Wil­fried Schar­nagl: Bay­ern kann es auch al­lein

Wilfried Scharnagl: Bayern kann es auch allein

Wil­fried Schar­nagl:
Bay­ern kann es auch al­lein

Ir­gend­wie ge­hör­te Wil­fried Schar­nagl schon im­mer da­zu. Ich war nur über­rascht, als ich in den 70er Jah­ren er­fuhr, er sei »Jour­na­list«. Un­ter ei­nem Jour­na­li­sten stell­te ich mir ei­nen we­nig­stens for­mal dia­lek­ti­schen, of­fe­nen Geist vor. Ein Irr­tum, der mir ab und zu auch heu­te noch un­ter­läuft, mich aber längst nicht mehr der­art kons­terniert wie da­mals. Zwar muss man auch Journa­listen ih­re ei­ge­ne Mei­nung, ihr ei­ge­nes Welt­bild, zu­ge­ste­hen. Aber wie kann je­mand der­art se­lek­tiv und par­tei­isch sein und sich gleich­zei­tig noch auf der Kar­te des Jour­na­li­sten fah­ren? Da Schar­nagl auf der po­li­ti­schen Sei­te stand, die ich ri­go­ros ab­lehn­te, kam mir die Ver­zerrung noch viel deut­li­cher vor. Aber wer sich der­art zum Sprach­rohr, zum Blind­ver­ste­her sei­nes Men­tors, al­so Franz Jo­sef Strauß, mach­te, ver­spiel­te jeg­li­che Glaub­wür­dig­keit.

Mit Strauß’ Tod 1988 ließ Schar­nagls me­dia­le Prä­senz nach. Sein Ein­fluss als Strippen­zieher im Hin­ter­grund dürf­te je­doch län­ge­re Zeit noch er­heb­lich ge­we­sen sein. Auf Strauß folg­te »Ami­go« Streibl als baye­ri­scher Minister­präsident. Da­nach dann der »Sau­ber­mann« Stoi­ber, der in ei­nem heu­te noch nicht ein­mal an­satz­wei­se auf­be­rei­te­ten CSU-in­ter­nen Putsch 2007 zum Rück­tritt ge­zwun­gen wur­de. 2001, zwei Jah­re nach­dem Stoi­ber Mi­ni­ster­prä­si­dent ge­wor­den war, hat­te Schar­nagl sei­nen Po­sten beim »Bayern­kurier« ge­räumt. Aber noch heu­te nimmt er an Sit­zun­gen der ober­sten CSU-Par­tei­­gre­mi­en teil. Er ist Mit­glied des Vor­stands der Hanns-Sei­del-Stif­tung. Und ge­le­gent­lich darf er in sei­nem im­mer noch pol­tern­den Stil in ei­ner der zahl­rei­chen Talk­shows exo­ti­sche Po­si­tio­nen ein­neh­men.

Sein neu­estes Buch könn­te als Som­mer­loch-Aus­klang die­nen. Das Co­ver sagt ei­gent­lich schon al­les, ob­wohl man nicht weiß, ob der Schlag­baum ge­ra­de auf- oder zu­geht. In je­dem Fall prankt dort das gro­ße baye­ri­sche Staats­wap­pen. »Bay­ern kann es auch al­lein« heißt es dort und der Le­ser er­war­tet ein »Plä­doy­er für den ei­ge­nen Staat«.

Das Un­heil be­gann 1871

Es be­ginnt be­hut­sam, mit der Au­to­ri­tät des Hi­sto­ri­schen. Der Re­kurs geht auf das Jahr 1871, als Bay­ern dem Deut­schen Reich bei­trat. Für Schar­nagl ist dies der Tag des Un­heils für Bay­ern. Die 30 Sei­ten, in de­nen er all die tap­fe­ren Strei­ter ge­gen die Ein­ver­lei­bung Bay­erns zi­tiert (von de­nen man nie et­was ge­hört hat und – das ist ziem­lich si­cher – auch nie mehr et­was hö­ren wird), ge­ra­ten zwar arg lang, sind aber durch­aus im sug­ge­sti­ven Stil auf das spä­te­re Ziel hin ge­schrie­ben. Das preu­ßisch do­mi­nier­te Deut­sche Reich Bis­marcks dient als Me­ta­pher für die Brüs­se­ler Eu­ro­päi­sche Uni­on. Ge­sagt wird dies nir­gend­wo. Ge­ra­de das ist das Per­fi­de.

