Aus ei­nem Kran­ken­haus­ta­ge­buch

Au­gust-Sep­tem­ber 2021

In den Spi­tals­bet­ten ne­ben mir Grei­se oh­ne Le­bens­wil­len, mit hin­fäl­li­gem Kör­per, der für je­de klein­ste Ver­rich­tung auf As­si­stenz an­ge­wie­sen ist, selbst­stän­dig kön­nen sie nichts mehr tun, auch wenn noch ein Fun­ken Wil­le da sein soll­te. Ist es ih­nen recht, daß sie noch ei­ne Zeit­lang im Le­ben ge­hal­ten wer­den, wol­len sie das wirk­lich? Wo sie das Es­sen und das We­ni­ge, was sie ver­dau­en, nicht mehr be­hal­ten kön­nen, sich an­schei­ßen (in die Win­del, selbst kön­nen sie sich nicht säu­bern) und an­kot­zen (selbst kön­nen sie sich nicht säu­bern). Die Hilf­lo­sig­keit, in viel ge­rin­ge­rem Aus­maß, er­le­be ich jetzt an mir selbst, mit gu­ten Aus­sich­ten auf Wie­der­her­stel­lung.

Un­ter den Fin­ger­nä­geln der Schmutz der Pfüt­ze, in der ich saß, und das ge­trock­ne­te schwärz­lich-röt­li­che Blut, das da­mals, vor­ge­stern, aus mei­ner Wun­de an der Stirn tropf­te.

Ei­ner der Grei­se nimmt den Schmerz vor­weg, er stößt im vor­aus, so­bald sich die Pfle­ge­rin­nen nä­hern, die klei­nen Schreie aus, wahr­schein­lich spürt er den Kör­per­schmerz tat­säch­lich vor je­der Be­we­gung. Phan­ta­sie oder Phy­sio­lo­gie, es kommt aufs sel­be hin­aus. Er brüllt nicht, son­dern teilt be­hut­sam-rou­ti­niert sei­ne Ge­füh­le mit, in­dem er das längst ein­ge­üb­te Lied­chen vom Schmerz zum Be­sten gibt. Er weiß ge­nau, wie die Kran­ken­schwe­stern, die ihn im Bett an­he­ben und um­dre­hen, re­agie­ren wer­den: Sie fin­den ihn süß wie ei­nen hüb­schen klei­nen Jun­gen. Die­ses Sing­spiel wie­der­holt sich je­den Tag mehr­mals: itai-itaika­wai­i­neitai­taika­waiiii . . . Der Greis ge­nießt es wie ein jun­ger Geck, er wird wie­der zum ver­wöhn­ten Kna­ben auf der Schwel­le zum Man­nes­al­ter, der im­mer aufs neue die Kunst der Ver­füh­rung ent­deckt. Und trotz­dem lei­det er Schmer­zen, sie wer­den ihn nie mehr ver­las­sen.

Zwei Ta­ge oh­ne Bü­cher und zum Nichts­tun, zum reg­lo­sen Lie­gen ver­ur­teilt – ei­ne schreck­li­che Zeit, auch wenn ich kaum im­stan­de ge­we­sen wä­re, zu le­sen. We­nig­stens die Bü­cher ne­ben mir zu wis­sen, den Blick auf ir­gend­ei­ne Sei­te ge­hef­tet, wä­re mir ein Trost ge­we­sen.

Ich soll ein Ge­dächt­nis­pro­to­koll an­fer­ti­gen, für die Ver­si­che­rung oder ei­ne even­tu­el­le Ge­richts­ver­hand­lung, in ja­pa­ni­scher Spra­che kann ich das nicht (mit Com­pu­ter wä­re es mög­lich, recht und schlecht), al­so ma­che ich es auf eng­lisch. Am En­de wer­den sie auch das von ei­nem so­ge­nann­ten Pro­fi ins Ja­pa­ni­sche über­set­zen las­sen. Die stän­di­ge pin­ge­li­ge Über­set­ze­rei führt da­zu, daß hier au­ßer den paar Pro­fis kein Mensch ei­ne Fremd­spra­che kann. Das ist der ei­gent­li­che Grund des Zu­stands, den man seit dem gleich­na­mi­gen Film »Lost in trans­la­ti­on« nennt.

On Sunday, Au­gust 15, me and my daugh­ter went to the shop­ping cen­ter Fu­ji Grand with the in­ten­ti­on to watch a film and have din­ner. As usu­al we went the­re by bicy­cle. When we ar­ri­ved at the un­der­bridge of the mo­tor­way cal­led »by­pass”, ne­ar the shop­ping cen­ter, the­re was a car dri­ving very slow­ly co­m­ing from the right. Ap­par­ent­ly, the dri­ver didn’t know the way, gui­ded by his GPS. He sud­den­ly tur­ned to his right en­te­ring the un­der­way wi­thout si­gna­ling. I en­te­red the un­der­bridge be­hind that car, a litt­le ner­vous be­cau­se of the driver’s be­ha­vi­or. At that time, on a rai­ny and still clou­ded day, it was around se­ven o’clock P. M. and al­most dark, the ground co­ve­r­ed with pudd­les. When I ca­me to the exit of the tun­nel, ri­ding very slow­ly (not being ab­le to stop com­ple­te­ly be­cau­se of the wa­ter on the ground), I loo­ked at the mir­ror in front of me on the si­de­walk, a litt­le far from the exit of the tun­nel, but I could see no car co­m­ing from eit­her si­de. So I went on, en­te­ring the cross­road, and at the sa­me mo­ment I crashed against a dark co­lo­red car which had its head­lights tur­ned off. I fell to the ground and was not ab­le to stand up, fee­ling pains and bloo­ding from a wound at my fo­rehead. Me­an­while the car had stop­ped and two per­sons, ma­le and fe­ma­le, who­se faces I could not di­stin­guish clear­ly be­cau­se of the darkness, we­re ap­proa­ching. Al­so, my daugh­ter who had be­en cy­cling be­hind me ar­ri­ved. I think it is the dri­ver or co-dri­ver who cal­led the am­bu­lan­ce. Du­ring the time till it ar­ri­ved I was con­scious, sit­ting on the ground. My daugh­ter sta­tio­ned her own bicy­cle, and mi­ne was car­ri­ed off the road. Af­ter a while, the am­bu­lan­ce ar­ri­ved. It was clear that I could not walk by myself and I was car­ri­ed to the ve­hi­cle.

