
Für ein unaufgeräumtes Leben


Blättert man daraufhin zum Inhaltsverzeichnis zurück wird tatsächlich deutlich, dass Havemann praktisch mit dem Jahr 1989 seine Studie beendet. Im weiteren Verlauf des Buches wird auch der Grund hierfür benannt: Die Archive der Vereine und Verbände geben die für Havemanns Vorgehensweise notwendigen Dokumente einfach noch nicht frei. Die ausgesprochene Einschränkung bedeutet einfach nur: Es gibt keine Innenansichten, derer sich Havemann für die Zeit nach 1989 bedienen kann.
Frank Schirrmachers »Ego – Das Spiel des Lebens« ist eine wilde Alarmmaschine und kapituliert allzu voreilig


Das Cover von »Ego – Das Spiel des Lebens« weckt Assoziationen an Mario Puzos Buch (und auch dem Film) »Der Pate«. Hier wie dort das Symbol der Manipulation: die Marionette. Am Ende zitiert Schirrmacher den französischen Schriftsteller Paul Valéry, dessen Figur Monsieur Teste die »Marionette« getötet hatte. Man muss genau lesen: Hier soll nicht die Marionette emanzipiert und von ihren Fäden befreit werden. Hier geht es um den Tod der Figur. Erst wenn diese tot ist, hat der Marionettenspieler keine Macht mehr. Das bemerkenswerte ist: Die Marionette sind wir selber bzw. das, was im Laufe der Zeit Besitz von uns genommen hat. Der Tod der Marionette ist, so kann man das interpretieren, die Exorzierung des Bösen in uns. Ob da der Satz Die Antwort war falsch als Slogan der Austreibung ausreicht?
Worum geht es? Schon früh das Bekenntnis, das Buch bestehe letztlich nur aus einer einzige[n] These, die des »ökonomische[n] Imperialismus«: Damit ist gemeint, dass die Gedankenmodelle der Ökonomie praktisch alle anderen Sozialwissenschaften erobert haben und sie beherrschen. Den Keim für diese Entwicklung zum »Ökonomismus« (das ist meine Formulierung, die womöglich ungenau ist, aber vielleicht gerade in ihrer Vereinfachung vorübergehende Hilfestellung bietet) findet Schirrmacher im Erfolg der Spieltheorie, die, so die These, den Kalten Krieg sozusagen gewonnen habe. Als das planwirtschaftliche System obsolet wurde, ahnte niemand, welche Auswirkungen dies haben würde. Die Physiker wechselten an die Wall Street und implementierten die Logik des Kalten Krieges in die Maschinen, die dann ab den 1990er Jahre immer mehr den Privatraum der Menschen eroberten.
Der neue Kalte Krieg
Im Kalten Krieg galt das »Gleichgewicht des Schreckens«. Wer den atomaren Erstschlag auslöste, musste damit rechnen, ebenfalls vernichtet zu werden. Zuerst zuschlagen hieß, als Zweiter vernichtet zu werden. Der Erstschlag bot keinen Gewinnanreiz. Dieses Szenario musste immer wieder neu angestrebt und als Prämisse etabliert bleiben bzw. werden. Damit war klar: Keiner würde riskieren, die Welt untergehen zu lassen, wenn er selbst dabei draufginge. Und das ist daraus nach 1990 geworden: Keiner wird riskieren, uns untergehen zu lassen, wenn wir dafür eine ganze Welt in den Abgrund stürzen, war 50 Jahre später nachweislich die Logik der Too-big-to-fail-Strategen von Lehman bis AIG.
Vor einem Jahr trat Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten zurück. Über mehr als zwei Monate prasselte damals das mediale Dauerfeuer auf einen amtierenden Bundespräsidenten ein. Michael Götschenberg, Leiter des Hauptstadtbüros von RBB, MDR, Radio Bremen und des Saarländischen Rundfunks, bemüht sich in seinem Buch »Der böse Wulff?« aber nicht nur um die Aufarbeitung der diversen Wulff-Affären (die gelegentlich auch nur lächerliche Affärchen waren), sondern untersucht die Umstände vor bzw. bei der Wahl Wulffs und gibt einen Überblick über die 598 Tage der Präsidentschaft. Dabei zieht er was die Amtszeit angeht ein überaus positives Fazit und mag so gar nicht in die negativen Stimmen der Journalistik einstimmen, die, wie man heute nachlesen kann und Götschenberg auch zeigt, durch die Dynamik der Umstände eingefärbt waren (und immer noch sind).

