Rai­ner Ra­bow­ski: Hal­te­stel­len

In ei­ner Be­spre­chung zu Bo­tho Strauß’ neu­em Buch hör­te ich nach län­ge­rer Zeit wie­der ein­mal die Be­zeichnung »psy­cho­lo­gi­scher Rea­lis­mus«, mit der der Re­zen­sent die Er­zäh­lun­gen Strauß’ ein­ord­nen und in ei­ne Rei­he bei­spiels­wei­se mit de­nen von Tho­mas Mann stel­len woll­te. Trotz der zwangs­läu­fig feh­len­den Präzi­sion sol­cher ei­gent­lich zu pau­scha­len Zu­schrei­bun­gen, die zu­dem oft nur Ver­le­gen­heits­lö­sun­gen sind, fän­de ich die­se Be­zeich­nung in Be­zug auf die Er­zäh­lun­gen von Rai­ner Ra­bow­ski als er­ste Ein­schät­zung durch­aus zu­tref­fend. Viel­leicht liegt es auch dar­an, dass mir ins­be­son­de­re bei der Lek­tü­re von »Un­se­re Sa­che« ne­ben den Par­al­le­len zu Strauß’ Be­ginn­lo­sig­keits-Pro­sa durch­aus auch ein psy­cho­lo­gi­sches Ele­ment prä­sent war.

Da­bei geht es Ra­bow­ski al­ler­dings we­der um den Ver­such kü­chen­psy­cho­lo­gi­scher Per­sön­lich­keits­dia­gno­sen der An­de­ren noch wird von der War­te ei­ner wie auch im­mer emp­fun­de­nen Er­ha­ben­heit her­aus auf die Welt ge­blickt. Das sanf­te See­len­er­kun­den, wel­ches in der Re­gel nur ein ge­nau­es Hin­schau­en und Be­ob­ach­ten ist, wird zu­meist nur als Aus­gangs­punkt für ei­ne Selbst­psy­cho­lo­gi­sie­rung ge­nom­men, die durch­aus – und hier liegt der ent­schei­den­de Mehr­wert bei­spiels­wei­se zur In­ner­lich­keits­pro­sa der 1970er Jah­re aber auch dem Ge­wim­mer so man­cher Schreib­schul­ab­sol­ven­tIn­nen heu­te – auf Erkenntnis­gewinn über die Welt im All­ge­mei­nen zielt. Ra­bow­ski fügt dem »em­pi­ri­schen Kreis­lauf« von De­duk­ti­on und In­duk­ti­on die Selbst­re­fle­xi­on hin­zu. Und die­se fast un­ab­läs­sig for­cier­te Selbst­re­fle­xi­on un­ter­schei­det ihn dann deut­lich von Au­toren, die ih­re Fi­gu­ren nicht in den Ab­grund der Tie­fe und das »Schim­mern der Schlan­gen­haut« (Die­ter Wel­lers­hoff) wahr­neh­men und statt­des­sen eher aus (iro­ni­scher) Di­stanz er­zäh­len las­sen.

Ra­bow­ski ist da mit­ten­drin – und doch im­mer auch ein biss­chen ab­seits ste­hend, sei­ner Wi­der­sprüch­lich­kei­ten (bzw. die sei­ner Fi­gu­ren) be­wusst. Das gilt auch für den schma­len, aber an­spruchs­vol­len Band »Hal­te­stel­len«, in dem er sei­nen Er­zähl­duk­tus bei­be­hält, aber ei­ne wenn auch groß­zü­gi­ge, da­für aber durch­gän­gig prä­sen­te, fast ro­man­ar­ti­ge Klam­mer sei­nen Ge­schich­ten bei­fügt. Selbst in den Ge­dich­ten wird im­mer wie­der das Haltestellen­motiv ak­zen­tu­iert. Und zur Er­gän­zung die­ses Bänd­chens wur­den noch Fo­tos in die Tex­te ge­setzt, die als sug­ge­sti­ve Stim­mungs­ver­stär­ker kon­ge­ni­al »funk­tio­nie­ren«.

Hal­te­stel­len wer­den zu Platz­hal­tern im Le­ben heißt es ein­mal und dann, et­was spä­ter fast pro­gram­ma­tisch: Ei­ne Hal­te­stel­le, an der man war­tet, um zu ei­nem an­de­ren als dem an­dau­ernd un­ge­nü­gen­den ei­ge­nen, zu ei­nem tat­säch­lich näch­sten Le­ben auf­zu­bre­chen (»Hal­te­stel­len I«). Und ein­mal an ei­ner sol­chen Hal­te­stel­le an­ge­kom­men braucht man nur zu war­ten, den ent­schei­den­den Mo­ment ab­zu­pas­sen, dass mit dem Ein­stei­gen ei­ne Ver­wand­lung ge­schieht, aber dann stel­len sich erst die Fra­gen: Hat­te ich mich je ver­wan­delt? und Wo woll­te ich hin?

