen Va­rie­té-Thea­ter fik­ti­ve Fi­gu­ren mit hi­sto­ri­schen in­ter­agie­ren, über­schlägt sich die deut­sche Li­te­ra­tur­kri­tik mit Lob. »Über­wäl­ti­gend«, »li­te­ra­ri­sches High­light des Jah­res« und na­tür­lich auch wie­der die ob­li­ga­to­ri­sche Zu­schrei­bung »Mei­ster­werk« – so lau­ten die Hym­nen auf die­sen Ro­man und ich fra­ge mich un­will­kür­lich, wie vie­le die­ser Preis­sän­ger wohl das Buch (in­klu­si­ve der An­mer­kun­gen; hier­zu s. u.) über­haupt zur Gän­ze ge­le­sen ha­ben, aber da­für gibt es schließ­lich die vom Lek­to­rats­vo­lon­ta­ri­at ver­fer­tig­ten Wasch­zet­tel und Pres­se­tex­te.

Der­weil wird al­so der wei­he­vol­le Ton für die­ses un­aus­ge­go­re­ne, sicht- bzw. les­bar am­bi­tio­nier­te, teils me­lo­dra­ma­ti­sche und am En­de ge­schei­ter­te Buch an­ge­stimmt. Es sei, so be­tont Voll­mann mehr­mals, ein Ro­man. Ei­ne Gen­re­klas­si­fi­zie­rung, die not­wen­dig ist, da der Au­tor ei­nen Mocku­men­ta­ry-Brei an­rührt, der dann in ei­nem um­fang­rei­chen Ap­pa­rat mit 785 End­no­ten (oh­ne die Stern­chen-Fuß­no­ten im ei­gent­li­chen Text) brav all die Hin­zu­fü­gun­gen, Ver­bie­gun­gen, Un­ter­stel­lun­gen und er­fun­de­nen Zi­ta­te auf­löst und klar­stellt. Die Des­il­lu­sio­nie­rung des ge­ra­de Ge­le­se­nen wird al­so beim gleich­zei­ti­gen Kon­sum der End­no­ten so­fort wirk­sam; es hält län­ger, wenn man sich die Anmerkungs­lektüre für den Schluss auf­hebt. Dann wird man auch nicht das zwei­te Le­se­zei­chen ver­mis­sen, was not­wen­dig ge­we­sen wä­re, aber man muss Suhr­kamp schon für das ei­ne dank­bar sein.

Das viel­stim­mi­ge Lob hat mich dann doch über­rascht, weil ich die zum Teil lä­cher­li­chen wie dumm­drei­sten Vor­wür­fe ge­gen Ni­chol­son Bakers »Men­schen­rauch« noch in Er­in­ne­rung hat­te. Baker hat­te Do­ku­men­te kom­men­tie­rend mit­ein­an­der mon­tiert, die die ma­nichäi­sche Sicht­wei­se des Zwei­ten Welt­krie­ges (zwi­schen Groß­bri­tan­ni­en und dem Deut­schen Reich) in ih­rer bis­he­ri­gen Form ein biss­chen ge­gen den Strich bür­ste­te. So er­schien Chur­chill als ei­fern­der Bel­li­zist. Und Roo­se­velt, der die Hil­fe­ru­fe jü­di­scher Or­ga­ni­sa­tio­nen für ei­ne hö­he­re Ein­wan­de­rungs­quo­te in die USA igno­rier­te, wird zum über­pein­li­chen Bü­ro­kra­ten, dem ei­gent­lich schon der jü­di­sche An­teil an den ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten et­was zu hoch war. Gan­dhi ge­riet als Mi­schung aus Idea­list und Hit­ler-Ver­ste­her, der Hit­le­ris­mus und »Chur­chil­lis­mus« auf ei­ne Stu­fe stell­te. Prompt wur­de Baker vor­ge­wor­fen, dass er Ur­sa­che und Wir­kung ver­tauscht ha­ben soll­te. Aber dar­um ging es ihm gar nicht; die Ver­bre­chen der Na­zis hat­te Baker mit kei­nem Wort wie es so schön heißt »re­la­ti­viert«. Er hat­te sich nur er­laubt, die Her­ren mit den ver­meint­lich wei­ßen We­sten mit ih­ren Flecken zu zei­gen. Aber das ge­nüg­te, Bakers Buch zu dis­kre­di­tie­ren. (Sein Feh­ler war dann, dass er un­sau­ber ge­ar­bei­tet hat­te und ei­ni­gen Ver­schwö­rungs­theo­ri­en zu of­fen­sicht­lich zu­sprach.)

