Joachim Lottmann: Happy EndIrgendwann hat das jeder einmal erlebt. Man steht am Tresen in einer Kneipe und wartet auf ein Bier. Da kommt ein Mensch (es ist immer ein Mann), nicht unsympathisch, stellt sich neben einem und beginnt, zu erzählen. Über das Bier hier in der Kneipe, die Bedienung, seine Arbeit, über Politik, seinen Urlaub, seine Beziehung, die Ungerechtigkeit in der Welt – es geht einfach um Alles. Erst ist man nett abgelenkt, nickt zuweilen aus Höflichkeit, aber irgendwann wünscht man sich, dass ein ehemaliger Schulfreund das Lokal betritt, das leise im Hintergrund dudelnde Radio eine weltbewegende Nachricht verkündet oder mindestens dass das Mobiltelefon klingelt – inständig ersehnt man einen sozial halbwegs glaubwürdigen Grund, dem Redeschwall zu entfliehen.
In etwa ist das die Situation mit Joachim Lottmanns neuem Buch »Happy End«. Der wichtigste Unterschied ist, dass ich, der Leser, mich sozusagen an Lottmanns Tresen gestellt habe. Und das da jemand nicht über Beziehungsprobleme erzählt, sondern bereits auf den ersten Seiten seine Frau Elisabeth, genannt Sissi, eine 38jährige erfolgreiche Linksintellektuelle, die über das Elend in der Welt in Vergangenheit und Gegenwart zielsicher schreiben kann und in »geriatrischen« Filmen heult, in den höchsten Tönen lobt. Weiter geht es um Urlaubsreisen, Lektüreeindrücke, Kolumnenschreiberei (Schwerpunkt Tierkolumnen), seine Magenschmerzen, die auf eine zu starke Vereinnahmung durch die so vergötterte Frau hindeuten und eine Geheimwohnung in Wien. Dass einem bei der Lektüre der Kopf vor lauter Müdigkeit nicht auf das E‑Book-Lesegerät fällt vermag man nur zu vermeiden, indem man diesen gelegentlich schüttelt. Eine Melange aus Hoffnung, Pflichtbewusstsein und Masochismus führt dazu, dass man bis zum Ende liest.
Florian L. Arnold: Ein ungeheuerlicher Satz
»Novelle« nennt Florian L. Arnold sein Buch »Ein ungeheuerlicher Satz«. Seit einigen Jahren bedienen sich Verlage dieser Gattungsbezeichnung vermehrt, um kurze Erzählungen, die nicht als Roman vermarktet werden können, aufzuwerten. »Novelle« dient dabei Fall als Distinktionsmerkmal gegenüber »Erzählung«. Hier trifft diese Spielerei jedoch nicht zu. Es handelt sich tatsächlich um eine »unerhörte Begebenheit«, wie Goethes Definition der Novelle lautete. Der namenlose Ich-Erzähler, ein 13jähriger Junge (?), wird eines Tages mit einem »ungeheuerlichen Satz« seines Vaters konfrontiert: »Wir gehen weg«. Die Folgen werden einschneidend sein.
Man lebt in einer Art Wildnis; für sich, alleine. Die Zeit, in der die Novelle spielt, ist nicht eruierbar. Zwei‑, dreimal im Jahr fährt die Familie mit einem alten, »selbstmordgefährdeten« Auto in die Stadt. Dort kauft man unter anderem schwarze, unlinierte Hefte, die vom Vater irgendwann zwanghaft vollgeschrieben und von der Mutter dann per Post nach »Ignatu« verschickt werden. Ansonsten lebt man vom Gemüsegarten. Es scheint weder Telefon noch Internet zu geben. Soziale Kontakte halten sich in Grenzen, bleiben schließlich bis auf einen gewissen Rösenmarrer gänzlich aus (und sofort denkt man bei diesem Namen an Roithamer aus Thomas Bernhards »Korrektur«).
Der Vater, eine Hermann-Burger-Figur, ist ein rauchender Melancholiker, geheimnisvoll in seinem scheinbar kindischen Hass auf das Licht, die Sonne, die Hitze, den Sommer. Ein Mann, der mit seinem Sohn über einen längst verwilderten Friedhof spaziert und Grabsteine buchstabiert, entziffert und sich von seinem Kind die Lebensdaten ausrechnen lässt.
