August-September 2021
In den Spitalsbetten neben mir Greise ohne Lebenswillen, mit hinfälligem Körper, der für jede kleinste Verrichtung auf Assistenz angewiesen ist, selbstständig können sie nichts mehr tun, auch wenn noch ein Funken Wille da sein sollte. Ist es ihnen recht, daß sie noch eine Zeitlang im Leben gehalten werden, wollen sie das wirklich? Wo sie das Essen und das Wenige, was sie verdauen, nicht mehr behalten können, sich anscheißen (in die Windel, selbst können sie sich nicht säubern) und ankotzen (selbst können sie sich nicht säubern). Die Hilflosigkeit, in viel geringerem Ausmaß, erlebe ich jetzt an mir selbst, mit guten Aussichten auf Wiederherstellung.
Unter den Fingernägeln der Schmutz der Pfütze, in der ich saß, und das getrocknete schwärzlich-rötliche Blut, das damals, vorgestern, aus meiner Wunde an der Stirn tropfte.
Einer der Greise nimmt den Schmerz vorweg, er stößt im voraus, sobald sich die Pflegerinnen nähern, die kleinen Schreie aus, wahrscheinlich spürt er den Körperschmerz tatsächlich vor jeder Bewegung. Phantasie oder Physiologie, es kommt aufs selbe hinaus. Er brüllt nicht, sondern teilt behutsam-routiniert seine Gefühle mit, indem er das längst eingeübte Liedchen vom Schmerz zum Besten gibt. Er weiß genau, wie die Krankenschwestern, die ihn im Bett anheben und umdrehen, reagieren werden: Sie finden ihn süß wie einen hübschen kleinen Jungen. Dieses Singspiel wiederholt sich jeden Tag mehrmals: itai-itai – kawaiine – itaitai – kawaiiii . . . Der Greis genießt es wie ein junger Geck, er wird wieder zum verwöhnten Knaben auf der Schwelle zum Mannesalter, der immer aufs neue die Kunst der Verführung entdeckt. Und trotzdem leidet er Schmerzen, sie werden ihn nie mehr verlassen.
Zwei Tage ohne Bücher und zum Nichtstun, zum reglosen Liegen verurteilt – eine schreckliche Zeit, auch wenn ich kaum imstande gewesen wäre, zu lesen. Wenigstens die Bücher neben mir zu wissen, den Blick auf irgendeine Seite geheftet, wäre mir ein Trost gewesen.


