Die Aufregung um den CDU-Abgeordneten Norbert Röttgen und seine geplante Übernahme des Postens des Hauptgeschäftsführers des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) zeigte manchmal reichlich skurrile Züge. Da wurde Röttgen zum Verzicht auf sein Bundestagsmandat aufgefordert, da er in Interessenkollisionen geraten könnte – hier die Interessen eines frei gewählten, seinen Wählern verpflichtenden Abgeordneten und da die pure »Lobbypolitik« der Industrie.
Ein Stückchen Stoff
Zum Zeitpunkt des Interviews von Frank Schirrmacher mit Alice Schwarzer war das »Kopftuchurteil« des Stuttgarter Verwaltungsgerichtes noch nicht gesprochen. Dort war am 7. Juli einer Lehrerin Recht gegeben worden, ihr Kopftuch auch weiterhin während des Unterrichts zu tragen. Die Richter erklärten das von Annette Schavan vor einigen Jahren eilig geflickschusterte Schulgesetz, welches das Kopftuch für ...
Abpfiff
Die Fussball-Weltmeisterschaft ist zu Ende – Italien ist Weltmeister; Sieger eines kuriosen Finales. Es war – wie man allenthalben hört – ein tolles Fest; das Wort der »WM-Party« machte die Runde. Hunderttausende standen vor Grossbildschirmen. Berichterstattung hierüber war Pflicht. Gelegentlich konnte man glauben, das Drumherum sei wichtiger als die Spiele.
Die Euphorie, die spätestens nach dem furios gewonnenen Eröffnungsspiel der deutschen Mannschaft einsetzte, kannte kaum noch Grenzen. Voreilige Urteile, ein neuer, gar gefährlicher Patriotismus könne sich entzünden, müssen allerdings wohl begraben werden. Die Fahnen sind schon weitgehend wieder verschwunden. Vermutlich wird die Prognose von Harald Schmidt eintreffen: Spätestens zum Advent ist wieder die alte Stimmung im Land!
Yellow Fischer
Es war ein lauer Sommerabend 1998. Die Plakate hatte ich schon vorher gesehen. Wir schlenderten am Rhein entlang und plötzlich kam uns die Idee, die Rheinterrassen zu besuchen. Joschka Fischer hielt dort eine Wahlkampfrede. Es begann mit dem Kabarettist Volker Pispers, der einige Witzchen über Kohl und dessen (maroder) Regierung machte. Wir sehnten die Zeit herbei, dass solche Witze nicht mehr gemacht werden konnten.
Dann kam er. Hager, mönchisch, fast ein bisschen kränklich sah er aus. Er soll sogar, flüsterte man sich zu, vorher noch am Rhein gejoggt haben. 9/11 war noch sehr weit weg und ausserhalb unserer Vorstellungen. Die Stimme halbwegs fest; der Wahlkampf, »Ihr versteht«. Wenige Wochen danach erkennen wir Fischer beim Antrittsbesuch in Washington im Fernsehen kaum wieder – in edlem Zwirn, die Körpersprache fast unterwürfig, gar ängstlich; wie ein Gymnasiast, der guten Eindruck bei dem reichen Onkel machen möchte. Hundert Jahre später oder: Wie schnell geht das?
Nachlese 30. Ingeborg-Bachmann-Preis: Exotismus und Authentizität
18 Autoren lesen ihre literarischen Texte vor und anschliessend diskutieren neun Juroren hierüber. Dieses Setting ist die Ausgangsposition für den sogenannten »Ingeborg-Bachmann-Preis«, volkstümlich auch »Wettlesen« genannt (als wäre jener der Sieger, der zuerst fertig sei). Anachronistischer kann Fernsehen nicht sein, als dies zu übertragen. Aber es kann auch – wenn die Beiträge und Diskussionen »stimmen«– ...
Deutschlands Familienpolitik im Blindflug
Kaum ein Thema hat in den letzten Monaten die Innenpolitik so bestimmt wie die demografische Entwicklung Deutschlands und das »Ausbleiben« von Kindern. Das ging bis zur Anprangerung ganzer Berufs- und Gesellschaftsgruppen. Die konservative Regression zur Familie und dem gängigen Familienbild der 50er Jahre (mitinitiiert beispielsweise von Udo di Fabios »Kultur der Freiheit« oder auch – klüger – von Schirrmachers »Minimum«) ging einher mit einem (teilweise national daherkommenden) Alarmismus – als wäre die Krisenhaftigkeit der Sozialsysteme monokausal erklärbar und liesse sich mit der blossen Zuführung neuer »Beitragszahler« lösen. (Woher dann die Arbeitsplätze kommen sollen, blieb in dieser Diskussion übrigens immer merkwürdig unterbelichtet.)
In seinem lobenswerten Artikel »Pokerspiele an der Wiege« decouvriert Björn Schwentker nun die statistischen (Fehl-)Methoden, die für die Politik die Grundlage zu ihrer neuen Hinwendung zur Familie führen. Deutschlands Familienpolitik befindet sich im Blindflug – die Erhebung der Geburtenziffern ist lückenhaft und geht teilweise von falschen Voraussetzungen aus.
Hans Magnus Enzensberger: Schreckens Männer – Versuch über den radikalen Verlierer

Was „Schreckens Männer“ am Anfang interessant macht, ist, dass Enzensberger versucht, eine Typologie des frustrierten, gescheiterten und dann „ausrastenden“ Messerstechers, Mörders oder Amokläufers zu entwerfen, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger in altlinker Manier ausschliesslich „die Gesellschaft“ verantwortlich zu machen. Sein Versuch geht dahin, die persönlichen Umstände desjenigen zu hinterfragen, ohne in psychologische, vor allem jedoch soziologische Deutungsmuster zu verfallen (letzteres dezidiert – ersteres scheitert zwangsläufig [soviel muss vorweggenommen werden]).
Das Heidenreich-Kaffeekränzchen: »Lesen!« im ZDF
Gestern wieder „Lesen!“ im ZDF mit Elke Heidenreich, der Frau mit dem „grossen Herz für schlechte Bücher“ (Iris Radisch).
Diese Sendung zeigt das Elend der Vermittlung von Literatur durch / im Fernsehen. In dreissig Minuten nudelt Frau Heidenreich ihre höchstpersönliche Auswahl von Büchern herunter. Es sind meist um die 20 – dezidierte Besprechungen sind da natürlich nicht möglich. Hauptsache „Lesen“! (Der längste Part der Ruhe in der Sendung ist das Vorlesen aus einem Hörbuch – diesmal Scott Fitzgerald.)
Ihre Kriterien bleiben dabei im Dunkeln bzw. sind (vermutlich) an einer vulgär-ästhetischen Linie zwischen Unterhaltungsroman und politisch-korrekter Milieuprosa festzumachen.