Si­sy­phos auf dem Pla­teau ‑7/8-

Ein­blicke in die Aben­teu­er ei­nes be­frei­ten Le­sers

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Salzburg, auf dem Mönchsberg. Hier soll vor Jahren ein berühmter Epiker gewohnt haben. © Leopold Federmair

Salz­burg, auf dem Mönchs­berg. Hier soll vor Jah­ren ein be­rühm­ter Epi­ker ge­wohnt ha­ben. © Leo­pold Fe­der­mair

Schluß. Mei­ne ab­ge­bro­che­nen Lek­tü­ren woll­te ich doch un­ter den Tep­pich keh­ren. Bes­ser, du machst mal halt und blickst zu­rück (auf die­sen Rück­blick hier). Die Re­de ist da nur von Er­zähl­li­te­ra­tur, fast al­les Ro­ma­ne. Da­bei ha­be ich doch auch Es­says ge­le­sen, nicht nur von Fo­ster Wal­lace, auch von Ol­ga Mar­ty­n­o­va und Tho­mas Stangl. Mon­tai­g­ne, den le­se ich so­wie­so im­mer, mei­ne Bi­bel, die es­sais. Auch so­ge­nann­te Sach­li­te­ra­tur, Grund­fra­gen der Ma­schi­nen­ethik zum Bei­spiel, die Na­men von Sach­buch­au­toren ver­ges­se ich mitt­ler­wei­le fast aus­nahms­los. Und Ge­dich­te? Ich ge­hö­re zu de­nen, die die Ly­rik für den Kern des Pla­ne­ten Li­te­ra­tur hal­ten: ein hei­ßer, glü­hen­der Kern, der in der Epik manch­mal Erup­tio­nen zei­tigt; em­ble­ma­tisch in Bo­la­ños Wil­den De­tek­ti­ven. Ri­car­do Pi­glia hat so gut wie gar kei­ne Ge­dich­te ge­schrie­ben – nur ei­nes, im Traum:

Soy
el equi­li­bri­sta que
en el ai­re ca­mi­na
des­cal­zo
sob­re un al­ambre
de púas

Ich bin
der Seil­tän­zer der
in der Luft geht
oh­ne Schu­he
auf dem
Sta­chel­draht

– aber 2008 zur Er­öff­nung der Buch­mes­se in Bue­nos Ai­res sag­te er in sei­ner (wie üb­lich im­pro­vi­sier­ten) Re­de, in den ei­li­gen Zei­ten, in de­nen wir heu­te leb­ten, sei die Dich­tung ei­ner der we­ni­gen Räu­me, in de­nen man ei­ne ei­ge­ne Zeit­lich­keit ent­fal­ten kön­ne. Und er wi­der­sprach Ador­nos Ver­dikt, nach Ausch­witz sei das Schrei­ben von Ge­dich­ten bar­ba­risch (die Über­lie­fe­rung trans­por­tiert das Ad­verb »un­mög­lich«, doch Ador­no hat­te »bar­ba­risch« ge­schrie­ben, fast so, als mach­te sich ein Dich­ter al­lein durch sein Da­sein mit der Na­zi-Bar­ba­rei ge­mein): Die ar­gen­ti­ni­sche Er­fah­rung nach »un­se­rem klei­nen Ausch­witz« zei­ge, daß dies sehr wohl mög­lich sei, sag­te Pi­glia und ver­wies auf Ju­an Gel­man1 und Leó­ni­das Lam­bor­ghi­ni. »Wir, die Er­zäh­ler«, fuhr Pi­glia fort, »brin­gen den Dich­tern Hoch­ach­tung ent­ge­gen, weil sie mit Spra­che in Rein­kul­tur ar­bei­ten.«

