Mi­chel Hou­ellebecq: Un­ter­wer­fung

Michel Houellebecq: Unterwerfung

Mi­chel Hou­ellebecq: Un­ter­wer­fung

Mi­chel Hou­ellebec­qs Ro­man »Unter­werfung« wur­de nicht zu­letzt we­gen der wenn auch län­ger zurück­liegenden kri­ti­schen, zum Teil durch­aus be­leidigenden Äu­ße­run­gen des Au­tors zum Is­lam arg­wöh­nisch un­ter­sucht. Die Ko­in­zi­denz zwi­schen der Erstver­öffentlichung und den schreck­li­chen Mor­den von Pa­ris liegt na­tür­lich au­ßer­halb des Ein­flus­ses des Au­tors. Was ei­ni­geR Hy­ste­ri­ker nicht da­von ab­hält, Hou­ellebecq von nun an ei­ne Art Mit­ver­ant­wor­tung für das Ver­gan­ge­ne bzw. so­gar das Zu­künf­ti­ge zu­zu­wei­sen. Da­bei ist spä­te­stens seit Rush­dies »Sa­ta­ni­schen Ver­sen« klar, dass Ter­ro­ri­sten, Po­li­ti­ker und die mei­sten Me­di­en­ver­tre­ter bei al­len Dif­fe­ren­zen in ei­nem Punkt ei­ne Gemeinsam­keit ha­ben: Sie brau­chen das Werk bzw. die Re­ak­tio­nen dar­auf, die sie skandali­sieren und in­stru­men­ta­li­sie­ren nur als An­lass; ei­ne Lek­tü­re ist dann doch zu auf­wen­dig. Das hat in er­schüt­tern­der Wei­se die Dis­kus­si­on in Frank­reich ge­zeigt, in der Hou­ellebecq die Ver­brei­tung rechts­ex­tre­mer The­sen und so­gar Ras­sis­mus vor­ge­wor­fen wur­de.

Auch in Deutsch­land über­schlu­gen sich die Re­zen­sen­ten be­reits vor Er­schei­nen des Bu­ches mit ih­ren Ur­tei­len. Da­bei wur­de auch hier mit Akri­bie auf ei­ne po­ten­ti­el­le Is­lam­feind­lich­keit des Tex­tes bzw. des Au­tors ge­ach­tet, was aber­mals zeigt, dass das Feuil­le­ton zu­neh­mend die Rol­le des po­li­ti­schen An­stands­wau­waus wahr­neh­men möch­te, weil sich da­mit am mei­sten Di­stink­ti­on er­ar­bei­ten lässt. Noch selt­sa­mer als die­ser Ge­sin­nungs- und Re­zen­si­ons­wett­lauf mu­te­te die zu­wei­len auf­kom­men­de (ge­spiel­te?) Nai­vi­tät an, die fragt, war­um ei­gent­lich al­le jetzt plötz­lich ein li­te­ra­risch der­art mit­tel­mä­ssi­ges Buch be­spre­chen. Da­bei spielt es kei­ne Rol­le, dass das Ur­teil der li­te­ra­ri­schen Me­dio­kri­tät fast im­mer nur be­haup­tet wird; hand­fe­ste Be­le­ge feh­len zu­meist.

Ver­stopf­te Wasch­becken und Feh­ler in der Steu­er­erklä­rung

Der Plot des Ro­mans ist schnell er­zählt. Der Le­ser wird trans­for­miert in das Früh­jahr des Jah­res 2022. François, ein mü­der fran­zö­si­scher Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor an der Pa­ri­ser Sor­bon­ne, bald 44 Jah­re alt, der über Jo­ris-Karl Huys­mans dis­ser­tiert hat­te, weiß nicht mehr so recht, was er tun soll: »Mein In­ter­es­se für das Gei­stes­le­ben war sehr ab­ge­flaut, mei­ne ge­sell­schaft­li­che Exi­stenz war nicht zu­frie­den­stel­len­der als mei­ne kör­per­li­che, die ei­ne wie die an­de­re war ei­ne Ab­fol­ge klei­ner Wid­rig­kei­ten – ein ver­stopf­tes Wasch­becken, ei­ne nicht funk­tio­nie­ren­de In­ter­net­ver­bin­dung, Straf­punk­te für schlech­tes Fah­ren, be­trü­ge­ri­sche Putz­frau­en, Feh­ler in der Steu­er­erklä­rung -, die mich oh­ne Un­ter­lass quäl­ten und nie zur Ru­he kom­men lie­ssen.« Sei­ne Lie­bes­af­fä­ren sind im Semester­rhythmus ge­tak­tet. Nur mit der halb so al­ten My­ri­am ver­bin­det ihn mehr.

Es ist Mai, und der fran­zö­si­sche Prä­si­dent wird ge­wählt. Das Per­so­nal aus Pres­se und Po­li­tik, das Hou­ellebecq auf­mar­schie­ren lässt, ist re­al. Die Aus­nah­me ist Mo­ham­med Ben Ab­bes, der cha­ris­ma­ti­sche Vor­sit­zen­de des Bun­des der Mus­li­me. Ben Ab­bes wer­den gu­te Chan­cen auf die Stich­wahl ein­ge­räumt, wo­bei die Be­fürch­tun­gen da­hin ge­hen, dass es dann zu ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit Ma­ri­ne Le Pen, der Vor­sit­zen­den der rechts­extremistischen Front Na­tio­nal (FN) kom­men wird. In Pa­ris und an­de­ren Städ­ten kommt es der­wei­len zu An­schlä­gen und Zwi­schen­fäl­len mit To­ten, die in den of­fi­zi­el­len Me­di­en ver­schwie­gen wer­den. Schließ­lich sickern Ver­hand­lungs­er­geb­nis­se zwi­schen den So­zia­li­sten und Ben Ab­bes durch. In den mei­sten Fel­dern (Außen‑, In­nen- und Fi­nanz­po­li­tik) ist man sich weit­ge­hend ei­nig, le­dig­lich in Be­zug auf die Bil­dungs­po­li­tik, die is­la­mi­schen Ge­set­zen an­ge­passt wer­den soll, gibt es noch Dis­kre­pan­zen. Es scheint aus­ge­macht, dass die So­zia­li­sten für den zwei­ten Wahl­gang ei­ne Emp­feh­lung für die Mus­lim­par­tei aus­spre­chen wer­den.

My­ri­am ver­lässt mit ih­ren El­tern Frank­reich in Rich­tung Is­ra­el. Schon vor­her wird der la­tent wach­sen­de An­ti­se­mi­tis­mus (un­ter ei­nem so­zia­li­sti­schen Prä­si­den­ten!) ange­sprochen. Am Tag der Ent­schei­dung ver­lässt François früh mor­gens Pa­ris. Die Fahrt ist ge­spen­stisch. Rast­plät­ze und Tank­stel­len sind ent­we­der ge­schlos­sen oder aus­ge­raubt; er sieht Lei­chen. Schließ­lich lan­det er in Mar­tel. Schon un­ter­wegs gab es kei­nen Radio­empfang. In ei­nem Dorf schaut man BBC World Ser­vice. Es gab Un­ru­hen, aus ei­ni­gen Wahl­lo­ka­len sind Ur­nen ge­stoh­len wor­den, da­her ist die Wahl un­gül­tig und wird wie­der­holt. Am Mon­tag da­nach sind die Stra­ßen plötz­lich wie­der be­lebt, al­les scheint nor­mal. François trifft ei­nen ehe­ma­li­gen Ge­heim­dienst­mann, der ihn (und da­mit auch den Le­ser des Bu­ches) aus­gie­big über Ben Ab­bes in­for­miert. Te­nor: Es wird nicht so schlimm kom­men, wie man ge­mein­hin denkt. Als schließ­lich die Kon­ser­va­ti­ven und Li­be­ra­len (UMP und UDI) sich der Wahl­emp­feh­lung für die Mus­lim­par­tei an­schlie­ßen, um Le Pen und die Front Na­tio­na­le zu ver­hin­dern, ist der Aus­gang der Wahl klar.

