18.01 Uhr

Um 18.01 Uhr (Kor­rek­tur: sie­he PS un­ten) er­klär­te Tho­mas Op­per­mann, der bis­he­ri­ge Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de der SPD, dass sei­ne Par­tei nach der Pro­gno­se von knapp 20% nicht mehr an ei­ner Neu­auf­la­ge der so­ge­nann­ten Gro­ßen Ko­ali­ti­on in­ter­es­siert sei und von nun an als Op­po­si­ti­ons­kraft agie­ren wer­de.

Na­tür­lich war dies kei­ne spon­ta­ne Ein­las­sung son­dern wohl be­dacht. Die Par­tei­spit­zen er­hal­ten im Lau­fe des Wahl­ta­ges im­mer wie­der Pro­gno­sen. Sie sind um 18.00 Uhr nicht so über­rascht wie die­je­ni­gen, die für sie den Wahl­kampf or­ga­ni­siert ha­ben. Die Schmerz­gren­ze der SPD war nun er­reicht. Jetzt heißt es: Op­po­si­ti­on.

Wie das aus­sieht be­kam man in der so­ge­nann­ten Ele­fan­ten­run­de um 20.15 Uhr zu se­hen. Mar­tin Schulz war jetzt end­lich im Wahl­kampf­mo­dus an­ge­kom­men. Scha­de, dass die­ser jetzt vor­bei war. Zur gro­ßen Über­ra­schung der an­we­sen­den FDP- und Grü­nen-Re­prä­sen­tan­ten mein­te er, sie be­kä­men bei Mer­kel al­les durch. Da ent­glitt auch der Bun­des­kanz­le­rin für ei­ne kur­ze Zeit das Ge­sicht.

Chri­sti­an Lind­ners Vol­te, dass sich die SPD aus ei­ner staats­po­li­ti­schen Ver­ant­wor­tung steh­le, wenn sie nicht ein­mal in Be­tracht zie­hen wür­de, in Ver­hand­lun­gen ein­zu­tre­ten, saß. Zu­mal Schulz ge­sagt hat­te, »Ja­mai­ka« sei ei­ne Ko­ali­ti­on des Still­stands. Lind­ners Ein­wand, wenn er dies mei­ne, dann müs­se er und sei­ne SPD es doch ge­ra­de bes­ser ma­chen, re­sul­tier­te na­tür­lich nicht aus Al­tru­is­mus dem Land ge­gen­über. Er woll­te da­mit den Druck ab­wen­den, der nun auf sei­ner Par­tei la­stet. Uni­on, FDP und Grü­ne sind zur Ko­ali­ti­on ver­dammt. An­de­re Kon­stel­la­tio­nen sind po­li­tisch nicht mög­lich – so­lan­ge sich die SPD ver­wei­gert.

Der Gip­fel war al­ler­dings Mer­kels State­ment zu Be­ginn der Run­de. Sie sei nicht ent­täuscht. Und das, ob­wohl sie rund 20% der Zweit­stim­men, 2,5 Mil­lio­nen Wäh­ler, ver­lo­ren hat­te. Nein, Frau Mer­kel ist nicht ent­täuscht. Nicht aus­zu­den­ken, was die Me­di­en aus ei­ner sol­chen Aus­sa­ge von Mar­tin Schulz ge­macht hät­ten.

Auch jetzt zeigt sich, dass die ver­öf­fent­lich­te Mei­nung zu Mer­kel mit der öf­fent­li­chen Mei­nung nur noch schwer in Über­ein­stim­mung zu brin­gen ist. Vor der Wahl galt sie ver­schie­dent­lich ja schon als die neue Füh­re­rin der west­li­chen West. Nur scha­de, dass das vie­le Men­schen nicht so be­son­ders in­ter­es­siert. Und jetzt, nach der Wahl, wird sie als Kon­stan­te in der als stür­misch apo­stro­phier­ten Um­bruchs­zeit an­ge­se­hen. Wo­mög­lich stimmt das so­gar.

Der wei­te­re Ver­lauf der »Ber­li­ner Run­de« und die an­schlie­ßen­de »An­ne Will«-Sendung of­fen­bar­ten dann den neu­en Fo­kus der po­li­ti­schen Be­richt­erstat­tung. Es ging fast nur noch um die AfD. Be­ein­druckend wie Ma­nue­la Schwe­sig von der SPD den frei­wil­li­gen Gang der SPD in die Op­po­si­ti­on fast als Staats­rä­son ver­kauf­te: Schließ­lich sol­le nicht die AfD als dritt­stärk­ste Kraft Op­po­si­ti­ons­füh­rer spie­len dür­fen. Jour­na­li­sten und Po­li­ti­ker ver­ste­hen die­sen Win­kel­zug ge­wiss, könn­ten ihn als stra­te­gi­sches Stück fei­ern. Aber wie­der ein­mal bleibt der Wäh­ler auf der Strecke.

Die Me­di­en sind der Ge­win­ner der Wahl. Zum ei­nen kön­nen sie sich präch­tig über ihr neu­es Lieb­lings­spiel­zeug »Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on« aus­las­sen. Und zum an­de­ren ha­ben sie ja noch die 13%-Partei AfD. Über sie kann man sich – bei je­dem Stöck­chen, was ei­nem vor­ge­legt wird – wun­der­bar em­pö­ren und gleich­zei­tig pro­fi­lie­ren. Selbst­kri­tik fin­det da­bei nicht statt. Am En­de bleibt nur die Hoff­nung der Selbst­zer­flei­schung der Par­tei.

