An­mer­kun­gen zur trans­ver­sa­len Äs­the­tik

1. Bei spo­ra­di­schen Lek­tü­ren von aka­de­mi­schen Auf­sät­zen zur deutsch­spra­chi­gen Ge­gen­warts­li­te­ra­tur, be­son­ders zu sol­cher mit so­ge­nann­tem Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, ist mir auf­ge­fal­len, daß in den letz­ten Jah­ren die Vor­sil­be »trans-« an Häu­fig­keit ge­won­nen hat im Ver­hält­nis zur Vor­sil­be »in­ter-«, die sie manch­mal er­setzt. »Trans-« ver­weist auf Be­we­gung, auf Dy­na­mik; »in­ter-« auf ein Da­zwi­schen, auf Be­zie­hun­gen, die zwar nicht oh­ne Be­we­gung statt­fin­den, aber doch er­star­ren kön­nen, so daß sie zu Kon­stel­la­tio­nen wer­den. Es ist ei­ne Fra­ge des Ak­zents, der Auf­merk­sam­keits­rich­tung, der in den Blick ge­nom­me­nen As­pek­te. Ich selbst bin, oh­ne mich in mei­nem Tun und Las­sen stän­dig sprach­kri­tisch zu re­flek­tie­ren (und oh­ne aka­de­mi­sche Ab­sich­ten), auf den Be­griff der Trans­ver­sa­li­tät ge­kom­men, um be­stimm­ten Er­fah­run­gen des Schrei­bens, Le­sens und Le­bens Aus­druck zu ver­lei­hen. Es ist mög­lich, daß sich im mi­kro­struk­tu­rel­len Para­digmenwechsel et­was vom Zeit­geist spie­gelt; ja, daß es sich letzt­lich nur um termino­logische Mo­den han­delt. Nie­mand ist dar­über er­ha­ben, aber ei­ne Auf­ga­be des Schrift­stellers be­steht dar­in, ein Sen­so­ri­um für sol­che Vor­gän­ge zu ent­wickeln und zur Gel­tung zu brin­gen.

2. Es ist nicht Auf­ga­be des Schrift­stel­lers, Be­grif­fe zu de­fi­nie­ren, ge­gen­ein­an­der abzu­grenzen und Be­griffs­hier­ar­chi­en zu er­rich­ten. Auf der Hand liegt, daß in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts Au­toren und Wer­ke an Zahl und Be­deu­tung zu­ge­nom­men ha­ben, die auf un­ter­schied­li­che Wei­se mit Orts­wech­seln, Rei­sen, Er­fah­rung des Frem­den, Be­haup­tung des Ei­ge­nen in frem­der Um­ge­bung, Be­rüh­rung und Ver­mi­schung von Kul­tu­ren, In­fra­ge­stel­lung von Iden­ti­tä­ten usw. zu tun ha­ben. Es gibt da­bei frei­lich, wie bei an­de­ren Phä­no­me­nen, et­wa der tech­no­lo­gisch be­schleu­nig­ten Glo­ba­li­sie­rung, ei­ne lan­ge Vor­ge­schich­te. Un­ter Ger­ma­ni­sten war in der Zeit, als ich stu­dier­te, die Exil­li­te­ra­tur be­liebt. Sie wur­de durch­for­stet, ob aus­rei­chend oder nicht, sei da­hin­ge­stellt. Heu­te ha­ben sich die Blick­win­kel ge­än­dert, das deutsch­spra­chi­ge Exil ist in hi­sto­ri­sche Fer­ne ge­rückt, um­ge­kehrt sind Au­toren aus an­de­ren Welt­ge­gen­den in Er­schei­nung ge­tre­ten, die die hei­mi­sche Li­te­ra­tur­spra­che be­rei­chert ha­ben und be­rei­chern. Ber­tolt Brecht, Tho­mas Mann, Jo­seph Roth ha­ben die Spra­che nicht ge­wech­selt, aus meh­re­ren Grün­den, vor al­len Din­gen lag es nicht in ih­rer Ab­sicht, ein neu­es Ziel­pu­bli­kum an­zu­spre­chen, au­ßer­dem ist ein Sprach­wech­sel im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter auf­wän­dig, schwie­rig bis un­mög­lich. (Es gibt Bei­spie­le wie Ar­thur Koest­ler und Ste­fan Heym, für die das nicht gilt. Bei­de sind in re­la­tiv jun­gen Jah­ren emi­griert.)

