Si­sy­phos auf dem Pla­teau ‑5/8-

Ein­blicke in die Aben­teu­er ei­nes be­frei­ten Le­sers

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Thomas Stangl in Wien, Altottakring, Café Ritter © Leopold Federmair

Tho­mas Stangl in Wien, Al­tot­ta­kring, Ca­fé Rit­ter © Leo­pold Fe­der­mair

Der Va­ter Do­ra Bru­ders, auch er in Ausch­witz er­mor­det, ist 1899 in Wien ge­bo­ren. Mo­dia­no si­chert auch sei­ne Spu­ren, we­ni­ge, viel war nicht her­aus­zu­brin­gen. Wahr­schein­lich hat­te er in der Leo­pold­stadt ge­lebt, dem Ju­den­vier­tel von Wien. So et­wa, durch­aus wirk­lich­keits­ge­recht, skiz­ziert Mo­dia­no den von der Do­nau, den Pra­ter­au­en und den Ge­lei­sen der Nord­bahn um­grenz­ten Be­zirk. Bei ei­nem Se­mi­nar mit dem Wie­ner Schrift­stel­ler Tho­mas Stangl ha­be ich des­sen Bü­cher, oder ei­ni­ge da­von, als »Do­nau­ro­ma­ne« be­zeich­net, der Aus­druck war mir beim Re­den ein­ge­fal­len. In Ih­re Mu­sik und in Was kommt ist ei­ne Woh­nung am Kar­me­li­ter­markt, der auch bei Mo­dia­no er­wähnt wird, der – ziem­lich stil­le – Mit­tel­punkt, das Kraft- und auch Schwä­che­zen­trum der Er­zäh­lun­gen. Ei­ne Ebe­ne der Hand­lung von Was kommt ist zeit­lich-hi­sto­risch ge­nau be­stimmt, 1937, die Prot­ago­ni­sten sind jun­ge Leu­te im Al­ter Do­ra Bru­ders, als sie im Win­ter 41/42 vom In­ter­nat oder von Zu­hau­se aus­reißt; ein jun­ges Lie­bes­paar bei Stangl, er Ju­de, sie nicht – ein Un­ter­schied, der an­fangs für sie gar kei­ne Rol­le spielt. Auch Stangls Er­zäh­lun­gen ent­fal­ten ei­ne Au­ra des Un­ge­sag­ten, doch ih­re Poe­tik ist der von Mo­dia­no fast trans­ver­sal ent­ge­gen­ge­setzt. Wäh­rend Mo­dia­no Raum läßt, die Sze­nen und Bil­der locker ne­ben­ein­an­der­setzt (wie Fri­do Lam­pe, der 1945 in Ber­lin er­schos­se­ne deut­sche Au­tor, den Mo­dia­no als »Freund, den ich nicht ken­nen­ler­nen durf­te«, in sein Buch auf­nimmt), schafft Stangl durch im­mer wei­ter ge­hen­de Dif­fe­ren­zie­rung der Aspek­te, Per­spek­ti­ven, Vor­stel­lun­gen und Ver­mu­tun­gen Er­zähl­ge­we­be oder –mo­sai­ke (oder bei­des: stoff­li­che Mi­ne­ral­struk­tu­ren, mi­ne­ra­li­sche Stoff­mu­ster) von äu­ßer­ster, schwer zu durch­drin­gen­der Dich­te, in wel­chen der Sinn, die Be­zie­hun­gen, die Iden­ti­tä­ten un­si­cher sind oder wer­den. Ein fran­zö­si­scher Au­tor, der ei­ne ähn­li­che Poe­tik ent­wickelt hat, ist Pierre Mi­chon: Ge­spen­ster, un­greif­ba­re Iden­ti­tä­ten, be­völ­kern sei­ne Bü­cher. Mo­dia­no steht, wenn man sich ei­ne wacke­li­ge Hän­ge­brücke vor­stel­len mag, am an­de­ren En­de, auf der an­de­ren Sei­te. In der Mit­te, über dem rei­ßen­den Fluß, das Ge­spenst. Die Au­toren nä­hern sich von ver­schie­de­nen Sei­ten, aber da ist ei­ne Ge­mein­sam­keit im Schöp­fe­ri­schen, das Nach­zeich­nen oder Er­zeu­gen, das nach­zeich­nen­de Er­zeu­gen und er­zeu­gen­de Nach­zeich­nen von un­si­che­ren Iden­ti­tä­ten. Si­chern oder ver­un­si­chern? Oder bei­des? Den Ab­sturz ris­kie­ren; ver­mei­den.