Aus Rainer Rabowskis "Haltestellen" - © J. Anders

Aus Rai­ner Ra­bow­skis »Hal­te­stel­len« – © J. An­ders

Kei­ne Ver­wand­lung oh­ne Er­in­ne­rung, Re­kurs. Und so wird aus ei­ner Fahrt mit ei­ner Vor­ort-Bim­mel­bahn un­ver­hofft ei­ne Wie­der-Ho­lung des Frei­heits­ge­fühls der gro­ßen Fe­ri­en aus der Kind­heit. Nach dem Aus­stei­gen aus ei­nem Zug an ei­nem hei­ßen Tag, fast mit­ten auf der Strecke er­in­nert sich der Ich-Er­zäh­ler: Ich hat­te dann dort ge­stan­den, so selbst-über­rascht wie rat­los, und die seit der Kind­heit ver­trau­te und un­ver­se­hens wie­der wie un­be­kann­te, die tat­säch­lich küh­le Wald­luft ge­at­met. Ver­wundert, mit ei­nem Ge­fühl wie: Was noch ha­be ich al­les ver­gessen? Und hat­te ich je noch mal an mei­ne Som­mer­fahr­ten als Kind in die Ber­ge ge­dacht? Nie wie­der bin ich dort ge­we­sen… Aber da­bei: die Un­schuld noch mei­ner Fe­ri­en­fahr­ten! Und auch ich war ge­wan­dert mit ei­nem schwar­zen Hals­tuch, das von ei­nem Le­der­band ge­hal­ten wur­de.

Schließ­lich das aber­ma­li­ge Auf­su­chen der Le­bens­wech­sel-Hal­te­­stel­le, dies­mal mit dem Ver­such die Si­tua­ti­on je­nes hei­ßen, mich un­ver­se­hens ein Lab­sal er­fah­ren las­sen­den Ta­ges zu wie­der­ho­len. So wird die Sitz­bank des ver­dreck­ten Hal­te­stel­len­häus­chens zu ei­nem Ort der Selbst­ver­ge­wis­se­rung, und sei er auch noch so von Spray­do­sen, Filz­stif­ten und schar­fen Ge­gen­stän­den völ­lig ver­krit­zelt (»Graf-Recke-Stra­ße«). Und da­bei bleibt der Au­tor nicht bei phi­lo­so­phi­schen oder sonst­wel­chen me­ta­pho­ri­schen Deu­tun­gen ste­hen, son­dern wei­tet den Raum – durch Er­zäh­len, so et­wa in (auf?) der »Theo­dor­stra­ße«: Die be­kann­te Die­sig­keit mit ver­irr­ten Au­to­lich­tern, die auf­blen­den zwi­schen wei­te­ren dunst­wand­le­ri­sche­ren Ab­we­sen­hei­ten hier und da. Von den noch gut aus­zu­ma­chen­den Si­los Ober­hau­se­ner Stra­ße her die Ah­nung bald ehe­ma­li­ger, schon um­so fer­ner lie­gen­der Alt­in­du­stri­en. Wie doch die­se zu­wei­len häß­li­chen Hal­te­stel­len Pe­ter Hand­kes Un-Or­ten glei­chen (ich er­in­ner­te mich an Chri­sti­an Luck­schei­ters Buch »Pe­ter Hand­kes Orts­schrif­ten«). Pa­ra­do­xer­wei­se wird die Kon­tem­pla­ti­on manch­mal durch das plötz­lich und wun­der­sam pünkt­lich er­schei­nen­de Ver­kehrs­mit­tel ge­stört, um­ge­lei­tet oder geht ver­lo­ren. Den­noch kei­ne Re­gel oh­ne Aus­nah­me, und so freut man sich auch ein­mal über die freund­li­che Ver­läß­lich­keit, als der in sei­nem Ge­lenk schwan­ken­de Glüh­wurm, der Ge­lenk­bus, auf­taucht.

Dann die Fahr­ten. Oft sind sie früh mor­gens oder näch­tens, be­rufs­be­dingt von oder nach zu Hau­se des Ich-Er­zäh­lers, der, va­ge ge­hal­ten, et­was mit Luft­fahrt­lo­gi­stik zu tun hat. Sie wer­den, wie fast schon üb­lich bei Ra­bow­ski, zu klei­nen Be­ob­ach­tungs- und da­mit Ent­deckungsreisen und spie­geln sich zu ei­nem gro­ßen Teil in der To­po­gra­phie Düs­sel­dorfs (aber auch die Sa­ha­ra, Braz­za­vil­le, die Ukrai­ne und Ja­pan kom­men vor). Die U‑Bahn, [v]erklebter Hal­te­griff. Ba­lan­cie­ren­de Tuch­füh­lun­gen. Ein schal ge­wor­de­ner Ni­vea-Ge­ruch. Und dann die von der her­ein­ge­tra­ge­nen Feuch­tig­keit ver­schlier­ten Bril­len­glä­ser ei­ner Frau…wie sie un­ge­fähr in mei­ne Rich­tung se­hen. Und die Idee, als wie er­träg­li­cher ge­macht sie der­art, ih­re Um­ge­bung wahr­neh­men mag: Die Ge­sich­ter aus­ge­wa­schen in ei­nem Ver­flie­ßen von Re­gen, Dün­sten, durch et­li­che Kör­per hin­durch ge­gan­ge­nen Mo­ra­sten aus dem x‑fach um­ge­wan­del­ten Schwitz­was­ser der Welt… (»Frau in der U‑Bahn II«).