Nach mei­nen Be­ob­ach­tun­gen und für mein Emp­fin­den ist das, was wir mit dem Wort »Mi­gran­ten­li­te­ra­tur« recht und schlecht be­nen­nen, dort am in­ter­es­san­te­sten, wo ein Sprach­wech­sel statt­ge­fun­den hat. Ein Sprach­wech­sel, der in den mei­sten Fäl­len ei­ne Kon­fron­ta­ti­on des Au­tors mit ei­ner neu­en Kul­tur be­deu­tet, der auch dann Spu­ren hin­ter­las­sen wird, wenn der Schrei­ben­de in sei­nen Wer­ken Er­fah­run­gen ver­ar­bei­tet, die vor die­sem Ein­schnitt lie­gen. Bei wei­tem nicht al­le Au­toren mit »Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund« rei­hen sich in die­se Ka­te­go­rie, und es wer­den in Zu­kunft viel­leicht we­ni­ger wer­den, je län­ger die von den Ein­hei­mi­schen ge­wünsch­ten und ge­for­der­ten In­te­gra­ti­ons­pro­zes­se an­dau­ern. Der Boom der Mi­gran­ten­li­te­ra­tur ist wo­mög­lich schon vor­bei. Wer sich in sei­ner Mut­ter­spra­che aus­drückt, tut dies zu­meist – oder bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad – auf na­tür­li­che Wei­se. Das­sel­be gilt nicht für je­man­den, der sich in ei­ner Fremd­spra­che aus­drückt, sei er nun Schrift­stel­ler oder nicht. Der Ge­brauch der Fremd­spra­che ist für ihn a prio­ri nicht selbst­ver­ständ­lich; mög­li­cher­wei­se ko­stet es ihn ei­ne grö­ße­re, ei­ne an­de­re An­stren­gung, das, was er sa­gen will (und was we­nig­stens bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad von der Spra­che un­ab­hän­gig ist), zu sa­gen. Er weiß, was es heißt, je­der­zeit Feh­ler ma­chen zu kön­nen, von der Norm ab­zu­wei­chen, Re­geln zu ver­let­zen – im Gu­ten wie im Schlech­ten. Frei­lich trifft ähn­li­ches auch auf den ein­hei­mi­schen Au­tor zu, der sich von der Spra­che, der Um­ge­bung, der Kul­tur, in der er auf na­tür­li­che Wei­se auf­ge­wach­sen ist, zu­nächst ein­mal di­stan­ziert, um – im Glücks­fall – ei­ne an­de­re Spra­che zu fin­den und zu er­fin­den, aber auch, um ei­nen Blick auf Ver­trau­tes wal­ten zu las­sen, der sich von über­lie­fer­ten, oft star­ren Wahr­neh­mungs­sy­ste­men ab­hebt. In ge­wis­ser Wei­se ist je­der Schrift­stel­ler, der die­se Be­zeich­nung ver­dient, exo­phon. Er schreibt, wie Proust ein­mal for­mu­lier­te, in ei­ner Fremd­spra­che und pro­du­ziert ei­nen »Ge­gen­sinn« (con­t­re­sens), ob­wohl er sich sei­ner an­ge­stamm­ten Spra­che be­dient. Aus dem­sel­ben Grund ver­brin­gen vie­le Au­toren ihr Le­ben als Au­ßen­sei­ter, im in­ne­ren Exil oder of­fe­ner Dis­si­denz (die nicht un­be­dingt po­li­tisch aus­ge­prägt sein muß). Daß sich ein­hei­mi­sche, mut­ter­sprach­li­che Au­toren zu den zuge­wanderten, so­zu­sa­gen frem­den Au­toren hin­ge­zo­gen füh­len – we­nig­stens auf mich trifft das zu, und ich wa­ge dies »ein biß­chen« zu ver­all­ge­mei­nern –, hat hier sei­ne tie­fe­ren Wur­zeln. Wir sind Kampf­ge­fähr­ten, Brü­der und Schwe­stern im Gei­ste, Mit­glie­der ei­ner fremd­sprach­li­chen Su­pra­in­ter­na­tio­na­le, ei­nes Zwi­schen­reichs über (oder un­ter) den Kul­tu­ren. Ich glau­be, daß vie­le Dich­ter – Ly­ri­ker, po­ets, poe­tas, poètes – ge­nau des­halb so gern und so gut an­de­re Dich­ter über­set­zen, de­ren Mut­ter­spra­che sie oft nicht gut be­herrschen. Was sie ken­nen wie ih­re We­sten­ta­sche, sind die Ober- und Un­ter­tö­ne der Dich­tung.