Mo­ra­li­sche Gleich­set­zung

Und nun die­ses Buch hier. Aber viel­leicht ist es ja gar nicht auf­ge­fal­len: Voll­mann er­wähnt in sei­nem Nach­wort aus­drück­lich die »mo­ra­li­sche Gleich­set­zung von Sta­li­nis­mus und Hit­ler­tum« als le­gi­ti­mes Vor­ge­hen. Da­mit »ver­stößt« er ge­gen die in Deutsch­land ver­in­ner­lich­te Über­ein­kunft, dass die Na­zi-Ver­bre­chen sin­gu­lär ge­we­sen und so­mit hi­sto­risch un­ver­gleich­bar sei­en. Tat­säch­lich hat man in der se­riö­sen Geschichtswissen­schaft schon längst die­sen kru­den, pri­mär deut­schen Ge­schichts-Feuil­le­to­nis­mus hin­ter sich ge­las­sen, wie auch Jörg Ba­be­row­kis Aus­füh­run­gen zei­gen. Na­zis­mus und Sta­li­nis­mus kön­nen durch­aus mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den, oh­ne dass man sich als Re­van­chist oder gar Rechts­ra­di­ka­ler be­zeich­nen las­sen muss – wenn der Ver­gleich ne­ben den un­leug­ba­ren Ge­mein­sam­kei­ten (Mord bleibt Mord) auch die Dif­fe­ren­zen her­vor­hebt.

Voll­manns Buch ma­nö­vriert im­mer wie­der zwi­schen Na­zi- und Sta­lin-Ter­ror hin und her. Am ein­dring­lich­sten ge­lingt dies in den Ka­pi­teln um Wlas­sow und Pau­lus: dem hoch de­ko­rier­ten rus­si­schen Ge­ne­ral, der sich den Na­zis zu­wand­te und für sie ei­ne Söld­ner-Ar­mee auf­bau­en soll­te (die bei den Obe­ren auf gro­ße Vor­be­hal­te stieß) und dem deut­schen Feld­mar­schall, der sich ein ein­zi­ges Mal ei­nem Füh­rer­be­fehl wi­der­setz­te – und zwar als es um sein jäm­mer­li­ches Le­ben ging – und sich ge­fan­gen neh­men ließ und dann, viel spä­ter, in der DDR, Vor­trä­ge im Sin­ne der SED-Dok­trin hielt. Wlas­sow ließ sich wil­lig in den Propa­gandaapparat der Na­zis ein­bin­den; sei­ne Zwei­fel wur­den mit Ka­tyn und Lü­gen be­sänf­tigt. Für ihn war nach sei­ner Er­fah­rung im Krieg Hit­ler – un­vor­stell­bar für uns – »das klei­ne­re Übel«. Er un­ter­zeich­ne­te Pam­phle­te, die über rus­si­schen Stel­lun­gen ab­ge­wor­fen wur­den und zur De­ser­ti­on auf­for­der­ten (wel­ches Schick­sal die­se Ge­fan­ge­nen ge­nom­men hät­ten, war ihm nicht klar). Da­für in­ter­nier­te man zu­nächst sei­ne Frau und rich­te­te ihn 1946 in der UdSSR als Ver­rä­ter hin. Pau­lus er­ging es bes­ser, er än­der­te – nach Voll­mann – nur dau­er­haft sei­ne Ge­sichts­far­be und starb fried­lich 1957. Bei­de Prot­ago­ni­sten wech­sel­ten die Sei­ten, bei­den at­te­stiert Voll­mann je­weils gro­ße Vor­be­hal­te und Ge­wis­sens­bis­se (sie lie­ßen ih­re Fa­mi­li­en zu­rück). Sie wur­den nicht glück­lich da­mit, weil der Zwei­fel, dem sie zu ent­kom­men hoff­ten, an ih­nen nag­te.

