Marc De­gens: Fuck­in Su­shi

Marc Degens: Fuckin Sushi
Marc De­gens: Fuck­in Su­shi
Niels Wawr­zy­ni­ak ist 16 oder 17, Gym­na­si­ast und wohnt seit dem Um­zug aus dem Ruhr­ge­biet mit sei­nen El­tern in Bonn. Bei ei­ner Schul­fei­er lernt er den et­wa gleich­altrigen Re­né ken­nen. Bei­de mö­gen Doom Me­tal und vor al­lem lan­ge Mu­sik­stücke. Niels’ er­ster iPod um­fasst 52 Ti­tel, 11 Std., 45 Mi­nu­ten. Ne­ben Bob Dy­lan, Ji­mi Hen­drix (»Ma­chi­ne Gun«), Kraft­werk (»Auto­bahn«) und den Doors (»When the mu­sic is over«) un­ter an­de­rem The Kni­fe, »To­mor­row in a year«, Sunn 0)) mit »Helio)))Sophist«, Das Bier­be­ben »Im Kreis«, Die Krupps mit »Stahl­werk­sin­fo­nie«, Cas­par Brötz­mann mit »Mas­sa­ker« und Ma­nu­el Gött­sch­nigs »E2-E4« (58:39) und T.Raumschmiere.

Niels hat ei­nen Bass. Re­né ei­ne Gi­tar­re und Ideen für Tex­te, die »roh und hart und ehr­lich« sind. Bei­de grün­den ei­ne Band: »R@’n’Niels« (Re­né ist R@ = »rat«). Ei­nes Sonn­tags fah­ren sie, um sich in Bonn nicht zu bla­mie­ren, nach Bad Mün­ster­ei­fel und spie­len dort vor dem Hei­no-Ca­fé. Der Er­folg ist über­schau­bar, aber die Saat keimt. Re­né ge­lingt es, den sechs Jah­re äl­te­ren Lloyd zu be­gei­stern. Von nun an ha­ben sie ei­nen Schlag­zeu­ger und Fah­rer in Per­so­nal­uni­on. Vor al­lem je­doch ei­nen Pro­ben­raum – in ei­nem Turm. Spä­ter kommt noch die Pun­ke­rin Ni­no mit ih­rem Key­board hin­zu. Aus dem Band­na­men »Fun­king Su­shi« wird schließ­lich »Fuck­in Su­shi«. Es geht um »Welt­frie­den und Ab­rent­nern«. Die Lo­gik ist ver­blüf­fend: War­um nicht nach der Schu­le mit der Ren­te be­gin­nen, Mu­sik ma­chen, tags­über Fern­se­hen (»Koch­sen­dun­gen, Zoo­re­por­ta­gen, Hal­len­fuß­ball oder Sommer­biathlon«) und erst dann, so ab 50, mit dem Ar­beits­le­ben be­gin­nen?

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Joa­chim Zel­ter: Wie­der­se­hen

Joachim Zelter: Wiedersehen
Joa­chim Zel­ter: Wie­der­se­hen
Nach­dem Joa­chim Zel­ter 2010 mit »Der Minister­präsident« ge­konnt den Po­li­tik­be­trieb und drei Jah­re spä­ter die Li­te­ra­tur­sze­ne (»Ei­nen Blick wer­fen«) se­zier­te und per­si­flier­te, zielt er mit dem schel­misch-harm­lo­sen Ti­tel »Wie­der­se­hen« nun auf das in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Bil­dungs­bür­ger­tum. Da­mit ist der Au­tor nun end­gül­tig auf­ge­bro­chen, ei­ne sa­ti­risch grun­dier­te Kul­tur­ge­schich­te der ak­tu­el­len Bun­des­re­pu­blik zu ver­fas­sen.