In­zwi­schen bin ich beim Ab­schrei­ben die­ses Tex­tes am Com­pu­ter – ciao Osa­ka, ciao Ca­fés in den Wol­ken und un­ter der Er­de! – und kann der Goog­le-Ver­su­chung wie­der ein­mal nicht wi­der­ste­hen; na­tür­lich ha­be ich zwölf Jah­re nach Pi­gli­as Re­de kei­ne ge­naue Er­in­ne­rung an sie (an das Seil­tän­zer-Ge­dicht schon, ich ha­be es x‑mal ge­le­sen und mehr­mals über­setzt). Was ich sa­gen woll­te: Im Hin­blick auf die Ly­rik ha­be ich das selt­sa­me Ge­fühl, al­les schon zu ken­nen. Das stimmt na­tür­lich nicht, Neu­erschei­nun­gen neh­me ich sel­ten wahr, so daß ich mir jetzt auch gleich vor­neh­me, mehr da­von zu le­sen, fürs er­ste Ge­dich­te von Mar­cel Bey­er, mir emp­foh­len und zu­ge­sandt von Jür­gen Theo­bal­dy, von dem ich un­längst ein Ge­dicht­buch zu­ge­sandt be­kom­men und ge­le­sen ha­be: im Kran­ken­haus, ne­ben den Es­says von Fo­ster Wal­lace, der dicke Zie­gel ne­ben dem, wie es sich für Ge­dich­te ge­hört, fe­der­leich­ten Band mit den schlan­ken Ver­sen. Ich glau­be, die ne­ben- und nach­ein­an­der ge­le­se­nen Bü­cher ge­hen je­weils in das an­de­re ein, der Dich­ter schaut in die Werk­statt des Es­say­isten, der Pro­sa­schrei­ber kommt beim Dich­ter vor­bei und nimmt sich ein Sätz­chen mit. Das al­les ge­schieht in mei­nem Kopf, ich kon­nek­tie­re als Le­ser die Tex­te, ver­än­de­re sie da­durch: ge­leb­te Trans­ver­sa­li­tät. Die pro­sa­na­he Sach­lich­keit der 60er/70er-Jah­re-Ly­rik – bei Bey­er ha­be ich das Ge­fühl, sie fin­det ei­ne Fort­set­zung in ei­nem neu­en, kom­ple­xe­ren, iro­nisch grun­dier­ten Ge­wand: pral­ler Stoff in täu­schend al­ten Säcken. Un­be­dingt mehr­di­men­sio­nal, mit ge­konn­ten Klimm­zü­gen zwi­schen den Pla­teaus, flie­ßen­de Über­gän­ge zwi­schen den Di­men­sio­nen, in bei­de Rich­tun­gen, pre­mier, se­cond, éniè­me de­gré. Kom­ple­xer ist nicht im­mer bes­ser, und auch ein­fa­cher nicht. Im sel­ben Heft der Zeit­schrift Spra­che im tech­ni­schen Zeit­al­te le­se ich Theo­bal­dys Tanka, »fünf­zei­li­ge Ge­dicht­form aus Ja­pan«, ge­rei­nig­te, aufs We­sent­li­che oder auf ein, zwei De­tails – viel­leicht sind die das We­sent­li­che – re­du­zier­te Wahrnehmung/Sprache.