Ein gro­ßes Ver­dienst die­ses Bu­ches: Es wird mit Ver­ve mit der Ka­te­go­ri­sie­rung von »rich­tig« und »falsch« auf­ge­räumt. Das un­end­lich stra­pa­zier­te Ador­no-Wort vom rich­ti­gen Le­ben, wel­ches im fal­schen nicht führ­bar sein soll (es be­zog sich ur­sprüng­lich auf ei­ne In­nen­ein­rich­tungs­fra­ge), wird hin­weg­ge­fegt und klar­ge­stellt: Es geht nicht um ein »rich­ti­ges Le­ben«, wel­ches pro­fes­so­ra­ler Gna­de ge­nügt, son­dern es geht nur um das kru­de Über-Le­ben – und dies ir­gend­wie. Wer da­mals in Deutsch­land oder der UdSSR leb­te, war per se im­mer auf ei­ner fal­schen Sei­te – ent­we­der qua Ent­schei­dung oder, was wahr­scheinlicher war, qua Ge­burt. Al­les was man tat, war ein Sich-Ein­las­sen auf das Ver­brecherische, was man nicht än­dern konn­te. Al­les war Ar­ran­ge­ment, weil man am Le­ben hing. Es gab kei­ne Mög­lich­keit, die­sem Fa­tum zu ent­ge­hen – man muss­te sich ver­hal­ten. Und da je­der Weg kon­ta­mi­niert und auch ein (ver­meint­li­cher) Aus­weg, fast al­len un­mög­lich, war ein Irr­weg.

Schosta­ko­witsch als so­wje­ti­scher Le­ver­kühn?

Die­se The­se durch­zieht das Buch; die Be­le­ge wer­den an al­len mög­li­chen Stel­len in den Text hin­ein­ge­pfla­stert. Der Pro­to­typ des an­ge­pass­ten, stän­dig zwi­schen Or­den und Ar­beits­la­ger la­vie­ren­den In­tel­lek­tu­el­len ist für Voll­mann Di­mitri Schosta­ko­witsch. Die Fas­zi­na­ti­on für die­sen Kom­po­ni­sten und sei­nem Werk ist na­he­zu gren­zen­los. Über hun­der­te von Sei­ten dich­tet Voll­mann ihm ei­ne le­bens­lan­ge, quä­len­de, ver­zeh­ren­de Lie­be­lei zur (tat­säch­lich nur kurz­fri­sti­gen) Ge­lieb­ten Ele­na Kon­stan­ti­now­ska­ja an, die ähn­lich quä­lend und in ei­nem Schosta­ko­witsch of­fen­sicht­lich ei­ge­nen, stot­tern­den Satz­duk­tus (ab­ge­hack­te Sät­ze; per­sönliche An­re­den) wie tran­skri­biert er­zählt und aus­ge­brei­tet wird. Ge­hei­ra­tet hat­te Schosta­ko­witsch schließ­lich Ni­na. Kon­stan­ti­now­ska­ja, die zeit­le­bens Ima­gi­nier­te, hei­ra­te­te (zu­nächst) den so­wje­ti­schen Do­ku­men­tar- und Pro­pa­gan­da­fil­mer Ro­man Kar­men (der als ei­ne Art rus­si­scher Le­ni Rie­fen­stahl prä­sen­tiert wird), was da­zu führt, dass auch des­sen Le­ben und sei­ne li­ni­en­treu­en Fil­me aus­führ­lich vor­ge­stellt wer­den (im Ge­gen­satz zu Schosta­ko­witsch kommt der ziel­si­cher ba­lan­cie­ren­de Kar­men nie­mals in Schwie­rig­kei­ten). Voll­mann schreibt ih­nen so­gar ei­ne mé­na­ge-à-trois zu, was er aber auf Sei­te 1021 als Fik­ti­on klar­stellt (Voll­mann stellt – s. o. – fast al­les klar, wo­bei man sich fragt, war­um es dann vor­her so zum Teil durch­aus fi­li­gran col­la­giert).