Ge­schickt wählt Schar­nagl sei­ne Zi­ta­te so, dass das baye­ri­sche, fö­de­ral ori­en­tier­te We­sen nicht als rein se­zes­sio­ni­sti­scher Ant­ago­nis­mus zum Bis­marck-Na­tio­na­lis­mus steht. Das Po­chen auf 1000, dann, spä­ter bei Horst See­ho­fer, 1500 Jah­re baye­ri­sche Tra­di­ti­on über­sieht na­tür­lich, dass das Bay­ern von 1871 ein na­po­leo­ni­sches, geo­po­li­ti­sches Kon­strukt von 1806 dar­stell­te. Durch »Me­dia­ti­sie­rung«, die 1871 als Ge­spenst über dem Einheits­reich aus­ge­malt wur­de, hat­te man da­mals sel­ber Land­ge­win­ne er­reicht. Ei­nen Pu­bli­zi­sten wie Schar­nagl küm­mert dies ge­nau­so we­nig wie auf die weit­ge­hen­den Sou­ve­rä­ni­täts­rech­te Bay­ern in­ner­halb des Deut­schen Reichs auch nur mit ei­nem Satz hin­zu­wei­sen. (Da­bei kennt doch je­der die »lie­be Zeit« des »Kö­nig­lich Baye­ri­schen Amts­ge­richts« [1912].)

So spannt sich für Schar­nagl der tra­gi­sche Bo­gen vom Ja­nu­ar 1871 zum No­vem­ber 1918. Mit dem Ja zu den Ver­sailler Ver­trä­gen nahm das Ver­häng­nis sei­nen Lauf: Der Er­ste Welt­krieg for­der­te so vie­le Op­fer wie kein Krieg zu­vor. So­weit mag man noch fol­gen. Dann folgt je­doch so­fort die Ver­bin­dung zu Bay­ern: Die baye­ri­schen Pa­trio­ten, die da­ge­gen und ge­gen ei­ne Über­macht von Fein­den ge­kämpft hat­ten, be­wie­sen mehr Weit­sicht und mehr Mut als die Ver­tre­ter der kö­nig­li­chen Dy­na­stie. Mit der baye­ri­schen Ei­gen­staat­lich­keit hät­te es al­so kei­nen Welt­krieg ge­ge­ben? Das ist – freund­lich aus­ge­drückt – ab­surd. We­nig spä­ter lernt man die Ba­sis die­ses Ar­gu­ments ken­nen: Es sind nicht Klein­staa­ten und auch nicht Mit­tel­staa­ten wie Bay­ern, de­ren Po­li­tik zu Welt­krie­gen führt. Man ahnt, wo­hin die Rei­se geht und über­legt, wie ei­gent­lich ein Drei­ßig­jäh­ri­ger Krieg im eu­ro­päi­schen »Staaten­theater« (Go­lo Mann) ent­ste­hen konn­te.

Nur kurz wer­den Wei­ma­rer Re­pu­blik und Na­zi-Zeit ge­streift (kein Wort über die »Haupt­stadt der Be­we­gung« und Nürn­berg). Noch als das Land aus al­len Wun­den des Krie­ges [blu­te­te] be­gann sich das po­li­ti­sche Le­ben in Bay­ern wie­der zu re­gen. Ei­ne in­ter­es­san­te Wort­wahl. Schar­nagl weist dar­auf hin, dass mit Volks­ent­scheid vom 1. De­zem­ber 1946 die Baye­ri­sche Ver­fas­sung an­ge­nom­men wur­de (als ein­zi­ge der Län­der­ver­fas­sun­gen der Län­der über Volks­ent­scheid). Ehe der Bund war, wa­ren die Län­der, kom­men­tiert der Ver­fas­ser in ei­ner kru­den Im­ple­men­tie­rung ei­nes po­li­ti­schen Erst­ge­burts­rechts die Tat­sa­che, dass das Grund­ge­setz erst knapp drei Jah­re spä­ter folg­te. Und da­bei wird der Le­ser noch ein­mal über die heh­ren Grün­de auf­ge­klärt, war­um Bay­ern das Grund­ge­setz ab­ge­lehnt hat­te. Im­mer­hin hat­te man, so Schar­nagl, in stür­mi­scher Zeit Stand­fe­stig­keit be­wie­sen und sich durch die Zahl und Macht sei­ner Geg­ner in sei­nen Über­zeu­gun­gen nicht ir­re­ma­chen las­sen. Zi­tiert wird Hans Ehard, des­sen Vo­ka­bu­lar eher an ei­nen neu­en Krieg als an Ver­hand­lun­gen zu ei­ner Ver­fas­sung er­in­nern lässt. Dem­nach ist Bay­ern vor al­lem der Fö­de­ra­lis­mus und der Got­tes­be­zug zu dan­ken. Er­ste­res ist pu­re Ge­schichts­klit­te­rung – die Al­li­ier­ten hät­ten nie ein stark zen­tra­li­sti­sches Deutsch­land ak­zep­tiert.