3. Auch Rei­se­li­te­ra­tur, die in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts ei­nen bemerkens­werten, vor al­lem auch qua­li­ta­ti­ven Auf­schwung er­leb­te (Chat­win, Noote­boom, Karl-Mar­kus Gauß, um nur drei Na­men zu nen­nen), ist in­ter­kul­tu­rel­le, oder bes­ser: trans­kulturelle Li­te­ra­tur. Sie weist nicht sel­ten Ei­gen­schaf­ten eth­no­lo­gi­scher Er­kun­dung auf, als da wä­ren: Stau­nen ge­gen­über dem Un­be­kann­ten, Be­schrei­bung des Frem­den im Ver­gleich zum Ver­trau­ten, teil­neh­men­de Be­ob­ach­tung, und zwar auf Zeit. Eth­no­gra­phen wie Hu­bert Fich­te, Mi­chel Lei­ris, Clau­de Lé­vi-Strauss wa­ren be­deu­ten­de Er­zäh­ler. In mei­nem Es­say Lob der Ent­frem­dung, ge­schrie­ben vor bald ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert in ei­nem Ho­tel­zim­mer un­weit der Ka­the­dra­le der Stadt Me­xi­ko, die aus dem Bau­stei­nen ei­nes az­te­ki­schen Tem­pels er­rich­tet wur­de – in die­sem Es­say ha­be ich zu er­läu­tern ver­sucht, in­wie­weit das Frem­de, das zu­nächst Un­ver­stan­de­ne, für die schöp­fe­ri­sche Ar­beit be­fruch­tend wir­ken kann, zu­gleich Aus­gangs­punkt und Ziel­punkt, den man er­reicht, nach­dem ein Pro­zeß des Ver­traut­wer­dens und der An­pas­sung pro­vi­so­risch ab­ge­schlos­sen ist. Ich ha­be die­se Er­fah­run­gen, die so oder ähn­lich je­der auf­merk­sa­me Rei­sen­de macht, mit li­te­ra­ri­schen Ver­frem­dungs­ver­fah­ren in Ver­bin­dung, vor al­lem mit der ab­wei­chen­den Wahr­neh­mung, die Vik­tor Šklovskij als Merk­mal des Äs­the­ti­schen be­nann­te, und mit dem Brecht­schen Ver­frem­dungs­ef­fekt, des­sen Ziel ja eben­falls dar­in be­steht, ein­ge­schlif­fe­ne Denk- und Wahr­neh­mungs­mu­ster auf­zu­bre­chen und da­durch neue Denk­pro­zes­se anzu­stoßen. Es ist viel­leicht kein Zu­fall, daß ei­ne deutsch-tür­ki­sche Au­torin, Emi­ne Sev­gi Öz­da­mar, die po­li­tisch-er­kennt­nis­be­zo­ge­ne Ver­frem­dung Brechts, den sie als Schauspiel­schülerin be­wun­der­te, und die Fremd­heits­er­fah­run­gen der Emi­gran­tin par­al­lel be­schrieb, wenn­gleich, wie mir scheint, oh­ne sich die­se Par­al­le­le be­wußt zu ma­chen.

