Ernst Lo­thar: Das Wun­der des Über­le­bens

Ernst Lothar: Das Wunder des Überlebens
Ernst Lo­thar:
Das Wun­der des Über­le­bens

Als Ernst Lo­thar sei­ne Au­to­bio­gra­phie »Das Wun­der des Über­le­bens« pu­bli­zier­te, war er 70 Jah­re alt. 1890 als Lo­thar Ernst Mül­ler in Brünn ge­bo­ren (der Va­ter war Rechts­an­walt, die Mut­ter »hat­te sich das La­chen früh­zei­tig ab­ge­wöhnt«), sie­del­te die Fa­mi­lie (es gab noch zwei äl­te­re Brü­der, Ro­bert, der früh ver­starb und der 1882 ge­bo­re­ne Hanns, der spä­ter als Hans Mül­ler-Ei­ni­gen als Ly­ri­ker und Dra­ma­ti­ker re­üs­sier­te) 1904 nach Wien. Lo­thar stu­dier­te Ju­ra und Ger­ma­ni­stik und pro­mo­vier­te 1914 zum Dr. jur. Aus sei­nen Rei­se­plä­nen nach En­de des Stu­di­ums wur­de nichts. Der Krieg brach aus. Im­mer­hin: Lo­thar wur­de (war­um auch im­mer) für kriegs­un­fä­hig er­klärt und zu ei­nem Staats­an­walt als Ge­hil­fe nach Wels ver­setzt. Er hei­ra­te­te 1914 und die Töch­ter Aga­the (*1915) und Jo­han­na (*1918, ge­nannt »Han­si«) kom­plet­tier­ten die Fa­mi­lie. Lo­thar hat­te be­reits wäh­rend des Stu­di­ums mit dem Schrei­ben an­ge­fan­gen; erst Ge­dich­te, dann Ro­ma­ne. Aus sei­ner Schrift­stel­ler­tä­tig­keit re­sul­tiert die Än­de­rung des Na­mens.

Wenn man die im Zsol­nay-Ver­lag er­schie­ne­ne Neu­auf­la­ge der »Er­in­ne­run­gen« Ernst Lo­thars (so der Un­ter­ti­tel des Bu­ches) ge­le­sen hat, er­kennt man drei Mo­men­te, die sein Le­ben nicht nur ge­prägt, son­dern exi­sten­ti­ell er­schüt­tert ha­ben. Da ist zu­nächst der Zu­sam­men­bruch der Do­nau­mon­ar­chie Öster­reich-Un­garn 1918. Aus 53 Mil­lio­nen wer­den plötz­lich nur mehr 7 Mil­lio­nen, die sich Öster­rei­cher nen­nen (durf­ten). Die »Macht und Herr­lich­keit oh­ne Bei­spiel« der »Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Eu­ro­pa« – so eu­pho­risch wird er im Rück­blick – ist zer­stört. Jetzt kann der Le­ser die Epi­so­de zu Be­ginn, die er­ste Kind­heits­er­in­ne­rung, bes­ser ein­ord­nen. Sie be­steht dar­in, dass Lo­thar ei­ne De­mon­stra­ti­on von Tsche­chen in sei­ner Ge­burts­stadt Brünn re­ka­pi­tu­liert, die für ei­ne Se­zes­si­on von Öster­reich-Un­garn ein­tre­ten. Jetzt ist es ein­ge­tre­ten: Sei­ne Hei­mat be­steht nur mehr als ein Tor­so. Er emp­fin­det es nichts we­ni­ger als ei­ne Ver­stüm­me­lung sei­nes Le­bens.

