No­ra Bos­song: Auch mor­gen

Nora Bossong: Auch morgen

No­ra Bos­song:
Auch mor­gen

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Bos­song reist zu Pro­zes­sen von (po­ten­ti­el­len) Kriegs­ver­bre­chern, be­fin­det sich bei Freun­den in Ita­li­en oder dem Iran, be­sucht Ge­denk­fei­er­lich­kei­ten in Ru­an­da, spürt den Gelb­we­sten­pro­te­sten in Pa­ris nach, be­fragt Non­nen in drei Frau­en­klo­stern, um Re­si­du­en des Abend­lands fest­zu­hal­ten und möch­te er­fah­ren, was die Men­schen im Braun­koh­le­ge­biet der Lau­sitz den­ken.

Und ja, ei­ni­ge we­ni­ge Auf­sät­ze in die­sem Band wir­ken ein biss­chen wie Pro­jekt­be­rich­te, die man nach ei­nem Sti­pen­di­um zu ver­fas­sen hat. Man liest – und ver­gisst sie. Aber es gibt eben auch sehr star­ke Auf­sät­ze und Es­says (es ist die Mehr­heit). Man er­kennt sie dar­an, dass die Au­torin an ei­ner Be­ant­wor­tung der auf­ge­wor­fe­nen Frage(n) tat­säch­lich in­ter­es­siert ist, weil sie sich mit den be­kann­ten Ana­ly­se­mu­stern eben doch nicht zu­frie­den gibt. Denn ir­gend­wann taucht das Wört­chen »den­noch« auf (oder auch »trotz­dem«). Denn nichts ist ein­deu­tig, auch das zu­nächst Vor­der­grün­di­ge nicht. War­um ge­hen zum Bei­spiel Frau­en heut­zu­ta­ge in ein Klo­ster? Ih­re Rei­se und die et­was hek­tisch an­ein­an­der ge­reih­ten Ge­sprächs­sen­ten­zen mit den Non­nen ge­ben ei­ne ver­blüf­fen­de Ant­wort, die zwar eben­falls nicht ab­so­lut zu set­zen ist, aber in die­ser Form für mich neu war.

Den voll­stän­di­gen Bei­trag »Plä­doy­er für Prag­ma­tis­mus« hier bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mir scheint, das Plä­doy­er wur­de oh­ne viel Über­zeu­gung vor­ge­tra­gen. Der Prag­ma­tis­mus wird für ver­nünf­tig er­ach­tet, aber recht viel ver­spricht sich die Bos­song da­von of­fen­bar nicht. Klar, Uto­pien und Re­li­gio­nen sind über­le­gen in Sa­chen blin­der Op­ti­mis­mus, weil ja dort ge­wal­ti­ge En­er­gien zwi­schen den Po­la­ri­tä­ten um­ge­schla­gen wer­den, und die Hoff­nun­gen am Ran­de zer­stö­re­ri­scher Vi­sio­nen ge­dei­hen. Na­tür­lich ist der Kli­ma­wan­del be­stens ge­eig­net für den Wein­an­bau an den Hän­gen der Welt­un­ter­gangs-Vul­ka­ne.
    Die Li­te­ra­tur sitzt end­gül­tig in der Klem­me. Vor­al­lem die Poe­sie, ihr nacki­ger klei­ner Put­to! Die Po­li­tik hat die Schwind­sucht, die Re­li­gi­on ver­trock­net, und die Zeit rast. An den In­sti­tu­tio­nen hält man fest, klar. Aber das eben noch strah­lend­jun­ge tau­send­jäh­ri­ge Eu­ro­päi­sche Reich hat auch schon ein paar Fält­chen ge­kriegt. Al­les geht so schnell. Kei­ne zwan­zig Jah­re, und Ge­schich­te än­dert sich. Al­so nicht, dass sich die Ver­gan­gen­heit än­dern wür­de, aber ir­gend­wie so­gar das...