François taucht für sechs Wo­chen ab, be­sucht die Schwar­ze Ma­don­na von Ro­ca­ma­dour. Er ver­sucht, sich – wie Huys­mans – dem Ka­tho­li­zis­mus an­zu­nä­hern. Schließ­lich kehrt er nach Pa­ris zu­rück. So­fort sicht­ba­re Ver­än­de­run­gen gibt es kaum. Frau­en tra­gen je­doch in­zwi­schen Ho­sen; Röcke und tie­fe Aus­schnit­te gibt es nicht mehr. Da er nicht er­reich­bar war, hat die »Is­la­mi­sche Uni­ver­si­tät Pa­ris-Sor­bon­ne« ihn ver­ren­tet, denn Universitäts­professor kann man nur noch mit mus­li­mi­schem Glau­ben wer­den. Da­bei zeigt man sich groß­zü­gig: Er be­kommt den Be­trag mo­nat­lich aus­ge­zahlt, den er bei wei­te­rer Be­schäf­ti­gung bis zum plan­mä­ßi­gen Ren­ten­al­ter er­hal­ten hät­te.

In kur­zer Zeit ster­ben François’ Mut­ter und sein Va­ter. In der ihm reich­lich ver­blie­be­nen Frei­zeit be­schäf­tigt er sich vor al­lem mit You­Porn und Anal­ver­kehr mit di­ver­sen Es­cort-Da­men um je­doch fest­zu­stel­len, dass ihn die Se­xua­li­tät als rei­ner Akt (d. h. oh­ne emo­tio­na­le Bin­dung) kaum mehr be­frie­digt. François ver­einsamt bin­nen we­ni­ger Mo­na­te. Er stürzt sich ins Selbst­mit­leid, be­kommt Wein­krämp­fe, denkt so­gar an Selbst­mord. Jetzt rächt sich, dass er kaum Freund­schaf­ten pfleg­te. Schließ­lich teilt ihm auch noch My­ri­am mit, dass sie in Is­ra­el »je­mand an­de­res« ge­fun­den ha­be, dort blei­be und die Ent­wick­lung in Frank­reich mit Sor­ge se­he. Auch das Stu­di­um von Huys­mans for­dert François nicht mehr her­aus. Den­noch macht er sich auf den Weg zum Klo­ster Li­gu­gé, in der Huys­mans Ru­he und Ein­kehr such­te. François’ Dok­tor­ar­beit ging von Huys­mans Kon­ver­si­on am En­de sei­nes Le­bens zum Ka­tho­li­zis­mus aus. Nun sucht auch er nach Spi­ri­tua­li­tät. Nach drei Ta­gen fährt er je­doch wie­der zu­rück nach Pa­ris, da er un­ter an­de­rem mit dem Rauch­ver­bot nicht klar­kommt. Dort lernt er den Prä­si­den­ten der Uni­ver­si­tät ken­nen, der ihn hof­fiert und ei­ne Rück­kehr in den Be­trieb schmack­haft macht. Lei­der be­haup­ten man­che ober­fläch­li­chen Le­ser in ih­ren Re­zen­sio­nen, François kon­ver­tie­re am En­de zum Is­lam, um wie­der leh­ren und sei­ne Re­pu­ta­ti­on ge­nie­ßen zu kön­nen. Hou­ellebecq hat je­doch die letz­ten Sei­ten im Kon­junk­tiv ver­fasst, so dass die Kon­ver­si­on nicht si­cher ist. Der letz­te Satz lau­tet: »Ich hät­te nichts zu be­reu­en.«

Selbst­hass und Min­ne-Ide­al

In dem der Un­sym­path, Ma­cho und Frau­en­ver­brau­cher François mit sich in der Welt ringt, ih­ren Sinn jen­seits ober­fläch­li­cher Ver­gnü­gun­gen und lang­wei­li­ger Literatur­exegesen sucht, ent­steht ei­ne Of­fen­heit, die dem selbst­zu­frie­de­nen Iro­ni­ker nicht mög­lich ist. Da­bei er­schei­nen die im Buch zahl­reich ver­wen­de­ten li­te­ra­ri­schen Re­fe­ren­zen (Bloy, Nietz­sche, Pé­guy) eher als ein­ge­streu­te Sät­ti­gungs­bei­la­ge für die Ka­da­ver­ver­wer­ter des Li­te­ra­tur­be­triebs. Selbst die Par­al­le­len zwi­schen François und Huys­mans die­nen nur als Or­na­ment, um die Idio­syn­kra­si­en der Fi­gur zu il­lu­strie­ren.

Wenn François bei­spiels­wei­se Huys­mans Se­xua­li­tät ana­ly­siert (bis auf ei­ne Aus­nah­me griff er auf Pro­sti­tu­ier­te zu­rück), sieht er sich in Wirk­lich­keit sel­ber: »Nicht nur der Sex hat­te für Huys­mans nie­mals die Be­deu­tung, die er [François] ihm un­ter­stell­te…« Da­mit cha­rak­te­ri­siert Hou­ellebecq ei­ner­seits das eher fru­strie­ren­de Se­xu­al­le­ben sei­nes Hel­den. An­de­rer­seits wer­den auch die Sprü­che François’ zu Frau­en und de­ren Ver­fü­gung re­la­ti­viert. In Wahr­heit ekelt sich François (wie auch Bru­no Kle­ment in »Elementar­teilchen«) vor der trieb­haf­ten Se­xua­li­tät als ei­ne Art Lei­stungs­sport, der am En­de nur ab­stumpft. Der Frau­en- oder auch Män­ner­ver­brauch hat mit Lie­be und Zärt­lich­keit, mit Nä­he, Wär­me und Auf­ge­ho­ben­sein nichts mehr zu tun. François gibt sich dem Sex zwar hin aber der ein­zig emp­fun­de­ne Eros Men­schen ge­gen­über be­geg­net ihm in der Li­te­ra­tur. Die mi­so­gy­nen Aus­sprü­che der Haupt­fi­gur sind des­sen ve­ri­ta­blem Selbst­hass ge­schul­det.

In Wirk­lich­keit ist das (un­er­reich­ba­re) Ide­al des Man­nes die Min­ne, die Lie­be zu ei­ner Frau, die je­der »Ver­un­rei­ni­gung« durch Se­xua­li­tät ent­ho­ben ist. An ei­ner Stel­le re­ka­pi­tu­liert François ei­ne Stel­le bei Huys­man über das »lau­war­me Glück al­ter Paa­re« mit »un­schul­di­gen Zärt­lich­kei­ten«. Hier zeigt sich Lie­be und auch Ero­tik jen­seits ex­zes­si­ver Kör­per­lich­keit. Die schnö­de Hatz nach mög­lichst vie­len und spek­ta­ku­lä­ren Or­gas­men, die dann ir­gend­wann doch aus­blei­ben, ist hier ob­so­let. Es ist ei­ne der merk­wür­dig­sten Vol­ten in »Un­ter­wer­fung«, dass François am En­de aus­ge­rech­net in der Po­ly­ga­mie des Is­lams, die dem Mann er­laubt, meh­re­re Frau­en zu hei­ra­ten, ei­ne be­son­de­re Wert­schät­zung für die Frau zu er­ken­nen glaubt.