Nach mehr als zwan­zig Jah­ren lädt der un­kon­ven­tio­nel­le Deutsch­leh­rer Thor­sten Kort­hau­sen – von Fer­ne er­in­nert er an John Kea­ting aus dem »Club der to­ten Dich­ter« – sei­nen ein­sti­gen Mu­ster­schü­ler Ar­nold Lit­ten zu ei­ner klei­nen Par­ty nach Hau­se ein. Ar­nold ist in­zwi­schen ein an­ge­se­he­ner Ger­ma­ni­stik-Pro­fes­sor. Auf der Fahrt er­zählt er sei­ner Freun­din An­na die Be­son­der­hei­ten und Ex­tra­va­gan­zen Kort­hau­sens. Zum Bei­spiel des­sen er­ste Deutsch­stun­de in der Pri­vat­schu­le für »aus­nah­me­be­dürf­ti­ge Schü­ler«, die­ser »An­samm­lung von Auf­säs­sig­keit und Lust­losigkeit«. Nie­mand nahm den neu­en Leh­rer zur Kennt­nis. Schließ­lich be­tei­lig­te die­ser sich an ei­ner Schach­par­tie, die wäh­rend des Un­ter­richts ge­spielt wur­de. Ein ver­gnüg­lich zu le­sen­der An­ek­do­ten­strauß pras­selt da auf den Le­ser ein. So wird von Kort­hau­sen ei­ne Klas­sen­ar­beit Ar­nolds mit »Eins bis Sechs« be­no­tet – weil sie so­wohl sehr gu­te wie auch un­ge­nü­gen­de Pas­sa­gen ent­hält. Ein an­der­mal dann mit »Eins plus plus«. Oder die Sa­che mit dem Hund: Kort­hausen er­zählt Wun­der­din­ge von sei­nem Hund, den er ei­nes Ta­ges mit­bringt und die Auf­sicht bei ei­ner Klas­sen­ar­beit vor­neh­men lässt. Der Hund sei ag­gres­siv und bel­le so­fort wenn ge­schum­melt wür­de. Die Schü­ler sind ein­ge­schüch­tert und wa­gen kei­ne Ma­ni­pu­la­tio­nen. Am En­de er­öff­net Kort­hau­sen ih­nen, dass er den Hund aus dem Tier­heim ge­holt ha­be. Oder die­ser Schü­ler, der in vie­len Fä­chern Fünf stand und dann Vie­ren be­kommt, weil er mit Kort­hau­sen ei­nen stram­men Wald­lauf durch­steht.

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Mi­chel Hou­el­le­becq: Un­ter­wer­fung

Michel Houellebecq: Unterwerfung
Mi­chel Hou­el­le­becq: Un­ter­wer­fung

Mi­chel Hou­el­le­becqs Ro­man »Unter­werfung« wur­de nicht zu­letzt we­gen der wenn auch län­ger zurück­liegenden kri­ti­schen, zum Teil durch­aus be­leidigenden Äu­ße­run­gen des Au­tors zum Is­lam arg­wöh­nisch un­ter­sucht. Die Ko­in­zi­denz zwi­schen der Erstver­öffentlichung und den schreck­li­chen Mor­den von Pa­ris liegt na­tür­lich au­ßer­halb des Ein­flus­ses des Au­tors. Was ei­ni­geR Hy­ste­ri­ker nicht da­von ab­hält, Hou­el­le­becq von nun an ei­ne Art Mit­ver­ant­wor­tung für das Ver­gan­ge­ne bzw. so­gar das Zu­künf­ti­ge zu­zu­wei­sen. Da­bei ist spä­te­stens seit Rush­dies »Sa­ta­ni­schen Ver­sen« klar, dass Ter­ro­ri­sten, Po­li­ti­ker und die mei­sten Me­di­en­ver­tre­ter bei al­len Dif­fe­ren­zen in ei­nem Punkt ei­ne Gemeinsam­keit ha­ben: Sie brau­chen das Werk bzw. die Re­ak­tio­nen dar­auf, die sie skandali­sieren und in­stru­men­ta­li­sie­ren nur als An­lass; ei­ne Lek­tü­re ist dann doch zu auf­wen­dig. Das hat in er­schüt­tern­der Wei­se die Dis­kus­si­on in Frank­reich ge­zeigt, in der Hou­el­le­becq die Ver­brei­tung rechts­extre­mer The­sen und so­gar Ras­sis­mus vor­ge­wor­fen wur­de.