  2. Na­ja, Prag­ma­tis­mus ist das har­te Brett, das nie­mand ab­ho­beln möch­te. Er ver­langt Zeit. Der per­ma­nen­te Hin­weis, dass man die nicht ha­be, schränkt – schein­bar – sei­ne Mög­lich­kei­ten ein.

    Die Poe­sie als Put­to. Schö­nes Bild. Ein biss­chen zy­nisch, aber es hat was.

    Li­te­ra­tur wird Ni­sche wer­den. So­lan­ge die Sub­ven­tio­nen noch lau­fen.

  3. Ver­ständ­nis­fra­ge, Sie schrei­ben: Ein­zig dem »li­te­ra­ri­schen Den­ken« kon­ze­diert Bos­song die Mög­lich­keit (...) zur Über­win­dung des Prag­ma­tis­mus. – Sehr sper­rig, die For­mu­lie­rung. – Po­li­tisch ist ei­ne Über­win­dung des Prag­ma­tis­mus im­mer falsch. Da­hin­ter steckt of­fen­bar der Wunsch, ei­nem Zwangs­re­gime zu ent­ge­hen, das wir ge­sell­schaft­li­che An­pas­sung nen­nen, um nicht han­deln zu müs­sen son­dern schrei­ben zu kön­nen. Ins Kri­ti­sche ge­wen­det: sind der Wahr­hei­ten und Letz­tur­tei­le wirk­lich der­ma­ßen vie­le (Ko­lo­nia­lis­mus, Glo­ba­li­sie­rung, Men­schen­rech­te), dass die ge­neig­te Au­torin die Er­laub­nis zur An­fer­ti­gung ei­nes Kunst­werks nur noch nach har­ten Ver­hand­lun­gen mit dem Über-Ich li­zen­siert kriegt?! Dann wür­de ich sie be­dau­ern...

  4. Prag­ma­tis­mus fällt ja nicht vom Him­mel, son­dern ist ei­ne Ab­wä­gung. Li­te­ra­tur muß nicht ab­wä­gen; so in­ter­pre­tie­re ich die For­mu­lie­rung. Im Buch steht: »Doch das li­te­ra­ri­sche Den­ken hat ge­ra­de die Kraft, das, was auf der pla­nen Flä­che der Wirk­lich­keit ge­schieht, zu über­stei­gen und zu durch­drin­gen. Sie kann Uto­pien schaf­fen, ja, al­ler­dings ist mein Wunsch da­nach vor­sich­ti­ger ge­wor­den.«

    Der letz­te Satz ist ent­schei­dend. Denn wem ist ak­tu­ell am En­de mit Uto­pien ge­hol­fen? Und lan­de­ten nicht die mei­sten po­li­ti­schen Uto­pien am En­de ganz ir­gend­wo an­ders? Den­noch kön­nen sie als Aus­gangs­punkt nütz­lich sein.

    Di­rekt wei­ter steht dort: »Sie [die Li­te­ra­tur] hat vor al­lem die Kraft, uns ins Herz zu se­hen eben­so wie dort­hin, wo al­les, was wir mit dem Her­zen ver­bin­den, auf­hört, in die Ab­grün­de und auf die Ver­stei­ne­run­gen un­se­rer Ge­füh­le wie un­se­res Den­kens.« Das ist na­tür­lich Idea­lis­mus pur. Aber dies zu schrei­ben und gleich­zei­tig zu wis­sen, dass die Welt dann doch ganz an­ders funk­tio­niert – das nen­ne ich Prag­ma­tis­mus.

    Li­te­ra­tur schafft nach die­ser Sicht ei­ne Art Uto­pi­en­ge­bil­de, von dem dann berg­bau­ar­tig der All­tag ab­ge­tra­gen wer­den muss. Es ist wohl der ver­zwei­fel­te Ver­such, ei­ner wo­mög­lich an­son­sten eher als nutz­los emp­fun­de­nen Li­te­ra­tur ei­ne Be­deu­tung zu ge­ben. Nicht um­sonst kommt in dem Text über den spä­te­ren Papst der Ter­mi­nus des Tro­stes zur Spra­che, dem Li­te­ra­tur auch »die­nen« könn­te.

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