Der fau­sti­sche Pakt der po­li­ti­schen Eli­ten

Der feh­len­de Idea­lis­mus sei­ner Haupt­fi­gur François er­laubt Hou­ellebecq nüch­ter­ne, durch kei­ner­lei Po­le­mik ver­zeich­ne­te Ein­sich­ten in das po­li­ti­sche Sy­stem Frank­reichs. Der lei­se Ab­schied des Ko­or­di­na­ten­sy­stems – rechts/konservativ ver­sus links im ste­ten Wech­sel, in­klu­si­ve der Ko­ha­bi­ta­ti­on – wird trocken, al­len­falls ein we­nig ver­wun­dert kon­ze­diert. Er ist nicht ein­mal des­il­lu­sio­niert, weil er nie­mals Il­lu­sio­nen heg­te. François macht sich Ben Ab­bes’ Ur­teil zu ei­gen, der Frank­reich als ei­ne »re­pu­bli­ka­ni­sche Me­ri­to­kra­tie« cha­rak­te­ri­siert. Wenn po­li­ti­sche Eli­ten im Ab­wehr­kampf ge­gen die rechts­na­tio­na­le FN sich in ei­ner Art fau­sti­schen Pakt mit dem is­la­mi­schen Kan­di­da­ten ver­bün­den, so ist dies am En­de nur ei­ne lo­gi­sche Ent­wick­lung ei­nes her­un­ter­ge­kom­me­nen kon­kor­dan­ten Ap­pa­rats. Vor lau­ter Furcht vor Le Pen – im­mer­hin droht der Aus­tritt aus Eu­ro und EU – wer­den die gra­vie­ren­den ge­sell­schaft­li­chen und so­zia­len Ver­än­de­run­gen, die die Mus­lim­par­tei of­fen kom­mu­ni­ziert, bil­li­gend im Kauf ge­nom­men. Lin­ke und Kon­ser­va­ti­ve den­ken vor al­lem an ih­re Pfrün­de. Die So­zia­li­sten be­an­spru­chen die Hälf­te der Mi­ni­ster­po­sten. Scharf­sich­tig stellt François fest, dass die Lin­ke mit der Scha­ria ei­ne Ge­sell­schafts­form nicht nur to­le­riert, son­dern ak­zep­tiert, die sie, wür­de sie vom FN auf­ge­bracht, als ras­si­stisch und men­schen­ver­ach­tend be­kämp­fen wür­de. Der Lai­zis­mus, ei­ner der Grund­pfei­ler der fran­zö­si­schen Re­pu­blik, wird still und lei­se auf­ge­ge­ben. An­de­re Wer­te ein­fach an­ge­passt.

Hou­ellebecq be­schreibt ei­nen mus­li­mi­schen Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen. Da­bei steht nichts we­ni­ger als die Fra­ge im Raum, ob man mit­tels de­mo­kra­ti­scher Wah­len die be­stehen­de Ge­sell­schafts­ord­nung der­art ra­di­kal ver­än­dern kann. Gleich­zei­tig be­kommt man die Fra­gi­li­tät des­sen zu spü­ren, was wir als un­ver­rück­ba­re Wer­te ei­ner plu­ra­li­sti­schen Ge­sell­schaft be­zeich­nen: Die Ge­set­ze und Pa­ra­gra­phen ste­hen am En­de nur auf dem Pa­pier. Und hier kön­nen sie ge­än­dert wer­den. Je­der­zeit. Es be­darf nur der ent­spre­chen­den Mehr­hei­ten.

Hin­zu kommt, dass Ben Ab­bes kein fun­da­men­ta­li­sti­scher Sala­fi­sten­pre­di­ger und noch we­ni­ger ein Scheich aus ir­gend­ei­nem Ope­ret­ten-Emi­rat ist. Er er­hält zwar um­fang­rei­che fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung aus Sau­di-Ara­bi­en, zeigt aber durch­aus ei­nen ei­ge­nen po­li­ti­schen Kopf. Das Land pro­spe­riert. Wer sich den neu­en Ge­ge­ben­hei­ten nicht an­passt, wird nicht phy­sisch be­droht, son­dern mit der be­din­gungs­lo­sen Ver­ren­tung groß­zü­gig kalt­ge­stellt.

Das Ver­sa­gen der de­mo­kra­ti­schen Kräf­te er­in­nert den deut­schen Le­ser an die Wei­ma­rer Re­pu­blik, in der links- wie rechts­au­ßen den Bür­ger­krieg auf die Stra­ßen tru­gen (min­de­stens in Ber­lin) und die Ho­no­ra­tio­ren von SPD, Zen­trum und Li­be­ra­len sich der Il­lu­si­on hin­ga­ben, es kom­me wohl nicht so schlimm. Im Buch gibt es ei­nen an­ge­deu­te­ten Bür­ger­krieg zwi­schen den »Iden­ti­tä­ren«, die sich als »Ur­ein­woh­ner Eu­ro­pas« de­fi­nie­ren (völ­kisch, an­ti­is­la­misch, an­tiglo­ba­li­stisch und an­ti­ame­ri­ka­nisch; kurz: ei­ne Va­ri­an­te de­rer, die sich in Deutsch­land »Pe­gi­da« nen­nen) und ra­di­ka­len Mus­li­men, de­nen Ben Ab­bes zu li­be­ral ist.

Die Über­for­de­rung

Hou­ellebec­qs The­se: Die Mo­der­ne mit ih­ren Mög­lich­kei­ten, Frei­hei­ten aber auch Ri­si­ken über­for­dert auf Dau­er die Men­schen. Der Staat kann nur noch die mi­ni­mal­sten Be­dürf­nis­se stil­len; so et­was wie Ge­mein­schaft und Zu­sam­men­halt exi­stiert nicht. Die gro­ßen Ver­spre­chun­gen er­wei­sen sich als Schein. Pe­ter Slo­ter­di­jk for­mu­lier­te in sei­nem Buch »Die schreck­li­chen Kin­der der Neu­zeit« die Mo­der­ne als die Zeit, in der die tra­di­tio­nel­len Be­zugs­grö­ßen wie Fa­mi­lie und Tra­di­tio­nen ero­die­ren und der »Ba­stard«, das un­ehe­li­che bzw. sich von sei­nen El­tern rück­sichts­los eman­zi­pie­ren­de Kind, al­le Brücken hin­ter sich ab­bricht und die Ge­sell­schaft so lau­fend Wand­lun­gen er­fährt. François ist in die­sem Sin­ne der ty­pi­sche »Ba­stard« der Mo­der­ne: Sei­ne Mut­ter ist für ihn ei­ne »neu­ro­ti­sche Hu­re« ge­we­sen und von sei­nem Va­ter weiß er kaum et­was. Der Tod der El­tern lässt ihn gleich­gül­tig. Ben Ab­bes dreht die­se Ent­wick­lung zu­rück: Fa­mi­lie und De­mo­gra­phie wer­den zu Pfei­lern der neu­en Ge­sell­schafts­ord­nung. Es wird kei­ne »schreck­li­chen Kin­der« mehr ge­ben.

In der Fi­gur François zeigt sich, dass die »Sprün­ge nach vorn« (Nietz­sche), die man als Mo­der­ne be­zeich­nen könn­te, so­gar ei­nen Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor über­for­dern und auf Dau­er me­ta­phy­sisch ob­dach­los las­sen. Wie sol­len sich denn erst die mus­li­mi­schen Ju­gend­li­chen aus den Ban­lieus, die oh­ne Ar­beit und Per­spek­ti­ve in den Tag hin­ein le­ben, ver­hal­ten? Hou­ellebecq be­nutzt den Be­zug auf Huys­mans, um zu zei­gen: auch der Ka­tho­li­zis­mus bie­tet kei­ne Al­ter­na­ti­ve mehr. Er ist be­reits zu sehr auf die Re­geln und Wer­te der Mo­der­ne ein­ge­gan­gen. Ver­sinn­bild­licht wird dies am Klo­ster Li­gu­gé: Durch ei­ne viel­be­fah­re­ne TGV-Strecke gibt es kaum noch die Stil­le wie zu Zei­ten des frü­hen 20. Jahr­hun­derts. Der Kir­chen­neu­bau ist von ei­ner ab­grund­tie­fen Häss­lich­keit. Die Stun­den­ge­be­te wer­den see­len­los ab­ge­spult. Sym­bol für die Usur­pa­ti­on durch die Mo­der­ne ist schließ­lich der Rauch­mel­der, der die an­son­sten kar­gen (und auch wohl kal­ten) zel­len­ähn­li­chen Zim­mer so­zu­sa­gen spi­ri­tu­ell ver­schan­delt.