Im­mer wie­der wer­den Schosta­ko­witschs Kom­po­si­tio­nen er­zählt, be­schrie­ben, im Kon­text mit Sex, Krieg, Be­la­ge­rung und Sta­li­nis­mus ge­setzt. Da wird in Opus 40 die »Schau­kel­pferd-Ko­pu­la­ti­on« (in­klu­si­ve »fröhliche[m] Sa­men­er­guß«) ein­ge­baut, blit­zen in Opus 110 »zwi­schen den Wolken…atemberaubend chro­ma­ti­sche Fu­gen« auf und nicht zu ver­ges­sen die In­spi­ra­ti­on durch das »Tim­bre [der] Seuf­zer« Ele­nas (die mit fort­schreitender Zeit und Er­in­ne­rung im­mer eu­pho­ri­scher wer­den), de­ren Kli­to­ris »elek­trisch ge­la­den« ist und das wird na­tür­lich auch so­fort ins Mu­si­ka­li­sche über­setzt, denn es »gab nichts, das sich nicht in Mu­sik ver­wan­deln ließ!« Aus den ab­ge­wor­fe­nen Bom­ben kann man »un­ter idea­len Be­din­gun­gen al­le acht Stu­fen der dia­to­ni­schen Ton­lei­ter aus­drücken«. Und so kom­po­niert Schosta­ko­witsch ent­we­der aus dem Höl­len­in­fer­no von Le­nin­grad oder aus Ele­nas Schoss und die No­ten, auf Pa­pier »zu Ak­kor­den oder Tak­ten ver­bun­den« sa­hen »wie In­sek­ten« aus, »die im Draht­ver­hau zap­pel­ten« und »die 5. Sin­fo­nie wird mit Hor­den aus per­fi­de sich sträu­ben­den No­ten mit Flie­gen­bei­nen und an den Sta­chel­draht der No­ten­blät­ter ge­knüpf­ten Ak­kor­den en­den« wäh­rend Opus 110 »krei­schen [wird ]wie Pa­ti­en­ten in ei­nem bren­nen­den Kran­ken­haus«. Wer sich über Ernst Jün­gers Stahl­ge­wit­ter-Äs­the­tik der 1920er Jah­re auf­regt, fän­de hier ein neu­es For­schungs­feld.

Den­noch: Es sind Bil­der und In­ter­pre­ta­ti­ons­stür­me, die er­stau­nen, teil­wei­se ent­zücken – aber auch ma­nie­ri­stisch-kunst­wol­lend da­her­kom­men. Und es ist schon ziem­lich deut­lich, dass Voll­mann durch­aus an die Ge­schich­te über Adri­an Le­ver­kühn an­knüp­fen möch­te. Aber Schosta­ko­witsch hat­te kei­nen Pakt mit dem Teu­fel ge­schlos­sen, er muss­te mit den Ex­ege­ten des wah­ren So­zia­lis­mus kämp­fen: In un­plan­ba­rer Will­kür fällt er re­gel­mä­ßig-un­re­gel­mä­ßig in Un­gna­de und muss sich dann recht­fer­ti­gen ob sei­nes »For­ma­lis­mus« (was das ist, be­stim­men im­mer die an­de­ren), ent­schul­digt sich dann mit äu­ßer­ster, heut­zu­ta­ge pein­lich an­mu­ten­der Ser­vi­li­tät (oh­ne je­doch je­mals ei­ne Kom­po­si­ti­on zu ver­än­dern) – und macht dann für sich ein­fach wei­ter. Sta­li­n­or­den und die Sor­ge von der Ge­heim­po­li­zei ab­ge­holt zu wer­den wech­seln sich ab (das En­de des Krie­ges macht es noch schlim­mer und auch der Tod Sta­lins bringt nur zeit­wei­se Er­leich­te­rung) und Schosta­ko­witsch er­träumt zu­wei­len schon die Klopf­ge­räu­sche der Ge­heim­po­li­zei an sei­ner Tür, die er schon in ei­ne Me­lo­di­en­fol­ge um­kom­po­niert und wird dann in der Chrust­schow-Ära doch noch Mit­glied der Par­tei, de­ren Re­prä­sen­tan­ten er ei­gent­lich ver­ab­scheut (viel­leicht doch ein so­wje­ti­scher Dr. Faustus?).

