Sa­bi­ne M. Gru­ber: Chor­pro­be

Sabine M. Gruber. Chorprobe

Sa­bi­ne M. Gru­ber. Chor­pro­be

In ih­rem Ro­man »Be­zie­hungs­rei­se« aus dem Jahr 2012 er­zähl­te Sa­bi­ne M. Gru­ber von So­phia und dem Ver­hält­nis zu ih­rem Ge­lieb­ten Mar­cus. So­phia, glück­lich ver­hei­ra­tet, aber »mehr­liebig« ori­en­tiert, ar­ran­gier­te ihr Drei­ecks­ver­hält­nis akri­bisch und ver­such­te mit Mar­cus mit al­len nur er­denk­li­chen Mit­teln in­klu­si­ve sorg­sam ge­plan­ten Rei­sen (die sie auch noch fast im­mer al­lei­ne be­zahl­te) zu be­tö­ren. Aber nach der kur­zen Er­obe­rungs­pha­se zu Be­ginn straf­te Mar­cus So­phi­as In­itia­ti­ven im­mer mehr mit Nicht­be­ach­tung und Gleich­gül­tig­keit und mach­te da­bei noch ih­re Ver­su­che, sich als Schrift­stel­le­rin zu eta­blie­ren, nie­der, ob­wohl er sel­ber als Re­zen­sent (er blät­ter­te nur die Bü­cher durch) nicht zu re­üs­sie­ren ver­moch­te. Gru­ber ent­warf ge­konnt die­sen vir­tu­el­len De­mü­ti­gungs­raum, in dem sich So­phia trot­zig ein­ge­rich­tet hat­te. Trotz die­ser per­fi­den und hoch­mü­ti­gen Gleich­gül­tig­keit, mit der Mar­cus die­se Be­zie­hung be­trieb, glaub­te So­phia bis zum Schluß an die Mög­lich­keit des Glücks in die­ser of­fe­nen Me­na­ge-à-trois glück­lich le­ben zu kön­nen. Erst als es zur Grenz­über­schrei­tung kam und Mar­cus phy­si­schen Ge­walt an­wand­te, be­en­de­te sie das Ver­hält­nis.

Ei­ne Glücks­su­che wie So­phia ver­folgt auch Cin­dy in Gru­bers neu­em Ro­man »Chor­pro­be«, wenn auch auf ei­nem an­de­ren Feld – dem der Kunst. Cin­dy, die ei­gent­lich Lu­c­in­da Franck heißt, ist 28 Jah­re alt (und jün­ger als So­phia aus der »Be­zie­hungs­rei­se«). Sie ar­bei­tet in ei­ner Rechts­an­walts­kanz­lei, wo­bei ihr Job al­les an­de­re als gut be­zahlt ist. Ih­re Woh­nung im 15. Wie­ner Be­zirk (mit Aus­blick auf dem Park von Schloss Schön­brunn) ist schlecht und bil­lig ein­ge­rich­tet. Das Ver­hält­nis zur her­ri­schen Mut­ter, die ih­rem Kind nichts zu­traut und ihm dies auch bei je­der Ge­le­gen­heit spü­ren lässt, ist schwie­rig. Trotz­dem gönnt sich Cin­dy Ge­sangs­un­ter­richt und träumt von ei­ner Kar­rie­re als So­pran­sän­ge­rin. Durch ei­nen Zu­fall er­fährt sie von ei­ner Va­kanz in ei­nem Chor, dem be­rühm­ten »Cho­rus«. Sie singt beim künst­le­ri­schen Lei­ter Wolf­gang G. Hoch­rei­t­her vor, wird ge­nom­men und be­kommt die Mög­lich­keit, dort in Rah­men di­ver­ser »Pro­jek­te« als So­pra­ni­stin mit­zu­sin­gen.