Was ist al­so zu tun? Meh­re­re Ma­le wird im Buch von den Won­nen oder, neu­tra­ler, Vor­tei­len ei­ner Un­ter­wer­fung er­zählt. Zum ei­nen als François als Sti­pen­di­at sich in­ner­lich frei wähn­te, die Dis­ser­ta­ti­on zu schrei­ben, die er woll­te. Er hat­te kei­ner­lei Ob­struk­tio­nen hin­zu­neh­men – was sich im Uni­ver­si­täts­be­trieb als Do­zent und spä­ter als Pro­fes­sor schlag­ar­tig än­der­te. Oder wenn sei­ne jun­ge Freun­din My­ri­am in ih­rer (jü­di­schen) Fa­mi­lie wohl auf­ge­ho­ben ist und wie selbst­ver­ständ­lich die Emi­gra­ti­on nach Is­ra­el mit ih­ren El­tern be­glei­tet. Schließ­lich be­nei­det er so­gar Huys­mans’ Kon­ver­si­on zum Ka­tho­li­zis­mus. Ein Ver­hal­ten, dass ein gro­ßer fran­zö­si­scher Den­ker, Al­bert Ca­mus, als un­mög­lich für ei­nen Gei­stes­men­schen gei­ßel­te. Aber Ca­mus kommt bei François schlecht weg: Er und Sart­re wer­den un­ter dem Ru­brum »Hans­wur­ste der en­ga­gier­ten Li­te­ra­tur« ab­ge­han­delt.

Es ist die Tran­szen­denz

Die Un­ter­wer­fung un­ter das Klo­ster­le­ben miss­lingt. Plötz­lich wird der Is­lam mit sei­nen bis ins klein­ste ge­re­gel­ten Ab­läu­fen at­trak­tiv. Nie­mand fällt mehr aus der Ge­mein­schaft. Ver­ant­wor­tung kann de­le­giert oder auf ei­ne brei­te­re Ba­sis ab­ge­scho­ben wer­den. Die Un­ter­ord­nung als Räd­chen im Ge­trie­be be­freit mehr als je­de wirt­schafts­li­be­ra­le Pa­ro­le von »Je­der ist sei­nes Glückes Schmied«, die ei­ne Frei­heit nur vor­spie­gelt, denn wer den »fal­schen« Uni­ver­si­täts­ab­schluss be­sitzt, hat kei­ne Chan­ce. Aber es geht François nicht um Kar­rie­re, son­dern um Zu­wen­dung, et­was, was ein in­sti­tu­tio­na­li­sier­ter So­zi­al- und Wirt­schafts­staat mit sei­nen mehr oder we­ni­ger ab­strak­ten Ge­set­zen nicht zu bie­ten ver­mag. Mit Scho­pen­hau­er ge­spro­chen: Die frie­ren­den Sta­chel­tie­re su­chen Nä­he. Der Is­lam bie­tet sie an.

Er­staun­lich, dass im Buch nur we­ni­ge Par­al­le­len zu den fa­schi­sti­schen (und kom­mu­ni­sti­schen) Ge­sell­schafts­ent­wür­fen ge­zo­gen wer­den. Auch hier wur­de dem Sub­jekt ei­ne Ge­mein­schaft ver­spro­chen, für die er sei­nen In­di­vi­dua­lis­mus nicht di­rekt auf­ge­ben, aber zu­min­dest neu po­si­tio­nie­ren muss­te. Oh­ne es an­zu­spre­chen, er­scheint der Is­lam in »Un­ter­wer­fung« als Va­ri­an­te ei­ner fa­schi­stoi­den Ge­sell­schafts­norm, die, im Ge­gen­satz zu den to­ta­li­tä­ren Sy­ste­men des 20. Jahr­hun­derts, auch noch Tran­szen­denz bie­tet. Der »Füh­rer« ist kein Mensch son­dern Gott. Die »Ge­set­ze« Got­tes sind aber mehr als nur Pa­pier ei­nes re­pu­bli­ka­ni­schen Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus, des­sen Wer­te von ih­ren Re­prä­sen­tan­ten auf dem Al­tar des Macht­er­halts ge­op­fert wer­den. Ben Ab­bes’ In­ter­pre­ta­ti­on des Is­lam ist prag­ma­tisch. Mo­der­ne Tech­no­lo­gi­en wer­den nicht per se ver­teu­felt. Chri­sten (und auch Ju­den) ha­ben von ihm an­schei­nend nichts zu be­fürch­ten. Teil­wei­se er­in­nert er an Ta­riq Ra­ma­dan, der im Buch als je­mand klas­si­fi­ziert wird, der die Scha­ria als »re­vo­lu­tio­nä­re Op­ti­on« dar­stellt, aber sich als an­ti­ka­pi­ta­li­sti­scher Lin­ker dis­qua­li­fi­ziert, wäh­rend der fik­ti­ve Ben Ab­bes den »Dis­tri­bu­tis­mus« ein­füh­ren möch­te, ei­ne Art drit­ten Weg zwi­schen Ka­pi­ta­lis­mus und So­zia­lis­mus.

Schwä­chen

Schon ei­ne ober­fläch­li­che Lek­tü­re macht klar: »Un­ter­wer­fung« ist kein »is­la­mo­pho­bes« Buch. In dem Ma­ße wie sich die­se Er­kennt­nis im Me­di­en­zir­kus fest­setz­te, be­gann auch schon das Des­in­ter­es­se. Der »Skan­dalau­tor« hat­te schein­bar nur ein Skan­däl­chen ge­lie­fert: Die Dys­to­pie sei »un­rea­li­stisch«, so hieß es ge­le­gent­lich. Mit ähn­li­chem Ur­teil hät­ten sie ver­mut­lich auch Or­wells »1984« ab­ge­schmet­tert.

Der Ein­wand ist al­ler­dings nicht ganz von der Hand zu wei­sen. 2022 ist ak­tu­ell sie­ben Jah­re ent­fernt. Bis da­hin müss­ten sich, um ein Er­geb­nis von 22,3 % im er­sten Wahl­gang zu er­zie­len, min­de­stens 8 Mil­lio­nen Wäh­ler für ei­ne mus­li­mi­sche Par­tei ent­schie­den ha­ben (bei ei­ner Wahl­be­tei­li­gung von rd. 80%). Das zeigt, dass der Blick in die Zu­kunft zu kurz ge­wählt ist. Der­zeit le­ben in Frank­reich ca. 6 Mil­lio­nen Mus­li­me, von de­nen vor­sich­ti­gen Schät­zun­gen nach nur un­ge­fähr 50% wahl­be­rech­tigt sind. Die Crux: Weil Hou­ellebecq je­doch nicht auf das Na­me­drop­ping der ak­ti­ven Po­li­ti­ker ver­zich­ten und sie ent­spre­chend vor­füh­ren woll­te (be­son­ders schlecht kom­men Hol­lan­de, Ba­y­ou und die bei­den Le Pens [Va­ter und Toch­ter] weg), durf­ten es nur sie­ben Jah­re sein.