Mei­ne Sack­gas­se. Die ver­geb­li­chen, teils un­be­wuß­ten, mehr oder we­ni­ger wil­den Be­frei­ungs­ver­su­che dar­aus. Ver­su­che, die mich nur im­mer tie­fer in die Gas­se hin­ein­trie­ben, mich im­mer aus­sichts­lo­ser fest­stecken lie­ßen.

  • An ei­nem Ge­wit­ter­tag mit dem Fahr­rad ge­gen ei­ne Bar­rie­re aus blu­men­ge­krön­tem Be­ton ge­fah­ren.
  • Die al­ten Sehn­süch­te wei­ter­ver­folgt, ob­wohl die Er­fül­lungs­aus­sich­ten auf we­ni­ger als Null ge­sun­ken sind. Mi­nus eins. Mi­nus zehn. Ei­si­ge Tem­pe­ra­tu­ren bei som­mer­li­cher Feucht­hit­ze.
  • An ei­nem dü­ste­ren Re­gen­abend mit dem Fahr­rad aus dem Tun­nel her­aus ge­gen ein dü­ste­res Au­to ge­fah­ren. Von we­gen »Am En­de des Tun­nels ist ein Licht«.

Es ge­nügt mir, die drei Zim­mer­nach­barn, die al­le we­nig­stens zehn, fünf­zehn Jah­re äl­ter sind als ich, zu hö­ren. Ich muß sie nicht se­hen, will sie nicht se­hen. Aus ih­ren Ge­räu­schen, dem Stöh­nen, Win­seln, Jau­len, Schnar­chen, aus den we­ni­gen Wör­tern, die sie den Kran­ken­schwe­stern ge­gen­über von sich ge­ben, vor al­lem aus dem Ton­fall die­ser Sät­ze, aus ih­ren ver­hal­te­nen Pro­te­sten und über­trie­be­nen Höf­lich­keit kann ich auf ih­re Per­sön­lich­keit, ih­ren Cha­rak­ter, ihr Aus­se­hen, ih­re gan­ze Ge­schich­te, den Grad ih­rer Hin­ter­häl­tig­keit schlie­ßen. Wenn ich das Zim­mer ver­las­se, ver­mei­de ich es, sie an­zu­se­hen. Mehr als das, was ich über sie weiß, kann mir ein rea­li­täts­be­ding­tes Seh­bild nicht über sie sa­gen. Ich will nicht, daß das Bild, das ich mir kon­stru­iert ha­be, zer­stört wird. Als mir ein­mal doch ein Blick auf ei­nen von ih­nen ent­kommt, se­he ich durch den Spalt im hell­ro­sa Vor­hang ei­nen To­ten­schä­del mit ge­schlos­se­nen Li­dern, ein­ge­fal­le­nen Wan­gen, ein­ge­fal­le­nem Mund. Wahr­schein­lich at­met er schwach, der vor­weg­ge­nom­me­ne To­ten­schä­del, den ich nicht se­hen woll­te.

Un­er­träg­li­cher Ge­dan­ke, daß ich selbst ein­mal in die­sem rui­nö­sen Zu­stand sein wer­de, wo mir an­de­re ei­ne Win­del an­le­gen und fort­neh­men, was ich zu­las­sen muß, hilf­los wie ich bin, mit Schmer­zen bei der klein­sten Be­we­gung. Wie soll ich das durch­ste­hen? Bis zum En­de, das ich längst her­bei­seh­ne.