Auch in Deutsch­land über­schlu­gen sich die Re­zen­sen­ten be­reits vor Er­schei­nen des Bu­ches mit ih­ren Ur­tei­len. Da­bei wur­de auch hier mit Akri­bie auf ei­ne po­ten­ti­el­le Is­lam­feind­lich­keit des Tex­tes bzw. des Au­tors ge­ach­tet, was aber­mals zeigt, dass das Feuil­le­ton zu­neh­mend die Rol­le des po­li­ti­schen An­stands­wau­waus wahr­neh­men möch­te, weil sich da­mit am mei­sten Di­stink­ti­on er­ar­bei­ten lässt. Noch selt­sa­mer als die­ser Ge­sin­nungs- und Re­zen­si­ons­wett­lauf mu­te­te die zu­wei­len auf­kom­men­de (ge­spiel­te?) Nai­vi­tät an, die fragt, war­um ei­gent­lich al­le jetzt plötz­lich ein li­te­ra­risch der­art mit­tel­mä­ssi­ges Buch be­spre­chen. Da­bei spielt es kei­ne Rol­le, dass das Ur­teil der li­te­ra­ri­schen Me­dio­kri­tät fast im­mer nur be­haup­tet wird; hand­fe­ste Be­le­ge feh­len zu­meist.

Ver­stopf­te Wasch­becken und Feh­ler in der Steu­er­erklä­rung

Der Plot des Ro­mans ist schnell er­zählt. Der Le­ser wird trans­for­miert in das Früh­jahr des Jah­res 2022. Fran­çois, ein mü­der fran­zö­si­scher Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor an der Pa­ri­ser Sor­bon­ne, bald 44 Jah­re alt, der über Jo­r­is-Karl Huys­mans dis­ser­tiert hat­te, weiß nicht mehr so recht, was er tun soll: »Mein In­ter­es­se für das Gei­stes­le­ben war sehr ab­ge­flaut, mei­ne ge­sell­schaft­li­che Exi­stenz war nicht zu­frie­den­stel­len­der als mei­ne kör­per­li­che, die ei­ne wie die an­de­re war ei­ne Ab­fol­ge klei­ner Wid­rig­kei­ten – ein ver­stopf­tes Wasch­becken, ei­ne nicht funk­tio­nie­ren­de In­ter­net­ver­bin­dung, Straf­punk­te für schlech­tes Fah­ren, be­trü­ge­ri­sche Putz­frau­en, Feh­ler in der Steu­er­erklä­rung -, die mich oh­ne Un­ter­lass quäl­ten und nie zur Ru­he kom­men lie­ssen.« Sei­ne Lie­bes­af­fä­ren sind im Semester­rhythmus ge­tak­tet. Nur mit der halb so al­ten My­ri­am ver­bin­det ihn mehr.

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Der Fla­neur aus dem El­fen­bein­turm

Über den Dich­ter-Er­zäh­ler Xa­ver Bay­er

Treff­punkt: ei­ne Art Un­ort. Ein Ca­fé, ein­ge­rich­tet eher wie ein Wirts­haus, an ei­nem sams­tags un­ge­heu­er be­leb­ten Markt an der städ­ti­schen Pe­ri­phe­rie von Wien. Im halb­dunklen Raum des Ca­fés wäh­rend der zwei Stun­den kaum Gä­ste: an­de­re Welt, in der sich gut re­den – und schrei­ben läßt, denn Xa­ver Bay­ers Bü­cher ent­ste­hen hand­schrift­lich an Or­ten wie die­sem. Woh­nen tut er im Zen­trum, in ei­ner von der Groß­mutter übernommen­en Woh­nung mit ei­nem Miet­zins, der so nied­rig ist, daß ihn die Be­sit­zer has­sen, weil er im­mer noch nicht aus­ge­zo­gen ist. Mit die­sem Ge­dan­ken spielt er, weil er die hyper­kommerzialisierte In­nen­stadt zu­neh­mend un­er­träg­lich fin­det. Aber der Miet­zins ist heu­te auch an der Pe­ri­phe­rie zu hoch. Ei­ne lu­xu­riö­se und zu­gleich be­schei­de­ne Exi­stenz führt der Dich­ter, nicht as­ke­tisch, aber am Mi­ni­mum ent­lang. Das Wort »Lu­xus« ge­braucht Bay­er öf­ters, im­mer mit ent­schul­di­gen­der Ge­ste. Und als Dich­ter er­scheint er mir, seit ich ihn ken­ne, ob­wohl er in er­ster Li­nie ein Er­zäh­ler ist. Mor­gens nach dem Auf­ste­hen, er­zählt er, liest er ei­ne gan­ze Wei­le Ge­dich­te. So be­ginnt in der Re­gel sein Tag.