Ich selbst bin kein Rei­se­schrift­stel­ler. Ich ha­be an ver­schie­de­nen Or­ten ge­lebt, je­weils für län­ge­re Zeit, ha­be mich zu den je­wei­li­gen Spra­chen und Li­te­ra­tu­ren hin­ge­zo­gen ge­fühlt, woll­te sie ge­nau ver­ste­hen und, viel­leicht, durch­drin­gen, was auf na­tür­li­che Wei­se da­zu führ­te, daß ich zu über­set­zen be­gann: ein ganz be­son­de­res »Trans-«, trans­la­tio, trans­lation, tra­duc­ción usw. Be­kannt­lich kann man das Wort »über­set­zen« auch auf der er­sten Sil­be be­to­nen, auf der Vor­sil­be, dann än­dert sich die Be­deu­tung ein we­nig, es ent­steht vor dem gei­sti­gen Au­ge das Bild ei­nes Flus­ses und ei­ner Brücke. Hin und her. Hin – aber auch wie­der zu­rück. Man bringt et­was und sich selbst in Be­we­gung (et­was, das heißt: Sinn). Man tauscht et­was aus und schafft ei­ne neue Form und merkt ir­gend­wann, daß auf Gren­zen der Ge­mein­sam­keit stößt. Das Schau­keln, die Pen­del­be­we­gung, das ist auch je­ne Be­we­gung, die Mi­chel de Mon­tai­gne nach dem Vor­bild des Rei­tens für sein es­say­isti­sches Schrei­ben be­an­spruch­te. Und in mei­nem Ro­man Er­in­ne­rung an das, was wir nicht wa­ren ge­langt der Er­zäh­ler, der ich bin, am En­de zu dem Wunsch, das Hin und Her zwi­schen den Wel­ten mö­ge an­dau­ern. Es sind, in die­sem Ro­man, zwei so weit von­ein­an­der ent­fern­te, dia­go­nal zu­ein­an­der po­si­tio­nier­te, trans­ver­sal zu ver­bin­den­de Or­te wie Argen­tinien, die eu­ro­pä­isch ge­präg­te, aber eben auch ab­ge­le­ge­ne, sich selbst über­las­se­ne, von der Vor­ge­schich­te (vor Ko­lum­bus!) im­mer noch be­rühr­te Ge­gend am Río de la Pla­ta, den ich sei­ner­zeit gern schau­kelnd über­quer­te, ei­ne Art Bin­nen-Hin-und-Her voll­zie­hend, und Ja­pan, wo ich an­fangs gar nichts Ver­trau­tes ent­decken konn­te und auch mit dem Rüst­zeug des Ver­glei­chens – Ge­mein­sam­kei­ten und Un­ter­schie­de – nicht wei­ter­kam. Der Ti­tel die­ses Ro­mans war lan­ge Zeit, wäh­rend ich dar­an ar­bei­te­te, Ana­lo­gia en­t­is, in An­spie­lung auf ei­ne Al­te abend­län­disch-christ­li­che Idee, die, wie ich im­mer noch glau­be, für je­des Spre­chen, be­son­ders aber für das me­ta­pho­ri­sche und poe­ti­sche, kon­sti­tu­tiv ist. Wir kön­nen, wenn wir et­was – Sinn! – ver­ste­hen und uns dar­über aus­tau­schen wol­len, dies nur tun, in­dem wir uns selbst er­wei­tern, aber auch wie­der zu uns zu­rück­keh­ren, selbst wenn wir uns in der Zwi­schen­zeit ver­än­dert ha­ben. Das Sub­jekt, wir oder ich, im Sin­gu­lar oder im Plu­ral, ist der Ein­zel­ne, es sind sei­ne Leu­te, es ist sei­ne Spra­che, es sind die Men­schen an­ge­sichts der Na­tur, der be­droh­li­chen wie der Schö­nen.

