Rainald Goetz: Abfall für Alle
Ein Schriftsteller, einst als Provokateur auftretend und sich heute als Querulant sehend (mindestens als Schreiber, nicht so sehr als Alltagsmensch), entdeckt das Medium Internet und ermöglicht es uns, jeden seiner Tage schriftlich dort zu verfolgen. So Rainald Goetz 1998 mit einem über ein Jahr angesetzten Projekt. So ganz neu ist das natürlich nicht; Tagebücher gibt es seit eh und je, meistens sind sie aufgeblasen – dies meist dann, wenn es sich um mehr oder weniger erzwungene Notate handelt, die jemand gemacht hat, weil er eben glaubte jeden Tag etwas schreiben zu müssen.
Nach drei Jahren Gefängnis kommt Simon, jetzt 65 Jahre alt, in sein Dorf zurück – Schweizer Engadin; um 1935 (man muss die Zeit aus dem Erzählten rekonstruieren). Ein Jagdunfall, fahrlässige Tötung; viele Dörfler halten es für Mord. Und das ein Jahr nach der Auseinandersetzung im Dorf um die Jenischen, als sich Simon mit der Dorfnomenklatura angelegt hatte, die sie lieber heute als morgen aus dem Dorf wieder vertrieben hätten. Seine Frau ist während des Gefängnisaufenthalts verstorben – man hat es ihm nach der Beerdigung mitgeteilt.
Simon findet Unterkunft und Tagelohnarbeit; das Dorf ist hinsichtlich seiner Person gespalten. Seinen (unausgesprochenen) Wunsch, man möge diesen Unfall vergessen und sich an das erinnern, was er vorher für das Dorf geleistet hat, wird nicht erfüllt. Trotz der teilweise feindlichen Stimmung möchte er im Dorf – seiner Heimat – bleiben; eine (kurze) Beschäftigung im Hotel der nahegelegenen Stadt befriedigt ihn nicht. Er, Waldarbeiter Simon, der Einzelgänger, sucht das Dorf, die Gemeinschaft – und lehnt sie gleichzeitig ab. Hin- und hergerissen freundet er sich mit Vera an, die für sich und ihren Mann „sein“ Haus gekauft hat. Die dicke Theresa, die alles vom Dorf weiss, stört ihn aber bereits mit ihren Gewissheiten und Fakten.
Erst im letzten Drittel seines Buches »Im Keller« erzählt (berichtet?) Jan Philipp Reemtsma reflexiv über das ihm Zugestossene während seiner Entführung 1996. Vorher gibt es eine kurze chronologische Abfolge der Entführung, wie sie sich weitestgehend von aussen berichten lässt, gefolgt von einer chronologischen Erzählung in der dritten Person über das Sich-Ereignende. Diese beiden Teile haben ...
Aufmerksam geworden durch dieses Interview und eine entsprechende Werbung, die versprach, dass dieses Buch mein Leben verändern wird, griff ich zu.
Das Buch ist kurz; in vielerlei Hinsicht. Es hat 73 Seiten, das Format ist sehr handlich (10,5 cm x 15,5 cm); immerhin harter Einband. Zweimal Strassenbahn gefahren – und man hat es durch.
Trotzdem: Erstaunlich, wie viel Redundanz in einem so dünnen Buch stecken kann. Dabei gibt es noch nicht einmal eine ausgearbeitete Theorie über das Sujet. Und der mit einiger Wonne immer wieder zitierte Begriff des »Bullshit« bleibt auch nach der Lektüre eine Phrase – eben Bullshit.
Ein vielgerühmter Roman – aber warum? Angeblich sei das allegorische, bildhafte so stark, so mächtig: hie die einwandernden Mexikaner, die ihr Stück vom Wohlstand mithaben wollen – dort das liberale Bürgertum der USA, schliesslich kapitulierend vor den Scharfmachern und Emigrantenhassern. Es ist in T. C. Boyles »América« dann tatsächlich so, wie sich Lieschen Müller im ...
Die Tabus, die in unserer Gesellschaft Schauder und Entrüstung hervorrufen, werden immer weniger. Für gezielte Tabubrecher, die ihre Wirkung nur noch auf diese Art erzielen können, wird der Markt schwieriger. Eile ist geboten – der Kollege könnte am gleichen Stoff arbeiten. Besser als die Präsentation des tabubrechenden Kunstwerkes ist deren medial inszenierte Verhinderung. Soviel Öffentlichkeit ist selten und tut gut. Kerner ist gewiss. In diese Richtung gehen die Macher und Verleiher des Films über die Ereignisse um den sogenannten „Kannibalen von Ro(h)tenburg“.
Denn: Kannibalismus ist noch ein Tabu. Aber warum eigentlich?
Es ist selten, dass ich mit Iris Radisch in ästhetischen Fragen übereinstimme, aber in der neuesten Glosse (am Link erkennbar, dass es eine ist!) hat die den Nagel auf den Kopf getroffen: Wo ist sie nur geblieben, die gute alte Schreibhemmung?
Nein, ich bin natürlich nicht Koeppen oder Johnson, mitnichten. Aber im Kern hat Radisch recht:
Ach, was waren das für Zeiten, als die Verschriftlichung der Welt offenbar noch eine Schwierigkeit darstellte, mit der nicht jeder spielend fertig wurde.
Wenn man die aktuelle Doping-Hysterie anlässlich der Olympischen Winterspiele und die Bekenntnisse zum „sauberen Sportler“ verfolgt, so fühlt man sich in die Zeiten der 70er und 80er Jahre zurückversetzt, als die so umstrittene Amateurregelung für heftige Diskussionen und – aus heutiger Sicht – lächerliche Disqualifikationen sorgte.
Als man der vermeintlich wachsenden Kommerzialisierung nicht mehr widerstehen konnte, interessierte das IOC das Geschwätz von gestern nicht mehr. Galt vorher ein Sportler, der irgendwann einmal für 1000 Dollar an irgendeinem Sportfest teilgenommen hatte als Verbrecher, so vollzog man fast von heute auf morgen die Kehre. Konnte man doch prima selber von Übertragungsrechten, Werbeeinnahmen und Sponsoren partizipieren – natürlich alles zum Wohle des Sports.