Als »sein« Land zu­sam­men­bricht, ist man im Buch auf Sei­te 30; noch wei­te­re 330 Sei­ten fol­gen. Und wer die­se Art von »hy­ste­ri­scher Lie­be«, wel­che »die Gren­zen des nor­ma­len Pa­trio­tis­mus« streift (so Da­ni­el Kehl­mann im Nach­wort) vor­ei­lig als Na­tio­na­lis­mus oder gar Chau­vi­nis­mus ab­tut, wird mit der wei­te­ren Lek­tü­re Schwie­rig­kei­ten ha­ben. Lo­thars Idea­li­sie­rung der k.u.k.-Monarchie ist nicht pri­mär po­li­tisch zu ver­ste­hen. Er macht sich kei­ne Mü­he, die po­li­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen Öster­reich-Un­garns, die Struk­tu­ren der Min­der­hei­ten in dem Staats­ge­bil­de oder gar die Ur­sa­chen des Krie­ges zu ana­ly­sie­ren. Statt­des­sen sucht er nach dem Krieg Sig­mund Freud auf, um sich er­klä­ren zu las­sen, wie er den Ver­lust sei­ner Hei­mat über­win­den kön­ne. Die Ant­wort Freuds in der Be­schrei­bung die­ses Ge­sprächs ist ei­ner der Hö­he­punk­te des Bu­ches.

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An­drzej Sta­si­uk: Bes­ki­den-Chro­nik

End­lich wie­der ein neu­es Buch von An­drzej Sta­si­uk. »Be­s­ki­­den-Chro­­nik« heißt es, 2018 in Po­len erst­mals er­schie­nen. Sta­si­uk wohnt ja ir­gend­wo in den Bes­ki­den, an der pol­­nisch-slo­­wa­ki­­schen Gren­ze, in ei­nem Haus oh­ne Fern­se­hen (aber mit WLAN), ei­nem Holz­ofen und ei­ni­gen Scha­fen. Ver­sam­melt sind 76 Feuil­le­tons auf fast 300 Sei­ten, »Nach­rich­ten aus Po­len und der Welt«, so ...

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Si­sy­phos auf dem Pla­teau ‑8/8-

Ein­blicke in die Aben­teu­er ei­nes be­frei­ten Le­sers

(← 7/8)

An ei­nem der schö­nen Ta­ge, an de­nen ich mit die­sem Heft im Ruck­sack ab­wech­selnd her­um­fla­nier­te und her­um­saß, zog es mich wie­der ein­mal nach Aras­hi­ya­ma, aber dies­mal ging ich nicht das rech­te, son­dern das lin­ke Fluß­ufer ent­lang, das die mei­ste Zeit des Ta­ges im Schat­ten liegt. Nach ei­ner Wei­le be­geg­ne­te ich ei­nem Mann, der dort auf ei­ner Bank saß, ei­ne Hau­be auf dem Kopf und mit ei­nem Lä­cheln be­gabt, das sein Ge­sicht wohl dau­er­haft zeigt, und mich oh­ne Um­schwei­fe an­sprach: Whe­re are you from?

Oh my god, dach­te ich zu­erst (im Deutsch mei­ner Toch­ter), gab dann aber doch ei­ne brauch­ba­re Ant­wort. Es stell­te sich her­aus, daß er flie­ßend eng­lisch sprach, die­ser hei­te­re, im­mer noch neu­gie­ri­ge, le­bens­be­gie­ri­ge Mann von sieb­zig Jah­ren, der eben­so un­er­schüt­ter­lich wie ge­schmei­dig ei­ne Denk­wei­se pflegt, die sich in der Zeit, als er jung war, ei­ner Zeit des Auf­bruchs, der Öff­nun­gen, des Al­les-ist-mög­lich aus­ge­bil­det ha­ben muß. (Und ich, Starr­kopf, hier am tri­sten Com­pu­ter, re­de von Ab­brü­chen!) In jun­gen Jah­ren war er als Ma­the­ma­tik­leh­rer an ei­ner Ober­schu­le tä­tig ge­we­sen, die Ar­beit hat­te ihn zu lang­wei­len be­gon­nen, so ver­such­te er sich als Blu­men­händ­ler, grün­de­te bald ei­nen ei­ge­nen Be­trieb, zog sich nach vie­len Jah­ren auch von die­sem zu­rück; jetzt ist er Ma­na­ger in ei­nem Trans­port­un­ter­neh­men. Er wohnt nicht weit von mei­ner Schwie­ger­mut­ter ent­fernt, al­so in mei­ner Nä­he, wenn ich in Osa­ka bin, Nord-Osa­ka, um ge­nau zu sein, Iba­ra­ki-shi, und kommt oft nach Aras­hi­ya­ma, we­gen der Schön­heit und Ru­he des Orts, hier wei­ter oben im Tal, sitzt auf der Bank, liest in ei­nem Buch, plau­dert mit Pas­san­ten – schon nach we­ni­gen Mi­nu­ten kam ein Be­kann­ter von ihm vor­über.