Xaver Bayer  ©  Leopold Federmair
Xa­ver Bay­er © Leo­pold Fe­der­mair
Schon als ich ihn das er­ste Mal traf, wirk­te er wie ei­ne Ge­stalt aus ei­ner an­de­ren Zeit. Ei­ner, der ein we­nig da­ne­ben­steht, räum­lich wie zeit­lich da­ne­ben, dies aber mit vol­lem Selbst­be­wußt­sein. Ei­ner, der durch die Zei­ten geht. Paul Jandl hat ihn vor mehr als ei­nem Jahr­zehnt, als Bay­er ein jun­ger New­co­mer war, der Ge­ne­ra­ti­on Golf zu­ge­ord­net und da­bei auch die Au­tos ge­meint, die in Bay­ers frü­hen Er­zäh­lun­gen, wo der Held mei­stens auf Ach­se ist wie in ei­nem Road-Mo­vie, fast em­ble­ma­tisch wir­ken. Ein ei­ge­nes Au­to, Flug­reisen, Com­pu­ter­spie­le – das sind für Bay­ers Hel­den Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten (wie für je­den mitt­ler­wei­le), es sind Rea­lia und Uten­si­li­en ei­ner Zeit, aber Bay­ers Li­te­ra­tur zeich­net sich ge­ra­de da­durch aus, daß sie all das, was ak­tu­ell ist und von Jour­na­li­sten ver­ehrt und be­re­det wird, be­gut­ach­ten und von sei­ner Ak­tua­li­tät be­frei­en. Auf der Su­che nach dem Leuch­ten, das oft ge­nug das Zu­fäl­li­ge und Flüch­ti­ge, ja, das Ver­ächt­li­che birgt. In Ge­sprächen über Li­te­ra­tur, frem­de wie ei­ge­ne, zielt Bay­er oft­mals auf das, was »Be­stand hat«, und schenkt dem, was kei­nen hat (was sich frei­lich erst im Lauf der Zeit er­weist), ein mü­des Lä­cheln. Das ist auch der Grund, war­um er Auf­trags­ar­bei­ten ab­lehnt; sie wür­den ihn in Denk- und Schreib­rich­tun­gen zwin­gen, die nicht aus ihm selbst kä­men. Ich glau­be nicht, daß es heu­te vie­le Au­toren gibt, die mit sol­cher Rein­heit dem Sinn ih­rer Exi­stenz nach­kom­men – ih­rer Be­ru­fung, um es alt­mo­disch aus­zu­drücken. Ei­nem Sinn, der sei­ne ei­ge­ne Frag­lich­keit in sich trägt, dem der Schrei­ben­de in vie­len Mo­men­ten aber auch ver­trau­en kann. Im neu­en Buch, Ge­heim­nis­vol­les Kni­stern aus dem Zau­ber­reich, rührt Bay­er an bei­de Sei­ten, ei­ne Pen­del­be­we­gung be­schrei­bend, ein sanf­tes, zu­wei­len un­merkliches Hin und Her zwi­schen Va­ni­tas und der Hoff­nung, man kön­ne dem Le­ben, auch die­sem hier, in die­ser und die­ser Ge­ne­ra­ti­on, zu­stim­men.