Die­se klei­ne, stäm­mi­ge Frau mit dem flä­chi­gen, stets un­ge­rühr­ten Ge­sicht und den flin­ken Äug­lein, die­ses Schränk­chen auf un­er­müd­li­chen, in im­mer­glei­chem Rhyth­mus rol­len­den, mehr rol­len­den als stamp­fen­den Bein­chen, hat je­der­zeit den ge­sam­ten fünf­ten Stock im Blick und auch im Griff, wenn sie hier und dort und noch an­ders­wo hin­bringt, was ge­ra­de fehlt, je­de Lücke so­fort er­fas­send. Sie ist die Wie­der­ge­burt der Volks­schü­le­rin, ei­nem sehr klei­nen, aber kräf­ti­gen Mäd­chen, klei­ner als al­le Schul­ka­me­ra­den, das vom er­sten bis zum letz­ten Schul­tag klag­los in die Schu­le lief, die drei oder vier Ki­lo­me­ter hin­ter sich brach­te, Stoff auf­sog und Auf­ga­ben er­le­dig­te, bald auch Tisch­ten­nis­bäl­le zu­rück­schlug, von de­nen kei­ner an ihr vor­bei­kam, dann nach Hau­se roll­te, drei oder vier Ki­lo­me­ter, und – Wie­der­ho­lung des Im­mer­glei­chen. Wie­der­ge­burt? Oder hat sie sich zehn­mal schnel­ler als al­le an­de­ren, die jetzt viel­leicht ei­ne Uni­ver­si­tät oder Fach­schu­le be­su­chen oder in ei­nem Ge­schäft zu job­ben be­gon­nen ha­ben, zur Frau ent­wickelt, im­mer schon schnel­ler, auch in der Ent­wick­lung? Ich glau­be, sie wird jetzt auf die­ser Stu­fe blei­ben. Viel­leicht stirbt sie nie.

Frü­her glich die Frau ei­nem Tisch­ten­nis­ball. Jetzt, här­ter ge­wor­den, ver­gleicht man das Gan­ze mit ihr.

Ad Pé­ter Ná­das: Wenn man der­art reich mit münd­li­chen und schrift­li­chen Er­zäh­lun­gen aus der Groß­fa­mi­lie be­schenkt wor­den ist, und zwar über die Ge­nera­tio­nen hin­weg, und wenn oben­drein ei­ni­ge Fa­mi­li­en­mit­glie­der in der Öf­fent­lich­keit wirk­ten, so daß vie­le ih­rer Ak­ti­vi­tä­ten von an­de­ren do­ku­men­tiert wur­den, Par­la­ments­re­den zum Bei­spiel, hat man, wenn man Schrift­stel­ler wird, fast die Pflicht, dar­an wei­ter­zu­schrei­ben und et­was dar­aus zu ma­chen, ei­nen gro­ßen Text. Ich stel­le mir das als Chan­ce, aber auch als nie­der­drücken­de Last vor. An­de­rer­seits hat es gro­ße Vor­tei­le, sich von sei­ner Fa­mi­lie nicht kon­di­tio­nie­ren zu las­sen und sich, so­weit das eben mög­lich ist, nicht nur geo­gra­phisch, son­dern auch in sei­ner Ent­wick­lung, aus dem Staub zu ma­chen. Es gab ei­ne Zeit, wo sich Ná­das von der Fa­mi­lie los­ge­sagt hat, der frü­he Tod der El­tern war dem viel­leicht för­der­lich, aber los­ge­kom­men ist er letz­ten En­des nicht. Er hat den Fa­mi­li­en­ro­man in di­ver­sen Ver­sio­nen ge­schrie­ben, das aber in Frei­heit, als Er­fin­der. Sei­ne früh­kind­li­chen Er­in­ne­run­gen sind sehr, sehr früh. Es spielt kei­ne Rol­le, wie­viel dar­an er­fun­den ist oder nicht. Oh­ne Er­fin­dung kei­ne Er­in­ne­rung.

Auf die­ser Sta­ti­on lie­gen ge­brech­li­che Grei­se, die auf­stöh­nen, wenn ih­re Win­deln ge­wech­selt wer­den; Män­ner, die sich ei­nen Arm, ei­ne Hand oder ein Bein ver­letzt ha­ben, un­ter ih­nen auch Sport­ler wie der jun­ge Base­ball­spie­ler, der das Bett des sang- und klang­los in der Nacht ver­schie­de­nen Grei­ses rechts vom Zim­mer­ein­gang be­kom­men hat und sich nichts­ah­nend die hal­be Nacht lang in ir­gend­wel­chen So­zi­al­me­di­en tum­melt, wie ich an den Licht­spie­len sei­nes Smart­pho­nes er­ken­ne; und jun­ge Fa­mi­li­en mit hu­sten­den Klein­kin­dern oder Ba­bys, de­ren El­tern in Haus­klei­dung mit dem Fläsch­chen durch den Gang ei­len, um hei­ßes Was­ser zu ho­len.

Ab­ge­se­hen von mei­ner ge­schätz­ten Her­zens­ärz­tin, der Kar­dio­lo­gin, ver­ste­he ich mich in den Kran­ken­häu­sern am be­sten mit den Phy­sio­the­ra­peu­ten, den Leu­ten von der Re­ha­bi­li­ta­ti­on, viel­leicht nur des­halb, weil ich mit ih­nen die läng­sten Zeit­span­nen ver­brin­ge, et­wa fünf­zehn bis drei­ßig Mi­nu­ten zwei­mal täg­lich. Oft sind es auf­ge­schlos­se­ne jun­ge Män­ner, neu­gie­rig, durch hier­ar­chi­sche Rück­sich­ten nicht so ein­ge­schränkt wie Pfle­ger, Rei­ni­gungs­per­so­nal, Bü­ro­an­ge­stell­te (zum Teil auch Ärz­te), weil bei ih­rer Tä­tig­keit in­di­vi­du­el­les Ur­teils­ver­mö­gen we­sent­lich ist und sie nicht so strikt kon­trol­liert wer­den kön­nen (ob­wohl sie je­de klein­ste Hand­lung und Ver­än­de­rung auf­schrei­ben müs­sen), kei­nem un­er­bitt­li­chen Zeit- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­plan un­ter­lie­gen. Wir re­den über dies und das, oft über Fa­mi­lie und Kin­der; die bei­den jun­gen Män­ner, die ich zu­letzt ken­nen­ge­lernt ha­be, schei­nen glück­lich ver­hei­ra­tet zu sein und sich mehr als der Durch­schnitt um ih­re Kin­der zu küm­mern.