Prak­tisch von Be­ginn an ist die Du­bio­si­tät Hoch­rei­t­hers (»Wolf«) und sei­ner Auswahl­kriterien sicht­bar. Ei­ne rus­si­sche Sän­ge­rin wird, ob­wohl feh­ler­los, we­gen ih­res Aus­se­hens ab­ge­lehnt, da­hin­ge­hend ent­spricht Cin­dy so­fort Wolfs Beu­te­sche­ma. Wolf und Cin­dy – die Na­men er­in­nern stark an Mär­chen­fi­gu­ren und Sa­bi­ne M. Gru­ber macht sich auch gar nicht die Mü­he, dies zu ca­mou­flie­ren, ge­le­gent­lich wird da­mit so­gar ko­ket­tiert.

Cin­dy an­fäng­li­che Be­gei­ste­rung wird schnell zu­recht­ge­stutzt. Von Au­re­lia, ei­ner an­de­ren Sän­ge­rin, be­kommt sie Ein­blicke in den Chor, der nach au­ßen sehr be­rühmt ist, aber in dem bei­spiels­wei­se be­mer­kens­wer­te Um­gangs­for­men ge­pflegt wer­den. So herrscht ein merk­wür­di­ger Iro­nie­ton un­ter­ein­an­der, der zu­wei­len in Neid um­zu­schla­gen droht. Ei­ne Mit­glied­schaft im klas­si­schen Sin­ne gibt es nicht; die Sän­ger kön­nen sich zu di­ver­sen Pro­jek­ten be­wer­ben, aber Wolf ent­schei­det (zu­sam­men mit ei­nem »In­ne­ren Kreis«) über die Zu­sam­men­set­zung. Schnell be­merkt Cin­dy, dass sich na­he­zu al­le Sän­ge­rin­nen und Sän­ger in pre­kä­ren fi­nan­zi­el­len Ver­hält­nis­sen be­fin­den. Da­bei ist die Ent­loh­nung höchst be­schei­den; ein­mal heißt es, man müs­se 85 Stun­den sin­gen um sich ein halb­wegs ver­nünf­ti­ges Note­book kau­fen zu kön­nen. Die­se Si­tua­tio­nen sind vom Chor­lei­ter ge­sucht; Sän­ger, die fi­nan­zi­ell un­ab­hän­gig sind, kann man nicht so gut gän­geln. Pro­ben wer­den prak­tisch nach Be­lie­ben an­ge­setzt bzw. ab­ge­sagt; wer fern­bleibt, muss mit so­for­ti­ger Eli­mi­nie­rung min­de­stens aus dem »Pro­jekt«, wenn nicht gar aus dem Chor rech­nen. Auf die be­ruf­li­chen Be­schäf­ti­gun­gen der je­wei­li­gen Sän­ger nimmt Wolf kei­ne Rück­sicht. Der be­rühm­te »Cho­rus« ba­siert auf ei­nem per­fi­den emo­tio­na­len Ab­hän­gig­keits­sy­stem: Es win­ken schö­ne Rei­sen und künst­le­ri­scher Ruhm.

Der »Preis« ist al­ler­dings hoch: Ver­langt wird ab­so­lu­te Un­ter­ord­nung. Die Pro­ben lau­fen je nach Stim­mungs- und Neu­ro­sen­la­ge Wolfs ab. Mal sind sie Mar­ty­ri­en, mal er­mög­li­chen sie ein wun­der­bar leich­tes Auf­ge­hen in der Mu­sik. Mi­li­tä­ri­scher Be­fehls­ton, Mil­de und Em­pa­thie wech­seln und sind un­kal­ku­lier­bar. So er­zit­tern die Teil­neh­mer vor und bei den Wut­aus­brü­chen des jäh­zor­ni­gen Chor­lei­ters. Hin­zu kommt, dass des­sen mu­si­ka­li­sche Kom­pe­ten­zen (in­klu­si­ve Di­ri­gie­ren) eher be­schränkt zu sein schei­nen.