Was ich sa­gen woll­te: Ge­dich­te ver­lan­gen in der Re­gel kei­ne ex­ten­si­ve, son­dern ei­ne in­ten­si­ve, viel­fa­che, lang­sam er­schlie­ßen­de Lek­tü­re, und wenn man auf sol­che Art liest, kommt man frü­her oder spä­ter zum ei­gen­stän­di­gen Wie­der­ho­len, al­so zum In­ter­pre­tie­ren und Über­set­zen.2 Letz­te­res dann, wenn die Ge­dich­te in ei­ner Fremd­spra­che ge­schrie­ben sind und der Le­ser sie in die­ser Spra­che liest; je in­ten­si­ver er liest, de­sto eher wird er zum Über­set­zer, zum Wie­der­ho­ler, in ei­nem ge­wis­sen Sinn auch zum Ret­ter. Die Fla­schen­post – ich den­ke an ei­nen Es­say Ol­ga Mar­ty­n­ovas, in des­sen Ti­tel das Wort zwei­mal vor­kommt – aus der Fla­sche ret­ten, aus ih­rem Ein­ge­schlos­sen­sein, ih­rer Her­me­tik. Der Fin­der be­freit, liest und steckt die Post in ei­ne neue Fla­sche. Rich­tig, ich stel­le mir vor, daß die Spra­che, die der Dich­ter fa­bri­ziert hat, der Be­häl­ter ist, die Fla­sche nur ei­ne Me­ta­pher, eben­so das Meer, das Ge­wäs­ser (»nur«). Ich selbst schrei­be we­nig Ge­dich­te (ob­wohl Schön­heit und Schmerz et­was von ei­nem Ge­dicht­zy­klus hat), aber ich über­set­ze gern wel­che, und gar nicht so sel­ten, fast darf ich sa­gen: im­mer. Ei­nes Ta­ges, im Meer der Tex­te, bin ich auf Ju­an Ramón Ji­mé­nez ge­sto­ßen, den Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger des Jah­res 1956, ha­be zu­nächst Pla­te­ro und ich ge­le­sen, ei­nen hoch­poe­ti­schen, zu­gleich kind­li­chen Pro­sa­zy­klus, und schließ­lich ei­nen sei­ner Ge­dicht­bän­de über­setzt, der auf deutsch nicht vor­lag, ei­nen Zy­klus von sei­ner Hoch­zeits­rei­se im Jahr 1916, die ihn nach New York und Bos­ton führ­te. Das Buch, mei­ne Über­set­zung, ist in ei­nem klei­nen Ber­li­ner Ver­lag er­schie­nen, fast ganz (und er­war­tungs­ge­mäß) oh­ne Echo in den Mas­sen­me­di­en, die an­geb­lich be­stim­men, was wirk­lich sei und was nicht. Gleich­zei­tig ha­be ich wäh­rend der ver­gan­ge­nen Jah­re für ein Groß­pro­jekt über­setzt, spa­nisch­spra­chi­ge Ly­rik von den An­fän­gen bis zur Ge­gen­wart, vier zwei­spra­chi­ge Bän­de. Auf die­se Wei­se ent­steht Ver­traut­heit mit Dich­tern, die in fer­nen Ge­gen­den und Epo­chen hau­sten, mit ih­rer Stim­me, ih­ren Wort­ge­bräu­chen. Sig­lo de oro, Wol­lust und Frei­heit im Kor­sett (meist als So­nett), Gar­ci­la­so de la Ve­ga, Fran­cis­co Que­ve­do, an­de­re Dich­ter mit we­ni­ger klin­gen­dem Na­men, dann über die – in Spa­ni­en schwä­cheln­de – Ro­man­tik hin­ein ins zwan­zig­ste Jahr­hun­dert, Ru­bén Dar­ío, Sal­va­dor No­vo, Jo­sé Emi­lio Pacheco (mei­ne la­tein­ame­ri­ka­ni­sche Schlag­sei­te).

Pacheco wird blei­ben, in mir, der durch­sich­tig­ste, dia­pha­ne, klar wie Was­ser, und dann, je öf­ter man liest, den­noch rät­sel­haft. Jo­sé Emi­lio wird blei­ben durch un­se­ren ge­mein­sa­men Be­such in Mo­zarts Ge­burts­haus, das ich an sei­ner Sei­te zum er­sten Mal be­trat, ob­wohl ich zehn Jah­re in der Stadt ge­lebt hat­te; blei­ben durch die Aus­wahl sei­ner Ge­dich­te, die ich, lang ist’s her, zu­sam­men­ge­stellt und über­setzt ha­be. Blei­ben als Wäh­len, im­mer er­neu­tes Wäh­len des ein­mal Er­kann­ten. So­gleich aber will ich das Ge­sag­te zu­rück­neh­men, denn was heißt schon, ei­nen Dich­ter zu (er)kennen. Dich­tun­gen wie die von Tra­kl, Höl­der­lin, Ril­ke, Gry­phi­us, Ce­lan kennt man nie wirk­lich, nie ganz, auch dann nicht, wenn man sie über­setzt. Sie ken­nen sich selbst nicht. Die Fla­schen­post, al­so die Bot­schaft, ent­zieht sich in Sehn­sucht nach dem Meer der na­men­lo­sen Spra­che.