Er­in­ne­rung: die schön ge­spren­kel­te Löschwie­ge in der Pfarr­kanz­lei zu Adl­wang im fer­nen Ober­öster­reich.

Kur­ze Ge­burts­tags­fei­er heu­te mor­gen, al­lein, mit ei­ner hal­ben Ta­fel Al­fort-Scho­ko­la­de­keks und ei­ner Do­se Geor­gia-Kaf­fee.

Der Te­le­phon­an­ruf mei­ner Toch­ter am Ge­burts­tag, die hör­ba­re, spür­ba­re Freu­de in ih­rer Stim­me, daß es mich gibt, daß ich ge­bo­ren bin, daß ich noch le­be. Im­pli­zi­te Auf­for­de­rung zum Wei­ter­le­ben, Wei­ter­ma­chen. Wei­ter­schrei­ben.

Das Ge­hen im fünf­ten Stock­werk, in al­le Him­mels­rich­tun­gen, an­fangs mit Geh­hil­fe, je­weils bis zum Fen­ster oder zur Glas­front, beim Hin­aus­blick die Ge­gend er­ken­nend, mir be­stä­ti­gend, fast: die Land­schaft dort seg­nend – der gro­ße Teich, wo manch­mal ein, zwei wei­ße Rei­her im Schilf oder Busch ste­hen; die Apo­the­ke am ge­gen­über­lie­gen­den Ufer, durch de­ren Glas­front ich oft, wäh­rend ich auf die Me­di­ka­men­te war­te, übers Was­ser und zum Kran­ken­haus schaue, in dem ich mich jetzt be­fin­de; die mit Häu­sern ge­füll­ten Hän­ge und Sen­ken; die nächt­li­che Sky­line; der Ka­ga­mi­ya­ma, un­ser Haus­berg; die dop­pel­te Berg­spit­ze, mein hie­si­ger Zwil­lings­ko­gel, den ich ein­mal bis zum er­sten Gip­fel be­stie­gen ha­be, für den zwei­ten war es schon zu spät; der Hü­gel, durch des­sen Wald ich so gern spa­zie­re auf dem ein­sa­men Pfad; das Wald­rand­ca­fé (von hier aus nicht sicht­bar); die fer­ne­ren Ber­ge mit den Ort­schaf­ten, Wald­tem­peln, Tal­öff­nun­gen da­hin­ter; der zum Grei­fen na­he Berg­rücken an der Ost­sei­te, ge­gen­über vom Kran­ken­haus­ein­gang, wie ein Tier­schat­ten nachts, ge­stern stand der Voll­mond knapp dar­über.

In ein an­de­res Kran­ken­haus über­stellt, es ist viel klei­ner, was Vor- und Nach­tei­le hat. Wirkt eher wie ein Al­ters­heim, fast nur Kran­ke, bei de­nen kaum Aus­sicht auf Bes­se­rung be­steht, vie­le über acht­zig, neun­zig. Im Dusch­raum ne­ben ei­nem Ab­ge­ma­ger­ten, Haut und Kno­chen, kann sich fast nicht selb­stän­dig be­we­gen. Nackt ge­he ich an sei­nem To­ten­schä­del vor­bei, wäh­rend Pfle­ge­rin­nen ihn mit­samt sei­ner Lie­ge ab­du­schen. An­schei­nend bin ich der Jüng­ste hier, zu­min­dest auf die­sem Stock­werk, und ich wer­de das Haus bald ver­las­sen (hof­fe ich). Man­che Kran­ken­schwe­stern re­den mit mir wie mit ei­nem De­men­ten, man­che brül­len, ob­wohl ich gut hö­re, was an mei­nen Re­ak­tio­nen ab­zu­le­sen sein müß­te; bei an­de­ren spü­re ich die Freu­de, daß sie es mit ei­nem zu tun ha­ben, der noch mit bei­den Bei­nen im Dies­seits steht. Die Phy­sio­the­ra­peu­ten sind hier al­les in al­lem et­was düm­mer als die, mit de­nen ich bis­her zu tun hat­te, zwar ge­sprä­chig, manch­mal all­zu sehr, viel Bla­bla und we­nig The­ra­pie. Man ar­bei­tet, oder tut so, als ar­bei­te man. Im­mer­hin ha­be ich ein Ein­zel­zim­mer, Aus­sicht auf ei­ne Aus­fall­stra­ße, die mei­ste Zeit sit­ze ich am Com­pu­ter, kor­ri­gie­re mei­nen Ro­man. Vor ein paar Ta­gen ist mein Es­say­buch er­schie­nen – ich ha­be kei­ne Ah­nung von sei­nem Schick­sal, und auch sonst we­nig Ah­nung vom Schick­sal der Welt. Kein In­ter­net, da­zu mei­ne ein­ge­fleisch­te Ab­nei­gung ge­gen das Fern­se­hen. Ein fran­zö­si­scher Freund ruft mich am Kin­der­han­dy an (mit dem ich nur we­ni­ge ge­spei­cher­te Num­mern an­ru­fen kann) und be­rich­tet mir vom Fall von Ka­bul, der sich vor ei­ni­gen Ta­gen in Af­gha­ni­stan er­eig­net hat.