Voll­manns Pro­gram­ma­tik für die­ses Buch wird ge­gen En­de grif­fig bi­lan­ziert: »Und Schosta­ko­witsch, der end­lich in die ne­ga­ti­ven Räu­me un­ter den schwar­zen Ta­sten des Kla­viers ein­tritt, wei­tet sei­ne Front aus, weit über die Mu­sik hin­aus, bis hin­ein in ei­ne voll­kom­me­ne Höl­le, in der sein Le­ben, die Ent­ku­la­ki­sie­rung und das Un­ter­neh­men Bar­ba­ros­sa eins wer­den«. Die­se voll­kom­me­ne Höl­le zu Li­te­ra­tur ver­ar­bei­tet heißt dann »Eu­ro­pe Cen­tral«. Da­bei: Nichts ge­gen die weit­räu­mi­gen, viel­leicht (lever-)kühnen As­so­zia­tio­nen zwi­schen Mu­sik und Li­te­ra­tur und/oder Mu­sik und Krieg. Auch wenn dann man­ches recht ab­ge­grif­fen und aus dem Kon­text des Hi­sto­ri­schen oder Pri­va­ten ab­ge­lei­tet er­scheint. Den­noch fügt Voll­mann der Schosta­ko­witsch-In­ter­pre­ta­ti­on ja viel­leicht Neu­es hin­zu. Aber die plü­schig-par­fü­mier­ten, me­lo­dra­ma­ti­schen Lie­bes-In­kon­ve­ni­en­zen des Kom­po­ni­sten sind mit der Zeit ziem­lich un­er­träg­li­ches Le­se­fut­ter. Über­haupt die Spra­che in die­sem Ro­man: In den ein­zel­nen Ka­pi­teln, die oft ge­nug als An­ti­po­den Deut­sches Reich vs UdSSR zu­sam­men­ge­klam­mert wer­den, er­zäh­len je­weils glü­hen­de An­hän­ger der vor­herr­schen­den Ideo­lo­gie. Bei den Ge­schich­ten aus der So­wjet­uni­on ist dies oft der (fik­ti­ve?) Ge­nos­se Alex­an­drow; bei Deutsch­land ein schwie­ri­ger zu be­nen­nen­der Na­zi- viel­leicht SS-Mann. Die­se Sprach­spie­le im je­wei­li­gen Ver­bre­cher-Duk­tus ge­lin­gen zu­meist als Ver­stär­ker der (von Voll­mann durch­aus kal­ku­lier­ten) Le­serem­pö­rung; aber all­zu oft ver­fal­len die Er­zäh­ler in ei­nen nicht nur un­pas­sen­den (das wä­re ja noch er­träg­lich), son­dern stark an der Ge­gen­wart ori­en­tier­ten Zy­nis­mus.

Und dann die pein­li­chen bis un­frei­wil­lig ko­mi­schen Me­ta­phern, die sich da fin­den las­sen. Ein Ge­wehr ist ein »Phal­lus aus Stahl«, ein Leut­nant an ei­nem Ein­gang wird zum »Tür­hüter« (Li­te­ra­tur! Kaf­ka!) und das »ge­fro­re­ne« Blut der rus­si­schen Widerstands­kämpferin So­ja, »dunk­ler als Stahl, schärf­te die er­ho­be­nen Sä­bel der Ko­sa­ken«. Im Zug nach War­schau ent­deckt ein SS-Mann ein le­sen­des, pol­ni­sches Mäd­chen, de­ren »die nack­te Haut an« (sic!) »sei­ner Keh­le« »so voll­kom­men [war] wie ei­ne po­li­ti­sche Idee« (»Es moch­te ein Freu­den­mäd­chen sein«, heißt es dann la­pi­dar). Ele­nas Haar war ein­mal »so dun­kel wie das Lam­pen­ka­bel vor der blas­sen Zelt­wand«. Ei­ne Nacht war so schwarz »wie die Uni­form ei­nes SS-Man­nes« (ge­ra­de­zu dümm­lich, wie Voll­mann im Buch »SS« im­mer als blit­zen­de »S« schreibt und auch sonst ei­ni­ge ty­po­gra­phi­sche Spie­le­rei­en glaubt nö­tig zu ha­ben). Und Schosta­ko­witschs Le­ben wur­de in den 1960er Jah­ren »so ru­hig wie das ab­eb­ben­de Ge­räusch ei­nes deut­schen Bom­bers, der eben ei­ne Last ab­ge­wor­fen hat«. Die Li­ste lie­ße sich be­lie­big fort­set­zen.