Der Essay aus dem Printbuch wurde ein bisschen verändert, kleinere Korrekturen angebracht und die Zwischenüberschriften wurden zu eigenen Kapiteln. Es gibt immer noch eine Zeitreise in die »Tatort«-Geschichte mit zahlreichen Kuriositäten. Hervorgegangen aus der »Stahlnetz«-Reihe, die sich, im Gegensatz zu den »Tatort«-Folgen, an Originalfällen orientierte, sollte eine Art Gegengewicht zur seit 1968 im ZDF erfolgreichen Krimireihe »Der Kommissar« geschaffen werden. Der Gedanke, den Föderalismus an diversen Schauplätzen mit unterschiedlichen Ermittlern zu spiegeln, erwies sich, so Dingemann, als Glücksgriff.

In den Vorbemerkungen zu diesem Buch heißt es, dass es der Überredungskünste von Raimund Fellinger und Ulrich Raulff bedurft habe, um die zwölf tagebuchartigen »Hefte« von Peter Sloterdijk, die zwischen dem 8. Mai 2008 und dem 8. Mai 2011 (!) entstanden sind, zu veröffentlichen. Dieses gespreizte Understatement unterstützt Sloterdijk in dem er für einen kurzen Moment sogar von sich in der dritten Person spricht. Schließlich wurde dem Drängen nachgegeben, die Hefte 100 bis 111 wurden transkribiert und sicherlich auch lektoriert (alte Rechtschreibung!). Leider hat man dabei das Inhaltsverzeichnis vergessen, denn dort werden für Heft 105 und Heft 106 falsche Daten genannt; eine Petitesse zwar, aber ärgerlich.
Vorab sei gesagt: »Zeilen und Tage« ist kein Steinbruch, sondern ein weitverzweigtes, zuweilen labyrinthisch anmutendes Stollensystem mit vielen verschiedenen Ein- und Ausgängen und gelegentlichen Sackgassen. Mit der ersten Lektüre dieses Buches sollte der Leser seine eigene Kartographie dieses Konvoluts anfertigen um dann, je nach Zeit und Gelegenheit, die Goldpfannen zielgerichtet kreisen lassen zu können. So manches Körnchen wird bei der zweiten oder dritten Lektüre umso heller aufleuchten.
Da wird doziert, reflektiert, brüskiert, ironisiert, räsoniert, bramarbasiert und, vor allem, philosophiert.

Sechs qualitativ unterschiedliche Essays von Mark Greif sind im Band »Bluescreen« versammelt. »Ein Argument vor sechs Hintergründen« heißt es ein bisschen monströs im Untertitel, wobei man sich am Ende der Lektüre fragt, welches Argument denn wohl gemeint ist, außer vielleicht jenes, dass alles irgendwie was mit Medien zu tun hat und das Bluescreen-Verfahren des Fernsehens Assoziationen mit dem Himmel wecken könnte (daher vermutlich auch der progressive Gedanke, dem Büchlein eine gelb-oranges Cover zu verpassen). Greifs Stärke ist eindeutig nicht die Analytik, was er jedoch – anders als so manch anderer Essayist – leider nicht mit einer gewissen Sprachmächtigkeit zu kompensieren vermag. Auch die Assoziationen, die er entwickelt, sind bedauerlicherweise nur begrenzt geistvoll.
Aber der Reihe nach. Zwei Essays fallen deutlich ab und sind letztlich nur argumentationsfreie Thesenaufsätze. In »Gesetzgebung aus dem Bauch heraus oder: Umverteilung« greift der Autor zunächst das ritualisierte Ventilieren von Ansichten zu allem und jedem als Meinungshuberei an, um dann selber in solche zu verfallen und mit einer als surreal bezeichneten Gesetzgebung dem Individualismus das Wort zu reden, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu fordern (10.000 Dollar/Jahr) und alle Einkommen über 100.000 Dollar im Jahr zu 100% zu besteuern. Dabei nennt er außer seinem Gerechtigkeitsempfinden leider keine Gründe und so bleibt nur ein immerhin gut gemeinter Text. Und in seinem Aufsatz über Youtube spielt er mit der These, dass das Leben ohne Internet früher angenehmer gewesen sei und moniert am Ende, dass Youtube kein sauber verwaltetes chronologisches Archiv vorweisen kann und damit genau so gedächtnislos sei wie das Fernsehen.