Heu­te in ein an­de­res Zim­mer ge­wech­selt, ein Stock­werk wei­ter oben, im Grun­de ge­nom­men ist es ähn­lich wie so vie­le an­de­re Zim­mer, in die ich mich im Ver­lauf mei­nes Le­bens ein­ge­ni­stet ha­be, manch­mal wur­den sie mir für ein paar Wo­chen ge­lie­hen, oder ich ha­be sie ge­mie­tet: von den Gä­ste­zim­mern im Haus mei­ner Kind­heit über die Bu­de in Rom, als ich ein blut­jun­ger Stu­dent war, in ei­nem Dach­auf­bau in der Nä­he des Mon­te Testac­cio, und die chambre de bon­ne im elf­ten Be­zirk von Pa­ris, das mir ein be­freun­de­ter Schrift­stel­ler zur Ver­fü­gung ge­stellt hat­te, bis zu dem ge­mie­te­ten Zim­mer in Bue­nos Ai­res, Bar­rio Nor­te, mit Aus­sicht quer über den Licht­hof auf die fen­ster­lo­se flecki­ge Ge­gen­wand, zur Zeit von Bor­ges‘ hun­dert­stem Ge­burts­tag. Und hier in Sai­jo, Hi­ro­shi­ma? Aus­sicht auf Hü­gel und Ber­ge, die Stra­ße, die nach Taka­ya hin­über­kurvt. Hier wer­de ich blei­be, mich ein­ni­sten, le­sen, schrei­ben… Wie bis­her, wie im­mer, wie über­all.

Zwi­schen sie­ben und acht Uhr mor­gens die Mit­tel­schü­ler, die in klei­nen Pulks mit den Fahr­rä­dern, ihr gan­zes Kör­per­ge­wicht auf die Pe­da­le pres­send, zur Schu­le hin­auf­fah­ren, die sich ir­gend­wo zwi­schen den Hü­geln ver­steckt. Und gleich­zei­tig die Pro­zes­si­on der Volks­schü­ler mit den gel­ben Müt­zen und Fähn­chen, berg­ab­wärts.

(Traum) Ich se­he durchs Fen­ster, im Zim­mer ste­hend, viel­leicht in ei­nem Ryo­kan – oder ist es mein Kran­ken­zim­mer? –, se­he auf den Strand hin­un­ter, wo sich im seich­ten kla­ren Was­ser, das von Stei­nen und klei­nen Fel­sen durch­setzt ist, ei­ne Hor­de von nack­ten Klein­kin­dern tum­melt, al­le un­ge­fähr gleich­alt­rig, sie lie­gen im Was­ser auf dem Rücken und ge­nie­ßen es, daß zahl­lo­se Fi­sche an ih­ren Kör­pern sau­gen und knab­bern, ih­ren Ge­sich­tern sieht man die Lust an die­sem Ge­sche­hen an, das Was­ser schau­kelt sie sanft, es wiegt sie in ei­ne se­li­ge Ewig­keit.

Die Sze­ne müß­te ein Ma­ler der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de ma­len, Odi­lon Re­don oder Max Klin­ger. Viel­leicht hat er sie ja ge­malt, und mein Traum spielt mit ei­nem sehr fer­nen Ta­ges­rest, ei­ner Er­in­ne­rung an ein vor Jahr­zehn­ten ge­se­he­nes Bild.

»J’ai per­du le fil de mon temps« (Cré­bil­lon, der Sohn, zi­tiert von Alain Fin­kiel­kraut) – à pro­pos Alt aus­se­hen, mei­nen Es­say, der neu­lich in der NZZ war. Wer den Fa­den sei­ner Zeit ver­lo­ren hat, kann bald ein­mal alt aus­se­hen. In­zwi­schen ha­be ich An­schluß ans In­ter­net und hö­re oft Fran­ce Cul­tu­re. Vor­tei­le des di­gi­ta­len Zeit­al­ters, vor drei­ßig Jah­ren hät­te ich in Ja­pan kein fran­zö­si­sches Ra­dio hö­ren kön­nen… So ganz ha­be ich den Fa­den al­so doch nicht ver­lo­ren. Und viel­leicht ist es in Wahr­heit ja die Zeit, die ih­ren Fa­den ver­lo­ren hat und jetzt zu­rück­läuft, sich rück­wärts spult, um al­te Dumm­hei­ten zu wie­der­ho­len.

Ein paar Schrit­te auf dem Kran­ken­haus­bal­kon. Kla­re Luft, scharf de­fi­nier­ter Raum, deut­li­che Um­ris­se der Ge­gen­stän­de und kräf­ti­ge Far­ben nach dem Tai­fun, der uns nachts ge­streift hat. Die Reisäh­ren ste­hen hüft­hoch, ei­ni­ge Fel­der sind schon gelb, ihr Duft weht her­über. Die Hü­gel am Stadt­rand hin­ter­ein­an­der ge­staf­felt, so frisch, als sei­en sie erst vor kur­zem auf­ge­taucht (da­bei ste­hen sie seit Jahr­hun­dert­tau­sen­den da). Die schlan­ken ho­hen Na­del­bäu­me hin­ter dem schloß­ar­ti­gen Bau­ern­hof, ih­re Kro­nen noch ein Stück nä­her als sonst beim Him­mel, in dem ein paar sil­ber­ne Wol­ken­plätt­chen wie Schul­pe von Tin­ten­fi­schen trei­ben als Kopf­schmuck des ei­nen Bergs in der Mit­te der Welt.