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Fab­jan Haf­ner: Er­ste und letz­te Ge­dich­te

[...] Pe­ter Hand­ke fin­det in sei­nem Vor­wort den Be­griff des »Zun­gen­re­dens« (ei­ne Art ly­ri­scher Écri­tu­re au­to­ma­tique, wel­ches Her­an­wach­sen­den so­zu­sa­gen ge­schieht). Er schreibt von Ar­thur Rim­baud – um dann schnell die­se Par­al­le­le zu ver­wer­fen und Haf­ners Ge­dich­te als ein­zig­ar­tig zu be­schrei­ben: »Die­se Ge­dich­te da sind ernst; der Mensch, der sich dar­in äu­ßert, das Ich, wel­ches da, ...

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Lutz Sei­ler: Stern 111

Lutz Seiler: Stern 111
Lutz Sei­ler: Stern 111

Ir­gend­wie war es Pe­ter Hand­kes Schuld, dass ich 2014 »Kru­so« nicht ge­le­sen hat­te. Er fand das Buch »grau­en­haft« (nebst ei­ner nicht zi­tier­ba­ren Vo­ka­bel). Ich hat­te dann kei­ne Lust mehr und wid­me­te mich an­de­ren Bü­chern. »Kru­so« ge­wann da­mals den Deut­schen Buch­preis. Und nun wie­der ein Preis­buch von Sei­ler, »Stern 111« (mit kur­zen Ca­me­o­auf­trit­ten ei­ner Fi­gur na­mens »Kru­so«). Der neue Ro­man hat 520 Sei­ten, aber es ist ver­blüf­fend leicht, den In­halt wie­der­zu­ge­ben: Man ist zu Be­ginn im Herbst 1989. Die Mau­er hat­te sich ge­öff­net. Carl Bi­sch­off, Ein­zel­kind, 26, »zur Zeit Stu­dent«, wird von sei­nen El­tern In­ge und Wal­ter (um die 50) te­le­gra­phisch mit ei­ner Art Hil­fe­ruf nach Hau­se, nach Ge­ra ge­be­ten. Sie of­fen­ba­ren ihm, dass sie so­fort »den We­sten in An­griff« neh­men, noch ein­mal ganz von vor­ne an­fan­gen wol­len. Be­gin­nen im Not­auf­nah­me­la­ger. Carl ist fas­sungs­los, für ihn sind die bei­den die »un­wahr­schein­lich­sten Flücht­lin­ge«; die er sich nur vor­stel­len kann. Er rich­tet sich im El­tern­haus ein, rech­net mit ei­ner frü­her Rück­kehr. Die tritt nicht ein, er be­kommt ei­nen La­ger­kol­ler und bricht sei­ner­seits mit dem Shi­gu­li sei­nes Va­ters auf. Er stran­det in der Ber­li­ner Haus­be­set­zer­sze­ne »As­sel«, um die Ora­ni­en­bur­ger Stra­sse. Wäh­rend er in Ber­lin lie­ben und le­ben lernt, mit­hilft, die rui­nö­sen Häu­ser als Mau­rer und Put­zer zu ver­schö­nern, ne­ben­bei kell­nert und ei­ne Zie­ge mel­ken kann, be­kommt er die von Ge­ra um­ge­lei­te­ten Brie­fe sei­ner Mut­ter. Aus Sor­ge, dass sich die El­tern Sor­gen ma­chen wür­de, ver­schweigt er ih­nen lan­ge sein Le­ben in Ber­lin. Carls Zu­kunfts­plan ist ei­ne Kar­rie­re als Dich­ter. Die Haus­be­set­zer-Gue­ril­la ist be­ein­druckt: Ein Hand­wer­ker und Dich­ter. Das passt per­fekt in die ideo­lo­gi­sche Ge­bäck­mi­schung der Frei­zeit­gue­ril­las. Ein paar Jah­re spä­ter sind die El­tern über Um­we­ge in Los An­ge­les ge­lan­det und Carl ver­ab­schie­det sich schließ­lich aus Ber­lin.