Kurt Ger­stein und Hil­de Ben­ja­min

Zu­ge­ge­ben, es geht in die­sem Buch nicht nur um Schosta­ko­witsch. Hi­sto­ri­sche Per­sönlichkeiten aus Deutsch­land und der So­wjet­uni­on ge­ben sich die Klin­ke in die Hand. Es gibt Aus­führ­li­ches über die Le­nin-At­ten­tä­te­rin Fan­ny Ka­plan, die deut­sche Künst­le­rin Kä­the Koll­witz, die Dich­te­rin An­na Ach­mato­wa (die Ach­mato­wa zieht sich je­doch – wie so manch an­de­res Mo­tiv im­mer wie­der durch die ein­zel­nen Ka­pi­tel). Ne­ben­rol­len (d. h. ge­le­gent­li­che Er­wäh­nun­gen un­ter­schied­lich­ster Art) gibt es zahl­rei­che; bei­spiels­wei­se Erich von Man­stein, Lis­ca Mal­bran [ei­gent­lich: Mar­lis Car­men Hoff­mann], ei­ne deut­sche Schau­spie­lern [1925–1946], so et­was wie der Sol­da­ten­schwarm da­mals) oder Mi­chail Ni­ko­la­je­witsch Tuchat­schew­ski (zu al­len ent­hält sich Voll­mann ei­nes de­zi­dier­ten Ur­teils­spruchs). Die­se Ne­ben­fi­gu­ren er­zeu­gen durch ih­re kon­ti­nu­ier­li­che Er­wäh­nung im Ro­man so et­was wie ei­nen (ober­fläch­li­chen) Zu­sam­men­halt.

Aber dann gibt es ei­ni­ge we­ni­ge Ka­pi­tel im Buch, die von ei­nem hoch­mo­ra­li­schen Er­zähl­pa­thos ge­tra­gen wer­den. Da wird dann der SS-Mann Kurt Ger­stein (der »Spi­on Got­tes« – in An­spie­lung auf Ger­steins christ­li­ches Welt­bild), der un­ter an­de­rem die für Ausch­witz be­stimm­te Blau­säu­re ver­grub statt zu trans­por­tie­ren und nach dem Krieg sei­ne de­tail­lier­ten Auf­zeich­nun­gen über die Gräu­el von Wehr­macht und SS mit we­nig Er­folg den Al­li­ier­ten an­bot (die spä­ter so ge­nann­ten »Ger­stein-Be­rich­te« wur­den erst nach sei­nem Frei­tod 1946 ernst ge­nom­men), zu ei­nem Hel­den mit ei­ner ge­wis­sen Por­ti­on Schwe­jk­scher Ver­stel­lungs­klug­keit. Als gin­ge es dar­um mit ein paar Ese­lei­en Be­feh­le mit tak­ti­schem Falsch­ver­ste­hen zu kon­ter­ka­rie­ren. Saul Fried­län­der mach­te be­reits 1968 auf Ger­stein auf­merk­sam (in vier Tei­len im »Spie­gel«: I, II, III, und IV) und Voll­mann wischt die in der For­schung ar­ti­ku­lier­ten Am­bi­va­len­zen in der Be­ur­tei­lung non­cha­lant weg: In­dem Ger­stein vor­der­grün­dig ein Räd­chen im Ge­trie­be des Na­zi­staa­tes war und den­noch auch Sand hin­ein­streu­te, ver­hält er sich wi­der­stän­dig (frei­lich oh­ne sich über Ge­bühr zu ge­fähr­den). Da macht es für Voll­mann nichts aus, dass sei­ne Ak­tio­nen nur zeit­auf­schie­ben­de Wir­kung hat­ten und nie­mals et­was ver­hin­der­ten. »Sau­be­re Hän­de« lau­tet die Über­schrift zum Ger­stein-Ka­pi­tel, das zwi­schen­zeit­lich bei al­lem Fu­ror Ele­men­te von Kitsch auf­weist (was da­für spre­chen könn­te, dass Voll­mann der Ger­stein-Ge­schich­te nicht so recht traut).

