Staat und Re­li­gi­on

Den Her­aus­for­de­run­gen die »der Is­lam« in Form un­ter­schied­li­cher Grup­pie­run­gen und Rich­tun­gen für die eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten dar­stellt, wird u.a. mit spe­zi­el­len Ge­set­zen (Ver­schleie­rungs­ver­bo­te, No­vel­lie­rung des öster­rei­chi­schen Is­lam­ge­set­zes) zu be­geg­nen ver­sucht. Zeit­gleich tre­ten durch die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on, die sich is­la­mi­scher Staat nennt, ver­schüt­te­te oder un­zu­rei­chend be­ant­wor­te­te Fra­gen wie­der deut­lich her­vor: Je­ne nach der Tren­nung von Is­lam und Is­la­mis­mus, dem Ver­hält­nis zur und der Recht­fer­ti­gung von Ge­walt oder die Po­li­ti­sie­rung von Re­li­gi­on: Das Ver­hält­nis der mus­li­mi­schen Gemein­schaften zu den eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten scheint un­ter Zeit­druck for­mu­liert wer­den zu müs­sen, ob­wohl die ent­spre­chen­den Dis­kus­sio­nen min­de­stens 15 Jah­re alt sind. Den bis­he­ri­gen Be­mü­hun­gen bei­der Sei­ten steht die Flucht zahl­rei­cher jun­ger Men­schen in die Ar­me die­ser Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on, ge­gen­über: Die eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten schei­nen über we­nig Bin­dungs­kraft zu ver­fü­gen und das Le­ben in Eu­ro­pa für ei­nen Teil der Mus­li­me we­nig er­fül­lend zu sein.

Die­ser Es­say ist auch ei­ne Re­plik auf zwei Tex­te von Ni­ko Alm1; er spürt dem Ver­hält­nis von Staat und Re­li­gi­on nach und ver­sucht ei­ne ar­gu­men­ta­tiv-prag­ma­ti­sche Ant­wort, oh­ne zu­erst ein be­stehen­des Kon­zept her­an­zu­zie­hen: So soll ver­sucht wer­den, der gegen­wärtigen Si­tua­ti­on, mit mög­lichst we­nig Vor­ein­ge­nom­men­heit, Rech­nung zu tra­gen. Dies soll in den Kon­text der bis­he­ri­gen Pra­xis in Öster­reich ge­stellt und das Is­lam­ge­setz, des­sen Be­gut­ach­tungs­frist so­eben en­de­te, in prin­zi­pi­el­ler Hin­sicht dis­ku­tiert wer­den. — Da­vor wird der Be­griff Re­li­gi­on, sein Ver­hält­nis zur Po­li­tik, den Men­schen im All­ge­mei­nen und den west­li­chen Ge­sell­schaf­ten im Be­son­de­ren um­ris­sen. — Wenn von »dem Is­lam« oder »dem Chri­sten­tum« (und an­de­ren Re­li­gio­nen) ge­spro­chen wird, dann ist da­mit kei­ne ho­mo­ge­ne Tra­di­ti­on ge­meint, son­dern zahl­rei­che, die die ei­ne oder an­de­re Cha­rak­te­ri­stik tei­len. — Die fol­gen­den Be­trach­tun­gen sind an et­li­chen Stel­len auf die gro­ßen mo­no­the­isti­schen Re­li­gio­nen hin ver­engt.

Der Mensch als me­ta­phy­sisch be­dürf­ti­ges We­sen
Re­li­gio­nen fin­den sich in al­len mensch­li­chen Ge­sell­schaf­ten zu al­len Zei­ten2: Ih­re Aus­prä­gung ist viel­ge­stal­tig, sie be­rüh­ren und um­fas­sen un­ter­schied­li­che Be­rei­che, wie Ge­sell­schaft, Recht, Ethik, Äs­the­tik, Ar­chi­tek­tur, bil­den­de Kunst, Li­te­ra­tur, Mu­sik, Phi­lo­so­phie und Po­li­tik.

Al­le Re­li­gio­nen ha­ben ge­mein­sam, dass sie ei­ne (mehr oder we­ni­ger) ver­bind­li­che Deu­tung der Welt dar­stel­len, mit­un­ter et­was über die er­sten und die letz­ten Din­ge aus­sa­gen (Es­cha­to­lo­gie) und vor al­lem: Im­mer auf et­was jen­seits der Welt ver­wei­sen oder zu­min­dest das ge­gen­wär­ti­ge, un­mit­tel­bar er­schei­nen­de Da­sein, nicht als das Ent­schei­den­de ver­ste­hen3.

In au­ßer­ge­wöhn­li­chen Be­wusst­seins­zu­stän­den (Ge­bet, Me­di­ta­ti­on, Ek­sta­se) tra­ten Men­schen in Kon­takt mit Göt­tern und Gei­stern, sie über­schrit­ten die Gren­zen ih­res Ich-Be­wusst­seins oder er­fuh­ren die Ein­heit der Welt: Kom­ple­xe My­then, Vor­stel­lun­gen von Schöp­fung, von Wer­den, von Dies­seits und Jen­seits, von Göt­tern, Zwi­schen­we­sen, auch oh­ne per­sön­li­chem Be­zug, wur­den ent­wickelt.

Die bei­na­he un­heim­li­che Viel­falt und Prä­senz (die­ser, ja: Auf­wand!) in der mensch­li­chen Ge­schich­te ei­ner­seits und die auch wis­sen­schaft­lich un­ter­such­ten Be­wusst­seins­zu­stän­de (et­wa in Me­di­ta­ti­on ver­sun­ke­ner Per­so­nen), an­de­rer­seits, wei­sen auf Re­li­gi­on als ein mensch­li­ches Be­dürf­nis hin und auf ei­ne Ver­an­ke­rung im mensch­li­chen Er­le­ben (Re­li­gio­si­tät).

Das ist kein Ur­teil, macht aber ver­ständ­lich, war­um sich Re­li­gio­nen als zäh er­wie­sen ha­ben und hat wo­mög­lich da­mit zu tun, war­um heu­te, zu­min­dest in Tei­len der Welt, wie­der ei­ne »Re­spi­ri­tua­li­sie­rung« zu be­ob­ach­ten ist (Re­li­gi­on hilft wo­mög­lich mit den Zu­mu­tun­gen der spät­mo­der­nen Welt »bes­ser« zu­recht­zu­kom­men, oder an­ders: Re­li­gi­on ist ei­ne Lö­sung, die ger­ne an­ge­nom­men wird).

Das ist noch nicht al­les: Re­li­gio­nen grün­den nicht nur in ei­ner mensch­li­chen Be­dürf­tig­keit – und wer­den dar­über zum Be­dürf­nis –, son­dern stel­len gleich­zei­tig ei­ne Lö­sung dar: Die­se Be­dürf­tig­keit kann man als me­ta­phy­sisch (und auch: exi­sten­zi­ell) be­zeich­nen: Der Mensch tritt, als ein un­voll­kom­me­nes We­sen, das sich re­flek­tie­rend über das Sein er­hebt, al­so aus dem Rah­men der Na­tur, der für al­le an­de­ren Le­be­we­sen gilt und der mit die­ser, sich nun noch deut­li­cher zei­gen­den Un­voll­kom­men­heit (auch: End­lich­keit) kon­fron­tiert wird: Ei­nem Man­gel an Er­klä­rung, an Trö­stung (Em­pa­thie) und an Deu­tung. Er fragt, er muss fra­gen, er ist ver­un­si­chert, wenn er sie in Be­zug zu sei­nem Han­deln, zu Sinn und Be­deu­tung setzt: Wo­her kommt die Welt? Zu wel­chem En­de exi­stiert sie? Wo­zu all das Leid? — Der Mensch kann die Welt nicht ein­fach hin­neh­men, sie er­scheint selt­sam, mehr­deu­tig, rät­sel­haft.

Ni­ko Alm stellt die Fra­ge ob »es ei­nen spe­zi­el­len Grund [gibt], war­um wir Welt­anschauungen [...] to­le­rie­ren sol­len, die sich ge­ra­de da­durch aus­zeich­nen, dass sie sich ge­gen Em­pi­rie und Lo­gik im­mu­ni­siert ha­ben?« Die­se Wahl ha­ben wir (wer ist ei­gent­lich »wir«?) nicht: Re­li­gio­nen dies vor­zu­hal­ten, heißt viel­leicht we­nig von der Na­tur des Men­schen (auch psy­cho­lo­gisch) ver­stan­den zu ha­ben, ab­ge­se­hen da­von, dass der Mensch nicht nur ra­tio­nal zu be­stim­men ist. Das be­deu­tet nicht, dass der Um­kehr­schluss rich­tig und al­le Auf­klä­rung falsch wä­re: Den Re­li­gio­nen sind Schran­ken zu set­zen, ge­ra­de zur Po­li­tik hin.

Man kann Re­li­gio­nen auch als ei­ne Be­grün­dung von Mensch­lich­keit le­sen; ei­ne von Trö­stung, aber auch von Täu­schung; ei­ne von au­to­ri­ta­ti­ver Ver­mitt­lung, von Macht­ausübung und Kon­trol­le. We­nig ist so am­bi­va­lent wie die Re­li­gi­on, man be­den­ke ih­re Wech­sel­wir­kung mit al­len Rich­tun­gen von Kunst und Kul­tur (aber auch de­ren In­strumentalisierung). Den Kampf ge­gen die Re­li­gio­nen kann man nur ge­win­nen, wenn man ein Sur­ro­gat schafft oder die Men­schen be­täubt; letz­te­res wä­re in un­se­rer gegen­wärtigen, kon­sum-ka­pi­ta­li­sti­schen Welt so­gar mög­lich (ob das Opi­um nun für das Volk oder des Vol­kes ist, auch ob es über­haupt ei­nes ist, dies al­les kann nicht oh­ne ei­ne Be­trach­tung der mensch­li­chen Na­tur und der Si­tua­ti­on des Men­schen in der Welt, sei­nes »Ge­wor­fen­seins«, ver­stan­den wer­den).

Die Ant­wort der mo­der­nen Wis­sen­schaft, so sie ei­ne sol­che über­haupt sein kann, ist von ei­ner an­de­ren Qua­li­tät; sie scheint die Grund­pro­ble­ma­tik in man­cher Hin­sicht noch zu ver­stär­ken, sie kann den Re­li­gio­nen ih­ren An­spruch auf Welt­erklä­rung neh­men, je­doch nicht über die Schran­ken der Er­kennt­nis­theo­rie hin­aus: Ei­ne Lö­sung der me­ta­phy­si­schen Grund­pro­ble­ma­tik, kann durch die Wis­sen­schaft nicht ge­lei­stet wer­den.

Man­che Men­schen al­ler­dings schei­nen von die­sen me­ta­phy­si­schen Fra­gen we­nig be­rührt zu wer­den, kei­ner­lei Emp­fin­dung für sie zu ha­ben, wo­bei es kaum vor­stell­bar ist, dass ein län­ge­res Men­schen­le­ben, nicht zu­min­dest die ei­ne oder an­de­re Si­tua­ti­on kennt, die an eben­die­se Pro­ble­me rührt oder sie her­vor holt. Dar­über hin­aus gibt es Ar­gu­men­te, die re­li­giö­sen Er­klä­run­gen noch im­mer Raum ge­gen­über der Wis­sen­schaft las­sen, wie das, des un­be­weg­ten Be­we­gers von Ari­sto­te­les, auch wenn die­ser Raum nicht grö­ßer wird.

Re­li­gi­on kann man neu­tral, au­ßer­halb ih­res Wahr­heits­an­spruchs, als ei­nen Be­stand­teil mensch­li­cher Kul­tur auf­fas­sen: Re­li­gio­nen sind mensch­li­che Kul­tur und ge­wiss nicht die ein­zi­ge Lö­sung der me­ta­phy­si­schen Grund­pro­ble­ma­tik des mensch­li­chen Da­seins oder der ein­zig denk­ba­re Weg.

Po­li­tik, Re­li­gi­on und De­mo­kra­tie
Re­li­gio­nen er­füll­ten (und tun es teil­wei­se noch) wich­ti­ge Funk­ti­on für die Kon­sti­tu­ie­rung ei­ner Ge­mein­schaft oder Ge­sell­schaft (in der frü­hen Ent­wick­lung der mensch­li­chen Ge­schich­te war das wohl im­mer der Fall): Da­durch, dass sie ei­ne Lö­sung mensch­li­cher Grund­pro­ble­me an­bie­tet, wirkt sie an­zie­hend und schafft Ge­mein­schaft; sie sta­bi­li­siert dar­über hin­aus die­se Ge­mein­schaft durch Ri­ten und Kult (Hei­rat, Pu­ber­tät, Tod, Er­in­ne­rung, Be­schwö­rung über­na­tür­li­cher Hil­fe für die Jagd, den Kampf, den Acker­bau, Hei­lung und The­ra­pie [»Seel­sor­ge«]); die Plau­si­bi­li­tät von Re­li­gi­on (my­thi­sche Welter­klärung), ih­re für das In­di­vi­du­um wich­ti­ge (psy­cho­lo­gi­sche) Lö­sungs- und Befreiungs­kraft und das mensch­li­che Er­le­ben (Re­li­gio­si­tät, Ek­sta­se, ...) le­gi­ti­mie­ren re­li­giö­se Herr­schaft und set­zen die­se zu­gleich in ein am­bi­va­len­tes Ver­hält­nis zur welt­li­chen (z.B. den An­sprü­chen er­folg­rei­cher Kauf­leu­te, be­gab­ter Heer­füh­rer, ge­schick­ter Ver­hand­ler oder mu­ti­ger Krie­ger). Um­ge­kehrt sind bei­de auf­ein­an­der an­ge­wie­sen: Die­je­ni­gen die Kul­te or­ga­ni­sie­ren, die Hil­fe der Göt­ter er­fle­hen oder die Zu­kunft vor­her­sa­gen, ver­tei­di­gen nicht die Ge­mein­schaft, sie kämp­fen nicht, sie wirt­schaf­ten nicht und müs­sen er­hal­ten wer­den und dies auch recht­fer­ti­gen. Die welt­li­che Macht braucht die Re­li­gi­on und die­se ist um­ge­kehrt auf de­ren Schutz und Hil­fe an­ge­wie­sen. Erst in den Ge­sell­schaf­ten in de­nen die Er­klä­rungs­kraft der Re­li­gi­on ab­nahm (Wis­sen­schaft), die­se kor­rupt wur­de oder ihr an­de­re Fehl­ent­wick­lun­gen an­ge­la­stet wer­den konn­ten und sie folg­lich die In­di­vi­du­en nicht mehr zu bin­den ver­moch­te, konn­te sich die welt­li­che Macht (voll­stän­dig) von ihr eman­zi­pie­ren.

Der Vor­teil welt­li­cher Macht ist, dass sie (eher) zur Dis­po­si­ti­on steht, als re­li­giö­se ver­mit­tel­te, dass sie trans­pa­ren­ter ist, zu­gäng­li­cher und an­greif­ba­rer und nicht au­ßer­welt­lich, au­to­ri­ta­tiv und ei­nem be­schränk­ten Per­so­nen­kreis ein­sich­tig. Re­li­gi­ös emp­fun­de­ne und von ent­spre­chen­den Au­to­ri­tä­ten sank­tio­nier­te Ge­bo­te oder Pflich­ten er­hal­ten da­durch ei­nen ri­go­ro­sen Cha­rak­ter: Sie sind nicht in Fra­ge zu stel­len und aus­zu­füh­ren; mensch­li­che Ein­sicht und Er­kennt­nis tun nichts zur Sa­che. — In Acht neh­men soll­te man sich da­her vor je­der Art von qua­si­re­li­giö­ser Po­li­tik und al­le Dik­ta­tu­ren wa­ren im­mer dar­auf be­dacht den Be­feh­len ih­rer Füh­rer durch Per­so­nen­kult ge­nau ei­nen sol­chen Cha­rak­ter zu ge­ben.