Es ist nicht un­be­dingt ein Aus­weis von feh­len­der Qua­li­tät, wenn Ro­man­in­hal­te der­art schnell re­ka­pi­tu­lier­bar sind. Es ist ein Rah­men. Li­te­ra­tur be­steht ja auch aus Ne­ben­aspek­ten. Zum Bei­spiel: Was ist mit dem Ti­tel? Auf dem wun­der­schö­nen Co­ver sieht man ei­ne Ra­dio­ska­la nebst Laut­spre­cher­ver­klei­dung und Sen­der­rad. Der im We­sten so­zia­li­sier­te Le­ser lernt auf Sei­te 340, dass es sich um die An­sicht von »Stern 111«, ei­nem ost­deut­schen Ra­dio, han­delt. Tat­säch­lich spielt die­ses Ra­dio ei­ne Rol­le. Geht es um die Kurz­wel­le, die das Hö­ren al­ler­lei »ver­bo­te­ner Sen­der« zu DDR-Zei­ten hät­te er­mög­li­chen kön­nen? Nein. Das Ra­dio dient als Er­in­ne­rungs­an­ker für Aus­flü­ge von Carl als Kind mit sei­nen El­tern. Spä­ter, am En­de, wird es dann noch aus­ge­gra­ben, wo­bei un­klar bleibt, war­um es je­mals ein­ge­gra­ben wur­de. Das war’s.

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Si­sy­phos auf dem Pla­teau ‑7/8-

Ein­blicke in die Aben­teu­er ei­nes be­frei­ten Le­sers

(← 6/8)

Salzburg, auf dem Mönchsberg. Hier soll vor Jahren ein berühmter Epiker gewohnt haben. © Leopold Federmair
Salz­burg, auf dem Mönchs­berg. Hier soll vor Jah­ren ein be­rühm­ter Epi­ker ge­wohnt ha­ben. © Leo­pold Fe­der­mair

Schluß. Mei­ne ab­ge­bro­che­nen Lek­tü­ren woll­te ich doch un­ter den Tep­pich keh­ren. Bes­ser, du machst mal halt und blickst zu­rück (auf die­sen Rück­blick hier). Die Re­de ist da nur von Er­zähl­li­te­ra­tur, fast al­les Ro­ma­ne. Da­bei ha­be ich doch auch Es­says ge­le­sen, nicht nur von Fo­ster Wal­lace, auch von Ol­ga Mar­ty­n­o­va und Tho­mas Stangl. Mon­tai­gne, den le­se ich so­wie­so im­mer, mei­ne Bi­bel, die es­sais. Auch so­ge­nann­te Sach­li­te­ra­tur, Grund­fra­gen der Ma­schi­nen­ethik zum Bei­spiel, die Na­men von Sach­buch­au­to­ren ver­ges­se ich mitt­ler­wei­le fast aus­nahms­los. Und Ge­dich­te? Ich ge­hö­re zu de­nen, die die Ly­rik für den Kern des Pla­ne­ten Li­te­ra­tur hal­ten: ein hei­ßer, glü­hen­der Kern, der in der Epik manch­mal Erup­tio­nen zei­tigt; em­ble­ma­tisch in Bo­la­ños Wil­den De­tek­ti­ven. Ri­car­do Pi­glia hat so gut wie gar kei­ne Ge­dich­te ge­schrie­ben – nur ei­nes, im Traum:

Soy
el equi­li­bri­sta que
en el ai­re ca­mi­na
de­s­cal­zo
sob­re un alambre
de púas

Ich bin
der Seil­tän­zer der
in der Luft geht
oh­ne Schu­he
auf dem
Sta­chel­draht