Brücke: als Me­ta­pher ab­ge­grif­fen, und doch. Das Ge­mein­sa­me, die Mit­te zwi­schen den En­den: Neu­gier für Men­schen, Sor­ge um sie; Ein­füh­lung und Zu­rück­hal­tung; Nä­he und Di­stanz. Die Brücken span­nen sich in uns selbst (im Au­tor, im Le­ser). Vor ei­ni­gen Jah­ren ist mir ein Be­griff zu­ge­flo­gen, Trans­ver­sa­li­tät, ich ha­be dar­aus den Roh­bau ei­ner trans­ver­sa­len Äs­the­tik ge­schaf­fen und hat­te da­bei das Auf­ein­an­der-Be­zie­hen von un­ter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Ele­men­ten im Au­ge, das sprach­li­che Hin und Her, auch Über­set­zen ge­nannt, zwi­schen Ufer und Ufer (ei­gent­lich ein Brücken­schla­gen und Her­über­ho­len, oder im Kahn trans­por­tie­ren), ein Kreu­zen von Spra­chen, über­ra­schen­de Be­geg­nung, viel­leicht nur ein An­strei­fen, flüch­ti­ges Be­rüh­ren von Wer­ken, Au­toren, von Or­ten auf dem Glo­bus, von Er­fah­run­gen und auch: von Zei­ten. Für die­se Hal­tung, die­sen Knäu­el von An­sät­zen und Aus­sich­ten ha­be ich den Be­griff usur­piert, ein un­voll­end­ba­res Bau­werk, wie ge­sagt, work in pro­gress: trans­ver­sa­le Äs­the­tik, im wei­te­ren Sinn, schrä­ge Wahr­neh­mungs­kun­de1. Da­bei hat­te ich zu­nächst Leu­te im Au­ge, Au­toren und Künst­ler, Fla­neu­re, Be­trach­ter, ak­tiv Wahr­neh­men­de, ob sie nun ein Werk schaf­fen oder nicht; Leu­te, die die Kul­tur­krei­se wech­seln, ver­bin­den, schnei­den, »hy­bri­di­sie­ren«, um ein Mo­de­wort zu ge­brau­chen, das lang­sam aus der Mo­de zu kom­men scheint. Die mei­sten Men­schen ma­chen heu­te sol­che Er­fah­run­gen, oft un­be­wußt oder pas­siv, je­der ist stän­dig Ein­flüs­sen, Rei­zen, Da­ten aus al­len Rich­tun­gen aus­ge­setzt und muß aus­wäh­len kreu­zen hy­bri­di­sie­ren, so­fern er die Aus­wahl, das Ar­ran­ge­ment etc. nicht ei­ner Ma­schi­ne (ei­nem »Al­go­rith­mus«) über­läßt, und das tun lei­der die mei­sten.

Trans­ver­sa­li­tät heißt, Quer­ver­bin­dun­gen zu zie­hen. Wil­lent­lich oder ge­zwun­ge­ner­ma­ßen, wo­bei der Zwang in sanft to­ta­li­tä­ren Ge­sell­schaf­ten na­tur­ge­mäß sanft ab­läuft. In letz­ter Zeit be­schleicht mich der Ver­dacht, das von mir usur­pier­te Be­griffs­bild mei­ne nichts we­sent­lich an­de­res als das, was Mil­li­ar­den des In­ter­nets un­ter »Sur­fen« ver­ste­hen. Das In­di­vi­du­um des di­gi­ta­len Zeit­al­ters ist eben ein sur­fen­des, un­greif­ba­res; als Men­ge sind sie al­le – wir ALLE – Ge­spen­ster, sind bloß »ir­gend­wer«, sind ALLE und NIEMAND, ha­ben sich (uns) selbst nicht im Griff und stre­ben das auch nicht an, und die klei­ne Min­der­heit der Au­toren, Künst­ler, Le­ser, ak­tiv Wahr­neh­men­den, Den­ken­den, kön­nen gar nichts an­de­res tun, als auf ih­re Art die­sen Sta­tus quo zu re­zi­pie­ren, wie­der­zu­ge­ben, zu be- und ver­ar­bei­ten. Mit dem Kon­zept – ein sol­ches ist es nach und nach ge­wor­den – der Trans­ver­sa­li­tät will und kann ich nichts an­de­res tun, als Auf­merk­sam­keit, Be­stän­dig­keit, Lang­sam­keit und alt­backe­nen Hu­ma­nis­mus ein­zu­for­dern in die­ser Surf­ge­sell­schaft, an der ich – nicht sel­ten mit Freu­de – teil­neh­me. Ent­au­to­ma­ti­sie­rung in die­sem glo­ba­len Au­to­ma­ten. Die Punk­te (Ele­men­te, Or­te, Wer­ke) sol­len eher nicht nach dem Zu­falls- und nicht aus­schließ­lich nach dem Ähn­lich­keits­prin­zip de­fi­lie­ren, viel­mehr sol­len sie durch je­wei­li­ge An­stren­gung ge­or­tet, aus­ge­wählt, fest­ge­hal­ten und ver­bun­den wer­den, so daß in der Trans­ver­sa­li­tät ei­ne, sei es auch ge­rin­ge, Dau­er ent­ste­hen kann. Ei­ne Gleich­zei­tig­keit des Un­gleich­zei­ti­gen. Ei­ne Struk­tur. Selbst­ge­schaf­fe­ne, frei­wil­li­ge, le­ben­di­ge Ord­nung.