Die »baye­ri­sche Frei­heit«, das lie­be Geld und die Ver­zer­run­gen

Man müss­te sich viel­leicht ein­mal die Mü­he ma­chen, wie oft das Wort »be­son­ders« in al­len mög­li­chen Va­ri­an­ten fällt, wenn es um Bay­ern, sei­ne Be­völ­ke­rung und »Le­bens­art« geht. Bay­ern sei ein »Volks­staat« und da­mit weit mehr als ei­ne Bun­des­pro­vinz. Schar­nagl rümpft die Na­se über die Bin­de­strich-Län­der und de­ren Iden­ti­tät. In der Mit­te des Bu­ches wer­den al­le öko­no­mi­schen, so­zia­len und son­sti­gen Vor­tei­le Bay­ern der­art akri­bisch auf­ge­zählt, dass man sich fragt, war­um dort nur 12,5 Mil­lio­nen Men­schen le­ben und nicht dop­pelt so vie­le. Na­tür­lich kommt im­mer wie­der Franz Jo­sef Strauß vor (Streibl nur ein­mal, Stoi­ber zwei­mal; mit Nicht­ach­tung straft Schar­nagl Beck­stein und auch den eu­ro­pa­freund­li­chen Ex-Vor­sit­zen­den Theo Wai­gel), der, so hat man den Ein­druck, sich für sein Land früh­zei­tig ins Grab ge­schuf­tet hat. Über­all steht Bay­ern an der Spit­ze; ein Land, wo Milch und Ho­nig flie­ßen.

Aber die baye­ri­sche Frei­heit (wohl ge­merkt: nicht die Frei­heit an sich, son­dern die baye­ri­sche halt) ist durch An­grif­fe von vie­ler­lei Sei­ten be­droht. Auf deut­scher Ebe­ne ist Dau­er­ab­wehr ge­gen an­ti­fö­de­ra­li­sti­sche Über­grif­fe des Bun­des ge­for­dert, im euro­päischen Be­reich geht es um den ent­schlos­se­nen Kampf ge­gen den an­hal­ten­den Ver­stoß ge­gen das Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip und da­mit ei­ne ver­bun­de­ne Kompetenz­anmaßung. Und schließ­lich rei­tet San­cho Pan­sa noch ge­gen die Wind­müh­len: Kämp­fe­ri­sche Wach­sam­keit ist aber auch ge­gen die frei­heits­zer­stö­ren­den Ten­den­zen der Glo­ba­li­sie­rung drin­gend ge­bo­ten. Da Schar­nagl im wei­te­ren Ver­lauf sei­ner Streit­schrift im­mer wie­der den »Wett­be­werb« als heh­res Prin­zip nicht nur öko­no­mi­schen Han­dels po­stu­liert, die Ex­por­te Bay­erns rühmt und die In­itia­ti­ve Neue So­zia­le Markt­wirt­schaft als Quel­le für die Be­ur­tei­lung der baye­ri­schen Schul­po­li­tik an­gibt, ist die­ser pau­scha­li­sie­ren­de Hieb auf »die« Glo­ba­li­sie­rung et­was ver­wir­rend.