150 Sei­ten spä­ter nimmt sich Voll­mann im Ka­pi­tel »Die Ro­te Guil­lo­ti­ne« mit ähn­li­chem Im­pe­tus den so oft ge­hät­schel­ten und in sei­nen häu­fig ver­bre­che­ri­schen Aus­ma­ßen klein­ge­schrie­be­nen lin­ken Idea­lis­mus vor. Es geht um Hil­de Ben­ja­min, die im Nach­kriegs-Ost­deutsch­land die maß­geb­li­che und in mehr­fa­chem Wort­sinn trei­ben­de Kraft für dra­ko­ni­sche Stra­fen (sechs Jah­re Haft für den Ver­kauf von Ei­ern) bis hin zu To­des­ur­tei­len war (»Tod, Tod, Tod«). Im­mer­hin schaff­te sie es 1959 auf dem Ti­tel des »Spie­gel«. Den bri­ti­schen Hi­sto­ri­ker Ri­chard J. Evans zi­tiert Voll­mann mit der Aus­sa­ge, Ben­ja­min sei »des Mas­sen­mor­des ab­so­lut fä­hig« ge­we­sen. Es ist ei­nes der stärk­sten Ka­pi­tel des Bu­ches, das sich zum gro­ßen Teil aus Auf­zeich­nun­gen aus Ben­ja­mins Sta­si-Ak­te speist. Schließ­lich be­kommt man auch ei­nen fei­nen Ein­blick über den vi­ru­len­ten kom­mu­ni­sti­schen An­ti­se­mi­tis­mus je­ner Jah­re: die He­roi­ne Ben­ja­min er­bleicht bei der Aus­sa­ge ei­nes Tod­ge­weih­ten in ei­nem Pro­zess, sie sei ei­ne Jü­din. Sie er­bleicht, weil sie sich um ih­re Re­pu­ta­ti­on in­ner­halb der Funk­tio­närs­ka­ste fürch­tet. Voll­mann kennt kein Par­don und stellt den SS-Mann mo­ra­lisch weit über die An­klä­ge­rin und Rich­te­rin ge­gen den ver­meint­li­chen Fa­schis­mus in der (kom­men­den) DDR.

Und wie hält er es mit dem Li­te­ra­ri­schen?

Schwach ge­ra­ten hin­ge­gen die Ver­su­che Sze­nen des Krie­ges als ei­ne Mi­schung aus Ex­pres­sio­nis­mus, Ed­da und Quen­tin Ta­ran­ti­no als ar­cha­isch-wil­des Ge­wal­t­epos zu er­zäh­len. Et­wa wenn ei­ne Fi­gur phan­ta­sie­rend durch die so­wje­ti­sche Step­pe tau­melt. Oder der Ei­ser­ne Vor­hang als wachs­wei­che Gren­ze ei­nes spio­na­ge­auf­rei­ben­den Lan­des ge­zeichnet wird. Wo­bei die­se Form der Kri­tik nicht ge­gen ei­ne po­ly­pho­ne, ja viel­leicht so­gar ka­ko­pho­ni­sche Kom­po­si­ti­on zu ver­ste­hen ist, wie es sie bei­spiels­wei­se im »Echolot«-Projekt von Wal­ter Kem­pow­ski gab, der sich jeg­li­chen Kom­men­tars ent­hielt und aus­schließ­lich über das Ar­ran­ge­ment der do­ku­men­ta­ri­schen Zeit­zeug­nis­se ei­ne sanf­te Steue­rung vor­nahm. Hier zähl­te das Gan­ze mehr als die Ein­zel­tei­le. Die Be­la­ge­rung Le­nin­grads bil­det bei Kem­pow­ski ei­ner der Schwer­punk­te in »Bar­ba­ros­sa ’41« und die Schlacht um Sta­lin­grad kommt im vier­bän­di­gen »Ja­nu­ar und Fe­bru­ar 1943« multi­perspektivisch vor (und eben nicht nur aus Pau­lus’ Sicht). Wo der Er­kennt­nis­grad grö­ßer ist – Kem­pow­ski oder Voll­mann – scheint ein­deu­tig.