Selbst das be­schei­de­ne, spär­li­che Kran­ken­hau­ses­sen wird zum sinn­li­chen Ge­nuß, drei­mal täg­lich, in Er­man­ge­lung an­de­rer Ge­nüs­se (kein Nach­schub von drau­ßen, kei­ne Be­su­che). Ein­zi­ger Lu­xus: ei­ne Do­se schwar­zer Kaf­fee, manch­mal auch ein Zi­tro­nen­krach­erl aus dem Ge­trän­ke­au­to­ma­ten auf dem Gang.

Ein kur­zer Do­ku­men­tar­film von ei­ner Grey­ho­und-Hal­te­stel­le in Hunt­s­vil­le, Te­xas, auf Me­dia­part. Män­ner, die so­eben aus dem Ge­fäng­nis ent­las­sen wor­den sind, war­ten auf den Bus, der sie nach Hau­se brin­gen wird, in ir­gend­ein frag­wür­di­ges oder gar nicht vor­han­de­nes zu Hau­se. Ein ähn­li­ches Ge­fühl hier in die­sem Zim­mer, wo ich den Auf­ent­halt zum Le­sen und Schrei­ben zu nut­zen ver­su­che, doch am Abend lau­ert die De­pres­si­on. Un­si­che­re, ge­misch­te Ge­füh­le bei der Ent­las­sung. Wie wird der Bru­der, wie wird der Freund re­agie­ren? Man sieht die Un­si­cher­heit auf ih­ren Ge­sich­tern, wäh­rend sie mit ei­nem ge­borg­ten Han­dy an­ru­fen. Der an­de­re will viel­leicht gar nichts von mir wis­sen. Ha­be ich denn ei­ne Zu­kunft? Mei­ne Toch­ter, jetzt ist sie zu Hau­se, ich kann sie je­der­zeit an­ru­fen, wird ei­ne Zu­kunft ha­ben, we­nig­stens sie.

Am En­de des Films rei­nigt der Sta­ti­ons­vor­stand, ein un­sym­pa­thi­scher dicker Mann von be­stimmt 150 Ki­lo, der auch ei­nen La­den mit Ar­ti­keln für Ent­las­se­ne führt und ih­nen T‑Shirts und Duft­was­ser ver­kauft, mit dem sie sich für 50 Cent ein­mal be­sprü­hen dür­fen, da­mit sie nicht mehr nach Knast rie­chen – die­ser dicke Un­gustl rei­nigt am En­de, nach­dem die Bu­se nach und nach in al­le Rich­tun­gen da­von­ge­fah­ren sind, den un­sau­ber zu­rück­ge­las­se­nen Ort, in­dem er mit ei­ner lan­gen Zan­ge, weil er sich nicht bücken kann, die Rück­stän­de vom Bo­den auf­hebt. Auf ei­ner Bank an der Sta­ti­ons­wand ist ein Buch lie­gen­ge­blie­ben – die Bi­bel, was sonst. Das Buch der Bü­cher. Der Dicke wirft es in den Müll­ei­mer, leert am En­de den In­halt des lang­stie­li­gen Aschen­be­chers hin­ein und ver­zieht sich mit ei­ner eben­falls auf der Bank zu­rück­ge­las­se­nen Jacke.

Die ans Kran­ken­haus gren­zen­den Reis­fel­der sind schon ab­ge­ern­tet, nach und nach wird das schö­ne Grün und Gelb al­lent­hal­ben ver­schwin­den. Ei­ni­ge Fel­der wer­den sich bis weit hin­ein in den Ok­to­ber hal­ten, und ich wer­de sie Tag für Tag be­grü­ßen, wenn ich – lang­sam, lang­sam – an ih­nen vor­bei­spa­zie­re, nach mei­ner Ent­las­sung.

Die­ser un­an­ge­neh­me Re­ha­bi­li­ta­ti­ons­hei­ni – ca­be­ci­ta ne­gra, grasa! –, der aus­schließ­lich in Flos­keln re­det, und das pau­sen­los, kei­ne Se­kun­de kann er schwei­gen. Er wie­der­holt, was je­der weiß und vor al­ler Au­gen ist, wie­der­holt es nicht nur ein­mal, son­dern fünf­mal, zehn­mal, da­bei sieht er nicht, was vor al­ler Au­gen ist, und schon gar nicht, was da­hin­ter ist. Mit sei­nem Ge­re­de zer­malmt er das biß­chen Wirk­lich­keit, das mich hier um­gibt. Au­ßer den Scha­blo­nen und Ste­reo­ty­pen wird nichts über­le­ben, nicht ein­mal die Baum­blät­ter, die sich sei­ner Mei­nung nach schon ver­fär­ben, bloß weil er den Herbst aus­ge­ru­fen hat.