Édouard Louis: Das Ende von EddyDer Erstling des jungen Édouard Louis als soziales Lehrstück
Édouard Louis hieß ursprünglich Édouard Bellegueule, und gerufen wurde er »Eddy«. So steht es im autobiographischen Roman, den der Autor 2012 in Paris veröffentlichte, und auch in der Wirklichkeit verhält es sich so. »Schönmaul«, mit diesem Namen ist das Kind gestraft; die entsprechenden Wortspiele werden gleich zu Beginn des Romans zitiert. Édouard Louis, 22, hat sich von den Fesseln seiner Herkunft befreit, indem er dieses Buch schrieb. Die Befreiung hat auch einen finanziellen Hintergrund, denn der junge Autor entstammt einer Schicht, die man als neues Lumpenproletariat bezeichnen könnte, und sein Erstling war in Paris ein Bestseller. Die Vorgeschichte seiner Befreiung kann man in Das Ende von Eddy nachlesen. Schon der Titel weist darauf hin: Eddy Bellegueule gibt es nicht mehr. Die Niederschrift und Veröffentlichung des Romans ist gleichbedeutend mit seiner Vernichtung.
En finir avec Eddy lautet der Titel im Original. Hinrich Schmidt-Henkel, ein außerordentlich gewandter Übersetzer, der viele sprachliche Register zu ziehen versteht, bildet den von Louis häufig zitierten nordfranzösischen Soziolekt geradezu lustvoll nach – beim Titel scheint er mir aber etwas schmähstad gewesen zu sein (oder hat ihn ein Lektor behindert?). »Schluß mit Bellegueule« würde passen und käme dem Original näher. Die Erzählung selbst hat etwas Gewalttätiges, nach dem Selbstverständnis des Autors handelt es sich um Gegengewalt gegen das gewalttätige System. Die davon Betroffenen und (im Buch) Beschriebenen beziehen die literarische Gewalt aber auf sich selbst: Der will uns vernichten! Mitsamt seinem Eddy will Louis auch die Umgebung zerstören, in der er aufgewachsen ist, also die konkreten Menschen im Dorf Hallencourt. Mach kaputt, was dich kaputt macht. Literatur gegen Verrohung. Verrohung gegen Literatur, gegen die Schwulen, gegen die Weicheier.
Fritz J. Raddatz ist tot. Wirklich? Oder ist es nur Spiel von ihm, die heuchlerischen Nachrufe für ein neues Buch zu sammeln? Man kennt das von Kindern, die sich nicht genügend geliebt fühlen und dann erleben möchten, wie Eltern und Freunde sie auf ihrer Beerdigung beweinen. Die Lektüre der Tagebücher von Raddatz vermittelte mir einen ...
Niels hat einen Bass. René eine Gitarre und Ideen für Texte, die »roh und hart und ehrlich« sind. Beide gründen eine Band: »R@’n’Niels« (René ist R@ = »rat«). Eines Sonntags fahren sie, um sich in Bonn nicht zu blamieren, nach Bad Münstereifel und spielen dort vor dem Heino-Café. Der Erfolg ist überschaubar, aber die Saat keimt. René gelingt es, den sechs Jahre älteren Lloyd zu begeistern. Von nun an haben sie einen Schlagzeuger und Fahrer in Personalunion. Vor allem jedoch einen Probenraum – in einem Turm. Später kommt noch die Punkerin Nino mit ihrem Keyboard hinzu. Aus dem Bandnamen »Funking Sushi« wird schließlich »Fuckin Sushi«. Es geht um »Weltfrieden und Abrentnern«. Die Logik ist verblüffend: Warum nicht nach der Schule mit der Rente beginnen, Musik machen, tagsüber Fernsehen (»Kochsendungen, Zooreportagen, Hallenfußball oder Sommerbiathlon«) und erst dann, so ab 50, mit dem Arbeitsleben beginnen?
Joachim Zelter: WiedersehenNachdem Joachim Zelter 2010 mit »Der Ministerpräsident« gekonnt den Politikbetrieb und drei Jahre später die Literaturszene (»Einen Blick werfen«) sezierte und persiflierte, zielt er mit dem schelmisch-harmlosen Titel »Wiedersehen« nun auf das institutionalisierte Bildungsbürgertum. Damit ist der Autor nun endgültig aufgebrochen, eine satirisch grundierte Kulturgeschichte der aktuellen Bundesrepublik zu verfassen.