Kaum vor­stell­bar, dass An­ge­la Mer­kel die­se Le­gis­la­tur durch­hält. Sie wird die Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on noch auf den Weg brin­gen und ver­mut­lich noch an­dert­halb oder zwei Jah­re be­glei­ten. Es wird wie schon in der so­ge­nann­ten Gro­ßen Ko­ali­ti­on wei­ter­ver­wal­tet wer­den. Bis da­hin muss die Uni­on ei­nen Kron­prinz oder ei­ne Kron­prin­zes­sin auf­ge­baut ha­ben. Aber nicht nur die SPD ist seit ei­ni­ger Zeit per­so­nell und auch in­halt­lich aus­ge­brannt. Die 13% Ab­stand zwi­schen Uni­on und SPD ver­decken der­zeit noch die struk­tu­rel­len Kri­sen in CDU und auch CSU.

In ein paar Jah­ren wer­den wir mit Weh­mut auf die Mer­kel-Jah­re mit der SPD zu­rück­blicken.

PS: In ei­nem FAZ-Ar­ti­kel steht, Op­per­mann ha­be das um 18.09 Uhr ge­sagt. So sei es denn. Aber es war »ge­fühlt« 18.01 Uhr.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die SPD, die Grü­nen und die FDP gel­ten hier als ent­behr­lich. Das The­men­spek­trum der SPD wird glaub­wür­di­ger durch die CDU auf der ei­nen und die Lin­ken auf der an­de­ren Sei­te ver­tre­ten. Die For­de­run­gen der Grü­nen und der FDP wer­den als spin­ner­te Ideen von Leu­ten be­trach­tet, de­nen es pri­vat gut geht.
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    Das Er­geb­nis der Wahl war bei uns ab­seh­bar. Vie­le Men­schen ha­ben das Ge­fühl, dass die im Zu­sa­men­hang mit den Flücht­lin­gen auf­ge­tre­te­nen Pro­ble­me von den eta­blier­ten Par­tei­en nicht ge­löst bzw. noch nicht ein­mal ernst ge­nom­men wur­den. Wenn ei­ner Po­li­zi­stin ins Ge­sicht ge­spuckt wird bzw. sie bei ei­nem Ein­satz in ei­nem Flücht­lings­heim To­des­angst hat, wenn ei­ne Woh­nungs­ver­mitt­le­rin ab­ge­lehnt wird, weil sie ei­ne Frau ist und in ih­rem Bü­ro jetzt im­mer männ­li­cher Wach­schutz sit­zen muss, wenn ei­ne Frau ver­ge­wal­tigt wird, wenn die Ge­rüch­te über ak­zep­tier­te Dieb­stäh­le in ei­nem Su­per­markt von der Kas­sie­re­rin be­stä­tigt wer­den, al­les oh­ne Kon­se­quen­zen für den Auf­ent­halts­sta­tus der De­lin­quen­ten (al­le vier Frau­en in mei­nem Ver­wand­ten- bzw. Be­kann­ten­kreis), dann wird die Wahl ei­ner Par­tei ver­ständ­lich, die be­haup­tet, die­se Pro­ble­me lö­sen zu kön­nen – ob­wohl sie das nicht wird.
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    In mei­nem Bun­des­land gin­ge nur ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on aus CDU und AfD un­ter Füh­rung der CDU, in mei­nem Hei­mat­ort so­gar nur un­ter Füh­rung der AfD. Das Schlimm­ste, was jetzt pas­sie­ren kann, ist, wenn sich die Ja­mai­ka­ner nicht ei­ni­gen kön­nen, Lind­ner war ja ge­stern Abend ei­ne ge­wis­se Be­klem­mung an­zu­mer­ken, denn bei Neu­wah­len wür­de die AfD noch­mals zu­le­gen und CDU und SPD wei­ter ver­lie­ren.
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    Die AfD ist kein zeit­wei­li­ges Phä­no­men. Die Wort­wahl ihr ge­gen­über er­in­nert bis in die Ne­ben­sät­ze an die ge­gen­über den Lin­ken vor 10 bis 20 Jah­ren. Die Lin­ken exi­stie­ren wei­ter, weil be­stimm­te so­zi­al­po­li­ti­sche Pro­ble­me von kei­nem an­de­ren the­ma­ti­siert wer­den. Die AfD wird so­lan­ge ner­ven, so­lan­ge Pro­ble­me der In­te­gra­ti­on, zu der auch der Zwang zum Deutsch ler­nen, zur Ak­zep­tanz von Frau­en und not­wen­di­ger­wei­se auch Ab­schie­bun­gen ge­hö­ren, nicht ge­löst wer­den.

  2. Es bleibt ab­zu­war­ten, ob sich die AfD nicht sel­ber zu sehr in Flü­gel­kämp­fe ver­strickt und prak­tisch ab­sor­biert wird. Dann gibt es ei­ni­ge Über­trit­te bzw. Auf­ga­ben und es bleibt nur ein Ge­rip­pe.

    Ent­ge­gen der gän­gi­gen Mei­nung bin ich si­cher, dass nicht das An­spre­chen der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik son­dern das Ver­schwei­gen ele­men­ta­rer Fra­gen zum Auf­stieg der AfD ge­führt hat. So ist mir bis heu­te un­klar, wer Asyl­su­chen­der ist und wer prak­tisch dau­er­haf­ten Auf­ent­halt be­kom­men soll. Dass man den Leu­ten Sprach­kur­se an­bie­tet, spricht da­für, dass sie blei­ben sol­len und dann Mi­gran­ten sind. Da­für spricht dann auch die De­bat­te um Fa­mi­li­en­zu­zug. Das wird al­les oh­ne De­bat­ten ent­schie­den. So ent­steht ei­ne amor­phe Un­si­cher­heit. Da spielt dann so­gar das Per­so­nal kei­ne Rol­le mehr.