Der An­ti­po­de zu Wolf Hoch­rei­t­her ist Vik­tor von Wei­den, der Or­che­ster­lei­ter, mit dem der Chor ver­schie­dent­lich auf Tour­nee geht. Von Wei­dens Kün­ste wer­den durch das pla­sti­sche und em­pha­ti­sches Er­zäh­len von Sa­bi­ne M. Gru­ber auch für Lai­en ver­ständ­lich. Es sind die­se Stel­len im Buch, die die aus­ge­wie­se­ne Mu­sik­ken­ne­rin Gru­ber er­ken­nen las­sen, der der Fas­zi­na­ti­on für die Mu­sik und den Chor­ge­sang ei­ne Spra­che gibt. Hier ver­steht man, war­um die »Chorus«-Sänger die De­mü­ti­gun­gen durch ih­ren Chor­lei­ter trotz­dem aus­hal­ten.

Im Span­nungs­bo­gen zwi­schen ei­nem gro­ßen Glücks­ge­fühl wäh­rend des Chor­ge­sangs und dem sehr kur­zen Hoch­ge­fühl beim Ap­plaus durch das Pu­bli­kum – wo­bei frei­lich nur der Chor sel­ber weiß, ob wirk­lich al­les ge­lun­gen ist – und dem Schin­der­tum durch den Chor­lei­ter Wolf be­wegt sich der Reiz die­ses Bu­ches. Denn auch wenn die Rol­len sehr früh ver­teilt sind, bleibt der Le­ser in­ter­es­siert.

Wo­bei das Ver­gnü­gen zwie­späl­tig ist: Zum ei­nen wird man zum Voy­eur und fragt sich ir­gend­wann fast wol­lü­stig, bei wel­cher Ge­le­gen­heit und vor al­lem wie Wolf wie­der aus­ra­sten und auf wel­che Wei­se er wen be­schimp­fen oder be­lei­di­gen wird. Mit da­bei na­tür­lich im­mer die Fra­ge, ob der- meist je­doch die­je­ni­ge sich dies ge­fal­len las­sen wird. Zum an­de­ren kann man sich in Be­zug auf Wolf Hoch­rei­t­her – trotz sei­ner fürch­ter­li­chen Ka­prio­len – nicht ei­ne ge­wis­se Por­ti­on Mit­leid ver­sa­gen: Der Chor ist sein Le­bens­zweck, was sich in der akri­bi­schen Ar­chi­vie­rung zeigt, der so­ge­nann­ten »Chro­nik«, in der Jahr für Jahr die Auf­trit­te und Rei­sen des Chors do­ku­men­tiert wer­den. Für Wolf ist die­se Chro­nik ein Schatz, Le­bens-Werk; in­zwi­schen sind es 19 Ord­ner. Cin­dy er­fährt nun, dass suk­zes­si­ve Jahr­gän­ge aus die­ser Chro­nik ver­schwin­den und un­be­dingt ver­hin­dert wer­den muss, dass Wolf von die­sen Dieb­stäh­len er­fährt.

Un­klar bleibt, ob die Sta­tus­sym­bo­le des Chor­lei­ters (ein SUV und ei­ne gro­ße, mon­dä­ne Vil­la, in der er mit sei­ner Frau und Toch­ter lebt) aus den Ein­nah­men des Chors so­zu­sa­gen ab­ge­zweigt wur­den. Die Be­zah­lung der ei­gent­li­chen Ak­ti­ven – Sän­ge­rin­nen und Sän­ger – bleibt auch wei­ter­hin schlecht: Für sechs Kon­zer­te wäh­rend ei­ner Asi­en­rei­se be­kommt je­der Sän­ger nur 435 Eu­ro net­to; die Pro­ben so­zu­sa­gen in­klu­si­ve.