Ein wei­te­rer Punkt ist, dass Hou­ellebecq die eu­ro­pa­po­li­ti­schen Ab­läu­fe we­nig glaub­haft dar­stellt. Prä­si­dent Ben Ab­bes sorgt bin­nen we­ni­ger Mo­na­te da­für, dass sich der Wunsch der »Mit­tel­mee­ri­schen Uni­on« – zu­letzt vom kon­ser­va­ti­ven Ni­co­las Sar­ko­zy wäh­rend sei­ner Prä­si­dent­schaft ins Spiel ge­bracht – rea­li­siert. Al­ge­ri­en, Ma­rok­ko, Tu­ne­si­en, Ägyp­ten, der Li­ba­non und vor al­lem die Tür­kei wer­den prak­tisch über Nacht in die EU in­te­griert. In Bel­gi­en re­giert eben­falls ein mus­li­mi­scher Re­gie­rungs­chef (die Be­grün­dung, die Hou­ellebecq in dem Ro­man fin­det ist pfif­fig: Wal­lo­nen und Fla­men hät­ten sich so­lan­ge ge­gen­sei­tig an der Re­gie­rung ge­hin­dert, dass die Mus­lim­par­tei, die über­sprach­lich agier­te, als la­chen­der Drit­te re­üs­sie­ren konn­te) und in »Hol­land«, »Eng­land« und Deutsch­land sei­en mus­li­mi­sche Par­tei­en in der Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on (in »Eng­land« ist das al­lei­ne auf­grund des Wahl­rechts schwer vor­stell­bar).

Hou­ellebecq er­zählt, wie Frank­reich nach der Macht­über­nah­me von Ben Ab­bes auf­zu­blü­hen scheint. Deut­sche ken­nen ei­ni­ges da­von noch durch die Er­zäh­lun­gen ih­rer El­tern oder Groß­el­tern. Die Kri­mi­na­li­tät sinkt, die Ar­beits­lo­sig­keit auch (die Frau­en fal­len prak­tisch voll­stän­dig aus dem Ar­beits­markt und wer­den mit »Fa­mi­li­en­zu­la­gen« ge­kö­dert) und die Im­mo­bi­li­en­prei­se flo­rie­ren, da es in Sau­di-Ara­bi­en schick ist, ei­nen Zweit­wohn­sitz in Frank­reich zu ha­ben. Der sich vor der Wahl im­mer be­droh­li­cher aus­brei­ten­de Bür­ger­krieg wird je­doch nicht mehr er­wähnt. Und was ist mit den »Iden­ti­tä­ren«, die Hou­ellebecq in Form ei­nes Kol­le­gen von François zu Be­ginn ein­führt? Auch hier lässt er den Fa­den ab­rei­ßen.

Ver­drän­gung

Al­les nur bü­ro­kra­ti­sche Ein­wän­de? Viel­leicht. Aber ist Li­te­ra­tur die­ser Art von jeg­li­cher Plau­si­bi­li­tät be­freit? War­um hat Hou­ellebecq 2022 ge­nom­men und nicht 2032? Er hät­te sich al­le Frei­hei­ten neh­men kön­nen; Frei­hei­ten, die nun dem ra­tio­nal den­ken­den Le­ser eher un­wahr­schein­lich er­schei­nen. Ei­ner­seits soll wo­mög­lich durch die Un­mit­tel­bar­keit der sie­ben Jah­re ein ge­wis­ser Schock­ef­fekt er­zeugt wer­den. Die­ser wird je­doch durch das auch von Hou­ellebecq als na­he­zu un­mög­lich kon­ze­dier­te Sze­na­rio auf­ge­weicht. Zu­dem wur­de mit dem Ich-Er­zäh­ler François ei­ne Mi­schung aus Oblo­mow, Meur­s­ault und Stoner ge­schaf­fen, den sich der Le­ser ge­hö­rig auf Ab­stand hal­ten kann. Wie fast al­le Fi­gu­ren Hou­ellebec­qs ist François kein Zy­ni­ker: Hu­ma­ni­sti­sche Idea­le, der Glau­ben an die Mo­ral des Men­schen, die Auf­klä­rung sind für ihn zu­nächst nur Be­grif­fe. Auch mit dem fran­zö­si­schen Pa­trio­tis­mus kann er nichts an­fan­gen. Die­ser ha­be nur zwi­schen 1792 und 1917 exi­stiert. Ei­ne Flucht in die Iro­nie, den Sar­kas­mus bleibt die­ser Fi­gur ver­wehrt. Da­mit büßt er je­doch schnell Sym­pa­thi­en ein, da sich die Li­te­ra­tur­ex­ege­ten be­vor­zugt an Zy­ni­kern oder Iro­ni­kern ab­ar­bei­ten.

Die deut­sche Kri­tik hat ei­nen Weg ge­fun­den, sich das Buch vom Hals zu hal­ten. Man ver­stän­digt sich mehr­heit­lich, dass »Un­ter­wer­fung« ei­ne Sa­ti­re sei. Da­mit ist man von der Aus­ein­an­der­set­zung mit den Fra­gen und Pro­blem­stel­lun­gen, die im Ro­man auf­ge­wor­fen wer­den, weit­ge­hend be­freit; der Fall ist er­le­digt. Im Buch sel­ber ist die­se Art der Ver­drängung be­schrie­ben: »Wahr­schein­lich ist es für Men­schen, die in ei­nem be­stimm­ten so­zia­len Sy­stem ge­lebt und es zu et­was ge­bracht ha­ben, un­mög­lich, sich in die Per­spek­ti­ve sol­cher zu ver­set­zen, die von die­sem Sy­stem nie et­was zu er­war­ten hat­ten und ei­ni­ger­ma­ßen un­er­schrocken auf sei­ne Zer­stö­rung hin­ar­bei­ten.« So hat Hou­ellebecq die deut­sche Re­zep­ti­ons­ge­schich­te sei­nes Ro­mans vor­weg ge­nom­men.

Nur so­viel: Der Ro­man ist na­tür­lich kei­ne Sa­ti­re. So­wohl François wie auch Hou­ellebecq lie­gen zy­ni­scher Spott ge­nau so fern wie die dümm­li­chen »Frank­reich den Franzosen«-Reden der Rech­ten oder das Pa­thos der im Buch so dau­er­haft ver­ach­te­ten linksbour­geoisen Schicke­ria, wel­che die schlei­chen­den ge­sell­schaft­li­chen Trans­for­ma­tio­nen nicht wahr­ha­ben will bzw. idyl­li­siert. »Un­ter­wer­fung« ist ei­ne in nüch­ter­nem Duk­tus ver­fass­te Em­pö­rung über den ver­harm­lo­sen­den Um­gang mit den so­zia­len wie auch öko­no­mi­schen Pro­ble­men ei­ner sich nur noch vor­der­grün­dig re­pu­bli­ka­nisch-de­mo­kra­tisch ge­ben­den Ge­sell­schaft, de­ren po­li­ti­sche Eli­te nur noch mit Macht­ge­win­nung bzw. –er­halt nebst ent­spre­chen­den Pen­si­ons­an­sprü­chen be­schäf­tigt ist. Die Fol­ge die­ser Ver­drän­gun­gen: Ir­gend­wann be­steht die Wahl nur noch zwi­schen Pest und Cho­le­ra. Man hät­te den Ro­man in die­sem Punkt eben­so »Ver­blen­dung« nen­nen kön­nen, wenn der Ti­tel nicht schon an­der­wei­tig be­setzt ge­we­sen wä­re.