Was Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler »In­ter­tex­tua­li­tät« nen­nen, funk­tio­niert auf ähn­li­che Wei­se. In und zwi­schen den Tex­ten ist ei­ne stän­di­ge Be­we­gung im Gang, ein Ein- und Aus­ge­hen frem­der Tex­te im ei­ge­nen Schreib­ge­biet, viel von die­sem Ver­kehr ist auch für ge­bil­de­te und ge­wis­sen­haf­te Le­ser nicht er­kenn­bar, von Al­go­rith­men nicht er­faß­bar, und man­ches dem Au­tor selbst un­be­wußt. Vie­les kann auch er­schlos­sen wer­den, aber der Ju­bel oder die Ar­ro­ganz, wo­mit manch ein For­scher Par­al­le­len aus­fin­dig macht, mu­tet den Au­tor, der weiß, daß er in je­dem Au­gen­blick in ei­nem Meer von Zi­ta­ten, Wie­der­ho­lun­gen, Va­ria­tio­nen zu schwim­men hat, selt­sam an. Und da­mit mei­ne ich nicht nur die »post­mo­der­nen« Au­toren. In Was kommt er­wähnt der Er­zäh­ler ein­mal Franz Grill­par­zer und des­sen Ge­schich­te vom ar­men Spiel­mann. Stangl bit­tet die­se selt­sa­me – quee­re – Fi­gur, die­sen al­ten Gei­ger, der, schenkt man Grill­par­zers Er­zäh­lung glau­ben, nach jahr­zehn­te­lan­gem Üben kei­nen wohl­klin­gen­den Ton her­vor­zu­brin­gen im­stan­de ist, in sei­nen Ro­man und stellt da­mit ei­ne Que(e)rverbindung her, tut ei­nen Griff tief in die Zeit, in die Li­te­ra­tur­ge­schich­te, ins 19. Jahr­hun­dert, als die Leo­pold­stadt häu­fig von Hoch­was­sern heim­ge­sucht wur­de. Die Re­gu­lie­rung der Do­nau, fast ei­ne Ver­drän­gung des viel­be­sun­ge­nen Stroms aus dem rea­len Stadt­bild, mag man ro­man­tisch be­dau­ern, sie hat das Le­ben in die­ser Ge­gend von Wien si­che­rer und hy­gie­ni­scher ge­macht. Stangl schil­dert ein sol­ches Hoch­was­ser, kein hi­sto­ri­sches zwar, son­dern ein sur­rea­les und su­pra­rea­les, wie es uns in Öster­reich und sonst­wo be­vor­ste­hen könn­te, mit ei­nem Was­ser­we­sen, das mir jetzt, im au­gen­blick­li­chen Kon­text, als mu­tier­ter Wie­der­gän­ger des al­ten Spiel­manns er­schei­nen will.