Auch auf an­de­rem Ge­biet zeigt sich Wolf als skru­pel­lo­ser Macht­mensch: Frau­en, die ihm ge­fal­len, will er zu sei­nen Ge­lieb­ten ma­chen. Er be­circt sie – aber we­he, sie weh­ren sich, dann wer­den sie ganz schnell ent­fernt. Cin­dy wird dies al­les er­fah­ren und den­noch fast ein Jahr mit­ma­chen. Sie ge­nießt das Er­leb­nis des Ge­sangs und auch die Rei­sen. Mit Au­re­lia und Ma­ria freun­det sie sich an. Den Über­grif­fen Wolfs kann sie weit­ge­hend aus­wei­chen.

In den be­sten nicht-mu­si­ka­lisch mo­ti­vier­ten Au­gen­blicken steht das Buch bzw. die Hand­lung still – und dies ob­wohl der Chor auf Rei­sen ist oder ge­ra­de in ei­ner dif­fi­zi­len Pro­be. Aber die­ses Ge­fühl des Nicht-von-der-Stel­le-kom­mens be­trifft den Um­gang des Chors, der Sän­ge­rin­nen und Sän­ger, mit ih­rem neu­ro­ti­schen Chor­lei­ter. Und hier ist die Fra­ge des »War­um« wie­der­um vi­ru­lent. Auch wenn Cin­dy in ihr »Gedanken­buch« no­tiert, dass es noch nie ei­ne zu­frie­den­stel­len­de Ant­wort auf ei­ne »Warum«-Frage gab, so liegt sie hier im Text auf­ge­ho­ben: Der Chor macht wei­ter, weil es den Prot­ago­ni­sten um die Mu­sik geht. Das Ziel ist nicht, den Chor­lei­ter mil­de zu stim­men oder Geld zu ver­die­nen: Das Ziel ist es, der Mu­sik, der Kunst, ge­recht zu wer­den. Und dies nicht we­gen son­dern trotz die­ses Wolf-Un­ge­tüms, der es sich am En­de tat­säch­lich mit al­len ver­dor­ben hat. Was mit ihm ge­schieht und wel­che Rol­le die ver­schwun­de­nen Chro­nik-Ord­ner da­bei spie­len, muss im Rah­men ei­nes sol­chen Be­gleit­schrei­bens of­fen blei­ben.

Cin­dy er­hält dann noch ei­ne Lie­bes­ge­schich­te zu­ge­schrie­ben, die so­gar das Ver­hält­nis zur Mut­ter ver­bes­sert. Auch wenn Gru­ber hier durch­aus selbst­iro­nisch den Kitsch ins Spiel springt (über Cin­dys Ge­dan­ken­buch), so ist die­ser Er­zähl­strang am we­nig­sten über­zeugend. Da­ge­gen ge­lingt die Schil­de­rung der zu­wei­len fast klau­stro­pho­bi­schen En­ge in­ner­halb des Chors sehr schön, wo­bei au­ßer den zu­wei­len mo­ri­ta­ten­haf­ten Über­schrif­ten (»Cin­dy denkt nach und kommt auf kei­nen grü­nen Zweig«, »Cin­dy fliegt nach Am­ster­dam und ent­geht nur knapp ei­ner Ka­ta­stro­phe«) kei­ner­lei Fer­tig­bau-Mo­ra­li­sie­run­gen ge­lie­fert wer­den, was äu­ßerst wohl­tu­end ist. In­wie­fern au­to­bio­gra­fi­sche Er­eig­nis­se von Sa­bi­ne M. Gru­ber ei­ne Rol­le spie­len – sie war sehr lan­ge Zeit Sän­ge­rin in ei­nem Chor – bleibt un­be­ant­wor­tet; viel­leicht sind sol­che Fra­gen auch un­ge­hö­rig. Ador­nos Dik­tum von der »Chor­ge­sel­lig­keit« als »künstliche[r] Wär­me« ist ei­nes von zwei Mot­tos zu Be­ginn des Bu­ches. »Chor­pro­be« ver­mit­telt ei­nen Ein­druck von der Käl­te die­ser künst­li­chen Wär­me.

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