Und so kün­det das Hal­te­stel­len-Bild eben auch vom Rei­sen und Un­ter­wegs-Sein; pa­the­tisch aus­ge­drückt (und so­mit An­ti-Ra­bow­ski-ge­mäß) vom Strom des Le­ben­den, dem man ir­gend­wie nicht ent­kom­men kann. Da ist die An­ge­stell­te von Eu­ro­wings im Zug, die ihr Ge­päck um sich her­um wie ei­ne Burg ge­stellt hat­te und die Schu­he aus­ge­zo­gen und die Fü­ße auf dem ge­gen­über lie­gen­den Sitz ru­hen ließ (»Per­ver­sio­nen«). Oder der ge­ra­de erst ab­fah­ren­de Zug, der die Ge­sich­ter al­ler, die das Nach­se­hen ha­ben zeigt (»Tha­lys«). Die letz­te und läng­ste Er­zäh­lung (»Der letz­te Bus«) ist Ele­gie und Hym­nus auf das Bus­fah­ren. Da klaf­fen im vor­über­fah­ren über Bau­ge­rü­sten mond­lich­ter­ne Wol­ken­fet­zen, in vom Wind hin­ein­ge­ris­se­ne Lücken irr­lich­tern halb­fer­ti­ge Him­mel, wie vor­läu­fig ver­packt in ein knal­len­des Vlies aus wie tag­blau­em Pro­py­len. Und die all­zu ver­trau­te Ci­ty, jetzt oh­ne viel Ver­kehr, gibt sich in den an­gren­zen­den In­nen­stadt­be­rei­chen noch hell und ge­räu­mig, bald schon ver­dü­stert als forsch zu neh­men­de Ver­en­gung hin­ein in die Dun­kel­zo­nen ei­nes zu­neh­mend ver­rück­ten, wie zu oft falsch zu­sam­men­ge­leg­ten oder von Bret­ter­wän­den grund­ab­ge­ris­se­nen Plans. Da ver­läuft auf ein­mal die ei­ne Stra­ße fort als die an­de­re, in ei­ner Zu­sam­men­set­zung, die es so, au­ßer in ei­nem Sprung über Sek­tio­nen, gar nicht ge­ben kann. Er­in­ne­rung des Le­sers an die frü­he­re Ge­schich­te »Hal­te­stel­len I«, in dem der Er­zäh­ler be­kennt, er su­che im öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr manch­mal bei­des, die lee­re fröh­li­che Fahrt, wie auch mein Ver­lo­ren­ge­hen in der sich un­auf­hör­lich be­we­gen müs­sen­den Men­ge. (Und Pas­cal sag­te ja nicht nur, das al­les Un­heil da­her kom­me, »dass die Men­schen nicht in Ru­he in ih­rer Kam­mer sit­zen kön­nen«, son­dern auch: »Zu un­se­rer Na­tur ge­hört die Be­we­gung, die voll­kom­me­ne Ru­he ist der Tod«.)

»Hal­te­stel­len« ist wo­mög­lich ein sehr gu­ter er­ster Zu­gang zur Li­te­ra­tur von Rai­ner Ra­bow­ski. Wenn man nachts oder früh mor­gens mit noch halb-schläf­ri­gen Pas­san­ten in ei­nem Bus oder ei­ner Bahn sitzt, kann man es so­gar dort le­sen. Am En­de hat­te ich das Ge­fühl, dass nicht nur die Ta­ges­zeit der Ra­bow­ski-Lek­tü­re von ge­wis­ser Wich­tig­keit ist, son­dern auch der Ort. Das ist ein gu­tes Zei­chen.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ra­bow­skis Spra­che zeich­net die Rei­bung des ei­ge­nen Ge­dan­ken­raums am Äu­ße­ren ganz prä­zi­se nach. Da­bei kommt we­der das In­ne­re noch das Äu­ße­re zu kurz und wird vor al­lem sprach­lich wun­der­bar über­höht. Ei­ne Neu­ent­deckung für mich, die mich jetzt auch Dank Ih­rer Kri­tik da­zu ver­an­lasst, mir erst ein­mal zwei Bän­de zu­zu­le­gen: »Er­ste Lie­ben« und »Hal­te­stel­len«.

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