Es wird mehr als deut­lich, dass ei­ne »Un­ter­wer­fung« un­ter ei­ne Re­li­gi­on kei­ne in­tel­lek­tu­ell zu recht­fer­ti­gen­de Mög­lich­keit dar­stellt, selbst wenn François sich die­ser dann doch hin­ge­ben soll­te. Er sei un­po­li­tisch ge­we­sen »wie ein Hand­tuch« heißt es ein­mal. Mit ein biss­chen Mü­he er­kennt man da­hin­ter nicht nur Re­si­gna­ti­on, son­dern viel­leicht auch ei­ne Spur des Be­dau­erns. Aber war­um soll­te man sich en­ga­gie­ren, wenn schon den Eli­ten das Land gleich­gül­tig ist? Ur­sprüng­lich soll­te das Buch »Be­keh­rung« hei­ßen. Aber dies wä­re un­zu­tref­fend ge­we­sen, denn be­kehrt ist François nicht, selbst wenn er die Kon­ver­si­on wa­gen soll­te. Er ist höch­stens kor­rum­piert – und da­mit ex­akt auf dem Ni­veau de­rer, die er so ver­ach­tet. »Un­ter­wer­fung« ist ein Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment, das zeigt, wo­hin po­li­ti­scher Op­por­tu­nis­mus füh­ren kann und dass ei­ne De­mo­kra­tie vor der In­fil­tra­ti­on ih­rer Geg­ner nicht ge­feit ist. Wir müs­sen uns Mi­chel Hou­ellebecq als ei­nen un­glück­li­chen Men­schen vor­stel­len.

28 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zi­zek kei­ne Sex-Ob­ses­si­on?! Sie mei­nen, er hat die Geil­heit zum Ge­dan­ken er­ho­ben...
    Any­ways, der Ro­man ist nicht rea­li­stisch. Ich glau­be, dass die Re­al-Be­zü­ge eher die Re­fle­xi­ons-Ebe­ne des Ro­mans bil­den, al­so die Jetzt­zeit wi­der­spie­geln. Das Jetzt ist Den­ken, die Er­eig­nis­se in der Zu­kunft Er­zäh­lung. So ver­ste­he ich es.
    Die Fehl­lei­stun­gen der Öf­fent­li­chen Kri­tik sind bald schon ein »zwei­tes Werk«. Ich hab dar­an mei­ne Freu­de. Die »Un­ter­wer­fung« konn­te nicht zeit­geist­ge­mäß zur »Ver­ei­nah­mung« um­ge­schrie­ben wer­den. Der »wah­re« Le­ser lechzt ja da­nach, vom Be­kann­ten und Gou­tier­ten er­neut fas­zi­niert, er­neut be­stä­tigt zu wer­den. Wie man weiß, ist DIE GESAMTE LITERATUR nichts wei­ter als ein Fort­set­zungs­ro­man.

  2. Oh, ich hab’ den Link zu Zi­zek ver­ges­sen. Dann wird auch mein Satz auch et­was we­ni­ger opak: http://www.newstatesman.com/world-affairs/2015/01/slavoj-i-ek-charlie-hebdo-massacre-are-worst-really-full-passionate-intensity

    Bei Glanz & Elend gibt es auch ei­ne sehr aus­führ­li­che Ana­ly­se, die Hou­ellebecq und sei­nen Ro­man kul­tur­hi­sto­risch / eli­ten­so­zio­lo­gisch ein­ord­nen: http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/h/michel-houllebecq-unterwerfung-brinkemper.htm

  3. Die Ana­ly­se von Zi­zek muss selbst auf den Prüf­stand, da­für bräuch­te man ei­nen ei­ge­nen Ar­ti­kel.
    Er prä­sen­tiert ei­gent­lich nur sein ak­tu­el­les The­ma: der Li­be­ra­lis­mus braucht ei­ne »er­neu­er­te Lin­ke«, sonst drif­ten die li­be­ra­len (schwach lin­ken) Pu­bli­zi­sten im­mer in ei­ne Ver­tei­di­gungs-Apo­lo­gie, die der Kri­se des We­stens nicht an­ge­mes­sen ist. Er at­te­stiert ih­nen ein un­pas­sen­des Über-Ich, ei­ne Ver­ant­wort­lich­keit, die ih­nen auf­ge­zwun­gen wur­de.
    Das kann man so se­hen, oder... es ist al­les ganz an­ders.
    Dass der Kon­flikt zwi­schen den Is­la­mi­sten und dem links-li­be­ra­len Main­stream ein asym­me­tri­scher, ein »fal­scher« Kon­flikt ist, wür­de ich un­ter­schrei­ben. But was the­re any TRUE con­flict in hi­sto­ry, at all?!

  4. Pingback: Ist das die Islamisierung des Abendlandes? Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“

  5. »Da­bei steht nichts we­ni­ger als die Fra­ge im Raum, ob man mit­tels de­mo­kra­ti­scher Wah­len die be­stehen­de Ge­sell­schafts­ord­nung der­art ra­di­kal ver­än­dern kann. «
    .
    In ei­nem Ro­man kann (darf) man mehr als im rea­len – ba­na­len – Le­ben, sonst wär’s ja lang­wei­lig und Ro­ma­ne wä­ren über­flüs­sig.

  6. »Un­ter­wer­fung« ha­be ich nicht ge­le­sen, wohl aber das mei­ste, was Hou­ellebecq da­vor ver­öf­fent­licht hat (sei­nen er­sten Ro­man ha­be ich über­setzt). Mir ist die­ser Au­tor in dem Maß fern­ge­rückt, in dem er sich dem Spiel der Mas­sen­me­di­en hin­ge­ge­ben hat, an­fangs, um es zu kon­ter­ka­rie­ren, dann aber mehr und mehr als Teil des Spiels. So, wie er in die­ser Re­zen­si­on be­schrie­ben wird, liegt der neue Ro­man auf der­sel­ben Li­nie (et­was von »Kar­te und Ge­biet«). Es scheint sich um ei­nen The­sen­ro­man zu han­deln, der vor al­lem mit me­dia­len und me­di­al wirk­sa­men, nach Mög­lich­keit pro­vo­ka­ti­ven Ele­men­ten ope­riert. Da­durch wird der Schmerz – ein schwar­zer, ab­grund­tie­fer Schmerz, den ich gut nach­voll­zie­hen konn­te – in den Er­zäh­lun­gen selbst auf Di­stanz ge­hal­ten. Ver­ständ­lich, aber der li­te­ra­ri­schen Qua­li­tät nicht so zu­träg­lich. Vom kru­den, künst­le­risch oft frap­pie­ren­den Selbst­aus­druck (wie in »Aus­wei­tung der Kampf­zo­ne« und »Ele­men­tar­teil­chen«) zu end­lo­sen, not­dürf­tig li­te­ra­ri­sier­ten Schar­müt­zeln mit dem, was heu­te das Estab­lish­ment ist.

  7. Ehe ich ver­ges­se: Sehr schön in der Re­zen­si­on die Be­ob­ach­tung der »ein­ge­streu­ten Sät­ti­gungs­bei­la­ge für die Ka­da­ver­ver­wer­ter des Li­te­ra­tur­be­triebs«. Durch di­gi­ta­le Such­ma­schi­nen wird sol­ches Ka­da­ver­ver­wer­ten un­ge­heu­er ge­för­dert. Wir Kri­ti­ker, ob Pro­fis oder nicht, soll­ten uns vor Au­gen füh­ren, daß Zi­ta­te und An­spie­lun­gen zu ent­decken längst kei­ne Kunst mehr ist, son­dern... sie­he oben.