– aber 2008 zur Er­öff­nung der Buch­mes­se in Bue­nos Ai­res sag­te er in sei­ner (wie üb­lich im­pro­vi­sier­ten) Re­de, in den ei­li­gen Zei­ten, in de­nen wir heu­te leb­ten, sei die Dich­tung ei­ner der we­ni­gen Räu­me, in de­nen man ei­ne ei­ge­ne Zeit­lich­keit ent­fal­ten kön­ne. Und er wi­der­sprach Ador­nos Ver­dikt, nach Ausch­witz sei das Schrei­ben von Ge­dich­ten bar­ba­risch (die Über­lie­fe­rung trans­por­tiert das Ad­verb »un­mög­lich«, doch Ador­no hat­te »bar­ba­risch« ge­schrie­ben, fast so, als mach­te sich ein Dich­ter al­lein durch sein Da­sein mit der Na­zi-Bar­ba­rei ge­mein): Die ar­gen­ti­ni­sche Er­fah­rung nach »un­se­rem klei­nen Ausch­witz« zei­ge, daß dies sehr wohl mög­lich sei, sag­te Pi­glia und ver­wies auf Ju­an Gel­man1 und Leó­ni­das Lam­bor­ghi­ni. »Wir, die Er­zäh­ler«, fuhr Pi­glia fort, »brin­gen den Dich­tern Hoch­ach­tung ent­ge­gen, weil sie mit Spra­che in Rein­kul­tur ar­bei­ten.«

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  1. Diese Mitteilung verbanne ich in die Fußnote, weil die Fülle des Getanen, Gelesenen, Geschriebenen langsam ein bißchen angeberisch wirkt; andererseits gehört das halt alles zum Bericht, dessen Teile sich wechselseitig erhellen sollen: Kürzlich habe ich zwei Gedichte von Gelman für eine zweisprachige Anthologie spanischer und lateinamerikanischer Dichtung übersetzt, und vor einigen Jahren auch einen ganzen Gedichtband, der bisher – auf deutsch – nicht veröffentlicht ist. Von Gedichten bin ich umgeben, mehr als von Romanen, Erzählungen oder Essays. Mit den Gedichten lebe ich. Freilich, sie lassen mir auch keine Ruhe, treten nicht so zurück in ihre Schlafkammer wie, zum Beispiel, die ersten beiden Bände der Suche nach der verlorenen Zeit. Man liest öfter und genauer, es kommt zu Verschiebungen und Überlagerungen des Sinns. So daß wir beim Übersetzen manchmal zu zweifeln beginnen: Was steht hier: amo oder amor, zwei grundverschiedene Wörter, grundverschiedene Bedeutungen. Herr oder Liebe? Mit Susanne Lange, einer großartigen Übersetzerin, der wir u. a. den neuen deutschen Don Quijote verdanken, tausche ich mich jetzt gerade darüber aus. Übersetzen ist ein genaueres, eindringliches, schöpferisches Lesen. 

Os­kar Roeh­ler: Der Man­gel

Oskar Roehler: Der Mangel
Os­kar Roeh­ler:
Der Man­gel

Ir­gend­wo im Frän­ki­schen, um 1960 her­um. »Die Hut«, ein Bau­ge­biet. Es sol­len Ein­fa­mi­li­en­häu­ser ent­ste­hen für Zu­ge­zo­ge­ne. Im Win­ter ist dort hart, ein »rie­si­ges Dach aus Glas«, ein An­stieg, fast nicht zu be­wäl­ti­gen. Ro­seg­ger­haf­te Bil­der von Men­schen, die Na­tur­ge­wal­ten trot­zen. Jah­re­lang wird ge­baut, im­mer wie­der Un­ter­bre­chun­gen, weil Was­ser von oben wie von un­ten ein­dringt, die Bau­fort­schrit­te im­mer wie­der zer­stört. Rie­si­ge Pum­pen, die nicht im­mer funk­tio­nie­ren. Feind­se­lig­kei­ten von den lo­ka­len Bau­ern, »stier­nacki­ge Bru­ta­li­tät«. Sie sind Flücht­lin­ge, kei­ne Kin­der des Wirt­schafts­wun­ders. Die Ein­hei­mi­schen sind ge­gen die Sied­lung. Ei­ne Par­zel­le für den Bau ei­ner Schu­le wird ver­wei­gert. Man haust lan­ge im Roh­bau, spät erst mit Elek­tri­zi­tät. Die Neu­en bil­den »sym­bo­li­sche Grup­pen des Schei­terns«.