Eins der Ste­reo­ty­pe be­trifft die Ar­beit, die kli­schee­haf­te, sinn­be­frei­te Hoch­schät­zung der Ar­beit. Al­les, was mit Ar­beit zu tun hat, ist im­mer schwie­rig, be­darf der größ­ten An­stren­gung, und wer ge­ra­de ar­bei­tet – al­so die mei­sten Leu­te, die mei­ste Zeit – er­fährt den höch­sten Re­spekt, wo nicht Be­wun­de­rung. Das Ar­beits­ethos wird in die­sem Land nie aus­ster­ben, auch dann nicht, wenn es kei­ne Ar­beit mehr gibt. Aber es wird im­mer wel­che ge­ben; wenn kei­ne vor­han­den ist, er­fin­det man sie; der Schein­ar­beit geht man mit dem­sel­ben Ernst nach wie der, die ei­nen nach­voll­zieh­ba­ren In­halt hat. So ist das im Grun­de ge­nom­men heu­te schon. Es herrscht der Schein der Ar­beit.

Als ich das Kran­ken­haus­per­so­nal dar­auf vor­be­rei­te, daß ich zwei Nach­mit­ta­ge lang ein Kol­lo­qui­um mit Zoom ha­be und in die­sen Stun­den nicht ge­stört wer­den darf, er­hal­te ich so­fort voll­stes Ver­ständ­nis, es wird al­les ge­tan, um ge­eig­ne­te Be­din­gun­gen für mei­ne be­wun­derns­wer­te Ar­beit zu schaf­fen. Der mich am mei­sten be­wun­dert, ist na­tür­lich ca­be­ci­ta ne­gra. Aber auch die an­de­ren sind über­zeugt, daß ich ei­ne äu­ßerst schwie­ri­ge Auf­ga­be in An­griff neh­me. In Wahr­heit be­zweif­le ich, daß man das, was ich da tue, über­haupt als Ar­beit be­zeich­nen kann. Auf al­le Fäl­le ko­stet es mich kei­ne gro­ße Mü­he, es ist eher ein Ver­gnü­gen. Da­von wol­len sie na­tür­lich nichts wis­sen, sol­che Be­mer­kun­gen schrei­ben sie mei­ner Be­schei­den­heit zu, die sie eben­falls be­wun­dern.

Gut. Sol­len sie den­ken, was sie wol­len. Haupt­sa­che, sie schnei­en mir an den zwei Nach­mit­ta­gen nicht ins Zim­mer her­ein, wie sie es sonst im­mer tun, wenn ich ih­nen nicht ver­ra­te, daß ich ar­bei­te.

Da wa­ren wir dann al­so bei­sam­men, ei­ne Hand­voll Schrift­stel­ler und Uni­ver­si­täts­leu­te recht ver­schie­de­ner Her­kunft, in­ter­kul­tu­rell, wie das heut­zu­ta­ge heißt, na­tür­lich ge­zoomt, in al­le Win­de ver­streut und doch bei­sam­men, al­le zu Hau­se in ih­ren Wohn- oder Ar­beits­zim­mern, ih­ren home-of­fices in Frank­furt am Main und Ber­lin und Pa­ris und Na­go­ya, die Ko­or­di­na­to­rin im Goe­the-In­sti­tut von To­kyo, mit wohn­li­chem, in­ter­es­san­tem oder neu­tra­lem Hin­ter­grund, nur ich mit Kopf­ver­band in ei­nem Kran­ken­haus­zim­mer, zwei Krücken und die Fern­be­die­nung des Elek­tro­betts im Hin­ter­grund, ver­lo­ren in der ja­pa­ni­schen Pro­vinz. Man »ar­bei­tet«.

Und ich ver­zich­te hier dar­auf, die Ar­beit oder das Ver­gnü­gen der an­de­ren zu be­ur­tei­len oder auch nur dar­zu­stel­len. Egal, ob die­se Zei­len ver­öf­fent­licht wer­den oder nicht, das ge­hört sich nicht. Wir sind un­ver­meid­li­cher­wei­se in­ter­kul­tu­rell, wir we­ben und flicken stän­dig an ei­nem Netz­werk, wie wir un­ver­meid­li­cher­wei­se glo­ba­li­siert sind, mit der Na­se auf den Glo­bus ge­sto­ßen und ge­klebt, auch dann, wenn wir uns da­ge­gen sträu­ben und un­ser re­gio­na­les oder lo­ka­les Da­sein her­vor­keh­ren, das sich längst nicht er­üb­rigt. Ich glau­be, die­ses es­sen­ti­ell wi­der­sprüch­li­che, pa­ra­do­xe Phä­no­men mei­ne ich mit mei­ner selbst­ge­ba­stel­ten klei­nen Theo­rie von der Trans­ver­sa­li­tät: kon­kre­te Be­zü­ge, ein welt­wei­tes Netz, ja, aber in ei­ner Viel­zahl von lo­kal-lo­ka­len Ver­bin­dun­gen, mit An­knüp­fungs­punk­ten und ge­ra­den oder ge­bo­ge­nen Li­ni­en, oh­ne all­ge­mein­gül­ti­ge Sche­ma­ta, oh­ne Main­stream­lo­gik. Frei­heit! Man ar­bei­tet…