Re­li­gi­ös ver­mit­tel­te Ge­set­ze sind da­her nicht dis­kur­siv, ih­re Grund­la­gen ste­hen nicht zur Dis­kus­si­on (nicht ein­mal for­mal zu Dis­po­si­ti­on, sie sind dem Ar­gu­ment, je­nem unent­behrlichen Be­stand­teil öf­fent­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung nicht zu­gäng­lich), so­fern sie nicht hi­sto­ri­sie­rend be­trach­tet wer­den; Grund­la­gen wie Schrif­ten wur­den oft of­fen­bart, sind hei­lig; sie kön­nen bloß in­ter­pre­tiert, aber nicht wei­ter­ent­wickelt wer­den, so­fern die­se Wei­ter­ent­wick­lun­gen wie­der mit den Tex­ten in Kon­flikt ge­ra­ten; die Tex­te und Lö­sun­gen ent­stammen meist ei­ner Zeit, die ganz an­de­ren Be­din­gun­gen, Pro­ble­men und Ent­wicklungen (Tech­nik) un­ter­lag. — Ver­fas­sun­gen kann man viel­leicht als ähn­lich grund­legend be­trach­ten, wie re­li­giö­se Schrif­ten, sie kön­nen al­ler­dings mit ent­spre­chen­den Mehr­heiten ver­än­dert wer­den (die Dif­fe­renz zwi­schen ewig [gött­lich] und end­lich [mensch­lich] ist au­gen­schein­lich).

Dar­über hin­aus ist die Ver­bin­dung au­to­ri­ta­tiv ver­mit­tel­ter Leh­ren mit welt­li­cher Macht ver­lockend: Auch Re­li­gio­nen wie das Chri­sten­tum, die in ih­rem Kern (Chri­stus) ei­gent­lich ge­walt­lo­se Hal­tun­gen be­inhal­ten und hi­sto­risch ge­se­hen lan­ge Zeit als ei­ne Art Sek­te ver­folgt wur­den, sind we­der vor krie­ge­ri­scher, noch vor in­qui­si­to­ri­scher Ge­walt zurück­geschreckt (ganz im Ge­gen­teil). — Bes­ser ste­hen da asia­ti­sche Re­li­gio­nen wie der Bud­dhis­mus oder der Jai­nis­mus da.

Des­halb kann sich ein sä­ku­la­rer Staat (und ei­gent­lich je­der an­de­re auch) zu­nächst we­der ge­gen­über Welt­an­schau­un­gen noch Re­li­gio­nen neu­tral ver­hal­ten; er tut das erst, wenn sie im Ein­klang mit der Ver­fas­sung und den Ge­set­zen ste­hen (oder nur in ei­nem pri­va­ten Rah­men ge­äu­ßert wer­den): Dar­über wird die Lö­sung der me­ta­phy­si­schen Grundproble­matik gleich­sam pri­va­ti­siert, zu ei­ner in­di­vi­du­el­len An­ge­le­gen­heit und da­mit re­la­tiv und zu­gleich wie­der rück­gän­gig ge­macht, man könn­te sa­gen: in Schwe­be ge­bracht. Die Am­bi­va­lenz wird nicht auf­ge­löst; am ehe­sten noch dort wo ei­ne Ge­mein­schaft ei­ne ge­mein­sa­me Lö­sung fin­det4.

Das be­deu­tet nicht, dass sich Per­so­nen, die re­li­giö­se Äm­ter aus­üben oder Pre­dig­ten hal­ten, nicht zur Ta­ges­po­li­tik äu­ßern dürf­ten; sie dür­fen je­doch kei­ne re­li­giö­se Be­grün­dung von Po­li­tik lie­fern und kei­ne po­li­ti­schen Äm­ter be­klei­den. Wenn Wer­te, christ­li­che et­wa, in der Po­li­tik Er­wäh­nung fin­den, dann nur weil sie auch nicht-re­li­gi­ös be­grün­det wer­den kön­nen (sie stam­men dann aus ei­ner be­stimm­ten Tra­di­ti­on, aber nicht mehr und kön­nen dis­ku­tiert und auch ver­wor­fen wer­den).

Kurz­um: Re­li­gi­on er­laubt ei­nen Zu­griff auf Men­schen über au­to­ri­ta­ti­ve Ver­mitt­lung we­ni­ger Per­so­nen; sie sind ex­klu­siv, nicht in­klu­siv, selbst dort wo je­der Gläu­bi­ge den Kon­takt zu Gott di­rekt sucht, ha­ben Pre­di­ger und Ge­lehr­te gro­ßen Ein­fluss, weil sie Tex­te aus­le­gen und Ge­bo­te for­mu­lie­ren. Ei­ne Wei­ter­ent­wick­lung oder Dis­kus­si­on re­li­gi­ös ver­mit­tel­ter Ge­set­ze oder Leh­ren, wie das der po­li­ti­sche All­tag be­nö­tigt, ist kaum mög­lich. Da­zu kommt noch, dass die Zu­ge­hö­rig­keit und nicht das Mensch­sein selbst (Gläu­bi­ge und Un­gläu­bi­ge) über die Be­wer­tung von Men­schen, de­ren Rech­te und da­mit die Ge­rech­tig­keit selbst de­fi­niert. Ei­ne De­mo­kra­tie kann re­li­gi­ös be­grün­de­te Po­li­tik nicht to­le­rie­ren oh­ne dar­über zur Staf­fa­ge zu wer­den. Die Kon­se­quenz ist die Pri­va­ti­sie­rung der Re­li­gi­on, sie muss welt­li­ches Recht und welt­li­che Ge­set­ze ach­ten: Dar­über hin­aus kann je­der glau­ben oder nicht glau­ben, oh­ne dass das ne­ga­ti­ve Aus­wir­kung für ihn hät­te.

Die eu­ro­päi­sche Ge­sell­schaf­ten in der spä­ten Mo­der­ne
Eu­ro­päi­sche, de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaf­ten ver­le­gen, durch die Form ih­rer po­li­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on, die Lö­sung der me­ta­phy­si­schen Grund­pro­ble­ma­tik ins Pri­va­te, sie wird zu ei­ner Fra­ge des In­di­vi­du­ums, nicht des Kol­lek­tivs; der­ge­stalt or­ga­ni­sier­te Ge­sell­schaf­ten kön­nen aus ge­mein­schaft­li­chen Lö­sun­gen kei­ne Bin­dungs­kräf­te mehr ge­win­nen, sie ak­zep­tie­ren wis­sen­schaft­li­che Er­klä­run­gen und neh­men die Welt dar­über hin­aus als sol­che hin. In sol­chen Ge­sell­schaf­ten kön­nen Men­schen mit ver­schie­de­nem kul­tu­rel­len Hin­ter­grund ge­mein­sam le­ben, so­fern sie be­reit sind ih­re me­ta­phy­si­schen Er­klä­run­gen und Lö­sun­gen (et­wa Re­li­gio­nen) zu re­la­ti­vie­ren (und in den Rah­men von Ver­fas­sung und Ge­set­zen ein­zu­fü­gen). So­fern sie er­folg­reich in die­sen Ge­sell­schaf­ten le­ben, wer­den sie ih­nen treu blei­ben und sich loy­al zu ih­nen ver­hal­ten; ist das nicht mehr der Fall und er­brin­gen sie – zu­ge­spitzt for­mu­liert – kei­nen ge­sell­schaft­li­chen Nut­zen mehr (even­tu­ell tre­ten noch an­de­re Ur­sa­chen hin­zu, wie die Er­fah­rung von Ab­leh­nung, ja Feind­schaft), wird die Loya­li­tät schwin­den und sie wird durch die Viel­fäl­tig­keit der Ge­sell­schaft noch in ih­rem Schwund ver­stärkt wer­den. Die In­sta­bi­li­tä­ten, die durch Zu­stän­de von Am­bi­va­lenz (et­wa ei­nem weit­ge­hen­den Zu­sam­men­bruch der bis­he­ri­gen Le­bens­ver­hält­nis­se) auf­tre­ten, kön­nen nicht mehr durch ge­sell­schaft­lich ver­mit­tel­te me­ta­phy­si­sche Sy­ste­me auf­ge­fan­gen wer­den (mo­der­ne de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaf­ten sind Funk­ti­ons- oder Nutz­ge­sell­schaf­ten, al­so we­sen­haft öko­no­misch be­stimmt, je­den­falls ist der per­sön­li­che Er­folg oder Nut­zen das ent­schei­den­de Kri­te­ri­um). Das be­deu­tet auch, dass al­le de­mo­kra­tisch or­ga­ni­sier­ten Ge­sell­schaf­ten von ih­ren Struk­tur­be­din­gun­gen her gleich wün­schens­wert (und aus­tauschbar) sind.

Die Pri­va­ti­sie­rung der me­ta­phy­si­schen Grund­pro­ble­ma­tik hat ih­ren Ur­sprung in der Auf­klä­rung (und den Er­fah­run­gen aus den eu­ro­päi­schen Re­li­gi­ons­krie­gen): Mit der Be­to­nung von Ver­nunft und Ver­stand und der Ver­ban­nung der Re­li­gi­on aus der Sphä­re der Po­li­tik, wur­de im­mer weit­ge­hen­der dar­auf ver­zich­tet, die­ses grund­le­gen­de Pro­blem all­ge­mein­ver­bind­lich (auf)zulösen; es wä­re aus­zu­hal­ten und der Wahr­heit und dem Leid vor der Trö­stung recht zu ge­ge­ben: Die Ant­wort der Re­li­gi­on wird als Täu­schung ab­gelehnt und be­sitzt kei­nen all­ge­mein­ver­bind­li­che Gel­tung mehr. Viel­leicht sind die­ses Aus­hal­ten, die Angst und die Hand­lungs­un­fä­hig­keit, die am­bi­va­len­te Zu­stän­de hervor­rufen, auch ein Mo­tor der Mo­der­ne ge­wor­den: Wis­sen­schaft, Ver­mes­sung, Be­herr­schung und Er­for­schung der Welt, sind die­ser am­bi­va­len­ten Aus­gangsi­tua­ti­on ge­schul­det: Wenn die Re­li­gi­on zum Er­klä­ren und Er­ken­nen der Welt nichts mehr bei­tra­gen kann, be­nö­tigt man Al­ter­na­ti­ven; und dort wo die re­li­giö­se Ord­nung zu­sam­men­bricht müs­sen die so­zia­len Ver­hält­nis­se neu ge­ord­net und ver­wal­tet wer­den. — Ei­ni­ge Fra­gen er­hiel­ten al­ter­na­ti­ve Ant­wor­ten, et­wa die nach der Her­kunft des Men­schen, nach des­sen Funk­ti­ons­prin­zi­pi­en oder die nach den Ge­set­zen des Uni­ver­sums (wo­bei die­se Ant­wor­ten wie­der an­de­re Her­aus­for­de­run­gen für die me­ta­phy­si­sche Grund­si­tua­ti­on des Men­schen mit sich brach­ten). Al­le an­de­ren Fra­gen, die nach dem War­um, nach dem Leid und der Be­deu­tung blie­ben of­fen.

Die Me­tho­den die in­ner­halb der Mo­der­ne (vor al­lem, aber kei­nes­wegs aus­schließ­lich: der Wis­sen­schaft) an­ge­wandt wur­den, um das Am­bi­va­len­te, durch Ak­te der Klas­si­fi­ka­ti­on und De­fi­ni­ti­on zu be­kämp­fen, ha­ben es zu­gleich im­mer wie­der neu er­zeugt5: Dem wissen­schaftlichen Er­folg steht ei­ne un­über­schau­ba­re Men­ge an Wis­sen zur Sei­te und ei­ne noch grö­ße­re Zahl von Fra­gen und Pro­ble­men: Tech­nik, Wis­sen­schaft, Recht und Ver­wal­tung ha­ben die Welt un­end­lich kom­plex ge­macht und in im­mer wei­te­re De­tails auf­ge­spal­ten: Neue Fra­gen, neue Pro­ble­me, neue Lö­sun­gen und wie­der­um: Am­bi­va­lenz.

In der spä­ten Mo­der­ne ver­lor sich der Op­ti­mis­mus und man ver­zwei­fel­te zu­se­hends, oh­ne sich aber von sei­nem Vor­ha­ben ab­brin­gen zu las­sen und ir­gend­wann be­gann man sich der Ver­zweif­lung zu ent­le­di­gen, in dem man sie iro­ni­sier­te und al­les für un­ver­bind­lich er­klärte: zu ei­nem gro­ßen, im­mer­wäh­ren­den Spiel (von Iden­ti­tä­ten). Mit be­dingt wur­de das durch die me­dia­le Rea­li­tät, in der Wirk­lich­keit her­ge­stellt oder zwi­schen verschie­denen hin und her ge­wech­selt wird: Un­mög­li­che Din­ge tre­ten so zeit­gleich ne­ben­ein­an­der, Par­al­lel­wel­ten tun sich auf, Kon­tra­ste wer­den ver­stärkt, der Be­reich des Öf­fent­li­chen aus­ge­wei­tet und des pri­va­ten ein­ge­schränkt: Iden­ti­tä­ten wer­den in­sta­bil und un­si­cher, Ge­gen­wart und Kon­zen­tra­ti­on zer­bre­chen un­ter ei­ner Da­ten­flut (Über­forderung) und der Ab­len­kung von Smart­pho­ne, Ta­blet und (bald) Echo.

Nach­rich­ten aus al­ler Welt tra­gen zur Frag­men­tie­rung bei, die Am­bi­va­lenz und die Her­aus­for­de­rung zu Selbst­be­stim­mung und Ab­gren­zung neh­men zu (was den Kreis­lauf wie­der ver­stärkt): Die bei­na­he ein­zi­gen Kon­ti­nui­tä­ten, ja: Ver­bind­lich­kei­ten, in de­nen die Ge­sell­schaft (so­li­da­risch) zu­sam­men­fin­det und fin­den muss sind Öko­no­mie, Kon­sum und Zeit­druck: Ein Be­dürf­nis nach Klar­heit, Be­frei­ung, Trö­stung, eben: Me­ta­phy­sik, Spiri­tualität, Re­li­gi­on wer­den wie­der und er­neu­ert le­ben­dig, ins­be­son­de­re bei je­nen Men­schen, die in ei­ner neu­en Ge­sell­schaft ih­ren Platz su­chen und da­durch ih­rer Iden­ti­tät oh­ne­hin un­si­cher sind.

Un­ter­schei­den las­sen sich zu­min­dest zwei We­ge: Ei­ner, der sich zu ei­ner eher unver­bindlichen Su­per­markt­spi­ri­tua­li­tät hin­neigt (ich neh­me mir, was mir ge­fällt, aber ja nicht zu oft und ja nicht zu ver­bind­lich) und ei­ner, der ei­ne kla­re, al­les um­fas­sen­de Ant­wort, die sich z.B. in den is­la­mi­schen Über­lie­fe­run­gen fin­det, »im Chri­sten­tum« oder auch »im Bud­dhis­mus«, der sich al­ler­dings re­la­tiv »un­ideo­lo­gisch« ad­ap­tie­ren und nut­zen lässt, ge­ra­de im Wech­sel mit der Öko­no­mie und da­mit auch dem er­sten Weg zu­zu­rech­nen ist. — Fun­da­men­ta­lis­men las­sen sich hier als ei­ne ex­tre­me Form der zwei­ten Mög­lich­keit le­sen: Ter­ro­ris­mus und Ge­walt sind jen­seits ih­rer Selbst­zweck­lich­keit Mit­tel des Kampfs ge­gen die Am­bi­va­lenz selbst. — Be­dürf­tig­keit (Su­che nach Hin­ga­be oder Sinn) oder re­li­giö­se Emp­fäng­lich­keit ge­nü­gen, um sich der Re­li­gi­on zu­zu­wen­den, Theo­lo­gie ist da­für nicht von Be­deu­tung oder be­sten­falls spä­ter (nach­dem man sich ent­schie­den hat).