Be­son­ders geht es Schar­nagl ums Geld. Dies zeigt sich dem Ka­pi­tel um den Raub­zug des deut­schen Län­der­fi­nanz­aus­gleichs. Ei­ne Dis­kus­si­on, die ja ver­blüf­fend ak­tu­ell ist (wo­mög­lich wuss­te er von See­ho­fers Kla­ge­ab­sicht). Die The­sen, die hier auf­stellt wer­den, sind we­der ganz falsch, noch neu. Aber sie sind – wie so oft bei die­sem Au­tor – bis zur Un­red­lich­keit ver­zerrt. Pflicht­schul­digst wer­den die Sum­men, die Bay­ern zwi­schen 1950 und 1986 be­kom­men hat, er­wähnt (3,4 Mil­li­ar­den Eu­ro). Dem ge­gen­über setzt er die ge­ge­be­nen Gel­der bis 2011 in Hö­he vom 38,268 Mil­li­ar­den Eu­ro. Der Sal­do ist na­tür­lich er­nüch­ternd. Aber die Tat­sa­che, dass Bay­ern 2011 (und auch wohl 2012) mehr als die Hälf­te der Trans­fers lei­sten muss, lässt au­ßer Acht, dass Ba­den-Würt­tem­berg und Hes­sen seit Be­stehen des Län­der­fi­nanz­aus­gleichs im­mer noch mehr ein­ge­zahlt ha­ben als Bay­ern. Auch das viel ge­schol­te­ne Nord­rhein-West­fa­len ist per sal­do im­mer noch Ge­ber­land. Und in­fla­ti­ons­be­rei­nigt se­hen die Zah­len noch ganz an­ders aus. Schließ­lich plä­diert Schar­nagl da­für, die Zah­lun­gen ein­fach ein­zu­stel­len – aus­ge­rech­net er, der an­dern­orts sol­chen Wert auf Ver­trags­er­fül­lung legt. (Und so fin­gen die Pro­ble­me in Ju­go­sla­wi­en ja auch ein­mal an.) Wenn dann spä­ter auf Brüs­sel und Eu­ro­pa ge­schimpft wer­den wird, so ver­schweigt der Au­tor auch hier non­cha­lant die über Jahr­zehn­te und bis heu­te er­hal­te­nen Agrar­sub­ven­tio­nen für die baye­ri­sche Land­wirt­schaft.

Vor­bild Alex Sal­mond

Bay­ern ist ein rie­sen­gro­ßes gal­li­sches Dorf, denn das Pa­ra­dies ist um­zin­gelt von Nei­dern und Nas­sau­ern, Ge­kränk­ten und Be­lei­dig­ten und wer das nicht glaubt, wird mit durch­aus mar­tia­li­schen Vo­ka­beln dar­auf auf­merk­sam ge­macht. Über­all dräu­en »Kämp­fe« (s. o.). Da ist von der dop­pel­ten Trans­fer­uni­on und zweifache[n] Ent­eig­nungs­uni­on (Deutsch­land und EU) und von der Not­wehr ei­ner Ab­spal­tung die Re­de. Die Par­al­le­le zu 1871 wird ge­zo­gen und an­geb­lich Un­denk­ba­res darf oder muss ge­dacht wer­den. Aus­ge­rech­net die Tsche­cho­slo­wa­kei dient als Fo­lie für ei­ne ge­glück­te Ab­spal­tung. Václav Ha­vels Vor­be­hal­te ge­gen die rü­de auf­tre­ten slo­wa­ki­schen Na­tio­na­li­sten zu den Zei­ten, als in Ju­go­sla­wi­en die eth­ni­schen Krie­ge tob­ten, kennt er wo­mög­lich nicht. Aber ei­gent­lich wen­det sich Schar­nagl lie­ber se­pa­ra­ti­sti­schen Be­we­gun­gen der Jetzt­zeit zu. Er be­rich­tet von dem Kri­sen­kes­sel Bel­gi­en (und »ver­gisst« auch hier zu er­wäh­nen, dass sich die pe­ku­niä­ren Ver­hält­nis­se zwi­schen der Wal­lo­nie und Flan­dern ver­scho­ben ha­ben), dem nach Un­ab­hän­gig­keit stre­ben­den Ka­ta­lo­ni­en und so­gar Süd­ti­rol wird bei­spiels­haft er­wähnt. Be­son­ders hat es ihm je­doch Schott­land und Alex Sal­mond an­ge­tan, ein durch­set­zungs­fä­hi­ger, mit Ge­schick­lich­keit und Ge­spür aus­ge­stat­te­ter Po­li­ti­ker, der mit sei­ner SNP kei­nen eng­stir­ni­gen oder ge­gen Frem­des ge­rich­te­ten schot­ti­schen Na­tio­na­lis­mus be­trei­be. Der Grund für die Se­zes­si­on ist klar: Das Nord­see­öl und die Ver­tei­lungs­ho­heit der Ein­nah­men hier­aus. Schott­land mit sei­nem in Wat­te ge­pack­ten, öko­no­mi­schen (und nicht pri­mär eth­ni­schen) Na­tio­na­lis­mus, ist das Vor­bild. (Stolz er­zählt Schar­nagl von den vier baye­ri­schen »Stäm­men«: Alt­bay­ern, Fran­ken und Schwa­ben und die nach 1945 nach Bay­ern kom­men­den Ver­trie­be­nen; auch die Mi­gran­ten wer­den dar­un­ter groß­zü­gig sub­su­miert.).