Und doch kann ich nicht um­hin, mein Stau­nen fest­zu­hal­ten über die neue Sprech­wei­se, die sich un­ter jün­ge­ren post­ko­lo­nia­len fe­mi­ni­sti­schen gen­der­be­wuß­ten di­ver­si­täts­freu­di­gen – und was noch al­les, ei­ne gan­ze Lat­te von po­si­ti­ven Ei­gen­schaf­ten – Schriftsteller*innen und Journalist*innen zu ver­brei­ten scheint. An­stel­le der Pünkt­chen kommt es zu Aus­set­zern, Un­ter­bre­chun­gen, die flink in die Re­de ein­ge­streut wer­den. Man­che be­herr­schen das schon ganz vir­tu­os, die ein­ge­leg­ten Pau­sen sind klein­win­zig und um­so deut­li­cher, die Be­to­nun­gen kom­plex. Schreibt man das über­haupt so? Müß­te es nicht »Journalist*inn*en« hei­ßen? »Ein*e selbstbewusste*r Journalist*in«? Ich las­se mich gern be­leh­ren, muß aber vor­läu­fig ge­ste­hen, daß mich das al­les noch sehr ver­wirrt. Be­son­ders ver­wirrt hat mich das mi­ni­mal ab­ge­hack­te Spre­chen ei­nes Teil­neh­mers, sei­ne (nicht ih­re) münd­li­che Gen­de­ri­sie­rung; so vir­tu­os sie auch aus­ge­führt sein mag, sie ver­hin­dert, daß ich mich auf den In­halt des Ge­sag­ten kon­zen­trie­ren kann. Aber viel­leicht ist der In­halt nicht mehr so wich­tig; die kon­for­me Form ist das, was zählt und letzt­lich auch den In­halt bei­stellt. Ab­ge­sang auf den »In­hal­tis­mus«.

So war das bei un­se­rer ge­zoom­ten Ar­beit, un­se­rem Kon­ver­sa­ti­ons­ver­gnü­gen. Vie­le klei­ne Wer­muts­trop­fen, die an­de­re als Per­len im Cham­pa­gner ge­nie­ßen mö­gen. Für mich war dann doch ein biß­chen Mü­he da­bei, das Kran­ken­haus­per­so­nal darf mich maß­voll be­dau­ern, und lo­ben auch.

Seid sub­jek­tiv! Ge­dan­ken zur Ver­tei­di­gung der Sub­jek­ti­vi­tät, die die Men­schen von den Ma­schi­nen und wahr­schein­lich auch von den Tie­ren un­ter­schei­det, sie al­so erst ei­gent­lich mensch­lich macht. Die Spra­che als Mit­tel und Mi­lieu der Sub­jek­ti­vi­tät, die Wor­te, die wir zu in­ter­pre­tie­ren ge­zwun­gen sind, weil sie viel­deu­tig sind, das stän­dig dro­hen­de Miß­ver­ständ­nis. Oh­ne Sub­jek­ti­vi­tät sind wir nicht mehr fehl­bar und tra­gen folg­lich auch kei­ne Ver­ant­wor­tung. Mensch­lich sind nur Men­schen, die Ver­ant­wor­tung tra­gen.

(Für al­le mög­li­chen Be­rei­che durch­spie­len: Ler­nen, Un­ter­rich­ten, Be­wer­ten, Ran­kings, Sport, VAR, Äs­the­tik; stan­dar­di­sier­te Ar­beit, die nicht mehr schöp­fe­risch sein kann; Ge­sund­heit, für die wir selbst kei­ne Ent­schei­dun­gen mehr tref­fen…)

Ei­ni­ge Zim­mer ent­fernt schreit ein Mann, täg­lich mehr­mals, oft ei­ne gan­ze Stun­de lang, er heult und hu­stet osten­ta­tiv, um sei­nen Schmerz al­len mit­zu­tei­len, mehr als den Schmerz sei­nen Pro­test, Pro­test ge­gen die Welt, ge­gen das Le­ben, das er noch lan­ge nicht zu ver­las­sen ge­denkt, weil er doch pro­te­stie­ren muß, da es sonst nie­mand tut. Manch­mal klingt es ge­ra­de­zu wie ein Ju­bel, er ju­belt sei­nen Schmerz in die Welt hin­aus. Nach ei­ner Stun­de, mehr oder we­ni­ger, ist er dann er­schöpft, wahr­schein­lich döst er auf sei­nem Bett vor sich hin, er­holt sich von der An­stren­gung, bis ihn der Welt­schmerz und sei­ne Pflicht neu­er­lich ru­fen. Nie­mand schenkt ihm Be­ach­tung, we­der die Kran­ken noch die Pfle­ger. Und ich? Be­ach­te ihn. Miß­ach­te ihn. Über­schrei­be sein Ge­schrei.

Sehr un­ge­wöhn­lich (in Ja­pan): Der jun­ge Phy­sio­the­ra­peut, mit dem ich wäh­rend der Mas­sa­gen und Übun­gen oft über un­se­re Kin­der ge­plau­dert ha­be – der Sohn ist ein Jahr alt, sein Va­ter hat mir ein paar Vi­de­os auf sei­nem Han­dy ge­zeigt – und über Deutsch­land – Öster­reich in­ter­es­siert ihn we­ni­ger – und über die deut­sche Spra­che – ein paar Wör­ter hat er sich ge­merkt –, will mich zum Ab­schied um­ar­men. Ich un­ter­bre­che ihn, wei­che zu­rück. Ach ja, rich­tig, Co­ro­na! Al­so Faust ge­gen Faust, wie üb­lich. Dan­ke­schön, bit­te­schön, tschüs!

© Leo­pold Fe­der­mair

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