Dann le­se ich Hälf­te des Le­bens, ich weiß nicht zum wie­viel­ten Mal, und es ist wie­der al­les ganz an­ders. So­gar bei Ding­ge­dich­ten und Tier­ge­dich­ten, Der rö­mi­sche Brun­nen oder Der Pan­ther, ist al­les an­ders, wie wenn je­mand am Ka­lei­do­skop ge­rüt­telt hat, der Sinn hat sich ge­än­dert, ist un­kennt­lich ge­wor­den (na­tür­lich bin ich es, der sich ge­än­dert hat, un­kennt­lich ge­wor­den ist). Bei Mar­cel Bey­er le­se ich ei­ne Par­odie der To­des­fu­ge, de­ren ver­zerr­tes Echo ei­nes die­ser Ge­dich­te durch­tönt und grun­diert wie ei­ne wei­ße oder schwar­ze, schwarz-wei­ße – Milch der Frü­he – Lein­wand, auf der ein Wort­pin­sel Punk­te ge­setzt und Stri­che und Flä­chen ge­zo­gen und Far­ben ver­teilt hat – gelb, schwe­fel­gelb das Ge­dicht: Gin­ster. Der Tod ist ein Arsch­loch aus Streh­len, ja? Dann wär al­les nicht so schlimm, oder? Man kä­me, un­ver­sehrt im Gro­ßen und Gan­zen, täg­lich an die­sem Schwäch­ling vor­bei ins, sa­gen wir, Bü­ro, wie ich selbst ins Bü­ro ge­he je­den Tag, manch­mal be­droht, Gott weiß. Halt! Vom KZ ins Bü­ro? Kann sein, daß Bey­er die­sen Weg be­schrei­ben woll­te. Be­schreibt. Aber wer ist die­ser ab­ge­half­ter­te Typ in Streh­len, Ost­deutsch­land oder wo, oder war es Strah­len, oder Strae­len, west­lich­stes West­deutsch­land, Sitz des Über­set­zer­kol­le­gi­ums, wo flei­ßi­ge Schrei­ber aus al­ler Welt sich mit Bey­ers Ge­dich­ten aus­ein­an­der­set­zen? Oder Stral­sund gar?

Man par­do­nie­re den un­wis­sen­den Süd­län­der, der nicht an­ders kann, er goo­gelt wie­der. Wi­ki­pe­dia, was sonst, Stadt­teil von Dres­den, viel­leicht wohnt dort ja der Dich­ter, geb. in 1965, wohn­haft in Dres­den, nicht? 10.000 Ein­woh­ner, da sind si­cher ein paar Arsch­lö­cher da­bei, An­ge­ber, Möch­te­gern­tod­brin­ger. Und dann le­se ich, die ge­bro­che­ne Zei­le springt mir ins Au­ge: »Der Tod ist kein Mann, // auch kein Jun­ge…« Was dann? Ein weib­li­ches Arsch­loch? Arsch­lö­chin? Zwit­ter? Queer? Un­de­fi­nier­bar?