Nach mehr als zwanzig Jahren lädt der unkonventionelle Deutschlehrer Thorsten Korthausen – von Ferne erinnert er an John Keating aus dem »Club der toten Dichter« – seinen einstigen Musterschüler Arnold Litten zu einer kleinen Party nach Hause ein. Arnold ist inzwischen ein angesehener Germanistik-Professor. Auf der Fahrt erzählt er seiner Freundin Anna die Besonderheiten und Extravaganzen Korthausens. Zum Beispiel dessen erste Deutschstunde in der Privatschule für »ausnahmebedürftige Schüler«, dieser »Ansammlung von Aufsässigkeit und Lustlosigkeit«. Niemand nahm den neuen Lehrer zur Kenntnis. Schließlich beteiligte dieser sich an einer Schachpartie, die während des Unterrichts gespielt wurde. Ein vergnüglich zu lesender Anekdotenstrauß prasselt da auf den Leser ein. So wird von Korthausen eine Klassenarbeit Arnolds mit »Eins bis Sechs« benotet – weil sie sowohl sehr gute wie auch ungenügende Passagen enthält. Ein andermal dann mit »Eins plus plus«. Oder die Sache mit dem Hund: Korthausen erzählt Wunderdinge von seinem Hund, den er eines Tages mitbringt und die Aufsicht bei einer Klassenarbeit vornehmen lässt. Der Hund sei aggressiv und belle sofort wenn geschummelt würde. Die Schüler sind eingeschüchtert und wagen keine Manipulationen. Am Ende eröffnet Korthausen ihnen, dass er den Hund aus dem Tierheim geholt habe. Oder dieser Schüler, der in vielen Fächern Fünf stand und dann Vieren bekommt, weil er mit Korthausen einen strammen Waldlauf durchsteht.
Michel Houellebecqs Roman »Unterwerfung« wurde nicht zuletzt wegen der wenn auch länger zurückliegenden kritischen, zum Teil durchaus beleidigenden Äußerungen des Autors zum Islam argwöhnisch untersucht. Die Koinzidenz zwischen der Erstveröffentlichung und den schrecklichen Morden von Paris liegt natürlich außerhalb des Einflusses des Autors. Was einigeR Hysteriker nicht davon abhält, Houellebecq von nun an eine Art Mitverantwortung für das Vergangene bzw. sogar das Zukünftige zuzuweisen. Dabei ist spätestens seit Rushdies »Satanischen Versen« klar, dass Terroristen, Politiker und die meisten Medienvertreter bei allen Differenzen in einem Punkt eine Gemeinsamkeit haben: Sie brauchen das Werk bzw. die Reaktionen darauf, die sie skandalisieren und instrumentalisieren nur als Anlass; eine Lektüre ist dann doch zu aufwendig. Das hat in erschütternder Weise die Diskussion in Frankreich gezeigt, in der Houellebecq die Verbreitung rechtsextremer Thesen und sogar Rassismus vorgeworfen wurde.
Auch in Deutschland überschlugen sich die Rezensenten bereits vor Erscheinen des Buches mit ihren Urteilen. Dabei wurde auch hier mit Akribie auf eine potentielle Islamfeindlichkeit des Textes bzw. des Autors geachtet, was abermals zeigt, dass das Feuilleton zunehmend die Rolle des politischen Anstandswauwaus wahrnehmen möchte, weil sich damit am meisten Distinktion erarbeiten lässt. Noch seltsamer als dieser Gesinnungs- und Rezensionswettlauf mutete die zuweilen aufkommende (gespielte?) Naivität an, die fragt, warum eigentlich alle jetzt plötzlich ein literarisch derart mittelmässiges Buch besprechen. Dabei spielt es keine Rolle, dass das Urteil der literarischen Mediokrität fast immer nur behauptet wird; handfeste Belege fehlen zumeist.
Verstopfte Waschbecken und Fehler in der Steuererklärung
Der Plot des Romans ist schnell erzählt. Der Leser wird transformiert in das Frühjahr des Jahres 2022. François, ein müder französischer Universitätsprofessor an der Pariser Sorbonne, bald 44 Jahre alt, der über Joris-Karl Huysmans dissertiert hatte, weiß nicht mehr so recht, was er tun soll: »Mein Interesse für das Geistesleben war sehr abgeflaut, meine gesellschaftliche Existenz war nicht zufriedenstellender als meine körperliche, die eine wie die andere war eine Abfolge kleiner Widrigkeiten – ein verstopftes Waschbecken, eine nicht funktionierende Internetverbindung, Strafpunkte für schlechtes Fahren, betrügerische Putzfrauen, Fehler in der Steuererklärung -, die mich ohne Unterlass quälten und nie zur Ruhe kommen liessen.« Seine Liebesaffären sind im Semesterrhythmus getaktet. Nur mit der halb so alten Myriam verbindet ihn mehr.