Schar­nagl zi­tiert An­dre­as Voß­kuh­le, den Prä­si­den­ten des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts. Die­ser ha­be die zu­rück­ge­hen­den Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­ten­zen der Län­der be­klagt. Dass Voß­kuh­le je­doch gleich­zei­tig den Macht­zu­wachs des Bun­des­ra­tes auf die Ge­setz­ge­bung des Bun­des fest­stell­te, ist wie­der ei­ner die­ser Un­ter­las­sun­gen. Und es ist schon pa­ra­dox, wenn auch Hans-Jür­gen Pa­pier als An­walt der baye­ri­schen Un­ter­re­prä­sen­tanz in der EU zi­tiert wird, tritt doch die­ser de­zi­diert für ei­ne Wahl­rechts­re­form un­ter Ab­schaf­fung des Bun­des­ra­tes ein.

Ein In­di­ka­tiv wie ein Kon­junk­tiv

In Bay­ern ver­trat bis­her nur die seit Mit­te der 1950er Jah­re un­be­deu­ten­de »Bayern­partei« ak­tiv die Ab­spal­tung. Ta­stend ist bei Schar­nagl nun von mehr Un­ab­hän­gig­keit die Re­de. Aber das fi­na­le Aus­ru­fen des Staa­tes Bay­ern zer­brö­selt zwi­schen ela­bo­rier­ten Wor­ten und mar­ki­gen Droh­ge­bär­den. Das klingt dann so: Bay­ern ist ei­ner der äl­te­stens Staa­ten des Kon­ti­nents, auch dar­aus lei­tet sich weit­ab je­der Maß­lo­sig­keit ein be­rech­tig­ter An­spruch auf ei­ne ei­ge­ne Ver­tre­tung auf der eu­ro­päi­schen Ebe­ne ab. Was ist da­mit ge­meint? Ei­ne baye­ri­sche Re­prä­sen­tanz in Brüs­sel gibt es doch.

Schar­nagls baye­ri­scher Na­tio­na­lis­mus er­scheint bei al­ler zwi­schen­zeit­lich rhe­to­ri­schen Auf­rü­stung am En­de blass. Er bleibt ir­gend­wie auf hal­ben Weg ste­hen. Zi­tiert wird Franz Jo­sef Strauß (wer sonst?) und sein Drei­klang: »Bay­ern ist un­se­re Hei­mat, Deutsch­land un­ser Va­ter­land und Eu­ro­pa un­se­re Zu­kunft.« Man kann nicht glau­ben, dass Schar­nagl von sei­nem Ab­gott ab­rückt. Der letz­te Satz ist der Ti­tel des Bu­ches: Bay­ern kann es auch al­lein. Ein In­di­ka­tiv wie ein Kon­junk­tiv. Schwebt ihm tat­säch­lich ein (be­gün­stig­ter) Dritt­land­sta­tus wie et­wa Nor­we­gen oder die Schweiz vor? (Letz­te­re wird ja als Ide­al von sei­nem Freund, dem mu­ti­gen Ein­zel­gän­ger Pe­ter Gau­wei­ler her­an­ge­zo­gen.) Oder geht es nur dar­um, den fö­de­ra­len Sta­tus quo der Bun­des­re­pu­blik zu er­hal­ten?