Ich be­en­de den Spaß. Weil ich se­he, daß ich die­ses Ge­dicht nicht ernst­neh­men kann, nur ei­ne Par­odie der Par­odie ist mir mög­lich. Mußt ja nicht kom­men­tie­ren auf Teu­fel komm raus (sag ich mir). Mußt kei­ne Li­te­ra­tur­kri­tik trei­ben. Lies wei­ter, an­ders­wo. Laß dich trei­ben, sur­fe, trans­ver­sal. Es kommt dar­auf an – oder? – die Wel­len zu kreu­zen. Und daß man auch halt­ma­chen kann in die­sem Meer, per­chè nauf­ra­ga­re è dol­ce in que­sto ma­re, In­seln bil­den statt Wur­zeln schla­gen, nicht gleich un­ter­ge­hen. War­ten am Strand. Die ewi­ge, sich wan­deln­de, nie er­füll­ba­re Li­ste im Heft, oder bes­ser: im Hin­ter­kopf. Karl-Mar­kus Gauß, der mich auf die aben­teu­er­li­che Rei­se in sei­nem Zim­mer auf­merk­sam macht: Ein Mann, der wohl ru­hig in sei­nem Zim­mer blei­ben kann und trotz­dem im­mer noch reist in der phy­si­schen Welt. Ru­hig im Zim­mer sit­zen und le­sen, Aben­teu­er im Kopf.3 Al­so der Sta­pel: Pe­ter Ste­phan Jungk, Rund­gang, da­mit hab ich schon be­gon­nen; weiß nicht, ob ich wei­ter­le­sen will. Wenn ei­nem ein Au­tor ei­ne freund­li­che Wid­mung ins Ex­em­plar schreibt – ich ha­be nie viel auf Wid­mun­gen ge­ge­ben; of­fen ge­stan­den ha­be ich ei­ne nicht ge­rin­ge Zahl da­von, mit be­müht ge­schwun­ge­nen oder na­tür­lich-ele­gan­ten Schrift­zü­gen und geist­rei­chen Be­mer­kun­gen oder An­spie­lun­gen auf dem Ti­tel­blatt, im Zu­ge mei­ner Bil­bio­theks­auf­lö­sung vor zwan­zig Jah­ren ver­scher­belt –, muß man das Buch frü­her oder spä­ter doch le­sen, ein Ge­bot der Höf­lich­keit, oder nicht? Rund­gang ist 1981 er­schie­nen, »ein Buch aus der Ver­gan­gen­heit«, hat Pe­ter un­ter den Ti­tel ge­schrie­ben. Aber es ist auch mei­ne Ver­gan­gen­heit, in die­sem Jahr, 1981, ha­be ich zum er­sten Mal ei­ne Er­zäh­lung ge­schrie­ben, von der ich dach­te, sie müs­se je­man­den er­rei­chen, ei­nen un­be­kann­ten Adres­sa­ten. Al­so ich woll­te sie ver­öf­fent­li­chen. Heu­te bin ich froh, daß das nicht ge­sche­hen ist, und fin­de ei­nen Ton in dem Buch mit der freund­li­chen Wid­mung wie­der (ei­nem Buch, das ich sei­ner­zeit – un­ser­er­zeit – nicht ge­le­sen hat­te, nur Stech­pal­men­wald stand in mei­ner längst in die al­le Win­de ver­streu­ten Bi­blio­thek), der mich an je­ne Er­zäh­lung er­in­nert, Stra­win­skys Grab war der Ti­tel, der wahr­schein­lich das Be­ste dar­an ist (goo­geln Sie, wenn Sie wis­sen wol­len, wo es liegt). Die­se Art Spra­che klingt un­ter­schwel­lig prä­ten­ti­ös, viel­leicht ist es der Ton je­ner – oh­ne daß wir uns kann­ten – ge­mein­sa­men Ver­gan­gen­heit, ei­ne kol­lek­ti­ve Mu­sik, die sich aus vie­len Stim­men zu­sam­men­setzt, ein Epo­chen­stil, der in Wirk­lich­keit ei­ne Viel­zahl von Sti­len von In­di­vi­du­en ist. Ein be­tont ex­qui­si­ter und dann wie­der non­cha­lan­ter Stil, ein heh­rer Ge­stus – die­ses selt­sa­me Epi­the­ton fällt mir im­mer wie­der ein –, der sich selbst miß­traut und un­ter­läuft und tor­pe­diert, oh­ne je­ne Dau­er­i­ro­nie, die Deutsch­land und Um­ge­bung im Ver­lauf der acht­zi­ger Jah­re über­schwem­men soll­te – die Ver­wü­stun­gen sind bis heu­te zu se­hen, zu spü­ren, zu le­sen. Al­so die­se Ver­gan­gen­heits­mu­sik, für den Au­gen­blick hal­te ich sie auf Ab­stand, sie bleibt als Mög­lich­keit auf mei­ner Li­ste.