Den trans­ver­sa­len Schub die­ser Lek­tü­re auf­neh­mend, ha­be ich Grill­par­zers No­vel­le wie­der­ge­le­sen; in ei­nem Text aus mei­nem ei­ge­nen Schreib­ge­biet, ei­nem klei­nen Ro­man, der ur­sprüng­lich als kur­ze Er­zäh­lung ge­dacht war, ist ei­ne Fi­gur her­an­ge­wach­sen, die ich als Ver­wand­te des na­men­lo­sen Spiel­manns zu se­hen be­gann, was ich mög­li­cher­wei­se der Lek­tü­re von Was kommt zu ver­dan­ken ha­be, oder auch nicht, viel­leicht wä­ren die Din­ge oh­ne­hin so ge­kom­men, wie sie ge­kom­men sind. Die No­vel­le hat, das sei hier ne­ben­bei an­ge­merkt, ei­ne ein­zig­ar­ti­ge Stel­lung in Grill­par­zers Ge­samt­werk, das mir durch sei­nen spät­klas­si­zi­sti­schen Duk­tus eher ver­lei­det wor­den war, und in der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur je­ner Zeit (ob­wohl der ko­mi­sche Kauz ja re­gel­recht zum Ty­pus wur­de und mich Der ar­me Spiel­mann wäh­rend der Lek­tü­re doch hin und wie­der an Stif­ter den­ken läßt, zum Bei­spiel an Der Ha­ge­stolz, we­ni­ger an die wun­der­li­chen Ge­stal­ten bei Jean Paul oder E. T. A. Hoff­mann, so wit­zig wa­ren Stif­ter und Grill­par­zer nie). Der Spiel­mann hat gar nichts Ul­ki­ges, er ist ein un­schul­di­ges Op­fer sei­nes Schick­sals und der Bos­heit der Welt, ist bei al­ler Sanft­mut auch starr­sin­nig, was ihn mit Mel­vil­les Bart­le­by ver­bin­det, nur daß ihm nicht die ge­ring­ste cha­rak­ter­li­che Här­te an­haf­tet: Er ist ein äu­ßerst zar­tes We­sen, ein Pflänz­chen, das die ge­rin­ge En­er­gie, die ihm zur Ver­fü­gung steht, in sei­ne viel­leicht min­der­wer­ti­ge, von al­len ver­ach­te­te, auch vom Er­zäh­ler, der sich für die Fi­gur in­ter­es­siert, ge­ring­ge­schätz­te Kunst steckt.

Von Stangl hat­te ich frü­her, als ich noch Re­zen­sio­nen schrieb, ei­nen Ro­man be­spro­chen. Schon da­mals schien mir, daß die­ser Au­tor un­be­küm­mert um Mo­den und oh­ne ir­gend­wem ge­fal­len zu wol­len (auch nicht den Kri­ti­kern, die ihn über­wie­gend lob­ten), Schritt für Schritt sei­ne ei­ge­ne Poe­tik aus­bil­de­te. In Es­says be­zog er sich auf un­ter­grün­di­ge, sur­rea­li­sti­sche Tra­di­tio­nen, nann­te und be­sprach Au­toren wie Ray­mond Rous­sel, An­to­nin Artaud, Mi­chel Lei­ris, Mau­rice Blan­chot, Fe­lis­ber­to Hernán­dez, Pe­ter Weiss, Chris Mar­ker (den Fil­me­ma­cher), die um das Jahr 2000 nicht sehr im Schwan­ge wa­ren. Dann wur­de Stangl zu dem schon er­wähn­ten Li­te­ra­tur­se­mi­nar in Na­ga­no (No­za­wa On­sen) ein­ge­la­den, was ich zum An­laß nahm, al­le sei­ne Bü­cher zu le­sen. Ich ha­be es nicht be­reut, ver­spür­te aber mo­ment­wei­se den Wunsch, zu ein­fa­che­ren For­men zu­rück­zu­keh­ren; zu ei­ner Wahr­neh­mungs- und Schreib­wei­se, die nicht stän­dig an den ei­ge­nen Grund­la­gen zerrt und rüt­telt; ei­ner Li­te­ra­tur, die nicht auf Sprach- und Wahr­neh­mungsskep­sis, son­dern auf Sprach- und Wahr­neh­mungsver­trau­en fußt; ei­nen Blick, der nicht hin­ter­fragt, daß et­was das ist, was es in die­sem Au­gen­blick zu sein scheint, auch wenn er, der Blick bzw. das zu­ge­hö­ri­ge Ge­hirn, weiß, daß Schein und Sein auf Kon­ven­tio­nen be­ru­hen, die auch ganz an­ders sein könn­ten.