4. In je­nen Län­dern ha­be ich die Spra­chen im Lauf der Zeit mehr oder we­ni­ger gut zu ver­ste­hen und zu spre­chen ge­lernt. In Ja­pan bin ich je­doch auf ei­ne Bar­rie­re ge­sto­ßen, die Bar­rie­re ei­ner Schrift, die in kur­zer Zeit un­mög­lich zu er­ler­nen ist, was aber Voraus­setzung ge­we­sen wä­re, mei­ner Sehn­sucht nach­zu­ge­hen und, zum Bei­spiel, Yu­kio Mishi­ma im Ori­gi­nal zu le­sen, wie ich einst Flau­bert im Ori­gi­nal ge­le­sen hat­te, ob­wohl mein Fran­zö­sisch noch sehr be­schei­den war. Erst spä­ter ha­be ich be­grif­fen, daß ich noch auf ei­ne zwei­te Bar­rie­re ge­sto­ßen war, ei­ne Bar­rie­re in mir selbst, die durch das fortge­schrittene Al­ter be­dingt war, da die Lern- und Er­wei­te­rungs­fä­hig­keit un­wei­ger­lich ab­nimmt, und zwar frü­her, als die mei­sten, da sie kei­ne neu­en Her­aus­for­de­run­gen mehr an­neh­men, sich träu­men las­sen. Ich weiß mir zu hel­fen,je me déb­rouil­le, aber be­frie­di­gend ist mei­ne La­ge nicht. Ich ha­be ei­ne Er­fah­rung des Schei­terns ge­macht, die in­so­fern we­sent­lich ist, als sie das ra­di­ka­le Schei­tern des Le­bens al­ler In­di­vi­du­en vor­weg­nimmt. Hät­te ich län­ge­re Zeit, als ich es tat, in Frank­reich oder Ita­li­en ge­lebt, wer weiß, viel­leicht hät­te ich die Her­aus­for­de­rung an­ge­nom­men und in der an­de­ren Spra­che zu schrei­ben be­gon­nen – wie einst Juan Ro­dol­fo Wil­cock, der vom Spa­ni­schen ins Ita­lie­ni­sche wech­sel­te, oder in heu­ti­ger Zeit An­ne We­ber vom Deut­schen ins Fran­zö­si­sche (üb­ri­gens bei­de auch eif­ri­ge Über­set­zer). Von mei­nen schrei­ben­den Freun­den in Deutsch­land, die re­la­tiv spät die Li­te­ra­tur­spra­che ge­wech­selt ha­ben, weiß ich, daß sie sich mit dem münd­li­chen Aus­druck im Deut­schen auch nach Jahr­zehn­ten noch pla­gen. Die­se Mü­he und das wa­che Be­wußt­sein der Fehl­bar­keit, die man in der »na­tür­li­chen« Mut­ter­spra­che ver­drängt, wirkt auf ihr Schrei­ben und kann – muß aber nicht – sti­li­sti­sche Ei­gen­hei­ten her­vor­brin­gen, con­t­re­sens und cont­re­for­me, die die deut­sche Li­te­ra­tur­spra­che in spe­zi­fi­scher Wei­se be­rei­chern. Sa­mu­el Beckett ist ei­ner der Vor­läu­fer der trans­lin­gua­len, exo­pho­nen Li­te­ra­tur, wo­bei die­ser Wech­sel in sei­nem Fall auf ei­ner völ­lig frei­en Ent­scheidung be­ruh­te; nichts zwang ihn da­zu, sich der fran­zö­si­schen Li­te­ra­tur­spra­che ein­zu­glie­dern, nicht ein­mal die Aus­sicht auf ein zahl­rei­che­res Pu­bli­kum, das im eng­li­schen Sprach­raum na­tür­lich grö­ßer ist. Der von Beckett be­wun­der­te Joy­ce ver­brach­te eben­falls ei­nen Groß­teil sei­nes Le­bens im Aus­land (von Ir­land aus be­trach­tet). Er hat nie in ei­ner an­de­ren Spra­che als der ei­ge­nen ge­schrie­ben – und gleich­zei­tig hat er in al­len Spra­chen ge­schrie­ben, hat äu­ßerst he­te­ro­ge­nes Sprach- und Denk­ma­te­ri­al zu­sam­men­ge­klit­tert. Bei nicht-exo­pho­nen, aber po­ly­glot­ten Au­toren wie ihm muß man im­mer da­mit rech­nen, daß sich hin­ter der Erst­spra­che ei­ne Zweit- und Dritt­spra­che ver­birgt, die zu­wei­len in den Vor­der­grund drängt. Trotz­dem schrieb Joy­ce nicht über sei­ne Be­ob­ach­tun­gen in der Frem­de, die er ja eben­falls mach­te; nein, er schöpf­te aus der Welt sei­ner Kind­heit und Ju­gend, die ihn stär­ker präg­te als al­les, was spä­ter kam. Ich den­ke, es ist dies ein mensch­li­ches, so­zu­sa­gen an­thro­po­lo­gi­sches At­tri­but, daß wir die frü­hen Er­fah­run­gen in der Re­gel nicht aus­lö­schen kön­nen, son­dern daß sie in al­lem durch­schei­nen, was wir spä­ter tun und be­haup­ten. Auch dann, wenn wir uns rück­halt­los mit dem An­de­ren aus­ein­an­der­set­zen. »Dir selbst kannst du nicht ent­flie­hen«, lau­tet ein Satz von Mon­tai­gnes Zeit­ge­nos­sen Ju­stus Lip­si­us.