Re­li­gi­on ent­springt gleich­sam dem Un­be­wuß­ten der Mo­der­ne und nimmt in de­ren Spät­zeit ei­ne Geg­ner­schaft (Ab­wehr­funk­ti­on) zu den de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaf­ten ein oder ei­ne Puf­fer- oder Er­satz­funk­ti­on und kann als ein Man­gel, ei­ne Ein­sei­tig­keit eben die­ser Ge­sell­schaf­ten ge­le­sen wer­den (was man ne­ben ei­nem Ver­drän­gungs­pro­zess ge­nau­so als Vor­zug an­se­hen kann: Man kann in ei­ner mo­der­nen Ge­sell­schaft weit­ge­hend al­lein le­ben, To­le­ranz ist da­für, ge­ra­de ih­rer Ba­na­li­tät und Nicht­tugend­haf­tig­keit we­gen, die sel­ten ver­stan­de­ne Vor­aus­set­zung; wer ge­sell­schaft­lich ver­bind­lich dar­über hin­aus­ge­hen will, han­delt ei­gent­lich re­ak­tio­när).

Der Mo­der­ne und ih­rer Am­bi­va­lenz ent­kom­men, statt sich ihr aus­zu­set­zen, das Pa­ra­dig­ma al­so zu wech­seln, die Be­quem­lich­kei­ten und Nütz­lich­kei­ten des tech­ni­schen Fort­schritts aber bei­be­hal­ten: Das ist der je­ner an­ti­mo­der­ne Hy­brid, der schon in Form von Faschis­mus und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu be­ob­ach­ten war und im is­la­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus bloß ein neu­es Ge­wand ge­fun­den hat (die tech­ni­sche Mo­der­ne fin­det mit der Vor­mo­der­ne zu­sam­men, man hat das auch Amal­gam ge­nannt; kon­se­quen­ter sind die Ami­schen).

Die Tren­nung von Staat und Re­li­gi­on
Die Tren­nung von Staat und Re­li­gi­on ist in po­li­ti­scher Hin­sicht un­ter kei­nen Um­stän­den an­zu­ta­sten, weil an­dern­falls die de­mo­kra­ti­schen Grund­la­gen von Staat und Ge­sell­schaft un­ter­gra­ben wer­den. — Ab­seits da­von, kann man aber die Fra­ge stel­len, ob der Staat die­se Tren­nung auch in al­len an­de­ren, die Re­li­gi­on be­tref­fen­den Be­rei­chen vor­zie­hen soll­te oder ob sich nicht an­de­re Mög­lich­kei­ten als sinn­vol­ler, ja klü­ger er­wei­sen. Dar­aus er­ge­ben sich zwei Fra­gen, die nach der Gleich­heit und nach der staat­li­chen An­er­ken­nung: Gibt es auf Grund ih­rer Ge­schich­te, Kon­sti­tu­iert­heit und Ent­wick­lung, Un­ter­schie­de zwi­schen re­li­giö­sen Tra­di­tio­nen, die ge­sell­schaft­lich und staat­lich re­le­vant sind und auch im Hin­blick auf Ge­rech­tig­keit und Gleich­be­rech­ti­gung be­trach­tet wer­den müs­sen. Und vor­her noch: War­um soll­ten Re­li­gio­nen über­haupt von staat­li­cher Sei­te aus an­er­kannt wer­den? Gibt es ei­ne Recht­fer­ti­gung, die Klein- und Kleinst­grup­pen wie »Sek­ten«, aber auch ver­gleich­ba­ren an­de­ren, nicht-re­li­giö­sen Grup­pen, ei­ne An­er­ken­nung ver­wehrt6?

Re­li­gio­nen sind so­zi­al und kul­tu­rell ge­bil­de­te Grup­pen, even­tu­ell auch eth­nisch ge­stärkt; je grö­ßer die Zahl der Bür­ger ist, die sie um­fas­sen, de­sto re­le­van­ter wird ihr Ver­hal­ten für die ge­sam­te Ge­sell­schaft, wenn man an­nimmt, dass re­li­giö­se Ver­bun­den­heit ei­ne ge­wis­se Stoß­rich­tung in ge­sell­schaft­li­chen Fra­gen be­deu­tet: Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten sind so­zia­le Ak­teu­re, wie es Ver­ei­ne, Ver­bän­de, Un­ter­neh­men, Nicht-Re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und In­ter­es­sens­ver­tre­tun­gen auch sind. Im Sin­ne ei­nes ge­sell­schaft­li­chen In­ter­es­sen­aus­gleichs in­ter­agiert der Staat mit die­sen Grup­pen, er er­kennt sie zu­nächst ein­mal als sol­che an und stellt ei­nen ent­spre­chen­den recht­li­chen Rah­men be­reit.

Re­li­gio­nen sind Trä­ger und Ver­mitt­ler von Iden­ti­tät; Re­li­gi­on ist für vie­le Men­schen von gro­ßer Be­deu­tung, weil sie, s.o., ei­ne Lö­sung für mensch­li­che Grund­fra­gen be­reit hält: Klug wä­re es, die­se ge­sell­schaft­lich re­le­van­ten Grup­pen oh­ne Auf­ga­be der de­mo­kra­ti­schen Grund­la­gen in das Ge­mein­we­sen ein­zu­bin­den, zu in­te­grie­ren, was auch den in Inte­grationsprozessen an­ste­hen­den Auf­ga­ben auf bei­den Sei­ten ent­sprä­che. Dar­über hin­aus bil­den Re­li­gio­nen sub­so­zia­le Struk­tu­ren (Teil­or­ga­ni­sa­tio­nen), die sich kul­tu­rell oder so­zi­al en­ga­gie­ren. Bei­spie­le für letz­te­res sind: Kran­ken­pfle­ge, Seel­sor­ge, Be­treu­ung von Ar­men- und Ob­dach­lo­sen, Leh­re und Schul­bil­dung (na­tür­lich wur­den und wer­den die­se Tä­tig­kei­ten zur In­dok­tri­nie­rung und Eta­blie­rung der Re­li­gi­on be­nutzt; dies muss von staat­li­cher Sei­te aus ver­hin­dert wer­den). Im Sin­ne ei­ner ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen In­te­gra­ti­on und Ge­mein­wohl­ori­en­tie­rung, kann man über­le­gen, ob ei­ne Ein­bin­dung von Re­li­gio­nen nicht auf ei­ne wei­te­re Wei­se ge­samt­ge­sell­schaft­lich sinn- und nutz­brin­gend sein kann: Schu­len von Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten sind pro­ble­ma­tisch, im Sin­ne der strik­ten Tren­nung von Re­li­gi­on und Po­li­tik; aber dort wo Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten an­de­re Auf­ga­ben wahr­neh­men, kann der Staat sie un­ter­stüt­zen: Er er­hält da­für Ak­zep­tanz und die Re­li­gio­nen über­neh­men ei­nen Teil sei­ner Auf­ga­ben (frei­lich un­ter der Be­din­gung, die­se Auf­ga­ben welt­an­schau­lich neu­tral zu er­fül­len). Eben die ge­nann­ten Bei­spie­le: Kran­ken­pfle­ge, Seel­sor­ge, die Be­treu­ung von Ar­men- und Ob­dach­lo­sen. Da­ne­ben kann der Staat, die vie­ler­orts fast aus­schließ­lich eh­ren­amt­lich ge­tra­ge­nen kul­tu­rel­len Auf­ga­ben un­ter­stüt­zen, die Re­li­gio­nen lei­sten, ein Bei­spiel sind die kunst­mu­si­ka­li­schen Auf­führungen in Kir­chen, die oft auf Spen­den an­ge­wie­sen sind, aber ei­ne Schar­nier­funk­ti­on zwi­schen Pro­fi- und Hob­by­mu­si­kern und ei­ne Er­gän­zung zum klas­si­schen Kon­zert­be­trieb, dar­stel­len. Ana­log kann man über den ar­chi­tek­to­ni­schen Wert von Kir­chen und Mo­sche­en für die Ge­sell­schaft nach­den­ken, über Kunst, die in der Wech­sel­wir­kung mit der Re­li­gi­on ent­stan­den ist und noch ent­steht, usw.

Auch die theo­lo­gi­sche Leh­re an Uni­ver­si­tä­ten und der Re­li­gi­ons­un­ter­richt las­sen sich in ei­nen ähn­li­chen Kon­text stel­len: Über letz­te­ren soll­te der Staat wa­chen, was das Lehr­personal an­be­langt, die Bü­cher und die In­hal­te (ent­spre­chend den ge­setz­li­chen De­fi­ni­tio­nen); ei­ne Ver­schie­bung in ei­nen völ­lig pri­va­ten Be­reich ist ge­ra­de aus de­mo­kra­ti­scher Sicht pro­ble­ma­tisch, weil nie­mand weiß was dann ge­lehrt wird; dar­über hin­aus könn­te man den Un­ter­richt als Ethik­un­ter­richt ge­stal­ten, der sich auch mit Re­li­gio­nen be­schäf­tigt und die­se aus der In­nen­an­sicht (als prak­ti­zie­ren­den Men­schen) vor­stellt und ver­steh­bar macht (oder man teilt den Un­ter­richt in ethi­sche Grund­la­gen und die Be­schäf­ti­gung mit ei­ner re­li­giö­sen Tra­di­ti­on aus der In­nen­per­spek­ti­ve). For­schung über Re­li­gio­nen lei­stet die Re­li­gi­ons­wis­sen­schaft, theo­lo­gi­sche Wei­ter­ent­wick­lung ei­ner re­li­giö­sen Tra­di­ti­on müs­sen Per­so­nen mit ei­ner In­nen­per­spek­ti­ve, et­wa Theo­lo­gen, über­neh­men; auch die Wei­ter­ent­wick­lung von Re­li­gio­nen im Gleich­klang mit tech­ni­schen oder ge­sell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen und Her­aus­for­de­run­gen, ist ei­gent­lich im In­ter­es­se des Staats und der All­ge­mein­heit: Hier kann der Staat un­ter­stüt­zend und för­dern wir­ken, darf gleich­zei­tig aber das Ru­der nicht aus der Hand ge­ben (Lehr­ver­bo­te aus­zu­spre­chen, kann nicht die Auf­ga­be von Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten sein, der Staat muss Plu­ra­li­tät und Kri­tik si­cher­stel­len).

Die In­te­gra­ti­on nicht-au­to­chtho­ner, re­li­giö­ser Tra­di­tio­nen
Der all­ge­mei­nen ge­sell­schaft­li­chen und staat­li­chen Re­le­vanz der Re­li­gio­nen, steht ih­re spe­zi­fi­sche Aus­prä­gung ge­gen­über: Glei­ches soll­te gleich und Un­glei­ches un­gleich be­han­delt wer­den, so lässt sich Ge­rech­tig­keit de­fi­nie­ren; je­der Bür­ger soll sei­ne Re­li­gi­on aus­üben kön­nen, al­ler­dings muss sie sich an die ver­fas­sungs­ge­mä­ßen Grund­sät­ze und die Ge­set­ze im All­ge­mei­nen hal­ten, nicht je­der Un­sinn ist zu to­le­rie­ren und die Grund­rech­te al­ler Bür­ger müs­sen be­ach­tet wer­den: Staat und Re­li­gi­on be­dür­fen ei­nes Ver­hält­nis­ses zu ein­an­der und ent­spre­chen­der Struk­tu­ren, die erst ent­wickelt wer­den müs­sen: Hier sind Pro­zes­se zu durch­lau­fen, die ei­ni­ge Zeit in An­spruch neh­men. Wie man Un­ter­schie­de an­spricht und auf Gleich­be­rech­ti­gung hin­ar­bei­tet, muss im Ein­zel­fall ent­schie­den wer­den; und an die­sem ist auch zu ent­schei­den ob spe­zi­fi­sche Ge­setz­te not­wen­dig sind oder nicht.

Be­trach­tet man »den Is­lam« und »das Chri­sten­tum« in Eu­ro­pa, so kann man sie nicht ein­fach gleich­set­zen: Das hat nicht da­mit zu tun, dass ih­nen nicht grund­sätz­lich die glei­chen Rech­te zu­stün­den, son­dern da­mit, dass die Ge­schich­te der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Staat in Eu­ro­pa ei­ne an­de­re ist, wie bei­de Re­li­gio­nen hin­sicht­lich ih­rer Struk­tur und ih­rer Ge­bo­te ver­schie­den sind (da­ne­ben gibt es zahl­rei­che Ähn­lich­kei­ten: Mono­theismus, Be­zug zu den Tra­di­tio­nen des Na­hen Ostens, schrift­li­che Grund­la­gen, uni­ver­sa­li­sti­scher An­spruch). — Die Be­nen­nung von Un­ter­schie­den ist ei­ne Vor­aus­set­zung für das Er­rei­chen des glei­chen Sta­tus und der glei­chen Rech­te (hier­mit sind nicht die Grund­rech­te der Men­schen ge­meint, son­dern die, die ei­ner an­er­kann­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft zu­ste­hen).

Drei we­sent­li­che Un­ter­schie­de sind aus­ma­chen: Er­stens: »Der Is­lam« ist an­ti­hier­ar­chisch or­ga­ni­siert, es gibt kei­ne ver­mit­teln­de In­stanz, kei­ne Prie­ster­schaft, es darf auch kei­ne ge­ben; dies er­schwert die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Staat und Po­li­tik, die­se steht vor der Auf­ga­be ein le­gi­ti­mier­tes An­sprech­gre­mi­um zu schaf­fen. Zwei­tens: Die Tren­nung von Po­li­tik und Re­li­gi­on wird in der Is­la­mi­schen Welt kaum prak­ti­ziert, der is­la­mi­sche Fun­da­men­ta­lis­mus zeigt ent­ge­gen­lau­fen­de Ten­den­zen; dar­aus er­gibt sich die Ge­fahr der po­li­ti­schen Ein­fluss­nah­me, die sich ein sou­ve­rä­ner Staat nicht lei­sten kann: Nicht nur Pre­di­ger und Schrif­ten, son­dern auch die Aus­lands­fi­nan­zie­rung re­li­giö­sen Per­so­nals oder ent­spre­chen­der Struk­tu­ren hebt die Tren­nung von Po­li­tik und Re­li­gi­on über die Hin­ter­tür wie­der auf (da­zu ge­hört auch, dass der Is­lam in Eu­ro­pa, an­de­rer Lö­sun­gen, Kon­zep­te und We­ge als der Is­lam et­wa im na­hen und mitt­le­ren Osten, be­darf). Drit­tens: »Im Is­lam« exi­stie­ren Prin­zi­pi­en und Pflich­ten von Gläu­bi­gen (die Be­deu­tung und die Loya­li­tät ge­gen­über der [fik­ti­ven] Um­ma; der Dschi­had, nicht nur als hei­li­ger Krieg, son­dern als An­stren­gung und Auf­trag zur Mis­si­on oder das Kon­zept to­le­rier­ter, nicht gleichberechtig­ter Min­der­hei­ten, der Dim­ma, die sich mit de­mo­kra­tisch or­ga­ni­sier­ten, sä­ku­la­ren Ge­sell­schaf­ten nicht ver­tra­gen; die­se wer­den kei­nes­wegs im­mer prak­ti­ziert, im Ge­gen­teil, es gibt zahl­rei­che (li­be­ra­le) Mus­li­me die das nicht wol­len; von an­de­ren Tei­len der Mus­li­me wer­den die­se Ge­bo­te al­ler­dings to­le­riert (wie auch di­ver­se fun­da­men­ta­li­sti­sche Ideo­logien): Dies ist ein Nähr­bo­den für Fun­da­men­ta­li­sten, die sich auf »den Is­lam«, sein An­se­hen und sei­ne Ge­bo­te be­zie­hen und an­de­re Hal­tun­gen als un­is­la­misch ver­wer­fen (die Gläu­bi­gen wer­den da­durch ent­ge­gen der Ge­sell­schaf­ten in de­nen sie le­ben instrumen­talisiert). Die­se Ge­bo­te sind für Staat und Ge­mein­schaft ei­ne we­sent­li­che The­ma­tik und Her­aus­for­de­rung (die Loya­li­tät gilt in ei­nem sä­ku­la­ren Staat zu­erst ge­gen­über der Ver­fas­sung und den Ge­set­zen, da­nach erst ei­ner dem Glau­ben ent­sprin­gen­den Ver­bun­den­heit).