Mein Arbeitsplatz nach dem Tod des letzten Standcomputers © Leopold Federmair

Mein Ar­beits­platz nach dem Tod des letz­ten Stand­com­pu­ters © Leo­pold Fe­der­mair

Bü­cher, die ich noch nicht ge­le­sen ha­be. Schie­re Un­end­lich­keit. Ich ha­be nicht vor, jetzt am En­de noch über die schwin­den­de Le­bens­zeit zu la­men­tie­ren, wie es ge­wis­se Re­zen­sen­ten in »an­ge­se­he­nen« Feuil­le­tons neu­er­dings tun, wenn sie über gar zu um­fang­rei­che Bü­cher schrei­ben müs­sen, die Ar­men – es hat sie doch nie­mand ge­zwun­gen, oder? –, et­wa über die fünf Bän­de im Schu­ber von Phil­ip Weiss, die ich »re­zen­siert« ha­be, wort­brü­chig, wie ich zu mei­ner Schan­de ge­ste­he. Ma­dame Bo­va­ry steht auf der Li­ste, Mit­te der acht­zi­ger Jah­re, nach Frank­reich über­sie­delt4, erst­mals ge­le­sen: durch Flau­bert bin ich mit der Spra­che ver­traut ge­wor­den, in­dem ich sein Buch ver­stand, des­sen In­halt ver­stand, oh­ne ihn zu ver­ste­hen (und lang­sam doch ver­stand). Flau­bert hat mich ge­formt, Sa­lam­bô mehr als Mme. Bo­va­ry, das kann ich wohl sa­gen. Jetzt formt mich kaum noch et­was, bin nicht mehr form­bar, j’ai per­du tou­te mal­léa­bi­li­té, al­so kann ich ru­hig wie­der­le­sen, auch wenn die Un­end­lich­keit dräut, und mich an un­sin­ni­gen Pro­jek­ten wie dem auf Da­vid Bo­wie fi­xier­ten ei­nes ge­wis­sen Eg­bert Ba­qué (al­lein der merk­wür­di­ge Na­me hat­te mich an­ge­zo­gen), die nie­mals Wirk­lich­keit wer­den, be­tei­li­gen.

Die Li­ste, die sich hier ein­schleicht, mei­ne Li­ste, ich bre­che sie ab. Ge­nug da­von; eh schon zu viel. Da­bei spü­re ich im­mer noch die­sel­be Be­gei­ste­rung für die ver­lo­re­ne Sa­che. Als ich in ei­nem Deutsch­kurs für Stu­den­ten der Tech­nik-Fa­kul­tät frag­te, ob je­mand Bü­cher le­se – die alt­be­währ­te Fra­ge nach dem Hob­by, das je­der mit sich führt wie ei­nen staats­bür­ger­li­chen Aus­weis –, ern­te­te ich er­staun­te Blicke: Wie kam ich bloß auf die­se Idee? Ich bohr­te nach: Und für die Vor­le­sun­gen und Se­mi­na­re lest ihr auch kei­ne Bü­cher? Sach­bü­cher viel­leicht? Nicht nö­tig, so die Ant­wort, die Do­zen­ten stel­len Ma­te­ri­al zu­sam­men, im üb­ri­gen gibt es das In­ter­net. »Du sagst, wir ha­ben In­ter­net. / Ich sa­ge, was ist das In­ter­net?« Zi­tat Bil­der­buch.

Neu ent­deck­tes Ver­gnü­gen, das Ab­bre­chen. Auch mein ei­ge­nes The­ma, die Re­de vom Aus­har­ren, vom Wi­der­stand ei­ner Min­der­heit in­ner­halb ei­ner Min­der­heit, bre­che ich ab: Es wur­de ge­nü­gend breit­ge­tre­ten. Mü­ßig, dar­auf zu be­har­ren. Spar dir die Lei­den­schaft für dei­ne ur­ei­ge­ne Sa­che!