So ist es letz­ten En­des ein Hin und Her, Trans­ver­sa­li­tät als Hin und Her im Feld der Viel­falt, der Span­nun­gen, die man als Sub­jekt durch­quert. Klingt tau­to­lo­gisch, die­ser Satz, aber auch das soll sein, Tau­to­lo­gien, wo­mög­lich bil­den wir uns oh­ne­hin nur ein, ih­nen ent­ge­hen zu kön­nen. Voll­kom­men frei kann die Lek­tü­re nicht (mehr) sein, das Frei­heits­ge­fühl bei den er­sten Ent­deckun­gen – in mei­nem Fall: Tho­mas Bern­hard – bleibt un­wie­der­bring­lich zu­rück. Ein er­fah­re­ner, mit den Bü­chern alt ge­wor­de­ner Le­ser ist in der La­ge, tau­send Zu­sam­men­hän­ge her­zu­stel­len, er be­wegt sich in ei­nem äu­ßerst dich­ten Netz der Trans­ver­sa­li­tät, wird nie durch die Ma­schen fal­len, aber die­se Tat­sa­che re­du­ziert sei­ne Frei­heit, mit­un­ter wird er das Ge­fühl ha­ben, im Netz zu er­sticken – und doch gibt es im­mer wie­der Neu­es, und neue Sicht­wei­sen auf Al­tes, bei den Wie­der­lek­tü­ren kann man sich dar­an er­pro­ben. Die Fri­sche aber, die Tie­fe des Ein­drucks, die Präg­bar­keit ist in je­dem Fall auf der Strecke ge­blie­ben.

"Der Zauberberg" mit Lektürespuren © Leopold Federmair

»Der Zau­ber­berg« mit Lek­tü­re­spu­ren © Leo­pold Fe­der­mair

Als­dann, die Wie­der­lek­tü­ren. Über ei­nen ziem­lich lan­gen Zeit­raum hin­weg ha­be ich Tho­mas Mann wie­der­ge­le­sen, teils aus frei­en Stücken, teils in mei­ner Ei­gen­schaft als Uni­ver­si­täts­do­zent (zu der ich einst ge­kom­men bin wie die Jung­frau zum Kind), wo ich Stu­den­ten bei ih­ren For­schungs­ar­bei­ten, nen­nen wir’s mal so, zur Sei­te zu ste­hen ver­su­che. Den Zau­ber­berg ha­be ich wie­der­ge­le­sen, weil ich ihn mit Mu­sils Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten ver­glei­chen woll­te, auch schrift­lich, es­say­istisch, be­gleit­schrei­bend, oder bes­ser: hinter-(und manch­mal voraus?)-schreibend. Die­sen epo­cha­len Ro­man – epo­chal min­de­stens in zwei Be­deu­tun­gen – hat­te ich im Al­ter von et­wa drei­ßig Jah­ren das er­ste Mal ge­le­sen, und drei­ßig Jah­re spä­ter wa­ren mein Ein­druck und mein In­ter­es­se, mei­ne Teil- und An­teil­nah­me nicht son­der­lich ver­än­dert. Ich glau­be im­mer noch, daß Tho­mas Mann in die­sem Werk, auch wenn er viel­leicht zu sehr ty­pi­siert und sich als Schöp­fer von der in For­men zu gie­ßen­den, aus En­zy­klo­pä­dien und Stan­dard­wer­ken be­zo­ge­nen – heu­te wär’s Wi­ki­pe­dia – Wis­sens­fül­le ab­hän­gig macht, fun­da­men­ta­le Denk­mög­lich­kei­ten der eu­ro­päi­schen Neu­zeit li­te­ra­risch um­faßt und ge­stal­tet hat, und dies auf ei­ne Wei­se, die den Le­ser heu­te so be­rüh­ren kann wie vor hun­dert Jah­ren. Die­ses Buch ist die letz­te Va­ri­an­te je­ner dua­li­sti­schen Groß­kon­zep­te, die – hier mehr phi­lo­so­phisch, dort mehr li­te­ra­risch aus­ge­prägt2 – das 19. Jahr­hun­dert her­vor­ge­bracht hat und die die­ses Jahr­hun­dert präg­ten.