Ei­ne ri­gi­de Tren­nung von Staat und Re­li­gi­on in al­len Be­rei­chen be­wirkt eher ei­ne Di­stan­zie­rung be­stimm­ter ge­sell­schaft­lich re­le­van­ter Grup­pen, als de­ren In­te­gra­ti­on, vor al­lem dann, wenn ih­re Bin­dung an die Re­li­gi­on groß ist und sie der Ge­sell­schaft noch nicht lan­ge an­ge­hö­ren (und ob­wohl die­se Lei­stun­gen für die All­ge­mein­heit er­brin­gen oder er­brin­gen könn­ten). Man kann das Ver­hält­nis von Staat und Re­li­gi­on – im­mer un­ter der völ­li­gen Aus­spa­rung der Po­li­tik – auch aus dem Ge­sichts­punkt wech­sel­sei­ti­gen Re­spekts und wech­sel­sei­ti­ger Nütz­lich­keit for­mu­lie­ren (was auch aus der so­zia­len Be­deu­tung, die ei­ne Grup­pe au­to­ma­tisch be­kommt, ge­recht­fer­tigt wä­re).

Die öster­rei­chi­sche Pra­xis, Is­lam und Is­lam­ge­setz
Mit Blick auf das bis­lang Ge­schrie­be­ne, er­scheint der viel­leicht et­was schlam­pig zu nen­nen­de öster­rei­chi­sche Weg der Tren­nung, grund­sätz­lich gar nicht schlecht, ja ge­ra­de­zu klug: Je­der po­li­ti­sche An­spruch bleibt den Re­li­gio­nen ver­wehrt, aber dort wo sie Be­dürf­nis­se von all­ge­mein ge­sell­schaft­li­chem Wert (al­so über die der Gläu­bi­gen hin­aus) er­fül­len oder Funk­tio­nen des Staats un­ter­stüt­zen, er­kennt er dies an (in Form von Struk­tu­ren, Zu­wen­dun­gen, ge­setz­li­chen Re­geln und Rech­ten). — Auf län­ge­re Sicht soll­ten al­le Re­li­gio­nen gleich­ge­stellt oder ein­sei­ti­ge Pri­vi­le­gi­en ab­ge­baut wer­den, da die Inte­gration ei­ner Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft al­ler­dings Zeit be­nö­tigt, kön­nen zu­nächst Ungleich­gewichte hin­sicht­lich der aus der An­er­ken­nung ent­ste­hen­den Rech­ten, be­stehen. Schu­len von Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten (wie auch die or­ga­ni­sa­to­ri­schen Struk­tu­ren ei­ner Ver­tre­tung ge­gen­über dem Staat, die IG­GiÖ, sie­he et­wa hier) sind ein heik­les The­ma, müs­sen ih­nen al­ler­dings ge­währt wer­den, wenn dies auch an­de­ren (pri­va­ten) Or­ga­ni­sa­tio­nen grund­sätz­lich mög­lich ist, al­so nicht nur der Staat Schu­len be­treibt; die Lehr­plä­ne und In­hal­te sind staat­lich zu re­geln und zu prü­fen (die Ab­be­ru­fung von Lehr­per­so­nal an Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten soll­te aus­schließ­lich dem Staat zu­ste­hen7 ).

Im Be­reich von Bil­dung und Aus­bil­dung zeigt sich noch ein­mal die po­li­ti­sche Di­men­si­on aus­län­di­scher Fi­nan­zie­rung von Schu­len und Per­so­nal: Es kann nicht im In­ter­es­se ei­nes de­mo­kra­ti­schen, sou­ve­rä­nen Staa­tes sein, dass Lehr­per­so­nal oder Ein­rich­tun­gen von Sau­di-Ara­bi­en, der Tür­kei oder an­de­ren de­mo­kra­tisch, po­li­tisch und men­schen­recht­lich zwei­fel­haf­ten Staa­ten be­zahlt wird; ein Staat der dies zu­lässt un­ter­gräbt sei­ne Sou­ve­rä­ni­tät und die de­mo­kra­tie­po­li­tisch not­wen­di­ge Tren­nung von Re­li­gi­on und Staat8. — Die­se Fra­gen der Fi­nan­zie­rung brau­chen ei­ne Lö­sung, z.B. könn­te man da­bei Nor­we­gen fol­gen und ei­ne Ge­neh­mi­gungs­pflicht eta­blie­ren (dies hat nichts mit der Be­nach­tei­li­gung von Mus­li­men zu tun, son­dern ist ei­ne Fra­ge staat­li­cher Sou­ve­rä­ni­tät und der Tren­nung von Re­li­gi­on und Po­li­tik).

»Das Chri­sten­tum« hat in ei­nem lan­gen, zä­hen Pro­zess sei­nen po­li­ti­schen An­spruch auf­ge­ge­ben und ei­nen – un­ter­schied­lich for­mu­lier­ten – Platz in­ner­halb Eu­ro­pas ge­fun­den (die eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten ha­ben aus dem Leid re­li­gi­ös ver­mit­tel­ter Herr­schaft, aus Ge­walt und Krieg ih­re Schlüs­se ge­zo­gen). — Dass die eu­ro­päi­sche Ge­schich­te im­mer in Ver­bin­dung mit dem Chri­sten­tum stand und sei­ne re­li­giö­sen Tra­di­tio­nen im­mer Teil der Ge­sell­schaft wa­ren, Er­neue­run­gen und re­for­ma­to­ri­sche Be­we­gun­gen ein­ge­schlos­sen, hat die­se Pro­zes­se si­cher­lich un­ter­stützt.

An­ders ver­hält es sich mit re­li­giö­sen Tra­di­tio­nen, die hi­sto­risch zwar durch­aus in Kon­takt mit Eu­ro­pa stan­den und zeit­wei­se auch in Tei­len von Eu­ro­pa Be­deu­tung hat­ten, aber die­se en­ge Ver­bin­dung zu den Ge­sell­schaf­ten nicht ha­ben. Dass die Tra­di­tio­nen »des Is­lams« rasch zu Tei­len der eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten ge­wor­den sind, führt ganz selbst­verständlich zu Pro­ble­men und Schwie­rig­kei­ten: Ei­ner­seits müs­sen sich die Eu­ro­pä­er mit ei­ner ih­nen bis­lang weit­ge­hend un­be­kann­ten Re­li­gi­on aus­ein­an­der­set­zen und ei­nen Rah­men for­mu­lie­ren, der ei­ne In­te­gra­ti­on in die Ge­sell­schaft er­mög­licht; für die Mus­li­me be­deu­tet das sich mit den Prin­zi­pi­en eu­ro­päi­scher Ge­sell­schaf­ten zu be­schäf­ti­gen und den An­spruch ih­rer Re­li­gi­on ge­mäß die­sen zu for­mu­lie­ren. Wel­che ge­setz­li­chen oder an­de­ren Mit­tel die­ser In­te­gra­ti­on die­nen, ist nicht an an­de­ren Re­li­gio­nen zu mes­sen, son­dern am Zu­stand der Ge­sell­schaf­ten und »dem Is­lam« in Eu­ro­pa selbst; die Be­schrän­kung dar­auf soll­te den Pro­zess best­mög­lich un­ter­stüt­zen.

Ei­ne Rei­he von Schwie­rig­kei­ten, die zum gro­ßen Teil be­reits dis­ku­tiert wur­den, tre­ten zu Ta­ge: Ei­ner­seits bie­ten die eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten »nur« ei­nen funk­tio­nel­len Rah­men, sie for­mu­lie­ren kei­ner­lei me­ta­phy­si­sche Ver­bind­lich­kei­ten, der in­di­vi­du­el­le, le­bens­prak­ti­sche Er­folg spielt bei der Ak­zep­tanz der Ge­sell­schaft ei­ne gro­ße Rol­le (ne­ben an­de­ren Din­gen auch). Die­ses Feh­len er­mög­licht zwar das An­docken an die Ge­sell­schaft, weil sie kei­ne kul­tu­rel­le Selbst­auf­ga­be (As­si­mi­la­ti­on) for­dert, an­de­rer­seits aber ei­ne Re­la­ti­vie­rung ab­so­lu­ter An­sprü­che; dar­über hin­aus sind ih­re emo­tio­na­len Bin­dungs­kräf­te ge­ring. Wie bei al­len ähn­li­chen Pro­zes­sen spie­len die Er­fah­run­gen und Pro­ble­me, die das Ge­fühl von Fremd­heit (al­so: Un­fass­bar­keit, Un­ei­nord­bar­keit und da­mit ei­ne Art von Schei­tern) mit sich bringt ei­ne gro­ße Rol­le: Vor­sicht, Ab­wehr, Ver­däch­ti­gun­gen, Ver­meidung, Ver­dam­mung, usw., sind auf al­len Sei­ten spür­bar; sie lö­sen sich nur lang­sam und am ehe­sten in per­sön­li­chen Be­rei­chen, der Nach­bar­schaft, et­wa. Über dem mensch­lichen Be­dürf­nis nach der Auf­lö­sung von Am­bi­va­lenz, die sich aus der grund­sätz­li­chen Stel­lung des Men­schen in der Welt er­gibt, aber auch aus der Ge­gen­wart des Frem­den in ei­ner ei­gent­lich ver­trau­ten Ge­sell­schaft, bzw. dem Ge­gen­wär­tig­sein in ei­ner frem­den Ge­sell­schaft hin­aus, ver­stärkt die spät­mo­der­ne Ge­sell­schaft durch die Gleich­zei­tig­keit (Par­al­le­li­tät) ei­gent­lich un­gleich­zei­ti­ger (ein­an­der aus­schlie­ßen­der) Si­tua­tio­nen, An­sprü­chen und Le­bens­ent­wür­fen eben­dies: Un­si­cher­heit, Zwei­fel, Am­bi­va­lenz; die ei­ge­ne Iden­ti­tät ge­rät ins Wan­ken, zer­fällt und man wen­det sich an­de­ren, über­ge­ord­ne­ten, die die Be­frei­ung von die­sem Zu­stand ver­spre­chen, zu: Das pas­siert auf al­len Sei­ten, je­ner von Re­li­gi­on, Eth­nie und Kul­tur. — Die­se Iden­ti­tä­ten ste­hen ge­gen den Rest (oder Teil) der Ge­sell­schaft und sind emo­tio­nal tief ver­an­kert; nicht ihr (dem Rest, al­so Staat und De­mo­kra­tie) gilt die Loya­li­tät, son­dern eben­die­sen Iden­ti­tät ver­mit­teln­den Or­ga­ni­sa­tio­nen, Struk­tu­ren oder Bünd­nis­sen.

Die­sen vor­mo­der­nen Bin­dungs­kräf­ten ha­ben mo­der­ne Ge­sell­schaf­ten nichts gleich­wertiges ent­ge­gen­zu­set­zen, sie kön­nen nur in­di­vi­du­ell durch den Ver­stand re­la­ti­viert wer­den (oder durch ge­gen­läu­fi­ge, emo­tio­na­le Er­eig­nis­se, die sie auf­bre­chen): Was liegt al­so nä­her, als eben­die­se (oder ver­gleich­ba­re) Kräf­te für Er­neue­rung der ge­sell­schaft­li­chen Bin­dung zu nut­zen? Die stolz­drauf-Kam­pa­gne des Bun­des­mi­ni­sters Kurz und des Öster­rei­chi­schen In­te­gra­ti­ons­fonds ver­sucht ge­nau das: Wir wol­len oder wün­schen uns vor­mo­der­ne Bin­dungs­kräf­te, in die­sem Fall den Stolz, der rein lo­gisch be­trach­tet, gar nicht in Fra­ge kommt, um mög­lichst vie­le Bür­ger emo­tio­nal an das Ge­mein­we­sen zu bin­den. Hier wer­den die Pro­ble­me funk­tio­nell-or­ga­ni­sier­ter mo­der­ner Ge­sell­schaf­ten prak­tisch of­fen­bar: Das Ziel der Kam­pa­gne ist es, in­di­vi­du­el­le Bin­dungs­kräf­te zu ak­ti­vie­ren: Man ist stolz auf die Ge­sell­schaft, weil sie die fried­li­che Ko­exi­stenz von Men­schen aus an­de­ren Kul­tu­ren oder ver­schie­de­ner Re­li­gio­nen er­mög­licht; man ist stolz, weil man hier be­ruf­lich er­folg­reich sein konn­te, usf. Ei­ne fein aus­dif­fe­ren­zier­te, in­di­vi­dua­li­sier­te Ge­sell­schaft (im Sin­ne ich-zen­trier­ter Le­bens­ent­wür­fe), in der na­he­zu al­les, was frü­her Auf­ga­be der Ge­mein­schaft war, nun als Dienst­lei­stung aus­ge­la­gert wer­den kann (Al­ten­pfle­ge, um ein Bei­spiel zu nen­nen), soll emo­tio­nal auf ein (ei­gent­lich un­ein­heit­li­ches) Fun­da­ment be­zo­gen wer­den: Ei­ne aus­schließ­lich funk­tio­nell or­ga­ni­sier­te Ge­mein­schaft, soll emo­tio­nal als sol­che kon­sti­tu­iert und er­fah­ren wer­den (wenn Ge­meinschaft noch er­fah­ren wird, dann eher klei­nen und klein­sten Ebe­nen). — Die spä­te Mo­der­ne ist, so kann man es viel­leicht for­mu­lie­ren, an ei­nen Punkt ge­langt, an dem das Be­dürf­nis nach me­ta­phy­sisch-emo­tio­na­len Iden­ti­tä­ten im­mer stär­ker nach­ge­fragt wird. Ge­lin­gen kann das ei­gent­lich nur, wenn al­le nach der­sel­ben Iden­ti­tät fra­gen (aber die ist nicht sta­bil oder für al­le vor­han­den, wie der be­ruf­li­che Er­folg oder we­nig emo­tio­nal oder wird so­gar als kon­tra­pro­duk­tiv an­ge­se­hen, wie die Re­li­gi­ons­frei­heit oder die Gleich­berechtigung). Da­ne­ben ver­bleibt die Fra­ge: Wie ver­mag ein Ein­wan­de­rer auf Deutsch­land, Frank­reich oder Öster­reich, in de­nen er un­ter sehr ähn­li­chen grund­sätz­li­chen Be­din­gun­gen le­ben und er­folg­reich sein kann, spe­zi­fisch stolz zu sein?

Man kann in ei­nem funk­tio­nal or­ga­ni­sier­tes Ge­mein­we­sen, aber auch in­ner­halb sei­ner Lo­gik nach Lö­sungs­mög­lich­kei­ten su­chen: Im Fall Öster­reichs wird das durch die No­vel­lie­rung des Is­lam­ge­set­zes, das da­zu die­nen soll »den Is­lam« durch ei­nen recht­li­chen Rah­men mit Staat und Ge­sell­schaft zu ver­bin­den, ver­sucht. Ob das durch ein spe­zi­el­les Ge­setz ge­lin­gen kann ist frag­lich, weil es – so­zu­sa­gen – ei­nen Aus­nah­me­zu­stand er­zeugt und den Is­lam als fremd mar­kiert: Ob neue Pa­ra­gra­phen tat­säch­lich not­wen­dig sind, ist an der Si­tua­ti­on »des Is­lam« in Öster­reich (al­so sei­ner Be­zie­hung zum Ge­mein­we­sen) zu mes­sen und dar­an in­wie­weit der vor­han­de­ne Ge­set­zes­be­stand nicht oh­ne­hin aus­reicht9.