Was vie­le deutsch­stäm­mi­ge Le­ser an den Er­zäh­lun­gen zu­ge­wan­der­ter Au­toren an­zieht, ist eben die­ses Frem­de, das den Au­toren selbst zu­meist recht ver­traut ist, al­so die vie­len merk­wür­di­gen Ge­schich­ten, die sie in den deut­schen Sprach­kon­text ein­brin­gen. Ob die­ses Le­se­ver­hal­ten ei­nem Be­dürf­nis nach Exo­tis­mus ge­schul­det ist oder nicht – trans­kul­tu­rel­le Au­toren wie Me­lin­da Nadj Abon­ji oder Ni­no Ha­ra­ta­schwi­li tun nichts an­de­res als seiner­zeit Joy­ce, sie tra­gen dien Er­fah­rungs­stoff der Welt ih­rer Kind­heit ab und spie­len da­mit, sie ver­frem­den, über­trei­ben, er­fin­den, aber in je­dem Fall zeh­ren sie schrei­bend von dem, was sie frü­her, fern von ih­rem ge­gen­wär­ti­gen Kon­text, wa­ren. Mitt­ler­wei­se kann man hier und da auch schon Le­ser- und Kri­ti­ker­stim­men hö­ren, die von den ewi­gen Migrantenge­schichten ge­nug ha­ben. Auch die­se Äu­ße­run­gen schei­nen mir nicht ganz un­be­rech­tigt zu sein. Es wä­re ei­ne ar­ge Ver­kür­zung, ei­ne gan­ze (oder auch nur hal­be) Li­te­ra­tur­land­schaft auf ei­ne be­stimm­te Kon­stel­la­ti­on des Li­te­ra­ri­schen fest­zu­le­gen. Der Markt, der unweiger­lich Main­streams för­dert, neigt da­zu. Die trans­kul­tu­rel­len Au­toren selbst las­sen sich nicht so gern fest­le­gen, sie wol­len in ih­rer je ei­ge­nen Wen­dig­keit ak­zep­tiert wer­den. Un­se­re le­bens­ge­schicht­li­chen Prä­gun­gen sind nur ei­ne Sei­te der Me­dail­le, die man »Iden­ti­tät« nennt.

5. Trans­ver­sa­le Be­zie­hun­gen und Be­zie­hungs­ge­flech­te ver­bin­den Or­te in ei­ner Bio­gra­phie und auf dem Erd­ball, die auf den er­sten Blick we­nig oder nichts mit­ein­an­der zu tun ha­ben. »Mo­ti­viert« – das Wort kann hier nur un­ter An­füh­rungs­zei­chen ste­hen – sind sie durch Will­kür, Zu­fall, Lau­nen (wie je­ne Yo­ko Ta­wa­das, die ei­nes Ta­ges in Si­bi­ri­en, aus Ja­pan kom­mend, den Zug Rich­tung Deutsch­land nahm), durch die Lust des Han­delns an sich. Sie ver­fol­gen kei­ne Sy­ste­ma­tik, aber wenn sich Mu­ster bil­den, kann es sein, daß der Re­gis­seur, der das Ich zu sein strebt, sie ver­stärkt oder ab­än­dert. Trans­ver­sa­li­tät grenzt sich ab vom All­ge­mei­nen, das heu­te oft als Glo­ba­li­tät er­scheint, de­ren Ten­denz es ist, über­all die­sel­ben Re­geln und For­men durch­zu­set­zen, wo­hin­ge­gen Trans­ver­sa­li­tät die Un­ter­schie­de be­stehen läß oder über­haupt erst ans Licht bringt und das Ir­re­du­zi­ble, das in der gro­ßen Ana­lo­gie nicht auf­ge­hen kann, be­nennt. Trans­ver­sa­li­tät ist dem Kon­zept der Hy­bri­di­tät als an­ge­streb­ter Ver­mi­schung ver­wandt, er­schöpft sich aber nicht dar­in, da sie das Ge­schie­de­ne viel­fach als sol­ches be­wah­ren will. Das trans­ver­sa­le Ich bleibt in vie­len Si­tua­tio­nen auf – neu­gie­ri­ger oder auch kri­ti­scher – Di­stanz, es ak­zep­tiert das Neben­einander, ach­tet das He­te­ro­ge­ne, be­treibt be­hut­sa­me An­nä­he­rung, die nicht auf Verei­nigung ab­zie­len muß. Hy­bri­di­tät kann zu ei­ner Art Gleich­ma­che­rei wer­den. Die »kos­mische Ras­se«, die der me­xi­ka­ni­sche Phi­lo­soph Jo­sé Vascon­ce­los vor hun­dert Jah­ren be­schwor und die bei der jun­gen rus­sisch-deut­schen Au­torin Kat Kauf­mann un­ter dem Na­men »Ge­samt­ras­se« auf­taucht: Ich weiß nicht recht... Die Trans­ver­sa­li­tät, die ich be­schwö­re – und nicht nur be­schwö­re, son­dern ver­wirk­li­che –, fließt in Ge­fil­den ab­seits von je­der Art von Main­stream. Sie be­treibt Ab­wei­chung, im­mer aufs neue. Das trans­versale Ich ist nie dort, wo man es er­war­tet. Al­go­rith­men, die­se Pro­duk­ti­ons­ma­schi­nen des »Man«, kön­nen es nie­mals aus­rech­nen.