Es gibt ei­nen Wir- spä­ter Ich-Er­zäh­ler, da­mals Kind, heu­te um die 60. Die Neu­an­sied­ler und ih­re »selt­sa­me Schwer­mut«. »Un­schein­ba­re, schweig­sa­me Män­ner«, von den un­ge­lö­sten Pro­ble­men auf­ge­zehrt. Es herrsch­te öko­no­mi­scher Man­gel. Man­gel statt Zu­ver­sicht – ganz ge­gen den Zeit­geist.

Man reibt sich die Au­gen. Hat das wirk­lich DER Os­kar Roeh­ler ge­schrie­ben? Das (so­zu­sa­gen) letz­te ver­blie­be­ne En­fant ter­ri­ble des deut­schen Re­gie­films, der mit sei­nem Ro­man »Selbst­ver­fickung« ei­nen klei­nen Skan­dal aus­lö­ste? Der Os­kar Roeh­ler, der zu­wei­len auf »Te­le 5« so­ge­nann­te Skan­dal­fil­me ana­ly­siert? (Es sind Ana­ly­sen, die meist bes­ser sind als die Fil­me da­nach.)

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Si­sy­phos auf dem Pla­teau ‑6/8-

Ein­blicke in die Aben­teu­er ei­nes be­frei­ten Le­sers

(← 5/8)

Pe­ter Hand­ke ge­hört zu den Au­toren, von de­nen ich je­de Neu­erschei­nung frü­her oder spä­ter le­se; manch­mal spä­ter, wenn die Er­schei­nung nicht mehr ganz neu ist, als Nicht-Kri­ti­ker kann ich mir das er­lau­ben. Den Ak­tua­li­täts­streß, die Hy­ste­rie des Pu­bli­zie­rens, den mar­tia­li­schen Kon­kur­renz­kampf um Auf­merk­sam­keit, all das ha­be ich in mei­nem Sayon­a­ra-Es­say be­schrie­ben. Ich le­se im­mer wie­der mal die »User­kom­men­ta­re« in den Fo­ren von Ta­ges­zei­tun­gen und stel­le dann fest, wie sehr ein Teil des Pu­bli­kums die­se Hy­ste­rie ver­in­ner­licht hat: Jour­na­li­sten sind beim klei­nen Mann un­ten durch, wenn sie ein, zwei Stun­den spä­ter als an­de­re Jour­na­li­sten in an­de­ren Me­di­en an ei­nem »Er­eig­nis« dran sind. Als gin­ge es ih­nen nicht um den In­halt ei­ner Nach­richt, son­dern dar­um, er­ster zu sein, der das Ding – meist feh­ler­haft in der On­line-Aus­ga­be – in die Ta­sta­tur klap­pert. Und dar­um geht es dem User auch, die Nach­richt selbst er kaum, nur den Reiz der Groß­buch­sta­ben nimmt er auf. Das In­ter­net, die di­gi­ta­le Ver­füg­bar­keit, po­ten­ziert sol­ches Ver­hal­ten, da je­der je­der­zeit ALLES »ver­glei­chen« kann.

Ge­nau das sind die neur­al­gi­schen Punk­te, an de­nen un­ser­eins Ab­stand und Lang­sam­keit ein­for­dern müß­te (Stif­ter- oder Hand­ke-Lek­tü­re kann Be­reit­wil­li­ge ein we­nig da­für schu­len). Ich konn­te mich nach der spät ge­wor­de­nen Lek­tü­re der Obst­die­bin nicht dar­an hin­dern, doch wie­der mal ei­ne Art Kri­tik zu schrei­ben, als Nicht­kri­ti­ker so­zu­sa­gen. Ge­nau ge­nom­men ist es je­doch ein iro­nisch-dia­lek­ti­scher Es­say ge­wor­den, den man in der Li­te­ra­tur­zeit­schrift ma­nu­skrip­te (Heft 224) nach­le­sen kann – ei­ne In­halts­an­ga­be will ich hier nicht lie­fern. Als Ti­tel hat­te ich mir »Im Wech­sel­bad der Ge­füh­le« ein­fal­len las­sen, und ha­be da­mit zwei Be­deu­tungs­ebe­nen ein­ge­zo­gen: die er­ste be­trifft den Text und sei­ne Mach­art, die zwei­te mei­ne Ge­füh­le bei der Lek­tü­re. Zwei Flie­gen auf ei­nen Schlag so­zu­sa­gen.