  8. @Leopold Fe­der­mair
    Hou­ellebecq ahnt ver­mut­lich, dass ei­ne li­te­ra­ri­sche Aus­ar­bei­tung sei­nes Schmer­zes we­ni­ger pro­fi­ta­bel wä­re als das Estab­lish­ment fron­tal zu skan­da­li­sie­ren. Dass da­bei die Li­te­ra­tur auf der Strecke bleibt, nimmt er (im fast wört­li­chen Sinn) in Kauf. Ob er je­mals ein gro­ßer Li­te­rat war, ver­mag ich nicht zu be­ur­tei­len. Er war für mich ei­gent­lich im­mer ein Plot-Schrift­stel­ler, der mit poin­tier­ten Be­mer­kun­gen zu ge­sell­schaft­li­chen The­men Auf­merk­sam­keit er­zeu­gen woll­te. Im Ge­gen­satz zu vie­len an­de­ren ka­men sei­ne Dia­gno­sen nicht vom links­in­tel­lek­tu­el­len Main­stream, den er ver­ach­tet. Dass hin­ter die­ser Skan­dal-Fas­sa­de ei­ne Sehn­sucht, ei­nen Schmerz gab, spielt im Li­te­ra­turzir­kus kei­ne Rol­le. Das hat er aber sel­ber zu ver­ant­wor­ten, da es ihm an ei­ner ge­wis­ser Ernst­haf­tig­keit man­gelt.

  9. Als »Aus­wei­tung der Kampf­zo­ne« in Frank­reich er­schien, war Hou­ellebecq ein No­bo­dy. In sei­nem Erst­ling mischt er kühn die Gen­res, pla­ziert ab­stru­se und doch wie­der tief­sin­ni­ge Tier­fa­beln, ar­bei­tet ei­ne poe­tisch-so­zio­lo­gi­sche Theo­rie aus (Neo­li­be­ra­lis­mus in mensch­li­chen Be­zie­hun­gen), die da­mals noch et­was Un­er­hör­tes hat­te, ent­wirft knap­pe, ät­zen­de Por­träts von Zeit­ge­nos­sen, nicht von Me­di­en­ty­pen, son­dern von so­ge­nann­ten nor­ma­len Men­schen, ar­men Schwei­nen, ver­zwei­felt Kämp­fen­den (wie je­ner Prie­ster in der Ban­lieue, der sei­ne geist­li­che Be­ru­fung ver­lo­ren hat). Zu­gleich hat­te das Gan­ze et­was Tra­shi­ges, Di­let­tan­ti­sches. Letz­tes Jahr ist in Frank­reich ein an­de­rer, sehr jun­ger Au­tor her­vor­ge­tre­ten, ein Jüng­ling ge­ra­de­zu, Edouard Lou­is, der mit sei­nem So­zio­lo­gis­mus an den frü­hen Hou­ellebecq er­in­nert. Im Ver­gleich zu die­sem al­ler­dings pen­nä­ler­haft, brav ge­sell­schafts­kri­tisch, und gar zu am­bi­tio­niert. Hou­ellebecq hat­te et­was von ei­nem poète mau­dit und wird es wahr­schein­lich nie ganz ver­lie­ren. Schreibt auch im­mer noch Ge­dich­te (in un­poe­ti­scher Zeit).

  10. @ Leo­pold
    Da ich nicht viel ge­le­sen ha­be, die Fra­ge: Was hal­ten Sie für sein be­stes Buch?!

  11. Ich fin­de »Aus­wei­tung der Kampf­zo­ne« li­te­ra­risch am in­ter­es­san­te­sten, »Ele­men­tar­teil­chen« auch ziem­lich gut, das Sci­ence-Fic­tion-Mo­ment ist da wirk­lich noch ein sol­ches, nicht die­ses locke­re In-die-na­he-Zu­kunft-Schrei­ben wie im neu­en Ro­man, das zur Ma­sche ge­wor­den ist. »Platt­form« ist der er­ste Ro­man (der drit­te in der Chro­no­lo­gie), der mit me­dia­len Pro­vo­ka­tio­nen spe­ku­liert – ich wür­de sa­gen, der er­ste »schlech­te« H.-Roman.
    Bei al­ler Kri­tik: Ge­rührt war ich von dem In­ter­view, das er kurz nach dem Char­lie-Heb­do-At­ten­tat ge­ge­ben hat. Da konn­te man die­ses ver­letz­te Kind se­hen – ein Kind, das an sich hält und sei­ne Er­schüt­te­rung zu ver­mit­teln im­stan­de ist. Durch un­kon­ven­tio­nel­le, un­be­wuß­te Zei­chen wie Fin­ger­nä­gel­knab­bern vor der Ka­me­ra.

  12. Die Per­son H. rührt mich auch. Ich ha­be ger­ne al­le In­ter­views ge­le­sen, die nach den Le­sun­gen in D er­schie­nen sind. Es wa­ren tat­säch­lich 5 aus­führ­li­che In­ter­views im Who’s‑who der Ta­ges­zei­tun­gen.
    Tat­säch­lich rührt mich die­ses Di­lem­ma, das er im­mer wie­der for­mu­liert. Die­se Nir­gend­wo-Exi­stenz, au­ßer­halb der Re­li­gi­on, ver­senkt im In­ne­ren der spät­mo­der­nen Ge­sell­schaft, die na­tür­lich kei­ne Sehn­suchts­or­te mehr an­bie­tet. Der skep­ti­sche Geist hat die A****karte be­kom­men, die sich di­rekt aus der Ent­wick­lungs­lo­gik der abend­län­di­schen Ge­schich­te ab­lei­tet. Die dys­to­pi­sche Sen­ke.

  13. Ja, FAUST ist viel­leicht die er­ste Ver­si­on. Ei­ne Wet­te mit dem Teu­fel, aber ei­ne ver­rück­te Wet­te: ent­we­der »ich« be­kom­me die Er­fül­lung, von der ich nicht ge­nau weiß, wor­in sie be­steht, oder der Teu­fel kriegt mei­ne schlap­pe See­le, wo­bei »ich« so­wie­so nicht an den Teu­fel glau­be. Das ist ein we­nig kin­disch, aber es be­schreibt schon den An­fang vom En­de, das die Mo­der­ne für ge­wis­se Gei­ster pa­rat hält. Und es ent­hält die Fahr­läs­sig­keit, mit der man dar­auf zu­steu­ert.

  14. Auf­klä­rung tut not.
    Dass Mi­chel vom Athe­isten zum Agno­sti­ker wur­de, oder es zu­min­dest be­haup­tet an­läss­lich To­des­fäl­ler in sei­nem Um­kreis, ist ei­ne be­denk­li­che Schlap­pe.
    Kant le­sen, will ich ra­ten.

  15. @die kal­te So­phie
    Der Teu­fel ist ja bei Goe­the exi­stent (und sei es als Me­ta­pher für den Ka­pi­ta­lis­mus, wie in Faust II). Dem­nach wä­re die Mo­der­ne das Zeit­al­ter, in dem me­phi­sto­phe­li­sche Pak­te at­trak­tiv wer­den, weil an­son­sten dem In­tel­lek­tu­el­len die Sinn- und Exi­stenz­kri­se droht. Post­mo­der­ne wä­re dann, wenn die Sä­ku­la­ri­sie­rung so­weit fort­ge­schrit­ten ist, dass nicht ein­mal mehr der Teu­fel als Be­dro­hung (oder Ver­su­chung) exi­stiert. Das wür­de wie­der auf Hou­ellebec­qs Ro­man ver­wei­sen: Die Flucht in die (re­li­giö­se) Un­ter­wer­fung als ein­zig ver­füg­ba­res Roll­back. Das ist im üb­ri­gen nicht auf den Is­lam be­schränkt; sie­he die Evan­ge­li­ka­len in den USA.