So scheint das Buch mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Angst und Ver­zweif­lung ge­schrie­ben. Das em­pha­tisch ge­zeich­ne­te (und über­höh­te) Land droht im Stru­del ei­ner sich wei­ter ab­zeichnenden Ver­tie­fung der EU (wie auch im­mer sie aus­se­hen mag) am En­de nur noch als folk­lo­ri­sti­sche »Re­gi­on« ein Rand­da­sein zu fri­sten. Es droht ei­ne schwer zu durch­schauende Ad­mi­ni­stra­ti­ons­bü­ro­kra­tie, in der Min­der­hei­ten­po­si­tio­nen kaum noch zur Gel­tung kom­men. Mit al­ler Kraft stemmt sich Schar­nagl da­ge­gen – und setzt sich zwi­schen al­le Stüh­le. Da­bei taugt sein »Plä­doy­er« nicht ein­mal als Streit­schrift; zu ra­tio­nal ist sein Be­har­ren auf die Öko­no­mie (Bay­ern ist für ihn eben pri­mär Stand­ort) und ei­nen put­zig-schnur­ri­gen Ei­gen­sinn. Ei­gent­lich müss­te nach der Lek­tü­re je­dem Bay­er, je­der Baye­rin, ein­leuch­ten, dass das Pa­ra­dies nicht durch Mau­ern, par­don: Schlag­bäu­me vor dem Un­bill der Welt ge­schützt wer­den kann.


Die kur­siv ge­setz­ten Stel­len sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.
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6 Kommentare zu »Wil­fried Schar­nagl: Bay­ern kann es auch al­lein«:

  1. Als In­sas­se des Frei­staa­tes möch­te ich er­gän­zend an­mer­ken, daß sich die »separa­tistischen Be­we­gun­gen der Jetzt­zeit« frak­tal vom Gro­ßen ins Klei­ne fort­setzen: Fran­ken und Bay­ern, Nürn­ber­ger und Für­ther, über­all ist die tra­di­tio­nel­le Haß­liebe zu­ein­an­der und der Wunsch zur sple­ndid iso­la­ti­on zu spü­ren. Interessanter­weise nei­gen auch Zu­ge­rei­ste (selbst aka­de­misch ge­bil­de­te sol­che) da­zu, sich über kurz oder lang ei­nem La­ger zu­zu­wen­den: Der Wunsch des Her­den­tiers zur Gebor­genheit un­ter Gleich­ge­sinn­ten ist meist stär­ker als der Hang zur in­di­vi­du­el­len Welt­sicht.

    Den­noch glau­be ich, daß man das se­pa­ra­ti­sti­sche Ge­tue auf al­len Ebe­nen weitge­hend als Folk­lo­re und letzt­lich gut­mü­ti­ge Frot­ze­lei ab­tun kann. Und die Schrei­ber ent­spre­chen­der Bü­cher als Markt­schreier in ei­ge­ner Sa­che. Was sie nicht harm­los macht, aber in der Pra­xis wohl doch eher be­deu­tungs­los...

    #1

  2. Die von Dir an­ge­spro­chen in­ner­baye­ri­schen Res­sen­ti­ments ver­weist Schar­nagl ja in den Be­reich des eher Put­zi­gen mit sei­nen drei bzw. vier »Stäm­men«. Da­bei ver­gisst er die über­aus fra­gi­le Ba­lan­ce, mit der in sei­ner Par­tei Pöst­chen und Po­sten be­setzt wer­den.

    Der Se­pa­ra­tis­mus Schott­lands ist wahr­lich kei­ne Folk­lo­re. Hier soll tat­säch­lich bald Hand an das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich ge­legt wer­den. Und ich hät­te das Buch nicht zur Hand ge­nom­men, wenn nicht mit Schar­nagl ei­ne ge­wis­se CSU-Grö­ße mit dem Se­pa­ra­tis­mus »spielt«. Das ist schon er­staun­lich. Im letz­tem ARD-In­ter­view mit See­ho­fer ist mir auch mehr­fach des­sen baye­ri­sche Rhe­to­rik auf­ge­fal­len, die ein biss­chen über die nor­ma­le Folk­lo­re hin­aus zu ge­hen schien. In ver­meint­lich un­si­che­ren Zei­ten kommt wo­mög­lich wie­der die Klein­grup­pe zu ih­rem Recht?