Der Sittich der spanischen Übersetzerin dieeses Buchs hat hier seine Spuren hinterlassen © Leopold Federmair
Der Sit­tich der spa­ni­schen Über­set­ze­rin die­ses Bu­ches hat hier sei­ne Spu­ren hin­ter­las­sen © Leo­pold Fe­der­mair

Es kommt beim Le­sen nicht sel­ten vor, daß die Ge­füh­le un­si­cher und wech­sel­haft sind; gu­te, ris­kan­te, her­aus­for­dern­de oder neu­ar­ti­ge Li­te­ra­tur ruft sie eher her­vor als ge­fäl­li­ge, die be­strebt ist, den Le­ser zu »packen«. Das Buch, das ich jetzt, wäh­rend ich die­sen Text ab­schrei­be, le­se, Der Riß der Zeit geht durch mein Herz von Her­tha Pau­li, ein Er­in­ne­rungs­buch an den An­schluß Öster­reichs an Deutsch­land, an Ödön von Hor­vath und Jo­seph Roth, an Flucht und Exil in Pa­ris, ist ge­fäl­lig, span­nend, jung­mäd­chen­haft, gut­ge­launt trotz al­ler Schick­sals­schlä­ge. Ich le­se es gern, wiß­be­gie­rig, mit Zu­nei­gung zu den mei­sten Fi­gu­ren, aber ins Schwan­ken bringt es mei­ne Ge­füh­le und Ur­tei­le nicht.1) Li­te­ra­tur­kri­ti­ker ver­schwei­gen sol­che Ge­füh­le in der Re­gel, sie müs­sen zu ei­ner Be­wer­tung kom­men, drei Ster­ne von fünf, oder doch drei­ein­halb… Bei an­de­ren Au­toren ist der Wech­sel der Le­se­ge­füh­le über die lan­ge Rei­he ih­rer Bü­cher ver­teilt, ei­ni­ge da­von ge­fal­len mir, an­de­re nicht. Bei Ha­ru­ki Mu­ra­ka­mi ist die­se Un­si­cher­heit selbst ein Grund, im­mer wie­der et­was von ihm zu le­sen. Kaf­ka am Strand fand ich sehr gut, ein post­mo­der­ner, viel­schich­ti­ger und trotz­dem leicht­le­bi­ger Mix, pu­ber­tä­re Li­te­ra­tur à la Her­mann Hes­se, mag sein (Mu­ra­ka­mis Held ist der Pu­ber­tät ge­ra­de eben ent­wach­sen); Karl-Mar­kus Gauß, ei­ner der tap­fer­sten und aus­dau­ernd­sten Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, hat sich in die­sem Sinn ge­äu­ßert, aber ich ha­be mich bei der Lek­tü­re gut un­ter­hal­ten und Zu­nei­gung zu ein­zel­nen Fi­gu­ren ge­faßt.2 Gut mög­lich, daß Mu­ra­ka­mi sei­ne Fi­gu­ren, auch die Bö­se­wich­te, zu sehr liebt, daß er sie ver­hät­schelt und manch­mal ver­dirbt: ty­pi­scher Fall von amay­a­ka­su, von ka­wai­ga­ru – bei­de Wör­ter ver­wei­sen auf ja­pa­ni­sche Stär­ken, die sich un­merk­lich in Übel ver­wan­delt ha­ben: ka­waii und amae, die klei­nen hüb­schen Din­ge und das Lieb-und-an­ge­paßt-Sein. Die Lek­tü­re von Kaf­ka am Strand hat mir durch­aus Mo­men­te der Er­kennt­nis ge­währt, in de­nen Zu­sam­men­hän­ge auf­ge­gan­gen sind, ja, so­gar et­was wie Er­leuch­tung ahn­bar ge­wor­den ist.