Ei­ne wei­te­re Mög­lich­keit funk­tio­na­ler Lö­sun­gen, die we­nig be­ach­tet wer­den, sind po­si­tiv for­mu­lier­te »Iden­ti­tä­ten«. Man könn­te et­wa im Staats­grund­ge­setz über die all­ge­mei­nen Rech­te der Staats­bür­ger (Ar­ti­kel 15) ei­ne li­be­ra­le eu­ro­is­la­mi­sche Iden­ti­tät for­mu­lie­ren (im Sin­ne Bassam Ti­bis). Ei­ne sol­che po­si­ti­ve eu­ro­päi­sche Kon­zep­ti­on des Is­lam wä­re ein Bei­trag zur In­te­gra­ti­on ei­ner­seits und hät­te Vor­bild­wir­kung für Eu­ro­pa an­de­rer­seits (streng ge­nom­men müss­te mit al­len an­de­ren an­er­kann­ten Re­li­gio­nen auf die glei­che Wei­se ver­fah­ren wer­den).

Funk­tio­na­le Lö­sun­gen kön­nen hel­fen ein Ver­hält­nis des Re­spekts und der wech­sel­sei­ti­gen An­er­ken­nung von Staat und Re­li­gi­on (und da­mit der In­te­gra­ti­on in die Ge­sell­schaft) zu ent­wickeln, wenn sie ent­spre­chend for­mu­liert wer­den; da­durch kön­nen Bin­dungs- und In­te­gra­ti­ons­kräf­te, oh­ne dass die grund­sätz­li­che Tren­nung von Po­li­tik und Re­li­gi­on an­ge­ta­stet wird, ent­ste­hen, wo­bei die­se si­cher­lich deut­lich hin­ter der Kraft me­ta­phy­sisch-emo­tio­na­ler Bin­dun­gen zu­rück blei­ben, die auf Grund der oben dis­ku­tier­ten Pro­ble­me nicht als be­herr­schen­de Kräf­te ak­zep­tiert wer­den kön­nen, dem blo­ßen Verfassungs­patriotismus aber wo­mög­lich über­le­gen sind. — Die völ­li­ge Tren­nung von Staat und Re­li­gi­on er­schwert hin­ge­gen die In­te­gra­ti­on, weil sie als Ab­wei­sung er­fah­ren wird und wei­tet das Pro­blem der me­ta­phy­si­schen Be­dürf­tig­keit eher aus, als es zu be­gren­zen.


  1. Die Texte: Das Islamgesetz, der Entwurf zum Islamgesetz und diese Diskussion auf Twitter.  

  2. Einige Beispiele aus der Gegenwart: Ethnische Religionen, Shintoismus, Konfuzianismus, Daoismus, Hinduismus, Jainismus, Islam, Christentum, Judentum; und der Vergangenheit: Ägyptische, Aztekische, Keltische, Minoische, Griechische Religion und die Religion der Germanen.
     

  3. Worin man durchaus eine Nuance an Aufklärung sehen kann.  

  4. Zum Unterschied zwischen Religion und Weltanschauung: Eine Weltanschauung kann zwar überindividuell und quasireligiös (Nationalismus) sein, bleibt aber immer der Welt verhaftet; eine Religion transzendiert die Welt in irgendeiner Form. Dieser außerweltliche Bezug scheint den Religionen in Verbindung mit der Bedürftigkeit und dem Erleben der Menschen eine besondere Dauerhaftigkeit zu verleihen. Außerdem geht der Wirkungskreis vieler Religionen über die Schranken von Kultur und Nation hinweg.  

  5. Zur Ambivalenz siehe Zygmunt Baumann "Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit", Hamburger Edition, 2005.  

  6. Die Anerkennung hat nichts mit Legitimität zu tun, es herrscht Religionsfreiheit, sondern mit bestimmten Vor- und Schutzrechten (ein Beispiel hier).  

  7. Beispiele für Diskussionen um eine Schule: 1, 2, 3  

  8. Ein Text mit zusammenfassendem Charakter findet sich dort; allerdings ist auch das nicht immer eindeutig).  

  9. Abseits der vorrangig diskutierten Themen, sind neue gesetzliche Regeln vielleicht im Hinblick auf die halāl-Zertifizierungen notwendig (einschließlich einer Diskussion darüber, ob diese nicht von einer staatlichen Stelle durchzuführen wären).  

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  1. Vie­len Dank für die­sen in­struk­ti­ven Text.

    Zu­nächst zum sä­ku­la­ren Staat. Das ist in Deutsch­land ein biss­chen kom­pli­zier­ter. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat im »Kru­zi­fix-Ur­teil« noch ein­mal be­tont, dass der Staat ein Neu­tra­li­täts­ge­bot im Ver­hält­nis zu Re­li­gio­nen ein­zu­hal­ten ha­be (Ur­teil: hier).

    Das be­deu­tet nun nicht un­be­dingt auch ei­ne Wer­te-Neu­tra­li­tät, wie man hier nach­le­sen kann. Bie­le­feldt stellt fest, »der sä­ku­la­re Rechts­staat hat die Mög­lich­keit, ja die Auf­ga­be, sich zu Fra­gen der Re­li­gi­on und Welt­an­schau­ung ak­tiv zu ver­hal­ten; al­ler­dings – und dies ist ent­schei­dend – steht staat­li­ches Han­deln da­bei nicht un­ter dem Vor­zei­chen, re­li­giö­ser Wahr­heit zur An­er­ken­nung zu ver­hel­fen, son­dern ge­schieht un­ter dem An­spruch, re­li­giö­se und welt­an­schau­li­che Frei­heit der Men­schen nach Maß­ga­be der Gleich­be­rech­ti­gung al­ler zu för­dern.« Das klingt sehr schön, aber so­fort taucht das Pro­blem der »Gleich­be­rech­ti­gung« wie­der auf. Die­se »Gleich­be­rech­ti­gung« muss – und das ist es­sen­ti­ell – an den Wer­ten der Ver­fas­sung fest­ge­macht sein und nicht an re­li­giö­sen Schrift­wer­ten.

    Hier setzt wohl die In­itia­ti­ve des »Is­lam-Ge­set­zes« an, wenn dort steht: »Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten, Kul­tus­ge­mein­den oder an­de­re Un­ter­glie­de­run­gen so­wie ih­re Mit­glie­der kön­nen sich bei der Pflicht zur Ein­hal­tung all­ge­mei­ner staat­li­cher Nor­men nicht auf in­ner­re­li­gi­ons­ge­sell­schaft­li­che Re­ge­lun­gen oder die Leh­re be­ru­fen, so­fern das im je­wei­li­gen Fall an­zu­wen­den­de staat­li­che Recht nicht ei­ne sol­che Mög­lich­keit vor­sieht.« Mich wür­de es je­doch wun­dern, wenn ähn­li­ches nicht schon in an­de­ren Ge­set­zen ste­hen wür­de. In­so­fern wä­re es un­ge­schickt, ei­ne Art Spe­zi­al­ge­setz für den Is­lam zu schaf­fen, was un­wei­ger­lich ei­ne ge­wis­se Stig­ma­ti­sie­rung be­deu­ten könn­te.

    Zur Eu­ro-Is­lam-The­se: Da­von hal­te ich nichts, so­lan­ge die­se von is­la­mi­schen Ge­lehr­ten kommt, die im We­sten re­üs­sie­ren und le­ben. Da »der Is­lam« kei­ne ho­mo­ge­ne Dok­trin ver­tritt, dürf­ten sol­che Ide­en als west­lich in­fil­triert von den lo­ka­len Geist­li­chen, die sich da­durch in ih­rer Macht be­droht se­hen, des­avou­iert wer­den. Selbst ein Den­ker wie Mo­ham­med al-Ja­bri, der ei­ne »an­da­lu­si­sche Wie­der­ge­burt« nach Aver­roes vor­schlug, fand kaum Wie­der­hall (er ist in­zwi­schen lei­der ge­stor­ben; der Ver­lag, der sei­ne Schrif­ten auf den Markt brin­gen woll­te, schaff­te nur die Ein­füh­rung).

  2. Wow, das wuss­te ich nicht. In Öster­reich küm­mert sich der Bun­des­kanz­ler noch per­sön­lich um die Kör­per­schaf­ten. No way in Ger­ma­ny. Hes­sen hat 2013 ei­ne Kör­per­schaft mit mus­li­mi­schem Hin­ter­grund ge­neh­migt, an­son­sten bleibt die Ba­sis von Mo­sche­en der Kul­tur­ver­ein.
    Das The­ma der Tren­nung von Re­li­gi­on und Staat fin­de ich nicht ziel­si­cher ge­wählt. Ge­ra­de um die An­er­ken­nung von Sei­ten des Staa­tes geht es ja den Be­tei­lig­ten. Ich ver­mu­te, dar­in be­steht der »Ant­wort­cha­rak­ter« des Ar­ti­kels, denn der ver­ein­fa­chen­de Lai­zis­mus ar­gu­men­tiert ger­ne mit ge­spal­te­ner Zun­ge, als ob ein lai­zi­sti­scher Staat die Re­li­gi­on kom­plett igno­rie­ren könn­te. Ar­gu­ment: selbst wenn der Ge­setz­ge­ber das »Kopf­tuch« ver­bie­tet, igno­riert er es nicht. Ganz im Ge­gen­teil!
    Von An­er­ken­nungs­fra­gen (Rechst­staat­prin­zip) ganz zu schwei­gen.
    Da sind vie­le krau­se Ge­dan­ken un­ter­wegs, in Öster­reich und an­ders­wo. Die ty­pi­sche Macke des Li­be­ra­lis­mus be­steht ja dar­in, so zu tun, als ob auch der Staat nicht exi­stiert. Anything goes, when not­hing is re­al. Tol­le Phi­lo­so­phie!

  3. @Gregor
    Ja, man könn­te sa­lopp sa­gen, dass der sä­ku­la­re Staat ei­ne li­be­ral-in­di­vi­du­el­le Wer­te­hal­tung ver­tritt (auf de­ren Ba­sis Gleich­be­rech­ti­gung mög­lich wird).

    Das Is­lam­ge­setz gibt es seit 1912 (ein paar Jah­re nach­dem Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na von Öster­reich-Un­garn for­mal an­nek­tiert wur­de (da­vor wur­de stand es un­ter der Ver­wal­tung der Mon­ar­chie). Es war na­he­lie­gend die­ses Ge­setz zu no­vel­lie­ren, was, da stim­me ich zu, kei­ne gu­te Idee war (vor al­lem wenn dort dann vie­le Pa­ra­gra­phen auf­tau­chen, die an­ders­wo oh­ne­hin ge­re­gelt sind). Die ent­schei­den­de Fra­ge ist eher: War­um tut man über­haupt erst jetzt et­was? In­ter­es­sant ist aber, dass sich die Ale­vi­ten für das Ge­setz aus­spre­chen (bei der IG­GiÖ ist das nicht der Fall, al­ler­dings macht die in dem gan­zen Pro­zess kei­ne gu­te Fi­gur).

    Der Eu­ro­is­lam ist ein Ent­wurf für die eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten, Bassam Ti­bi ver­tritt ei­ne In­te­gra­ti­on »des Is­lam« un­ter Wah­rung der Ide­en von Sä­ku­la­ri­tät und Mo­der­ne, et­was an­de­res kann »nie­mand« ernst­lich wol­len (es ent­spricht im Prin­zip dem Rah­men, dem sich auch das Chri­sten­tum fü­gen muss­te). Dass das nicht un­be­dingt auf Zu­spruch et­li­cher Theo­lo­gen, Ge­lehr­ter und Pre­di­ger stößt, mag sein, es ist so­gar si­cher so. Und? Sol­len wir um de­ren Zu­spruch bet­teln? Ich se­he da kei­nen an­de­ren Weg.

    @die_kalte_Sophie
    Das The­ma ist die Fra­ge wie und wo die Tren­nung zwi­schen Staat und Re­li­gi­on ver­lau­fen soll, was die Vor- und Nach­tei­le sind (sein kön­nen) und wie sich die Si­tua­ti­on in Öster­reich da­zu ver­hält (»der Lai­zis­mus« sieht in der Re­li­gi­on m.E. zu sehr ei­nen Geg­ner, ei­nen Feind, was zur Fol­ge hat, dass man sich zu we­nig mit ihr aus­ein­an­der­setzt), ich dach­te das geht aus dem Link auf die Twit­ter­dis­kus­si­on her­vor. — Das Pro­blem ist we­ni­ger Igno­ranz als sol­che, son­dern eben ein Man­gel von Aus­ein­an­der­set­zung aus Grün­den von Ab­wehr.

  4. @ me­te. Hab’ schon ka­piert. Aber gibt es da nicht ei­ne psy­cho­lo­gi­sche und ei­ne sy­ste­mi­sche Ebe­ne, die ein­fach nicht zu­sam­men pas­sen wol­len?! Ich wür­de be­haup­ten, der Staat hat kein Pro­blem mit sei­nen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, aber das (zu­mal christ­lich ver­or­te­te) Bür­ger­tum kann kaum et­was Sinn­fäl­li­ges dar­über sa­gen. Die Kam­pa­gne des Mi­ni­sters Kurz ist doch rüh­rend: ein Kö­nig­reich für ei­ne Idee der Ge­mein­sam­keit. Ich fin­de dar­in drückt sich per­fekt das Di­lem­ma des We­stens aus, der auf (wie Du sagst) vor­mo­der­ne Bin­dungs­kräf­te zu­rück­grei­fen muss­te, um sei­ne De­mo­kra­ti­en zu sta­bi­li­sie­ren, und der jetzt vor der (bei­nah ab­sur­den) Her­aus­for­de­rung steht, meh­re­re di­stink­te Ge­mein­schafts-Stif­ter in­stru­men­ta­li­sie­ren zu kön­nen. Be­trach­ten wir die Sa­che doch mal dia­lek­tisch: sind meh­re­re (even­tu­ell ein Viel­zahl) von Re­li­gio­nen gut oder schlecht für die rein funk­tio­nal ge­stal­te­te Ge­sell­schaft?! Ant­wort: Sie sind gut, wer­fen aber ei­ne me­ta­hi­sto­ri­sche Er­kennt­nis auf, die ein we­nig un­an­ge­nehm ist. Bru­no La­tour sag­te: Wir sind nie mo­dern ge­we­sen. Ja, ganz recht: »wir«. Denn die De­mo­kra­ti­en sind Struk­tu­ren und kei­ne sub­jekt­na­hen Kon­struk­te. Sie strah­len kei­ne Wär­me aus, sie stif­ten kei­ne Iden­ti­tät. Hi­sto­risch ge­se­hen, ha­ben »wir« uns da ge­ra­de mal eben durch­ge­mo­gelt. Die mo­der­nen west­li­chen Ge­sell­schaf­ten sind »re­la­tiv gut kon­stru­iert«, aber kön­nen sie sich ei­ne »Tren­nung«, sprich Ver­ab­schie­dung der Re­li­gi­on lei­sten?! Be­stür­zen­de me­ta­hi­sto­ri­sche Ein­sicht: nein!

  5. Das ist ein wich­ti­ger Fak­tor: De­mo­kra­ti­en »strah­len kei­ne Wär­me aus«. Das ist rich­tig und gilt wo­mög­lich fa­ta­ler­wei­se für funk­tio­nie­ren­de De­mo­kra­ti­en. Man merkt nicht mehr, wie es sein könn­te, wenn die de­mo­kra­ti­schen In­sti­tu­tio­nen ab­we­send sind. De­mo­kra­tie wird zur Ge­wohn­heit; ähn­lich wie der amor­phe Be­griff des »Frie­dens«.

