Is­met Prcic: Scher­ben

Ismet Prcic: Scherben

Is­met Prcic: Scher­ben

Is­met Prcić ist 1977 ge­bo­ren und leb­te mit sei­ner Fa­mi­lie in Tuz­la, ei­nem Ort im heu­ti­gen Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na. Über ei­nen Auf­ent­halt ei­ner Thea­ter­grup­pe in Groß­bri­tan­ni­en ent­kommt er der Ein­be­ru­fung in die bos­ni­sche Ar­mee. Der Ro­man »Scher­ben« be­ginnt nach ei­nem klei­nen Ex­kurs aus dem Krieg in ei­ner 1995 in New York lan­den­den KLM-Ma­schi­ne. Da ist Is­met 18 Jah­re.

»Scher­ben« ist ein sehr gut kon­stru­ier­tes Buch mit ein­fach nach­voll­zieh­ba­ren Vor- und Rück­blen­den. Zum ei­nen wird die Ein­ge­wöh­nung des bos­ni­schen Flücht­lings Is­met Prcić in den USA er­zählt. Es wird zi­tiert aus dem Ta­ge­buch und Brie­fen an sei­ne Mut­ter (wo­bei of­fen bleibt, ob die­se Brie­fe je­mals ver­schickt wer­den). Und schließ­lich gibt es ir­gend­wann im­mer häu­fi­ge­re, rea­li­sti­sche, land­ser­ar­ti­ge Be­rich­te vom Front­sol­da­ten Mu­sta­fa Na­lić, ei­nem Jun­gen, dem der Ich-Er­zäh­ler bei der Mu­ste­rung be­geg­net und im Lau­fe des Bu­ches zu Is­mets Schat­ten, sei­ner zwei­ten Exi­stenz wird. Er fa­bu­liert die Le­bens­ge­schich­te von Mu­sta­fa und als er des­sen Grab ent­deckt, er­spürt er, dass Mu­sta­fa tat­säch­lich noch lebt. Al­les dies er­lebt der Le­ser als the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­me, die Is­met von sei­nem ame­ri­ka­ni­schen Arzt »ver­ord­net« wur­de um sei­ne post­trau­ma­ti­sche Be­la­stungs­stö­rung ir­gend­wie in den Griff zu be­kom­men. »Je­der ist der Held sei­ner ei­ge­nen Mär­chen«, so pa­ra­phra­siert Is­met sei­nen Arzt – und han­delt da­nach: »Mach dir kei­ne Ge­dan­ken, was wahr ist und was nicht, da­mit machst du dich nur ver­rückt. Schreibt ein­fach nur. Schreib al­les auf.«

Al­so wird die Ge­schich­te Is­mets und sei­ner Fa­mi­lie er­zählt; der zu­packen­den Mut­ter (sie war »streng aus Lie­be«) und dem eher zau­dern­den, schwa­chen Va­ter. Und die schlei­chen­den Ver­än­de­run­gen im Ju­go­sla­wi­en En­de der 80er Jah­re, die im­mer mehr die Volks­zu­ge­hö­rig­keit the­ma­ti­sier­ten. Der Er­zäh­ler, da­mals noch ein Kind, ver­ach­tet so­wohl die­se Re-Na­tio­na­li­sie­rung als auch die Phra­sen des so­ge­nann­ten »Kom­mu­nis­mus«. Spä­ter be­steht das Welt­bild Is­mets dann – grob ge­spro­chen – aus Schwei­ne­fleisch­essern und Nicht-Schwei­ne­fleisch­essern. In Ju­go­sla­wi­en sind dann al­le Schwei­ne­fleisch­esser ir­gend­wie Tschet­niks; Grau­tö­ne sind des Er­zäh­lers Stär­ke nicht, was wo­mög­lich ge­wollt ist. Durch sei­ne Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Schau­spiel­trup­pe kann Is­met sei­ne Ein­be­ru­fung ins Mi­li­tär ver­zö­gern. Schließ­lich wird man wird so­gar zu ei­nem Fe­sti­val nach Schott­land ein­ge­la­den; die Fahrt mit dem Bus vom krie­gum­to­sten Land bis zur At­lan­tik­kü­ste ist, ins­be­son­de­re was die Tour durch den Bal­kan an­geht, ei­ne bur­les­ke Odys­see. Im­mer häu­fi­ger da­bei: Das »schlech­te Ge­wis­sen« in Form von Mu­sta­fa Na­lić und des­sen Er­leb­nis­se vol­ler »Dreck, Blut und Krieg« samt auf­ge­spieß­ten Kin­der­köp­fen (und da­bei un­wei­ger­lich die As­so­zia­ti­on an ab­ge­schla­ge­ne Hüh­ner­köp­fe durch die Groß­mutter).

Die in die Ge­gen­wart füh­ren­den Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen zei­gen deut­lich, dass Is­met in den USA nicht zu­recht­kommt. Wenn er nicht ge­ra­de liest (u. a. Her­mann Hes­se), fei­ert er ex­zes­si­ve Par­ties und nimmt Dro­gen, ins­be­son­de­re als sei­ne Freun­din ihn ver­lässt. Ef­fekt­voll wählt der Au­tor die trau­ma­ti­schen Er­leb­nis­se Mu­sta­fas, die Is­met so­zu­sa­gen ad­ap­tiert hat, durch am En­de ty­po­gra­fisch im­mer grö­ßer wer­den­de Laut­ma­le­rei­en; von WUMM über WUMM bis WUMM.