© Leo­pold Fe­der­mair

→ Teil 8/8 folgt


  1. Diese Mitteilung verbanne ich in die Fußnote, weil die Fülle des Getanen, Gelesenen, Geschriebenen langsam ein bißchen angeberisch wirkt; andererseits gehört das halt alles zum Bericht, dessen Teile sich wechselseitig erhellen sollen: Kürzlich habe ich zwei Gedichte von Gelman für eine zweisprachige Anthologie spanischer und lateinamerikanischer Dichtung übersetzt, und vor einigen Jahren auch einen ganzen Gedichtband, der bisher – auf deutsch – nicht veröffentlicht ist. Von Gedichten bin ich umgeben, mehr als von Romanen, Erzählungen oder Essays. Mit den Gedichten lebe ich. Freilich, sie lassen mir auch keine Ruhe, treten nicht so zurück in ihre Schlafkammer wie, zum Beispiel, die ersten beiden Bände der Suche nach der verlorenen Zeit. Man liest öfter und genauer, es kommt zu Verschiebungen und Überlagerungen des Sinns. So daß wir beim Übersetzen manchmal zu zweifeln beginnen: Was steht hier: amo oder amor, zwei grundverschiedene Wörter, grundverschiedene Bedeutungen. Herr oder Liebe? Mit Susanne Lange, einer großartigen Übersetzerin, der wir u. a. den neuen deutschen Don Quijote verdanken, tausche ich mich jetzt gerade darüber aus. Übersetzen ist ein genaueres, eindringliches, schöpferisches Lesen. 

  2. Siehe oben, Anmerkung zu Gelman. 

  3. Ich weiß nicht, woher dieser wahre Satz ursprünglich stammt (Hinweise erbeten). Ich habe ihn in den siebziger oder achtziger Jahren in Österreich oft im Radio gehört und auch gelesen, ein Werbespruch unter zahllosen anderen, und gleichzeitig ein Satz, der etwas sagt, das heißt erhellt, auf einen Horizont hindeutet. 

  4. Eine Anekdote: Kurz nachdem ich mich entschlossen hatte, nach Frankreich zu gehen, erhielt ich eine positive Nachricht auf meine Anfrage an die Literaturabteilung des Österreichischen Rundfunks, Argentinierstraße 30a (mythische Adresse!), ob ich nicht Rezensionen für die Sendung "Ex Libris" schreiben dürfe. Volkmar Parschalk, dessen Stimme mir aus dem Radio vertraut war, hatte den Antwortbrief unterschrieben. Soeben mit meinem Studium fertig, hatte ich mir keine Hoffnungen gemacht. Einen Moment lang bedauerte ich meine Entscheidung für Frankreich, dann machte ich mich auf den Weg. Zur damaligen Zeit war es undenkbar, eine solche kulturjournalistische Tätigkeit für einen österreichischen Sender im Ausland auszuüben. Heute, mit dem Internet, kein Problem. Als ich einige Jahre später dann doch noch meine (gar nicht so kurze) literaturkritische Karriere begann, war einer der Gründe, das nebenher zu tun, daß ich an Bücher kam, für deren Anschaffung ich sonst kaum genug Geld gehabt hätte – und klauen, wie die wilden Detektive Bolaños, dazu war ich nicht imstande. Ich erarbeitete mir im buchstäblichen Sinn meine Bibliothek (die mir damals am Herzen lag – oder schon aufs Herz drückte?), etwa so, wie wenn man sich eine körperliche Arbeit durch Lebensmittel vergelten läßt. Bücher, meine Lebensmittel! Viele davon ohne Ablaufdatum. Besser nicht horten! 

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  1. Und ich hat­te mich schon ge­wun­dert, dass bis­her kei­ne Ly­rik vor­kam. Und ein gu­ter Schluss, gilt auch für mich, wes­halb ich mich kurz fas­sen will, trotz der vie­len An­re­gun­gen, die Ihr Text ent­facht hat.

    Und ich stel­le wie­der fest, dass es an mir (nur mir?) an Spra­che man­gelt, wenn ich die Be­deu­tung von Ly­rik für mich be­nen­nen soll­te; ich schwan­ke da auch. Hat mich die Ly­rik für das Le­sen dicker Ro­ma­ne ver­dor­ben? Ich ha­be tat­säch­lich Schwie­rig­kei­ten, dicke Ro­ma­ne über – sa­gen wir 500 Sei­ten – durch­zu­hal­ten. Bola­nos »Wil­de De­tek­ti­ve« ist da ei­ne Aus­nah­me; das war ein Ham­mer.