    Scho­pen­hau­er, die­ser vi­sio­nä­re Mis­an­throp, kon­sta­tier­te:

    Ei­ne Ge­sell­schaft Sta­chel­schwei­ne dräng­te sich an ei­nem kal­ten Win­ter­ra­ge recht nah zu­sam­men, um sich durch die ge­gen­sei­ti­ge Wär­me vor dem Er­frie­ren zu schüt­zen. Je­doch bald emp­fan­den sie die ge­gen­sei­ti­gen Sta­cheln, wel­ches sie dann wie­der von ein­an­der ent­fern­te. Wann nun das Be­dürf­nis der Er­wär­mung sie wie­der nä­her zu­sam­men­brach­te, wie­der­hol­te sich je­nes zwei­te Übel, so da? sie zwi­schen bei­den Lei­den hin und her ge­wor­fen wur­den, bis sie ei­ne mä­ßi­ge Ent­fer­nung von­ein­an­der her­aus­ge­fun­den hat­ten, in der sie es am be­sten aus­hal­ten konn­ten.
    So treibt das Be­dürf­nis der Ge­sell­schaft, aus der Lee­re und Mo­no­to­nie des ei­ge­nen In­nern ent­sprun­gen, die Men­schen zu­ein­an­der; aber ih­re vie­len wi­der­wär­ti­gen Ei­gen­schaf­ten und un­er­träg­li­chen Feh­ler sto­ßen sie wie­der von­ein­an­der ab. Die mitt­le­re Ent­fer­nung, die sie end­lich her­aus­fin­den, und bei wel­cher ein Bei­sam­men­sein be­stehen kann, ist die Höf­lich­keit und fei­ne Sit­te. Dem, der sich nicht in die­ser Ent­fer­nung hält, ruft man in Eng­land zu: keep your di­stan­ce! – Ver­mö­ge der­sel­ben wird zwar das Be­dürf­nis ge­gen­sei­ti­ger Er­wär­mung nur un­voll­kom­men be­frie­digt, da­für aber der Stich der Sta­cheln nicht emp­fun­den.
    Wer je­doch viel ei­ge­ne, in­ne­re Wär­me hat, bleibt lie­ber aus der Ge­sell­schaft weg, um kei­ne Be­schwer­de zu ge­ben, noch zu emp­fan­gen.

    Hier kommt dann so et­was wie die Re­li­gi­on im Spiel (die Scho­pen­hau­er na­tür­lich vor­her zu Gra­be ge­tra­gen hat­te). Re­li­gio­nen schaf­fen Bin­dungs­kräf­te – ob man das nun mag oder nicht. Das ist gar nicht wer­tend ge­meint. Na­tio­na­le Iden­ti­tät ist m. E. kein »vor­mo­der­nes« Kon­strukt; es wirkt nur so, weil wir al­le kos­mo­po­li­tisch agie­ren bzw. uns da­für hal­ten.

    Viel­leicht wa­ren »wir« noch nie »mo­dern«. Aber be­reits die Spo­ren des­sen, was wir Mo­der­ne nen­nen, ver­un­si­chert uns.

  6. Ich wür­de wei­ter­ge­hen und sa­gen, dass das »die« ge­sam­te Mo­der­ne nicht tut (Max We­ber war es doch, der vom stäh­ler­nen Ge­häu­se sprach; oder Bach­mann von der Wahr­heit die den Men­schen zu­zu­mu­ten wä­re; die Ent­täu­schung wird dem Trost vor­ge­zo­gen).

    Dan­ke für die Er­wäh­nung von La­tour, den hat­te ich völ­lig ver­ges­sen (müss­te ge­naue­res aber erst nach­le­sen). Ich möch­te da­hin­ge­hend wi­der­spre­chen, dass wir in un­se­rer in­di­vi­dua­li­sti­schen Be­züg­lich­keit und Le­bens­form doch mo­dern sind (wir sind nicht un­be­dingt so ver­schie­den, wie wir es ger­ne glau­ben oder hät­ten, aber wir le­ben schon sehr selbst­be­zo­gen und we­nig ge­mein­schaft­lich; un­se­re Le­bens­welt ist si­cher­lich auch weit­ge­hend mo­dern ge­stal­tet). — In­so­fern funk­tio­nie­ren un­se­re De­mo­kra­ti­en, des­halb sind sie »kalt« und, funk­tio­nal ge­se­hen, aus­tausch­bar. Das ak­ti­viert dann na­tür­lich auch vor­mo­der­ne Be­dürf­nis­se, die in uns al­len auch stecken, in­so­fern geht es viel­leicht auch gar nicht dar­um durch und durch mo­dern zu sein, son­dern ihr (so­zu­sa­gen) ei­nen Vor­rang zu­zu­ge­ste­hen. — Al­ler­dings ist das et­was ganz an­de­res, als Gre­gor sagt, bei ihm ist es die Ge­wohn­heit, die die Käl­te er­zeugt, ich glau­be eher, dass De­mo­kra­ti­en das grund­sätz­lich nicht kön­nen (was, fin­de ich, das Wort Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus auch recht schön zeigt). Das was De­mo­kra­ti­en be­deu­tend macht, ist das, was sie er­mög­li­chen, als Fun­da­ment so­zu­sa­gen, das uns dann wie­der wert­voll wird.

    [@die_kalte_Sophie: Ich kann die bei­den Sät­ze, nicht recht ein­ord­nen, viel­leicht kön­nen Sie mir das noch ein­mal kurz er­läu­tern: »Ich wür­de be­haup­ten, der Staat hat kein Pro­blem mit sei­nen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, aber das (zu­mal christ­lich ver­or­te­te) Bür­ger­tum kann kaum et­was Sinn­fäl­li­ges dar­über sa­gen.«]

    Na­tio­na­lis­mus als ge­fühl­tes Wir, als Volk, Ge­mein­schaft, usw. wür­de ich schon als vor­mo­dern an­se­hen; ein staat­li­ches Kon­strukt, wie et­wa die Ver­ei­nig­ten Staa­ten mit ei­nem Nar­ra­tiv nicht, das stimmt.

  7. Nietz­sche und das Ge­setz­buch des Ma­nu.

    -Al­te und neue Nietz­sche­freun­de le­gen viel Wert auf den ‚An­ti-An­ti­se­mi­tis­mus’ des Phi­lo­so­phen. Dies ver­steht sich an­ge­sichts ei­ner – in Deutsch­land seit mehr als zwei Jahr­zehn­ten wahr­nehm­ba­ren – Ten­denz zur her­me­neu­ti­schen Glät­tung des Nietz­sche­schen Wer­kes. Zahl­rei­che Zei­tungs­bei­trä­ge zum 100. To­des­tag Nietz­sches lie­ßen ihn ge­ra­de­zu als Mu­ster­phi­lo­so­phen der li­be­ra­len De­mo­kra­tie er­schei­nen; Man­fred Rie­del be­stritt im Spie­gel-In­ter­view 34/2000 gar jeg­li­che po­li­ti­sche Les­bar­keit des ‚Wil­lens zur Macht’.-
    Gleich­wohl gibt es dich­te Quel­len­prä­sen­ta­ti­on von an­ti­jü­di­schen „Nietz­sche-Pein­lich­kei­ten“, die an der Stel­lung
    des Phi­lo­so­phen zum Ju­den­tum we­nig Zwei­fel las­sen.
    In sei­ner Wahr­neh­mung jü­di­scher Men­schen scheint Nietz­sche eher ein Ju­den-Ver­äch­ter denn ein Ju­den-Has­ser oder auch nur ‑Geg­ner. Sei­ne Re­ak­tio­nen sind pri­mär äs­the­ti­scher Na­tur, sei­ne Ur­tei­le (die auch Be­wun­de­rung für die Selbst­be­haup­tungs­kraft des jü­di­schen Vol­kes ein­schlie­ßen) sind vi­ta­li­stisch fun­dier­te Ge­schmacks­ur­tei­le – ein Grund­cha­rak­ter des Nietz­sche­schen Wer­kes.
    Auch be­zeich­ne­te er sei­nen Freund Paul Rée, der Rit­ter­guts­be­sit­zer jü­di­scher Her­kunft war, ge­le­gent­lich als ei­nen „auch“ Zwei­mal­ge­bo­re­nen!
    Man könn­te al­so sa­gen, bei Nietz­sches han­delt es sich – ähn­lich wie bei Hei­deg­ger – eher um ei­nen
    seins­ge­schicht­li­chen „An­ti­se­mi­tis­mus“!

    Chanda­la.

    „Nietz­sche ver­wen­det den Be­griff in sei­nen Schrif­ten Götzen-Dämmerung[1] und Der Antichrist.[2] Dar­in stellt er das „Ge­setz­buch des Ma­nu“ mit des­sen Ka­sten­sy­stem als Bei­spiel für ei­ne in­tel­li­gent ge­plan­te „Züch­tung“ von Men­schen ge­gen den Ver­such des Chri­sten­tums, den Men­schen zu „zäh­men“.

    Be­son­de­re Auf­merk­sam­keit wid­met Nietz­sche da­bei dem „Tschanda­la“, den er bei Ma­nu als ein Pro­dukt der un­kon­trol­lier­ten Mi­schung aus Ras­sen und Klas­sen sieht, oder, wie Nietz­sche Ma­nu zi­tiert, als „die Frucht von Ehe­bruch, In­cest und Verbrechen“.[3]

    Nietz­sche be­schreibt zu­nächst Me­tho­den der christ­li­chen Men­schen­ver­bes­se­rung. Zen­tra­le Me­ta­pher ist da­bei das dres­sier­te Raub­tier in der Me­na­ge­rie, das schein­bar ver­bes­sert, in Wirk­lich­keit ge­schwächt und sei­ner Le­ben­dig­keit be­raubt sei. Als Ent­spre­chung sieht Nietz­sche den vom Chri­sten­tum dres­sier­ten Ger­ma­nen.

    Das Ge­setz­buch des Ma­nu sei da­ge­gen auf Züch­tung ei­ner ho­hen Men­schen­ras­se aus und müs­se da­her un­nach­gie­big ge­gen je­de Ras­sen­mi­schung sein. Nietz­sche be­schreibt die­se Ge­sell­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on als „furcht­bar“ und „un­se­rem Ge­fühl wi­der­spre­chend“, aber als rein­sten und ur­sprüng­li­chen Aus­druck „ari­scher Hu­ma­ni­tät.“ Er legt die bru­ta­len Vor­schrif­ten zum Um­gang mit den Tschanda­la, die im Grun­de auf De­mü­ti­gung und phy­si­sche Ver­nich­tung hin­aus­lau­fen, als Kampf der Star­ken ge­gen die Mas­se der Schwa­chen aus:

    „Aber auch die­se Or­ga­ni­sa­ti­on hat­te nö­thig, furcht­bar zu sein, – nicht dies Mal im Kampf mit der Be­stie, son­dern mit ih­rem Ge­gen­satz-Be­griff, dem Nicht-Zucht-Men­schen, dem Misch­masch-Men­schen, dem Tschanda­la. Und wie­der hat­te sie kein and­res Mit­tel, ihn un­ge­fähr­lich, ihn schwach zu ma­chen, als ihn krank zu ma­chen, – es war der Kampf mit der ‚gro­ssen Zahl‘.“[4]
    Laut Nietz­sche ist nun al­ler­dings das Chri­sten­tum, ent­stan­den aus dem Ju­den­tum, die Re­li­gi­on des Tschanda­la. Er deu­tet an, dass das Ju­den­tum tat­säch­lich von den „Tschanda­las“ kommt:

    „Das Chri­stent­hum, aus jü­di­scher Wur­zel und nur ver­ständ­lich als Ge­wächs die­ses Bo­dens, stellt die Ge­gen­be­we­gung ge­gen je­de Mo­ral der Züch­tung, der Ras­se, des Pri­vi­le­gi­ums dar: – es ist die an­tia­ri­sche Re­li­gi­on par ex­cel­lence: das Chri­stent­hum die Um­wert­hung al­ler ari­schen Wert­he, der Sieg der Tschanda­la-Wert­he, das Evan­ge­li­um den Ar­men, den Nied­ri­gen ge­pre­digt, der Ge­sammt-Auf­stand al­les Nie­der­ge­tre­te­nen, Elen­den, Miss­ra­the­nen, Schlecht­weg­ge­kom­me­nen ge­gen die ‚Ras­se‘, — die un­sterb­li­che Tschanda­la-Ra­che als Re­li­gi­on der Lie­be …“[5]
    In sei­ner Schrift Der An­ti­christ lobt Nietz­sche noch ein­mal das Ge­setz­buch des Ma­nu. Zwar ver­wen­de es wie je­de Mo­ral die „hei­li­ge Lü­ge“ als Mit­tel, aber sein Zweck sei un­end­lich viel hö­her als der des Chri­sten­tums. Nietz­sche stellt die Welt­an­schau­ung der „gei­stig­sten“ und „stärk­sten“ Men­schen, die al­les, so­gar die Exi­stenz der Tschanda­las, be­ja­hen kön­nen, ge­gen den nei­di­schen und rach­süch­ti­gen In­stinkt der Tschanda­las selbst (ver­glei­che Her­ren­mo­ral und Skla­ven­mo­ral). Der Be­griff Tschanda­la wird von Nietz­sche noch auf ver­schie­de­ne Geg­ner ge­münzt, et­wa auch auf so­zia­li­sti­sche Strö­mun­gen sei­ner Zeit.

    Auch in ei­ni­gen nach­ge­las­se­nen Auf­zeich­nun­gen Nietz­sches fin­det sich sei­ne Be­schäf­ti­gung mit dem Ge­setz­buch des Ma­nu, das er stel­len­wei­se auch kri­ti­siert. In ei­nem Brief an Hein­rich Kö­s­elitz vom 31. Mai 1888[6] er­klär­te Nietz­sche die Ju­den zur „Tschanda­la-Ras­se“, die die „ari­sche“ Ethik der Ve­den zu ei­ner Prie­ster-Ethik um­funk­tio­niert und da­mit den ur­sprüng­li­chen Sinn zer­stört ha­be.“!!!