    Im üb­ri­gen hal­te ich den öko­no­misch kon­no­tier­ten Se­pa­ra­tis­mus für ei­ne durch­aus sü­ße Ver­su­chung.

    #2

  3. blackconti sagt:

    @Gregor- Die Ein­lei­tung kann ich wirk­lich nach­voll­zie­hen. Der Bay­ern­ku­rier war und ist nur ein Par­tei­ver­laut­ba­rungs­or­gan und Schar­na­gel war und ist kein Jour­na­list.
    Un­ter Strauß „His Ma­sters Voice“ und heu­te nur noch ein Fos­sil, des­sen schnur­rig-put­zi­ger Ei­gen­sinn ein­zig von le­der­be­ho­sten Gams­bart­trä­gern nach dem Kon­sum der vier­ten Maß ernst ge­nom­men wird. Ich ha­be lan­ge ge­nug in Bay­ern ge­lebt, um si­cher sa­gen zu kön­nen, dass die weit über­wie­gen­de Mehr­heit dort Schar­na­gels Zerr­bild nicht teilt. Man kann über „Sau­ber­mann“ Stoi­ber sa­gen was man will, aber mit dem Sy­stem Strauß und sei­nen Schran­zen hat er auf­ge­räumt. Seit­dem ist Schar­na­gel ein Mann von Ge­stern, mei­net­we­gen schnur­rig-put­zig, aber un­ge­fähr­lich. Da gibt es zwi­schen­zeit­lich wirk­lich üb­le­re Fin­ger in der CSU. Al­so, wenn der Söder mal ein Buch ge­schrie­ben hat…

    #3

  4. @blackconti
    Söder wird min­de­stens 1x sehr po­si­tiv er­wähnt. (In­ter­es­sant fand ich, dass er kein Wort zum Mo­gel-Ba­ron ge­fun­den hat).

    An­son­sten: Dein Wort in Got­tes Ohr.

    (PS: Ein Buch von Söder wur­de ich ei­gent­lich nicht le­sen wol­len: Es in­ter­es­siert mich ein­fach nicht.)

    #4

  5. Macon sagt:

    Wer hat’s er­fun­den? http://bayernpartei.de

    Die Bay­ern­par­tei wur­de in er­ster Li­nie des­we­gen un­be­deu­tend, weil die CSU sie ver­nich­tet hat. Laut Strauß war das das Glanz­stück sei­ner po­li­ti­schen Kar­rie­re. Ei­ne noch baye­ri­sche­re, da­zu ge­sell­schaft­lich deut­lich li­be­ra­le­re Kraft konn­te die CSU ne­ben sich nicht dul­den, al­so wur­de in die Trick­ki­ste ge­grif­fen...

    Dass der Se­pa­ra­tis­mus der CSU ernst ge­meint ist, glaubt aber eh nie­mand. Da sind Herr Gau­wei­ler und neu­er­dings auch der Schar­nagl, aber da­nach kommt nichts mehr. An der Ba­sis wird das The­ma tot­ge­schwie­gen, auch wenn nicht we­ni­ge sich für ei­nen ei­ge­nen Staat er­wär­men könn­ten.

    In­ter­es­sant üb­ri­gens, dass sich neu­er­dings die Über­trit­te von der CSU zur BP häu­fen. Viel­leicht ei­ne Rand­er­schei­nung der deutsch-eu­ro­päi­schen Kri­se.

    #5

  6. @Macon
    Auf die Bay­ern­par­tei hat­te ich ja hin­ge­wie­sen. In­ter­es­sant ist Ih­re Fest­stel­lung, dass sich die Über­trit­te von der CSU zur BP häu­fen (ich ha­be auf die Schnel­le nur ei­nen Kreis­rat aus Ro­sen­heim ent­deckt, der 2011 wech­sel­te). Das wür­de Schar­nagls In­ter­ven­ti­on er­klä­ren. Denn Schar­nagl ist und bleibt ein loya­ler CSU-Funk­tio­när. An­de­rer­seits: 2008 be­kam die Bay­ern­par­tei nur 1,1 % (selbst die ÖDP, die kom­mu­nal auch re­la­tiv prä­sent ist, war fast dop­pelt so stark).

    #6