Aber Voll­mann er­hebt ja den An­spruch der Li­te­ra­ri­zi­tät (was nicht be­deu­tet, dass Kem­pow­skis Pro­jekt ali­te­ra­risch ist). Ge­lingt ihm dies oder wirkt die­ses Buch nur auf­grund sei­nes mo­no­ma­ni­schen An­spruchs und der Ehr­furcht vor die­ser Her­ku­les­auf­ga­be? Tat­säch­lich wech­seln lan­ge, zum Teil öde Stel­len um, mit und über Schosta­ko­witsch mit mo­ra­li­schen, hi­sto­ri­sie­ren­den Ka­pi­teln und ei­nem ver­un­glück­ten Ex­pres­sio­nis­mus ab. Das Ver­fah­ren ist klar: Es soll ei­ne Si­mul­ta­ni­tät sug­ge­riert wer­den – das Ba­na­le mit dem Künst­le­ri­schen; das Ar­chai­sche kon­tra­stiert mit dem Idea­li­sti­schen. Hier­für braucht er Schosta­ko­witsch – er wird zur Pro­jek­ti­ons­flä­che. Aber dies ge­nügt nicht. Voll­mann wird zum Op­fer sei­ner Kon­struk­ti­on, weil er dann doch zu viel will: Na­tür­lich müs­sen auch noch die Ni­be­lun­gen mit hin­ein (we­gen Wag­ner). Und na­tür­lich müs­sen in derb-iro­ni­sie­ren­dem Ton die Haupt­prot­ago­ni­sten mit al­ler­lei »coo­len« At­tri­bu­ten ver­se­hen wer­den. Bis zum Ab­win­ken wird Hit­ler als »Schlaf­wand­ler« be­zeich­net, wäh­rend es et­was dau­ert, bis Sta­lin dann als das »Schwein« her­aus­ge­ar­bei­tet wird. Da macht es sich Voll­mann dann – im Ge­gen­satz zu an­de­ren Ab­schnit­ten im Buch – zu ein­fach.

Mag sein, dass man ame­ri­ka­ni­sche Col­le­ge-Leh­rer, Na­tio­nal-Book-Award-Ju­rys und deut­sche Li­te­ra­tur­be­triebs­skla­ven mit die­sem wuch­ti­gen Kon­vo­lut be­ein­drucken kann. Und viel­leicht muss man als Deut­scher ei­nem sol­chen Buch mit ei­ner ge­wis­sen Ehr­furcht be­geg­nen. Sei’s drum: Für den auch nur halb­ge­bil­de­ten eu­ro­päi­schen Le­ser, der sich mit Ge­schich­te und der Li­te­ra­tur um die­se Ge­schich­te her­um ei­ni­ger­ma­ßen aus­kennt, wird à la longue zu we­nig ge­bo­ten. Wo­mög­lich über­zeugt der Ro­man als non­kon­for­mi­sti­sches Ge­sin­nungs­thea­ter. Aber das Li­te­ra­ri­sche? Wenn im vor­let­zen Ka­pi­tel Schosta­ko­witschs Le­ben zäh­flüs­sig Jahr für Jahr ab­ge­spult wird, hat man es schon auf­ge­ge­ben; ein­zig die Pflicht hält ei­nem bei der Lek­tü­re. Das liegt nicht per se am Au­tor – Voll­mann hat mit »Ho­bo Blues« be­wie­sen, dass er episch er­zäh­len kann. Das letz­te, kur­ze Ka­pi­tel (»Die wei­ßen Näch­te von Le­nin­grad«) ist ei­ne Art syn­äs­the­ti­scher Far­ben­leh­re, die man vor lau­ter Er­schöp­fung mehr­mals le­sen muss, um dann im­mer noch nichts zu ver­ste­hen (was zwei­fel­los am Le­ser liegt). Das Schlimm­ste, was mir wäh­rend der Lek­tü­re die­ses Bu­ches pas­siert ist: Ich sehn­te mich manch­mal nach dem un­säg­li­chen Mach­werk Jo­na­than Lit­tells zu­rück, weil es trotz sei­ner kru­den Mi­schung aus ver­ro­hen­den Al­bern­hei­ten und Schund we­nig­stens den Im­puls des Wi­der­spruchs an­sta­chel­te. »Eu­ro­pe Cen­tral« möch­te man nicht ein­mal ver­rei­ßen.

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2 Kommentare zu »Wil­liam T. Voll­mann: Eu­ro­pe Cen­tral«:

  1. Bonaventura sagt:

    Ri­chard J. Evens

    Wahr­schein­lich ist Ri­chard J. Evans ge­meint, oder?

    #1

  2. So ist es. Wird kor­ri­giert. Dan­ke.

    #2