Bud­den­brooks wie­der­um ha­be ich früh ge­le­sen, in meh­re­ren An­läu­fen, nie zur Gän­ze, glau­be ich. Wo­mög­lich fand ich die sich in Va­ria­tio­nen wie­der­ho­len­den Fa­mi­li­en­ge­schich­ten, das wat­tier­te Ge­plau­der und Ge­tue, wo­mit sie er­zählt wer­den, auf die Dau­er lang­wei­lig. Bei der Wie­der­lek­tü­re letz­tes Jahr war ich er­staunt über die fri­sche Er­zähl­kraft, die den Sze­nen, Dia­lo­gen und De­tail­schil­de­run­gen ent­strömt: ein Mann mit Be­schrei­bungs­po­tenz, wahr­haf­tig! Wahr­schein­lich kann ein Au­tor nur sein er­stes gro­ßes Werk auf sol­che Art schrei­ben, wenn der jun­ge Schöp­fer stau­nend sich selbst und sei­ne un­end­li­chen Mög­lich­kei­ten ent­deckt. Auch Tho­mas Mann ver­moch­te die­se Schöp­fungs­en­er­gie nicht auf dem an­fäng­li­chen In­ten­si­täts­ni­veau hal­ten – was ihn nicht da­von ab­hielt, eif­rig wei­ter­zu­schrei­ben bis zu sei­nem Tod im Grei­sen­al­ter. Dok­tor Faustus, schon ein Spät­werk, war für mich aus meh­re­ren Grün­den von Be­deu­tung, als ich es mit 22 oder 23 Jah­ren las. Ei­ner­seits, weil sich mir die tra­gi­sche Welt­an­schau­ung über­haupt erst durch die­se Lek­tü­re zu er­schlie­ßen be­gann. Aber auch aus pri­va­ten Grün­den, un­ge­fähr so, wie Ri­car­do Pi­glia sei­nen er­sten Ro­man, Die Pest von Ca­mus, nur las, um ei­nem Mäd­chen zu im­po­nie­ren, in das er ver­liebt war. Dok­tor Faustus ge­hört zu den Bü­chern, die mich bei der Wie­der­lek­tü­re eher ent­täuscht ha­ben; viel­leicht hat­te ich es bei der Erst­lek­tü­re Jahr­zehn­te zu­vor auch zu hoch­ge­stellt, zu sehr ver­ehrt (wie die Frau, we­gen der ich es las). Tho­mas Mann hat sich nie ei­ner Theo­rie des Es­say­is­mus à la Mu­sil ver­schrie­ben, doch die­ser Ro­man ist voll­ge­pfropft mit ge­lehr­ten Ab­hand­lun­gen, die man oft et­was knap­per hät­te hal­ten kön­nen (ab­ge­se­hen da­von, daß Mu­sik­fach­leu­te an der Trif­tig­keit man­cher Aus­füh­run­gen zwei­feln). Tho­mas Mann zeich­net sein Al­ter-Ego, den La­tein­leh­rer Zeit­blom, mit iro­ni­scher Di­stanz, d. h. selbst­kri­tisch, als stets kor­rek­ten, ein we­nig pe­dan­ti­schen Ober­stu­di­en­rat, doch die­se Ei­gen­schaf­ten eig­nen halt doch auch dem Au­toren-Ich und prä­gen da­mit die Mach­art des Ro­mans. Der mit dem Teu­fel ver­bün­de­te, in mu­si­ka­li­schen Schöp­fun­gen ge­gen sei­ne Lei­den an­kämp­fen­den Le­ver­kühn ist der An­de­re, das zwei­te Al­ter-Ego, die poè­te mau­dit-Sei­te in Tho­mas Mann: das Schwu­le, Kran­ke und Ge­nia­le (ich weiß, lie­be Schwu­len­lob­by, daß »schwul« nicht gleich »krank« ist, und ich weiß auch, daß nicht al­le Schwu­le Ge­nies sind, und um­ge­kehrt!), im Ver­hält­nis der bei­den Freun­de aber doch mehr »Al­ter« als »Ego«. Tho­mas Mann, der Möch­te­gern-Ver­ru­fe­ne? Kein an­de­rer hat­te ei­nen so gu­ten Ruf wie er, so­gar in den USA, wo er zwei­mal den Staats­prä­si­den­ten tref­fen und so­gar im Wei­ßen Haus lo­gie­ren durf­te (die Tho­mas Mann-Bio­gra­phie von Her­mann Kurz­ke ha­be ich mir auch zu Ge­mü­te ge­führt). Liest man Bud­den­brooks und Dok­tor Faustus un­mit­tel­bar nach­ein­an­der, so wird der Ab­stand zwi­schen un­be­küm­mer­ter Freu­de an sprach­li­chem Aus­druck, an de­tail­lier­ter Be­schrei­bung ei­ner­seits und ge­lehr­ter Um­ständ­lich­keit an­de­rer­seits be­son­ders sinn­fäl­lig. Ge­schich­te ei­nes schrift­stel­le­ri­schen Ver­falls? So möch­te ich es nicht nen­nen, der Ver­lust wird ja auf­ge­wo­gen: der mit Brocken von Lu­ther­deutsch und al­ter­tüm­li­chen Gro­bia­nis­men jon­glie­ren­de Gott­sei­bei­uns, nur zum Bei­spiel, ist echt ge­lun­gen, wirk­lich wit­zig, im schön­sten Sinn un­zeit­ge­mäß.