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Drei Nach­be­mer­kun­gen:

1. Die­ses Jahr (2017) wird zum letz­ten Mal der nach dem er­sten exo­pho­nen Dich­ter deut­scher Zun­ge be­nann­te Cha­mis­so-Preis ver­ge­ben. Wenn es zu­trifft, daß Li­te­ra­tur mit so­ge­nann­tem Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund heu­te selbst­ver­ständ­lich ist, wie die of­fi­zi­el­le Er­klä­rung da­zu lau­tet, der Sprach- und Kul­tur­wech­sel so­zu­sa­gen nichts Be­son­de­res mehr, dann hat der Preis, der die zu­ge­wan­der­ten Au­toren dan­kens­wer­ter Wei­se ge­för­dert hat, tat­säch­lich sei­ne Schul­dig­keit ge­tan. Sei­ne Ein­stel­lung wä­re ein In­diz da­für, daß der Boom der Mi­gran­ten­li­te­ra­tur vor­über ist.

2. Ei­ne Zeit­lang wirk­te der Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund im Li­te­ra­tur­be­trieb und in den Mas­sen­me­di­en, da­mit aber auch bei vie­len Le­sern, als Bo­nus. Au­toren wie Te­re­zi­ja Mo­ra oder Sher­ko Fa­tah ha­ben sich mehr­fach da­hin­ge­hend ge­äu­ßert, sie woll­ten we­gen der Qua­li­tät ih­rer Wer­ke an­er­kannt wer­den, nicht we­gen ih­rer Her­kunft. Wie wä­re es, wenn auch das pro­fes­sio­nel­le Um­feld der Schrei­ben­den sich von neu­em auf das ei­gent­lich Äs­the­ti­sche be­sän­ne? Zu wel­chem Ab­wei­chung, Ver­frem­dung, In­no­va­ti­on we­sent­lich ge­hö­ren...

3. Als ich vor ei­ni­gen Jah­ren beim Bach­mann-Li­te­ra­tur­wett­be­werb las, wur­de von ei­ner Ju­ro­rin in dank­ba­rem Ton­fall fest­ge­stellt, end­lich kön­ne man ein­mal ei­ne in­ter­kul­tu­rel­le Au­torin – Ol­ga Mar­ty­n­o­va – aus­zeich­nen. Ihr En­thu­si­as­mus ging an den Rea­li­tä­ten vor­bei, denn im Jahr zu­vor war mit Ma­ja Ha­der­lap eben­falls ei­ne Au­torin ge­kürt wor­den, die ih­re Ge­dich­te in ei­ner sla­wi­schen Spra­che, ih­re Pro­sa auf deutsch schreibt, wenn auch nicht als Zu­ge­wan­der­te, son­dern von Ge­burt an in ei­ner eth­nisch ge­misch­ten Rand­zo­ne des deutsch­spra­chi­gen Ge­biets le­bend. Im Jahr da­nach war es die aus der Ukrai­ne stam­men­de Kat­ja Pe­trow­ska­ja, aber schon 1991 hat­te Sev­gi Öz­da­mar den Preis er­hal­ten. An­ge­sichts sol­cher Be­triebs­blind­heit kann man es nur gut­hei­ßen, wenn der Migranten­bonus ge­stri­chen wird.

© Leo­pold Fe­der­mair