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Sa­bi­ne M. Gru­ber: Chor­pro­be

Sabine M. Gruber. Chorprobe
Sa­bi­ne M. Gru­ber. Chor­pro­be
In ih­rem Ro­man »Be­zie­hungs­rei­se« aus dem Jahr 2012 er­zähl­te Sa­bi­ne M. Gru­ber von So­phia und dem Ver­hält­nis zu ih­rem Ge­lieb­ten Mar­cus. So­phia, glück­lich ver­hei­ra­tet, aber »mehr­liebig« ori­en­tiert, ar­ran­gier­te ihr Drei­ecks­ver­hält­nis akri­bisch und ver­such­te mit Mar­cus mit al­len nur er­denk­li­chen Mit­teln in­klu­si­ve sorg­sam ge­plan­ten Rei­sen (die sie auch noch fast im­mer al­lei­ne be­zahl­te) zu be­tö­ren. Aber nach der kur­zen Er­obe­rungs­pha­se zu Be­ginn straf­te Mar­cus So­phi­as In­itia­ti­ven im­mer mehr mit Nicht­be­ach­tung und Gleich­gül­tig­keit und mach­te da­bei noch ih­re Ver­su­che, sich als Schrift­stel­le­rin zu eta­blie­ren, nie­der, ob­wohl er sel­ber als Re­zen­sent (er blät­ter­te nur die Bü­cher durch) nicht zu re­üs­sie­ren ver­moch­te. Gru­ber ent­warf ge­konnt die­sen vir­tu­el­len De­mü­ti­gungs­raum, in dem sich So­phia trot­zig ein­ge­rich­tet hat­te. Trotz die­ser per­fi­den und hoch­mü­ti­gen Gleich­gül­tig­keit, mit der Mar­cus die­se Be­zie­hung be­trieb, glaub­te So­phia bis zum Schluß an die Mög­lich­keit des Glücks in die­ser of­fe­nen Me­na­ge-à-trois glück­lich le­ben zu kön­nen. Erst als es zur Grenz­über­schrei­tung kam und Mar­cus phy­si­schen Ge­walt an­wand­te, be­en­de­te sie das Ver­hält­nis.

Ei­ne Glücks­su­che wie So­phia ver­folgt auch Cin­dy in Gru­bers neu­em Ro­man »Chor­pro­be«, wenn auch auf ei­nem an­de­ren Feld – dem der Kunst.

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ICH, das Op­fer

oder: Le­ben mit 00

Je­der, der et­was hat oder hat­te, sa­gen wir, ei­nen Part­ner aus ei­nem an­de­ren Land, ei­ne Krank­heit, ein be­stimm­tes Al­ter, ein Kind, meh­re­re Kin­der, Zwil­lin­ge, Fünf­lin­ge oder kein Kind, ei­nen Be­ruf, egal wel­chen, kei­nen Be­ruf, kei­ne Ar­beit, die Er­näh­rung um­ge­stellt, frü­her ei­ne an­de­re Hei­mat, ei­nen Kurs ge­macht, ei­ne Sport­art aus­ge­übt, ei­nen to­ten Ver­wand­ten, Ge­schwi­ster oder kei­ne Ge­schwi­ster, Ad­op­tiv­kin­der, Stief­kin­der, kei­ne El­tern, kran­ke oder bö­se El­tern, mehr­mals ge­hei­ra­tet, ei­ne Sucht oder den Tod über­wunden, al­les ver­lo­ren, ei­nen Sui­zid­ver­such über­lebt, ein Ver­mö­gen oder ei­ne Rei­se ge­macht, ei­nen Geist ge­se­hen, mit To­ten ge­spro­chen; wer im Krieg war oder je­man­den kennt, der im Krieg war, wer aus­ge­wan­dert oder zu­hau­se ge­blie­ben oder von ei­ner Krank­heit ge­ne­sen oder äl­ter ge­wor­den ist; wer ei­nen An­ge­hö­ri­gen hat, der ir­gend­et­was hat, hat­te, ge­tan hat, tut, ist oder war, schreibt dar­über ein Be­trof­fen­heits­buch (...). Oder zu­min­dest ein the­men­be­zo­ge­nes Koch­buch.