  16. @holio
    Die Auf­klä­rung ist m. E. längst zum In­tel­lek­tu­el­len-Fe­tisch für Sonn­tags­re­den ge­wor­den. Sie lässt im üb­ri­gen durch­aus Agno­sti­ker zu. Die Ver­knüp­fung Auf­klä­rung mit Athe­is­mus ist ei­ne Vol­te des 20. Jahr­hun­derts, die Rous­se­au schlicht­weg per­ver­tier­te. Der Is­lam hat kei­ne ver­gleich­ba­re Auf­klä­rung wie die in Eu­ro­pa mit­ge­macht. Die Uni­ver­sa­li­tät der Wer­te, die in der eu­ro­päi­schen Auf­klä­rung ge­fei­ert wer­den, wer­den nicht über­all als zwin­gend vor­aus­ge­setzt. Das kann man ja kri­ti­sie­ren und ver­su­chen ab­zu­schaf­fen, aber man soll­te es zu­nächst ein­mal zur Kennt­nis neh­men.

  17. @#17

    Na­ja, schon, der un­ge­deck­te Wert, auf Ver­trau­en ba­sie­rend.
    »Da­mit die Wohl­tat al­len gleich ge­dei­he,
    So stem­pel­ten wir gleich die gan­ze Rei­he,
    Zehn, Drei­ßig, Funf­zig, Hun­dert sind pa­rat.« (6073ff.)
    Um die Er­fin­dung es doch nicht schad!

    Falsch­mün­zer mit fal­schem Ge­wicht (Roth)
    Mö­gen wir doch nicht,
    oder?

    @#18

    Ja, ok, wir wis­sen, dass wir nichts wis­sen. Aber wenn wir ehr­lich sind, wis­sen wir doch, dass nichts Über­na­tür­li­ches exi­stiert. Dass Re­li­gio­nen men­schen­ge­macht sind. Wis­sen wir das nicht?

    Der Schwär­mer Rous­se­au viel­leicht nicht das be­ste Bei­spiel für ei­nen Auf­klä­rer. (Aber er­in­ne­re die lau­te Ma­nu­fak­tur im idyl­li­schen Schwei­zer­tal im sie­ben­ten Spa­zier­gang. Un­be­dingt le­sens­wert sie.)

  18. Ge­wiss­hei­ten über das Un­ge­wis­se sind auch nur Glau­bens­sa­chen. Das Pro­blem liegt nicht in Re­li­gio­nen, son­dern in der Per­spek­tiv­lo­sig­keit, die Re­li­gio­nen prä­po­tent wer­den las­sen. Zur Not auch im fun­da­men­ta­li­sti­schen Athe­is­mus.

  19. »die Rous­se­au schlicht­weg per­ver­tier­te«

    Stimmt, ich fin­de im 7. Spa­zier­gang, dass er, der Ich-Er­zäh­ler, vul­go Jean-Jac­ques hims­elf, be­strebt war, »mich dem Zau­ber der dank­ba­ren Be­wun­de­rung für je­ne Hand hin­zu­ge­ben, die all dies, wor­an ich mich er­freue, ge­schaf­fen hat.« (Ü: Ul­rich Bos­sier für Re­clam Uni­ver­sal­ver­lag).

  20. Miss­ver­ständ­nis durch mei­nen fal­schen Aus­druck: Rous­se­au wur­de m. E. per­ver­tiert. Pol Pot woll­te die Rous­se­au-Welt in sei­ner Khmer-Re­pu­blik im­ple­men­tie­ren. Das führ­te di­rekt in die kil­ling fields.

  21. zu #18: find ich ge­lun­gen, die­se Ab­schnitts­ber­schrei­bung. Die Mo­der­ne ver­sucht sich noch am Spiel mit dem Bö­sen, Bau­de­lai­re, Do­sto­jew­ski, Tho­mas Mann, etc. Und die Post­mo­der­ne muss sich zwi­schen dem mo­ra­li­schen Exil und dem (sehr gut!) Roll­back ent­schei­den.
    Da­zu quer lie­gen dann die Zwi­schen­ru­fe von @holio, der die Auf­klä­rung als »Neu­en Bund« an­bie­tet. Das neue Te­sta­ment nach Kant. Nach we­ni­gen Sät­zen fällt das Wört­chen »wir«, und die Gei­stes­ge­schich­te wird in zwei ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gi­sche Pha­sen ge­spal­ten, die ver­spä­te­ten Re­li­giö­sen und die mo­der­nen Rea­li­sten. Ich ha­be lan­ge ge­braucht, um zu ka­pie­ren, dass es sich bei der vir­tu­el­len Grup­pe der Auf­klä­rungs­an­hän­ger um ei­ne kul­tur-im­ma­nen­te Il­lu­si­on han­delt. Im ZEIT-Fo­rum ha­be ich es neu­lich so aus­ge­drückt: Re­li­gio­nen ha­ben An­hän­ger, die Auf­klä­rung nicht.

  22. Am schlimm­sten bleibt Hou­ellebec­qs un­ge­heu­re Stil­lo­sig­keit in Klei­dungs­fra­gen. Da­ge­gen ver­blas­sen die Über­le­gun­gen zu sei­ner Pro­sa, die von den deut­schen Feuil­le­tons ver­an­stal­tet wer­den.

    Die­se Is­lam-Sa­che ist recht amü­sant ge­stal­tet und kon­stru­iert. Ei­ne hüb­sche kon­tra­fak­ti­sche An­nah­me, die in Frank­reich so ab­surd frei­lich nicht ist. Vor al­lem für un­se­re is­la­mo­phi­len Gen­der­trö­ten­frau­en aus dem Um­feld der „Mäd­chen­mann­schaft“, die dann nicht mehr in Se­mi­na­ren und Fach­schaf­ten her­um­tö­nen und auf ih­ren aka­de­mi­schen Kar­rie­re­we­gen die Stel­len von Frauenbeauftragt:innen be­set­zen möch­ten, son­dern zu Hau­se blei­ben dür­fen, weil Uniar­beits­plät­ze für Frau­en ver­bo­ten sind, schei­nen mir Hou­ellebec­qs Über­le­gun­gen nicht un­pas­send und an­ge­ra­ten, dar­über nach­zu­den­ken, wel­che Art von Is­lam denn nun zu Eu­ro­pa ge­hö­ren soll. Wenn sie das Buch denn wahr­neh­men wür­den. In­so­fern le­se auch ich das Buch nicht als ei­ne Sa­ti­re.

    Sprach­lich frei­lich bleibt das Buch eher schwach und schwingt sich durch The­sen­sät­ze. Stil­fra­gen der Klei­dung kön­nen in­so­fern durch­aus auf den Schreib­stil ab­fär­ben. Zu­min­dest scheint es An­zei­chen für Kor­re­la­tio­nen zu ge­ben.

  23. Ich hö­re ja im­mer wie­der, dass das Hou­ellebec­qs Buch sprach­lich schwach sei und es ist ja auch so. Zu­meist wird dies je­doch aus­ge­rech­net von de­nen ins Feld ge­führt, die an­de­re, ih­nen po­li­tisch ge­neh­me­re Bü­cher mit ähn­li­chen Schwä­chen »durch­ge­hen« las­sen. Ich muss nicht »1984« er­wäh­nen – ein Buch, dass in den 80ern wie­der­ent­deckt und vom links­in­tel­lek­tu­el­len Estab­lish­ment ge­ra­de­zu ver­ehrt wur­de. Auch die­ses Buch ent­täuscht nach 60 oder 70 Sei­ten voll­ends; die »Ge­schich­te« der Haupt­fi­gur ist ba­nal und schlecht er­zählt. In­ter­es­sant sind nur die Über­wa­chungs-Dys­to­pi­en Or­wells, die man da­mals als dro­hend emp­fand (und nicht wuss­te, was heu­te na­he­zu als harm­los gilt). Lei­der weiss ich nicht mehr so ge­nau, wie Or­well sich ge­klei­det hat­te.