    Bei »Fla­schen­post« – so heisst auch mein Ge­trän­ke­lie­fe­rant – den­ke ich an Celans Re­de zum Bre­mer Li­te­ra­tur­preis, die für mich sehr wich­tig war, zu­sam­men mit der »Meridian«-Rede; noch im­mer wich­tig ist, weil ich dar­in wie­der­fin­de, was ly­ri­sches Spre­chen für mich aus­macht. So­zu­sa­gen: exi­sten­ti­el­le Ar­ti­stik. Das drückt sich ja auch in Pi­gli­as Ge­dicht ge­ra­de­zu ex­am­pla­risch aus; bei Ce­lan und sei­ner Vor­stel­lung vom Ge­dicht, das zu ei­nem An­de­ren, ei­nem (ab­we­sen­den, un­be­kann­ten) Du un­ter­wegs sei, von der Fla­schen­post, die an Herz­land ge­spült wer­de, kommt dann noch et­was Dia­lo­gi­sches, In­ti­mes hin­zu.

    Für mich sind dann auch Ge­dicht und Ge­bet eng be­nach­bart. Oder an­ders: Ly­ri­sches und my­sti­sches Spre­chen. Gut aus­ge­drückt in dem Ge­dicht von Les Mur­ray »Poe­try and Re­li­gi­on«. Vor ein paar Jah­ren be­gab ich mich, an­ge­regt durch die Lek­tü­re To­mas Tran­strö­mers, auf ei­ne Spu­ren­su­che in die­sem Grenz­ge­biet, die mir sehr er­gie­big zu wer­den schien. Was ich da­mit un­ge­fähr mei­ne: So wie My­sti­ker (Rumi, Jo­han­nes vom Kreuz) zum Ge­dicht ge­ra­ten, ge­ra­ten Ly­ri­ker – auch un­ter dem Vor­zei­chen ei­ner sä­ku­la­ren Mo­der­ne – in ei­ne my­sti­sche Di­men­si­on, wie be­wusst oder un­be­wusst auch im­mer. Das könn­te ich noch wei­ter­spin­nen, aber die Ge­dan­ken, die mir im Kopf rum­schwir­ren, sind noch un­aus­ge­go­ren, und ich woll­te mich ja kurz fas­sen.

    Bei mir ha­ben zu­letzt die Ge­dich­te von Chri­sti­an Saal­berg gro­ßen Ein­druck hin­ter­las­sen. »In der drit­ten Se­kun­de der Mor­gen­rö­te« – ganz klar: der Ly­rik­band des Jah­res 2020 (um mal so zu tun, als wür­de ich die lau­fen­de Pro­duk­ti­on ver­fol­gen). Und Gre­gor Keu­sch­nig hat mich jetzt neu­gie­rig auf die Ge­dich­te Fab­jan Haf­ners ge­macht.

  2. @ Klaus Amann/ thx for the lnx

    Beim Schrei­ben die­ser Pas­sa­ge hat­te ich das Lied von An­dré Hel­ler im Kopf, aber ich glau­be, die For­mel ist äl­ter, mög­li­cher­wei­se hat Hel­ler, bei dem sie ja et­was an­ders klingt, dar­auf zu­rück­ge­grif­fen. Im In­ter­net fin­det man die­se Post­kar­te, oder was es ist: https://www.pinterest.ie/pin/573364596289416010/

  3. Ach nein, dem ist doch nicht so. Der Spruch wur­de nach­träg­lich ein­ge­fügt, wie ich vor­hin über­le­sen ha­be.

  4. Ja, aber die Frau dort, ei­ne »Ge­braucht­buch­händ­le­rin«, sagt, sie ha­be den Spruch nach­träg­lich ein­ge­fügt. Wenn dem so ist, wo­her hat sie ihn? Von An­dré Hel­ler? Selbst er­fun­den?

  5. Ich bin die ge­nann­te »Ge­braucht­buch­händ­le­rin« und muß ge­ste­hen, dass ich nicht mehr ge­nau weiß, vo­her die­ser Spruch spannt. Viel­leicht von ei­nem al­ten Le­se­zei­chen? Er ist je­den­falls nicht auf »mei­nem Mist ge­wach­sen«. Ich fin­de ihn ein­fach nur gut und zu­tref­fend! LG Mar­ti­na Berg

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