© Leo­pold Fe­der­mair

→ Teil 6/8


  1. Es würde mir gefallen, hier eine Parallele – oder Transversale – zum englischen Wort und der entsprechenden Vorstellung von queer zu sehen, aber das ideologische Fundament, die akademische Strenge und die Kanalisierung des Blicks auf "Gender" sowie auf Homo-, Bi- und Transsexualität der sogenannten Queer Studies nimmt mir jede Lust auf diesen Vergleich. Das Wort scheint sich übrigens aus dem Deutschen (von "quer") in den englischen Sprachschatz geschwindelt zu haben: quer, abweichend, seltsam, ungewöhnlich 

  2. Kierkegaard war mehr Dichter als Denker; Hegel hatte, obwohl er drei Bände über Ästhetik verfaßte, wenig künstlerisches Gespür; Schopenhauer beherrschte die Kunst des Sätzebaus und der Darstellung, des Umgießens von altem Wein in neue Schläuche; Nietzsche lebte das Pathos, über das er schrieb, wollte ein Dichter sein und war es zuweilen. Entweder – oder, Ethik vs. Ästhetik, Wille vs. Vorstellung, Dionysos vs. Apoll, und über/in allem die Mechanik der Gegensätze in Natur und Erkenntnis bis zum Ende der Geschichte. 

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  1. Vie­len Dank für Ih­ren mä­an­dern­den Ge­dan­ken­strom, es ist mal wie­der ein gro­ßes Ver­gün­gen sich trei­bend las­sen sei­nen Ver­äste­lun­gen zu fol­gen.

    Die vie­len Echos, die er her­vor­ruft, wür­de ich am lieb­sten zu ei­nem Ant­wor­t­essay sy­ste­ma­ti­sie­ren, aber hier in der Kom­men­tar­spal­te ist ja viel Platz und die Fin­ger tip­pen hof­fent­lich schnell ge­nug, be­vor die Ge­dan­ken er­kühlt, er­lo­schen und ver­ges­sen.

    In der Haupt­sa­che ver­neh­me ich den Ver­such ei­ne Le­se­hal­tung zu skiz­zie­ren oder sich selbst ver­ge­wis­sernd im Es­say zu er­schrei­ben: ei­ner zu­neh­men­den Frei­heit vom be­trieb­li­chen Neu­ver­öf­fent­li­chungs­mahl­strom, von Zwän­gen ge­wis­se ho­no­rier­te Hoch­gip­fel er­klim­men und schät­zen zu müs­sen, ein ent­spann­tes durch die Welt­li­te­ra­tur Trei­ben, Zu­rück­keh­ren, Wie­der­ent­decken, Ver­wer­fen al­ter Le­se­ein­drücke.

    Ei­ne ähn­li­che Hal­tung ha­be ich an mir trotz mei­nem End­drei­ßigseins auch schon aus­ge­macht. Mei­ne fort­ge­schrit­te­ne Di­gi­ta­li­tis hat mich schon fast zum Nicht­le­ser wer­den las­sen, dass ich um so mehr die we­ni­gen Bü­cher, die ich le­se, mit Be­dacht wäh­len will und frei nach Lust und Nei­gung.