Da­mit man ei­ner­seits das ei­ge­ne Pro­blem rasch im Re­gal fin­det und an­de­rer­seits sich auch mit je­dem be­lie­bi­gen Nach­bar­pro­blem iden­ti­fi­zie­ren kann, tra­gen die­se Bü­cher im­mer die­sel­ben Ti­tel:

Le­ben mit 00
Le­ben oh­ne 00
Le­ben trotz 00
00 über­le­ben
Wei­ter­le­ben nach 00
00 und ich
Ich al­lein ge­gen 00
Ta­bu 00
War­um über 00 im­mer noch ge­schwie­gen wird
Das Schwei­gen bre­chen! 00
Ei­ne Ab­rech­nung mit 00
Das un­ter­schätz­te 00
00 geht al­le an (auch wenn nur ich 00 ha­be)

00 steht als Platz­hal­ter für den Na­men ei­ner Krank­heit, ei­nes Zu­stands, ei­nes Um­stands, ei­nes mög­li­cher­wei­se durch­aus schwam­mi­gen Schick­sals, denn selbst­re­dend steht in je­dem die­ser Bü­cher auch ir­gend­wo: jetzt, da es end­lich ei­nen Na­men hat, bin ich er­leich­tert, denn nun neh­me ich mich selbst ernst! Ja, in­zwi­schen schreibt je­der, der ir­gend­ei­ne Er­fah­rung ge­macht hat, je­der, der recht ei­gent­lich un­tot ist, ein sol­ches Be­trof­fen­heits­buch. – Aus: »Le­ben mit 00. Be­trof­fen­heits­li­te­ra­tur«, un­ver­öf­fent­licht, 2008.

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Wolf­gang Herrn­dorf: Bil­der dei­ner gro­ßen Lie­be

Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe
Wolf­gang Herrn­dorf:
Bil­der dei­ner gro­ßen Lie­be

Nicht un­be­dingt das Buch, son­dern die Re­ak­tio­nen hier­auf sind er­staun­lich: Da wird post­hum ein ei­gent­lich »un­voll­ende­ter Ro­man« (Un­ter­ti­tel) von Wolf­gang Herrn­dorf ver­öf­fent­licht und das gan­ze Feuil­le­ton ju­belt hym­nisch und türmt Ver­glei­che auf von Käst­ners »Fa­bi­an« über Noote­booms Phil­ip (»Das Pa­ra­dies ist ne­ben­an« – so lau­te­te der ur­sprüng­li­che Ti­tel die­ses wun­der­ba­ren Bu­ches), Mo­ritz’ »An­ton Rei­ser« (der kommt so­gar ein­mal vor) bis zu Goe­thes Mi­gnon-Fi­gur.