    Kein Ge­rin­ge­rer als der we­sent­li­che Mit-Her­aus­ge­ber der Nietz­sche-Ge­samt­aus­ga­be Gior­gio Col­li – des­sen Le­bens­mot­to nach Pla­tons Phaidros „En­thu­sia­zon de lel­e­the tus pol­lus“ lau­te­te, was so­viel heißt: „… daß er aber be­gei­stert ist, mer­ken die Leu­te nicht“; ge­meint ist der­je­ni­ge, wel­cher stän­dig im Zu­stand der eleu­si­schen Ek­sta­se lebt und wel­chen folg­lich die mei­sten („hoi pol­loi“) für ver­rückt hal­ten – schrieb fol­gen­de Sät­ze:

    „Die jüng­sten Stu­di­en über die grie­chi­sche Re­li­gi­on ha­ben ei­nen asia­ti­schen und nor­di­schen Ur­sprung des Apol­lo-
    kul­tes nach­ge­wie­sen. Von da­her er­gibt sich ei­ne neue Be­zie­hung zwi­schen Apol­lo und der Weis­heit. Ein Frag­ment
    von Ari­sto­te­les be­lehrt uns, daß PYTHAGORAS – EIN WEISER ALSO – VON DEN EINWOHNERN KROTONS DER HYPERBOREISCHE APOLLO GENANNT WURDE. DIE HYPERBOREER GALTEN DEN
    GRIECHEN ALS EIN SAGENHAFTES VOLK IM ÄUSSERSTEN NORDEN.
    Von dort scheint der my­sti­sche, ek­sta­ti­sche Cha­rak­ter Apol­los zu stam­men, der sich in der Be­ses­sen­heit der Py­thia,
    in den de­li­rie­ren­den Wor­ten des DELPHISCHEN ORAKELS kund­tut. IN DEN EBENEN DES NORDENS
    UND ZENTRALASIENS IST EINE LANGE FORTDAUER DES SCHAMANISMUS, EINER BESONDE-REN TECHNIK DER EKSTASE BEZEUGT.
    DIE SCHAMANEN ERREICHEN EINE MYSTISCHE VERZÜCKUNG, EINEN EKSTATISCHEN ZU-
    STAND, IN DEM SIE FÄHIG SIND, WUNDERTÄTIGE HEILUNGEN ZU VOLLBRINGEN, DIE ZU-
    KUNFT ZU SCHAUEN UND PROPHETIEN ZU VERKÜNDEN.
    Das ist der Hin­ter­grund des del­phi­schen Apol­lo­kul­tes. Ein be­rühm­ter Pas­sus bei Pla­ton lie­fert uns hier­über Auf-
    klä­rung. Es han­delt sich um die Re­de über die MANIA, den Wahn­sinn, die So­kra­tes im PHAIDROS hält. Gleich
    zu Be­ginn fin­det sich die Ent­ge­gen­set­zung des Wahn­sinns und der Mä­ßi­gung, der Selbst­be­herr­schung, und für uns
    Mo­der­ne pa­ra­do­xen Um­keh­rung wird je­ner als über­le­gen und gött­lich ge­rühmt. So heißt es im Text:
    „Die größ­ten Gü­ter en­ste­hen uns aus dem Wahn­sinn, der je­doch durch gött­li­che Gunst ver­lie­hen wird. Denn die
    Pro­phe­tin zu Del­phi und die Prie­ste­rin­nen zu Dodo­na ha­ben im Wahn­sinn un­se­rer Hel­las viel Gu­tes in pri­va­ten
    und öf­fent­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten zu­ge­wen­det.“
    Die Ver­bin­dung zwi­schen MANIA und Apol­lo wird al­so von An­fang an klar her­vor­ge­ho­ben. Dann wer­den vier
    Ar­ten des Wahn­sinns un­ter­schie­den: der pro­phe­ti­sche, der my­ste­ri­en­haf­te, der poe­ti­sche und der ero­ti­sche; die
    bei­den letz­ten sind Va­ri­an­ten der bei­den er­sten. Der (so ver­stan­de­ne) Wahn­sinn ist der Ur­sprung der Weis­heit!

    Die Mo­der­ne in der Ge­stalt des tech­ni­chen Her­stel­lens und Be­sor­gens von Al­lem in sei­ner ent­äu­ßer­ten Hy­per-My­stik des glo­ba­len Ge­stells, ist der jü­disch-christ­li­che Irr­weg seit lan­gem und da­her der In­be­griff des nich­ti­gen
    Nichts, das un­wei­ger­lich in die KATASTROPHE führt.
    Es gilt da­her für ein­zel­ne Völ­ker Si­cher­heits­maß­nah­men ver­nünf­tig vor­aus­zu­pla­nen.
    Dugins „An­sich­ten ei­nes Clowns“ sind (mit Ein­schrän­kun­gen) zu be­ja­hen:

    МАНИФЕСТ АРКТОГЕИ DAS ARKTOGEA-MANIFEST [Link zu­ge­fügt – G. K.]

    [Nach­fol­gen­der Text, der aus co­py & pa­ste des o. e Links be­stand, ent­fernt – G. K.]

  8. Nach­träg­lich für „un­se­ren“ größ­ten In­tel­lek­tu­el­len und Dich­ter der Ge­gen­wart Bo­tho Strauss zum 70. Ge­burts­tag,
    herz­lichst ALLES LIEBE!!!

  9. Kom­men­tar #7 ist ei­ne No­ti­zen­hal­de. Das macht we­nig Sinn.
    ad Me­te: Das Zi­tat fasst Staat vs. Bür­ger­tum als He­te­ro­ge­ni­tät. Ich woll­te die bei­den Ebe­nen (de­mo­kra­ti­sches Sy­stem – po­li­ti­sches Sub­jekt) her­vor­he­ben, die m.M.n. nicht deckungs­gleich sind. Der Staat kann mit ei­ner Viel­zahl von Rel­Gem um­ge­hen, aber das po­li­ti­sche Sub­jekt ist nicht vor­aus­set­zungs­los wie ei­ne theo­re­ti­sche Scha­blo­ne. Es nimmt stets Be­zug auf sei­ne höchst ei­ge­nen Ge­mein­schafts-Ka­te­go­ri­en, und kann kei­nen uni­ver­sa­len Stand­punkt ein­neh­men. Da­her die Tra­gik von Mi­ni­ster Kurz.
    Dass wir (se­lek­tiv) trotz­dem mo­dern sind, än­dert nichts am Struk­tur­pro­blem, wel­ches Un­ru­he »im Volk« er­zeugt. Denn der Mensch ist zwar blöd (Beckett), aber so blöd ist er dann auch wie­der nicht... Er­gän­ze: um zu mer­ken, dass die Po­li­ti­ker heu­cheln müs­sen, um die staat­li­chen Struk­tu­ren zu er­schaf­fen.

  10. @petervonkloss
    Bit­te blei­ben Sie beim The­ma. Hier soll in der Sa­che dis­ku­tiert und nicht ir­gend­wel­che State­ments ab­ge­son­dert wer­den. Wenn Sie Bo­tho Strauß gra­tu­lie­ren wol­len, ma­chen Sie das an­ders­wo.

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  13. @Köppnick
    Dein Kom­men­tar ist ein Är­ger­nis, weil ich an­de­res schrieb als Du be­haup­test, dass ich hät­te (sie­he dort).

    @die kal­te So­phie
    Für ei­ne Än­de­rung im Struk­tur­pro­blem woll­te ich da­mit gar nicht ar­gu­men­tie­ren (aber dass wir gar nicht mo­dern wä­ren, stimmt dann doch nicht).

  14. Nee, sag’ ich ja. Wir sind schon mo­dern, ge­nau des­halb schlep­pen wir die Am­bi­gui­tä­ten und Un­ver­ein­bar­kei­ten mit uns rum. Ich bin nicht di­rekt ge­gen die Mo­der­ne, sie scheint mir aber kein gro­ßer Wurf zu sein. Wie soll ich das oh­ne Miss­ver­ständ­nis­se zu er­zeu­gen aus­drücken... Ver­such: die Be­deu­tung der Mo­der­ne liegt dar­in, dass sie un­lös­ba­re Kon­flik­te ober­fläch­lich be­frie­det. Sie kann sie nicht lö­sen. An­de­res Bei­spiel, die feh­len­de Me­ta­phy­sik: sie wird sie nie­mals bei­brin­gen. Kein Dach, wei­ter­hin. Es wä­re ei­ne ty­pisch »ame­ri­ka­ni­sche« Schluss­fol­ge­rung zu sa­gen: Eben des­halb ist sie groß­ar­tig. Je­der kann sei­ne ei­ge­nen Un­fer­tig­kei­ten un­ter die gro­ßen Fra­gen mi­schen. – Fällt gar nicht wei­ter auf (sub­si­diä­rer In­di­vi­dua­lis­mus).
    Ich re­agie­re an­ders, ich sa­ge: al­so wird man auch in Zu­kunft nicht viel er­war­ten dür­fen (Dys­to­pie). Und in Rich­tung Ame­ri­ka: Es le­be der kos­mo­lo­gi­sche Nar­ziss­mus.

  15. Wahr­schein­lich kön­nen wir uns dar­auf ei­ni­gen, dass »die Mo­der­ne« selbst am­bi­va­lent ist, spä­te­stens seit dem wir sie mit »spät« nä­her be­schrei­ben; sie be­darf der Kri­tik, ja, aber dann? Ver­wer­fen »kön­nen« wir sie nicht, in ei­ne post­mo­der­ne Be­lie­big­keit auf­lö­sen auch nicht, auch wenn ich mich selbst mal in die­se Rich­tung be­wegt ha­be, schon des­halb, weil die di­ver­sen ar­chai­schen Strö­mun­gen dann ei­nen über­wäl­ti­gen­den Sieg da­von tra­gen wür­den (in­klu­si­ve gan­zer Strö­me von Blut): Das Kra­chen im Ge­bälk und un­ser Le­bens­ge­fühl zeigt uns, dass sich et­was än­dern muss; die Fra­ge ist, was das sein könn­te (ein neu­er Ent­wurf lässt sich leicht ver­an­schla­gen, wä­re aber in sei­nem Über­win­dungs­den­ken wie­der­um ge­nu­in mo­dern ... ich weiß es nicht).

  16. Das Be­wusst­sein des Men­schen ar­bei­tet mit Wor­ten und Zah­len, das Un­ter­be­wusst­sein mit Bil­dern und Me­ta­phern. Das Un­ter­be­wusst­sein lässt sich pro­gram­mie­ren und da­mit der Kul­tur­mensch durch se­lek­ti­ve gei­sti­ge Blind­heit an ei­ne noch feh­ler­haf­te Ma­kro­öko­no­mie an­pas­sen, in­dem ele­men­ta­re ma­kro­öko­no­mi­sche Zu­sam­men­hän­ge mit ar­che­ty­pi­schen Bil­dern und Me­ta­phern ex­akt um­schrie­ben und die­se dann mit fal­schen As­so­zia­tio­nen und Be­grif­fen ver­knüpft wer­den, an die der Un­ter­tan glaubt. Der Glau­be an die fal­schen Be­grif­fe er­zeugt ei­ne gei­sti­ge Ver­wir­rung, die es dem Pro­gram­mier­ten so gut wie un­mög­lich macht, die ma­kro­öko­no­mi­sche Grund­ord­nung, in der er ar­bei­tet, zu ver­ste­hen; noch we­ni­ger kann er über die Ma­kro­öko­no­mie, die in den Grund­zü­gen sei­ne Exi­stenz be­stimmt, hin­aus­den­ken. Die­se Tech­nik, die in frü­he­ren Zei­ten – et­wa bis zum 6. vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert – noch ei­ne ex­ak­te Wis­sen­schaft war und die nur von ein­ge­weih­ten Ober­prie­stern be­trie­ben wer­den durf­te, nennt sich »gei­sti­ge Be­schnei­dung von Un­ter­ta­nen«, bzw. Re­li­gi­on = Rück­bin­dung auf künst­li­che Ar­che­ty­pen im kol­lek­tiv Un­be­wuss­ten. Auch das, was heu­te »mo­der­ne Zi­vi­li­sa­ti­on« ge­nannt wird, ent­stand aus der Re­li­gi­on:

    http://www.deweles.de/files/gen1-1_11‑9.pdf

    »Im An­fang war das Wort«, was be­deu­tet: Wer den Text nur ge­hört oder ge­le­sen, aber ihn nicht ver­stan­den hat, be­fin­det sich im »Pro­gramm Ge­ne­sis« und kommt nicht wie­der her­aus, bis er den Text ver­stan­den hat. Dass der Text NICHT ver­stan­den wird, ist die Auf­ga­be al­ler jü­di­schen, ka­tho­li­schen und is­la­mi­schen Prie­ster, auch wenn sie schon lan­ge nicht mehr wis­sen, was sie tun (die ka­tho­li­schen und is­la­mi­schen Prie­ster wuss­ten es nie, und die jü­di­schen Ober­prie­ster et­wa bis zum 6. vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert). Denn es ist ir­rele­vant, wel­chen Un­sinn die Schwei­ne­prie­ster (seit die Re­li­gi­on schäd­lich ist, darf man das sa­gen) von sich ge­ben; Haupt­sa­che, die ei­gent­li­che, rein öko­no­mi­sche Be­deu­tung des Tex­tes bleibt im Ver­bor­ge­nen und da­mit die gan­ze halb­wegs zi­vi­li­sier­te Mensch­heit im längst ver­al­te­ten Pro­gramm. Wer hat et­was da­von? Nie­mand. Au­ßer, dass in »die­ser Welt« ein nicht un­er­heb­li­cher Teil der Be­völ­ke­rung mit ei­gent­lich sinn­frei­en Tä­tig­kei­ten be­schäf­tigt ist, die von den sinn­voll Be­schäf­tig­ten mit­be­zahlt wer­den müs­sen. Doch die Ein­bil­dung, wir leb­ten in der »be­sten al­ler mög­li­chen Wel­ten«, ge­hört be­kannt­lich zur so ge­nann­ten All­ge­mein­bil­dung...

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/11/macht-oder-konkurrenz.html

  17. @ me­te
    Da sind wir ei­nig. Ich ha­be in­zwi­schen auch den Sprach­ge­brauch »Spät­mo­der­ne« ad­ap­tiert, ich hof­fe im kon­ven­tio­nel­len Sin­ne. Die Mo­der­ne ge­langt in die Gleit­pha­se (nach der Steig­pha­se), muss Un­gleich­zei­tig­kei­ten ge­sche­hen las­sen, ver­liert die ganz­heit­li­che Te­leo­lo­gie, etc.
    Was Sie an­spre­chen, be­un­ru­higt mich eben­falls. Man muss ein­wir­ken, und die Zu­mu­tung der Rand­stän­dig­keit igno­rie­ren. Man muss ge­mein­sa­me Exi­sten­zi­alia be­stim­men, oh­ne auf die Auf­la­ge bzw. die Klicks zu schie­len. Der al­te Traum ei­ner un­ge­trüb­ten Hu­ma­ni­tät braucht ein Re­fu­gi­um, das be­schrie­ben und be­schützt wer­den muss. Es gibt so ver­dammt viel zu tun.

  18. @Stefan Weh­mei­er
    Stimmt, den is­la­mi­schen Prie­ster­stand hat­te ich ganz ver­ges­sen. — Oder gibt es den am En­de gar nicht?

    @die kal­te So­phie
    Es ist ein biss­chen so als wüss­te, ja hör­te man, dass je­de Men­ge Sand im Ge­trie­be ist; zu­gleich aber hat man kei­ne Ah­nung was denn zu än­dern wä­re (viel­leicht auch, weil uns man­ches ganz gut ge­fällt).

  19. @ Weh­mei­er
    Ver­ste­he rein gar nichts. Die Re­li­gi­on wei­gert sich par­tout, in öko­no­mi­sche Be­trach­tun­gen ein­zu­tre­ten (christ­li­che So­zi­al­leh­re längst pas­sé). Wie kann die Er­obe­rung von Ar­che­ty­pen in­di­rekt die Re­fle­xi­on über die Öko­no­mie ver­hin­dern?! Ist das nicht ein bloß ein Ana­lo­gie-Schluss, ge­mäß dem Sche­ma: die Prie­ster sa­gen nichts dar­über, al­so wird’s für mich (Sub­jekt) nicht wich­tig sein...

    @Mete
    Merk­wür­dig, ja. Die Wahr­neh­mung der Dis­funk­tio­na­li­tät der Ge­sell­schaft scheint nicht nur mit dem Ver­stand (Quar­tals­zah­len, Kri­tik) son­dern auch über die Haut und an­de­re Sin­nes­or­ga­ne zu ge­sche­hen. Die­se sa­gen mir: So viel Rei­bung kann nicht nur von Dumm­heit ver­ur­sacht sein. Die per­fek­te So­zia­li­sa­ti­on scheint ab­ge­wehrt zu wer­den. Was passt dem Men­schen nicht?! Hat­te schon die Idee, dass wir es mit ei­ner non-an­thro­po­ge­nen Ge­sell­schaft zu tun ha­ben, ei­nem un­pas­sen­den Über­bau auf die bio­lo­gi­sche Ma­trix. Pas­sen Mensch und Ge­sell­schaft (als Kom­plex) am En­de gar nicht zu­sam­men?!