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  1. Von Anfang an hörte ich aus diesem Buch einen bestimmten Ton, der sich bis zum Ende durchzieht: den fast mädchenhaften Ton der guten Laune, der selbstständigen, lebensfrohen jungen. Hertha Pauli hat das Buch im Alter von sechzig Jahren geschrieben, die "Erlebnisse" – sie nennt es tatsächlich "Erlebnisbuch" –, von denen die Rede ist, zeigen sie um 1938/39 im Alter von 31, 33 Jahren, da ist sie wirklich frei und ungebunden, doch als Halbjüdin und österreichische Patriotin auch bedroht, ohne Zukunftsaussichten. Der Widerspruch – Elend und Gefälligkeit – ist in diesem Fall nicht wirklich produktiv, die Erzählung zu linear und einsinnig, um mehr entstehen zu lassen als einen Bericht, den man gern verschlingt, weil man natürlich wissen will, wie die Geschichte einer Flucht ausgeht, und zweitens, weil die Frau so viele interessante Bekannte hatte, die meisten von ihnen Schriftsteller. Hier ein Beispiel für den unbekümmerten Ton. Pauli beschreibt eine Kellnerin in einem Dorf in Südwestfrankreich: "Da ihre Oberlippe zu kurz war, um über die vorstehenden Zähne zu reichen, blieb ihr Mund stets wie fragend offen. Auch Sanftmut und Wehrlosigkeit hatte sie mit einem Kaninchen gemein. So war Paulette die allgemeine Jagdbeute des Ortes, und als sie schließlich ein Kind gebar, war wohl der ganze Burschenstammtisch der Papa." In Zeiten von Me too kaum vorstellbar, daß eine emanzipierte Frau und Anftifaschistin so naiv und spaßhaft über die sexuellen Umtriebe einer Dorfjugend und so "lookistisch" über eine hart arbeitende junge Kellnerin schreibt. Da könnten glatt Rufe nach Zensur und Ächtung laut werden… Lest dieses Buch, das in der Reihe "Die Frau in der Literatur" – 1990, lang ist's her – neu aufgelegt wurde, bloß nicht! Aber nein, Frauensolidarität geht vor, lest es oder kauft es zumindest. Dank Google – danke! – erfahre ich, daß erst vor kurzem ein Roman von Hertha Pauli über ein Mädchen, welches das KZ überlebt hat, erschienen ist, und zwar in einem sogenannten Frauenverlag. Die Geschichte erinnert ein wenig an die von Ariel Magnus' Großmutter. (Inzwischen habe ich sie zu lesen begonnen. Der Riß der Zeit lohnt die Lektüre unbedingt; Jugend nachher, Paulis Nachkriegsroman über die Schicksale eines Mädchens, das das KZ überlebt hat, eher nicht. Der Titel verweist ungeschickt auf Jugend ohne Gott von Ödön von Horvath, den die Autorin in jungen Jahren heiß geliebt hatte. Einiges über diese alles in allem unglückliche Liebe kann man in Der Riß der Zeit erfahren. 

  2. Daß Hesse von den Snobs mit größter Hartnäckigkeit niedergemacht wird, ist eine andere Geschichte. Meine Tochter liest gerade Unterm Rad, das allein ist für mich ein Grund, meinen sicherlich verschmutzten Wertungsfilter wieder einmal zu reinigen. Ich erinnere mich an eine sehr ferne Lektüre von Narziß und Goldmund. Auch dieses Buch hat in meinem Tiefengedächtnis Spuren hinterlassen und erinnert mich immer – besser: für immer – an den unauflösbaren Konflikt mit meinem Bruder. "Erinnert mich", heißt in diesem Fall: beeinflußt meine Art, mit diesem Konflikt umzugehen. Überhaupt kriege ich Lust, das Pubertäre, Unreife in Schutz zu nehmen – und denke auch gleich an einen Vorläufer, Witold Gombrowicz, den Verfechter der Unreife.