Es ist ein lei­der häu­fig zu be­ob­ach­ten­des Phä­no­men: die tra­gisch oder früh ums Le­ben ge­kom­me­nen Schrift­stel­ler wer­den die Lieb­sten und die Be­sten. Vor­her kaum zur Kennt­nis ge­nom­men, be­kom­men sie ei­ne Wiedergut­machung ge­ra­de­zu auf­ge­drängt. Wolf­gang Herrn­dorf hat die­sen Ge­sin­nungs­wech­sel sel­ber noch mit­er­lebt: Als er sei­ne schwe­re Krank­heit öf­fent­lich mach­te und dar­über im In­ter­net Ta­ge­buch führ­te nah­men plötz­lich die Sym­pa­thie­kund­ge­bun­gen der­art zu, dass dem Au­tor die­se Zu­wen­dung reich­lich su­spekt vor­kam (in »Ar­beit und Struk­tur« nach­zulesen) und mehr ver­stör­te als freu­te. Und nun er­scheint al­so ein nach­ge­las­se­ner Text Herrn­dorfs, 33 epi­so­den­ar­ti­ge, zum Teil nur lo­se mit­ein­an­der ver­bun­de­ne Ka­pi­tel über ei­ne Aus­rei­ße­rin na­mens Isa, die, das »wis­sen« die Re­zen­sen­ten merk­wür­di­ger­wei­se, 14 oder – wie es ein­mal heißt – 18 Jah­re alt ist (ei­ne der­art ex­pli­zi­te Al­ters­an­ga­be gibt es al­ler­dings nir­gends, nur ein­mal ein ab­schät­zen­der Count­down ei­nes Prot­ago­ni­sten). Isa ist ei­ner Ner­ven­heil­an­stalt oder ein­fach nur ei­nem Heim ent­lau­fen, irrt nun durch Städ­te, Dör­fer, Wäl­der, Fel­der. Au­ßer ih­rer Klei­dung be­sitzt sie nur ein Ta­ge­buch und zwei Ta­blet­ten. Mit der Ein­nah­me der letz­ten Ta­blet­te be­schließt sie, ge­heilt zu sein.

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Bet­ti­na Fischer/Dagmar Fret­ter (Hrsg.): Ei­gent­lich Hei­mat

Bettina Fischer/Dagmar Fretter (Hrsg.): Eigentlich Heimat
Bet­ti­na Fischer/Dagmar Fret­ter (Hrsg.): Ei­gent­lich Hei­mat

Zum 25. Grün­dungs­ju­bi­lä­um der Kunst­stif­tung Nord­rhein West­fa­len wur­de ein Er­zähl­band kon­zi­piert, der, so im Vor­wort, zei­gen soll, »was das Land Nord­rhein-West­fa­len an Li­te­ra­tur zu bie­ten hat«. Her­aus­ge­kom­men ist ein Band mit 29 Er­zäh­lun­gen von Au­torin­nen und Au­toren, die je­weils mit ei­nem Ort in Nord­rhein-West­fa­len ver­knüpft sind; ei­nem Ge­burts­ort, Wohn­ort, Stu­dier­ort, manch­mal auch nur ei­nem Sehn­suchts- und Ver­gan­gen­heits­ort. Ge­plant sei dies nicht ge­we­sen, so die bei­den Her­aus­ge­be­rin­nen Bet­ti­na Fi­scher und Dag­mar Fret­ter, aber am En­de sei­en es mehr als man dach­te Hei­mat­ge­schich­ten ge­wor­den. Um kei­ne Miss­ver­ständ­nis­se auf­kom­men zu las­sen und der dro­hen­den Ver­ein­nah­mung durch den Kitsch ent­ge­gen­zu­wir­ken wur­de wohl der relati­vierende Ti­tel »Ei­gent­lich Hei­mat« ge­fun­den.

Was Se­pa­ra­ti­sten wie Wil­fried Schar­nagl nie ein­leuch­ten wird: Bin­de­strich­län­der sind nicht trotz son­dern we­gen ih­rer Viel­heit, ih­rer He­te­ro­ge­ni­tät, in­ter­es­sant. Das wird im vor­lie­gen­den Band sehr schön sicht­bar, ob­wohl es mit dem Ruhr­ge­biet und dem Groß­raum Köln durch­aus Schwer­punk­te gibt. Zu Be­ginn er­zählt Jörg Al­brecht (»Vor dem Road­movie«) von den Vor­be­rei­tun­gen zur 30-Jahr-Fei­er der leicht dys­to­pisch an­ge­hauch­ten »Ruhr­stadt« (53 Städ­te von Camp Lint­fort [sic!] bis Hamm ha­ben sich zu­sam­men­ge­schlos­sen), die im »näch­sten Jahr«, hier: 2045, an­ste­hen soll und von der Sehn­sucht sei­ner Be­woh­ner, die Zeit vor die­ser Ver­ei­ni­gung, die Zeit des wim­meln­den, un­or­ga­ni­sier­ten »Ruhr­ge­biets«, wie­der auf­le­ben zu las­sen.

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