  20. So, jetzt kom­me ich auch ein­mal der Chro­ni­sten­pflicht nach.

    @die kal­te So­phie
    Da gibt es si­cher­lich ei­ni­ge Grün­de und Ur­sa­chen, et­wa die öko­no­mi­sche Or­ga­ni­sa­ti­on, feh­len­de Sinn­stif­tung, feh­len­de Ge­mein­schaft, die Ra­sanz der Le­bens­welt (das Ze­rin­nen der Zeit) ... viel­leicht liegt der ei­gent­li­che Mit­tel­punkt nicht mehr im Zen­trum?

  21. die kal­te So­phie sagt:
    4. Dez. 2014 um 9:47
    „Kom­men­tar #7 ist ei­ne No­ti­zen­hal­de. Das macht we­nig Sinn.“

    Na dann le­sen Sie mal die „No­ti­zen“ oder „Daß fast al­les an­ders ist“ von Lud­wig Hohl, de­ren Sinn sich auch nicht un­mit­tel­bar er­schließt und er- Al­bin Zollin­ger zi­tie­rend – das We­sen sei­ner frag­men­ta­ri­schen Li­te­ra­tur cha­rak­te­ri­siert:

    „Jetzt stand er au­ßer­halb je­der Ord­nung, im Frei­en der Ur­angst, an­ge­weht vom Luft­zug aus Grün­den des To­des.“

  22. @ pe­ter
    Mag schon sein, aber »au­ßer­halb je­der Ord­nung« im­pli­ziert: »Jen­seits der Kom­mu­ni­ka­ti­on«. Das Auf- und Zu­wer­fen von Tex­ten ist de­ka­dent. Die Kom­men­ta­re wer­den in der Re­gel spon­tan ver­fasst, und be­an­spru­chen nur ei­ne lo­ka­le Re­le­vanz.

    @mete
    Ich glaub’, ich weiß, was Sie mei­nen. Die Mit­te war ei­ne ge­teil­te Il­lu­si­on. Und da stellt sich das Auf­fin­den der »ei­gent­li­chen« Mit­te als Ral­ley an den Rän­dern dar. Es le­be das Den­ken, oder: Wohl und We­he je­nen, die die Ver­göt­zung ei­nes ab­strak­ten Sub­jekts im­mer mehr zu­gun­sten ei­nes un­be­end­ba­ren Aben­teu­ers an den Gren­zen des Selbst aus­schla­gen!
    Oder so ähn­lich.

  23. Ver­ste­he. Ein wei­te­rer gro­ßer Wi­der­sa­cher der Wahr­heit ist üb­ri­gens der Irr­tum. Zu­sam­men sind sie, die Lü­ge und der Irr­tum, all­zu mäch­tig. Ver­nei­gen wir uns vor ih­nen!

  24. @die kal­te So­phie
    Ei­ne Be­kann­te sagt, wenn es ihr nicht gut geht, in fast ver­zwei­fel­tem Ton­fall, dass sie mor­gen funk­tio­nie­ren müs­se (da tut sich für mich ex­em­pla­risch zu­min­dest ein Teil der ge­sell­schaft­li­chen Pro­ble­ma­tik auf).

    Ein (ne­ga­ti­ves) Bei­spiel zu den Schu­len und zur Aus­lands­fi­nan­zie­rung, dort.

  25. Die Schu­len müs­sen un­be­dingt aus den welt­an­schau­li­chen Kon­flik­ten her­aus ge­hal­ten wer­den. In Bay­ern, zu­mal ab­seits der Zen­tren, ist die Ver­bin­dung von Schu­le und Kir­che (wie ge­wach­sen) sehr stark. Die al­ler­mei­sten »Pri­vat­schu­len« sind eben­falls in kirch­li­cher Hand. Für die An­ders-Gläu­bi­gen gibt’s Ethik-Un­ter­richt, that’s it. Ich bin über die­se en­ge Kon­stel­la­ti­on nicht eben glück­lich, se­he aber kein dring­li­ches Ar­gu­ment, das it­zo heu­te ei­ne lai­zi­sti­sche Säu­be­rung der Struk­tu­ren be­grün­den könn­te. Wer ei­ne Rech­nung mit der Kir­che of­fen hat, wird sei­ne Res­sen­ti­ments ger­ne in »pro­gres­si­ve Po­li­tik« um­mün­zen. Aber sel­ten blei­ben sol­che Mo­ti­ve un­be­merkt.
    Die Sau­di-Schu­le ist ein gu­tes Bei­spiel für schlech­te Schul­po­li­tik. Ei­ne Schu­le in vol­ler Brei­te mit halb­sei­de­nen Or­ga­ni­gramm und zwei­fel­haf­ten Per­so­nal. Wer hat das zu ver­ant­wor­ten?! Das Grau­en.
    Ich ha­be die Be­fürch­tung, dass es noch mehr »Über­an­pas­sungs­lei­stun­gen« von Po­li­tik und Be­hör­den ge­ben könn­te. Da wird nur Por­zel­lan zer­schla­gen. Ge­ra­de die Ka­tho­li­sche Kir­che er­lebt seit 20 Jah­ren ei­ne enor­me Le­gi­ti­ma­ti­ons­kri­se, weil man Dog­men und Leh­re über­stra­pa­ziert hat. Der Ver­such Ratz­in­gers, den Glau­ben auf ei­ne ver­stan­des-kom­pa­ti­ble Ebe­ne zu he­ben, die er­sehn­te Hoch­zeit von Theo­lo­gie und In­tel­lekt, ist der ärg­ste Aus­schlag für die­ses fal­sches Selbst­ver­ständ­nis. Man woll­te mit­hal­ten, mit Na­tur- und Gei­stes­wis­sen­schaf­ten, und sieht sich jetzt auf der Ver­lie­rer­stra­ße. Will sa­gen: Kri­se an al­len Fron­ten, auch im christ­li­chen La­ger.
    Stich­wort Funk­tio­na­li­tät: In der Tat ist der Ma­schi­nen­mensch noch im­mer ei­ne »ak­ti­ve Uto­pie«, denn das Funk­tio­nie­ren for­dert man/frau un­ent­wegt von sich und an­de­ren. Es gibt vie­le Mög­lich­kei­ten, sich selbst zu in­stru­men­ta­li­sie­ren, sich aus­zu­beu­ten, sich zu ver­kau­fen, dass man am lieb­sten gar nicht wis­sen möch­te, was die Leu­te so aus sich ma­chen. Frau­en sind die bes­se­ren Zom­bies! Vor 50 Jah­ren war noch Selbst­ver­wirk­li­chung an­ge­sagt, jetzt geht der Trend ein­deu­tig zur Selbst­aus­beu­tung. N.b.: Na­tür­lich nur bei je­ner Sor­te Lei­stungs­mensch, die es ge­wohnt sind, viel von sich zu for­dern.

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  27. Das Chri­sten­tum (und der So­zia­lis­mus) nach der Weih­nacht.

    Ein Gott er­scheint, und and­re müs­sen wei­chen.
    Statt Wahr­heit Irr­tum nur mit neu­en Zei­chen.
    Wir ste­hen jetzt in an­de­rer Ewig­keit,
    und gleich­wohl: bes­ser war die al­te Zeit.
    Blind pflügt die Wis­sen­schaft die Er­de um.
    Ihm Wahn er­träumt der Glau­be sei­nen Kult.
    Ein neu­er Gott ist nur ein Wort. Dar­um glaub
    nicht und such nicht: Al­les ist ok­kult.
    Fer­nan­do Pes­soa

    Für sehr Vie­le ist es nun wich­tig ge­wor­den, sich ehr­lich ein­zu­ge­ste­hen, dass man mit sei­nen fort­schritt­li­chen Idea­len und Vor­ha­ben so gut wie ge­schei­tert ist und nun of­fen­sicht­lich zu den Ver­lie­rern ge­hört.

    Ich ha­be Pe­ter Slo­ter­di­jk (in­ner­lich zu­stim­mend ) ge­sagt, daß es mit dem Chri­sten­tum oder dem Weltkapitalismus/Weltsozialismus (We­sten) noch viel schlim­mer ist als er es hier aus päd­ago­gi­schen Grün­den nur an­deu­tet.

    Es ver­letzt bei vie­len tief­ge­hen­de Ge­füh­le die auch bei auf­ge­klär­ten Ver­hält­nis­sen nicht auf­ge­deckt sein wol­len.

    In mei­nen frü­he­ren Kom­men­ta­ren ha­be ich im­mer wie­der ver­sucht die­se Zu­sam­men­hän­ge mit­tels mei­ner besch­ei-de­nen Mit­tel in die­sem Blog (Wiesaus­sieht) auf­zu­zei­gen.
    Das pau­li­ni­sche Chri­sten­tum und der deut­sche Pro­te­stan­tis­mus sind letzt­lich die ent­schei­den­den are­li­giö­se For­men der tech­ni­schen Welt­er­zeu­gung, die sie als ent­äu­ßer­te Form der ech­ten My­stik für Kre­thi und Ple­thi er­zeu­gen.

    Ich ha­be im­mer wie­der He­ra­klit als kom­ple­men­tä­res Mo­men­tum dar­zu­stel­len ver­sucht.

    Schon Cel­sus´ ari­sto­kra­ti­scher Är­ger über das Mas­sen­we­sen der Chri­sten be­zeugt, daß die an­ti­ke – ins­be­son­de­re in sei­nem Fall – pla­to­nisch-eso­te­ri­sche Weis­heit da­von leb­te, daß sie her­me­tisch und nur We­ni­gen und Fä­hi­gen zu-
    gäng­lich war.

    Nach Cel­sus ist Je­sus ein Be­trü­ger und Zau­be­rer ge­we­sen. Mei­ner An­sicht nach ist er nichts an­de­res
    als ei­ne ori­en­ta­li­sche Form des nor­di­schen Scha­ma­nen und das ei­gent­li­che „In­tel­lek­tu­al­ver­bre­chen“ liegt nach Nietz­sche in Pau­lus, so­weit es über­haupt ei­ner Per­son zu­re­chen­bar ist.

    [copy&paste ent­fernt – G. K.]

    http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/zeitgenossen/?em_cnt=722312&em_cnt_page=3

    Ar­gu­men­te des Cel­sus:

    „Es sei ab­surd zu glau­ben, dass sich die höch­ste Gott­heit in ei­nen mensch­li­chen Kör­per be­ge­be, noch da­zu ei­nen nor­ma­len und un­auf­fäl­li­gen, dem man das Gött­li­che nicht an­sieht, und dass Gott sich mit Bö­sem und Häss­li­chem ab­ge­be und dem Leid aussetze.[13] Au­ßer­dem sei nicht ein­sich­tig, dass Gott dies erst zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt ge­tan ha­be und nicht schon früher.[14]
    Es sei un­sin­nig zu glau­ben, dass Gott sich um die Ju­den und die Chri­sten mehr küm­me­re als um die üb­ri­ge Welt und nur zu ih­nen sei­ne Bo­ten ent­sen­de. Eben­so könn­ten Wür­mer oder Frö­sche sich ein­bil­den, dass das Welt­all ih­ret­we­gen be­stehe und dass Gott sie ge­gen­über al­len an­de­ren We­sen bevorzuge.[15]
    Wenn al­le Men­schen so wie die da­ma­li­gen Chri­sten sich der Be­tei­li­gung an der staat­li­chen Ge­mein­schaft ver­wei­gern wür­den, müs­se das Reich zu­grun­de ge­hen; dann wür­den Bar­ba­ren die Macht über­neh­men und jeg­li­che Zi­vi­li­sa­ti­on und Weis­heit ver­nich­ten. Auch vom Chri­sten­tum blie­be dann schließ­lich nichts übrig.[16]
    Dem li­nea­ren, es­cha­to­lo­gi­schen Ge­schichts­ver­ständ­nis der Chri­sten stellt Kel­sos ei­ne zy­kli­sche Ge­schichts­deu­tung ent­ge­gen. Nach sei­ner Über­zeu­gung strebt die Ge­schich­te nicht ei­nem End­punkt wie dem Welt­un­ter­gang und Jüng­sten Ge­richt zu, son­dern ist ein ewi­ger Kreislauf.[17]
    Es ge­be kei­nen Grund an­zu­neh­men, die Welt sei um des Men­schen wil­len ge­schaf­fen wor­den. Eher kön­ne man so­gar be­haup­ten, sie sei um der Tie­re wil­len da. Zwar wür­den die Tie­re vom Men­schen ge­jagt und ver­speist, aber das Um­ge­kehr­te kom­me auch vor und sei frü­her – be­vor die Men­schen Waf­fen, Net­ze und Jagd­hun­de ein­führ­ten – so­gar der Nor­mal­fall ge­we­sen. Da­her schei­ne Gott eher die Raub­tie­re be­vor­zugt zu ha­ben, da er ih­nen ih­re Waf­fen schon mit­gab. In Wirk­lich­keit sei die Welt je­doch ei­ne Ge­samt­heit; es sei nicht ei­ner ih­rer Tei­le um des an­de­ren wil­len da oder ei­ne Gat­tung von Le­be­we­sen we­gen ei­ner an­de­ren ge­schaf­fen, son­dern je­der Teil be­stehe un­mit­tel­bar im Hin­blick auf das Ganze.[18]
    Es sei ein Wi­der­spruch, dass Je­sus als Sohn ei­nes Zim­mer­manns be­zeich­net wird und zu­gleich sein Stamm­baum zu den jü­di­schen Kö­ni­gen zu­rück­ver­folgt wird.[19]
    Je­sus dro­he und schimp­fe, weil er un­fä­hig sei zu überzeugen.[20]
    Die Chri­sten sei­en un­ge­bil­det und be­trach­te­ten dies nicht als ei­nen Man­gel, son­dern als ob es ein Ver­dienst wä­re. Sie mein­ten, ein Un­ge­bil­de­ter ha­be bes­se­ren Zu­gang zur Wahr­heit als ein Gebildeter.[21]
    Es sei un­sin­nig an­zu­neh­men, dass Gott au­ßer­stan­de ge­we­sen sei, sein ei­ge­nes Ge­schöpf Adam zu überzeugen.[22]
    Es sei lä­cher­lich, Gott mensch­li­che Lei­den­schaf­ten wie Zorn zuzuschreiben.[23]
    Die Leh­re von der Auf­er­ste­hung des Flei­sches un­ter­stel­le Gott ein na­tur­wid­ri­ges und un­sin­ni­ges Verhalten.[24]
    Es sei ab­ge­schmackt an­zu­neh­men, dass Gott nach dem Sechs­ta­ge­werk der Schöp­fung ei­nen Ru­he­tag be­nö­tigt ha­be, als wä­re er wie ein Hand­wer­ker nach der Ar­beit ermüdet.[25]
    Es wer­de nicht ein­sich­tig ge­macht, war­um man glau­ben soll, son­dern der Glau­be wer­de als Vor­aus­set­zung für die Er­lö­sung ein­fach gefordert.[26]
    Der Teu­fels­glau­be, al­so die Idee, dass Gott ei­nen Wi­der­sa­cher ha­be, sei ein Zei­chen von größ­ter Igno­ranz. Wenn es den Teu­fel gä­be und er die Men­schen be­tro­gen hät­te, so gä­be es für Gott kei­nen Grund, den Be­tro­ge­nen zu dro­hen; über­haupt dro­he Gott niemandem.[27]“

    http://www.gkpn.de/Pfahl-Traughber_AntikeKritiker.pdf

  28. „Be­rück­sich­ti­gen sie bit­te bei den Dienst­lei­stun­gen der Ber­li­ner Bür­ger­äm­ter die All­zu­stän­dig­keit.“

    ——–Das muß man sich mal vor­stel­len.

    Ich hin­ge­gen emp­feh­le CELSUS „GEGEN DIE CHRISTEN“ Mat­thes & Seitz.