    Und jetzt ge­ra­de ver­spü­re ich gro­ße Lust ei­ni­ge der ei­ge­nen Le­se­sta­tio­nen für mich selbst zu be­leuch­ten:
    Wie ich Nietz­sches Za­rath­ru­stra in der Trans­sib las und wie mich die­ses auf der Lie­ge le­gen­de Le­sen in sei­ner Pla­ka­ti­vi­tät vom ei­ge­nen Le­sen ent­frem­de­te, als wä­re da ein Be­trach­ter, des­sen Blick mei­ne Po­se ent­larv­te. Wie sich Gi­des »Falsch­mün­zer« mehr­fach le­send in ei­ne als pa­pier­ne, künst­li­che Li­te­ra­ri­zi­tät, ei­ne voll­kom­me­ne und ela­bo­rier­te Ge­fühls­me­cha­nik wan­del­te, die mich nun kühl lie­ßen. Wie ich Na­bo­kovs »Ada« nach we­ni­gen Sei­ten halb an­ge­wi­dert bei­sei­te leg­te, ob der re­kur­si­ven Ver­schach­te­lung, mit de­ren Voll­zug der Le­ser sei­ner ei­ge­nen In­tel­li­genz schmei­chelt und sich der kun­di­gen Ge­mein­de zu­rech­net. Das stieß mich ab. Etc.

    Muss wie­der an Brochs »Ver­gil«, hof­fe ich bin der Li­te­ra­tur nicht schon so sehr ent­frem­det, dass die Brücke dort­hin schon ab­ge­bro­chen.

  2. Ich ge­ste­he, dass ich auch Pha­sen ha­be, in de­nen ich nichts mehr le­sen kann. Min­de­stens nichts so­ge­nann­tes Li­te­ra­ri­sches mehr. Und dann gibt es sol­che Tex­te wie den von Fe­der­mair, die mich wie­der ein biss­chen neu­gie­rig ma­chen.

    »hof­fe ich bin der Li­te­ra­tur nicht schon so sehr ent­frem­det, dass die Brücke dort­hin schon ab­ge­bro­chen.«

    Ja das hof­fe ich bis­wei­len auch. Bis­her hat es im­mer ge­klappt. Ich wün­sche es Ih­nen...

  3. Es gibt so et­was wie Le­ser­bio­gra­phien, in de­nen oft nicht oder nicht in er­ster Li­nie die In­hal­te der Bü­cher ge­spei­chert sind, son­dern be­stimm­te Far­ben, Tö­ne, Ge­füh­le, As­so­zia­tio­nen. Und Lek­tü­ren ver­bin­den sich oft mit be­stimm­ten Ab­schnit­ten des Le­bens, mit Mo­men­ten, be­son­ders auch mit Or­ten, weil man ja nicht von der er­sten bis zur letz­ten Sei­te im Buch ver­sun­ken ist, son­dern auf­schaut, sich be­wegt, zwi­schen­durch et­was an­de­res tut. Die­ses schi­zo­phre­ne Le­se­er­leb­nis in der Trans­si­bi­ri­schen, von dem Phor­kyas schreibt, fin­de ich in­ter­es­sant. Es er­in­nert mich an ei­ne Sze­ne in »An­na Ka­re­ni­na«, wo die Ti­tel­hel­din eben­falls im Zug liest, mit ei­ner klei­nen Lam­pe, die Er­hel­lung (und manch­mal Er­leuch­tung) des Le­sens. Ich glau­be, es ist nicht in der Trans­si­bi­ri­schen, son­dern auf der Strecke zwi­schen Mos­kau und St. Pe­ters­burg.
    Die­se Art des Er­in­nerns, wo sich Fik­ti­on, Wirk­lich­keit, Ge­füh­le mi­schen, scheint mir Bü­chern ei­gen­tüm­lich zu sein. Im Prin­zip gibt es das na­tür­lich auch bei an­de­ren Ak­ti­vi­tä­ten, Kon­zer­te z. B., oder Fil­me – al­ler­dings nicht in die­ser kom­ple­xen Dich­te. Ich er­in­ne­re ziem­lich ge­nau den Abend, als ich in ei­nem klei­nen, schlauch­för­mi­gen Ki­no in Rom mei­nen er­sten Pa­so­li­ni-Film ge­se­hen ha­be; und an mei­ne Rüh­rung nach »Le festin de Ba­bet­te« (nach Ka­ren Bli­xens Ro­man) in Pa­ris. Aber auch an mei­nen er­sten Ki­no­film über­haupt, mit ei­ner Be­kann­ten mei­nes Va­ters, als ich et­wa acht Jah­re alt war, zu jung für »Der letz­te Mo­hi­ka­ner« und ent­spre­chend ver­stört. Ich glau­be, ich hat­te vor­her – oder viel­leicht nach­her – »Le­der­strumpf« ge­le­sen, das Buch wur­de öf­ters ver­filmt.

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