Manch­mal ge­lin­gen in die­sem »Ge­dan­ken­ge­wim­mel« (Selbst­cha­rak­te­ri­sie­rung des Er­zäh­lers) dich­te Sze­nen. So ist zum Bei­spiel ei­ne Epi­so­de, die sich in ei­nem Vil­len­vier­tel in den USA er­eig­ne­te, ge­konnt ba­lan­cie­rend zwi­schen Be­dro­hung und Si­tua­ti­ons­ko­mik. Der Er­zäh­ler hört dort ei­ni­ge Men­schen »bos­nisch« re­den und bringt sich in das Ge­spräch ein. Man fragt ihn, ob er in der Ar­mee ge­dient ha­be – das ist ja ex­akt Is­mets in­ne­rer Kon­flikt. Er be­jaht, wor­auf er mit un­glaub­li­cher Höf­lich­keit zu ei­nem gro­ßen Fest ein­ge­la­den wird. Man hält so­gar ei­ne klei­ne Re­de auf den »Kriegs­hel­den«. Ir­gend­wann merkt er dann, dass das et­was nicht stimmt. Als in ei­nem Raum ein Schwein ge­grillt wird, ist klar: Er hat es mit fei­ern­den bos­ni­schen Ser­ben zu tun (für Is­met »Möch­te­gern-Ser­ben«); trink­fe­ste und waf­fen­lie­ben­de Ge­sel­len, die ihn für ei­nen der ih­ren hal­ten. Als man ihm ein Stück Fleisch ser­viert, über­gibt er sich auf den Tel­ler, was die Gast­ge­ber als Re­ak­ti­on auf den reich­lich ge­nos­se­nen Al­ko­hol in­ter­pre­tie­ren. Im letz­ten Mo­ment ge­lingt es mit Hil­fe sei­nes her­bei­ge­ru­fe­nen Freun­des die Ver­an­stal­tung zu ver­las­sen. Was wohl pas­siert wä­re, hät­te man ihn »ent­tarnt«? Die Bot­schaft die­ser ei­gent­lich um­wer­fen­den Sze­ne ist dann wie­der cha­rak­te­ri­stisch: Selbst in den USA sind al­le Ser­ben Tschet­niks. So ein­fach kann die Welt sein.

Ist nun Is­met Prcić gleich­zu­set­zen mit dem Au­tor Is­met Prcic? Ist das »ć« ein Un­ter­schei­dungs­merk­mal oder ein­fach nur ein Feh­ler des Lek­to­rats? (Es fin­det sich auch im eng­li­schen Ori­gi­nal.) Die Nä­he der Er­zähl­fi­gur zum Au­tor ist si­cher­lich in­ten­diert, da Au­then­ti­zi­tät und Iden­ti­fi­ka­ti­on er­zeugt wer­den sol­len; die bei­den do­mi­nie­ren­den Göt­ter des li­te­ra­ri­schen Feuil­le­tons. Gleich­zei­tig wird je­doch vom Er­zäh­ler ei­ner all­zu bio­gra­fi­schen Les­art mehr­fach aus­drück­lich vor­ge­beugt: »Ich ver­such­te, mich an die Fak­ten zu hal­ten. Aber wäh­rend ich schrieb, schli­chen sich an­de­re Sa­chen ein – klei­ne er­fun­de­ne Ge­schich­ten.« Prcic spielt mit sei­nen Le­sern und In­ter­pre­ten, in dem er das Au­to­bio­gra­phi­sche ei­ner­seits ein­schränkt, an­de­rer­seits of­fen lässt.

Das Ver­fah­ren ist na­tür­lich le­gi­tim, zu­mal es der Au­tor hin und wie­der be­nö­tigt, um sein ge­spal­te­nes Ich zu do­ku­men­tie­ren. Aber man darf sich da­mit nicht die Fra­ge nach der Li­te­ra­ri­zi­tät des Ro­mans er­spa­ren. In den USA gab es viel Lob. Auch in Deutsch­land fin­den sich Für­spre­cher, wie et­wa Saša Sta­nišić, was er­staunt, denn Sta­nišićs Ro­man »Wie der Sol­dat das Gram­mo­phon re­pa­riert« fand ich nicht nur li­te­ra­risch auf weit hö­he­rem Ni­veau, son­dern auch deut­lich viel­schich­ti­ger (und, en pas­sant, un­ter­halt­sa­mer). »Scher­ben« be­dient all­zu of­fen­sicht­lich das po­li­tisch-emo­tio­na­le Kal­kül, in dem es die Prot­ago­ni­sten der Ju­go­sla­wi­en-Krie­ge in den gän­gi­gen Mu­stern nicht nur zeigt, son­dern fest­schreibt. Trotz im­mensem Auf­ge­bot blei­ben die Fi­gu­ren zu­meist selt­sam ste­ril, sehr leicht aus­re­chen­bar und wir­ken da­bei wie Ste­reo­ty­pen. Sprach­lich ten­diert Prcic all­zu oft zum Stra­ßen­jar­gon und ver­mischt dies mit pseu­do­cool in­sze­nier­ter Me­lo­dra­ma­tik. Die di­ver­sen Er­zähl­strän­ge er­zeu­gen zu­nächst ei­ne durch­aus in­ter­es­san­te Po­ly­pho­nie der ein­zel­nen Le­bens­ab­schnit­te des Er­zäh­lers. Am En­de wer­den dann aber all die va­gen, an­re­gen­den An­deu­tun­gen all­zu schreib­schul­haft-be­flis­sen auf­ge­klärt; es bleibt kein Ge­heim­nis mehr. Der as­so­zia­ti­ve Schluss, in dem sich al­les ver­dich­tet (Ker­ker, USA, Ge­schütz­lärm, Luft­an­grif­fe) und dann das »Scherben«-Motiv ent­steht, ver­söhnt nur be­dingt. Ich klap­pe das Buch oh­ne Be­dau­ern zu.

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